Ende der Geschichte

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2012 – der Kapitalismus frisst seine Kinder

16.12.2011. Eifel. Draussen? Mistwetter. Ein Orkan zieht über die Eifel, starke Regenschauer gehen nieder, Schneechaos droht am Nachmittag. Es sind solche Momente, wo man einmal dankbar sein kann: dankbar darüber, was vorherige Generationen alles aufgebaut haben. Die Tatsache, das man nicht nackt auf der Weide von den Elementen erwischt wird, hat man der "Zivilisation" zu verdanken, der unermüdlichen Arbeit unzähliger Generationen von Menschen, die den Kampf gegen die Natur aufnahmen, sich Häuser und Wärmequellen erdachten, um dem quälenden Kältetod zu entkommen. 

Das war sehr schlau, glaube ich. Und nun sind wir am "Ende der Geschichte". Der Reichtum hat unglaubliche Höhen erreicht. Wir Menschen können fliegen, rasen wie der Blitz über ihre Autobahnen, beherrschen das Atom und können jederzeit per Knopfdruck auf ihrem PC Bilder von jedem Ort der Erde abrufen. Wir hätten es in der Hand, das Paradies auf Erden zu schaffen ... stattdessen erwartet die meisten von uns der quälende Kältetod - wie zum Beispiel Giorgos Barkouis, über den das Handelsblatt jetzt berichtet:

16.12.2011. Eifel. Draussen? Mistwetter. Ein Orkan zieht über die Eifel, starke Regenschauer gehen nieder, Schneechaos droht am Nachmittag. Es sind solche Momente, wo man einmal dankbar sein kann: dankbar darüber, was vorherige Generationen alles aufgebaut haben. Die Tatsache, das man nicht nackt auf der Weide von den Elementen erwischt wird, hat man der „Zivilisation“ zu verdanken, der unermüdlichen Arbeit unzähliger Generationen von Menschen, die den Kampf gegen die Natur aufnahmen, sich Häuser und Wärmequellen erdachten, um dem quälenden Kältetod zu entkommen.

Das war sehr schlau, glaube ich. Und nun sind wir am „Ende der Geschichte„. Der Reichtum hat unglaubliche Höhen erreicht. Wir Menschen können fliegen, rasen wie der Blitz über ihre Autobahnen, beherrschen das Atom und können jederzeit per Knopfdruck auf ihrem PC Bilder von jedem Ort der Erde abrufen. Wir hätten es in der Hand, das Paradies auf Erden zu schaffen … stattdessen erwartet die meisten von uns der quälende Kältetod – wie zum Beispiel Giorgos Barkouis, über den das Handelsblatt jetzt berichtet:

Mitte 2010 hat er seinen Job als Computertechniker bei einer Versicherung verloren – „wegen der Krise“, wie ihm der Chef achselzuckend erklärte. Er suchte nach einem neuen Job. Aber wer stellt einen 59-Jährigen ein? „Ein Jahr später, als die Arbeitslosenhilfe auslief, wurde mir klar, dass ich meine Miete nicht mehr bezahlen konnte und meine Krankenversicherung verlieren würde“, erzählt Giorgos.

Dabei dachte man: „Mensch, Computertechniker braucht doch jeder, oder?“

Nein, braucht man nicht mehr. Überhaupt braucht man keine Griechen mehr – eine „Lawine des Elends“ kommt auf dieses Land zu, meint jedenfalls Gerd Höhler, ein in Griechenland wohnender Deutscher im Handelsblatt:

Die Wirklichkeit kann man in Athen besichtigen. Ich war vergangene Woche in einer Obdachlosenunterkunft. Dort habe ich Menschen angetroffen, die binnen 18 Monaten aus dem Mittelstand in die Armut abgestürzt sind. Die Zahl der Obdachlosen ist in diesem Jahr um 25 Prozent auf über 20.000 gestiegen. In den Suppenküchen der griechischen Hauptstadt werden jeden Tag etwa 13.000 Menschen verköstigt – die Ärmsten der Armen. Wer in Griechenland seinen Job verliert, steht schnell vor dem Aus. Das Arbeitslosengeld, 461,50 Euro, gibt es im günstigsten Fall ein Jahr lang. Danach kommt nichts. In Griechenland gibt es keine Grundsicherung wie Hartz IV, keine Sozialhilfe. Rund 250.000 Griechen haben im zu Ende gehenden Jahr ihre Arbeit verloren. Den meisten von  ihnen droht im Jahr 2012 der Absturz in die Armut. Auf Griechenland kommt eine Lawine des Elends zu.

Gruselig, oder? Wir Deutschen regen uns darüber auf, das Hartz-Abhängige keinen Weihnachtsbaum bekommen, die Griechen wären über Hartz IV froh. Soweit ist es in Europa schon gekommen, das man das Musterwerk zur Deregulierung von Demokratie und Menschenrechten freudig begrüßt, weil es vor dem Wüten des Orkans und dem Kältetod schützt.

Es sind kleine Philosophen wie meine Wenigkeit – oder große wie der Sloterdijk – die äußerst bedenkliche Erscheinungen wahrnehmen, siehe Handelsblatt:

„Die kollektive Demoralisierung ist schlimmer als eine vorübergehende Rezession jemals sein kann“, sagte Sloterdijk. Seit Jahrzehnten lebten wir in einer gespenstischen Atmosphäre, in der ständig  verrücktmacherische Doppelbotschaften auf die Menschen einprasselten: sie sollten zugleich sparen und verschwenden,  sie sollten zugleich riskieren  und  solide wirtschaften, sie sollten hoch spekulieren und mit den Füßen auf dem Boden bleiben. Auf die Dauer führe das zu einer absoluten Zermürbung. „Derselbe demoralisierende Effekt geht auch von der Tatsache aus, dass die leistungslosen Einkommen rasend schnell wachsen. Das vergiftet die jungen Leute, weil sie anfangen, sich in Scheinkarrieren hineinzuträumen.“

Mit den Vorwürfen hat er sicher recht. Sein Lösungsvorschlag jedoch, an die „Vornehmheit der Reichen“ zu appellieren, wirkt ebenfalls wie ein Traum – wo soll in einer demoralisierten Welt die Grundlage für solch eine Vornehmheit herkommen?

Gerne sucht man in solchen Zeiten auch Schuldige. Politiker sind immer dafür gut. Für Sloterdijk sind sie es, die uns ins Unglück stürzen. Geht ja auch nicht anders, wenn die Reichen „vornehm“ sind. Politiker suchen lieber die Schuld bei den Banken, laut Wolfram Weimer eine Hetzjagd mit Tradition:

Am häufigsten aber traf dieser spezielle Verfolgungswahn die Juden. Hitlers Tiraden gegen die „Zinsknechtschaft”, gegen die „gierigen Wucherer”, die „satanische Hochfinanz” und die „Geldratten” unterscheiden sich im Duktus kaum von den rasenden Attacken der heutigen Bankenhasser. Auch sie vergleichen die „Spekulantenbrut” mit Tieren und stigmatisieren sie wahlweise als Haifische oder Raubtiere, unsere Wirtschaftsordnung sei ja schließlich ein „Raubtierkapitalismus”.

Und die SPD hält Arbeitslose für Parasiten. Hat auch so einen „Duktus“. Die Banken selbst merken gerade, das sie auch nicht so voll auf dem Siegertreppchen stehen. Gestern haben sie sich noch die Taschen mit Rettungsgeldern für Griechenland gefüllt (Gelder, die wir nur ungern geben und die in Griechenland auf seltsame Weise für einen rasenden Anstieg der Obdachlosigkeit sorgen – auch so ein zermürbendes Paradoxon), heute werden sie schon herabgestuft, siehe Manager-Magazin:

Die Abstufungsorgie europäischer Banken geht weiter: Die US-Ratingagentur Fitch hat die Kreditwürdigkeit von fünf Instituten gesenkt. Unter anderem ist auch die Crédit Agricole betroffen, die gerade erst eine milliardenschwere Abschreibung vornehmen musste.

Und was wäre so eine richtige Orgie schon ohne die Deutsche Bank? Ebenfalls: herabgestuft siehe Welt.

Natürlich fordert das heraus, den Blick auf die nächsten Täter zu nehmen: die USA. Immerhin sind sie das Heimatland des Kapitalismus und die Triebfeder der aktuell wütenden Dauerkrise. Merkt man ja schon, wenn man sieht, wie die mit ihrem Geld umgehen, siehe Manager-Magazin:

Europäische Banken rutschen immer tiefer in die Krise: Sie müssen milliardenschwere Abschreibungen vornehmen, die Kreditwürdigkeit sinkt mehr und mehr und jetzt ziehen offenbar vermehrt verunsicherte US-Kunden ihre Gelder von den Instituten ab.  

In den vergangenen sechs Monaten seien die Einlagen bei US-Töchtern nicht-amerikanischer Institute um ein Viertel auf 879 Milliarden Dollar gesunken, berichtet die „Financial Times“ unter Berufung auf Daten der US-Notenbank Fed. Das sei der stärkste Rückgang, der jemals gemessen wurde.

Die Ratingagenturen werten die Banken ab, woraufhin die Sparer ihr Geld abziehen, woraufhin die Ratingagenturen weiter abwerten, was die Sparer wiederum dazu veranlasst, ihr Geld abzuholen, woraufhin die Ratingagenturen … ach, lassen wir das. Man sieht wo es endet: Ackermann wird auch obdachlos, nur halt etwas später.

Bevor sich jedoch der Zorn über die USA ergießt, sein ein Blick dorthin gestattet – siehe Handelsblatt:

Nach einer Erhebung der Regierung lebten 2010 49,1 Millionen Amerikaner in Armut. Die Zahl jener Haushalte, die Beihilfen für die täglichen Lebensmittel bekommt, die sogenannten food stamps, stieg von 2007 bis 2010 um 16 Prozent auf 13,6 Millionen.

Die Studie des Städtetages nennt Arbeitslosigkeit, Armut, niedrige Löhne und hohe Kosten für Wohnungen als Hauptgründe für den Bedarf nach Lebensmittel-Beihilfen. Rund 71 Prozent der Städte erklärten, dass sie ihr gesamtes Budget für Lebensmittelhilfen aufgebraucht hätten. In den 29 Metropolen hätten 27 Prozent der Menschen, die Lebensmittelnothilfe benötigten, keine erhalten, heißt es in der Studie.

Das es übel aussieht im Heimatland des Kapitalismus sieht auch der Präsident – siehe Handelsblatt:

US-Präsident Barack Obama hat eine Rede zur sozialen Spaltung der Gesellschaft in den USA gehalten. Der Kampf der Mittelklasse gegen den sozialen Abstieg sei die „entscheidende Frage unserer Zeit“.

Man sieht: die Amis brauchen ihr Geld selber. Kein Wunder, das sie es bei uns abziehen. Denen geht es kaum besser als den Griechen.

In Deutschland scheint man vor den Einschlägen der Krise noch sicher zu sein. Die Medien arbeiten mit Hochdruck an dieser trügerischen Illusion, die wertvolle Zeit sinnlos verstreichen lässt, die für Gegenmassnahmen dringend gebraucht würde. Gelegentlich erfährt man zwar, das sogar Gold kein sicherer Hafen mehr ist (siehe Welt) oder das es aktuell die Franzosen ganz dicke mit einer Rezession und steigenden Arbeitslosenzahlen erwischt, das die Parkgebühren in Städten langsam auf 100 Euro täglich ansteigen und sogar Gewerbeimmobilien nicht mehr zu vermieten sind (mit einem Anstieg des Leerstandes um bis zu 1000%), aber generell zeigt sich der Deutsche an und für sich von der Krise unbeeindruckt – wenn man den Medien glauben darf.

Vielleicht rüttelt ihn die IWF-Chefin wach, die aktuell düstere Prognosen abgibt, Prognosen, die heute alle großen Nachrichtenmagazine in Aufruhr versetzen, siehe Welt:

„Der Ausblick auf die Weltwirtschaft ist im Augenblick nicht besonders rosig. Er ist ziemlich düster“, sagte Lagarde am Donnerstag in Washington. Europa könne seine Probleme nicht alleine lösen, alle Länder müssten den Europäern nun mit Hilfe des IWF beistehen.

Würden die Probleme nicht entschieden angegangen, würde die Weltwirtschaft ähnlichen Vorzeichen gegenüberstehen wie vor der Großen Depression in den 1930er-Jahren, sagte Lagarde weiter. Keine Volkswirtschaft der Welt sei vor dem Abwärtstrend immun, sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds. 

Auch die Hoffnung auf die „Schwellenländer“ erweist sich als trügerisch, siehe Manager-Magazin:

Europa nahe der Rezession, die USA dümpeln vor sich hin, jetzt bremsen auch noch die gerühmten Bric-Staaten aus Brasilien, Russland, Indien und China die Konjunktur scharf ab. Für die deutsche Wirtschaft und den hiesigen Jobmarkt kommt die Implosion des Wachstumsbollwerks zur ungünstigsten Zeit.

Nur Hugo Boss blickt noch positiv in die Zukunft – kein Wunder, die haben schon nach der letzten großen Depression an der Produktion von SS-Uniformen gut verdient.

Schon jetzt werfen die „Zeiten nach der Depression“ ihre Schatten voraus, siehe Welt:

Der Kongress hat den Verteidigungshaushalt verabschiedet. Damit stimmte er einer unbegrenzten Haftzeit Terrorverdächtiger zu – auch ohne Prozess.

Es scheint so zu sein, als könnten wir bald erwarten, Zeugen ähnlicher Ereignisse zu werden wie jener, die aktuell in der Welt geschildert werden:

US-Marineinfanteristen waren bei dem Massaker an Zivilisten – unter ihnen Frauen, Kinder und ein Rollstuhlfahrer – vorgegangen, nachdem ihr Militärkonvoi auf einen Sprengsatz gefahren war. Sie erschossen mehrere Männer aus einem Fahrzeug heraus. Später zogen die Soldaten durch den Ort nordwestlich von Bagdad und töteten 19 Bewohner.

Und wieso das alles? Wieso müssen wir das erleben, obwohl die Menschheit so reich geworden ist, es genug zu essen für jeden gibt? Wieso müssen wir Menschen auf den Straßen erfrieren lassen, während die Gewerbeimmobilien leer stehen? Wieso schaffen wir es nicht, das Ende des Kapitalismus als das zu begreifen, was es ist: die größte Naturkatastrophe, die die Menschheit je heimgesucht hat! Könnten wir es endlich so sehen, dann könnte es eine Welle von Hilfsbereitschaft geben, dann könnte sich zeigen, wieviel „Vornehmheit“ sich noch im Zeitalter der Demoralisierung mobilisieren ließe und dann könnten wir vor allem … die Katastrophe noch verhindern.

So jedoch müssen wir hilflos zusehen, wie der Kapitalismus seine Kinder frisst.

Staaten, Banken, Menschen.

Was übrig bleibt?

Ödnis und Leere … und ein wirkliches Ende der Geschichte.

Dabei war es doch gar nicht so schlecht, den Orkan aus einer gemütlichen, geheizten  Wohnung heraus bei Tee und Gebäck zu beobachten, oder?

Leider scheint der Mensch an sich für den Kapitalismus zu teuer zu sein.

Am Ende der Geschichte zeigt sich halt, das der Kapitalismus so wenig Wohlstand bringt wie der Kommunismus soziale Gerechtigkeit. Schade, das wir uns geirrt haben – wieder mal.

 

 

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