Arbeitsverdichtung

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München, Ansbach, Reutlingen – die Wahrheit hinter den Anschlägen

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Montag, 25. Juli 2016. Eifel. Ich hoffe, Sie sind noch auf dem Laufenden? So – anschlagstechnisch? 19.7., Würzburg: ein siebzehnjähriger Afghane greift Mitmenschen mit einer Axt an. München, 22.7.: ein 18-jähriger, deutsch-iranischer AfD-Fan erschießt wahllos Passanten, die meisten davon ohne arischer Bioherkunft. Zehn Menschen sterben, die bundesdeutsche Bevölkerung lernt zum wiederholten Male, dass die Sicherheit im öffentlichen Raum nicht mehr gegeben ist. Reutlingen, 24.7. – ein 21-jähriger Syrer tötet eine schwangere Frau (momentan kann eine Beziehungstat nicht ausgeschlossen werden, siehe Zeit, der Täter war zuvor schon als gewalttätig bekannt – siehe Spiegel), ebenfalls 24.7.: ein siebenundzwanzigjähriger Syrer sprengt sich in einer Menschenmenge in die Luft. Bislang keine Toten.  Nur eine einzige Woche hat die Parole der Bundeskanzlerin („Deutschland geht es gut“) als Lüge entlarvt – falls einem das nicht schon zuvor klar war. Die Reaktionen auf diese Taten? Der Hass nimmt zu, überall, bei jedem.

Der Täter in Reutlingen wurde von einem BMW-Fahrer zur Strecke gebracht – er hat ihn einfach mit seinem Auto gerammt. So geht Lynchjustiz – aber diesen Aspekt nehmen wir kaum noch wahr, so selbstgefällig beurteilen wir unsere Taten. Flüchtlingshelfer bekommen ausufernde Hassmails, wer anstatt Flüchtlinge AfD hasst, hat ebenfalls genug Material, um „zurück zu schießen“.

Die Täter sind natürlich immer dieselben, das ist schon lange klar: das „Internet“ (für führende deutsche Spitzenpolitiker völlig unbekanntes Neuland und deshalb „schlecht“ – was mich daran erinnert, dass es einen Spruch gibt, der besagt, dass der Bauer nicht frißt, was er nicht kennt … woraus ich dann schließe, dass wir von dummen Bauern regiert werden…) und die „Ballerspiele“.

„Das Internet“ ist auch Schuld an Kinderpornografie, die nur so auf die Rechner von Bundestagsabgeordneten und Bischöfen kommen kann und diese ehrenwerten Herren so vom rechten Weg abbringt, „das Internet“ liefert außerdem Mordwaffen an Mörder (wie in München) und fördert zudem den Hass – vielleicht sollte man dieses Internet auch mal mit einem BMW rammen.

Außerdem gibt es da noch Ballerspiele – von Ballertypen immer gerne ins Gespräch gebracht. Ballerspiele? Nun – da schießen virtualisierte Menschen auf virtuelle Roboter (ich nenne die computergenerierten Feinde mal so, weil sie dem Urbild des Roboters entsprechen) – oder werden von diesen erschossen. Für manche der Horror schlechthin – jedenfalls für die gutbürgerliche Heuchlerkultur, die immer gerne eine Sau durchs Dorf treibt, gerne auch Juden (wenn deren Besitz interessant ist). Diese Ballerspiele erzeugen Amokläufer, da sind sich die bildungsfernen Schichten in Regierung und Parlament einig – und auch Wissenschaftler, die neue Fördertöpfe riechen. Wenn das Schießen mit virtuellen Waffen auf künstliche unkörperliche menschenähnliche Gestalten zum Amokläufer macht – was richtet dann nur die Bundeswehr an, die tausende junger Männer und Frauen an echten Waffen ausbildet, um damit auf echte Menschen zu schießen? Richtig, das fragen wir uns nie.

Nach jedem Anschlag wird das Netz überflutet von moralischen Sprüchen, die noch nicht mal bis zum Abend jenes Tages überleben, an dem sie ausgesprochen werden. Ich möchte Ihnen deshalb kurz ein wenig über die Gesellschaft erzählen, die von diesen Anschlägen getroffen wird – Sie werden sehen, der kleine Ausflug in unsere Realität lohnt sich.

Nehmen wir unsere Wirtschaft, unser Geld, unsere Arbeit – das, worauf wir im Prinzip zu Recht stolz sind. Ja – man darf auf Arbeit stolz sein, auch auf die Ergebnisse: wenn Sie auf einer einsamen Insel stranden und nach zwei Tagen einen regendichten Unterschlupf gebaut, ein Feuer entfacht, eine Wasserquelle gefunden und Nahrungsmittel gesammelt haben, werden Sie verstehen, was ich meine. Doch diese Art von Arbeit (man nennt sie: „selbstbestimmt“ – ein unbekanntes Fremdwort heutzutage) meine ich nicht. Unsere Art von Arbeit, unsere Art von Wirtschaft ist eine kannibalistische: fressen und gefressen werden. Wir sind stolz darauf: wie viele „Politiker“ haben sich öffentlich über „Sozialromantiker“ echauffiert, die in der Tat behaupteten, dass schwache Menschen so viel Wert sind wie „Leistungsträger“, deren größte Leistung darin besteht, immer höhere Preise für immer schlechtere Waren durchzusetzen – also zum Schaden des Wirtschaftsraumes zu arbeiten.

Am 11.9.1989 schrieb der Spiegel über den Stolz der deutschen Wirtschaft, unseren größten Umsatzfaktor – das Auto (siehe Spiegel):

„Allmählich erst erschließt sich Politikern und Umweltschützern, daß jedes Auto, genaugenommen, ein Stück Sondermüll auf Rädern ist. Zu gut einem Drittel bestehen Kraftfahrzeuge aus Umweltgiften oder anderen schwer zu entsorgenden Materialien.“

Hauptsächlich also verbringt der Deutsche seine Zeit damit, weltweit die Umwelt zu vernichten. Interessiert keinen Grünen, weil man ja im Porsche Cayenne zum Bioladen fährt und sich dort gutes Gewissen kauft, mit dem man dann guten Gewissens Bomben auf Zivilisten werfen kann – man hat ja heiliges Biofleisch im Bauch, wirft also gute Bomben.

Wir kriegen von den Folgen wenig mit – einmal abgesehen vom dramatischen Insektensterben – 70-80 Prozent beträgt der Schwund in den letzten Jahrzehnten (siehe Nabu) aber dafür interessieren sich noch nicht mal „Tierschützer“, die eine willkürliche Grenze im Tierreich ziehen zwischen jenen Tieren, die leicht vermenschlicht werden können (wie Kuh und Dackel, wenn man nur genug Disneyfilme gesehen hat) und jenen, die keine Sau interessieren (Hummel, Biene, Schmetterlinge), weil man mit deren Schutz nicht auf sich aufmerksam machen kann („ich esse keine Insekten“ hört man selten, auch von Veganern – obwohl man damit die Welternährungsorganisation ärgern könnte, die den Verzehr von Insekten empfiehlt (siehe SWR).

Mit Menschenschutz jedoch hat diese schizoide Kultur wenig am Hut, man will einen „Veggie-Day“ anordnen – ohne zu merken, dass man damit massiv in die Freiheitsrechte der Menschen eingreift – ignoriert aber gleichzeitig, wie vergiftet das soziale Gemeinwesen ist (siehe Zeit):

„Mehr Stress, mehr Arbeitsverdichtung: In Deutschland werden immer mehr Überstunden geleistet. Mehr als die Hälfte der 1,8 Milliarden Stunden Mehrarbeit sind unbezahlt.“

Das wären auch eine Menge Arbeitsplätze. Wir arbeiten umsonst an der Vermüllung unsere einzigen Ökosphäre – das ist der Deutsche. Als Dank dafür bekommen wir eine völlig sexualisierte Gesellschaft („sex sells“ – was sein einziger Sinn ist), während Arbeiten im Bereich der Sexualökonomie unterdrückt wenn nicht sogar verboten werden – es könnten ja glückliche, ausgegelichene Menschen entstehen. Die kaufen aber nichts, während dunklere, sinnentfremdetere Formen der Sexualausübung Aggression und Wahn (und eine faschistische Gesellschaft) zur Folge haben – aber trotzdem seit Jahrzehnten gepredigt werden.

Selbstverständlich – das haben inzwischen schon die Dümmsten begriffen – darf man niemals mehr „die Gesellschaft“ anklagen (was heute leichter ginge als je zuvor), „Schuld“ hat immer nur der Verbraucher. Er erfährt zwar immer erst Jahre später von den häßlichen Entartungen im Produktionsbetrieb, darf aber die volle Verantwortung für den gesamten Entscheidungsprozess übernehmen: mit dem Kauf einer billigen Bratwurst bei Aldi trifft in die volle Wucht der Verachtung jener, die diese Wurst produziert und an ihrer Produktion sehr gut verdient haben. Es gibt einen ganzen, schlichtweg völlig irrsinnigen und wahnhaften Kult des „positiven Denkens“, der die Verantwortung für die Terrorakte den Opfern zuschiebt: sie werden schon wissen, warum sie zu jenem Zeitpunkt an jenem Ort waren und warum sie diese Erfahrung machen wollten – dem Täter selbst sollte man dankbar sein (was konsequent ist, aber nur selten ausformuliert wird). Dieser irrationale Kult wird von führenden Unternehmensberatern gelehrt – weil er dem Chef einen großen Nutzen bringt: wer wenig verdient, ist selber Schuld.

„Gerechtigkeit“ ist ein Fremdwort, als verehrungswürdiges Gemeinziel vollkommen dem „Profit“ gewichen, der nur wenigen gegönnt ist, die aber gezielt mit „Statussymbolen“ ausgestattet werden (vor allem Automobile – wir sind ein Autoland) – die Zeiten, in denen jeder Schüler wusste, dass Statussymbole nur von armen Seelchen gebraucht werden und eine unverantwortliche Verschwendung von Ressourcen zur Überdeckung charakerlichen Mangels sind, sind lange vorbei (das hat der Autor selbst auf einer Schule gelernt, die Wirtschaftselite herausbilden wollte).

Eine beispiellose Enteignungswelle durchrollt mal wieder das Land – über sie wird kaum gesprochen, außer in Extremfällen, wo „Jobcenter“ einen erstmalig im Alter von 63 Jahren vorstellig gewordenen Trockenbauer dazu anhalten, seine eigene Mutter auf Herausgabe des Erbpflichtteils zu verklagen – was Zwangsversteigerung und enorme Verluste für die Mutter bedeuten würde – von der Zerrüttung der Familie mal ganz abgesehen (siehe Berlinjournal), Beispiel für eine ausufernde staatliche Asozialität im Dienste der „Besserverdiener“ und zum Schutz von Riesenvermögen, die rational gar nicht mehr begründet werden kann. Im gleichen Journal erfährt man auch, dass – wie selbstverständlich – die Motoren der asozialen Entwicklung mal wieder vom Sozialstaat gerettet werden wollen, weil das ganze Bankensystem mal wieder vor dem Zusammenbruch steht (siehe Berlinjournal): letztlich soll der alte, schwer kranke Trockenbauer deshalb dem Staat bei der Enteignung seiner eigenen Mutter helfen und wird deshalb vom Staat mit dem  Hungertod bedroht. Andere werden vom Jobcenter in die Insolvenz getrieben, was sie für ewig aus den Kreisen der Normalbürger stößt (siehe Süddeutsche).

Häßlich, wenn man das so darstellt, oder? Sind wir guten Menschen doch so stolz auf unser gutes Land, dem es so gut geht – und verachten jeden, dem es nicht gut geht, weil er einfach nicht in dieses Land passt.

Wir aktzeptieren selbst wahnsinnigste Erscheinungen in unseren „westliche Werten“ als völlig normal (siehe der Westen):

„Sie ermittelten jahrelang erfolgreich gegen Steuerhinterzieher und durchsuchten am Finanzplatz Frankfurt Banken, die das Geld ihrer Kunden in großem Stil im Ausland versteckt hatten. Ihre Arbeit brachte dem Staat Millionen an Rückzahlungen und den Finanzinstituten zahlreiche Strafverfahren ein. Doch dann wurden die vier Steuerfahnder Rudolf Schmenger, Marco Wehner sowie das Fahnderehepaar Heiko und Tina Feser mit falschen Gutachten im Auftrag der Finanzverwaltung für geisteskrank erklärt und zwangspensioniert.“

Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, was Sie da gerade gelesen haben: die Finanzverwaltung hat per falschem Gutachten vier erfolgreiche Steuerfahnder für geisteskrank erklären lassen – und so hunderte weitere Fahnder „diszipliniert“. Die Finanzverwaltung müsste sofort aufgelöst, alle Verwantwortlichen verhaftet und eingesperrt werden (inklusive der ärztlichen Gutachter), weil sie gemeingefährlich und staatsschädlich sind … doch ich denke, das wird nicht geschehen.

Nun – ich versprach Ihnen die Wahrheit hinter den Anschlägen zu beschreiben – Sie haben jetzt einen Ausblick auf das Umfeld, in dem die Täter leben mussten.

Blicken wir nun mal auf die Täter – und zwar erstmal auf den angeblichen Urvater des Münchener Anschlags, Anders Behren Breivig (siehe N-TV):

„Er ist in eine normale norwegische Familie hineingeboren, er ging in einen gewöhnlichen Kindergarten, eine normale Schule, er wurde Mitglied einer zugelassenen, für alle zugänglichen Partei. Er hatte die Möglichkeit, so zu werden wie alle anderen. Er ist nicht in einem Vakuum aufgewachsen, sondern unter uns. Die Frage könnte also auch lauten: Sind wir schuld an ihm? Haben wir etwas getan, das ihn zum Monster werden ließ?“

So erzählt es eine norwegische Journalistin. Kein Suchen nach Hassobjekten wie „Internet“ und „Ballerspiele“, „Flüchtlinge“ und „Nazis“, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme einer gesunden Kultur mit vorbildlichem Sozialstaat. Die hat aber nicht nur Fragen – die hat auch Antworten:

„Der Schlüssel zu seinen Taten ist Erniedrigung. Was auch immer er in seinem Leben versucht hat – er wurde zurückgewiesen, zurückgewiesen, zurückgewiesen. Überall. Und zu guter Letzt wurde er auch noch von den Rechtsextremen im Internet zurückgewiesen. Sie lasen nicht sein Manifest, sie beantworteten nicht seine E-Mails, sie fanden ihn langweilig. Als er diese Ablehnung erfuhr, begann er, Waffen zu kaufen.“

Damit es nicht zur Erniedrigung kommt, haben wir einen Artikel in unserem Grundgesetz – gleich den ersten: die Würde des Menschen ist unantastbar. Es sei denn, es müssen mal wieder größenwahnsinnige Banken mit Steuergeldern gerettet werden, um die Profite der riskanten Geschäfte zu schützen: dann ist die Würde des „kleinen Mannes“ der Allianz der „großen Statussymbolmänner“ egal, es gilt, die übergroße eigene Haut zu retten.

Schön zu sehen, dass es noch Länder gibt, die Weisheit dem Pauschalurteil vorziehen. Deutschland gehört leider nicht mehr dazu. Wir erklären solche Taten lieber nach Schema F anstatt nach den Ursachen zu fragen (siehe Spiegel):

„Ein sonderbarer Einzelgänger, psychisch auffällig, bestimmt von Wut und Hass – und von Rachegedanken. Und ohne brauchbare soziale Kontakte. „Diese Menschen steuern auf einen schwarzen Tunnel zu“, sagt Bannenberg.“

Dann noch „Ballerspiele“ und „Internet“ als Codeworte: der deutsche Wissenschaftler ist zufrieden – so zufrieden wir nach der Verurteilung kerngesunder Finanzfahnder. Dabei enthält der gleiche Artikel auch eine Antwort – die man jedoch nicht hören will:

„David besucht zunächst die Mittelschule in der Toni-Pfülf-Straße. Schon dort wird er gemobbt, heißt es. Er ist ein Einzelgänger, hat offenbar kaum Freunde. Laut Staatsanwalt kommt es 2012 zu einem Jugendverfahren, weil David auf dem Nachhauseweg von der Schule von drei Jugendlichen angegangen und gehänselt wird.“

Kein Wort über die verrohte Gesellschaft und ihre Opfer, dafür aber ein anklagendes Moment:

„David flüchtet sich mehr und mehr in die Welt der Computerspiele.“ 

„Zu diesem Zeitpunkt ist David längst in psychiatrischer Behandlung. Im Sommer 2015 verbringt er laut Staatsanwaltschaft zwei Monate in einer stationären Einrichtung. Auch danach wird er ambulant weiterbehandelt, bekommt Psychopharmaka verordnet. David leidet offenbar nicht nur unter Depressionen, sondern auch unter einer sozialen Phobie, Begegnungen mit Fremden versetzen ihn in Angstzustände.“

Man könnte auch formulieren: David reagiert ganz natürlich (und somit kerngesund) auf eine feindliche Umgebung (die wir – trotz Artensterben, Ausbeutung, asozialer Sozialpolitik und maximierter Umweltvernichtung „gut“ nennen), er entscheidet sich angesichts einer feindlichen Umwelt für Flucht … und dann für Angriff. Wir beschreiben das aber anders: David ist unwert, ist schwach – dass er erst Opfer war, bevor er Täter wurde, ist egal – wir haben in Deutschland ein ausgeprägtes Täterschutzprogramm laufen, während man die Fluchtwelten massiv angreift (heute: Internet und virtuelle Realitäten, früher: „eskapistische Literatur“).

Und „hart durchgreifen müssen“ ist das Credo der Mehrheit der Deutschen (jedenfalls der Mehrheit jener, die Möglichkeiten haben, sich mit Breitenwirkung artikulieren zu dürfen – weil sie eigene Zeitungen haben), Hartz IV ist das strategische Vorbild jedes Amokläufers … der in seinem eigenen Leben hart gegen „Parasiten und Schmarotzer vorgeht“ … also, was er dafür hält, ganz nach dem Motto: „gleiches Recht für alle“.

Wir sind jetzt nur bei David und München hängengeblieben, dabei gilt es noch andere Dimensionen zu berücksichtigen: sich der Wahrheit zu nähern, ist halt komplizierter als „Ballerspiele“, „Internet“ oder „Scheißausländer“ zu brüllen.

Es gibt nun ein Buch eines Philosophen, der schon angegriffen wird, weil er sich überhaupt mit dem Thema beschäftigt hat. Seine Schlussfolgerungen sind recht einfacht (siehe Süddeutsche):

„In unserer Welt regiert der Neo-Liberalismus, jeder steht mit jedem in Konkurrenz. Sie mit Ihren Kollegen, wir im Westen mit den Menschen im Osten. Dieser ständige Druck kann psychische Krankheiten auslösen. Man muss den Tätern kein Verständnis entgegenbringen, aber man muss einsehen: Das sind Monster, die wir mitgeschaffen haben.“

So weit reicht die Degeneration schon: die Täter zu verstehen wäre der erste Weg, zukünftige Anschläge zu verhindern – das ist der Sinn von „Verständnis“, doch selbst Philosophen, deren Kunst das Verstehen sein sollte, scheuen sich hier, sich zum „Verständnis“ zu bekennen. Wir müssten den Kurs einer zutiefst kranken Gesellschaft ändern, die beständig Monster gebiert (wie jene Aktienschummler, die sich superreich geschwindelt haben und als Krone der Menschheit gelten) – doch gerade an diesem kranken Kurs verdienen die Entscheidungsträger, die den Kurs ändern könnten. Und die gehen über Leichen, denn die Leichen sind seht nützlich, wie uns ein Psychologe erzählt (siehe Deutschlandradio):

„Denn durch Angst lässt das Denken sich fernsteuern. Angst beherrscht die Wahrnehmung und überlagert jede andere Emotion. Sie sucht sich Bestätigung und widersetzt sich besserem Wissen. Sie ignoriert Entwicklung und schleichende Prozesse, die zunehmende Neigung zur Gewalt, den Klimawandel und das Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Dafür löst sie Panik aus, wo weitaus geringere Gefahr droht.“

Ja – unser Staatswesen löst sich gerade auf. Das merken wir alle. Staat wird Feind, wo er Diener sein sollte. Unsere Umwelt verabschiedet sich: man braucht keine Insektenentferungsmittel für Autoscheiben mehr, weil die Insekten fort sind – ihnen werden Blumen und Vögel folgen – und der Mensch, aber das interessiert nicht, weil wir wegen all dieser Gefahren ja SUV fahren und uns so für viel Geld die schäbige Illusion von Sicherheit kaufen – so wir wie auch die Illusion von „gut sein“ im Bioladen erwerben. Oder auf der Veganerparty.

Wer es übrigens merkt, sind die Entscheider. Sie denken weiter als man es dem Volk gestattet, sie predigen die Mär vom psychisch kranken Einzeltäter (der real nichts anderes macht als die kerngesunden angesehenen, wehrhaften Bundeswehrsoldaten, nur die Deutungsrahmen sind verschieden), ziehen aber selbst ganz andere Konsequenzen (siehe Zeit vom 9.7.2016):

„Ab sofort will die Bundeswehr für Einsätze in Deutschland üben. Soldaten müssten Polizisten im Falle von Terrorangriffen unterstützen können, betont die Koalition.“

Die Polizei hütet Recht und Ordnung im Inneren des Landes, die Armee schützt das Land vor seinen Feinden. Wird sie im Inneren des Landes eingesetzt, ist das eigene Volk zum Feind geworden. So einfach ist das. Das wird dann der größte Terrorakt und der nachhaltigste Amoklauf. Insofern ist es bezeichnend dass der oben genannte Philosoph trotz scheinbar kritischer Position genau diese Entwicklung stützt, in dem er – zu Recht, wie ich finde – Amoklauf und Terrorakt gleich setzt. „Religion“ kommt erst ganz ganz spät dazu, als Feigenblatt fürs eigene Gewissen.

Wir könnten dem nun eine menschliche, liebenswerte, glücksfördernde Gesellschaft entgegenhalten, in der es keine großen Verlierer mehr gibt und jeder einen Platz zum Leben hat, dass dies komplett kostenlos geschehen kann, ist lange bekannt. Das eine solche Gesellschaft schlecht auszubeuten ist und gar nicht in Kriege ziehen mag, auch.

Darum pflegen wir die Kultur der Angst, die uns unser Leben, unsere Demokratie, unser Glück, unsere Freiheit und unsere Würde raubt und uns auferlegt, dass alles auch noch als „gut“ zu empfinden, weil die Bundeskanzlerin es so angeordnet hat.

Und die Opfer dieser Kultur werden – weltweit – so reagieren wie die Regierungen des Westens: mit rücksichtsloser Härte gegen alles, was anders oder im Weg ist.

„Wie der Herr, so´s Gescherr“.

 

 

 

 

 

 

 

Die Würde des Menschen ist antastbar. Die Zukunft von Hartz IV – schon jetzt hier. Ein Fallbeispiel….und Livebericht.

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Donnerstag, 10.3.2016. Eifel. Wir müssen uns heute mal über Ihr Schicksal unterhalten. Ihres? Ja, genau, Ihres. Ich weiß, Sie haben Arbeit, fühlen sich gesund, sind noch relativ jung: was soll Ihnen schon passieren? Läuft doch alles super. Sogar der Chef hat sie lieb – Klasse! Vielleicht grillen Sie sogar gelegentlich miteinander … und ziehen dabei über die faulen Hartzer her. Ist ja immer ein tolles Gefühl: „wir“ hier oben gegen „die“ da unten. Wussten Sie schon, dass die gar nicht als Hartzer geboren werden? Das waren mal normale Menschen wie Sie und ich. Und wussten Sie, dass man noch tiefer sinken kann – als klar denkender, durchsetzungsfähiger, leistungsorientierter und arbeitswilliger Mensch in Deutschland? Tiefer als Hartz IV? Nun – lassen Sie mich eine Geschichte erzählen. Die Geschichte einer Frau. Nennen wir sie „Ellen“ – das hört sich cool und schreibt sich leichter als Katharina oder Isidora.

Ellen – ging es gut. Sie war leitende Pflegekraft in einem Krankenhaus – Abteilung Forensik. Da hatte sie wohl ihre Durchsetzungskraft her, immerhin musste sie die kranken Knackis – die Mörder, Zuhälter, Vergewaltiger, Pädophilen – auf Kurs halten. Ein bombensicherer Job, denn: Kriminelle produzieren wir in Serie (sogar in der Regierung sind einige) … und Kranke auch. Doch eines Tages geschah etwas Besonders: es kam ein Mann aus den fernen USA mit einer besonderen Idee: er wollte viele Krankenhäuser aufkaufen, damit sie „wirtschaftlich“ werden. Das war ein toller Mann – ohne Zweifel, denn: er war ein armer Bauerssohn und hatte gar kein Geld.

Dieses Geld bekam er aus den USA. Umsonst (siehe: Nachdenkseiten). Ja – das passiert schon einmal in unserer Welt: so werden Milliardäre gemacht. Es ist mir sehr wichtig, dass Sie das verstehen: wer zum Milliardär wird, wird in Bankzentralen entschieden – dort, wo unser aller Geld liegt. Vom Tellerwäscher zum Milliardär geht nur, wenn die Bank freundlich winkt. Wer zum auserlesenen Kreis passt, bekommt genug Geld geliehen, um ganze Klinikketten aufzubauen, wichtig ist neu eins: dass er die Geschäfte so organisiert, dass das geliehene Geld mit dickem Gewinn zurückkehrt – und genau das scheint die Idee unsere tollen  Mannes gewesen zu sein. Sein Name spielt übrigens keine Rolle, denn: Menschen wie ihn gibt es zu hunderten, zu tausenden, zu zehntausenden. Er ist jetzt Milliardär, kaufte sich das Atlantik-Hotel in Hamburg (wirklich: eine ganz ganz feine Adresse), hatte an seinem Wohnsitz auch noch ein teures Hotel (wo auch Sie für 14000 Euro die Nacht einkehren dürften – oder 21000 Euro, wenn Ihnen der Platz nicht reicht – alles von der Frau des Meisters mit Hilfe von Feng-Shui-Meistern optimiert, siehe Taunus-Zeitung). Sie sehen: das Klinikgeschäft lohnt sich.

Es ist auch wirklich ein toller Mann, die Sylter Rundschau hat mal ein Interview mit ihm geführt (siehe Sylter Rundschau):

„Und zwar einer der tief verwurzelt im katholischen Glauben ist und sich mit Gewerkschaften prinzipiell nicht an einen Tisch setzt. Angeblich, weil ihm aus deren Kreisen in den Asklepios-Anfängen unterstellt worden sei, Scientology nahe zu stehen. Eine Kränkung, die bis heute extrem tief zu sitzen scheint. Genauso wie Vorwürfe, er würde sich auf Kosten der schlecht bezahlten Mitarbeiter persönlich bereichern. „Ich habe noch nie auch nur einen Pfennig aus dem Unternehmen entnommen oder ein Gehalt bezogen“, stellt Broermann glaubhaft klar. Was streng genommen natürlich nichts daran ändert, dass der Gewinn des Konzerns seinen Reichtum mehrt. Allerdings nur, solange seine Kliniken auch wirtschaftlich arbeiten. Sei das nicht der Fall, stünden auch die Arbeitsplätze auf dem Spiel. Wie gesagt: Klar und überzeugend.“

Klar und überzeugend, dass man ohne Eigenkapital Milliardär wird und die teuersten Hotels Hamburgs kaufen kann, wenn man nichts aus dem Unternehmen nimmt und kein Gehalt bezieht. Überzeugt mich völlig. Zudem läuft das Klinikgeschäft gut – es gibt ja reichlich Fördergelder (also: Steuern, dass zahlen Sie): zum Beispiel 4,7 Millionen für eine Klinik in Falkenstein (siehe Taunuszeitung) oder – für die ganze Branche – 500 Millionen für ein Pflegeförderprogramm, das für mehr Mitarbeiter in den Kliniken sorgen soll (siehe Das Parlament), eine Maßnahme, die nötig wurde, weil die privaten Kliniken natürlich nur rentabel sind, wenn man die Personalkosten niedrig hält (siehe nochmal: Nachdenkseiten):

Seit dem Beginn der großen Privatisierungswelle im Jahre 1995 wurden alleine in der Krankenpflege rund 50 000 Vollzeitstellen abgebaut. Heute versorgt eine Pflegekraft rund 25 Prozent mehr Fälle
als vor 15 Jahren. Alleine die jeden Monat geleisteten Überstunden entsprechen 15 000 Vollzeitstellen. Gespart wird vor allem bei den Gehältern im Pflegebereich: 20 Prozent aller vollzeitbeschäftigten Krankenpfleger beziehen ein Bruttoeinkommen von unter 1 500 Euro und weitere 20 Prozent zwischen 1.500 und 2.000 Euro. Nur 13 Prozent beziehen mehr als 3.000 Euro brutto pro Monat. Sogar die Unternehmensberatung McKinsey, die ansonsten unverdächtig ist, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten, brandmarkt diese offensichtliche Diskrepanz »Wenngleich die Beschäftigten in deutschen Krankenhäusern sehr viel leisten, verdienen sie keinesfalls mehr als ihre Kollegen im Ausland. Im Gegenteil: Die höchste Produktivität geht einher mit dem niedrigsten Gehaltsniveau.«

Wer sich für die „Verdichtung der Arbeit“ (nicht: Vernichtung durch Arbeit, das ist ähnlich, aber anders gemeint) interessiert, sei auf das Laubournet verwiesen (siehe: Labournet) wo der betriebliche Kampf gegen die Arbeitsbedingungen in Privatkliniken dokumentiert wurde. Natürlich hinterlassen solche betriebswirtschaftlichen Durchmärsche auch Opfer wie den 29-jährigen Thomas Schmidt – man hat ja im Rahmen der verdichteten Arbeit nicht wirklich für jeden Patienten Zeit (siehe NDR). Auch die Sylter Geburtsklinik hatte da Todesfälle wegen Qualitätsmängeln zu verzeichen (siehe Spiegel) – es lag natürlich nicht am Betreiber.

Jetzt haben wir viel über die Gesundheitsreform gesprochen und darüber, wie man dort Milliarden verdienen kann – es wird Zeit, zu Ellen zu kommen: nun kennen Sie ja das Umfeld, in dem sie sich bewegt hat.

Ellens Pech war, dass sie in einem der privatisierten Krankenhäuser arbeitete – und zudem Mitglied einer Gewerkschaft war … jenen „Gewerkschaften“, mit denen „man sich nicht an einen Tisch setzt“ – jedenfalls nicht dann, wenn man Milliardär mit Luxushotels ist und an Gehältern sparen möchte. Nach der Privatisierung wurde sie zur „unerwünschten Person“ – hatte sie doch einen jener Arbeitsverträge, die betriebswirtschaftlich außerordentlich unerwünscht war – auch wenn sie dafür (wie momentan alle Pflegekräfte) an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit arbeitete. Um rentabel zu werden, musste ein Drittel des Personals gehen, also wurde „Druck“ ausgeübt. Wir kennen das: so arbeitet auch die Regierung mit den Opfern solcher tollen Männer: auch die werden gedrückt (hier wäre das Wort „genötigt“ eher angebracht) jene Jobs aus eigener Kraft zu finden, die bundesweit von Milliardären und ihren Millionärsbütteln abgebaut wurden.

Der Druck war so groß, dass sich ein Arbeitskollege während der Arbeit das Leben nahm. Gearbeitet wurde mit allen Mitteln: Rufmord, Ausschluß aus Teambesprechungen, schikanöse, gesundheitsgefährdende Dienstzeiten … und das alles im sensiblen Bereich der Forensik. Unexaminierte Billigkräfte wurden für die Herausgedrückten eingestellt (da gab es wohl auch schon eine eigene Leiharbeitsfirma des Konzerns, die die Billigkräfte rekrutierte – wir kennen das aus allen anderen Branchen), die wenigen Qualifizierten, die übrig blieben, mussten die dreifache Arbeit machen: alles zum Wohle der Rendite. „Leistung muss sich wieder lohnen“ gilt halt nicht dort, wo echte Leistung erbracht wird, sondern nur dort, wo Kapitalmengen für Parteispenden gesammelt werden.

Kurz gefasst: in dieser Entsorgungsorgie verlor auch Ellen ihren Arbeitsplatz – sie war im Laufe vieler Arbeitsjahre einfach zu teuer geworden. Leistung soll sich ja nicht für die lohnen, die sie erbringen, sondern lieber für jene, die sie verwalten: da stehen Unternehmer und Politiker dicht nebeneinander. Leistungsorientiert und Egoman wie unsere Idealmenschen nun mal sind, verließ sie auch ihr Lebenspartner (betriebswirtschaftlich vorbildlich wie der tolle Mann mit den Kliniken) … samt allem Geld, dass sie angespart hatte. Nicht schön – aber trotzdem real in unserem guten, neuen Deutschland. Da stand Ellen auf einmal vor einem Problem, dass viele haben: ohne Wohnung (die sie allein nicht halten konnte) gab es keine neue Arbeit, ohne Arbeit keine neue Wohnung. Man kennt das ja. Eine Zeit lang kam sie bei Freunden unter – die jedoch immer weniger wurden. Auch das kennt man ja: wer den Judenstern – äh, nein – den Armutstern trägt, ist draußen und lernt, dass er kaum wirklich echte Freunde hatte.

Doch da: kam Hilfe am Horizont. „Man“ hatte gemerkt, dass es da einen Markt gab: Menschen, denen keiner mehr eine Wohnung vermietet, weil die staatlichen Regelsätze in Großstädten gerade mal die Übernachtung in ungeheizten Wohnwagen reichen … von denen es nur wenig gibt. Da das Problem vor allem Frauen betraf, die von Männern bedroht wurden und plötzlich ohne Heim darstanden, hatte man auch eine Lösung gefunden: man mietet ganze Häuser an und bringt die Frauen dort unter.

Ich habe nun mehrfach mit Ellen telefoniert, habe Fotos ihrer alten Wohnung gesehen: da steckte schon Geld in der Einrichtung, das war schon gehobener Wohnkomfort, wie man ihn sich leisten kann, wenn man Arbeit hat. Nun wartete auf Ellen – innerhalb kurzer Zeit – ein Zimmer in einer WG.

Im Prinzip: eine gute Sache, auch wenn man selber den Sturz „nach ganz unten“ erstmal verdauen muss, so hat  man es doch geschafft, nicht auf der Straße zu landen – wie 350 000 (bald 500 000) andere, für die es nur ein klein wenig schlechter lief. Und eine WG ist auch eine schöne, kostengünstige Angelegenheit … es mussten nur ein paar Verträge unterzeichnet werden, schon war man nicht mehr in Gefahr, die nächste Nacht auf der Straße verbringen zu müssen. Ja: so ist unser Sozialstaat – er zahlt im Notfall für 6 Monate die normale Miete weiter, dann droht die Räumung, immer häufiger auch nach dem „Berliner Modell“ … wo man von seinem Besitz noch eine Tasche füllen darf, der Rest kommt weg. Da werden Existenzen komplett vernichtet, um die sich keiner kümmert, weil sie ja – plötzlich und unerwartet – parasitäre Sozialschmarotzer geworden sind … ganz anders als die tollen Milliardäre, die das Land zum Ruhm führen.

Ja … die Verträge. Wer hat schon Zeit, die alle in Ruhe durchzulesen – wenn Obdachlosigkeit droht. Was nebenbei zu den Verträgen gehört: die Hartz IV-Gelder gehen an den Träger des Hauses – nicht mehr an die vollmündigen Bürger. Man hat auf einmal einen Verwalter, der sich zwischen die Bewohner und das Amt schaltet – und sich das auch bezahlen läßt. Von dem persönlichen Regelsatz von 404 Euro werden erstmal 108 Euro abgezogen – von jedem Bewohner. Das Amt zahlt 354, 20 Euro pro Person an Miete – für ein Haus, in dem häufiger schon mal die Heizung ausfällt. Dafür aber bekamen diese 5 Frauen: eine Betreuerin (nein, keinen Vormund, sondern jemand, der täglich kontrolliert, ob sie auch das Haus gründlich putzen), eine Einkaufshilfe (wo man Frauen, die ihr ganzes Leben im Beruf standen, vermittelt, wie man einkaufen geht) und einen Erzieher (der sie gelegentlich mal ins Spaßbad einlädt oder einen Kochkurs anbietet – dafür zahlen sie ja auch 108 Euro im Monat).

Sie dachten immer: Hartz IV ist ganz unten? Lassen Sie sich überraschen, es geht noch viel weiter runter. So musste man zum Beispiel – um überhaupt aufgenommen zu werden – alle behandelnden Ärzte von der Schweigepflicht entbinden, verpflichtete sich, keinen Alkohol im Haus zu trinken und den Zugang zu den Privatzimmern jederzeit zu gewähren. Überraschenderweise möchte die Verwaltung auch die Eingliederungsvereinbarungen mit dem Jobcenter selbst verhandeln … und Blankounterschriften unter Vereinbarungen, die unter Umständen dazu führen, dass die Bewohner des Hauses … eine gerichtlich bestellten Vormund bekommen, ohne davon Kenntnis zu haben. Für „Unterhaltung“ sorgen auch größere Mengen an „therapeutischen Helfern“, die gelegentlich in Gruppen von bis zu vier Mann (ja: dafür ist Geld da) ins Haus einfallen um … zum Beispiel eine Glühbirne auszuwechseln. Selbstverständlich … gelten die Zimmer als Privatsphäre, die geachtet wird – allerdings ist schon auffällig, dass nach Abwesenheit der Bewohner schon mal die Fenster (scheinbar von Geisterhand) frisch geputzt sind … ein Service, den man natürlich auch positiv sehen kann.

Ja, Ellen meint selbst, sie habe vor zwei Wochen zuviel unterschrieben. Natürlich bekam sie keine Kopien der Verträge – auch nicht auf Nachfrage. Aber Drohungen – die gab es. Die sind ja auch leicht und unaufdringlich formulierbar – immerhin kann man sie ja jederzeit auf die Straße werfen. Ellen ist Ende fünfzig – und will wieder in ihrem alten Beruf arbeiten. Ellen ist eine sehr dynamische, wortgewandte und durchsetzungsfähige Person – trotzdem sieht sie die Möglichkeit, dass sie mal als Kunde in der Psychiatrie enden wird – vielleicht schon bald. Der Weg dorthin ist einfach: je mehr sie sich gegen die entwürdigende Entmündigung wehrt, um so renitenter wird sie wahr genommen, als Querulantin beschrieben, die sich selbst in Gefahr bringt … und schon wäre sie weg. Natürlich bringt sich jeder selbst in Gefahr, der die Anweisungen seines Herrn nicht befolgt … weshalb man vernünftigerweise diesen Anweisungen zu folgen hat, jenen Anweisungen, die bei einer Mitbewohnerin mit Arbeitsplatz jetzt dazu führen, dass man sie anleitet, in ein Altenheim mit Betreuung zu ziehen – mit 60.

Es ist schon … denkwürdig, wenn man sie anruft und keiner geht ans Telefon, weil … „gerade Kontrolle ist“. Es ist unheimlich, mitzubekommen, wie sie „das blanke Entsetzen packt“, wenn die „Betreuer“ mit neuen Ideen auflaufen – wie sie erst heute morgen geschrieben hat. Es ist … beunruhigend, zu wissen, dass es jederzeit ganz ganz still um Ellen werden kann. Für immer. Vielleicht … sitzt sie heute Abend schon auf der Straße? Immerhin … weigert sie sich, weitere Entmündigungen hin zu nehmen. Oder sie äußert weiter konsequent ihren Unmut über Putzkontrollen, Entmündigung und Einkaufshilfen – und landet dann als „Querulant“ dort, wo sie ihr Leben lang gearbeitet hat? Nur halt als Patient, als Opfer einer „Armutsindustrie“, die allein 2011 schon mehr als 25 Milliarden Euro umsetzte (siehe Spiegel), also deutlich mehr, als den Arbeitslosen selbst für die Selbstorganisation ihres Überlebens zugestanden wird.

Auf der anderen Seite sitzen natürlich nur die Guten, die helfen wollen. Wie immer. Die Milliardäre mit Herz.

Warum ich diese Geschichte erzählen wollte? Weil Ellen schon jetzt in einer Zukunft lebt, die allen „Überflüssigen“ droht. Die Wirtschaft braucht keine Vollzeitarbeitsplätze mehr, sie braucht immer weniger Menschen, die teuren Alten sind ihr sowieso zuwider. Fünf Jahre Praktikum, dann zehn Jahre Leiharbeit, dann staatlich organisierte Endlagerung: das ist die Perspektive der Zukunft, der feuchte Wunschtraum jedes Leistungsverwalters: Gratisarbeit dank Staatsgewalt – so ist der Mensch profitabel für die Firma. Wer Glück hat, darf in der Endlagerverwaltung als Erzieher arbeiten – als einer jener, die „ihren Namen tanzen können“ … wie Ellen ihren Erzieher beschrieb. Ja – sie hat mit 57 Jahren wieder einen Erzieher. Und einen Einkaufshelfer. Und eine Putzkontrolle. Und eine indirekte Entmündigung. Sie selbst – will einfach nur wieder arbeiten gehen. Dort, wo sie gute Arbeit geleistet hat. Doch: ohne Wohnung – keine Arbeit.

Und mit Hartz IV: keine Wohnung.

Die in jenen Häusern gemachten (lukrativen) Erfahrungen werden sicher bei der Endlösung der Arbeitslosenfrage helfen. Diese … wird schon langsam ins Auge gefasst (siehe 3Sat):

„Ein disqualifizierter Konsument hat einen ganz anderen sozialen Status als die industrielle Reservearmee. Ein disqualifizierter Konsument ist völlig nutzlos“, so Baumann weiter. „Ein hoffnungsloser Fall für die Gesellschaft. Wenn man absolut zynisch ist, würde man sagen, unserer Gesellschaft ginge es viel besser, wenn diese armen Menschen, die keine richtigen Konsumenten sein können, einfach verschwinden würden.““

„So erklärt es sich, warum der Staat sich immer weniger um seine Arbeitslosen kümmert. Er weiß, dass diese Menschen nicht mehr gebraucht werden. Sie liegen dem Steuerzahler nur auf der Tasche.“

Abfallmenschen – so nennt der hier ziterite Soziologe die neue Kategorie von Mitbürgern, deren Entsorgung gerade ausprobiert wird. Immerhin … will auch der Finanzminister seine schwarze Null, damit der die Qualitätsmängel der Milliardärsfirmen sorgenfrei ausgleichen kann.

PS 1: ach ja, Sie interessieren sich jetzt noch für den Erfolg der Gesundheitsreform? Sie Witzbold. 2005 waren es knapp 240 Milliarden, 2014 – dank effektivem Einsatz fleißiger Milliardäre – 328 Milliarden (siehe Statista) die wir in diesen Moloch ohne Grund und Boden investiert haben (siehe Statista). Nun ja – nun müssen wir ja von unseren Beitragsgeldern auch noch Konzerne durchfüttern und Investoren glücklich machen, das kostet halt.

PS 2: Ja – und wirklich: Sie können sich sicher sein, dass genau heute hoch bezahlte jugendliche Unternehmensberater an Ihrer Abschaffung arbeiten. Viel Spaß beim Grillen mit dem Chef.

PS 3: Ellens letzte Worte heute Morgen waren in der Tat: „Was passiert hier bloss? Mich packt das blanke Entsetzen“. Ich weiß nicht, ob ich je wieder von ihr hören werde. Jetzt auf jeden Fall nicht: während der täglichen Kontrolle wird nicht telefoniert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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