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Alt, arm, krank, einsam – ein Plädoyer für verbotene Zustände

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Freitag, 28.11.2014. Eifel. Manchmal ist es in der Tat so, dass das eigene Leben von großen, gesellschaftlichen Umwälzungen berührt wird – unglaublich, oder? Kann man sich gar nicht vorstellen – aber wenn es zum Krieg der Nato mit Russland kommt (erst gestern hörte ich von einem Journalisten des österreichischen Standard, der öffentlich die Bombadierung russischer „Nachschublinien“ durch die Nato forderte – so weit sind wir schon), dann kann jeder damit rechnen, dass der Strom in Deutschland ausfallen wird. Ja – unsere Infrastruktur ist hier sehr empfindlich, wie man aktuell in den USA sieht, reicht schon ein Schneesturm aus, um hunderttausende von Menschen zu einem Leben ohne Elektrizität zu verurteilen … was wird da erst ein Krieg anrichten? Ja – da hatte mal wieder keiner dran gedacht: der Krieg wird aller Wahrscheinlichkeit nach ohne die allseits geliebte Tagesschau stattfinden, nach dem Einsatz von atomaren Waffen werden auch Autos nicht mehr funktionieren – dafür sorgen die elektromagnetischen Impulse. Ja – schon Ende 2015 kann das Pferd wieder voll in Mode sein … und jegliches Geld nichts mehr wert.

Doch es sind nicht die großen Räder der Geschichte, die einen kleinen Eifelphilosophen berührt haben, nein, es ist die persönliche Konfrontation mit der Verachtung der Gesellschaft, die ganz unverhofft über mich niederbrach – was mich, das sei zuvor gesagt – nicht sonderlich berührte.

Ja – seit einigen Monaten gehe ich sehr offensiv mit meinen Lebensumständen um: ich kann mir eine solche Offenheit noch leisten – weder Arbeitgeber (also auch Partei, Staat und Kirche) noch Jobcenter kontrollieren meinen Lebensstil … und ich erlaube mir auch, diese Freiheit öffentlich zu demonstrieren. Zwar ist mein langes Haar dem Wunsch einer ehemals geliebten Person zu verdanken, einen Lebenspartner mit langem blonden Haar zu haben („das kriege ich hin“ – meinte ich keck … nur dauerte der Wuchs länger als die Beziehung), aber ich behalte die einfach mal bei – trotz aller Nachteile im Alltagsleben, denn: ich sehe öfter Männer, die mich um diese Freiheit beneiden … und es hoch schätzen, dass es noch Menschen gibt, die sie offen demonstrieren: ja, offen gelebter Widerstand findet erstaunlich viel Anerkennung, was wiederum Hoffnung gibt, dass die Karre noch aus jenem Dreck gezogen werden kann, in den uns die Diätenkönige hineingetrieben haben – durch ihre Auslandseinsätze der Bundeswehr, ihre Deregulierung der Finanzmärkte, die Abschaffung der gesetzlichen Rente (ja: das merken momentan noch wenige, weil es als „cool“ gilt, die „Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen“ – das Erwachen wird jedoch für viele ziemlich bitter sein), die Vernichtung des Sozialstaates und den Umbau der Gesellschaft zu einem Arbeitslager.

Arbeitslager? Ist das zu weit gegriffen? Fragen sie mal jene, die keine Arbeit haben, was der Staat mit ihnen anstellt, weil sie sich der allgemeinen Arbeitspflicht oft ohne eigene Schuldigkeit entziehen: sozial ist das nicht gerade – und das wiederum erinnert an die sozialen Standards von Arbeislagern, wo gilt; maloche oder verrecke.

Doch wir wollen heute nicht zu weit in den Sphären der Sozialpolitik der selbstverliebten Obrigkeit wildern, wir wollen dicht am Menschen bleiben, genauer genommen an einem, der seit einiger Zeit sein Lebensmotto vorstellt, das lautet: er sei arm, alt, krank und einsam.

Ja, der Mensch war ich – und die Reaktionen auf diese Selbstbeschreibung hatten schon einiges in sich. Öffentlich wurde große Entgeisterung ob der „Affirmationen“ vorgetragen, die sicherlich für meinen  Zustand direkt verantwortlich sind, weniger öffentlich kamen Menschen, die mir helfen wollten, mein falschen Denken, mein falsches Fühlen, ja, mein ganzes falsches Sein zu ändern und wunderten sich, dass sie auf großen Widerstand stießen: ich fand mein Sein völlig in Ordnung, ja, war selbst verblüfft, welch´ harsche Kritik aus Ecken kam, die ansonsten jede Missstände der Welt (inklusive der Schicksale armer Hunder und verlassener Katzen) lautstark anprangern.

Ist es nicht natürlich, dass Missstände jeder Art Elend jeder Art hervorbringt, dass sich in der Tat dann in konkreten Menschen manifestiert? Oder ist es nur … „schick“, sich zu empören?

Natürlich – das darf man nicht vergessen – ist jeder Mensch gemäßt den Gesetzmäßigkeiten moderner, neoliberaler Zauberkunst für sein Schicksal völlig selbst verantwortlich, gemäß den Gesetzen der Resonanz zieht jemand, der sich für alt, arm, krank und einsam hält genau jene Zustände an! Gerade in Deutschland trifft diese Lehre auf fruchtbaren Boden, denn: wir haben gerne Schuldige, die wir durchs Dorf jagen können – wir wollen keine Probleme lösen, wir gefallen uns darin, eine schuldige Sau durchs Dorf zu treiben und sie auf dem Scheiterhaufen bei lebendigem Leibe zu verbrennen, damit sie sieht, was sie davon hat! Ist also jemand arm, alt, krank und einsam, so darf er zurecht gejagt werden, beleidigt, bevormundet, in den Suizid getrieben – als ob Armut, Krankheit, Alter und Einsamkeit nicht schon Strafe genug sind!

Das man mit solchen Einstellungen christliche Werte wie Mitleid, Nächstenliebe und Empathie mit Füßen tritt, wird billigend in Kauf genommen – ja, es fällt eigentlich schon keinem mehr auf: die neuerliche Umerziehung des Volkes zu egomanen Miniteufeln ist gut gelungen. Anders als Jesus Christus (hier mal als Kulturstifter vorgestellt) haben sie ihre Seele dem Teufel verkauft – nicht für die ganze Welt, sondern für ein paar Glitzerperlen und falsche Versprechungen: „folget uns, und ihr werdet ewig jung sein, superreich, kerngesund und unsterblich!“ … so tönen die Bilder der Werbung jeden Tag und erziehen das Volk um.

Ja – das „Gesetz der Resonanz“. Ein schöner, abergläubischer Traum von magischen Kräften, die einem Reichtum und Ruhm verschaffen sollen … und da sitzen doch in der Tat auf einmal führende „Esoteriker“ mit führenden Großkapitalisten und Ausbeutern in einem Boot – auch wenn erstere oft bitterarm sind, aber trotzdem gern – völlig unreflektiert – die Botschaft ihres neuen Gottes in den Äther pusten und des Lebensglück ihrer Mitmenschen damit verseuchen. Ja – in ihrer Ethik, in Wille und Absicht unterscheiden sich die Apostel der Resonanz in nichts von den Ausbeutern der Niedriglöhner, sie sind genaus egoman und geldgeil wie ihre großen Vorbilder – nur die Methoden, mit denen sie jenen nacheifern, sind ein wenig anders: Zauberei statt Arbeit wird da gepredigt.

Wer letztlich für den Erfolg der Zauberei auf Geld verzichten muss: darüber wird nie nachgedacht. Eine Welt, in der jeder Milliardär ist, können sich diese Apostel gut vorstellen … weshalb „denken“ bei ihnen als Kunstform auch nicht hoch im Kurs steht.

Ich gestehe: ich Rahmen der Antropologie und der Erkenntnistheorie habe ich mich oft mit Zauberei auseinandergesetzt und habe im Laufe der Jahre einen gewissen Respekt vor ihr entwickelt (zusammen mit dutzenden von Wissenschaftlern, die sich damit kritisch auseinandergesetzt haben), aber „denken“ war in keiner jener alten Kulturen verboten: im Gegenteil: „denken“ ist als eine enorme Bereicherung der Lebensqualität verstanden worden, ohne die man die Erfahrungen in anderen Welten überhaupt nicht verarbeiten kann … und oft mangels ausgebildetem Willen einfach auch dem Wahnsinn verfiel.

Doch wir wollen uns nicht mit den modernen Hexern auseinandersetzen, die – in Folge eigener Willensschwäche und mangelnden Selbstbewusstseins – für viel Unglück ihrer Mitmenschen verantwortlich sind, mir ist daran gelegen, erstmal ein Plädoyer für ein paar existentiell wertvolle Lebenserfahrungen zu führen, menschliche Erfahrungen, die in der heilen, künstlichen Mythenwelt des Neoliberalismus keinen Raum mehr haben.

Fangen wir an mit dem Alter.

Unsere Kulturform des feudalen und religiösen Monetarismus (der das größere Werte- und Wirkumfeld des Kapitalismus umschreibt, in dem Geld heilig geworden ist und sein Besitz adelt) kann mit der menschlichen Qualität des „Alters“ nichts anfangen. Sie aktzeptieren nur das „jetzt“, kennen kein werden und vergehen, nur immer dauerndes Wachstum – ein Zustand, der gegen jedwede Natur ist und den wir im medizinischen Sinne zurecht als Krebs bezeichnen würden. Für das Geschenk des Lebens müssen wir einen Preis bezahlen – und diesen Preis zahlen wir, sobald das Wachstum abgeschlossen ist, ja: schon nach der Pubertät fängt der Körper an, zu zerfallen. Was aber wachsen kann, ist das Denken, die Intelligenz, die – um Kreativität zu erzeugen, immer viel Chaos um sich braucht. In jungen Jahren haben wir eine fluide Intelligenz, die uns hilft, neues Wissen schnell und gründlich anzueignen – später wechselt das über zu einer kristallinen Intelligenz (siehe Zeit), d.h. die Fähigkeit, Informationen unterschiedlicher Art miteinander zu verknüpfen, wächst kontinuierlich mit dem Erfahrungsschatz bis zum Eintritt des Todes an.

Für Denker – paradiesische Aussichten, da wir Alter zu einem sehr begrüßenswerten Zustand: was wollen wir auch mit endlich angehäuften Zutaten in der Küche, wenn wir nicht irgendwann auch mal Kuchen backen?

Kommen wir zur Armut.

Wir wissen: das ist ein relativer Begriff, in der politischen Auseinandersetzung wird er oft missbraucht – und nur selten in seiner ganzen Tiefe ausgelotet. Wissen Sie, wie arm ein Mensch wirklich ist, der vierzig Jahre seines Lebens in einem Großraumbüro verbringt – selbst bei guter Bezahlung? Der Mensch ist ein sinnliches Wesen, dafür ausgerüstet, die Vielfalt der natürlichen Welt (ihre feinen Klänge, ihre raffinierten Gerüche und Geschmäcke, ihre überwältigenden Farben und Formen und ihre beeindruckenden Erlebnisse der sensorischen Art im Bereich der Haut) zu genießen … wieviel hat man davon in einem Büro? In einer Fabrik? Im Auto?

Arme Schweine, unsere reichen Leute, die täglich länger für die Bewältigung ihres täglichen Bedarfes arbeiten müssen als ein Amazonasindianer, der mit drei Stunden Arbeit am Tag auskommt. Doch damit nicht genug: die Befriedigung der unendlichen Bedürfnisse, die eine geschickt manipulierende Industrie täglich aufs Neue in den Fokus der Aufmerksamkeit stellt, zerstört unsere natürlich Lebensgrundlage, produziert Gifte, Abfälle, Müllberge und ewig vor sich in seuchenden Atommüll: da wird Armut zur ersten Bürgerpflicht … wenn man es ernst mit den Bekenntnissen meint, man wolle den Kindern eine lebenswerte Welt hinterlassen.

Was auf der Strecke blieb? Die 3000 Jahre alte Erkenntnis, dass nur jener wirklich arm ist, der einen Mangel an Achtsamkeit hat, einen Mangel an Bewusstheit, einen Mangel an Denk- und Vorstellungsvermögen, da hilft, zu erkennen, dass wahrer Reichtum in der Beherrschung der eigenen Bedürfnisse liegt – einfach ausgedrückt: wer mehr hat, als er zum Leben braucht, ist reich … völlig unabhängig vom Kontostand. Gemessen an dem ist die jedoch absolute Mehrheit der Menschheit arm (auch viele Superreiche): was ist also an diesem – im Prinzip solidarischen, umwelt- und ressourcenschonenden Zustand so verurteilenswert, zumal er effektiv davor schützt, sich von der Freizeitindustrie ohne Not von der Nutzung seiner kristallinen Intelligenz abbringen zu lassen?

Gehen wir über zur Krankheit.

Zugegeben – wer braucht das schon? Der Autor dieser Zeilen hat einige Krankheiten aufzuweisen, was im 55. Lebensjahr nicht sonderlich unnatürlich ist. Eine gigantische Industrie verspricht uns ewige Gesundheit, produziert aber keine Gesundheit, sondern „Therapien“, die nicht viel bringen und von denen viele sogar enormen Schaden (bis hin zum Tod) anrichten. Was wenig beachtet wird: unser Körper führt schon vor seiner Geburt einen Krieg mit seiner Umwelt die ihn zu vernichten trachtet. Ohne Immunsystem würden wir tot geboren werden – oder wenige Tage nach der Geburt sterben, weil Viren und Bakterien uns als willkommene Mahlzeit betrachten. „Krankheit“ – ist ein Normalzustand des Menschen, der mit der Geburt beginnt – und im Verlauf der Jahre beständig zunimmt. Wir sind uns dieses Zustandes nicht bewusst – bis die Abwehr des Körpers in der einen oder anderen Hinsicht zu schwach geworden ist. Ewiges Leben ist hier nicht vorgesehen – und in den meisten Fällen kommt der Tod in Raten: Auge, Ohr, Knochen, Muskeln … überall findet der natürliche Zerfall statt, nach und nach versagen wichtige Organfunktionen: bei dem einen früher, bei dem anderen später, eine Erkenntnis, die die meisten der großen und kleinen Religionen zu der Überzeugung geführt  hat, dass diese Welt von finsteren Dämonen beherrscht wird und wir uns diesen Zustand klar vor Augen führen sollten, um mit unseren Ansprüchen von ewiger Jugend, ewiger Gesundheit, ewigem Leben (und ewigen Reichtum) nicht kläglich zu scheitern.

Insofern ist jeder Krankheit ein Lehrmeister … der uns gemahnt, uns mit unserem Ende auseinanderzusetzen, jenem Ende, das der Monetarismus so gern verdrängt oder schlichtweg leugnet: dem Tod. Ja – wir sterben … und wer sich dessen nicht bewusst ist, hat einen üblen Tod zu erwarten, der voller Reue ist. Zur Reue von sterbenden Menschen finden wir aktuell was im Tagesanzeiger, bemerkenswerte Aussagen, die einen Blick auf ein lebenswertes Leben geben … vor allem fünf Dinge sind einer Krankenschwester ins Auge gefallen, die zur Reue führten:

– die Reue darüber, nicht sein eigenes Leben geführt zu haben (sondern das, was die Umwelt vorschrieb)

– die Reue darüber, zu viel gearbeitet zu haben (kein Wunder, dass in Deutschland solche Artikel nicht in den Vordergrund gestellt werden)

– die Reue darüber, dass man sich nie erlaubt hat, seine Gefühle auszudrücken

– die Reue darüber, dass man den Kontakt zu seinen Freunden nicht gepflegt hat

– die Reue darüber, dass man sich nicht erlaubt hat, glücklich zu sein.

Jede Krankheit – und mag sie noch so klein sein – hat das Potential, uns vor dieser Reue zu schützen und zu einem Leben zurückzuführen, das es Wert ist, zu leben … selbst dann, wenn die Krankheit mit Schmerzen einhergeht und die Beweglichkeit einschränkt … wie beim Autor dieser Zeilen.

Merken sie … dass nicht ein einziger unerfüllter Konsumwunsch bereut wird? Und trotzdem lassen wir uns von dem Teufel „Reichtum“ durchs Leben peitschen und vergeuden kostbare, für immer verlorene Lebensjahre mit der Jagd nach Dingen, die niemand braucht … was schon Sokrates wusste. Nun – vielleicht haben „sie“ ihn deshalb umgebracht.

Was bleibt zuletzt?

Die Einsamkeit.

Mal ehrlich: wer in dieser Gesellschaft arm ist (und die degenerierte Geschenkekultur nicht mitmachen kann), alt (und somit Gestalt geworden Mahnung an die Vergänglichkeit des Lebens ist) oder krank (eine ebensolche Mahnung wir der Tod, doch mit deutliche früherem Auftritt) wird das Übel der Geselligkeit nicht lange ertragen müssen – hier wird schnell und zielstrebig aussortiert, weil man den Aberglauben des Monetarismus gefährdet. Was wenig gelehrt wird in heutiger Zeit: die Weisen der Welt (also: jene Menschen mit einem Höchstmaß an kristalliner Intelligenz) suchen die Einsamkeit ganz gezielt auf – manche schon in sehr jungen Jahren … in einer monetaristisch degenierten Gesellschaft ist Einsamkeit zudem ein notwendiger Seinszustand, um sich von dem umgreifenden Wahn in Sicherheit bringen zu können und seinen Charakter nicht zu gefährden (der bei reichen und neureichen Menschen extrem gefährdet ist … siehe die Beobachtungen zu Investmentbankern im Tagesanzeiger oder Studie zum degenerierten Sozialverhalten von Kindern aus reichem Elternhaus – siehe Spiegel).

„Einsamkeit ist beides: der Schmerz darüber, allein zu sein, aber auch die Chance, tiefer in das eigene Herz und in die eigene Seele zu gelangen“ (Anselm Grün, 365 Tagesimpulse, Herder 2012, Seite 141) … und das war der wahre Grund der Weisen, die Einsamkeit zu suchen, sich den Ablenkungen des weltlichen Treibens so weit es ging zu entziehen: jenseits der Genüße der Leiblichkeit lockten noch ganz andere, erstaunliche Glückseligkeiten, die einen mit jeder Form von Leid, von Armut, von Krankheit aussöhnten, weil man dort sein Herz erleben konnte … und erfahren konnte, was es bedeutet, eine eigene Seele zu haben – eine unsterbliche Seele, die fast verdorrt wäre (und vielleicht sogar gestorben), hätten einen Alter, Armut und Krankheit nicht … behütet.

Ja – und wer sich noch weiter hinaus traut auf die Meere der Ewigkeit wird merken dürfen, dass die Nachtodbeschreibungen großer und kleiner Zivilisationen einen kleinen, beunruhigenden Haken haben: sowohl im alten Tibet, im alten Ägypten, im Christentum oder bei den Zauberern der Tolteken findet man Aussagen, die sehr nachdenklich stimmen.

Auf einen Nenner gebracht, würden sie lauten … das ewige Leben der Seele ist abhängig davon, ob sie während ihrer Reise durchs Leben genug Kuchen gebacken hat, genug Charakter erworben und Seele entwickelt hat. Vergleichen Sie das mal mit den Dingen, die Sterbende bereuen … und sie werden verstehen, was gemeint ist.

Doch so weit wollen wir gar nicht denken, wir bleiben auf dem Niveau der epikureischen Lebenslust, die mit wohl ausgeformter Seele zu deutlich gestiegender Lebensqualität führt – und zur Ausformung dieser Seele sind Armut, Alter, Krankheit und Einsamkeit unverzichtbar: „Wer ein Omlett will, muss ein paar Eier zerschlagen“.

Und das Gesetz der Resonanz?

Nach meiner Lebenserfahrung ist es besser, geregelten Stuhlgang zu haben, als das Denken, Fühlen, Hoffen und Glauben soweit künstlich zu regulieren, dass jener Stuhldrang verschwindet.

Letzteres könnte in der Tat übel in die Hose gehen.

Habe Kinder – weiß, wovon  ich spreche.

 

 

 

 

Die dunkle Seite der „Arbeit“: über das Ende der sozialen Gesellschaft

Die dunkle Seite der "Arbeit": über das Ende der sozialen Gesellschaft

Samstag, 21.12.2013. Eifel. Sonnenwende. Der finsterste Tag des Jahres. Zeit also für richtig finstere Geschichten – über Arbeit zum Beispiel. Arbeit ist – das wissen wir, weil wir es in der Schule so gelernt haben – ein Glücksfall für die Menschen. Was würden wir nur tun, wenn wir sie nicht hätten? Sie füllt unseren Tag aus, gibt unserem Leben Struktur, ohne die wir uns wohl ganz schnell von der Brücke stürzen würden. Sie schenkt uns unglaubliche Erfolgserlebnisse, die wir ohne sie gar nicht hätten, sie füllt uns aus und bestimmt, wer wir sind im Leben. Darum ist Arbeitslosigkeit ja auch so schlimm: die sind nichts mehr. Gar nichts.

Vor tausend Jahren noch wäre ein Mensch verhungert, wenn er nicht beständig gegen die Natur gearbeitet hätte. Das hat uns so eindeutig geprägt, dass wir immer noch die alten Werte der Ackerbau- und Viehzuchtgesellschaft transportieren – einer Gesellschaft, die noch für jeden etwas zu tun fand, sei er auch noch so behindert … und auch für jeden etwas zu Essen hatte. Aus dem Grund hat man es ja in Massen produziert, dieses Essen, die Produktionsmethoden immer weiter verfeinert, bis ganz wenige Großlandwirte die zusammengelegten Flächen so effektiv bewirtschaften konnten, dass nie mehr Hungersnot zu befürchten war.

Darum schmeißen wir heute unglaublich viele Lebensmittel fort – und den Armen zum Fraß vor. Die müssen ihren Ausgliederungsbescheid vorlegen („Hartz-IV-Bescheid“) und bekommen dann den Müll der Wohlstandsgesellschaft sehr günstig verkauft – Müll, den man sonst kostspielig entsorgen müßte. Geniale Idee von McKinsey. Das läßt eine Gesellschaft mit sich machen, die mit Werten aus der Zeit Karl des Großen modernes Leben spielt und die Armut, der wir durch die Arbeit vieler Generationen entkommen sind, künstlich wieder einführt. Die Armen sitzen aber nicht mehr gemeinsam mit dem übrigen Dorf an der Tafel, sie müssen sich das Essen vom modernen Misthaufen holen. Menschlich hat sich bei uns einiges an Werten verändert.

Nun – wir wollen uns nicht lange aufhalten mit „Wertediskussionen“. Unsere Zeit schätzt die Wertlosigkeit, hat extra ein Wort dafür gefunden, um den Zustand zu verteidigen: alles, was „Werte“ hochhält, wird als „Sozialromantik“ angeprangert. Wir brauchen auch keine Werte mehr – die werden vorgegeben. „Arbeit“ ist der einzige Wert, der zählt. Arbeiten für die Maximierung der Kapitalrendite von superreichen Arbeitslosen, die dann den anderen Arbeitslosen in vielen medialen Formaten als Lebensvorbilder gepriesen werden: wer es schafft, durch einen bewußten und gezielten antisozialen Akt nur noch von der Arbeit anderer Leute zu leben, der „hat es geschafft“. Wer gezwungen ist, von Almosen anderer Leute zu leben, weil sein Arbeitsplatz abgeschafft wurde, wird abgeschafft.

So etwas gehört natürlich nicht hinterfragt: der gemeinsame Dienst an der Eigenkapitalrendite steht für jeden Deutschen weit außerhalb jeder Kritik. Wir arbeiten gerne umsonst für den Reichtum anderer – so selbstlos sind nur wir.

Doch hier … müssen wir leider warnend einschreiten: „Arbeit“ hat auch eine dunkle Seite.

Nein, nicht nur die, dass sie krank macht. Sicher, es ist auch nicht angenehm, blind zu werden, weil man zu lange vor den Bildschirmen gesessen hat (siehe Focus). Aber das meine ich nicht – was stört uns schon unsere Gesundheit, wenn wir sie zum Wohle des deutschen superreichen Nichtstuers opfern dürfen.

Ich meine, so menschlich-seelische Degenerationen, die uns während der Arbeit ereilen – selbst dann, wenn wir selbst noch ziemlich viel Geld für unsere „Arbeit“ bekommen. Schauen wir uns das doch mal genauer an – Anna Kistner hat das für uns im Spiegel ausgeführt: Zehn Belege für die rasante Verspießerung von Festangestellten. Anna Kistner ist seit kurzem (Mai 2013) Korrespondentin des Spiegel in Bayern. Sie hatte uns schon einmal darüber aufgeklärt, was man heute alles vorlegen muss, um eine Mietwohnung zu bekommen, siehe Spiegel:

Man muss freundlich sein zu diesem Makler. Und eine Bewerbungsmappe für ihn zusammenstellen. Darin enthalten: Visitenkarte, Schufa-Auskunft, Kopie der letzten drei Gehaltszettel, Kopie des Personalausweises, gern auch der Arbeitsvertrag und ein ausformulierter Lebenslauf. Ein Foto auf dem Deckblatt der Bewerbungsmappe ist Pflicht.

Eine Bewerbungsmappe für eine Mietwohnung. Man muss heute schon tief buckeln, um sein Grundrecht auf wohnen verwirklichen zu können. Rechte muss man sich halt leisten können.

Nun – eine Wohnung hat Anna Kistner bekommen, da haben wir eine Sorge weniger. Das ist auch gut so, denn mit den Belegen zu ihrer eigenen Verspießerung hat sie ein wichtiges Dokument verfasst, dass uns die dunklen Seiten von „Arbeit“ deutlich vor Augen führt. Gehen wir die einzelnen Punkte ihres Artikels einfach mal durch.

1. Arbeit macht unsozial

Wo vorher der Studienkollege noch mit seinem Schlafsack übernachten konnte, ist auf einmal eine „No-go“-Zone entstanden. Aus Freunden werden Kosten auf zwei Beinen, lästige Fliegen, die die Abendruhe stören.

2. Arbeit fördert Gier

Wo vorher noch der bescheidene 1,5 Liter-Wein aus der Aldi-Tüte für Mordsstimmung in der WG sorgte, breitet sich heute die Gier nach „Vollmundigkeit“ aus.

3. Arbeit fördert echten „Herrengeist“.

Wer arbeitet, braucht eine Putzfrau. Arbeit adelt (Hitlers Motto für den Reichsarbeitsdienst), und Adel braucht Personal

4. Arbeit fördert Umweltzerstörung

Wo früher der Urlaub umweltverträglich und erlebnisreich im Zelt verbracht wurde, muss heute die Bettenburg herhalten, die ganze Landstriche für ewig verschandelt.

5. Arbeit fördert sprachliche Verarmung

Außer Gesprächen über das Wetter ist keine lebendige Kommunikation mehr möglich.

6. Arbeit tötet die eigene Lebendigkeit ab

Wo früher der gesellige Abend in einer Studentenkneipe jede Party an Stimmung übertraf, wird heute Ersatzleben vor dem Fernsehbildschirm konsumiert, wo man beobachten kann, wie spannend das Leben sein könnte, wäre man kein Hamster im Rade.

7. Arbeit fördert Vernichtung der Individualität

Der Kampf um die heilige persönliche Kaffeetasse, die nach Dienstschluss diebstahlsicher weggeschlossen wird, ist das letzte Aufbäumen des Individuums, bevor es gleichgeschaltet unbemerkt in der Masse versinkt.

8. Arbeit fördert Entfremdung vom Leben selbst

So wird die vergessene Topfblume auf der Fensterbank zum Symbol für den Zustand der eigenen Seele, die unbemerkt vertrocknet.

9. Arbeit fördert Ängstlichkeit

Wo früher das mutige helmlose Radeln durch die Innenstadt ein letztes Gefühl von Freiheit und Abenteuer vermittelte, ist auch einmal Helmpflicht angesagt: so beginnt das Ende des Leben mit der ersten Angst vor dem Tod

10. Arbeit vernichtet Kreativität

Kleidung – für viele wichtigster Ausdruck der Kreativität im persönlichen Bereich – wir normgerecht, es zählt, was „man“ trägt, wie „man“ lebt … und was „man“ denkt.

So können wir hier – am Beispiel Anna Kistners – erkennen, wie gezielt, systematisch und umfassend Arbeit „Leben“ vernichtet. Man fühlt sich versucht, von „Vernichtung durch Arbeit“ zu sprechen, doch dieser Begriff wurde schon vorher von anderen besetzt. Es fällt auch nicht jedem auf, was die Arbeitswelt mit einem anstellt, noch fällt den meisten Menschen auf, wie rar eigentlich diese lebenslangen Festanstellungen geworden sind: natürlich braucht man da Personal … man kann es sich ja auch leisten, gehört zu den besonders gesegneten Menschen dieses Landes.

Gut, das es Frau Kistner aufgefallen ist – vielleicht helfen da Erfahrung wie das Gespräch mit dem Menschen, der eine „WG“ für den „Idealzustand im Leben“ hält (siehe Süddeutsche). Ist es ja auch – man schaue sich mal an, wie die Menschheit hunderttausend Jahre lang gelebt hat (Imperien ausgenommen – die haben auch die Mietskasernen eingeführt, für Mietsklaven, deren Ernährung man nicht dauerhaft am Hals haben will).

Wir merken schnell: „Arbeit“ ist nicht gleich „Arbeit“. Echte Arbeit wird heute nur noch von einem Bruchteil der Bevölkerung geleistet, die meisten bekommen Arbeitsersatzstoff zugewiesen, damit sie denken, wir würden immer noch zu Zeiten Karl des Großen leben, wo Arbeit echten Wert darstellte … und aufgrund der körperlichen und seelischen Deformationen immer als Fluch verstanden wurde.

Wahrscheinlich gibt es deshalb so heftige Angriffe auf Religion und Kirche in unserer Zeit: der Kult der Arbeit befreit sich von der Konkurrenz, die mit ihrer Sicht von „Arbeit“ direkt im Gegensatz zu unserem heutigen Verständnis steht.

Arbeit – so steht es in der Bibel – wurde als Fluch und Strafe verstanden, der auf uns kam, als wir aus dem Paradies verschwinden mussten. Da ich nun jeden Tag den Bauarbeitern zusehen darf, die bei Wind und Wetter ein Superluxusferienhaus für einen jungen, dynamischen Investmentbanker aus Amsterdam errichten, weiß ich, wovon ich rede.

Die Jungs leisten noch richtig echte Arbeit – auch am Wochenende, wo unser 30-jähriger frisch aufgestiegene Banker für den privaten Investmentkunden sich mit seinem Privatflugzeug vergnügt und sich dank seiner Nähe zum privaten Geldverteilungsapparat mit Tauschmitteln überfressen darf, während andere sich von seinem Müll ernähren müssen.

Das große Geld braucht nämlich keine Arbeit mehr – es vermehrt sich inzwischen von selbst. Deshalb müssen die schwer arbeitenden Maurer auch dankbar sein, wenn man ihnen ein paar Tropfen des Geldflusses zukommen läßt, der in Banken überreichlich sprudelt. In Wirklichkeit – braucht das Geld sie nicht mehr.

Wenn wir merken, dass es in Wirklichkeit überhaupt keine Werte schafft, sondern nur Leben vernichtet, wird es zu spät sein.

Man wird wohl noch eine Weile brauchen, bis man verstanden hat, das die entwickelten Demokratien gerade wegen ihres Arbeitsbegriffes am Abgrund stehen, das es gerade die charakterlichen Deformationen durch moderne Pseudoarbeit (und modernes Pseudoleben) sind, die dafür sorgen, dass die Fundamente zusammenbrechen, das es wieder möglich ist, dass Erzieherinnen Kinder an Stühle fesseln, in den dunklen Keller sperren und sie zwingen, ihr eigenes Erbrochenes zu essen (siehe N24) – so wie es meiner Mutter beim „Bund deutscher Mädel“ auch ergangen ist.

Das hemmungslose Aufblühen schwarzer Pädagogik ist nur ein Zeichen für das Wachstum eines neuen Zeitgeistes, der sich in den entwickelten Demokratien entfaltet, die nun am Abgrund stehen (siehe Heise):

Die Völker der demokratischen Staaten sehen sich von Oligarchien beherrscht, die ihre eigenen, höchst eigennützigen Interessen verfolgen und sich nicht mehr um die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Interessen der Menschen scheren, die sie eigentlich vertreten sollen. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik aller entwickelten Demokratien geht in immer stärkerem Maße an den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit vorbei und richtet sich zunehmend gegen die eigene Bevölkerung.

Es mehren sich die Zweifel, ob die herrschenden Demokratien überhaupt noch handlungsfähig sind; denn die eigentliche Krise ist die Krise der repräsentativen Demokratie. Die strukturellen Schwächen dieses Ordnungssystems treten heute so krass hervor wie nie zuvor. Eine erfolgreiche Krisenbewältigung würde einen radikalen Politikwandel erfordern. 

Und das alles ist nur möglich, weil wir es zulassen, von einem Arbeitsbegriff terrorisiert zu werden, der uns charakterlich und seelisch tief deformiert.

Ach ja – ich vergaß: Seele … hat man als moderner Mensch nicht mehr.

Jetzt verstehe ich auch den „Zombie-Hype“: er spiegelt die seelische Verfassung jener Menschen wieder, die sich noch erfolgreich gegen die Deformation wehren und sich so in einer extrem feindlichen, dämonischen Umwelt wieder finden.

Wahrscheinlich bald auch mit Waffengewalt: immerhin stehen wir am Agrund und preisen hemmunglos den „Fortschritt“. Wohin man kommt, wenn man am Agrund weiter fortschreitet, mag sich jeder selbst ausmalen.

PS: Ana Kistner an dieser Stelle vielen Dank für ihre Beschreibung der Vertreibung aus dem Paradies, die man selbst als große Erfolgsstory erlebt und verkauft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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