Bore-Out

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Bore Out – Wenn Leistungsträger aussorgen …


Bilder: Jacques Prilleau

Aus der psychotherapeutischen Praxis weiß man heute, dass Unterforderung dem Menschen mindestens genauso schlecht bekommt wie Überforderung. „Bore-Out“ nennt man das Phänomen, das zu den gleichen Erschöpfungserscheinungen führen kann wie „Burn-Out“.

Als Sohn einer Beamtenfamilie wurde mir von klein auf eingepläut, dass ich zusehen solle, irgendwo im Staatsdienst „unterzukommen“, da man dort „ausgesorgt“ habe. Was Staatsdienst bedeutet, sollte ich bald kennenlernen. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich mich an diese Zeit zurückerinnere. Mein erstes Praktikum absolvierte ich bei einem kommunalen Energieversorgungsunternehmen: In der Abteilung, in die ich hineingesetzt wurde, hatte praktisch niemand etwas zu tun. Internet und Smartphones gab’s damals noch nicht, also starrten alle gequält aus dem Fenster und auf die Wanduhr, deren Zeiger aber eher rückwärts als vorwärts zu gehen schien. Eine Runde im Büro gehen und Zimmerpflanzen gießen war das einzige, womit man die Zeit totzuschlagen versuchte – was allerdings auch den Tod der Pflanzen bedeutete, da selbst hartnäckige Gummibäume irgendwann absaufen, wenn sie dreimal am Tag gegossen werden.

Dasselbe Spiel (absterbende Pflanzen und absaufende Bürohengste) konnte ich bei meinem zweiten Berufspraktikum in der Normenabteilung einer Landesregierung erleben. Der dortige Abteilungsleiter hatte sich eine besondere Überlebensstrategie eingerichtet: Er versuchte die Zeit totzuschlagen, indem er en masse Autozeitschriften, Freizeit-Revue und Schlüsselloch las – hatte dabei allerdings einen unheimlichen Stress, da er sich die Gossenblätter ja nicht offen reinziehen konnte. Um undercover lesen zu können, hatte er immer einen aufgeklappten Aktenkoffer am Schreibtisch stehen, der sofort hektisch zugeklappt wurde, sobald ein Mitarbeiter anklopfte und sein Zimmer betrat. Beobachtete man den Leistungsträger durch ein seitliches Plexiglasfenster, dann konnte man sehen, wie sein Blick ständig nervös witternd zwischen dem Inneren des aufgeklappten Aktenkoffers und den Eingängen seines Büros hin- und herschweifte. Das Büro hatte drei Türen, d.h. von links, rechts oder von vorne konnte jeden Moment ein Mitarbeiter oder der große Chef hereinkommen. Ich weiß nicht, wie alt der gute Mann geworden ist, aber ein solchermaßen in Dauererregung befindlicher Adrenalinspiegel soll ja für das Herz-/ Kreislaufsystem nicht unbedingt zuträglich sein. Ein Insasse in Guantanamo hat vermutlich einen entspannteren Arbeitstag als dieser Kommunalbedienstete.

Als es dann endlich 16.30 war, waren alle fix und fertig. Bei manchen Kollegen habe ich mir Sorgen gemacht, ob sie es in diesem Zustand überhaupt noch unfallfrei nach Hause schaffen.

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