Barbaren

This tag is associated with 1 posts

Endzeit-Poesie 4.0: „Unter Feinden“ – Überleben in Zeiten des nackten Wahnsinns

Foto: Michelangelo (Jebulon/CC0)

Oft taucht in letzter Zeit die Frage auf, was man denn heute angesichts des eskalierenden Wahnsinns tun könne bzw. wie man inmitten des tagespolitischen Blitzgewitters an Lügen, Manipulationen und Destruktivismen überhaupt geistig gesund bleiben kann. Wie bereits angekündigt, wollen wir dazu in loser Folge einige ketzerische Gedanken sammeln.

Beginnen wir gleich mit Survival-Maßnahme Nr. 1: Um dem nackten Wahnsinn, der uns heute von allen Seiten her angrinst, trotzen zu können, sollte man sich als erstes einen handfesten Galgenhumor zulegen. Verbraucherschutzhinweis: Wahrer Galgenhumor ist nicht zu verwechseln mit Zynismus (wie wir ihn heute bereits zuhauf haben). Mit solchem Galgenhumor im Gepäck konnte schon Friedrich Nietzsche den Barbaren – heute müsste man sagen: den Nerds -, die in der Welt scheinbar triumphieren, zurufen: „Zwar ich leide, zwar ich leide … aber ihr – ihr sterbt, ihr sterbt!“ Nietzsche wusste also, es ist besser, sich gegen den herrschenden Wind zu richten und lieber an den Verhältnissen zu leiden wie ein Hund als mit vollem Rückenwind des Zeitgeists zu segeln und dabei aber einem grausamen geistigen Vermorschungstod entgegenzugehen.

„Unter Feinden“ (Friedrich Nietzsche)

Dort der Galgen, hier die Stricke
und des Henkers roter Bart,
Volk herum und giftge Blicke –
Nichts ist neu dran meiner Art!

Kenne dies aus hundert Gängen,
schrei‘s euch lachend ins Gesicht:
„Unnütz, unnütz, mich zu hängen!
Sterben? Sterben kann ich nicht!“

Bettler ihr! Denn euch zum Neide
ward mir, was ihr – nie erwerbt:
zwar ich leide, zwar ich leide –
aber ihr – ihr sterbt, ihr sterbt!

Auch nach hundert Todesgängen
bin ich Atem, Dunst und Licht –
„Unnütz, unnütz, mich zu hängen!
Sterben? Sterben kann ich nicht!“


Allgemeines zu dieser Kolumne:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Die letzten 100 Artikel