Götter

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Die Götter sind zurückgekehrt – eine religiöse Dimension der Krise

Götter.

Tausende von Jahren hat die Menschheit gegen sie gekämpft und oft verloren. Doch immer wieder standen einzelne auf und rebellierten.

Wieder und wieder und wieder.

Manche meinen sogar, ein echter lebender Gott hätte seinen Sohn auf die Erde geschickt, um dem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Er gab den Menschen einen Gott, der keine Opfer mehr will, keine Tempel, keine Priester, man sollte sich noch nicht mal ein Bild von ihm machen (das Atheistenparadies schien de facto greifbar nahe … wenn auch in anderem Gewand) … der mächtigste aller Götter (so sagte man damals)
schickte sich an jene Horden von … Götzen … dahin zu schicken, wo sie hingehören – auf den historischen Sondermüll. Damit nie wieder Kinder auf der Feuerrutsche dem Baal geopfert werden.

Dieser Sohn hat allerdings ein übles Ende genommen. Weltweit machen Bildnisse in großen Tempeln, auf öffentlichen Plätzen, an viel befahrenen Wegen und selbst in vielen privaten Wohnungen auf diese Tatsache aufmerksam.

Lange Zeit dachten wir aber trotzdem, wir wären sie los, diese Götter. Schluß mit blindem Aberglauben (z.B. an die „Selbstheilungskräfte des Marktes“), Schluß mit Opfern (z.B. „Beschäftigung um jeden Preis“),
Schluß mit übermenschlichen gottgeweihten Priestern (z.B. „Leistungsträgern“), Schluß mit Tempelbau (z.B. „Konzernzentralen“). Der Mensch war gewillt gewesen, sich diesen Planeten allein für sich zu erobern und die alten Schreckgespenster und ihre Angstwolken weit hinter sich zu lassen, um endlich in Ruhe sein Leben leben zu können. Sollten die doch Pluto und Mars regieren, die Erde gehört uns.

Viele religiöse Menschen warten natürlich auf die Wiederkehr ihrer Götter, denn anders können sie den Wahnsinn nicht mehr ertragen, andere Hoffnungen erschließen sich ihrem Verstand nicht, angesichts dessen, was ihr Verstand im Alltag ertragen und sinnvoll in Weltbilder integrieren soll.

Jedoch sind diese Götter, die nun herrschen, die sich seit einiger Zeit in den Verstand und das Gefühl der Menschheit geschlichen haben, von anderer Art.

Sie sind düster, seelenlos, gnadenlos und ohne Verstand.

Sie wollen nur noch eins: fressen und wachsen.

Und vor ihrer unermesslichen Gewalt steht der Mensch wie schon vor 10000 Jahren fassungslos und wie gelähmt.

Und er reagiert wie üblich.

Er baut ihnen Tempel in Form von hohen Türmen, er opfert seine Lebenskraft (und jährlich einige tausend Menschen, die der „Infrastruktur“ der neuen Götter zum Opfer fallen) jeden Tag und arbeitet sich zu Tode, gibt sich ganz ihrem Willen hin in der Hoffnung, das ihr Zorn an ihm vorüber gehen wird, wenn er nur brav genug ihrem Willen dient. Sogar Leistungsträgerpriester erwählt er sich, damit sie diese Götzen beruhigen und seinen Zorn dämpfen.

Aber diese Götter sind anders als alle, die jemals auf diesem Planeten erdacht wurden.

Sie sind … auf eine gewisse beängstigend wirkungsvolle weise „echt“ … aber eindeutig nicht lebendig.

All das pseudoreligiöse Brimborium, mit denen man Zeus und Odin noch besänftigen konnte, wirkt bei ihnen nicht.

Sie gleichen eher jenen Monströsitäten, die sich ein Howard Phillip Lovecraft ersonnen hat, hirnlose, geistlose, gnadenlose Fressmaschienen aus den finstersten Abgründen des Universums – und unsere Lebenskraft ist ihre Nahrung.

Aber so gesehen … bin ich wiederum beruhigt.

Legt man nämlich diesen religiösen Rahmen über das Bild des modernen internationalen Finanzkapitalismus, so versöhnt es mich mit der Lethargie der Menschen, die ich allseits erlebe.

Man versteht sogar, warum die führenden Wirtschaftsmenschen nur noch ratlos sind … denn gegen Götter helfen weder Gesetze noch Konsumprogramme, weder Demonstrationen noch Steine.

Es würde nur eins helfen … sie in einer konzentrierten Aktion wieder hinausschmeißen aus der Alltagswirklichkeit der Menschen, so wie es schon Epikur und Demokrit mit den lästigen griechischen
Edelgöttern taten, sobald sie merkten, wie sehr diese anfingen Angst und Schrecken zu verbreiten.

Aber scheinbar ist der Masochismus, die Lust am gefressen werden und die Lust am Leiden größer als der Wille zur Freiheit.

Schade eigentlich.

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