Habende

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Der böse Watz wird Popstar

Historiker teilen mit allen anderen Wissenschaftlern ein immenses Vergnügen an Schubladisierung. Jedes Phänomen, jede Entdeckung, jeder Vorgang braucht ein Aufkleberchen, eine Katalognummer und einen Platz in einer der wenigen Schubladen, mit deren Gesamtheit die Welt erklärt werden soll.

Und so gab es sogar tatsächlich einmal ein Zeitalter, das nannten sie „Das Zeitalter der Aufklärung“. Das klingt nach dem Ende dessen, was vorher in den Köpfen der Unaufgeklärten vorhanden gewesen war. Es klingt danach, als wenn spätestens in diesen Generationen auch die letzten Drachen tot und die letzten Zauberer ausgewandert gewesen wären. Vorbei die Zeit der dunklen Alchimisten und die der zahllosen Dämonen, die von Flutwellen von „Geistlichen“ in die Hirne der Menschen gejagt worden waren.

Aber ist dem wirklich so?

Aber nein – dem ist natürlich nicht so. Logen, Sekten, Religionen und selbst die dümmsten und fragwürdigsten, „metaphysischen“ Vereine feiern fröhlich erneut Urständ. Sie scheinen alle wieder da zu sein, endlich wieder befreit von den quälenden Fesseln des Verstandes und wieder unangetastet von nüchternwissenschaftlichen Methoden und Gedankengebäuden. Sie erstehen aufs Neue, die uralten, germanischen Götter, orientalische Zaubergläubigkeit, Astrologen, Dämonensekten – das ganze verstandesfreie Gebräu menschlichen Unvermögens eben.

Geahnt hatte ich es bereits, als mir eine österreichische Diplomingenieurin allen Ernstes (!) erklären wollte, die Steine der ägyptischen Pyramiden wären zum Vermauern durch Zaubersprüche in die Höhe gehoben worden und in der Tat habe es niemals sowas wie Rampen oder ähnliches Bauzeugs gegeben. Nur wenig später berichtete mir ein sonst eigentlich gebildeter Versicherungsvertreter, er spräche manchmal „Vade retro, Satanas!“, wenn ihn spätabends in seinem Hause ein unangenehmes Gefühl beschliche.

Alle erdenklichen Geister haben wieder Konjunktur; man meint manchmal, man könne sie zufrieden grinsend wieder auf den Schultern der von ihnen Befallenen sitzen sehen. „Aufklärung“, was ist das? Der Verstand bleibt wieder einmal auf der Strecke und die zunehmende Leere in den Hirnen bietet all diesen unsauberen Geistern und deren irdischen Vertretern viel, viel freien Raum an. Pro Kopf ein ganzer, riesiger, leerer Saal. Auf dem Boden sieht man noch die Markierungen, wo die Rechenzentrale hätte montiert werden können oder wo man sie in der Vergangenheit abmontiert hatte. Heute sitzt ein fragwürdiger Dämon auf diesem Platz im Kopf und freut sich.

„Aufklärung“ – was bedeutet das schon? Sie macht unfrei, weil sie die Beschäftigung und Ausbildung eines Verstandes notwendig macht. „Aufklärung“ ist langweilig, weil sie triviale Rezepte für Verfolgungen, Hass und damit schnell erreichbare Befriedigung innerer Ängste unmöglich macht. Deshalb werden wir von all diesen Dingen förmlich überrannt und genau deshalb rennen den Kirchen die Gläubigen davon: zuwenig Action. Mangelnde Aufklärung präsentiert einzelne Menschen und Volksgruppen als Sündenböcke für erlittenes Leid und dann tut es einfach nur innerlich gut, wenn man einen „scheiss Kanacken“ wie die eigene Angst und Wut einfach „wegklatschen“ kann.

Deshalb brauchen wir auch keine Aufklärung mehr; es ist völlig ausreichend, wenn die kleine, habende Klasse der Bevölkerung gebildet ist und die Weichen stellen kann. Denn eine solche Parasitengesellschaft bedarf eines riesigen, steuerbaren, unmündigen, hilf- wie kritiklosen Mobs, der nach Möglichkeit in trivialen Verhaltensmustern verhaftet ist und zuverlässig bleibt. Diese formlose Masse braucht keine Bildung und daher bleibt sie unaufgeklärt; das aber macht sie problemlos einsetz- und programmierbar. Mit wenigen „Argumenten“ bringt sie die habende Klasse in Stellung und kann sie in großen Massen arbeiten oder auch sterben lassen – ganz, wie es die Ausweitung des persönlichen Wohllebens es gerade erfordert.

Also begrüßen wir sie erneut in unserer Mitte; die, die wir ausgestorben glaubten und deren Standbilder jetzt aus den Museen wieder herüber in die leeren Denkgehäuse der Menschen wechseln.

© 2010 Echsenwut.

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