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Das Recht auf Faulheit und die Gesellschaft der Zukunft

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Freitag. 4.12.2015. Eifel. Ja – da gab es mal einen deutschen Führer. So einen Kanzlertyp. Der hatte eine ganze Gang hinter sich – auch Rocker, über drei Ecken, die das Zuhältmillieu in seiner Heimatstadt bildeten und bei einem engen Freund ein- und ausgingen, bei dem der Kanzler gelegentlich übernachtete, wenn die alte Ehefrau wieder mal ausgedient hatte. Der Geschichte ist dieser Kanzler vor allem durch einen Satz bekannt. Nein – nicht „Arbeit macht frei“. Das war einer seiner Vorgänger – aber in die Richtung ging das Zitat: „Es gibt kein Recht auf Faulheit„.

Kaum einer fragte sich, was das eigentlich sei: die Faulheit. Nun – ich kann es Ihnen zeigen: kaufen Sie sich mal ein „Lifestyle“-Magazin. Sie finden dort keine schwer arbeitenden Menschen auf der Ackerscholle, sondern sich in der Sonne räkelnde Faulenzer. Zig Millionen Deutschen gelten sie als Vorbild: wann immer sie mal frei haben, vernichten sie großflächig Umwelt um wochenlang geist- und sinnlos an Stränden des Mittelmeers, des Pazifiks und Atlantiks herum zu hängen – nicht um Land und Leute kennen zu lernen, um andere Lebensweisen und Kulturen zu studieren, ihre Strategien zur Lebensbewältigung zu erforschen, sondern einfach nur um faul am Strand zu liegen und absolut nichts zu tun. Die ganze Elite der Gesellschaft strebt nach dieser Lebensweise – gerne auch auf der eigenen Yacht oder der eigenen Insel.

„Fete und Fun, Champagner und Harald Schmidt heißt das Credo der konsumorientierten Leistungsbürger, und niemand möchte sich dabei von vier Millionen Arbeitslosen stören lassen, die scheinbar nie verschwinden wollen, obwohl die Wirtschaft doch so boomt“ (siehe Spiegel).

Der Siegeszug einer 700 Billionen-Euro-Blase an Derivaten – zehn mal soviel, wie der Wert aller Waren und Dienstleistungen der Welt in einem Jahr zusammengenommen – beruht nur auf dem Wunsch, Geld für sich arbeiten zu lassen, damit man selber nicht mehr arbeiten muss und Zeit hat für die gigantische Spaßindustrie, die auf niedrigstem Niveau dunkelste Triebe bedient, um ja keinen Geist aufkommen zu lassen.

Seltsam nur: zu Anfang des Jahres überraschte das Manager-Magazin mit einer unheimlichen Nachricht: sieben Gründe wurden aufgeführt, warum faule Menschen erfolgreicher sind. Unter anderem wurde Bill Gates – mal reichster Mann der Welt – zitiert, weil er lieber faule Menschen einstellt, um seinen Konzern erfolgreich zu machen (siehe Manager-Magazin):

„Kein geringerer als Bill Gates wird von Medien zitiert mit den Worten, er würde immer eine faule Person einstellen, um einen schwierigen Job zu machen. Denn faule Menschen würden einen einfachen Weg finden, um die Sache zu erledigen.“

Faule Menschen ermöglichen einen Höchstgrad an Effizienz, „Arbeit für den Papierkorb“ – Hauptbeschäftigung der meisten Mitarbeiter in Konzernzentralen – ist ihnen fremd.

„Faule Menschen sind häufig in der Lage, Aufgaben in sehr kurzer Zeit zu erledigen.“

Ich merke: manche Leser kriegen jetzt schon Schnappatmung. Man weiß ja, worauf das hinausläuft: der russischer Sender RTDeutsch hat das ja kürzlich auf den Punkt gebracht – in einer beispiellosen wehrkraftzersetzenden Attacke auf unsere Arbeitsmoral (siehe rtdeutsch):

„In einem aktuellen Debattenbeitrag fordert David Spencer, Professor für Wirtschaft und politische Ökonomie, die Ausweitung des Wochenendes. Drei, besser noch vier Tage in der Woche sollten der persönlichen Entfaltung, für Hobbies und zum Ausruhen vorenthalten werden“

Ungeheuerlich, oder? Wo kämen wir dahin, wenn wir uns vier Tage die Woche selbst entfalten würden?

Nun – diese Frage stellen sich natürlich in erster Linie die Menschen, die „ihr Geld für sich arbeiten lassen wollen“. Ein fieser Spruch – und eine böse Lüge: Geld kann gar nicht arbeiten. In Wirklichkeit wollen sie andere für sich arbeiten lassen: nur so ist richtig fetter Reichtum möglich, das weiß man seit den Sklavenhaltergesellschaften im alten Rom – und seit den Erfahrungen der Unternehmer im amerikanischen Bürgerkrieg weiß man auch, dass es viel effizientere Formen der Sklaverei gibt als die Sklavenhaltung selbst, wo der Sklavenhalter noch für Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Versorgung selbst sorgen musste. Viel günstiger ist es, hier nach „Freiheit und Selbstverantwortung“ zu rufen … und dann Löhne zu zahlen, die es unmöglich machen, Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Versorgung erwirtschaften zu können – da bleibt dann ein ordentlicher Gewinn über.

Jenen, die sich faul auf den Decks ihrer Megayachten räkeln ist völlig klar, wohin das Recht auf Faulheit für alle hinführen würde: sie müßten selber wieder arbeiten, anstatt durch die Arbeit ihrer Rechenmaschinen an den Wettbüros der Börsen automatisch jedes Jahr völlig gratis eine fürstliche Versorgung garantiert zu bekommen. Auch der Kanzler fürchtet sich: das Recht auf Faulheit für alle versteht er völlig zurecht als Griff nach seinen Diäten – Arbeit droht!

Andere für sich arbeiten zu lassen – das wissen wir – ist ungerecht. Zahlt man einen gerechten Ausgleich für die Arbeit, bleibt man selber arm, tut man es nicht – ist man ein Betrüger. Unsere Elite hat sich für das Betrügertum entschieden, um der Arbeit völlig zu entsagen: tagen sie auf Kosten anderer in teuersten Hotels bei luxuriösester Speise, so ist dies „Arbeit“ … und davon machen sie gerne viel. Tagt der Arbeitslose auf eigene Kosten im Vereinsheim bei selbstgemachtem Kartoffelsalat, um den Tanzverein der Kinder am Leben zu erhalten, so ist das Faulheit und arbeitsfremdes Verhalten.

Dabei – ist diese Faulheit auch für den „kleinen Mann“ sehr wichtig. Das erkannte schon ein Revolutionär des 19. Jahrhunderts (siehe den Soziologen Lessenich im Standard):

Das Recht auf Faulheit ist eine polemische und provokative Umschreibung eines zunächst ziemlich reformistisch anmutenden Gedankens, nämlich einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung. Im Grunde genommen ist die Idee schon 1883 bei Lafargue: Es wird so viel produziert, dass es eigentlich reichen würde, um bei angemessenen Verteilungsstrukturen alle Menschen dieser Gesellschaft mit einem Einkommen zu versorgen, das ihnen den Lebensunterhalt sichert – und vielleicht noch etwas darüber hinaus.

Ja- bei angemessenen Verteilungsstrukturen könnten wir alle faul wie die Reichen und der Kanzler sein. Hat jedoch die Regierung bei der Konstruktion dieser Verteilungsstrukturen Fehler gemacht, hat vergessen, dass alles Geld primär der Gemeinschaft der Bürger und nicht dem Räuber (also: dem „Privatmann“) gehört, so haben wir wieder die Verhältnisse römischer Galeeren: damit der Konsul Wasserski fahren kann, müssen alle äußerst fleißig sein – und genug ist es nie.

Lauschen wir nochmal dem Soziologen Lessenich:

Lafargues Kritik an der Arbeiterbewegung ist, dass sie sich zum Instrument einer bürgerlichen Arbeitsethik machen lässt, die letztlich darauf beruht, andere für sich arbeiten zu lassen.

Unsere gute, alte, bürgerliche Arbeitsethik – von Grund auf kriminell? Aber: wie sollen wir denn leben ohne unsere Restaurants, unser Taxifahrer, unsere Handwerker, unsere Putzfrauen, unsere Komödianten und musikalischen Hofnarren? Wie sollen wir uns denn noch als Könige fühlen – wenn uns niemand mehr dient und bedient?

Wissen Sie eigentlich noch, wie sich der frühe Marx das Leben der Zukunft vorgestellt hat? Die Zeit erinnert daran (siehe Zeit):

„Ähnliche Gedanken finden sich auch noch beim jungen Marx, der eine Gesellschaft zeichnet, die es dem Individuum ermöglicht, „heute dies, morgen jenes zu tun, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe – ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Er zögerte nicht, ausdrücklich von einer „Aufhebung der Arbeit“ zu sprechen.“

Sie erinnert aber auch daran, wie der „real existierende Sozialismus“ zum Instrument der Sklavenhaltergesellschaft wurde, weil auch der Funktionär wusste, wie seine Bezüge erwirtschaftet wurden:

„…das theoretische Organ der Kommunistischen Partei der Sowjetunion „Kommunist“ hat sie (also: die Vorstellungen des jungen Marx) noch im August 1960 als „unintelligent“ und „spießbürgerlich“ diffamiert!“

Man sieht: die Kommunistische Partei ist von Kanzler Schröder (oder seinem Vorgänger) gar nicht weit entfernt – eigentlich überhaupt nicht. Zum Wohle der Regierenden hat man unten zu schuften: Wasserski mit einer Galeere verlangt den vollen Arbeitseinsatz der Mannschaft – auch bei den „Roten“. Manche sitzen aber auch einfach nur gerne oben in der Sonne und freuen sich über den Gedanken an die hunderte, die unter ihnen im Dunklen schuften.

Wussten Sie übrigens, dass Faulheit an sich nicht schlecht ist? Sie ist sogar eine wichtige Voraussetzung für unsere Wettbewerbsfähigkeit – in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland sogar DIE wichtigste Voraussetzung (siehe Zeit):

Dabei wissen Philosophen längst, dass Geist und Seele schöpferische Pausen brauchen. Nun wird diese Weisheit auch von der Wissenschaft entdeckt. Hirnforscher und Psychologen zeigen, wie wichtig Auszeiten und Momente des Nichtstuns sind: Diese fördern nicht nur die Regeneration und stärken das Gedächtnis, sondern sind geradezu die Voraussetzung für Einfallsreichtum und Kreativität, vor allem aber für das seelische Gleichgewicht.

Ja – hören Sie mal, was kreative Menschen wirklich auszeichnet (siehe Huffingtonpost):

Kreative Menschen wissen, dass Tagträumerei alles andere als Zeitverschwendung ist, auch wenn ihre Lehrer ihnen etwas anderes gesagt haben.

Laut Psychologin Rebecca L. McMillian, Ko-Autorin des Aufsatzes „Ode an das konstruktive Tagträumen“, kann das Durchwandern von Gedanken den Prozess der „kreativen Inkubation“ fördern: das heißt Ideen können geboren werden. Und viele von uns wissen, dass die besten Gedanken meistens aus dem Nichts kommen, wenn wir mit unserem Geist eigentlich irgendwo anders sind.

Tagträumerei mag manchen sinnlos erscheinen, jedoch zeigt eine Studie von 2012, dass sie eigentlich hohe Intelligenz voraussetzt. Tagträumerei festigt im Gehirn Verbindungen und erzeugt Erkenntnisse. Neurowissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass Tagträumerei die gleichen Vorgänge im Gehirn auslöst wie Vorstellungsvermögen und Kreativität.

Diese Faulenzer: immer auf dem Weg zum nächsten Nobelpreis. Nur für uns Deutsche gilt: wir haben kein Recht auf Kreativität, Genialität, Einfallsreichtum … und kein Recht auf seelisches Gleichgewicht. Haben Sie sich schon mal gefragt, wann die letzte bahnbrechende Erfindung aus Deutschland kam? Wir waren mal die Apotheke der Welt – Medizin kam aus Deutschland. Heute … sind wie nur noch Meister in Apothekenpreisen – aber von denen führen viele Faule ein fürstliches Leben. Aktuell … verlieren wir sogar die Fähigkeit, einen einfachen Flughafen zu bauen.

Nun – es ist bald Weihnachten. Ich fand da eine Predigt aus dem Jahre 2009, eine Predigt, die sich als ein „Lob auf das Nichtstun“ versteht (siehe Muenster):

„Es hat den Anschein, als dass in der neapolitanischen Krippe die weihnachtliche Geburtsszene nur ein Mauerblümchendasein fristet. Im Grunde kümmern sich die unzähligen bunten Gestalten des städtischen Lebens nicht im Mindesten um das heilige Ereignis. Geschäftig kreist man um sich selbst und die Nachbarn. Ganz Neapel nimmt nichts vom Weihnachtsgeheimnis wahr… Ganz Neapel? Nein! Ein Unbeugsamer ist da, der sich dem emsigen Trubel von Handel und Wandel verweigert. Es ist der sogenannte Nullafacente, der Nichtstuer.
Er, Faulenzer von Natur und Beruf, hat nichts zu tun. Er kann sich ganz der Betrachtung hingeben. Er schaut auf die Krippe und das neugeborene Kind. Sein Blick ist der Blick der Meditation – und eben nicht der des Handels. Seine Haltung ist die der Anbetung– und eben nicht die des Palavers.“

Ja – das heiligste Ereignis der westlichen Menschheit … wie jedes Jahr nur gewürdigt, geschätzt und begriffen von den Nichtstuern. Die andern müssen dafür warten bis zu ihrem Tod. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, was Sie am Meisten bedauern werden, wenn Ihr Exitus in den nächsten Minuten bevorsteht (was sehr schnell geschehen kann – und mit absoluter Sicherheit in Ihrem Leben eintreten wird)? Eine australische Krankenschwester hat das mal zusammengefasst (siehe Tagesanzeiger):

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“

„Ich wünschte, ich hätte nicht soviel gearbeitet“

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken“

„Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben“

„Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“.

Der Faulenzer – meditativ, kreativ, erfinderisch wie er ist – kommt auf diese Gedanken schon früher, schneidet sich – unbeugsam und rebellisch wie der nun mal ist – eine dicke Scheibe vom Leben ab, das die Lumpenelite allein für sich selbst gepachtet sehen will. So hat er eine gute Chance auf ein erfülltes Leben – und einen friedlichen Tod.

Die Natur hatte eigentlich schon alles für uns trefflich eingerichtet: 3-4 Stunden Arbeit am Tag – soviel war nötig, um in der Natur zu überleben. Hausarbeit war da schon mit eingerechnet. Wochenarbeitszeit von 21 Stunden: das ist das absolute Maximum dessen, was man der biologischen Entität Mensch zumuten darf: alles andere wäre ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und wie wir von Bill Gates wissen, schaffen die Faulen in dieser Zeit wesentlich mehr als die „leidenschaftslosen Pflichterfüller“, die wir derzeit in Massen an unseren Schulen erziehen (siehe Professor Gerald Hüther in Horizonworld)

Wir wissen also, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen muss: das Recht auf Faulheit muss Grundrecht werden, damit wir wieder eine Chance haben, zu den führenden Problemlösern dieser Welt zu gehören. Stattdessen haben wir eine Gesellschaft, in der der Staat den Zwang zur Arbeit (ein Gegenteil zum Recht auf Nichtstun) durch die Agenda 2010 eingeführt hat – eine Agenda, die viele Freiheitsrechte beschneidet, die man nur durch Arbeit zurückbekommt: Arbeit macht frei, sagte ja mal ein Kanzler, der heute als Inbegriff des Bösen schlechthin gilt.

Ich höre wieder Schnappatmung und tausend Fragen.

Wer soll das bezahlen – ist die Frage, die am lautesten durchdringt.

Hier sei daran erinnert, dass jeder … wirklich JEDER … nur Geld hat, weil er es von anderen bekommt: der Arzt, der Wissenschaftler, der Ingenieur, der Kanzler, der Pfarrer, der Lehrer wie der Arbeitslose. Geld schaffen: das macht nur der Staat, also die Gemeinschaft der Bürger (und natürlich kriminelle Banker mit substanzlosen Krediten und irrsinnigen Wetten, doch das ist lediglich eine Verirrung der Moderne). Es ist nur eine politische Entscheidung, dass wir die Erziehungsleistung der Eltern und die Gesundheitspflege ihrer Kinder nicht honorieren, aus Lehrern und Ärzten aber reiche Menschen machen. Hier wirkt kein Naturrecht – wie das Recht auf Muße – sondern reine Willkür, die durch nichts zu rechtfertigen ist … außer durch die Gier der Geldempfänger.

Einen Haken gibt es aber – etwas scheinen wir vergessen zu haben. Wie sonst lassen sich folgende Beobachtungen in den Kreisen reicher Müßiggänger erklären – die ja nun wirklich noch nie als kreative Vorreiter einer kulturellen Evolution erkennbar waren (siehe nzz):

„Die moderne Tischgesellschaft, selbst unter sogenannten Akademikern oder Bildungsbürgern, ist die demokratisierte Fassung des antiken Gastmahls. Mit weniger Popanz, Inszenierung und Dekadenz zwar, aber ähnlich inhaltsleer und selbstbezüglich. Wir sitzen auf Rattan in überdekorierten Wohnzimmern, streicheln Apple, grillieren auf Weber-Fabrikaten von der Grösse eines Kleinwagens und ergehen uns sonst noch in Selbstbestätigung, gegenseitiger Anerkennung für Einrichtungsgegenstände und leicht dosierten Distinktionsgesten – so viel Bourdieu hat noch jeder internalisiert. Das Gesprächsniveau am Tisch verhält sich dabei oft indirekt proportional zur Höhe des Durchschnittseinkommens. Der klassische Bildungsbürger wird langsam abgelöst durch ein akademisch zertifiziertes, aber intellektuell desinteressiertes Diplom-Proletariat aus Ärzten, Juristen, Lehrern, Bankern und Ingenieuren. Wir haben uns in einen Zustand der Wohlstandsbehinderung hineinpäppeln lassen.“

Ist dies nicht der Gegenbeweis dafür, dass Faulheit Kreativität erzeugt? Oder ist es eher der Beweis dafür, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich der guten Gefühle kommt?

Nun – das wohlstandsbehinderte Diplomproletariat schmückt sich gerne mit unzähligen Statussymbolen, die Reichtum vortäuschen sollen, ist allerdings von der kreativen Faulheit weit entfernt: die beständige Arbeit an der Selbstoptimierung verdrängt jeden Gedanken an Muße und Faulheit, ein ästhetisch normierender Körperkult nimmt den ganzen Mann in Anspruch (siehe lernen aus der Geschichte):

„Wirklich, mit „Sir“ Rasir-Seife oder –Creme ist der böse Bart im Nu verschwunden. Besonders dankbar bin ich aber meiner fürsorglichen Frau, daß sie mir die höchst angenehme Nachbehandlungbeigebracht hat. „Sir“ Rasir-Wasser, wie fein entspannt und glättet es die Haut. Und dann wie eine zarte Liebkosung „Sir“ Rasir-Puder, er beruhigt und kühlt. Das ist ein Genuß!“

Reklame im Nationalsozialismus – jener urdeutschen Religion, die Zwangsarbeit zu Bürgerpflicht machte … und jedem Bürger zeigte, wie „man“ sich anzog, was „man“ hörte, was „man“ las, wie „man“ wohnte oder seinen Bart rasierte. Was habe ich dazu in einem aktuellen Spiegelartikel gelesen? Sehen Sie selbst (siehe Spiegel):

„Wir lesen dieselben Bestseller, pfeifen dieselben Hits, nutzen dieselbe Suchmaschine, tummeln uns im selben sozialen Netzwerk und schmieden die gleichen Karrierepläne. Und natürlich sehen wir im Fernsehen dieselbe Werbung, die Millionen Menschen individuelles Glück verspricht, sofern diese – aufgepasst! – alle das gleiche Duschgel, die gleiche Versicherung oder die gleiche Schlaftablette kaufen. Da weiß man, was man hat: ein Reihenleben im Reihenhaus.“

Erinnert an das geschäftige Treiben an der oben erwähnten neapolitanischen Krippe. Wir sehen: wir haben diesen Kanzler („Arbeit macht frei“) mit seinem Wunsch nach Normierung jeglicher Lebensäußerung des Individuums noch lange nicht hinter uns gelassen, seine gruseligen Fantastereien vom „optimierten Herrenmenschen“, dem natürlich mehr Ressourcen des Landes zustehen als dem „Pack“, sind immer noch sehr lebendig.

Aber wir wissen, wie unser Paragraph 1 der neuen Gesellschaftsordnung aussehen muss: „Die Würde des Faulen ist unantastbar“. Den Paragraphen haben wir heute schon … aber ich denke, es ist Zeit, ihn im Sinne der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte zu präzisieren, denn:

– der Faule wird zur effektiven Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme dringend gebraucht

– der Faule liefert uns jene Kreativität, die wir für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft brauchen

– der Faule strotzt nur so vor seelischer Gesundheit und entlastet die Krankenkassen

– der Faule verbraucht deutlich weniger Energie und:

– der Faule ist der Eckpfeiler eines die Demokratie begründenden wachen und aufmerksamen, souveränen Individualismus

Außerdem – ist er absolut kriegsuntauglich … und weist damit auf eine Welt, in der der „Ewige Friede“ Realität geworden ist.

Und ganz nebenbei weist er noch auf eine sicheren Weg zu Gott – falls man diesen Weg mal brauchen sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ohnmacht des deutschen Bürgers angesichts des Untergangs des Abendlandes?

Ohnmacht des deutschen Bürgers angesichts des Untergangs des Abendlandes?

Donnerstag, 16.1.2014. Eifel. Eine gute Nachricht für GEZ-Spender: endlich hat sich der Einsatz Ihres Geldes einmal gelohnt. Normalerweise subventionieren Sie mit ihren Beiträgen nur die Hofberichterstattung aus dem Kanzleramt oder befördern die Parolen von Partei und Wirtschaft – doch an manchen Monaten lohnt es sich, mal 17,98 Euro für eine 40-Minuten-Dokumentation auszugeben, obwohl man für das Geld auch einen Hollywoodblockbuster als Blue-Ray in Besitz nehmen könnte. Nun – Politik und Wirtschaft schleifen sich ihre „Journalisten“ normalerweise an privaten Journalistenschulen durch mehrjährige Probezeit und perfekter Gruppenkontrolle eng zusammen, um die zwei- drei Gestalten herauszusieben, denen man zutrauen kann, den Job im Sinne der Allianz von Regierung und Lobbyistenverbänden zu machen – aber manchmal kommt man immer noch nicht daran vorbei, zur Verblüffung der Öffentlichkeit Fakten zu präsentieren, die einem Normalbürger den Atem rauben würden. Darum sendet man so etwas ja auch um 22.45, wo der normale Bürger schon längst – wie ich – im Bett liegt.

Der Bericht kam am 13.1.2014 – wie gesagt, viertel vor Elf – im ARD als Beitrag der Reihe „Die Story im Ersten: Geld regiert die Welt„. Man erfährt dort etwas über Blackrock, den größten Finanzinvestor der Welt. 4 Billionen Euro beträgt sein Anlagevolumen – mehr als das Bruttoinlandsprodukt des deutschen Staates. Man erfährt, dass es nur noch 174 Firmen sind, die die gesamte Weltwirtschaft kontrollieren – eine überschaubare Menge, deren Chefs sich regelmäßig zu „Incentives“, Schulungen und Fortbildungen treffen, oder beim Gedankenausstauch beim Essen, beim Golf, auf dem Wohltätigkeitsball, dem Presseball oder der Oper.

Nein – das erwähnt der Film nicht, er pocht darauf, dass es keine Verschwörungen gibt – die Schulung der Journalisten durch private Träger macht sich halt bezahlt. Ich kenne Treffen dieser Art aus der Pharmaindustrie – sie finden auch auf niedrigem Level statt: zum Beispiel als Arbeitstreffen der Außendienstleiter jener Unternehmen, die öffentlich als harte Konkurrenten in einem Verdrängungsmarkt auftreten, sich aber nicht scheuen, gezielt Verabredungen zur besseren Kontrolle der Mitarbeiter zu treffen … und sich regelmäßig über Bewerbungen austauschen, die sie aus dem jeweils anderen Hause bekommen. Konzerne und Anteilseigner verdienen enorm bei diesem Geschäft.

Würde ich diese Treffen nicht kennen, so würde mir die Aussagen, dass der Chef von Blackstone „bestens vernetzt ist“ nicht weiter auffallen, so jedoch weiß ich, wie das System der „kleinen Gefälligkeiten“ funktioniert, das letztlich auch in Aufsichtsratsposten oder gut dotierten Beratertätigkeiten mündet. Es ist schon niedlich zu sehen, wie der Film versucht, jegliche Verschwörungsgedanken beiseite zu drängen, dann aber auf die vielen guten Beziehungen dieses Chefs bis hinein in die Spitzen der EU zu verweisen.

Warum investiert der Chef von Blackrock überhaupt in so ein Netzwerk … wenn er keinen Gewinn daraus ziehen kann?

Die Wirkungen dieser Beziehungen erfahren wir in Deutschland sehr schnell: kommt die Regierung auf die Idee, mal der Machtausdehnung der Finanzwirtschaft Grenzen zu setzen, liest man in den Wochen danach mit schöner Regelmäßigkeit von Massenentlassungen der DAX-Unternehmen, an denen Blackrock beteiligt ist: so steuert man Wirtschaft.

Zu weit gedacht?

Wikipedia beschreibt die Mechanismen anschaulich:

Blackrock investierte im Januar 2013 80 Millionen Dollar in Twitter (und macht den Dienst somit rund sieben Prozent wertvoller als Ende 2011). Insgesamt werde Twitter dadurch nun mit neun Milliarden Dollar bewertet, schreiben die Nachrichtenagentur Reuters und die britische Financial Times unter Berufung auf Insider

Eine Investition von noch nicht mal einem Prozent führt zu einem Wertzuwachs von sieben Prozent. Man stelle sich mal vor, was einem Unternehmen droht, wenn Blackrock sich mit lautem Getöse aus ihm zurückzieht: das wird kein angestellter Manager riskieren, weshalb die vielen Dax-Unternehmen den Teufel tun werden, sich dem Investitionsgiganten zu wiedersetzen … zumal der auch gute Beziehungen zu Ratingagenturen hat – was die Regierungen der Welt zusätzlich sehr vorsichtig weden läßt. Griechenland, Spanien, Italien und Portugal können ein Lied davon singen, was geschieht, wenn man sich den Zorn dieser Agenturen zuzieht.

„Netzwerken“ ist halt kein Selbstzweck, der aus Langeweile geboren wird, sondern der strategische Griff zur Macht in demokratisch geordneten Gesellschaften. Es gibt auch einen realeren Begriff dazu, der beschreibt, was beabsichtigt ist: Bandenbildung. Das organisieren sich Räuberbanden, die erfolgreich durch die Lande ziehen und Beute machen.

In der Dokumentation des ARD kommt auch Max Otte zu Wort, der dem Bürger klar sagt, wo er sich befindet: in einem Krieg der Wirtschaftssysteme. Der angelsächsische Raubtierkapitalismus gegen die soziale Marktwirtschaft in Europa.

Was geschieht, wenn die Angelsachsen gewinnen, beschreibt Herr Otte anschaulich: eine neue feudale Kaste entsteht, neue „Cäsaren“ erobern die Welt – mit Geld, das ihnen gar nicht gehört, von dem sie aber immer mehr für sich abzweigen.

Wer unter die Räder kommt? Nun – der Bürger, der in der ARD-Doku oft genug zu Wort kommt: als Mieter, der in verrottenden Gebäuden wohnt, die nur noch dem Kapitalgewinn dienen, als Arbeitnehmer, der zusehen muß, wie „seine“ Firma zugunsten des Kapitalgewinns zerschlagen wird – gefehlt hat nur noch der Obdachlose, der die Krönung der Renditeschneiderei um jeden Preis darstellt. Die USA haben genug davon.

Laurence Fink – so heißt der Chef von Blackrock – ist in 9 Daxunternehmen der größte Einzelaktionär, fünf Prozent hält er von der deutschen Bank (siehe Deutsche Bank). Wenn man sieht, wie er Twitter mit einem Prozent Investment genutzt hat, kann man sich vorstellen, was er mit 5,14 Prozent für einen Schaden anrichten kann – den kein Vorstand überleben würde.

Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Deutsche Bank zu werfen, die laut Spiegel zu den „vier gefährlichsten Banken der Welt“ gehört. Kein Wunder: mmnews verweist unter Bezugnahme auf einen Auszug des Geschäftsberichtes der Deutschen Bank im vierten Quartal 2012 auf homment.com auf die unvorstellbare Summe von 55 Billionen Euro Derivatevolumen.

Was waren noch einmal Derivate? Der Spiegel hilft beim Erinnern:

Komplexe Wetten

Derivate sind Finanzinstrumente, mit denen man auf die Entwicklung von Preisen, Kursen oder Indizes wetten kann. Mit geringem Kapitaleinsatz lässt sich so viel Geld gewinnen. Oder viel verlieren. Allerdings ist das Geschäft oft undurchsichtig: Während die Banken die mathematischen Formeln ihrer Produkte kennen, tappen die Kunden meist im Dunkeln.

Wetten … kann man auf alles. Auch auf den Untergang des Abendlandes. Das erzeugt hohe Wellen in der Bilanz, der Gewinn könnte enorm sein und macht sich heute schon gut in jenen Geschäftsberichten, in denen er schon jetzt als Sicherheit hinterlegt ist (in der Art hat die Hypothekenkrise der USA die Weltwirtschaft zerrüttet) … wer den Gewinn nach Untergang in welcher Form auszahlen soll, bleibt fraglich, interessiert aber in Wirklichkeit keinen Spekulanten, der auch ohne Erfolg seine Abschlußprovision bekommt.

Das sind die Verhältnisse, denen sich die Bürger demokratischer Rechtsstaaten ausgesetzt sehen … sehen würden, wenn man sie regelmäßig darüber informieren würde – was schon mal nicht geschieht. Nicht umsonst braucht man einen Kurs Wirtschaftsenglisch, um die Geschäftsberichte der Deutschen Bank lesen zu können – und wahrscheinlich auch ein paar Semster Finanzwirtschaft und Buchführung, um sie dann auch zu verstehen.

Doch selbst wenn es gelänge, genügend Bürger zu  mobilisieren, die verstehen, das wir nicht nur auf dem Vulkan tanzen sondern sogar schon auf der Innenwand heraubrutschen … was wäre zu tun, um das unvermeidliche aufzuhalten?

Selbst wenn es einem Land gelänge, sich aus dem System heraus zu ziehen – einem System, dass Millionen von Gewinnern hat, die von den Verlusten der Milliarden super profitieren: es wäre nicht mehr geschäftsfähig, besäße in einer durch und durch vernetzten Warenwelt kein akzeptiertes Zahlungsmittel mehr, mit der es seine Nahrungsmittel importieren könnte, seine Rohstoffe und seine technischen Spielereien.

Zur Abschüttelung des Bankenjochs müßte das Volk bereit sein, auf das Versorgungsniveau des 19. Jahrhunderts zurück zu fallen – was angesichts der massiven Verstädterung der Bevölkerung undenkbar ist: die ständig wachsenden Stadtbevölkerungen sind die Geiseln des Finanzkapitals. Sie kann man mit noch so viel Selbstversorgergemüse nicht durchfüttern – noch gäbe es jemanden, der eine solche Versorgung insgeheim im Vorfeld organisieren könnte. Geheim müßte das schon sein, damit die Fonds nicht mitbekommen, dass sich da ein Land aus der Lohnsklaverei verabschieden will – in die sich das kommunistische China gerade freiwillig begibt.

Vielleicht sollten wir aber mal auf Max Otte hören – der ein großer Fan des Philosophen und Historikers Oswald Spengler ist, dessen größtes Werk der 1918 erschienene Untergang des Abendlandes war. Wikipedia faßt hier die wichtigsten Momentes Untergangs kurz zusammen:

Den späten Zustand der Zivilisation charakterisiert nach Spengler:

  • das Greisenhafte statt des Jugendlichen, Geschichtslosigkeit,
  • Künstlichkeit und Erstarrung aller Lebensbereiche,
  • Herrschaft der anorganischen Weltstadt anstelle des lebensvollen bäuerlich geprägten Landes,
  • kühler Tatsachensinn anstelle der Ehrfurcht vor dem Überlieferten,
  • Materialismus und Irreligiosität,
  • anarchische Sinnlichkeit, panem et circenses, Unterhaltungsindustrien,
  • Zusammenbruch der Moral und Tod der Kunst,
  • Zivilisationskriege und Vernichtungskämpfe,
  • Imperialismus und die Heraufkunft formloser Gewalten.

Man mag nun zu Spengler stehen wie man will – vor allem sein Idealstaat ist mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung nicht zu vereinbaren – Fakt bleibt, dass er einige Entwicklungen richtig vorausgesagt hat. Und schaut man sich den „späten Zustand der Zivilisation“ (die Spengler als Gegenteil von Kultur ansieht) an, dann sieht man, wie gut sie unseren deutschen Alltag beschreibt.

Nach dem Übergang der Kultur in Zivilisation verschwindet allmählich die gesamte kulturfähige Bevölkerung, indem sie in den Vernichtungskriegen der Zivilisationskrise sich selbst zerstört bzw. durch einen Drang, nur noch als Individuum zu existieren, die Produktion von Nachkommen vernachlässigt.

Der Drang, nur noch als Individuum zu existieren, ist seit dem Beginn des kalten Krieges gezielt in die Bevölkerung implementiert worden (siehe Frank Schirrmachers Werk Ego) und auch heute noch Bestandteil jeglicher Werbung und jeglichen Unterrichtes – und führt dazu, dass „Selbstversorgertum“ in höchsten Tönen gelobt wird … dabei stellt es nur einen hilflosen Reflex des egoistischen Individuums gegen den Untergang des Abendlandes durch „formlose Gewalten“ dar, die sich derzeit mit dem fast dreissigfachen Wert unseres Bruttoinlandsproduktes in den Bilanzen der größten Bank Deutschlands niederschlagen.

Und jetzt verlangt man ernsthaft von diesem Individuum, das es sich ALLEIN gegen eine möglicherweise zyklisch wiederkehrenden Untergang wendet – gegen formlose Gewalten, die ein vielfaches der Leistungsfähigkeit seiner ganzen Volkswirtschaft präsentieren?

Auch eine Million dieser Egomanen wird das nicht zustande bringen, weil sie nicht mehr in der Lage sind, schlagkräftige Armeen zu bilden – darum bilden ja auch „Survivalseminare“ den Höhepunkt ihrer politischen Aktivität.

Andere investieren – aus dem gleichen Hintergrung – in Fonds von Black Rock, die viel Rendite versprechen.

Man schaue sich auch an, was Spengler von uns erwarten würde, würden wir uns mit aller Macht dem Untergang entgegen stellen wollen: Abwendung vom Materialismus, Hinwendung zum Religiösen, Zerstörung der großen Städte zugunsten einer ländlich geprägten Kultur, Rettung der Moral, Lebendigkeit und Ehrlichkeit in allen Lebensbereichen – möglicherweise würde er sogar Uhren, Prostitution und Fussball verbieten wollen … ungeheuerlich. Wo wir doch gerade mit Berlin eine eigene deutsche anorganische Weltstadt bauen, deren Auswirkungen auf die Sozialkultur durch Hartz IV und allen damit verbundene Dimensionen treffend zum Ausdruck kommt.

Wir bräuchten eine straff organisierte, hoch disziplinierte Truppe von Kulturrebellen, die den Wert der Überlieferung schätzen, den Wert des Religiösen erkennen und den Materialismus verachten, die die Inszenierungen von Brot und Spiele als dekadent von sich weisen, anarchise Sinnlichkeit als tierisch ablehen, die Lebensfülle (und Erlebensfülle) kühlem Tatsachensinn vorziehen und zum flächendeckenden Rückbau von Großstädten aufrufen – musikalisch hieße die Parole: Beethoven statt Bohlen, Oper statt Popkultur.

Manchmal sehe ich diese Truppe aber trotzdem wirken. Gelegentlich musizieren sie in den Jobcentern, Wartehallen und U-Bahnen dieser Welt – mit erstaunlichem Erfolg.

So müßte die Armee aussehen, die sich der größten Aufgabe der Geschichte stellt: zum ersten Mal den Zyklus des mechanischen Aufstiegs und Abstiegs von Hochkulturen aufhalten – mit zwanzig Euro Taschengeld und der gebrauchten Geige gegen 639 Billionen weltweitem Derivatevolumen – anderen Quellen zufolge sind es 1 500 Billionen.

Nun – eine Clown-Armee gibt es schon … mit beeindruckenden Erfolgen:

Auf dem bundesweiten Vernetzungstreffen gegen Studiengebühren auf dem Bochumer Uni-Campus am 14. April 2007 wollte die Polizei die Personalien aller anwesenden Personen aufnehmen. Nach verschiedenen Aktionen wie einem Clown-Marsch durch die Polizeiabsperrungen, dem Einkesseln der Beamten oder Anschleichübungen verloren die Polizisten den Überblick und brachen die Aktion nach zwei Stunden ab.

In Deutschland ist diese Armee jedoch schwer zu formieren … Clowns verstoßen gegen das Vermummungsverbot.

Na – dann bleiben wir lieber ohnmächtig, oder?

Angesichst der finanziellen Übermacht des Feindes wäre der Hang zu sofortigen äußerst devoten Unterordnung mehr als verständlich … und wir merken ja erst ein paar Jahre später, das am Ende des Rutsches entlang der Innenwände des Vulkans, auf dem wir so lange so schön tanzten vernichtend heiße, glühende Lava auf uns wartet, sprich: Zivilisationskriege und Vernichtungskämpfe, wie sie zu Zeiten des Untergangs des Abendlandes gang und gäbe waren … die ersten beiden Weltkriege haben wir schon hinter uns gebracht – ohne bisher überhapt auch nur im Ansatz zu verstehen, warum sich zivilisierte Länder so an den Kragen gehen und Demokratien Atombomben auf Zivilisten werfen.

Zu warnen ist vor Aktionen wie sie mir selbst vorschweben: ein freundlich lächelndes Gesicht oder eine Blume auf Geldscheine zu malen, um dem Mammon ein freundliches Gesicht zu geben. Gemäß Amtsgericht München Az: 233 C 7650/10 brauchen Geschäfte diese Scheine nicht anzunehmen.

Aber wer weiß: vielleicht finden die Geschäfte das ja auch gut?

Und vielleicht finden sich Bürger, die mal einen Schein riskieren können?

Und vielleicht formieren sich diese Bürger sogar zu einer Bewegung – als Teil von etwas ganz Großem, das zum ersten Mal die historische Notbremse zieht?

Das Internet gäbe uns die Möglichkeit dazu – und nur unser Drang, nur noch als Individuum zu existieren, hält uns davon ab, das durchzusetzen.

Wir können natürlich auch darauf hoffen, dass am Grunde des Vulkans ein warmes Meer aus bunten Blüten auf uns wartet. Ich möchte da aber lieber das von Spengler entliehene Lebensmotto des Max Otto zitieren:

Optimismus ist Feigheit … oder einfach nur Flucht vor der Realität.

Regierung und Wirtschaft in Deutschland wissen das – sie sind schon seit vielen Jahren sehr optimistisch.

PS: anbei noch einmal ein anschauliches Beispiel einer erfolgreichen Aktion … organisiert durch einen Radiosender. Solche Sender brauchen wir bei uns auch. Wir arbeiten hier täglich daran. Versprochen.

 

 

 

 

 

Derivatenbombe – die Zündschnur brennt

Zu Beginn eine schöne Zahl: 600‘000‘000‘000‘000. In Worten 600 Billionen. Wäre diese Zahl in Kilometer entspräche sie 63,16 Lichtjahren. Man wäre bei Glise 710 in der Oortschen Wolke im Sternbild Schlangenträger. Näher betrachtet findet man diese Zahl in unserem Körper. Wir bestehen aus ungefähr so vielen Zellen. Schaut man über seinen persönlichen Horizont und wechselt den Focus auf globale Ebene, dann findet man diese Zahl in verschiedensten Ecken der Finanzhochburgen. 600 Billionen ist die Menge an Dollars, mit der im globalen  Derivaten-Markt gezockt wird. Genau genommen sind es 638 Billionen und dies ist auch nur eine Schätzung, da niemand mehr nachvollziehen kann, wie viel oder besser gesagt, wie hoch wirklich gepokert wird. Einzelne Quellen sprechen sogar von 1.5 Billiarden US-Dollar. Das ist keine einzelne Blase, schon eher ein ganzes Schaumbad. Dem gegenüber steht ein irdisches BIP von ca. 60 Billionen. Der fiktive Wert wird somit mindestens 10x höher bewertet als man mit reeller Wirtschaft erreichen kann. Ad Absurdum wird diese Zahl wenn man sich bewusst macht, dass die Banken Derivat-Geschäfte nicht in ihren Bilanzen führen müssen. Dadurch kann das eigentliche Risiko dieser Geldblase nicht abgeschätzt werden. Zudem werden sie nicht oder selten an den Börsen gehandelt, sondern im direkten Kontakt der jeweiligen Händler. So etwas nennt man „Over the counter“. Eine Regulierung oder gar Kontrolle dieses Marktes ist daher fast unmöglich. Das zeigt auch die imposante Zahl von 75 Billionen Dollar, welche allein die Bank of America mit Derivat-Geschäften angehäuft hat (Stand Juni 2011).

 

Derivate?

Was sind eigentlich Derivate? Es sind Finanzinstrumente, deren Preis oder Wert von den künftigen Kursen oder Preisen anderer Handelsgüter, zum Beispiel Rohstoffe oder Lebensmittel, Vermögensgegenstände (Wertpapiere wie zum Beispiel Aktien oder Anleihen) oder von marktbezogenen Referenzgrößen (Zinssätze, Indices) abhängt. Der Begriff lässt sich nicht scharf abgrenzen und wird überwiegend als Sammelbegriff für Finanztermingeschäfte verwendet. Ebenso kann der Wert von der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Ereignisses wie zum Beispiel eines Staatsbankrotts oder der Insolvenz eines Unternehmens abhängen. Es handelt sich hierbei um Verträge, in denen die Vertragsparteien vereinbaren, einen oder mehrere Vertragsgegenstände zu festgelegten Bedingungen in der Zukunft zu kaufen, zu verkaufen oder zu tauschen, beziehungsweise alternativ Wertausgleichszahlungen zu leisten.

 

Das Spiel geht weiter

Die Banken haben aus ihren Fehlern gelernt und ihre Finanzgeschäfte aus dem Focus der Öffentlichkeit genommen. Die Deutsche Bank bewertet ihre Derivate mit einer eigenen Risiko-Gewichtung. Das heisst, sie gibt selber an, wie hoch das Risiko ist. Leider hat diese Selbstbeurteilung den Nachteil, dass die Banken es nicht einschätzen, geschweige denn kalkulieren können. Das haben sie in der Vergangenheit schon eindrücklich bewiesen. Aktuelles Beispiel ist die Banca Monte die Paschi di Siena.  Sie galt als die älteste Bank der Welt, gegründet 1472. Den genauen Hergang dieses Desasters kann/will offiziell niemand erklären. Die verschworene Gesellschaft von Goldman Sachs, Mario Draghi und den Sozialisten von Siena hatten den Untergang eingefädelt, etliche Milliarden umverteilt und schlussendlich eine marode Bank dem italienischen Volk überlassen. Dieses darf sich über das Geschenk freuen und mit 3.9 Milliarden Euro an Steuergeldern wieder aufpäppeln. Ob sie das überhaupt wollen, ist wie immer irrelevant.

 

Die Bombe tickt

Derivate sind nicht nur für eine einzelne Banken gefährlich. Aufgrund der globalen Vernetzung der Geldinstitute, besser gesagt Abhängigkeit voneinander, zieht eine abstürzende Bank zugleich die Nächste in den Abgrund. Ein Dominoeffekt mit verheerender Wirkung. Warum?  Die Banken verkaufen ihre Risikopakete an andere Banken und diese schnüren neue Päckchen damit und verhökern diese wiederum an andere weiter. Wenn also eine Blase/Paket platzt, sind alle anderen mit betroffen. Wenn die Banken Verluste in Milliardenhöhe schon nicht selber ausgleichen können und der Steuerzahler als Notinfusion herhalten muss, dann stellt sich die Frage, wer dann noch Billionenbeträge berappen kann. Das übersteigt sogar die Möglichkeiten des solventesten Hartz 4-Empfängers.

Eine Regulierung dieses Marktes ist überfällig. Eine Einführung von Regeln wird sich natürlich verzögern. EU-Parlamentarier erwägen eine Resolution gegen neue Vorgaben der EU-Finanzmarktaufsicht ESMA, die 2013 eingeführt werden sollte. Zudem behindern Deutschland und Frankreich eine Kontrolle des Derivaten-Marktes. Das zwingt die ESMA neue Vorgaben zu erarbeiten, was eine weitere Verzögerung zur Folge hat. Diese „Hinausschiebetaktik“ hat den offiziellen Grund, dass Derivat-Investoren, die nicht aus dem Finanzgeschäft kommen zu wenig flexibel seien. Fluggesellschaften zum Beispiel, handeln mit Derivaten, um Schwankungen beim Kerosinpreis auszugleichen. Gründe findet man immer.

Solange keine Einsicht der Geldinstitute und/oder deren Verantwortlichen vorhanden ist, wird sich auf dem Minenfeld des Derivaten-Marktes nicht viel ändern. Sollte dann eine oder mehrere Banken in Schwierigkeiten kommen, wird sich das Minenfeld schnell als Streubombe entpuppen.

 

Quellen:

http://www.propagandafront.de/187570/usd-14-billiarden-derivate-monster-nicht-beherrschbar.html

http://www.wallstreet-online.de/nachricht/3528067-derivatezauber-75-billionen-us-bankkonzern

http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/regulierung-strengere-regeln-fuer-derivate/7186738.html

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/01/31/derivate-erste-explosionen-im-umfeld-der-700-billionen-dollar-bombe/

http://de.wikipedia.org/wiki/Derivat_(Wirtschaft)

 

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