C.G. Jung

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„Wer etwas über das Leben lernen will, muss ins Kino gehen“ – Die Götterdämmerung 2018 und die kollektive Lust am Untergang

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Ein von der Todesgöttin Hel entfesselter dunkler Strudel steht am Firmament und will alles verschlingen (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

Künstler und Kreativschaffende hatten schon immer eine sehr feinsinnige Wahrnehmung für das, was sich als „Zeichen der Zeit“ gerade am Horizont abspielt, auch wenn dies für das Auge des fernsehenden Spiegelbildbürgers nicht direkt sichtbar ist. „Am Horizont leuchten die Zeichen der Zeit: Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit“, mit diesen Textzeilen fasste Reinhard Mey die Zeichen der Zeit schon vor einiger Zeit recht treffsicher in Worte (siehe „Das Narrenschiff“). Es waren allerdings noch vergleichsweise sozialromantische Zeiten, in denen Reinhard Mey diesen Text zimmerte. Inzwischen türmt sich am Himmel ein noch ungleich verheerenderes Zeichen auf, das alle bisherigen Zeichen in den Schatten stellt, alle Zukunftshoffnung zu ersticken droht und vermutlich die größte Herausforderung darstellt, vor der die Menschheit jemals gestanden hat – ein Zeichen, das von Kunstschaffenden wiederum relativ treffsicher aufgegriffen wird.

Noch niemals zuvor wurde in unseren Leitmedien mit solcher Leichtfertigkeit über die Möglichkeit eines nuklearen Erstschlags und über einen möglichen Schlagabtausch zwischen NATO und Russland, also über ein Game Over für uns alle, gesprochen. Doch selbst, wenn die Vernunft im gegenwärtigen Säbelrasseln die Oberhand behalten sollte und wir einem nuklearen Holocaust entgehen können, haben wir hundert Mittel an der Hand, uns trotzdem selbst den Garaus zu machen und uns ökologisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell, technologisch, pädagogisch, sexuell und allgemeinmenschlich zu zerstören. Unsere Politiker und ihre neoliberalen Apologeten sind scheinbar wie wild zum Wahnsinn entschlossen, den sie euphemistisch „Fortschritt“ nennen und den sie um jeden Preis auf Schiene bringen wollen, obwohl der Grand Canyon, in den diese Schiene führt, bereits in Sichtweite ist. Wer sich dem zur Normalität erklärten Wahnsinn verweigert, gilt als Fortschrittsverweigerer und Querfrontler. Wie der Eifelphilosoph in seinem letzten Artikel feststellt, wäre entschlossenes zivilgesellschaftliches Engagement jetzt dringend vonnöten, um das Schlimmste zu verhindern, aber dennoch: eine unbegreifliche Lethargie hält uns darnieder und möchte uns jede Hoffnung rauben. Burnout und Angststörungen grassieren und greifen inzwischen sogar nach unseren Kindern, laut WHO-Statistik wird Depression demnächst zur Volkskrankheit Nr.1 avancieren – und das, obwohl uns der rasende technische Fortschritt doch angeblich zu strahlenden Menschen machen sollte. Wie man auch an den Wahlergebnissen sieht, haben wir uns an diesen Alltagswahnsinn und die chronifizierte Dunkelheit bereits so gewöhnt, dass wir diese für normal und alternativlos halten (siehe „Über die Logik des Gänsebratens“).

Anstatt uns gegen die Bedrohung aufzuraffen, scheint nun sogar eine gewisse Lust am Niedergang Platz zu greifen, die man nicht nur in den führenden Kulturevents zelebriert (siehe „Kulturtod 4.0“). Es ist nur allzu verständlich, dass wir uns lieber mit unterhaltsameren Dingen beschäftigen würden. Und ich weiß, dass es eine Zumutung ist, auf innere Realitäten hinzuweisen, wenn man sich sogar den äußerlich sichtbaren Realitäten beharrlich verweigert. Aber da 2017 unsere eigentlich stets um Entwarnung bemühten Wissenschaftler die ‚Doomsday Clock‘ (siehe „Bulletin of the Atomic Scientists„) um weitere 30 Sekunden vorstellen mussten und diese Uhr nun auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht – d.h. der symbolischen Apokalypse – steht, täten wir eventuell gut daran, zumindest für ein paar Augenblicke einmal den Blick auf diejenige dunkle Seite in unserem Wesen hinzulenken, die sich leider nicht nur bei Putin oder Trump verorten lässt, sondern die in jedem einzelnen von uns schlummert. Der feinsinnige UN Generalsekretär Dag Hammarskjöld spricht in seinem Tagebuch von einem „düsteren Kontrapunkt des Bösen, der in unserem Wesen, ja, von unserem Wesen, doch nicht unser Wesen ist“ und dass „etwas in uns die Katastrophe begrüßt und das Unglück sogar für die bejaht, zu denen wir halten“. Da wir diesen Teil in uns nicht im Auge behalten, sondern ihm vollkommen freie Zügel gelassen haben, hat er sich nun nach außen projiziert, verdunkelt den Himmel und versorgt uns mit pechschweren  Regenschauern, die jeden Ansatz von Konstruktivität zunichte machen wollen und alles zu ersticken drohen.

Zurück aber zum Film. Man mag der kunstschaffenden Avantgarde vorwerfen, dass sie heute in vielerlei Hinsicht exzentrisch, kommerzialisiert, dekadent und sonstiges sei, aber eines muss man den Kreativschaffenden unbedingt  lassen: Sie haben ein geradezu geniales Gespür für das, was momentan „in der Luft liegt“, thematisieren in ihren bildenden oder filmischen Werken also stets brandaktuelle Themen. Und genauso wie sich laut einer Umfrage inzwischen viele Bürger von Satireprogrammen wie Anstalt & Co. besser über das Zeitgeschehen informiert fühlen als durch die offiziellen Leitmedien, so kann man auch anhand von dem, was gerade filmisch inszeniert wird, ungemein Wichtiges über die globale Großwetterlage erfahren.

„Wer etwas über das Leben lernen will, muss ins Kino gehen“, meinte schon Kafka, der selbst ein passionierter Kinogeher war. Aktuell werden wir wieder aufgefordert, ins Kino zu gehen: „Thor: Tag der Entscheidung“ scheint einer der größten Kassenschlager aller Zeiten zu werden. In dem gestern in den Kinos angelaufenen Marvel-Epos sieht man den sonnenhaften Göttersohn Thor im Kampf gegen die Todesgöttin Hel, die nach jahretausendelanger Gefangenschaft wieder freikommt und nun nichts Geringeres einleiten will als Ragnarök, die Götterdämmerung – was gleichbedeutend wäre mit dem totalen Untergang der Welten rund um Asgaard & Co. Ihre Kräfte sind so gewaltig, dass zunächst nicht einmal der Götterheld Thor etwas gegen den von Hel ausgehenden dunklen Strudel, der die Sonne verdunkelt und alles in den Abgrund stürzen möchte, ausrichten kann. Wenn dieser alles erstickenwollende Strudel nicht aufgehalten wird, dann wäre das „das Ende von Allem“, bekommt man im Filmtrailer (siehe YouTube) von einer Stimme aus dem Off erklärt.


Hel, die Göttin des Todes wirft ihren Speer (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

136 Millionen Klicks erhielt der Trailer alleine innerhalb der ersten 24 Stunden nach seiner Veröffentlichung. 136 Millionen Menschen haben das cineastisch visualisierte Zeichen der Zeit also bereits vernommen, eine ganze Generation scharrt in den Startlöchern, um sich den gestern in den Kinos angelaufenen Film anzusehen. Auch wenn der Film selbst von den Disney-/Marvel-Studios relativ profan inszeniert ist, sollte man das Motiv der Menschen, die zu solchen Filmen in die Kinos strömen, nicht vorschnell profanisieren. Denn die Menschen, ob Jung oder Alt, sehen solche Filme nicht nur, weil sie nichts anderes zu tun haben, sondern weil sie von ihrem Inneren her einen tiefen Hunger nach Bildern haben, in denen sie etwas zu sehen bekommen, was den tieferen Ebenen des Zeitgeschehens und des Menschseins entspricht, was aber in unseren Leitmedien verbal nicht thematisiert wird.

Sie merken, dass ihnen ihre Politiker, die diese Leitmedien als ihr Sprachrohr benutzen, nicht die Wahrheit erzählen. Denn während besagte Politiker in ihren Wahlprogrammen irgendetwas von „einem Land, in dem wir gut und gerne leben“ memmeln, wird im Hintergrund eiskalt eine menschenverachtende neoliberale Agenda durchgezogen und sieht das Auge, egal wohin es blickt, überall nur, wie die Dinge mit rasanter Geschwindigkeit den Bach hinunter gehen. Der Bürger, der seiner ihn beherrschenden Obrigkeit aus einer archetypischen Anlage heraus immer noch so gerne vertrauen würde wie fürsorgenden Eltern, kann nicht mehr übersehen, wie er von den Regierenden verraten, verkauft und ihm das Fell über die Ohren gezogen wird. Er sehnt sich also nach Bildern, die ihm das Unfassbare zumindest auf unterbewusste Weise veranschaulichen.

Der Erfolg von Kassenschlagern wie „Matrix“ oder „Herr der Ringe“ erklärt sich durch nichts anderes, als dass durch die hierbei dargebotenen Bilder der Nerv der Zeit getroffen und archetypische Kräfte ins Licht gehoben werden, die im Unterbewussten des Einzelnen ebenso wie im von C.G. Jung zumindest bereits ansatzweise erforschten kollektiven Unterbewussten ihr Wesen bzw. ihr Unwesen treiben. Was in diesem Unterbewussten alles so west, wäre für die meisten ohne Vorbereitung bei Vollbewusstsein wohl nicht ertragbar, weshalb eine bildhafte Darstellung in Mythen und Sagen, oder eben im zeitgenössischen Medium des Films vielfach als die einzige akzeptable Darstellung erscheint, die breitenwirksam ins Volk einfließen kann.

Sigmund Freud war kurz vor seinem Tod fassungslos über die Dinge, die er in den Untiefen des Menschen ergründet hatte – unter anderem den Todestrieb Thanatos – und stammelte nur: „so viel Wahnsinn, so viel Wahnsinn…“. Der durchschnittliche Bürger ahnt das Ausmaß dieses Wahnsinns und scheut daher aus einer unbewussten Furcht heraus, den Deckel vom Topf  des Un(ter)bewussten zu heben, der aber heute bereits überkocht.

Dabei wäre die gute Nachricht: Dort im Unbewussten lauern nicht nur dunkle Kräfte, es gibt dort zum Glück auch viele lichte Kräfte bzw. konstruktive Antriebe, die den Menschen zu Liebe, Mitgefühl und Gewissen motivieren und die in Wirklichkeit viel stärker sind als die destruktiven Antriebe. Wenn man sich in diesen konstruktiven Kräften gründet, dann kann man es auch mit den alles verschlingen wollenden dunklen Kräften aufnehmen, so wie eben der Göttersohn Thor und seine Mitstreiter in der jüngsten Marvel-Verfilmung – der der Todesgöttin Hel am Ende schließlich doch noch den entscheidenden Tritt verpasst und damit die Götterdämmerung beendet.

Wäre auch schade, wenn die Menschen- und Götterevolution vorzeitig ein Ende gefunden hätte. Denn von der Thor-Saga sind laut Marvel-Studios insgesamt sieben Teile geplant und der aktuelle Film stellt erst Kapitel 3 dar. Mit einem Wort: Wir haben in der Evolution gerade Halbzeit – wenn wir es jetzt in der Halbzeit vermasseln, bloß weil wir gerade etwas müde geworden sind, dann verpassen wir womöglich die wichtigsten Episoden, die uns noch bevorstehen und das Happy End …

In diesem Sinne – damit wir nicht mit Hollywood enden -, zwei Verse aus dem Tagebuch von Dag Hammarskjöld:

„Wenn Morgenfrische der Mittagsmüdigkeit weicht,
wenn die Beinmuskeln vor Anspannung beben,
wenn der Weg unendlich scheint
und plötzlich nichts mehr gehen will, wie du wünschest –
gerade dann darfst du nicht zaudern.

(…)

Weiter! Welche Entfernung ich auch zurückgelegt,
sie gibt mir nicht das Recht, innezuhalten.
Weiter! Die Sorgfalt bei den letzten Schritten unter dem Gipfel
entscheidet über den Wert all dessen, was voraufgegangen sein mag.“


Nachsatz:


Kampf zwischen Walkyren und dem Heer der Todesgöttin Hel (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

Die Verfilmung des Mythos um Thor ist wie alles aus der Hollywood-Schmiede wieder einmal ambivalent: Einerseits bietet der Film archetypisch bewegende Bilder wie etwa den Kampf zwischen den Walkyren und dem dunklen Heer der Todesgöttin Hel (siehe oben), andererseits wurde mit dem ursprünglichen Gehalt der nordischen Göttersage, wie man sie von der Edda her kennt, arg Schindluder getrieben und diese bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Aus der jüngsten ORF-Rezension zum Film erfahren wir, dass der neuseeländische Regisseur Taika Waititi „die Göttersaga von unnötigem Ballast und Tiefgang befreit hat und sich ganz auf Schauwerte und Skurrilitäten konzentriert“, d.h., er den tiefen Sinn, der jeder Sage innewohnt, mit seinem Machwerk zu einem bananesken Action-Feuerwerk mit Hardrockhintermalung reduziert hat.

Schon im ersten Teil der Thor-Saga bewiesen die Marvel-Drehbuchschreiber ihren Willen zu sinnbefreiter Umdeutung der Edda, indem sie dem Erzbösewicht und Vater Lokis, Fárbauti, kurzerhand den Namen von Lokis Mutter, Laufey, verpassten. „Laufey“ klingt in den Ohren von Hollywoods Weinstein-Boys vermutlich einfach cooler. Während also bei Worten wie Ragnarök/Götterdämmerung, Thor, Odin ebenso wie Jotunheim – dem Reich der grausamen Frostriesen, die über die Menschheit eine neue Eiszeit bringen wollen -, dem nordischen Menschen in alter Zeit ein ehrfürchtiger Schauer über den Rücken gelaufen ist, so werden diese Namen in der Marvel-Comicschmiede nun mit nachdrücklicher Respektlosigkeit verhunzt und auf Teletubbie-Niveau heruntergeschraubt. Damit beim Zuseher keine Langeweile aufkommt, scheuten die Drehbuchautoren nicht einmal davor zurück, dem Göttersohn Thor das grüne Marvel-Comics Monster „Hulk“ als Kampfgefährten an die Seite zu stellen. Der Darsteller des Thor, Chris Hemsworth, beeindruckt durch das Chrisma eines Eishockeyspielers oder eines Barrista-Boys aus der Starbucks-Filiale von nebenan. Flotte Sprüche mit vorprogrammierten Lachern und Dauerexplosionen sorgen indes dafür, dass beim Zuseher keinesfalls Anflüge von Tiefgang oder Nachdenklichkeit aufkommen.

Ich empfehle also nicht, den Film anzugucken, da man genauso wie beim Essen alles was man sieht, ja auch verdauen muss. Bereits beim Ansehen des Trailers ergießt sich auf das Auge eine opulente Bilderflut, an der das Unterbewusste zumindest einige Tage zu kauen hat. Sieht man allerdings von der platten Hollywood-Inszenierung ab, dann ist das Thema selbst, das hier aufgegriffen und filmisch inszeniert wird, wieder einmal etwas, was zu 100% den Puls der Zeit trifft. Den sinnvollen Kern aus den immer reißerischer werdenden Hollywood-Produktionen herauszulösen, wird allerdings zunehmend schwieriger. Während sich der Geschichtenerzähler Michael Köhlmeier seinerzeit noch relativ leicht tat, in dem von Sylvester Stallone verkörperten Rambo nichts anderes zu verorten als eine etwas modernisierte Herakles-Heldenfigur, so wird die Aufrechterhaltung eines Heldenbildes in den neuen Hollywood-Produktionen zunehmend schwieriger, da es die Weinstein-Produzenten anscheinend gar nicht mehr ertragen, sich das Bild eines wirklichen Helden mit ritterhaften Tugenden vor Augen zu stellen. Man entwirft daher zunehmend zynische Anti-Helden mit fragwürdigen Charaktereigenschaften, lässt etwa den Superhelden Ironman im Film seine Popularität beim Volk fraglos ausnützen, indem er in Bars abhängt und Frauen abschleppt, lässt den Göttersohn Thor in einer Spelunke einen rumtrinken und anschließend mit seinen Saufkumpanen gröhlend durch die Straßen torkeln etc.

Eventuell tut man also besser daran, wieder die echte Edda aus dem Bücherschrank zu holen und in Muße ein paar Seiten darin zu blättern. Man wird sehen, dass sich dabei sehr viel lebendigere und schönere Bilder entwickeln als wenn man sich eine durch technisch perfekte 3D-Renderings brillierende Hollywood-Inszenierung vorsetzen lässt, die in Wirklichkeit die individuelle Phantasie beraubt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie enttäuscht ich war, als ich nach dem begeisterten Lesen von J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ – in meiner Jugendzeit noch ein literarischer Geheimtip – später dann die filmische Fassung zu sehen bekommen habe. Der Gandalf mit Trinkernase und profanem Gesichtsausdruck, den ich da zu sehen bekam, war im Vergleich zu der Heldenfigur, die ich beim Lesen des Buches in meinem Inneren aufgebaut hatte, ein arger Abstieg. Ich dachte mir: Wer zuerst den Film sieht und dann erst das Buch liest, ist dann bereits mit einer fixen Vorstellung behaftet, wie Gandalf und die übrigen Figuren der Mythologie aussehen. Dies einigen durchgeknallten Hollywood-Boys zu überlassen, ist eigentlich ein Raub der eigenen Vorstellungskraft. Gerade diese Vorstellungskraft brauchen wir heute aber dringend – um aus den Abwärtsgleisen der vermeintlichen Alternativlosigkeit auszubrechen und wieder den Weg aufwärts in eine menschenwürdige und nachhaltige Zukunft einzuschlagen.

 

Kulturtod 4.0 und die Geburt eines neuen Sterns im Zeitalter der Schwarzen Sonne

Bild: Schwarze Sonne / Nigredo (PD)  

War den Griechen die Kunst noch das Götterkind, das den an der „Lebenslüge“ erkrankten Menschen inspiriert, erhebt und gesundet (was besagte Lebenslüge ist, darüber darf jeder mal kurz selbst sinnieren …), so haben sich die Künstler der Postmoderne zwar schon längst von diesem Ideal der Kunst verabschiedet, aber als eines kann Kunst heute immer noch dienen: als äußerst präziser Spiegel des herrschenden Zeitgeistes und als feinfühliger Seismograf für die Zukunft. Schon Viktor Frankl hat daher den Rat gegeben, dass man die uns erwartende Zukunft am besten an der aktuellen Kunstszene ablesen könne. Dies beherzigend, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mein Augenmerk nicht nur der Politbühne zu schenken und dort das marktkonforme Treiben der Trumps, Merkels und Gadaffis zu analysieren [Anm. d. Red.: die vorgenannte Auswahl an toten, komatösen und hyperventilierenden Politikern ist spontan und ohne tiefere Assoziation erfolgt], sondern ab und zu auch im Kulturteil unserer Leitmedien zu blättern.

Immerhin haben vor wenigen Tagen die Wiener Festwochen 2017 begonnen, das Stelldichein der internationalen Kunst-Avantgarde. Seit unserem letzten Abstecher in diese Gefilde (siehe „Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft“) hat sich auf der Kulturbühne nicht allzuviel geändert. Es sind bei den diesjährigen 66. Festspielen eben nicht deutsche und österreichische Akteure, die „kotzen, urinieren, Pornoszenen nachstellen, wild um sich schlagen, kreischen und schluchzen, rohes Fleisch und Eingeweide werfen“, um „das Publikum gemeinsam mit den Darstellern immer weiter bergab zu führen  in die Untiefen des Unbewussten, wo Tagesreste, Ängste und Begierden einen wabernden Morast bilden“ (Quelle: orf.at), sondern zur Abwechslung eben chinesische oder brasilianische Künstlertruppen wie z.B. die Macaquinhos (übersetzt: „Äffchen“), die gemeinsam eine lustige Nackt-Polonaiseschlange bilden und dabei ihre Köpfe in den Allerwertesten des jeweiligen Vordermanns stecken. O-Text aus dem Programm der Festwochen: „Kurzum: Es geht um den Anus. Die demokratischste und tabuisierteste Körperöffnung von allen. Die Performance ist eine Hommage an Schönheit und Freiheit …“ (Quelle+Polonaisefotos: festwochen.at). Im Fußtext des Festwochenprogramms erfährt man indes auch Dramatisches: Durch die aktuelle politische Situation in Brasilien ist die zukünftige Arbeit der Anus-Äffchen gefährdet!

[kleiner Zwischenruf an die soeben in NRW abgestürzten GRÜNEN: Na, da muss man doch schleunigst was unternehmen. Wo seid ihr, wenn man euch braucht? Eure Young Leaders sind doch sonst auch immer an vorderster Front, wenn es um den Kampf für Demokratie und Fortschritt und gegen Tabus geht. Womöglich sterben die Anus-Äffchen demnächst aus, wenn wir uns jetzt nicht für sie einsetzen! Außerdem: Vielleicht entdeckt ihr bei dieser Spezies sogar ein neues Transgender-Geschlecht, das ihr euch dann auf eure Fahnen schreiben könnt.]

Nun, dass wir heute in jeder Hinsicht auf den Arsch gekommen sind, wäre ja noch nichts wirklich Neues. Selbst Menschen, die sich durch harte Drogen oder Dauerfernsehen betäuben, dämmert dies mittlerweile, dazu hätte man nicht Kerosin in die Luft blasen und Macaquinhos aus Brasilien importieren müssen.  Auch Jonathan Meese, das enfant terrible der zeitgenössischen Kunzt, hätte man nicht herankarren müssen, damit er uns mit Richard Wagners Parsifal-Verhunzung jede Vorstellung von Politik und Religion „dekonstruiert“. Diese seien „Kitsch von gestern“. Hingegen gehe es laut dem Regisseur darum, uns auf eine Zukunft vorzubereiten, die seiner Ansicht nach „nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch“ sein werde. – Stelle ich mir wirklich toll vor, so eine Zukunft ohne Politik, also ohne demokratische Willensbildung: Klingt wie ein Mekka, in dem sich die in der Aufzählung des Künztlers nicht vorhandene Wirtschaft endlich vollkommen frei entfalten kann. Auch eine von Meese geforderte Welt ohne Religion passt da dazu: Eine Welt, in der nichts mehr heilig, sondern alles nur geistlose Knetmasse und damit der restlosen Verwertungslogik unterworfen ist, wäre doch der beste Boden für ein letztes Wirtschaftswunder kurz vor Ladenschluss – der Ökonom in mir bekommt bei einer solchen Vorstellung sofort Dollarzeichen in den Augen und ist restlos begeistert. Fortschrittliche Künztler mit solchen Visionen sollte man unbedingt unter Sponsoringvertrag nehmen.

Wie dem auch sei. Eigentlich würde ich es ja gar nicht für wert halten, den Leser mit dem „wabernden Morast“ (orf.at) – pardon, mit der „Kunst der offenen Arme“ (Festivalintendant Tomas Zierhofer-Kin) – zu belästigen, der dieses Jahr wieder neu aufgebrüht vom Stapel gelassen wird, wenn … ja wenn sich inmitten dieses Morasts nicht auch Grund zur Hoffnung abzeichnen würde. Dazu jedoch später. Bevor wir zu besagter Hoffnung bzw. zum Licht kommen, wollen wir uns so wie die klassischen Alchemisten bei ihrer Bereitung des Steins der Weisen zuerst der „Schwarzphase“ (lat. Nigredo, auch: Schwarze Sonne) widmen, jenem Stadium der Fäulnis und des Ausbrennens, in dem auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung eine Vorstufe der inneren Reifewerdung bzw. Individuation gesehen hat. Die Schwarzphase, bei der ein Gefäß in Pferdemist eingepackt und im Schlamm vergraben wurde, um dort zu verwesen, dauerte bei den alten Alchemisten 40 Tage. Mit 35 Tagen will der Intendant der Wiener Festwochen zeigen, dass es im digitalen Zeitalter auch eine Spur schneller geht und verspricht „fünf Wochen Ausnahmezustand“. Seiner Ansicht nach solle das Kulturprogramm „nicht geistig, sondern sinnlich“ sein, es gehe ihm „um exzessive, lustvolle Erfahrungen“ (Quelle: tvthek.orf).

In diesem Kontext und im Sinne von Frankls Zukunftskaleidoskop also kurz ein paar Streiflichter durch die Festspiellandschaft und ihre diesjährigen Stars (Kursivtext jeweils im Original übernommen):

“Promised Ends“ – Derrick Mitchell: In seinem „Theater der Grausamkeit“ lässt er assoziativ-mythologische Räume entstehen und erzeugt überbordende Schönheit, die in jedem Moment in Schmerz, Hysterie und extreme Emotionen kippen kann. Mitchell zeigt eine Gesellschaft in einer Grenzsituation, die Tabuschwellen durchbricht, … Angst, Bedrohung, Tod und Kannibalismus. Zum Sprachrohr dieser Gesellschaft wird ein körperlich wie geistig zerstörter König Lear … Auf der erbarmungslosen Reise sind wir mit Saint Genet und der Donner Party im Gebirge gefangen und treffen auf einen ››mad king on the heath saying kill, kill, kill, kill, kill, kill!‹‹ (Quelle: festwochen). Während der Performance zapfen sich Mitchells Schauspieler Blut ab und setzen sich unter Drogen. Im TV-Journal KulturMontag vom 08.05.2017 (Link bereits erloschen) sieht man mit echtem – ihrem eigenen – Blut verschmierte Körper zuerst alleine zittern, dann zu lethargischen Haufen übereinandergestapelt.

„Death Center for the Living“ – Daniel Lie: zeigt die Lust am Auflösen des Individuums und am Verschmelzen mit der dionysischen Emotion einer Masse, egal welcher: „Emotional Fields“ bezeichnet Situationen, in denen ganze Gruppen von Individuen zur selben Zeit und am selben Ort dieselbe Emotion empfinden, z. B. bei einer Trauerfeier, einem Candomblé-Ritual, aber auch bei einer Schlägerei oder einer Demonstration. Erkunden Sie die Zwischenwelt der Transformation, der Auflösung, des Loslassens. In Daniel Lies interaktiver Installation aus Mineralien, Pflanzen und verrottendem Obst entstehen atmosphärisch dichte Szenarien, in denen zeitliche Linearität zugunsten eines prozessualen Verständnisses aufgelöst wird. Ein queerer Raum, in dem alternative Gesetze walten. Eintritt frei (Quelle: festwochen).

„Mondparsifal Alpha 1-8“:  Als einer der Höhepunkte der Festspiele darf hier der bereits genannte Jonathan Meese den Parsifal-Mythos dem Reißwolf und der Kompostierung zuführen. Er selbst findet seine Wagner-Verhunzung als „das Geilste“. Er möchte Richard Wagner und den Weltenretter Parsifal „entheiligen, um ihn zukunftsfähig zu machen“, ihn von Politik und Religion befreien, da es Politik und Religion ja gar nicht gäbe und wir uns stattdessen auf eine Zukunft vorbereiten müssten, die wie schon erwähnt, nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch sein werde. In diesem Sinne will er uns zeigen, wie unsinnig es ist, den heiligen Gral und die Entwicklung innerer Tugenden wie Gerechtigkeit, Weisheit, Milde etc. zu erstreben wie seinerzeit die Gralsritter, wo es doch heute Strom aus der Steckdose, WLAN, auf Mondstationen twerkende Barbarellas, billigen Fusel, Anus-Polonaisen und endloses Entertainment gibt.  Meese „freut sich tierisch“, dass er nun auf der Weltbühne der Wiener Festspiele dasjenige Skandalstück aufführen kann, das bei den Bayreuther Festspielen abgesetzt wurde. Für das spießige Bayreuth, das seine fortschrittlich-entheiligende Kunzt verschmäht hat, schlägt der Regisseur nur noch eine – letzte – Inszenierung vor: „Man holt den Bulldozer raus und macht alles platt.“ (Quelle: orf).

„Hyperreality“: Parallel zu den Kunstinszenierungen wird in einem eigenen Pavillon vier Nächte lang ein „großer Reigen mit theoretischem Überbau und Partycharakter sowie einem politischen Drall“ veranstaltet. Die hierbei zum frenetischen Tanz aufspielende, international gefragte Künstlerin Tomasa Del Reals beweist durch ihre Vita, dass es im Sinne Meeses Mondparsifal auch ganz ohne ritterliche Ideale geht und „neue Realitäten“ ausreichen: „Dem Onlinemagazin The Fader kommunizierte sie eine Selbstbeschreibung, die von neuen Realitäten zeugt: Sie sei lediglich ein Mädchen mit ein paar guten Freunden, einem Mac und Wi-Fi“ (Quelle: orf).

Beim Recherchieren über die Wiener Festwochen habe ich mich auch kurz in ein benachbartes, ebenfalls an der Donau liegendes Kulturfest verirrt, das vermutlich aus dem Sporenflug des Mutterfestivals vom Vorjahr auf der grünen Wiese der Provinz aufgesprossen ist: Das Kremser Donaufestival. Der öffentliche Rundfunk erklärt uns, worum es bei diesem Festival geht (Quelle: orf): „Das Motto: nur keine falsche Scham. Hinschauen und zuschlagen, ganz, wie es die Lust gebietet.“ Im Fließtext erfährt man auch, was besagte Lust gebietet: „Dutzende nackte Menschen, die in einer Kirche ekstatisch zu moderner Musik tanzen und einander betatschen. Die Dominikanerkirche ist keine Kirche mehr, und die Tage, in denen so etwas als Tabubruch galt, sind längst vorbei. Heute ist das Skandalon ein anderes: echte Menschen, manche alt, manche jung, manche dick, manche mager, manche sportlich, manche nicht, mit großen oder flachen Brüsten, kleinen oder großen Penissen.“ Als Kulturverfall will der staatliche Rundfunk die Performance keinesfalls verstanden wissen: „Von wegen „Verfall“: Hier steht ein Mensch, in all seiner Körperlichkeit, all seiner Normalität…“

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk geizt auch nicht mit Ratschlägen und lebenspraktischen Erkenntnissen, die auf dem Kulturfestival zu gewinnen sind: Unter der Überschrift „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schildert er die Lust, in deren Genuss man bei hemmungslosen Gewaltausbrüchen kommen kann: „Solchermaßen von Komplexen befreit, muss man sich noch seiner Wut über das Body-Shaming, das in der Welt außerhalb des Donaufestivals weit verbreitet ist, entledigen. Da kommt Stephane Roys „The Laboratory of Anger Management“ gerade richtig. In einem Container wird eine Wohnlandschaft aufgebaut. Festivalbesucher dürfen sich jeweils 30 Sekunden lang mit einem Baseballschläger bewaffnet an die Zerstörung machen. Was in den unscheinbarsten Menschen steckt! … Wahren Berserkern gleich dreschen sie auf Glastische, Nachkästchenlampen und Stereoanlagen ein, bis außer ein paar Splittern nichts mehr übrig ist und das improvisierte Wohnzimmer neu aufgebaut werden muss. Interessant ist der Effekt, der sich dabei einstellt: Die Performance macht nicht Angst vor der Gewaltlust einzelner Individuen, sondern man freut sich mit ihnen über die Befreiung, die ganz offensichtlich mit dem brachialen Zerstören von heimeligen Konsumlandschaften einhergeht … Man verlässt das Festivalgelände mit einem inneren Schlachtruf, der die Schädelknochen noch ein letztes Mal zum Schwingen bringt: Freiheit für den Körper!“ (Quelle: orf)

Bevor er das Festivalgelände verlässt, macht der Redakteur noch einen Besuch bei einer Performance, in der ein „posthumanes Wesen“ auf einen schwarzen, mächtigen Thron erhoben wird, umgeben von Nebelschlieren und diffusem Kunstlicht. Wer also gedacht hat, dass in einer Zukunft, die „nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch“ sein wird, auch der Herrscherstuhl leerbleibt, während wir durchspaßt mit Cyberbrillen durch die Gegend surfen, der hat wohl voreilig geschlussfolgert. Passend zur Inthronisation des posthumanen Herrscherwesens wartet das Kulturfestival auch mit entsprechenden „theoretisch-diskursiven Vertiefungen“ auf, in welchen die US Cyborg- und Cyberfeminismus-Vordenkerin Donna Haraway dem Publikum die Idee schmackhaft macht,  die „Grenzziehungen zwischen Mann/Frau, Mensch/Maschine und Physischem/Virtuellem aufzuheben und neu zu denken“.

Zurück aber aus der Provinz in die Hauptstadt zum Mutterfestival: Auftakt und Höhepunkt der Wiener Festwochen war die „zwischen Oper und Orgie“ verortete Inszenierung „Ishvara“ des chinesischen Künztlers Tianzhuo Chen, der sich einen riesigen Bananenmixer zurechtgelegt hat, in den er die Bhagavad Gita (=die heilige Schrift der Hinduisten) und buddhistische Rituale zusammen mit Pop, Hiphop, nackten Männer mit frei schwingenden Pimmeln, Tierkadavern und Dämonen hineinwirft und dann den Mixer einschaltet. Die daraus resultierende, aufgeschäumte Melange wird sodann unter kaltem Neonlicht, Stroboskopscheinwerfern und markdurchdringend sirrendem Sirenenlärm zweieinhalb Stunden lang auf die Bühne ergossen. Aus einer Rezension auf orf news: „Im Vollrausch der Opernorgie — Auf der Bühne herrscht Opulenz, die die erzählerische Ebene ohnehin bald in den Hintergrund rückt. Es wird mit Fleisch geworfen, gekreuzigt, gebadet und vor allem viel getanzt – einmal mehr, oft weniger angezogen. Neon- und Schwarzlicht beleuchten ein großes Kreuz, das auf der Spitze eines Berges im Hintergrund aufgestellt ist…“

Während sich also der Westler Jonathan Meese die Entheiligung des christlichen Parzifal-Mythos vorgenommen hat, so widmet sich der aus dem Osten kommende Chen der Entheiligung der Bhagavad Gita, das ist quasi das orientalische Gegenstück der Bibel und Hauptwerk des Hinduismus. Der Großteil des Publikums war angeblich begeistert. Auch ich beginne langsam zu verstehen: Wenn diese letzten Reminiszenzen menschlicher Kulturgeschichte endlich zerrissen, verschreddert und verheizt sind und dem menschlichen Geist ein Tritt verpasst wurde wie einem Fußball, den man weit über den Horizont hinausschießt, dann werden wir endlich bereit sein für die Zukunft, die der Fortschritt uns verspricht. Das posthumane Wesen auf dem schwarzen Thron wird uns in eine neue, transhumanistische Evolution führen – siehe dazu ein lesenswertes Essay in Peds Ansichten (danke an User Blub für den Link).

Zurück aber zu Chens Orgienoper. Im Publikum spielt sich nämlich etwas ab, was ich als bemerkenswert repräsentativ für das ansehe, was sich m.E. in Zukunft immer stärker herauskristallisieren wird:

„Das Publikum teilt sich in einen kleinen Teil, der sich an mancher Stelle die Ohren zuhält, und den Rest, der von der ohrenbetäubenden Soundkulisse fast in eine Art Trance versetzt wird.“ (Bericht aus news.ORF.at/festwochen)

Und genau hier sind wir am springenden/revolutionären Punkt bzw. am eingangs versprochenen Hoffnungsmoment angelangt: Es wird berichtet, dass nach einer Dreiviertelstunde zuerst einzelne Personen und dann immer mehr Menschen mitten in der Orgienoper aufgestanden sind und unter Buh-Rufen den Raum verlassen haben. – Wer jetzt müde die Augen aufschlägt und meint, das sei nichts Besonderes, der hat keine Ahnung von der zeitgenössischen Kunstzene und den Gesetzen der Avantgarde. Bis vor Kurzem wäre es noch ein absolutes No-Go und reine Häresie gewesen, sich dem zur Normalität erklärten Wahnsinn zu verweigern und andere Wege zu gehen. Als etwa der österreichische Alt-Bundespräsident Thomas Klestil seinerzeit mit dem Satz „Mir gefällt die Kunst Nitschs nicht“ öffentlich bekundete, dass er den Orgienmysterienspielen und Blut-Schüttbildern des Aktionskünstlers Hermann Nitsch ablehnend gegenübersteht, wurde er von der herrschenden Meinung und ihren Leitmedien regelrecht hingerichtet. Ebenso machte sich auch jeder Kleinbürger der Führerbeleidigung schuldig und wurde umgehend als Ketzer aus der Gemeinschaft der fernsehenden Spiegelbildbürger verworfen, wenn er fortschrittliche nackte Tatsachen mit einem Sahnehäubchen reinem Wahnsinn obendrauf serviert bekam und es verschmähte, davon zu essen. Wenn heute also erstmals, wenn auch nur vereinzelt,  Menschen aufstehen, sich gegenüber der Masse emanzipieren und mutig den Häretikerstandpunkt einnehmen, dann ist das absolut revolutionär und in seiner Symbolkraft für die Zukunft nicht zu unterschätzen. Wir sind hier Zeugen absoluter pionierhafter Willensentscheidungen: Menschen, die nicht in C.G. Jungs „Nigredo“(Schwarz-)Phase verharren wollen, sondern die am Nullpunkt der menschlichen Kulturgeschichte realisieren, dass sie im Begriff sind, bei weiterer Fortsetzung dieses Weges in den Bereich sub-zero zu kommen bzw. meier zu werden. Menschen, die sich aus der Phase „Nigredo“(Schwärzung) in Richtung „Albedo“ (Weißung) und „Rubedo“ (Rötung) bewegen, um bei C.G. Jungs Terminologie zu bleiben (was diese tiefenpsychologischen Begriffe bedeuten, würde hier den Rahmen sprengen, kurz gefasst sind damit Stufen innerer Reifewerdung angedeutet, wobei es das Verdienst C.G. Jungs war, herauszuarbeiten, dass es bei diesen der mittelalterlichen Alchemie entlehnten Begriffen keineswegs um die Gewinnung von materiellem, sondern um „philosophisches Gold“ geht; als weiterführende Literatur siehe z.B. Jung, C. G. (1984): Psychologie und Alchemie).

Zurück aber zu denjenigen Pionieren, die sich aus der Orgienoper des 21. Jahrhunderts bereits emanzipiert haben: Nun wird gewiss mancher enttäuscht sein, dass das die ganze Hoffnung sein soll, die ich eingangs versprochen habe. Was sind schon einige wenige Brechbreiverweigerer gegen die große Masse, die sich weiterhin mit dem Brei abfüttern und in ekstatische Begeisterung versetzen lässt? Nun gut, wem diese Willensbekundung einiger Weniger noch nicht Hoffnung genug ist, für den habe ich abschließend noch einen weiteren Trost auf Lager:

Viele werden es schon wissen, aber da es sich zu manchen womöglich noch nicht rumgesprochen hat und zum Thema passend, im Übrigen eine Namensverwandschaft mit dem vorgenannten „Rubedo“ C.G. Jungs hat, möchte ich hier nochmals darauf hinweisen: Vor wenigen Wochen wurde eine neue Plattform eingerichtet, um einen wirkungsvolle Gegenöffentlichkeit gegen den zur Normalität erklärten Wahn-Sinn und gegen die tendenziöse Meinungsmache der Massenmedien zu schaffen. Das Magazin nennt sich „RUBIKON — Magazin für die kritische Masse“ und hat, wie der Name schon sagt, das erklärte Ziel, in der Gesellschaft die notwendige kritische Masse zu schaffen, um den abgründigen Entwicklungen der Gegenwart doch noch eine Wendung zu geben. Jean Ziegler zur Rubikon-Gründung:

„Es gibt eine letzte große Chance, den Beutejägern des Kapitals das Handwerk zu legen, bevor sie mit der neoliberalen Dampfwalze jeder Individualität und humanistischen Solidarität ein Ende setzen.“

Eine erste Sichtung des neuen Magazins hinterlässt einen vielversprechenden Eindruck und macht Mut auf die Zukunft. Neben vielen hochkarätigen Kolumnisten finden sich im Beirat erfrischende Köpfe wie Jean Ziegler, Daniele Ganser und Rainer Mausfeld. Aus der Startseite des Rubikon:

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ (Erich Kästner) … Trauen Sie sich, aufzustehen. Trauen Sie sich, klar und zuversichtlich zu sein! Lassen Sie uns sicht- und hörbar werden, denn diese Welt und diese Zeit brauchen uns alle, brauchen auch Sie. Überschreiten wir gemeinsam den Rubikon. Denn ob wir es wollen oder nicht: die Würfel sind längst gefallen. Es ist daher an der Zeit, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen.“

Was Rubikon ein besonderes Qualitätsgütesiegel verleiht: Nur wenige Atemzüge nachdem die Rubikon-Plattform gegründet wurde, wurde ihr von den Inquisitoren der Skeptikerbewegung bereits ein Eintrag auf Psiram verpasst (über Hintergründe zu dieser Diffamierungsplattform siehe Jens Wernicke: „Die Aufklärer und ihre Fake-News“). Hätte Rubikon diesen Eintrag auf Psiram nicht, dann wäre diese Initiative vermutlich nicht wert, dass man sie erwähnt. Denn wer auf dem Gesinnungspranger Psiram keinen Eintrag besitzt, ist im heutigen gesellschaftlichen Diskurs nur von eher untergeordneter Bedeutung und hat zur Veränderung der herrschenden Verhältnisse nicht viel beizutragen. Nur wer dem, was in der globalen Orgienoper „herrschende Meinung“ und „anerkannte Lehre“ ist, etwas entgegenzusetzen hat, ist dort aufgelistet. Wenn Rubikon also dort sogar binnen Tagesfrist ins Visier der von Roland Düringer als Bluthunde bezeichneten GWUP-/Skeptikerbewegung gerät, dann spricht das absolut für die Integrität und Stoßkraft der Redakteure von Rubikon. Frei nach Noam Chomsky: „Wenn ich mit dem, was ich sage, in den heutigen geisteskorrumpierten Verhältnissen nicht auf vehemente Kritik stoßen würde, dann wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.“

Einer meiner neuen Lieblingskolumnisten auf Rubikon ist übrigens „Herr M.“ – Herrn M. ist angesichts der Entwicklungen des Zeitgeschehens schon seit einiger Zeit nur noch schlecht. Seine Kolumne nennt er daher auch „Die Brechecke“. Trotz allem hat sich Herr M. einen besonderen Galgenhumor bewahrt, fühlt in Seelenruhe am Totenbett den Pulse of Europe, forscht eigenhändig nach, was das neue „SCHULZ“ ist und demaskiert unsere Leitmedien in genüsslicher Weise als „konzertierte Gehirnwaschfront“. Aber auch in den Artikeln der anderen Rubikon-Autoren kann man in Ruhe schmökern, ohne dass man am liebsten ein Glas an die Wand schmeißen möchte so wie beim Lesen unserer DIN-ISO-zertifizierten Leitmedien.

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Nachsatz:

Tja, die Nigredo-Phase, durch die wir momentan durchgehen, ist vermutlich noch lange nicht überwunden und die Sonne, die derzeit am Horizont steht, würde C.G. Jung wohl trotz ihres gleißenden Lichtes eine schwarze nennen („sol niger“, siehe Titelbild). Ein Sonnenschutzmittel, das vor dieser Gegensonne bewahrt, ist bis dato leider noch nicht erfunden und so wird uns das täuschende, pervertierte Licht, das von der schwarzen Sonne ausgeht, wohl noch weiterhin auf unserem Weg begleiten und auf der Haut brennen. Es kann jedoch jeder von uns ein nicht zu unterschätzendes Stück dazu beitragen, dass die wirkliche, gesunde Sonne wieder am menschlichen Horizont erscheint. Sie wird sichtbar, sobald wir den Nebelgeneratoren den Stecker rausziehen. Diesen Stecker ziehen wir raus, indem jeder von uns an seinem Ort der Lüge und Manipulation die Gefolgschaft verweigert und sich auf individuelle Weise um Wahrheit  und Humanität bemüht (siehe auch „Der Mensch am Schlachtfeld zwischen Lüge und Wahrheit“). Damit das bei niemandem Druck erzeugt: Die Wandlung vom Nigredo zu Albedo und Rubedo muss kein äußerlich heldenhafter und spektakulärer Prozess sein, es ist in den meisten Fällen eine ganz leise, innere Wandlung – dabei wäre es jedoch meines Erachtens ein fataler Fehler, wenn man mit dieser inneren Wandlung bei sich stehen bleibt und sich nicht nach außen wendet (die Tendenz zu Selbstrückzug und zum Schaffen von Wellness-Oasen ist angesichts der derzeitigen Großwetterlage bzw. kollektiven Depression zwar durchaus verständlich, aber nicht ratsam). So wie dies die Begründer von Rubikon machen, kann es auch jeder von uns im Kleinen machen: Ins Gespräch gehen, lebendiges Interesse am Weltgeschehen zeigen, mutig Position beziehen für Menschen, die gerade diffamiert und medial durch den Dreck gezogen werden, Respekt zeigen vor der Würde Anderer bzw. Andersdenkender – für die man im Sinne Immanuel Kants auch zu kämpfen bereit ist, denn: “Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.”

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P.P.S:

Falls die vom Orgienopern-Regisseur Tianzhuo Chen in Brand gesetzte und zum Verschreddern freigegebene Bhagavad Gita demnächst aus dem Gedächtnis der Menschheitsgeschichte ausgetilgt werden sollte, dann bleibt aus dem 700-strophigen Gedicht vielleicht zumindest auf dem Nachrichtenspiegel-Server dieser kleine Vers hier erhalten. Er mag als philosophische Gewürzprise dienen, dank derer Ihr Verdauungstrakt die notwendigen Enzyme erhält, um die aus den oben verlinkten Kulturfestimpressionen aufgenommenen Toxine, freien Radikale und Handlungsimperative wieder ausscheiden zu können.  (Der Autor des Gedichts ist unbekannt, zu altindischen Zeiten hat es der Mensch noch als anmaßend empfunden, dem Namen seiner vergänglichen Persönlichkeit besondere Wichtigkeit zuzumessen):

Wenn ein Mensch materielle Dinge betrachtet, entsteht Bindung an diese.

aus Bindung entsteht Begehren,

aus Begehren entsteht Zorn,

aus Zorn entsteht Verblendung,

aus Verblendung erfolgt Verlust der Erinnerung (an den Sinn des Lebens),

aus dem Verlust der Erinnerung erfolgt Zerstörung des Verstandes/ der Unterscheidungsfähigkeit;

ist der Verstand/ die Unterscheidungsfähigkeit zerstört, dann geht der Mensch zugrunde.

 

 

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