Brigitte Valenthin

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Von Missverständnissen und dem Konkurrenzkampf um den „richtigen Weg“ gegen den „Tanz ums goldene Kalb“

Von Missverständnissen und dem Konkurrenzkampf um den „richtigen Weg“ gegen den „Tanz ums goldene Kalb“

Ein verspätetes Wort zum Sonntag vom Einsiedler, einem Wald- und Wiesenphilosophen ohne Examen
Meine Wilderei im Territorium eines ausgewiesenen Platzhirschen wird der Leser hoffentlich verzeihen- schliesslich gebietet die Emanzipation auch die Befreiung aus der Vorherrschaft von „ausgewiesenen Experten“.

Es soll hier niemand persönlich angegriffen werden, doch der Konflikt um die causa Boes hat mal wieder gezeigt, warum es leider (bisher) kein breites Bündnis für artgerechte Menschhaltung gibt. Unsere nur zu menschlichen Schwächen führen ein gefährliches Eigenleben, das man nur durch bessere Beobachtung und den Mut zur kreativen Pause entschärfen kann. Das heisst: sich immer mal wieder zu fragen, ob nicht vielleicht auch genau das Gegenteil dessen wahr sein könnte, was man gerade spontan denkt. Bei dieser Übung kann man sehr viel über sich und andere lernen.

Falsche Wahrnehmung/ unzureichende Differenzierung ist am Anfang ein Irrtum, in der Mitte ein Unrecht und am Ende ein Verbrechen. So möchte ich hier frei nach einem fernöstlichen Sprichwort warnen (das ich leider nicht wiederfinde). Unser eingefleischtes Freund- Feind- Denken mag entwicklungsgeschichtlich nützlich gewesen sein, als eine schnelle Entscheidung nötig war, gegen wen man gerade sein Leben verteidigen musste. In unserer komplexen sozialen Wirklichkeit führt es uns leider allzu häufig auf Irrwege. Über Stigmatisierung und Ausgrenzung bis hin zur Vernichtung (auch unschuldiger) Verdächtiger reichen die Folgen, die letztlich auch uns selbst schaden.

Besonders bei der dringend notwendigen Formierung eines breiten Bündnisses gegen eine immer offensichtlicher desaströse Politik und Kultur können wir uns zuviel „friendly fire“ nicht erlauben. Daher sollten wir unsere Aufmerksamkeit auf das Erkennen und Verstehen solcher Prozesse lenken, denn gescheiterte Kommunikation ist letztlich die Ursache der meisten Krisen.  (Womit keineswegs bestritten werden soll, dass es Personen und Institutionen gibt,  die von Vornherein gesellschaftsfeindliche Ziele verfolgen.)

Wenn wir jemanden missverstehen, liegt das häufig an mangelnder Kenntnis der betreffenden Person und deren Umständen oder an unserer momentanen Unaufmerksamkeit. Aus einem solchen Missverständnis aber entstehen schnell Diskrepanzen und Verletzungen, Zerwürfnisse, manchmal sogar Krieg, im Extremfall gar Scheiterhaufen und Konzentrationslager.

Zu einer menschenwürdigen Gesellschaft kommen wir nur, wenn wir u.a. selbst lernen, menschlicher miteinander umzugehen, das heisst auch: andere nicht zu verurteilen. Dafür gibt es vier gute Gründe: Zum einen gebietet es die Vernunft, wenn wir wissen, dass keiner von uns in der Lage ist, alle Umstände zu erkennen, die für die Beurteilung einer Situation relevant sind. Zweitens der Pragmatismus: jeder weiss, dass sich ein Verurteilter zum Gegenangriff genötigt fühlt und der Konflikt dadurch eskaliert, die Rollenverteilung damit zementiert wird. Drittens fordert dies die Nächstenliebe oder für religiös Unbedarfte der kategorische Imperativ nach Kant. Und nicht zuletzt verurteilen wir automatisch stets mit dem Anderen auch einen Teil von uns selbst mit, denn unser Unterbewusstsein unterscheidet nicht zwischen uns und dem anderen.  Verurteilen wir uns aber selbst, dann sabotieren wir uns selbst in unserer (Selbst-) Liebesfähigkeit, verlieren unsere Gelassenheit und reagieren auf die nächste Situation vorbelastet, kriegen etwas „in den falschen Hals“ und damit beginnt das Spiel von vorn.

Am Ende eines solchen Prozesses führen wir Krieg gegen Jeden ausserhalb unseres engsten Umfeldes und lieben wir nur noch die Waren, die uns von der allgegenwärtigen Werbung mit dem Etikett der  Makellosigkeit präsentiert und damit zum Fetisch stilisiert werden. Unser angeborenes höchstes Streben nach Wahrheit, Schönheit und Liebe wird so pervertiert und vor den Karren der skrupellosen Profitmaximierung gespannt.

Lassen wir das nicht zu! Kämpfen wir GEMEINSAM gegen den inszenierten Tanz ums goldene Kalb, das uns die unwissenden und korrumpierten Politiker und ihre Steigbügelhalter als Ersatz für eine angeblich nicht realisierbare menschenwürdige Gemeinschaft vorsetzen!

 

Mit Dank an den Einsiedler

Hartz IV ist im Sinne der Erfinder, aber nicht der Gesellschaft

In der Telepolis finden wir ein aufschlußreiches Interview mit Brigitte Vallenthin, die Autorin des Buches „Ich bin dann mal Hartz IV“.

Am liebsten würde ich ja das ganze Interview hier zeigen, aber das würde wohl das Zitaterecht ein wenig arg beanspruchen. Daher nur ein paar kleine, aus dem Zusammenhang gerissene Auszüge:

Was halten Sie von Plänen der Regierung, wegen der Vielzahl der Klagen von den Harz-IV-Beziehern nun Gerichtsgebühren zu verlangen?

Brigitte Vallenthin: Das ist einerseits ein unglaublich dreister Versuch, die Hartz-IV-, also SGB-II-Berechtigten – ebenso wie die Rentner und arbeitsunfähig Erkrankten im SGB-XII-Bezug jeglicher Möglichkeit zu berauben, wenigstens vor den Sozialgerichten noch ihre Rechte erkämpfen zu können, die ihnen die Verwaltung systematisch vorenthält.

[..]

Dabei könnte man – wenn tatsächlich der Gesetzgeber guten Willens gegenüber seinen Bürgern wäre – die Hartz IV-Prozessflut, die man mit nicht aus dem Regelsatz finanzierbaren Gerichtsgebühren verhindern möchte, doch ganz einfach eindämmen, nämlich so: Die Jobcenter müssen – wie alle anderen Sozialleistungserbringer, beispielsweise Renten- und Krankenkassen auch – die pauschale Gerichtsgebühr von 150 Euro tragen.

Denn nur wegen der Befreiung der Hartz-IV-Ämter von dieser Gerichtsgebührenpflicht können die Sachbearbeiter einem immer wieder frech ins Gesicht sagen: „Ist mir egal, ob Sie meinen Bescheid in Ordnung finden oder nicht – gehen sie doch zum Sozialgericht – das ist mir egal.“ Müssten sie Verantwortung für ihre systematisch rechtswidrigen Leistungsverweigerungen tragen und hätten sie pro Klage die 150 € zu zahlen, so wären bei ca. 200.000 Klagen schon jetzt seit 2005 von ihnen rund 30 Millionen zu berappen gewesen.

[..]

Ist Ihrer Ansicht nach Hartz IV ein übereilt beschlossenes Gesetz, das nun handwerklich massiv ausgebessert werden muss oder wurde es mit Absicht so schlampig ausgearbeitet, damit man in der rechtlichen Grauzone Langzeitarbeitslose besser drangsalieren kann?

Brigitte Vallenthin: Da kann ich – wie aus dem bereits Gesagte hervor geht – kurz und knapp mit der Einschätzung von Helga Spindler antworten, die das Vorwort zu meinem Buch geschrieben hat. Sie ist Professorin für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Universität Duisburg-Essen am Institut für Soziale Arbeit und Sozialpolitik, langjährige Expertin für Sozialhilferecht und Kritikerin sowohl der Regeln und Verfahren, die mit der Hartz-Gesetzgebung eingeführt wurden als auch des Menschenbildes, das hinter dieser Reform steht. Sie schreibt: „Hartz IV ist im Sinne der Erfinder, aber nicht im Sinne der Gesellschaft.“

Das heißt: für die, die sich das Gesetz ausgedacht haben, ist der Zweck des Unter-Druck-Setzens und der Ausgrenzung erreicht und soll so weiter erhalten bleiben bzw. verschärft werden. Für den sozialen Frieden in unserem Gemeinwesen aber und nicht zuletzt die Kreativität der Menschen gehört das Gesetz nach meiner Meinung komplett auf den Müll. Es ist kein Geheimnis, das ich stattdessen ohne wenn und aber hinter den Ideen den Bedingungslosen Grundeinkommens stehe – auch da keineswegs alleine, denn immer mehr Menschen schließen sich dem an, in jüngster Zeit besonders überzeugend Jakob Augstein, der Chefredakteur und Herausgeber des Freitag.

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen…
„Ab ins Obdachlosenwohnheim – denn das hält die Politik für ‚zumutbar'“

Update:

Und nachdem dieser Artikel fertig war und in der Warteschlange lag, plumpste diese Pressemitteilung in mein Postfach, was dann noch schnell dazu führte, daß der Titel angepasst wurde:

„Hartz IV ist im Sinne der Erfinder, aber nicht der Gesellschaft“
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Brigitte Vallenthin im Interview mit Telepolis zu Hartz IV-Schikanen, Regelsatz-Debatte, Prozessflut und Bedingungslosem Grundeinkommen

„Dass der Wind nach meinem Interview mit Telepolis/Heise zu den zahlreichen politisch gewollten gesellschaftlichen Problemen durch Hartz IV kräftig von vorne kommen würde, damit habe ich gerechnet,“ erklärt Brigitte Vallenthin gegenüber dem Sozialticker. „Dass der Beitrag aber offensichtlich so ins Schwarze getroffen hat – bei denen, die Millionen in Armut gedrängte und gehaltene Menschen in diesem Lande am liebsten noch mehr ausbluten würden -, dass Telepolis den Titel änderte, das hätte ich nicht erwartet.“

In der heißesten Phase der Regelsatz-Kungeleien traf das Interview von Hartz4-Plattform-Sprecherin offenbar derart den Nerv der politisch taktierenden Wahlkämpfer, dass die Headline vom Morgen „Hartz IV ist im Sinne der Erfinder, aber nicht der Gesellschaft“ offenbar nicht mehr zu halten war und in „Ab ins Obdachlosenwohnheim – denn das hält die Politik für „zumutbar““ geändert wurde. Die Hartz4-Plattform Sprecherin und Autorin von „Ich bin dann mal Hartz IV“, die beim Interview – im Unterschied zu einem namentlich nicht genannten Politiker – das ehemalige Headline-Zitat ordnungsgemäß mit Anführungsstrichen kenntlich gemacht und auch die Quelle – Prof.Dr.jur. Helga Spindler, langjährige Sozialrechtsexpertin von der Universität Duisburg-Essen – pflichtgemäß benannt hat, fühlt sich durch die zahlreichen, vorurteilsbeladenen Kommentarbeiträge zu dem Beitrag
(http://www.heise.de/tp/r4/artikel/34/34221/1.html) durch dieses Zitat nur noch einmal bestätigt:
„Hartz IV ist im Sinne der Erfinder, aber nicht im Sinne der Gesellschaft.“

Wiesbaden, 19. Februar 2011


Brigitte Vallenthin
Presse
Hartz4-Plattform
keine Armut! – kein Hunger! – kein Verlust von Menschenwürde!
Bürgerinitiative für die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens
sowie die Information und Unterstützung von Hartz IV-Betroffenen

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