Food-Sharing

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Ein Held unserer Tage

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Kennen Sie Raphael Fellmer? Nein, der singt keine Schlagerschnulzen, aber seine Worte hallen in meinen Hirnwindungen nach wie ein Gassenhauer. Raphael Fellmer ist Idealist, Gutmensch, Familienvater und irgendwie erinnert er mich an Ghandi. Nicht dass er sich primär für eine unabhängige Menschheit einsetzt, er ist der Ghandi von Mutter Natur. Sein Lachen, sein Einstellung zum Menschen, sein Enthusiasmus und seine Zielstrebigkeit haben mich zutiefst beeindruckt. Er schafft etwas, dass ich selbst für eigentlich fast unmöglich gehalten habe.

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Er lebt ohne Geld. Tönt lapidar ist aber, wenn man es sich genau überlegt, eine sehr respektable Leistung in der heutigen materialistischen Gesellschaft. Ich habe selber längere Zeit in einer Höhle gelebt, mitten in en Natur oder war einfach mit meinen Habseligkeiten im Rucksack durch die Landschaften gezogen und habe hier und dort für etwas Proviant oder Schlafmöglichkeit jemanden geholfen. Dabei durfte ich viele, sehr schöne Bekanntschaften machen und das respektvolle Miteinander, dass uns Menschen auszeichnet, erleben. Ich schaffte es aber nicht komplett ohne Geld auszukommen. Die Schweizer Gesetzgebung hat hier ein paar ganz schön dicke Knüppel parat. Deshalb meine Hochachtung für ihn, wie er es schafft, trotz der indoktrinierten Zahlungspflicht, ohne Geld auszukommen.

Das alleine ist schon eine Meisterleistung, aber er setzt noch einen drauf. Er klappert die Abfallcontainer der Lebensmittelverteiler ab und nimmt alles raus, was noch zu verwerten ist. Eigentlich macht er sich damit strafbar. Das muss man sich mal im Hirn zergehen lassen. Essbare, frische Lebensmittel dürfen straflos weggeschmissen werden, aber die Verwertung des „Abfalls“ wird unter Strafe gestellt. Wieder ein Paradebeispiel, wie die Politiker am Volk vorbei reGIERen. Raphael Fellmer kümmert das wenig. Er findet es sträflicher, bei über 1 Milliarde hungernden Menschen etwas Essbares wegzuschmeissen. Recht hat er.

Aber auch hier ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Er bietet seine Fundstücke anderen Menschen an, welche selber mittellos sind. In einer Markthalle in Berlin hat er einen kleinen Stand errichten dürfen mit Kühlschrank und dort füllt er jeden Tag die Regale mit weggeworfenen Lebensmitteln auf. Er nennt das einen „Fairteiler“. Treffender kann man es nicht beschreiben. Die Lebensmittel gibt er gratis weiter. Das heisst, die ganze Arbeit vom Sammeln bis hin zum Regal macht er alles ohne Lohn. Seine Dankbarkeit für gratis Lebensmittel gibt er augenblicklich weiter, in dem andere Menschen von seinem Angebot unentgeltlich profitieren können.

Um die ganze Sache effizienter zu gestalten, notiert er die Fundstücke im Internet. Dort kann jeder schauen, wo es was hat. Viele Ladenbesitzer sind von der Idee begeistert und haben selber Mühe mit der Wegwerfmentalität. Sie sammeln die übrig gebliebenen Lebensmittel und geben sie ihm ab. Es bleibt zu wünschen, dass sich noch viel mehr Geschäfte dieser Idee anschliessen. Ich habe aber Bedenken, dass, wenn die Politiker schnallen wie sich das Volk selber organisiert, sie den Aktivisten irgendwelche Steine in den Weg legen. Beim Couch-Surfen ist es ja schon passiert. Nachdem viele Berliner ein freies Bett oder Zimmer für andere zur Verfügung stellen und sich mit dieser Idee international im Netz verknüpften ging es nicht lange und die Hotelier-Lobby puderte den Politikern den Hintern. Resultat: es wurde in Windeseile ein Gesetz erlassen, dass die private Übernachtungsvermittlung unter Strafe stellt. Wenn das Gratis-Lebensmittelnetzwerk zu erfolgreich wird, passiert das Gleiche. Es kommen dann die hirnlosen, uniformierten Lemminge und machen das, was sie am besten können. Das Volk nötigen, verprügeln und einsperren.

Aber selbst hier traue ich Raphael Fellmer Unglaubliches zu. Sollte es soweit kommen, dass er mit dem Gesetz in Konflikt gebracht wird, dann besticht er durch seinen Respekt und Freundlichkeit. Die Herzlichkeit, die in der Dokumentation rüberkommt ist beeindruckend. Er wird von den portraitierten Ladenbesitzer nicht nur toleriert sondern freundschaftlich empfangen und unterstützt. Ebenso von vielen Mitmenschen, die seiner Familie ein Dach über dem Kopf ermöglichen oder sonst unter die Arme greifen. Sie revanchieren sich mit gemeinschaftlicher Arbeit und machen die Sachen, welche gerne liegenbleiben. Selbst hier beeindruckte er mich. Er macht jede Arbeit mit einem Lächeln.

Raphael Fellmer zeigt eindrücklich, wie man ressourcenschonend und mit Teilen ein erfülltes Leben haben kann. Er selbst praktiziert diesen Lebensstil seit mehreren Jahren und lebt es vor, wie man es machen kann. Ich finde ihn sehr inspirierend und kam selber schnell ins Grübeln. Bei uns in der reichen Schweiz, wachsen die Kühe auf den Bäumen und in den Flüssen hat es Milch. Schön wär’s. Obwohl die Schweiz als eine der grössten Kapitalhuren der Welt gilt, lebt jeder zehnte Bewohner unter der Armutsgrenze. Bei einer Bevölkerungszahl von 8 Millionen sind das 800’000 Menschen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen. Und das in der ach so reichen Schweiz.

Also liebe Schweizer Leser, informieren Sie sich über das Projekt, kaufen bitte mit Bedacht ein und wenn etwas übrig bleibt, verteilen Sie es unter den Menschen. Egal ob Lebensmittel, Kleider oder sonstige Sachen. Alles was funktioniert oder irgendwie verwertbar ist, gehört in den Rohstoffkreislauf und nicht in den Abfallkübel. Dasselbe funktioniert mit Werkzeugen. Anstatt dass jeder seine eigenen Maschinen hat und die meist ungebraucht in den Kellern verstauben, teilen Sie die Werkzeuge mit anderen. Auch dafür gibt es bereits Webseiten, die sich mit dem Teilen von Gütern befassen. Car-Sharing beweist, dass solche ressourcenschonenden Ideen akzeptiert und genutzt werden. Es gibt noch unzählige Möglichkeiten, dem Konsumzwang zu entgehen. Es braucht dazu nur ein wenig Initiative, den Glauben an eine wertvolle Arbeit und die ansteckende Freundlichkeit eines Raphael Fellmers, die einem sofort selbst ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg und schaue, wie ich im Land der Eidgenossen ebenfalls etwas zu diesem Projekt beitragen kann. Dazu lade ich jeden ein, sich selber ebenfalls Gedanken zu machen und welche Möglichkeiten man besitzt, die Welt mit Freundlichkeit, Liebe und Wohlwollen zu dem Paradies zu machen, das sie eigentlich für uns ist.

Hier der Link zu Raphael Fellmers Webseite: Raphael Fellmer

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