Goethe

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Gibt’s doch gar nicht (Potzblitz!)

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Kraftvolle Neujahrsbotschaft

Entgegen meinem Neujahrsvorsatz, die Nase nicht mehr unnötig in Mülltonnen zu stecken, ließ ich mich dann doch zu einem Griff zur Bild-Zeitung verleiten. „Kann nicht schaden“, dachte ich mir – in einer Zeit, in der uns Bürgern von Seiten der Leitmedien ja eindringlich nahegelegt wird, „raus aus der Blase“ zu kommen und uns auch ausreichend die herrschende, evidenzbasierte Meinung zuzuführen (ich kann jeden nur vor dieser Empfehlung warnen!). Nur einen kurzen Blick wollte ich erheischen und blieb wieder einmal mit dem obligatorischen „das gibt’s doch gar nicht“-Erlebnis zurück, das sich für selbständig denkende Menschen mittlerweile auch bei nur kurzem Kontakt mit Produkten der Rat Media Solutions GmbH (Blöd-Zeitung, Relotius-Narrenspiegel, Südtäusche, Springers transatlantische Liliput-Welt & Co) unweigerlich einstellt. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt spricht in einem Leitartikel von einer „kraftvollen Botschaft“, die „vom verglühten Autowrack“ des von den USA zum Jahresauftakt per Drohne getöteten Generals Soleimani ausgehe: Die USA hätten damit deutlich gemacht, dass sich niemand „vor der Stärke Amerikas verstecken könne“.

Soleimani war der zweitwichtigste Amtsträger des Iran. Er galt als Architekt der „Achse des Widerstands“ und war maßgeblich beteiligt an der Verhinderung von westlichen Regime-Change-Bestrebungen in Syrien sowie anderen Ländern des Nahen Ostens. Soleimani hat auch entscheidend dazu beigetragen, die Terrormiliz IS sowohl in Syrien als auch im Irak zu zerschlagen. Im Iran war der 62-Jährige Generalmajor sehr beliebt, insbesondere weil er dafür gesorgt hat, dass der IS vom Nachbarland Irak nicht in den Iran eindringen konnte. In den iranischen Medien wurde Soleimani als „General der Herzen“ bezeichnet und als möglicher nächster Präsident gehandelt. Aus Sicht der westlichen Wertegemeinschaft jedoch ein „Monster“ und Terrorist – also jemand, den man ohne Gericht, ohne Anwalt und ohne offizielle Anklage einfach per Hellfire-Rakete auslöschen kann.

[Anm.: Was von Soleimani wirklich zu halten ist, darf man ruhig dahingestellt lassen. Ebenso wie bei allen anderen tagespolitischen Ereignissen findet ja auch in diesem Fall meist ein sofortiges Urteilen und Parteinahme statt. Entweder ist man für oder gegen etwas. In diesem Fall: Entweder war es ein Held oder ein Monster, der/das hier getötet wurde. Wieder einmal kann man also auch dieses für den Weltfrieden durchaus bedrohliche Ereignis nutzen, um sich in einer Tugend zu üben, die leider noch wenig ausgeprägt ist: Dass man bei einem Ereignis zunächst einmal nur ruhig beobachtet und Eindrücke sammelt, jedes vorschnelle Urteil jedoch streng suspendiert. Ganz im Sinne Goethes benützt man sein Denken also nicht zum schnellen Urteilen, sondern bloß zum Kreisen um eine Begebenheit oder eine Person. Hat man genügend Wahrnehmungen gesammelt und auch genügend oft darüber geschlafen, dann wird sich irgendwann wie von selbst ein profundes Beurteilen der Sache ergeben – natürlich nur, wenn man dazu selbst fragende und unbefangene Gedanken aufgebaut hat, sonst steigt nicht viel anderes auf als die Meinung, die andere produziert haben.]

Die iranische Staatsführung hat jedenfalls Vergeltung angekündigt. An der Dschamkarān-Moschee, einem der bedeutendsten Zentren des schiitischen Islam, wurde die blutrote „Fahne der Rache“ gehisst – in der Geschichte dieses als heilig geltenden Ortes zum ersten Mal. In der schiitischen Tradition symbolisiert die rote Fahne das ungerechte Vergießen von Blut und den Aufruf, das Opfer zu rächen.

Nachdem die in Syrien hochgezüchteten Terroristen inzwischen fast ausgemerzt sind und in Idlib ihre letzten Scharmützel liefern, haben Angela Merkels „verlässliche Freunde“ also nun dafür gesorgt, dass das Feuer des Terrorismus verlässlich weiterlodert. – Denn nur, wenn man sich nirgends mehr sicher fühlen kann und es verabscheuungswürdige Anschläge gibt, kann die eigene Agenda von globaler Dominanz und Kontrolle fortgeführt werden.

Foto: Pixabay/CC0

Die Schnauze voll von Europa – ein afrikanischer Migrant lieber wieder barfuß am Nil

22 Nil

© Parkwaechter 2015

Dem Versprechen der Schlepper und dem Lockruf der Physikerin Angela Merkel folgend, hat sich vor Kurzem eine Millionenschaft an Migranten auf den Weg gemacht, um das gelobte Land Europa zu erreichen. Die Gründe für die Ausreise sind vielfältig: Krieg, Armut, Hunger (derzeit hungern weltweit fast 800 Millionen Menschen, hätten also einen guten Grund, um auszuwandern – siehe wfp) oder eben einfach die Aussicht auf ein besseres Leben in Glück und Wohlstand, das ihnen in ihrem Heimatland unerreichbar erscheint. Laut Asylrichter Peter Vonnahme (siehe Essay in Telepolis) war die Migrationswelle, die wir diesen Herbst erlebt haben, nur die Vorhut, viele Millionen Menschen stünden bereit, um dieser Vorhut zu folgen.

Nach dem ungebrochenen Andrang an syrischen, afghanischen und irakischen Flüchtlingen wird nun ein Ansturm afrikanischer Migranten erwartet. So wie ein afrikanischer Bürgermeister im Doku-Klassiker „Let’s make money“ sagt: „Wenn ihr weiter fortfährt, uns auszubeuten, dann könnt ihr ruhig 10 Meter hohe Zäune bauen, wir werden trotzdem nach Europa kommen.“ Der renommierte Historiker Hugo Portisch appelliert daher: „Wer Europa retten will, muss Afrika retten“ (siehe DerStandard).

Grund genug für den Parkwaechter, um sich persönlich ein Bild von der Lage zu machen. Entgegen den Reisewarnungen des Außenministeriums bin ich also letzte Woche nach Afrika gereist. Neben vielen Menschen, die es beim besten Willen nicht glauben konnten, als ich ihnen von den Problemen erzählte, mit denen ein Europäer heute zu tun hat (bei meinen Gesprächspartnern herrschte dank Medienberieslung und Werbung die felsenfeste Überzeugung, dass Europa und insbesondere Deutschland ein reines Schlaraffenland sei), so traf ich auch einen Migranten, der das Alltagsleben in diesem Schlaraffenland bereits am eigenen Leibe erfahren hat und den daher nach eigener Bekundung keine vier Stiere wieder zurück nach Europa bringen.

Seine Lebensgeschichte ist alles andere als gewöhnlich: Als barfüßiger Fährmann auf dem Nil gelang es ihm, sich eine französische Touristin anzulachen. Ohne lange nachzudenken, packte er diese einmalige Gelegenheit beim Schopf und ritt mit der Französin auf einem geflügelten Blechschwan in ein neues Leben direkt im Herzen Europas.

Dass die Französin beim Anblick des äußerlich armen Fährmanns schwach wurde, wundert mich überhaupt nicht. Hadid ist ein unglaublich herzlicher, charmanter und charakterstarker Mann. Während er seine Lebensgeschichte erzählt, blitzt auf seinem sonnengegerbten Gesicht immer wieder ein ehrliches, strahlendes Lächeln auf, wie man es unter der männlichen Spezies in unseren europäischen Wohlschandsmetropolen, in denen laut WHO-Prognose Depression/Burnout in den nächsten 15 Jahren zur Volkskrankheit Nr.1 aufsteigen wird (siehe Ärztezeitung), selten sieht. Dass eine europäische Frau einen solch unverdorbenen, echten Mann attraktiver findet als die gewohnten nerdigen Smartphone-Workaholics, die sich über ihr Aftershave, ihren SUV und ihr Bankkonto definieren, war für mich durchaus nachvollziehbar.

Als ich Hadids Erzählung lauschte, war ich jedoch zwischendurch verwirrt. Denn immer wieder erzählte er in seinem gebrochenen Englisch, wie unglaublich „strong“ das Leben in Frankreich gewesen sei. Mit langgezogenem „o“ erklärte er, dass er sich niemals hätte vorstellen können „that life in Europe is sooo strong“. – Zunächst übersetzte ich dieses „sooo strong“ mit „affengeil“ oder „voll super“. Da Hadid jedoch jedes Mal, wenn er diese Phrase gebrauchte, die Hand zur Faust ballte und das zuvor noch heitere Gesicht grimmig verzerrte, fragte ich dann doch nach, was er denn mit „so strong“ meinte.

So stellte es sich heraus, dass er eigentlich „so hard“ meinte. Und er schilderte kopfschüttelnd, wie stressig, unsozial, sinnentleert und daher menschenunwürdig er das Alltagsleben in Europa erlebt hat. Da er ein hochintelligenter Mensch ist (weniger intelligente Menschen kommen da oft erst nach Jahrzehnten oder am Sterbebett drauf) , durchschaute er das Wohlschandsleben, nach dem er sich bisher so gesehnt hatte, sehr schnell als ein Leben des äußeren Scheins, das außer zu geistigem Tod letztlich zu gar nichts führt.

Unseren durchspaßten, aber eigentlich vollkommen unlustigen Lifestyle, der in Wirklichkeit kaum noch ein europäischer, sondern weitgehend ein amerikanischer ist, wollte er jedenfalls nicht bis zum bitteren Ende zelebrieren, obwohl er als Hahn im Korb alle Möglichkeiten des Luxus gehabt hätte. Während ihn also seine daheimgebliebenen Freunde um sein neues Leben in Europa beneideten, wurde er selbst von Tag zu Tag unglücklicher, seine sonnenhafte Heiterkeit verblasste. Dass er es trotzdem ganze fünf Jahre lang in Europa ausgehalten hat, war nur dem Umstand geschuldet, dass er mit seiner französischen Frau zwei Kinder zur Welt brachte, die er sehr liebte.

Nachdem der vormals vollsonnige Hadid schließlich kurz vor dem inneren Erfrierungstod stand, zog er die Notbremse. Er zog sich das Sakko und die glänzenden Lackschuhe wieder aus und kehrte zurück zu seinen Brüdern an den Nil, wo er nun wieder barfuß und im braunen Kaftankittel eine Holzlanze in den Schlamm drückt, um mit seinem Faluka-Segelboot Touristen ans andere Ufer zu bringen.

Wenn man ihn so betrachtet, merkt man ihm durchaus an, dass er nicht ganz ungeschoren vom gelobten Land Europa zurückgekommen ist. Sein an sich heiterer Blick kann ernst werden, auch sein zuvor schwarzes Haar ist seit seinem Europa-Aufenthalt angegraut. Und trotzdem fühlt er sich wieder pudelwohl, seit er die Last von Kommerz, Technokratie und Wohlschand abgelegt hat und wieder barfuß am Nil arbeitet. Er liebe sein Heimatland, den Nil, erzählt er -die ihm vertrauten Brüder und Schwestern, die Ibis-Vögel und Kühe, die am Ufer nach Futter stöbern, die Sonne, die ihm Kraft gebe (im Nildelta gibt es maximal einen Regentag pro Jahr), vor allem aber die menschliche Wärme bzw. das herzliche soziale Miteinander bei Tee und Fladenbrot und die Muße, mit der diese Alltagskultur hier zelebriert wird.

Er wolle nicht mehr tauschen, obwohl das Fährmannsgeschäft derzeit schlecht ist. In den letzten sieben Monaten hatte er an dem Hotelkai, an dem er ankert, ganze zwei Aufträge – er erzählt, dass zwar eine Menge europäischer Touristen vorbeikämen, aber diese neuerdings Angst hätten, mit einem dunkelhäutigen Moslem in ein Boot zu steigen. Er nähme das allerdings nicht persönlich und auch nicht tragisch, denn er und seine Brüder hielten zusammen und helfen sich gegenseitig. Wenn bei einem das Geschäft schlechter geht, wird er trotzdem von den anderen Mitgliedern der Familie miterhalten, sodass niemand Hunger leiden muss oder obdachlos ist. Hadid hatte Glück, er wurde nach seiner Rückkehr aus Europa von einem intakten Familiennetzwerk aufgefangen und reintegriert.

Millionen andere Migranten, die nach Europa gezogen sind oder sich gerade auf den Weg machen, haben diese Möglichkeit nicht, obwohl sie demnächst vermutlich ähnliche Erfahrungen mit unserer Kultur machen werden wie Hadid – wie ich aus meinem eigenen Bekanntenkreis von Migranten erzählt bekomme, haben die meisten von ihnen alles Hab und Gut verkauft, um die für die Schleppung nach Europa notwendigen ca. 10.000 Dollar zu lukrieren. Eine Rückkehr in ihr Heimatland kommt für sie nicht in Frage, da sie dort buchstäblich vor dem Nichts stünden.

Nach meiner Afrika-Reise bin ich jedenfalls zur Überzeugung gekommen, dass die neuen Menschen, die derzeit zu uns strömen, auch eine große Chance für uns sind. Wir brauchen Menschen vom Format eines Hadid, denn wie es scheint, schaffen wir selbst es nicht mehr, uns aus eigener Kraft aus der tödlichen Umklammerung des Kommerz-/Technik-/Unterhaltungswahns zu befreien, der uns in den Grand Canyon zu ziehen droht. So wie ein Frosch es nicht mehr aus dem heiß gewordenen Wasser eines Kochtopfes herausschafft, nachdem die Temperatur des Wassers, in dem er sitzt, stufenweise, also unmerkbar angehoben wurde und nun kurz vorm Siedepunkt steht. Ein neuer Frosch, den man in diesen heißen Topf hineinwirft, wird sofort „Au!“ schreien und wieder hochspringen. Wenn viele Frösche gemeinsam gegen den Deckel springen, können sie diesen Deckel wegreißen und eventuell auch die anderen, fast schon matsch gekochten Frösche befreien.

In den nächsten Jahren werden also viele Migranten das Hadid-Erlebnis haben und unseren PolitikerInnnen und Denkpanzer-Generälen entgegenschreien: „Seid ihr komplett wahnsinnig?! Wenn ihr so weitermacht, bringt ihr uns alle und die Umwelt um!“

Damit das stattfindet, wäre es wichtig, dass wir den Migranten nicht nur eine AusBildung, sondern vor allem echte Bildung geben. Also ihnen nicht bloß Excel und Powerpoint füttern, sondern sie auf profunde Weise mit der europäischen Kultur und Philosophie, die wir in Politik und Pädagogik bei Nacht über Bord geworfen haben, vertraut machen.

Nachdem heute auf deutschen Schulhöfen das Wort „Goethe“ laut Bericht im Focus zu einem der übelsten Schimpfwörter unter Jugendlichen geworden ist, diese aber im Gegenzug die Texte von Bushido und den Pornorappern im Schlaf aufsagen können, braucht es eben eine neue Generation, die uns aus unserem Dussel reißt und den Goethe neu aus der Taufe hebt. Gibt man herzhaften und natürlichen Menschen vom Format eines Hadid auch nur eine Prise Goethe mit auf den Weg, dann werden diese den hierzulande bereits unerträglichen Neoliberalismus/Technokratismus/Mammonismus aus den Angeln heben und uns damit vor einer drohenden Katastrophe bewahren.

Allerdings ist das Ganze ein Wettlauf mit der Zeit. Wir haben nämlich nur die erste Generation der Migranten zur Verfügung, um das zu schaffen. Diese sind menschlich noch weitgehend intakt, da sie zumeist einfachen, archaischen Verhältnissen entstammen, wo ihnen nicht sogleich nach der Geburt ein Tablet-PC vor den Kopf geschnallt und ein Smartphone zwischen die Beine geschoben wurde. Das gnadenlose Stakatto der UNTERhaltungselektronik hatte also nicht die Möglichkeit, sie menschlich kahlzuscheren. Zwar sind ihre Häuser vielfach durch US Bombenhagel zerstört worden, aber der mediale Bombenhagel auf ihr Inneres ist ihnen zumindest in ihrer frühen Kindheit erspart geblieben. Sie besitzen also noch kein dissoziiertes, sondern ein weitgehend intaktes vegetatives und Zentral-Nervensystem. Wenn es jedoch nicht gelingt, dieser ersten Generation die entsprechende Bildung bzw. die notwendige Prise an „Goethe“ beizubringen, sondern man sie nur zu technokratiegläubigen Tretmühleneseln des Kommerz erzieht, dann wäre der Zug abgefahren. Denn das erste, was die zum Wohlstand gekommenen Migranten tun würden (müssen), wäre es, ihren Kindern im Gitterbett ein Tablet-PC vor den Kopf zu schnallen und ein Smartphone zwischen die Beine zu schieben. Mit dieser zweiten Generation stünden wir dann vor der gleichen Situation wie jetzt, allerdings mit zusätzlichem Sprengpotential.

Denn aus der Migrationsforschung weiß man, dass von der ersten Generation an Einwanderern noch praktisch keine extremistischen Taten zu befürchten sind, selbst wenn diese große Vorbehalte zur Kultur des Gastgeberlandes verspüren. Die mitgebrachte kulturelle Substanz reicht scheinbar noch aus, um Enttäuschung und Wut zu kompensieren. Gelingt es allerdings nicht, deren Kindern zu vermitteln, dass das Leben in der Gesellschaft, in der sie aufwachsen, sinnvoll sei, dann würden sie lt. empirischer Studien zerstörerische Tendenzen entwickeln und sich radikalisieren.

Aber lassen wir dieses Negativ-Szenario (und auch die Gangsta-Rapper, die im Migrantenstrom natürlich ebenfalls mit von der Partie sind) wieder beiseite und konzentrieren wir uns auf die große Chance, die wir nun haben. Denn wie viele schon gemerkt haben, können wir uns gegen die gegenwärtige Europapolitik unserer Murkselpolitiker sowieso nicht wehren, egal wie wahnwitzig diese ist. Man kann für oder gegen Migration sein, aber in Wirklichkeit ist es vollkommen egal, Merkel und ihre transatlantischen Berater von Boston-Consulting & Co. ziehen sowieso ihr Ding durch. Der Zuzug von Millionen Migranten (laut ifo-Präsidenten Hans-Werner Sinn 32 Millionen – siehe Zeit), die Deutschland aufgrund streng-wissenschaftlicher und daher unwiderlegbarer demografischer Berechnungen benötige, ist beschlossene Sache. Ebenso wie die Absenkung bzw. Abschaffung des Mindestlohns beschlossene Sache ist (siehe WirtschaftsWoche) sowie eine weitere Anhebung bzw. Abschaffung des Rentenantrittsalters (H.W. Sinn: „Wir müssen länger arbeiten und nicht weniger lange. Die Rente mit 67 ist ein Schritt in die richtige Richtung gewesen. Ich würde aber noch weitergehen und das gesetzliche Rentenalter ganz abschaffen“ – siehe FAZ).

Diese Machenschaften sind auf Schiene und rollen. Indem wir aber jetzt den neu ankommenden Migranten und ihren Kindern die richtige (Charakter-)Bildung bzw. besagte Prise „Goethe“ geben, können wir die mit ökonomischen und machtpolitischen Hintergedanken akkordierte Migration zu einem Bumerang für Merkel & Co. machen. Die neue Generation würde dann den Murkselpolitikern so richtig einheizen. Sie würde den neoliberalen/mammonistischen Wahnsinn, der uns zur Normalität erklärt wurde, nicht mehr tolerieren sondern wieder zum Teufel zurückschicken.

In diesem Sinne möchte ich an alle appellieren, die durchaus verständliche Wut über die derzeitigen Verhältnisse nicht an den Migranten auszulassen (leider hat ja die Anzahl an Übergriffen auf Asylheime wieder zugenommen), sondern den Migranten in philosophisch-humanistischer Weise unter die Arme zu greifen, sie mit guten Büchern und Internet-Links zu versorgen, die in Schule und Uni nicht am Lehrplan stehen usw. Denn diese Menschen brauchen nicht nur Essen und Teddybären, sie brauchen auch geistige Nahrung, philosophische Gespräche und Schulungen, persönlichen Zuspruch etc. Dann werden sie uns Hand in Hand einen großen Dienst erweisen.

(P.S.: Ich hätte gerne ein Foto von Hadid mit seinem milden, strahlenden Lächeln in der Abendsonne am Nil veröffentlicht, aber er möchte nicht, dass womöglich seine Kinder in Frankreich Probleme bekommen, indem er etwas Kritisches über Europa sagt. So kann ich es nur mit freien Worten beschreiben: Würden bei uns mehr solche wachen, sonnigen Gesichter aufrechter Menschen ins Land strahlen, dann müssten die dicken Schneemänner und Schneefrauen, die derzeit an den Schalthebeln der Macht sind, bald schmelzen.)

 

 

Die Fromm’sche Freiheit

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Freiheit der Blase, bis zum Platzen zu fliegen

Die Freiheit der Blase

Die Freiheit, seiner, Erich Fromms also, Theorie zu entnehmen, resultiert erst aus der akuten Unfreiheitserfahrung.

Ich selbst bin ja – schon, weil zu jung dafür – kein „68’er“, aber ich kam eigentlich nicht viel zu spät in diese Zeit hinein. Unsere Generation war aus den Leuten erwachsen, die zumindest einen Weltkrieg durchlebt haben und anschließend gelebt haben, woran sie sich erinnerten. Kirche, familiäre Solidarität und eine gute Prise Konservativismus, nicht zu vergessen. Und so hatte man auch an uns, deren Kindern, sein zumeist bestes versucht, unserLeben genauso zu gestalten.

Unsere Welt war eigentlich voll mit: „DAS tut man aber nicht.“

Fromm zufolge kann Kritik an Unfreiheit erst dann entstehen, wenn man diese Unfreiheit selbst er- und gelebt hatte. Erst aus dem konkret Erlebten kann die Erkenntnis dessen, was „Freiheit“ in Bezug auf bestimmte Unfreiheit meint, reif werden.

Wir wurden bereits gemaßregelt, wenn wir gegen „das, WAS man tut.“ mehr oder weniger empfindlich verstoßen hatten. Die Spannbreite dessen, was man besser irgendwie zu vermeiden hatte, war groß; es waren zumeist gesellschaftliche Verpflichtungen, nach welchen es sich zu richten galt.

Übrigens war auch Goethe dieser Ansicht, auch wenn er sich dem Thema von anderer Seite aus näherte. Sein Credo war die Forderung nach einem möglichst hohen Billdungsgrad gewissermaßen als Grundvoraussetzung. Daraus entsteht eine große Distanz, aus welcher man aus ganz anderem Blickwinkel heraus sich, seine Existenz und seine Verbindungen in seinem (sozialen) Netzwerk neu beurteilen kann. Hieraus entspringt dann ein fundamentiertes Urteil und eine sachlich durchargumentierte und daher akzeptable  Forderung nach „Freiheit“.

Nach allem Abwägen, Prüfen und Nachdenken komme ich zu dem gereiften Entschluss, dass ich vorstehender Maßgabe zufolge ein Recht auf „Freiheit“ habe.

Zum großen Entsetzen auch meiner eigenen Kinder bezeichne ich mich oft grinsend als „durchaus frei“; das Maß an Verpflichtungen, denen ich nachzukommen habe, ist frei gewählt und wäre theoretisch durch mich veränderbar – ich müsste dies nur wollen. Solange ich bereit dazu wäre, die daraus resultierenden Konsequenzen als tragbar zu bewerten, stünde mir und meiner Entscheidung doch nichts mehr im Wege.

Oftmals wundere ich mich auch und bin regelrecht verblüfft, wenn ich dem Ergebnis so mancher Paranoia zuhöre. Da wird „abgehört“, da wird „verfolgt“ und vor allem darf man Israel nicht öffentlich kritisieren. Manchmal gerät das zum billigen Spuk; es kommt mir dann vor wie in dem einen oder anderen spirituellen Zirkel bei seinen Sèancen. Man sitzt dazwischen und wundert sich: „Ja, wo isser denn nu, der Dämon?“. Wenn alle diejenigen, die Israel kritisieren wollen und dies nicht tun, weil man dann Repressalien zu befürchten habe, es einfach mal täten. Sie würden sich verwundert umschauen und denken: „Ja, wo isser denn nu, der Dämon?“

Ich habe Unfreiheiten erlebt und ehrlicherweise muss ich zugestehen, dass beileibe nicht alle „das tut man nicht!“ wirklich falsch gewesen sind.  Manchmal haben wir damals Grenzen eingerissen, deren Beachtung uns nichts gekostet hätte. Sind diese Grenzen einmal gefallen, können sie niemals mehr errichtet werden.

Aber sei’s drum: wir leben tatsächlich in der realen Welt der nahezu maximalen Freiheit. In dieser Gesellschaft existieren Infostände recht- wie auch linksradikaler Kräfte und das ist gut so; dadurch beweist diese Gesellschaft ihre Tauglich- und Verträglichkeit. Sie beweist auch, dass ich mich selbst keiner konkreten Gefahr aussetze, bloß weil ich etwa an einem solchen Stand stehenbleibe und mich informiere, worüber auch immer. Ich darf das auch alles drucken, haben und sogar verteilen, wenn es nur jemand haben wollte. Im Internet gelingen mir alle erdenklichen Beiträge zu allen möglichen Themen; sie sind oft galligen, manchmal beissenden, aber grundsätzlich immer beherztem und offenen Gemüt. Bisher habe ich noch keine Verfolgung seitens staatlicher Behörden registriert. Weil: ich darf das.

Und wo ich Gefahr laufe zu verlieren, was ich noch heute darf, muss ich an die erworbene „Freiheit“ denken und sie mehr als Verpflichtung nehmen denn als Recht.

Weite Teile der (erheblich) jüngeren Generation scheinen sich für meine Begriffe einer anderen Definition zu bedienen: „Freiheit heißt: frei sein von allen Verpflichtungen.“ dem manche noch leise ein: „Und Leistungserwartungen.“ hinterhermurmeln. Wenn ich also höre, dass sie „Freiheit!“ wollen dann muss ich fragen, welche Unfreiheiten sie kennen. Da sie aber meist über zu wenig Lebenserfahrung verfügen um einen solchen Erfahrungshorizont hergestellt haben zu können, kommt da meist nicht sehr viel. Einigen sind nahezu sämtliche Grenzen und: „das tut man nicht.“ genommen oder gar nicht erst gegeben worden. Und zu meinem größten Leidwesen lassen auch universitäre Bildungsgrade allzuoft schmerzlich einen höheren Kompetenzgrad an kultureller Bildung vermissen. Sie mögen wunderbar in ihrem Fach sein, menschlich jedoch lassen sie immer mehr zu wünschen übrig.

Also: was eigentlich ist „Freiheit!“ genau?

Dem Historiker diese Frage gestellt, lächelt dieser sofort glücklich und weiß viele Geschichten sogenannter „Freiheits“-Kriege zu erzählen. In jeder Epoche hat es sie gegeben und überall; Bürger standen gegen ihre Regierung auf, droschen sie nieder, gründeten ihre eigene, kontrollierten das Land mit ihren Unfreiheiten und wurden selbst wieder fort- und totgeprügelt. Sie schlugen und stachen von der Frühantike bis in die Neuzeit auf diejenigen ein, die vermittels gezielter Unfreiheiten ihre Leute disziplinieren und effizienter einsetzen konnten.

Es sind diese Dinge, vor denen wir uns solange halbwegs sicher fühlen können, solange wir auf einen gewissen Konsenz mit allgemeiner Gültigkeit verlassen können.  Dem muss sich aber wenigstens vorübergehend derjenige unterwerfen, der sich Kritikfähigkeit im Hinblick auf die Gesellschaft erarbeiten will.

Jede Generation erarbeitet sich neue Grenzen, die es einzureißen gilt und sie erwirbt sich immer meinen größten Respekt, wenn ich hinter konkreten Plänen für solch einen Grenzabriss auch gut durchdachte Argumente und Ideen finde, mit denen ein solches Projekt gelöst werden kann.

Noch jedenfalls, noch bin ich recht frei. Ihr auch?

© 2010 Echsenwut.

Aus alt mach neu: Goethe

Goethe im Lorbeerkranz
Goethe im Lorbeerkranz

Wer sich heute (noch) mit Goethe befasst, genießt für gewöhnlich den Ruf des langweiligen Spießers – und das meist, weil ein Goetheleser wohl kaum ein BILD-Leser ist, und die sind nunmal deutlich in der Überzahl.

Dabei ist Goethe ungemein spannend.

Er ist ein unglaublich starkes Stück deutscher Kultur und auf dieses Stück Deutschland dürfen wir mal so richtig vorbehaltlos einfach mal stolz sein. Einfach so.

Natürlich ist er nicht „einfach“. Nein, er bietet keine leichtverdauliche Kurzweil wie irgendein „Bestseller“ vom Bahnhofskioskgrabbeltisch, den man nach seiner Fahrt zwischen zwei (Vor-) Orten bedenkenlos und ohne schlechtes Gewissen wie eine leere Eispackung auch in die Tonne kloppen könnte. Nein, Goethe ist schwierig.

Er selbst schließlich entstammte einer kulturell spannenden Zeit und formte sie kräftig mit; vieles was er schrieb, ist bis heute von einem sehr modern anscheinenden Freiheitswillen beseelt. Im Grunde kann man ihn für einen regelrechten Freiheitskämpfer halten, er hielt große Stücke auf andere, ja konkurrierende Meinungen und kannte nur eine ultimative Forderung an sie: sie mussten begründet sein. Und somit konnte echte Freiheit für Goethe nur aus Können und Wissen entstehen; ein Gebot, dem er sich selbst Zeit seines Lebens unterworfen hatte. Er versuchte stets, alles selbst gründlich zu erlernen und auch zu beherrschen, worüber er sich eine Meinung erlaubte. Dazu rang er sich eine teilweise harte Disziplin ab und so galt für ihn, dass freie Meinung nur durch Disziplin zu erarbeiten sei. Die Verachtung Goethes als literarischem Donnergott zog sich zu, wer anders handelte und so sparte er nicht mit beißendem Spott über die, die ihn mit ihrem Unvermögen langweilten, aber fragen wir ihn selbst:

Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Crème daraus werden wolle.

(Zitat: „Über Kunst und Altertum, Zweites Bandes drittes Heft“, 1820)

Johann Wolfgang von Goethe zählte schon früh als etablierter Literat zur Avantgarde einer damals völlig neuen („Sturm und Drang“-) Strömung, die anarchistisch mit überkommenem Kunst- und Literaturverständnis hart ins Gericht ging. Bestehende Konventionen schubste er mühelos um und benutzte beliebte Gestalten der Poesie wie etwa altgriechische Götter ganz nach seinem Geschmack. Obschon sein Hauptwerk ein sehr hohes Maß an Vollkommenheit in der Anwendung der deutschen Sprache enthält, beherrschte er in anderen Stücken jedoch auch durchaus das damals bekannte „Gassendeutsch“,  schaute dem einfachen Menschen draußen auf der Straße aufs Maul und verarbeitete diese Spracheindrücke in seinen Texten.

Er war ein regelrechter Tausendsassa, Hansdampf in allen Gassen, als Künstler unduldsamer, unruhiger Revolutionär. Wenn wir ihn uns heute als gemütlichen, aber arroganten Spießeropa in einsamer Kemenate mit ständig heruntergezogenen Mundwinkeln vorstellen, so irren wir uns gewaltig. Vielleicht erinnert ein Marcel Reich-Ranicki unserer Tage ein wenig an ihn, wenn ersterer auch das entschieden schwerere Pfund war. Immerhin war Goethe längst nicht nur als Poet, sondern auch als Wissenschaftler mit riesigem, stets produktiven und richtungsweisenden Output bekannt und anerkannt. Die einzige echte Pleite und Fehlleistung seines Lebens, die ihn allerdings bis zu seinem Tode empfindlich getroffen hatte, war seine mangelhafte „Farbenlehre“, die zum Spott seiner Zeitgenossen genüsslich auseinandergenommen worden war.

Der Verfasser dieses Textes gibt gern zu, auch in anderer Hinsicht als unsterblicher Fan Goethes zu gelten: immerhin pflegte Goethe den Verdacht gegen ihn, Muslim zu sein, selbst immer wieder zu nähren. Er hat sich allerdings mit erstaunlich starken Stücken, Worten, Handlungen, Briefen und harten Redegefechten extrem um den Islam verdient gemacht; streckenweise sind seine schriftlichen Hinterlassenschaften harsche Attacken gegen das Christentum und seine Hinwendung zum Islam gipfelt in zwei ganz besonders bemerkenswerten Punkten.

Als wieder einmal anlässlich der Veröffentlichung eines seiner Texte öffentlich darüber nachgedacht wurde, ob Goethe eigentlich überhaupt (noch) Christ sei, da schrieb er mit eigener Hand auf eine Ausgabe seines Buches: „Der Verfasser lehnt den Verdacht nicht ab, selbst Muslim zu sein.“

In einem privaten Brief, den er anlässlich einer grassierenden Krankheit in seinem Heimatort schrieb, ist die Textzeile zu finden: „Wir halten uns hier im Islam so gut es geht“

Neben Geistesakrobaten aber bediente Goehte auch den deutschsprachigen Verbalerotiker aufs Beste.  Seine Wortbilder zählen ganz sicher zu dem Vollendedsten, wozu unsere Muttersprache fähig ist (Reich-Ranicki würde begeistert nicken, läse er das jetzt!). Tempo, Semantik und Geschmack finden so oft in eine Harmonie, die sich kaum erdenken lässt. So textete er zum Beispiel angesichts eines Mannes, der abends in großer Erregung nach Hause kommt:

Der Major, als er in sein Zimmer trat, fühlte sich wirklich in einer Art von Taumel, von Unsicherheit seiner selbst wie es denen geht, die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten übertreten. Die Erde scheint sich für den zu bewegen, der aus dem Schiffe steigt und das Licht zittert noch im Auge dessen, der auf einmal ins Finstere tritt.

(Zitat: „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ ,1829)

Goethe hasste Ausgrenzung, er hasste Herabsetzung, er hasste Diskriminierung. Ziel seines Denkens war Zeit seines Lebens immer der Mensch, von ihm erwartete er unterschiedslos und ihm widmete er grundsätzlich sein ganzes Schaffen. Selbst kleinliches Zuordnen und Wegsortieren von Menschen konnte er nicht leiden:

Es hat mit Euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man unterschiedliche Namen gibt und es ist doch endlich alles gesalzenes Wasser.

(Zitat: „Zu Lebzeiten gedruckte Maximen und Reflexionen“)

Der Verfasser wirbt mit ganzem Herzen für das kantige Stück deutscher Kultur – denn Goethe verkörpert bis heute ein gutes und starkes Stück Deutschland. Er selbst warb immer für die Hinwendung zur Hochantike und für die intensive Beschäftigung damit. Seiner unerschütterlichen Auffassung nach gibt es kein Jetzt ohne das Gestern und für ihn lag eine große Gefahr darin, bereits errungene Leistungen einfach dem Vergessen zu überantworten. Sie waren oftmals moderner, aktueller als man denkt und so sollten wir uns heute mit ihm befassen.

© 2010 Echsenwut.

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