Drewermann

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Hurra, der Faschismus ist da! Eine Antwort an Jakob Augstein

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Montag, 21.11.2016. Eifel. Das liest jetzt wahrscheinlich kaum jemand. „Faschismus“ – was für ein durchgekautes, langweiliges Thema. So langweilig, dass ja schon davor gewarnt wird. Ja – die Krönung der Blödheit in dieser Hinsicht stammt von der Garde der IT-Schrauber, die versuchen, sich im politischen Urteilen zu üben – und dabei zeigen, wie wichtig doch Geisteswissenschaft ist. Ich habe vergessen, welchen Namen sie ihrem Leitsatz gegeben hatten, er er lautete sinngemäß so: „immer, wenn die Begriffe Hitler oder Faschismus in einem Thread auftauchen, ist dieser zu Ende“. Dieser Satz wird einem dann auch kontinuierlich um die Ohren gehauen, wenn man Paralellen zum Dritten Reich erkennt – obwohl ein kleines Experiment, das jeder selbst durchführen kann, jederzeit belegt, dass dieser Lehrsatz grober Unfug ist: starten Sie doch einfach irgendwo mal einen „Thread“ (also: eine Diskussion im Internet), sagen „Faschismus“ … und schreiben einfach weiter! Sie werden sehen: nichts ist zu Ende.

Nur eine kleine Anekdote, die vor allem eins zeigt: den Siegeszug der Dummheit in der westlichen Gesellschaft. Sicher: „Dummheit“ ist auch so ein großes Wort, ich möchte es jedoch gleich definieren: das fehlende Vermögen, in einem Meer von Informationen vernetzt denken zu können und die Zusammenhänge folgerichtig zu erkennen, ohne sich in endlosen Hypothesenketten zu verlieren. Ja – mit dieser Definition stehe ich auch nicht allein da, aktuell echauffieren sich ja Dutzende von „Wissenschaftlern“ über die dummen Wähler, die einfach nicht das wählen, was man ihnen vorgeschrieben hat. Dabei leben wir doch in einer Demokratie, können einen von zwei Führern selber wählen, da sollte es schon – aus reiner Dankbarkeit über das große Geschenk der Wahlmöglichkeit – der richtige Kandidat sein.

Ebenso wichtig ist natürlich die Definition von Faschismus, mit der ich selber lange gerungen habe. Unser aktuelles Faschismusbild ist ja – jedenfalls in Deutschland – fein zurecht gestutzt. Ein Faschist ist ein böser Mensch mit Hakenkreuzarmbinde, alle Faschisten wurden im Rahmen der Nürnberger Prozesse beseitigt (oder vom Mossad erledigt), so dass wir in Ruhe uns in Selbstmitleid suhlen können – Selbstmitleid über die Tatsache, dass wir Deutschen doch ach so gute Bessermenschen sind, das aber wegen dem blöden Dritten Reich nicht ausleben dürfen – jedenfalls nicht so wie früher. Ansonsten … holzen wir immer noch weltweit herum, nach alter, reichsdeutscher Art – so wie Thyssen-Krupp in Afrika, die dort 1000 Menschen umsiedelten und der Mangelernährung preis gaben (siehe Sumos) – und das ist nur einer von 87 deutschen Unternehmen, die im Namen des Profits Menschenrechtsverletzungen im Ausland billigend in Kauf nehmen (siehe Spiegel). Doch wir brauchen gar nicht wieder auf die böse Industrie zu schimpfen – die im aktuellen gewünschten Rahmen gar keine andere Möglichkeiten hat, als Menschenrechte und Umwelt hinten an zu stellen, will sie jene Renditen erwirtschaften müssen, die Sie für Ihre kapitalgedeckte Altersvorsorge brauchen. Es reicht, wenn wir uns anschauen, mit welchem Anspruch sich der Deutsche in der Welt bewegt: Reiseweltmeister sind sie, wie die alten Vandalenhorden, nehmen sich das Recht heraus, jederzeit in alle Länder der Welt einzufallen, dort Betonburgen zu erreichten – gerade an den schönsten Ecken – und massiv in das Leben der einheimischen Bevölkerung einzugreifen und ihnen einen Reichtum vor die Nase zu halten, den diese nie erreichen können: schon eine Form von Sadismus … aber wir nennen das Urlaub, die schönste Zeit im Jahr.

Meine Definition von Faschismus ist einfacher, hat wenig zu tun mit Hakenkreuzen und Konzentrationslagern (sowas braucht man nur, wenn die Pest sich hinreichend weit ausgebreitet hat und sich ihrer Macht völlig sicher ist), sondern mit der Stellung des Menschen in der Gesellschaft: überall dort, wo Betriebswirtschaft über Menschenrechte und Menschlichkeit dominiert, hat der Faschismus den Geist der Mächtigen schon verseucht, es ist immer nur noch ein kleiner Schritt bis zu dem logischen Ende, dass man sich die Minderleister, die Ballastexistenzen, die „Juden, Polen und Russen“ nicht mehr leisten kann, weil sie nachhaltig Rendite schmälern. Meine Definition von Faschismus ist nachhaltig beeinflusst von den Werken von Götz Aly, der darlegte, dass die Wurzeln des faschistischen Imperialismus schon in den zwanziger Jahren von deutschen Unternehmern definiert und dann letztlich von den „Nazis“ nur noch ausgeführt wurden – die komplette Umgestaltung Europas zu einem von Deutschland dominiertem, einheitlichen Wirtschaftsraum; schon damals wurde angedacht, Südosteuropa (also: unter anderem Griechenland) gigantischen, unmenschlichen Umstrukturierungsmaßnahmen zu unterwerfen – was dann später dank der Wehrmacht möglich war und durchgezogen wurde … und heute – Überraschung – politische Realität in Europa ist.

Nun – wer bin ich schon, dass ich mir erlauben darf, eine eigene Definition von Faschismus zu entwerfen? Nun – nicht mehr als ein akademisch ausgebildetes Arbeiterkind, das mangels Antworten auf die Frage nach dem Kern faschistischen Denkens ganz auf sich selbst zurückgeworfen wurde, weil von „der Wissenschaft“ nur unzureichende Antworten kamen – von Götz Aly mal abgesehen. Berücksichtigt man jedoch seine Forschungsergebnisse, so wird schnell klar: Deutschland unter Merkel ist schon längst wieder da, wo es 1938 war – ein mächtiger Staat, der – nach aktuellen, noch nicht verifizierten Meldungen sogar die USA als Weltpolizei ersetzen will und dafür seinen Rüstungsetat massiv erhöht … trotz grassierender Armut im Land. Wir entwickeln uns mit atemberaubender Geschwindigkeit zu einer Kopie des Dritten Reiches (allerdings deutlich judenfreundlicher, wir haben bei der Definition der Untermenschenmenge deutlich dazu gelernt, sind da sehr tolerant geworden und kaum noch rassistisch … wenn man mal davon absieht, dass schon die Mär durchs Land zog, dass „Leistungsträger“ besondere, vererbbare Gene haben).

Umso mehr freut es natürlich, wenn aus den Reihen der Mächtigen dieses Landes Stimmen laut werden, die genau das endlich mal laut aussprechen, was Millionen Verfolgte in diesem Land Tag für Tag am eigenen Leib erleben: der Faschismus ist wieder da! Man möchte Hurra schreien – denn um ihn zu bekämpfen, muss man ihn erst mal erkennen … sonst gelingt es nie, seine Machtbasis zu beschreiben und zu zerschlagen.

Jakob Augstein ist es, Mitbesitzer der „Bildzeitung für Abiturienten“ (so nennt Volker Pispers das degenerierte Schmierblatt), der jetzt den großen Schritt gewagt hat (siehe Spiegel):

„Ein Gespenst geht um in Europa.“ Es ist lange her, dass Marx das geschrieben hat: „Das Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet.“ Heute taugt der Kommunismus nicht mal zum Gespenst. Aber ein anderer Wiedergänger aus der Gruft der Geschichte ist zurück – noch nennt man ihn nicht beim Namen, aber schon macht er nicht nur Europa unsicher, sondern die ganze Welt, und für einen Kampf gegen ihn mag es bereits zu spät sein: der Faschismus.

Man möchte ja stehend Applaus spenden für diese mutigen Worte – auch wenn man ihnen Recht geben muss. Der Faschismus kam über Nacht in Deutschland an die Macht – aus einer Ecke, von der man es nie erwartet hätte: rot-grün hat ihn mit einigen wenigen entscheidenden Schlägen zurück an die Macht gebracht – inklusive des ersten Bombereinsatzes von deutschen Streitkräften im Ausland seit 1945. Es waren ein paar Maßnahmen, die dazu führten, dass das Volk in höherwertige und minderwertige Menschen aufgeteilt wurde – und dass nur noch ein Maßstab für die Erteilung des Lebensberechtigungsscheins zählte: die Rendite, die man durch eigene Arbeit für die „Leistungsträger“ erbrachte, die fortan mit deutlich geringerem Steuersatz leben durften, gleichzeitig wurde auch die Vermögenssteuer abgeschafft. Wie sonst sollte der Reiche reich werden, wenn man ihn nicht reich beschenkt und gleichzeitig die Hedgefonds ins Land läßt, die Arbeits- und Lebensqualität vernichten, aber für „Anleger“ enorme Gewinne abgreifen?

Leider sieht der Herr Augstein den unaufhaltsamen Aufstieg des Faschismus anderswo: kurzerhand erklärt er alle „rechts gerichteten“ Bewegungen in Europa und den USA als „Faschisten“ – obwohl sie ja erst als Gegenreaktion auf die neoliberale Neuordnung der Gesellschaft entstanden, als Gegenreaktion auf die Entmündigung der Bürger, die Irrationalität der Politik (für Mussolini DAS entscheidende Kriterium für Faschismus) und der fortlaufenden Kriegstreiberei. Ja – nicht Le Pen bombadiert Syrien, Trump schickt keine Morddrohnen durch die Welt, die AfD verlegt keine Truppen in Steinwurfweite an die russische Grenze – und niemand von denen verdient fürstlich am Leid des griechischen Volkes, dem wir Geld für 5 Prozent leihen, das wir von der Zentralbank der EU umsonst bekommen.

Doch schauen wir mal hin, was Herr Augstein genau meint. Immerhin ist er ein gebildeter Intellektueller – und oft der einzige, der noch ein wenig „links“ tut, während der Rest der Partei- und Millionärsmedien eine geschlossene ultrarechte Front aufgebaut hat (…nach meiner Definition).

Der Hass auf das Fremde, die Furcht vor Veränderung, die Erniedrigung von Frauen, die Verachtung der Schwachen, die Verherrlichung der Starken, die Wut auf die Eliten, die man angeblich hinwegfegen will, denen man sich aber in Wahrheit andient – all das ist Faschismus, die Drohung nach Washington, nach Brüssel, nach Berlin, den Sumpf trocken zu legen

Hass auf das Fremde?

Hmm … vielleicht auf jene Mitbürger, die das „Karibik-Modell“ dem Modell „Baumwollsklave“ vorziehen, lieber leicht bekleidet (Unterhemd) mit leichten Rauschmitteln versehen (Bier) auf weichem Sande (Couch) dem Rauschen der Meeresbrandung lauschen (…den Bilderfluten des TV), anstatt in einengender Fremdkleidung (Anzug, Krawatte) in häßlicher Umgebung (Großraumbüro) und schädlicher Umwelt (Lärm und Gifte) unter harten Drogen (Kokain) ihr Leben für die Rendite des Plantagenbesitzers (Anleger) geben? Muss ich die seit Jahrzehnten laufende Hasswelle der Bezahlmedien noch mit mehr Beispielen unterlegen? Ach – einfach mal selbst „Florida-Rolf“ googeln … da weiß man, was man hat. Oder aktuell einen CSU-Werbespot schauen, der Erwerbslose pauschal als „Hartz IV-Schmarotzer“ bezeichnet (siehe z.B. Erwerbslosenforum) und so die Vorstufe zu ihrer logischen, alternativlosen Massenvernichtung erreicht.

Furcht vor Veränderung?

Bis 2030 verdoppelt sich das Passagieraufkommen des jetzt schon überfüllten Luftraumes, jährlich haben wir 500000 Kilometer Stau auf deutschen Autobahnen (siehe Zeit), unsere Sklavenmotto „höher, weiter, schneller“ frisst die Arbeitnehmer auf, „Führen mir Zielen“ definiert jedes Quartal neue zu erreichende Steigerungen, schneller den Kranken das Essen bringen, flotter die Alten versorgen, immer früher immer mehr Bildung in kleine, noch im Wachstum begriffende Kinderhirne pressen, während immer mehr Geld zu einer kleinen Kaste ewig reicher Menschen fließt, das wir für Veränderung dringend bräuchten; wir wissen, dass wir für unseren Lebensstil mehrere Planeten bräuchten … und ändert sich etwas? Irgendwo, irgendwie – außer lautem Trompetenschall aus den Reihen der Höflingsmedien? Wir wissen von grassierender Rentenarmut, untragbaren (und völlig unnötigen) Kosten unseres Medizinmolochs, von der tödlichen Wirkung unserer stetig steigenden Waffenexporte (mit deren Hilfe viele ihr Eigenheim abbezahlen), von der Schädlichkeit und Nutzlosigkeit unseres veralteten Bildungssystems, von unserer maroden Infrastruktur und von der Vernichtung der Gemeinden, wenn sie der Schuldenbremse unterworfen werden – die wenigen immer reicheren Menschen klinken sich halt aus der Finanzierung von Gemeinschaftsausgaben immer weiter aus, während immer mehr Eigenheimbesitzer durch gigantische „Beiträge zur Straßensanierung“ in den Bankrott getrieben werden: und ruft da irgendwer zur Veränderung auf? Zu einer Neugestaltung der Gesellschaft – im Sinne eines demokratischen Sozialismus? Ich spüre schon jetzt, wie 99 Prozent der Deutschen allein schon bei dem Begriff zusammen zucken und sich ängstlich umschauen – dabei sind 90 Prozent der Deutschen auf der Verliererseite … was die Verteilung von Ressourcen (Geld!) angeht, während 10 Prozent automatisch mit Billionen überschüttet werden.

Erniedrigung der Frauen?

Sicher: die Medientrompeten versorgen uns hier regelmäßig mit Wunschbildern … doch hundertfach schägt die Realität zurück, wenn wir allein in die „Werbung“ schauen, wo Frauen vor allem eine Rolle haben: Objekt für den Mann zu sein, Mittel zum Zwecke der Konsumsteigerung. Nur selten ausgesprochen, aber immer im Bewusstsein von „Frau“ vorhanden: man muss „fickbar“ bleiben (siehe Wienerin.at). Sie müssen sich auch billiger auf dem Sklavenmarkt verkaufen (siehe Zeit) und sich mit kleineren Autos zufrieden geben – googeln Sie einfach mal den Begriff „klassisches Frauenauto“, Sie werden sehen, was ich meine. Davon, dass Männer immer noch erwarten, dass sich jedes Jahr hunderttausende von Frauen für die Befriedigung ihrer Triebe gegen Geld bereithalten, wollen wir gar nicht erst reden, es reicht schon, wenn man erkennt, welche Rolle Frauen (von ein paar Alibi-Frauen mal abgesehen, die man besonders hoch hält) in Werbung und Spielfilm haben: das brave, optisch perfekte Beistellweibchen, das sofort Norm wird für alle die Frauen, die man – aufgrund „optischer Mängel“ – niemals im Fernsehen sehen würde.

Die Verachtung der Schwachen?

Ja – da sind wir wieder bei Florida Rolf und jenen 14 Millionen Menschen, die schon mal verhartzt wurden: die „Fremden“, die, die nicht in die feine, reiche Großstadtgesellschaft passen und sich weigern, für den Kaviar des Chefredakteurs für drei Euro die Stunde zu arbeiten. Wie gehen wir um mit unseren Schwachen – von den Finanzschwachen mal abgesehen? Wie mit unseren Kindern – im kinderfeindlichsten Land Europas? Mit unseren Alten – die wir nicht schnell genug ins Heim stecken können, so wie wir auch unsere Kranken gerne aus der Gesellschaft ausgliedern und sie in möglichst großen Häusern lagern? Den Obdachlosen, die ihre Körper für Wärme, eine Dusche und eine kleine Mahlzeit verkaufen müssen, wenn sie nicht erfrieren wollen, den Kindern, die immer früher in die Fänge einer schlecht ausgebildeten Massenkinderhaltung kommen, dort auf Höchstleistung getrimmt werden, um ganz sicher mit Anfang vierzig völlig ausgebrannt zu sein – während sie in unzähligen Gratispraktika fleißig Personalkosten sparen halfen? Jene Kinder, die wir in einem völlig veralteten, hochselektiven Schulsystem aus der Kaiserzeit festhalten, in maroden Gebäuden unterrichten von Lehrern, die oft kaum über die menschliche Qualifikation von Henkern hinauskommen. Wer Verachtung von Schwachen in der Gegenwart nachspüren möchte, googele einfach mal den Begriff „sozial schwach“, der an sich schon eine faschistoide Monstrosität ist: wer arm an Geld ist, kann ohne weiteres Mutter Theresa, Albert Schweitzer oder Martin Luther King sein; wirklich sozial schwach ist da eher unsere „Elite“.

Die Verherrlichung der Starken?

Nun – nichts leichter zu beweisen als das – einfach mal schauen, wer als Gegenpol für die Verachtung der Schwachen herausgearbeitet wird: all´ jene, die auf großem Fuße auf Kosten anderer leben, werden angepriesen als seien sie Moses selbst, der mit coolen Anlageoptionen vom Berge herab steigt. Wer Millionen oder gar Milliarden sein eigen nennt, ist gut – egal wie der das Geld gemacht hat. Fussballspieler, die nur aufgrund von seltsamen Verträgen mehr Geld bekommen, als eine Krankenschwester jemals in ihrem Leben verdienen könnte, Fernsehstars, die in Schlössern wohnen, die selbst die gesamte Belegschaft eines Betriebes nicht finanzieren könnte, Politiker, die sich permanent laufend selbst die Diäten erhöhen und in einem Monat soviel Steuergeld davon tragen wie ein Arbeitsloser in sieben Jahren, Manager, die nichts anderes machen als beständig immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern zu verteilen – zu Löhnen, von denen man in der Großstadt keine Familie ernähren kann: all´ das sind unsere Helden, unsere Träger des Bundesverdientskreuzes und vielfältiger „Preise“, die man unter sich verteilt, um sich noch mehr zu erhöhen. Wer mehr hören will: einfach mal den Begriff „Leistungsträger“ im Sprachgebrauch der aktuellen Politik betrachten – schon hat man genug Material.

Die Wut auf die Eliten, die man angeblich hinwegfegen will?

Oh – hier wird es schon kompliziert, denn: auf die echten Eliten dieses Landes ist niemand wütend. „Elite“ stammt von den „auserlesenen“, den „besonderen“, den Menschen, die aus der „Masse“ herausragen, früher nannten wir sie die „Edlen“, für sie wurde dieser Begriff gebildet, der später zum „Adel“ degenierte; mit dem Begriff zollte man jenen Wesen bzw. Seelen Respekt, die sich selbstlos für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einsetzten, die unablässig die Botschaft der Menschlichkeit predigten und lebten, jene Seelen, die fern der Dogmatik beständig mit einer unfassbaren Wahrheit rangen um weise Urteile zum Wohle aller zu fällen, ohne dass irgendjemand dabei irgendwo herunterfiel: ihnen sollte – so die griechische Philosophie – die Königswürde als Philosophenkönig gereicht werden; wir finden sie heute allerdings nicht im Regierungsamt, sondern in den Altenheimen, Krankenhäusern, in der Obdachlosenbetreuung, der Kinderhilfe und an allen anderen karitativen Orten – oder einfach als Hausfrau in der Familie, während wir aktuell auf „Eliten“ stoßen, die sich sebst so definieren, weil sie wirtschaftliche oder politische Macht haben – als würde ein Charakter dadurch edel werden, dass er sich eine Machtposition erschlichen oder Geld geeerbt hat. Wer hätte nicht das Recht auf „gerechte Wut“ oder zumindest ausufernden Ekel vor jenen „Eliten“? Doch das „Wegfegen“ … ist nicht die Methode der Wahl echter Eliten. Zu unglaubhaft? Wer hat Wut auf unsere Musiker, unsere Denker, unsere Bildhauer, unsere Literaten, Dichter, Maler oder Modeschöpfer, deren elitäre Funktion in der Gesellschaft es ist, das Bewusstsein selbst zu schulen und ständig zu erhöhen? Sehe niemanden, der sie hinwegfegen will, aber genug, die sie durch Geldmacht formen und normen wollen. Oder ist jemand wütend auf Schreiner, Maurer, Dachdecker, Kanalarbeiter, die Müllabfuhr, die Feuerwehr, den Rettungssanitäter, den Elektriker oder den Heizungsmonteur, deren Arbeit garantiert, dass wir überhaupt unsere Art von Zivilisation leben können – und die allein deshalb schon zur Elite gehören?

All das ist Faschismus, sagt Herr Augstein – und ich gebe ihm Recht. Doch jener Faschismus regiert in Washington, Brüssel und Berlin – ganz ohne Trump … und schon zu Zeiten, als der noch pleite war. Und die Reaktion auf diesen Faschismus folgt nach den gleichen Mustern, die wir im Dritten Reich beobachten durften: es bedarf eines starken Mannes, der schnell und entschlossen handeln kann, um den Filz des Faschismus zu beseitigen … nur erfüllt nicht jeder dahergelaufene österreichische Aktmaler die Bedingungen, die so ein starker Mann erfüllen müsste, um erfolgreich zu sein und nicht nur als Marinotte der Erbfaschisten in Wirtschaft und Adel herum zu zappeln. Das ist die logische Konsequenz aus der gestellten Aufgabe: selbst die demokratischen Indianervölker wählten einen Kriegshäuptling, weil der Krieg effektive, kurze und schnelle Kommunikation erfordert, wenn man ihn gewinnen will: das sind Forderungen an Kriegsführung, die wir seit Jahrtausenden kennen – und in der Geschichte regelmäßig beobachten können: es ist die Geschichte König Artus´, der dem Land Frieden brachte, weil der die mächtigen Familien bezwang, die das Land ausbluten ließen.

Leider ist der gerechte König nur ein Traum – wie auch der Philosophenkönig – weil wir inzwischen wissen, dass Macht Menschen defomiert … weshalb wir unsere selbsternannte Elite ja nicht „hinwegfegen“ wollen … sondern nur therapieren und auf ein menschliches Maß zurückführen, ein Maß mit deutlich mäßigerem Verbrauch als jetzt. Und deshalb … kann ich Herrn Augstein auch nur Recht geben: der Faschismus ist nicht mehr aufzuhalten, denn die „Eliten“ werden uns schnell einen „Kriegshäuptling“ präsentieren, der verführerisch die alten Versprechungen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wahr zu machen verspricht – uns aber nur schneller in den Untergang führen wird. Die Zeit ist reif für einen neuen „Führer“ – am besten natürlich einen „Milliardär“ – der allein aufgrund seiner Finanzmacht Stärke demonstriert und verspricht, alles wieder „heil“ zu machen – doch letztlich wird man nur wieder sehen, dass er sich versprochen hat bei seinen Versprechungen.

Was helfen würde?

Ein neuer Gandhi. Kenne persönlich Abiturienten, die noch nie von ihm gehört haben. Jemand, der sexuelle Energie in spirituelle umwandelt, um sich ganz politischer Arbeit widmen zu können, ohne von der Macht korrumpiert zu werden.

Undenkbar?

Es gibt genug davon. Einem jener wahrhaft Edlen habe ich persönlich mehrmals erleben dürfen: Eugen Drewermann. Andere finde ich im Alltag zu Dutzenden, gleich hier im Dorf – in all jenen Berufsgruppen, die im Parlament kaum auftauchen. Auf Facebook – jenem „Hassmedium“ – fand ich schon hunderte von ihnen, viele davon gehörten zur „Kaste der Unberührbaren“, den Hartz IV-abhängigen, die – gestählt durch Not – ein erstaunlich hohes, unkorrumpierbares ethisches Niveau erreicht haben.

Denkbar – wäre es schon. Nur: in der Flut der medialen Dauerbeschallung, die rund um die Uhr Dummheit als höchstes Gut predigt und absoluten Gehorsam gegenüber den „Intellektuellen-Idioten“ (hierzu siehe NZZ) als erste Bürgerpflicht bewirbt, werden sie keine Chance haben, Mehrheiten zu bilden – obwohl die Mehrheiten durch sie gewinnen würden: exakt jene 99 Prozent, denen der herrschende Faschismus gerade das Leben stiehlt (…ja, da sind auch 9 Prozent jener Funktionselite drunter, die kaum noch Leben haben, weil sie perfekt im Dienste ihrer Herren funktionieren müssen, um dabei bleiben zu können).

Doch lieber – werden wir Faschismus in neuer Gestalt und Form erleben, einen Faschismus, der schon jetzt millionenfach Leben stiehlt – hier und heute in Deutschland – und den Tod in kleinen Raten bringt: als Tod der Hoffnung, Tod der Menschenwürde, Tod der Gestaltungsfreiheit, Tod der Freude, der Güte und der Lebenslust, Tod der Gesundheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit, der Reisefreiheit, der Menschenliebe, der Sicherheit und Geborgenheit.

Habe ich da noch was vergessen?

Theologen wie Drewermann haben da einen deutlichen Vorteil, dies erkennen zu können: der Todesbegriff des alten Testamentes ist differenzierter als unsere moderne Definition – er kennt „Todesnähe“ als alarmierende Vorform des echten Todes in vielfältiger Gestalt in Form von Mangel jeder Art … und unser modernes Leben ist voll davon. Wir wissen das alle – und fliehen deshalb im Urlaub in Scharen aus dem Totenland, dorthin, wo noch mehr echtes Leben ist.

Oder irre ich da?

 

 

 

 

Eigentum ist Diebstahl und Aschenputtel ist überall: erste Schritte in die Freiheit

Dieser Satz wurde mal Rudolf Augstein vom „Spiegel“ zugeschrieben. Genau sagte er: Eigentum ist kein Fetisch, sondern legitimierte und verrebbare Räuberei.

(Quelle: Dagegen, Hörner/Jonas,  Eichbornverlag 2003, Seite 103)

Der Satz Eigentum ist Diebstahl stammt von Proudhun. Wenn ist diesen Satz höre, denke ich immer gleich: jetzt wollen die Kommunisten auch noch meine Plattensammlung. Andere, die das jetzt lesen, denken: jetzt will der Eifelphilosoph an mein Eigentum.

Beides stimmt.  Gerne würde ich jedem alles gönnen, aber leider sind bei der Verteilung Lumpen am Werk gewesen, weshalb wir über Eigentum noch einmal ganz von vorne nachdenken müssen.

Früher hatten wir mal ein Dorf.  Jeder hatte ursprünglich mal ein Dorf, denn Menschen sind nicht blöd und allein nicht überlebensfähig. China, Indien, Afrika … alles voller Dörfer, bewohnt von Stämmen.

Gehörte jedem alles?

Nein, natürlich nicht. Es gab Dinge, die wurden Menschen geschenkt um ihre Leistung zu würdigen. Ein besonderes Fell, ein besonderer Pfeil, ein hübsches Pferd … Dinge von echtem Wert, keine Orden a´la Held der Arbeit.

Manche bauten auch Zäune.  Je wilder die Tierwelt, umso wichtiger war der Zaun.  Eigentum wurde also deutlich gekennzeichnet. Eigentum? Nein. Kennzeichnung? Nein. Der Zaun sollte den Löwen von den Kühen fernhalten. Die symbolische Signalwirkung von Zäunen, die ja heutzutage überall herumstehen, war für den Löwen nur mit Mühe zu verstehen – und da er Hunger hatte und keine Lust auf Rätsel, hätte er sich um sie auch nicht groß gekümmert.  Für die, die Ackerbau betrieben, waren Zäune ebenfalls wichtig.  Zäune und Hunde. Gerne ging die Kuh auch mal ins Getreide um sich einen richtig schönen Tag zu machen, das war nicht im Sinne derjenigen, die mit Hilfe ihrer Arbeitskraft ein Feld geschaffen hatten.

Aber der Rest der Welt … war frei.

Tausende von Jahren später ist schon mal umverteilt worden. Wesen mit blauem Blut stiegen aus dem Dunkel der Geschichte hervor und riefen:

„Alles meins!“.  Unter Zuhilfenahme von Lumpengesindel, Waffentechnik und Burgenbau (auch heute noch eine gefährliche Kombination) erfanden sie etwas ganz Neues: „Besitzanspruch auf Land“.  Und dazu: Zins, Steuern, Pacht und was ihnen sonst noch so alles einfiel, um anderen die Früchter ihrer Arbeit zu stehlen.  Normalen gottesfürchtigen Menschen wäre das nicht in den Sinn gekommen.  Die Welt gehört Gott und damit allen, aber die Legionen Satans waren da anderer Meinung.

Aber selbst unter diesen Umständen hielt sich die gute Sitte, das Arme, Kranke, Witwen und Waisen ihr eigenes Vieh auf der Gemeindwiese halten durften, damit sie nicht verhungerten.  Erschwerten die Legionen Satans auch den Alltag, so war es für den Einzelnen doch kein Grund, unmenschlich zu werden.  Auf der Gemeindewiese steht heute ein Supermarkt.

Das wäre nicht weiter schlimm, denn die Gesellschaft hat einen Weg eingeschritten, der alle von dem biblischen Fluch der Arbeit befreien könnte.

Große Maschinen leisten überall Arbeit, mehr, als alle Menschen zusammen je könnten.

Puh„, sagt der Bauer, „Endlich Schluß mit der Plackerei. Ist ja auch für unsere Armen gut, jetzt kann ja endlich jeder genug haben, um nicht zu leiden„.

Ein sehr vernünftiger Mann, der Bauer.  Waren sie schon immer. Sie können sich Irrtümer nicht leisten, sonst überleben sie den Winter nicht.

Leider ist der Adel anders. Als Berufsstand, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat,  für immer und ewig von der Arbeit der anderen zu Leben, kann er natürlich nicht dulden,  das die Befehlspyramide ins Wanken gerät.  Erfunden wird: die  BESCHÄFTIGUNG. Völlig sinnfreie Tätigkeiten, mit denen wir heute zum Aschenputtel werden:

Eugen Drewermann: Die Geschichte vom Rumpelstilzchen spricht von einem Mädchen, das vom Vater einem König versprochen wird mit der Kunst, Stroh in Gold spinnen zu können. Und wenn dieses Kind das nicht schafft, wird es hingerichtet werden. Die Märchen der Brüder Grimm sind voll von Geschichten armer Leute, die auf sozialen Aufstieg hoffen, aber dabei Unglaubliches leisten müssten, viel mehr als sie vermögen. Das Märchen vom Rumpelstilzchen erzählt nun, dass es vielleicht sein kann, den Leistungsförderungen der Umgebung perfekt sich anzupassen, aber nur um den Preis des Opfers, der eigenen Gefühle, der eigenen Kindheit, der eigenen Persönlichkeit. Am Ende muss dieses Mädchen sich selber mit dem Kind, das es zur Welt bringt, versprechen einem Gnom, der ihm dabei behilflich ist, bei dem Kunststück, wie man aus Nichts Goldwertes schaffen könnte, behilflich zu sein, nur wenn man den Namen dieses Gnoms kennt. Zweierlei liegt in meinen Augen darin. Das Wirtschaftssystem, das wir heute haben, anerkennt überhaupt keine Werte mehr. Alles ist in den Händen des Kapitalismus wie Stroh. Brennende Urwälder, Elend in unglaublicher Form, die für nichts gilt, wenn man nur Gewinne damit einheimsen kann, und gleichzeitig aus diesem Nichtigen muss eben Gold gesponnen werden ohne Rücksicht auf die Menschen. Eine Geschichte, die über 190 Jahre alt ist, und doch so modern, wie sie nur irgend sein kann.

Vielleicht erkennt der eine oder andere in dem Gnom seinen Vorgesetzten wieder, doch diesen Gnom trägt man auch in sich selbst:

Heinemann: Wer spielt denn heutzutage die Rolle dieses Gnoms, dieses Rumpelstilzchens?

Drewermann: Ich denke alle Gefühle, die wir opfern müssen, um Karriere zu machen, lassen sich repräsentieren in diesem Zwergenwesen unserer selbst, in dieser Homunkulusgestalt, die immer trickreich ist, immer fleißig, jede Nacht durcharbeitet. Die Müllerstochter, die hoffte auf diese Art Karriere zu machen, muss nach und nach alles von sich opfern. Wie viele Frauen vor allem kenne ich, die an Gicht leiden, an Arthrose unter dem Dauerstress, in den man sie gestellt hat, um Beruf und Familie, um Karriere und Kind miteinander unter einen Hut bekommen zu können. Sie leiden endlos und sie opfern ständig. Sie sind am Ende mit 50 so ausgebrannt und leer, dass sie kaum noch wissen wofür sie existiert haben. Die Kinder sind schon wieder aus dem Hause, aber sie haben sie kaum kennen gelernt. Was das Märchen vom Rumpelstilzchen dabei sagen kann sind dringende Warnungen. Höre auf dein Herz und lass dich nicht ein auf einen Pakt, der in den Märchen sonst beschrieben wird als ein Pakt mit dem Teufel. Man kann dabei sehr reich werden, verliert aber seine Seele.

Und da stehen wir nun: angepaßt, leistungsorientiert, in Kenntnis aller Dinge, die „man“ machen muß. Obwohl Maschinen uns die Arbeit abnehmen, haben wir weniger Zeit als zuvor.  Unsere Großeltern kannten noch die 60-Stunden-Woche … sechs Tage a´ zehn Stunden.

Viele von uns wären doch froh, wenn sie das hätten! Nur noch sechzig Stunden arbeiten. Offiziell arbeiten wir weniger, das stimmt.  Aber dann haben wir zusätzlich soziale Zwänge erschaffen, die uns erwürgen.  Wir feiern uns zu Tode, da unsere Feiern den Ansprüchen des Adels genügen müssen, wir aber kein Personal haben, das die Feiern für uns gestalten sind wir …. sehr beschäftigt. Weihnachten, Ostern, Geburtstage, Karneval, Halloween … und wer Kinder hat, bekommt noch einen dicken Packen oben drauf.  Unser eigenes kleines Rumpelstilzchen hat uns voll im Griff.

Frühere Generationen wußten das … und erzählten sich deshalb Märchen, um sich zu warnen. Frühere Generationen wußten sogar, das Eigentum Diebstahl ist, denn der Eigentumsanspruch auf LAND ist der Eigentumsanspruch auf alle Gewächse, die dort ohne Zutun des Menschen wachsen. Er ist der Anspruch auf das Essen der Menschheit, der so absurd ist wie der Anspruch auf die Luft.  Wir brauchen Tiere, um uns zu erinnern:

Drewermann: Die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten ist in aller Munde des berühmten Satzes wegen „was besseres als den Tod findest du überall“. Aber die wirkliche Weisheit dieser Geschichte, die Revolution, die in ihr liegt, besteht in der Feststellung, die jedem sonnenklar sein könnte und dennoch stets verschwiegen wird, dass ein Wirtschaftssystem nicht Recht haben kann, das Menschen festlegt und überhaupt nur leben lässt durch ihre Leistungsfähigkeit, durch die Effizienz ihrer gesellschaftlichen Aktivitäten. Und das erleben zumindest die alt gewordenen spätestens. Die Geschichte ist deshalb überraschend, weil die Hausbesitzer entlarvt werden als Räuber. Eigentum ist Diebstahl. Und die Räuber, die da im Hause sitzen und sich vollprassen und mästen, anerkennen in ihrem Unbewussten, dass sie Diebe sind. Der Hahn, den sie hören, oben auf dem Dach, nachdem die Tiere das Haus besetzt haben, erscheint ihnen wie der oberste Richter, der schon die Festnahme der Schelme in Auftrag gibt, und sie wagen nicht mehr zurückzukehren. Das ist wirklich märchenhaft, dass mal eine Revolution sei, die nicht sofort wieder von der Gegenrevolution kassiert wird wie etwa Allende durch Pinochet.

Es ist etwas, dessen wir uns erinnern müssen.  Unsere Kinder brauchen Märchen, weil Märchen eine Tiefenstruktur haben, die der Germanist nicht mehr erfassen kann. Märchen sind Philosophie in Bildern….und deshalb sie sind wahr. Und so ist es sinnvoller, nicht auf die Partys der Seelenlosen zu gehen, sondern sich mit den Nachbarn über eine dringend notwendige Bodenreform zu unterhalten. Die Lumpen haben es in der Tat gewagt, die Gemeindewiese zuzubetonieren und jetzt wollen sie der armen Witwe, die sich so aufopferungsvoll um die Waisen und Behinderten im Dorf gekümmert hat, auch noch das Geld wegnehmen, das ihr Ersatz war für ihr Recht, ihr Vieh auf dem Gemeindeland weiden zu lassen.

Diese Geschichte stinkt zum Himmel! Und wir alle machen uns des Mordes schuldig, wenn wir tatenlos zusehen. Suchen wir also mal nicht nach einer neuen Möglichkeit zum Feiern, schmeißen wir eher mal ein paar Feste ´raus oder gestalten sie viel einfacher.  Unsere Hartz IV-Witwen und Waisen können sich keine aufwendigen Geschenke erlauben, wir beschämen sie durch unsere Kultur – und das ist ein Übel, das WIR in die Welt setzen.  Es wäre schon ein gutes Zeichen, die materielle Geschenkekultur abzubauen. Das tut keinem weh und bringt vielen Nutzen. Den Kindern … kann man auch so nebenbei was schenken. Und je mehr wir uns diesem Terror entziehen, umso freier werden wir, umso schwächer wird jener kleine Terrorgnom in uns, der uns durchs Leben jagt – und jener Gnom gilt als erstes entsorgt.  Sein Weg bringt uns in eine unglaubliche Armut: die Armut der Seele.  Wir werden wie Wesen, denen man Augen und Ohren nimmt,  damit sie nur weiter kräftig das Mühlrad treten können. Was bringt mir dann der ganze Reichtum, wenn ich keine Muße habe, ihn zu genießen und der Traum vom Eigenheim zum Alptraum wird?

Heinemann: Aber Stichwort Aktualität. Nicht jeder, der mit Mühe sein Eigenheim abstottert für seine Familie, ist doch gleich ein Dieb.

Drewermann: Das mag sein und man hat sicher nichts zu sagen gegen die kleinen Leute, die versuchen, in diesem System zurecht zu kommen. Aber Adornos Satz gilt natürlich: Man kann im Verkehrten nichts Richtiges machen. Wir alle sitzen in einer Tretmühle, an deren Rändern 50 Millionen Menschen jedes Jahr an Hunger sterben. Wir könnten für 20 Milliarden Euro, die Hälfte des Wehrhaushaltes der Bundesrepublik, allen Menschen Zugang zu Trinkwasser schaffen. Wir könnten ungefähr für die gleiche Summe die Slums um die Großstädte der Welt auflösen. Sao Paulo, Rio, Bombay einmal vorgestellt ohne Slums. Wir könnten wirklich etwas tun für den Frieden, für die Einheit der Menschen, für eine Globalisierung der Humanität und der Verantwortung und genau das Gegenteil tun wir. Die kleinen Häuslebauer müssen alleine für die Kredite, die sie aufnehmen, endlose Zinsen zahlen und wieder mästen sie dabei die schon Reichen mit überflüssigen Abgaben und werden dabei immer ärmer.

(Quelle Drewermanninterview: Deutschlandfunk)

Und wenn wir den inneren fiesen Gnom erschlagen haben und uns aus den Ketten der Zeitdiebe befreien konnten … sollten wir uns mal wieder Gedanken über eine Bodenreform machen. Der Boden … gehört uns allen.  Wie die Luft und das Sonnenlicht.  Wenn ich jedoch … in manche Fabriken hineinschaue, in manche geschlossene psychiatrische Anstalten oder manche Großraumbüros so sehe ich, das man schon jetzt anfängt, Menschen sogar noch Luft und Licht wegzunehmen.

Hätte man das wiederum den Gebrüdern Grimm erzählt … sie hätten es nicht geglaubt.  Die Geschichte unserer Welt könnten wir diesen Herren nur als Märchen vorstellen:

„Und einst kam der Fürst der Finsternis auf die Erde und alles wurde öde, wüst und leer.  Baum, Strauch und Tier wurden getötet, die fruchtbaren Felder mit hartem Stein überzogen auf denen metallene Wölfe Jagd auf Menschen machten.  Überall war ein Lärmen und Tosen, und Gifte in Wasser und Luft, so das die Menschen einsam Zuflucht in ihren kleinen Höhlen suchten – außer jenen, die dem Feind des Lebens dienten, sie bekamen Paläste die umso größer waren,  mehr Land und Leben sie selbst zu vernichten bereit waren“.

(Quelle: Eifelphilosophs Reiseberichte aus der Stadt)

Und jetzt … müssen wir uns nur noch überlegen, wie das Märchen weitergehen soll.  Wie soll unser Held sein … und wie sein erster Schritt?

Wie er aussieht weiß ich schon.

Schaut in den Spiegel, dort seht ihr ihn.

Ob er gewinnt oder versagt, entscheidet nur ihr selber.

Ach ja, und eins noch: der König ist schon tot. Aber seine Höflinge haben sich sprunghaft vermehrt und sind zur Plage geworden.

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