Anselm Grün

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Glück

Glück

Sonntag, 23.2.2014. Eifel. Wieder einmal Sonntag. Wieder einmal Zeit, sich von den Wirren des Alltages wenigstens gedanklich zu verabschieden und sich anderen Themen zuzuwenden, Themen, die die Machtmenschen der Gegenwart locker unter „Gedöns“ abheften. Heute dachte ich mal … reden wir mal über „Glück“. Das hat auch einen wichtigen Hintergrund – vor einigen Wochen hatte mir ein Sozialarbeiter in leitender Funktion, ein Mensch, der täglich mit vielen anderen Menschen aus unterschiedlichsten sozialen Verhältnissen zu tun hat, eine erstaunliche Frage gestellt … die mich erschrocken hatte:

„Kennen Sie auch nur einen Menschen, der glücklich ist?“

Ich hätte fast gesagt: ich … fand es jedoch unklug, ein neues Fass aufzumachen. Die Frage nach dem eigenen Glück kann ich einfach beantworten: ich habe meinen Schopenhauer gelernt.

Er hat – ich zitiere hier mal frei – den Zustand der Menschheit als beständiges Zittern zwischen zwei Polen beschrieben. Auf der einen Seite droht die Not: die Pest, der Krebs, die Armut, der Hunger, die Kälte, das Raubtier.

Auf der anderen Seite, dort, wo die Milliarden sicher verschlossen in luxuriösen Landhäusern auf gigantischen Ländereien ruhen, droht … die Langeweile.

Wer nun Not hat, träumt von den Milliarden als Glücksbringer, es ist ihm kaum verständlich, das reiche Menschen unglücklich sind.

Wer aber nun Langeweile hat, sehnt sich zurück nach jenen Zeiten, wo das Leben noch ein Abenteuer war, wo es aufregend war, prickelnd, voller Herausforderungen, die existentiell bedrohlicher waren als der primitive Kokskonsum während einer der zahlreichen, wöchtentlichen „Events“, die man in teurer Seide aufsucht, um der quälenden Langeweile der eigenen vier Wände zu entkommen … in der Hoffnung, irgendwo dort draußen Menschen zu begegnen, die die unerträglich quälende eigenen Leere füllen können.

Und so pilgern die Menschen seit Jahrtausenden von der Not zur ersten Million … und wieder zurück.

Ein Beispiel dazu habe ich aus meinem entfernteren Bekanntenkreis – ein Bergmann, der mit 48 Jahren und Luxusrente in den Ruhestand gehen konnte (das ist in der Branche normal – auch für Büroangestellte), dann auch noch viel Bargeld und ein Mietshaus mit sechs Parteien erbte: ein sorgenloses Leben für die nächsten fünfzig Jahren war in Aussicht. Dann kam die Langeweile, das riskante Manöver mit dem Motorboot, der Unfall und … tja, reden wir nicht weiter drüber. Würde unappetitlich werden. Aber: mit Stöcken kann er jetzt wieder kleine Schritte machen – die Langeweile wich der Not.

Das Glück – so hoffen wir nun – wird ja dann wohl irgendwo dazwischen liegen: ja, und: HURRA – wir gehören dazu. Glück kann man ja dann – logischerweise – nur im Mittelstand finden, und zum Mittelstand gehören wir alle.

Aber: warum umgeben uns dann so viele unglückliche Menschen?

Die Antwort ist ganz einfach: Maslow hatte gelogen. Wir leiden Not, wenn wir obdachlos, hungrig, durstig und frierend unter einer nassen, kalten, lärmumtosten Autobrücke wohnen. DAS ist Not – nicht die Tatsache, dass wir uns kein mit Brillianten besetztes Handy, keinen italienischen Sportwagen oder Maßanzüge aus der Kleiderschmiede der Waffen-SS leisten können … obwohl manchen dies als größtes Unglück erscheinen mag. Jeder Sozialhilfeempfänger in Deutschland ist reich, sogar schwer reich: immerhin hat er Zugriff auf unbegrenzt fließende Gelder, mit denen er kalkulieren und wirtschaften kann – man spricht ja hier auch deshalb von relativer Armut.

Die ist im Übrigen – nebenbei bemerkt – noch schmerzhafter als die echte Armut, weil sie ABSICHTLICH durch MITMENSCHEN verursacht ist – und nicht als Zorn oder Ignoranz oder Fehler Gottes oder der Natur definiert werden kann. Armut, die in einem superreichen Land bewusst zugeteilt wird, ist eine absichtlich hinzugefügte Kränkung, Schmähung, Entwürdigung und Demütigung die vor allem darin ihren tödlichten Stachel hat, dass man sich leicht vorstellen kann, wo es enden wird, wenn die gelebte Absicht logisch weiterverfolgt wird: das Vernichtungslager ist die letzte – strikt notwendige – Konsequenz, die lauert, wenn man durch Druck zur Arbeit motivieren will. Das ist das hohe Lied einer Kultur der Gewalt, die selbst schon Not genug erzeugt.

Wenden wir uns aber wieder dem Mittelstand zu, der uns fast zwingend logisch schon als wahrer Hort des Glücks erschien.

Das Gegenteil ist aber richtig: der Mittelstand ist am weitesten von jeder Form des Glücks entfernt. Ihm fehlt die Gestaltungskraft des Geldes, mit welcher man sich jedes kleinste Problemchen vom Hals schaffen kann (und so die Langeweile beständig füttert) noch kann er sich darin üben, erfolgreich mit der Not zu ringen – wie es hunderttausend Generationen vor ihm im Kampf gegen die Unbillen der Natur getan haben.

Schauen wir den Mittelstand der zivilisierten Industrienationen an, wird es noch schlimmer: sie werden durch die Anforderungen der Industrie in vorgefertigte Lebensschablonen gesteckt (die in unserer Zeit von Sendern wir RTL exzessiv vorgelebt werden), für sie ist schon lange vor ihrer Geburt entschieden worden, wie sie sich zu kleiden haben, welchen Handgriffe sie in ihrem Job wie zu erledigen und welche Gedanken sie in welcher Reihenfolge zur Bewältigung ihres Jobs denken dürfen, es ist entschieden worden, wie sie sich durch die Welt bewegen müssen (rollender Kasten), in welcher Höhlenform sie sich aufhalten müssen  (Kasten) und welche Einrichtungsgegenstände dort unverzichtbar sind (Kästen) … jede Form von selbstbestimmter Lebendigkeit wird ihnen vom Kindergarten an gezielt abtrainiert, um sie zu Arbeitsdrohnen zu machen, die mit fünfzig Lebensjahren systematisch entsorgt werden – das ist die Existenzform von toten Robotern („Maschinenmenschen“ … kann man auch anders betonen, um eine erschreckende Wahrheit zu beschreiben), die weder die belebenden Impulse von Not erleben dürfen (obwohl sie sie in Form von „Urlaub“ gezielt suchen), noch die endlose Gestaltungsmacht von Geld erfahren dürfen (die sie sich mehr als alles andere herbeisehnen, weil  es ihnen von klein auf durch die Industriekultur vorgebetet wurde – ohne darauf hinzuweisen, dass bedingt durch die abenteuerliche Natur des Menschen „Geld“ und „Glück“ nie zusammenpassen).

Das  hat schreckliche Folgen für ihr Glücksempfinden – die Illusion von Reichtum (der in etwa dem Reichtum einer Legehenne oder eines Mastschweins entspricht) ist eingebettet in eine unwirkliche Lebenssituation, die jederzeit vom Arbeitgeber zerstört werden kann – jenem Arbeitgeber, der seine Schafherde gerne auf die lange Reise von hin zur ersten Million schickt, hinein ins Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem alle Last der Mittelmäßigkeit von einem genommen wird – jene Sphäre, in der das echte, wirkliche Leben wartet … mit endlos quälender Langeweile.

Wo aber sollen wir das Glück suchen?

Bevor wir uns gedanklich selber quälen, bedenken wir, dass wir in einer Konsumgesellschaft leben – die selber schon Glück in großem Ausmaß vernichtet, weil sie einem die Freude des selber Denkens – und selber Findens – durch übergroßes Angebot zu Allem und Jedem fortnimmt. Für unsere Zwecke jedoch wollen wir uns diese Gesellschaftsform kurz dienlich machen, in dem wir auf frei  zugängliche Zitate des Arthur Schopenhauer zugreifen … immerhin hat er uns auch das Dilemma eingebrockt, zu finden beim Arthur-Schopenhauer-Studienkreis:

Der normale Mensch ist, hinsichtlich des Genusses des Lebens, auf Dinge außer ihm angewiesen, auf Besitz, Rang, Familie; sein Schwerpunkt fällt außer ihm. Beim Geistreichen fällt derselbe schon zum Teil, beim Genialen ganz in ihn.

Genial zu werden … scheint ein sicherer Weg zum Glück zu sein.

Geistige Fähigkeiten sind die Hauptquelle des Glücks. Die geistigen Genüsse sind die anhaltend- sten, mannigfaltigsten und größten. Der Geistreiche bedarf zum Glück nichts weiter als freie Muße.

Die freie Muße … die sich nach Beendigung der Not fasst sicher einstellen würde, gäbe es nicht Menschen, die einen beständig „beschäftigt“ halten wollten … und sei es nur deshalb, um einem etwas zu verkaufen.

Das Glück gehört denen, die sich selber genügen. Alle äußeren Quellen desselben sind unsicher und vergänglich. 

Der innere Reichtum ist die Hauptsache. Von andern hat man nicht viel zu erwarten; am Ende bleibt doch jeder auf sich selbst angewiesen.

Gedanken – gedacht, bevor die Industriekultur aus der menschlichen Gemeinschaft eine Legehennenbaterie machte, in der Muße der Feind des Konsums wurde.

Regen wir uns auf über jenen Schopenhauer, der es sich – als kluger und reicher Erbe seiner Verwandschaft – sehr einfach macht und unsere Probleme überhaupt nicht verstehen kann?

Halten wir kurz inne … und sinnieren über Quantenphysik.

Wie Sie wissen, bestehen Sie aus Atomen. Hat der Atomkern die Größe eines Fußballs, finden sie das nächste Elektron in zehn Kilometer Entfernung. Was ist dazwischen? Genau – Nichts. Auch wenn die Anzahl der Atome astronomisch hoch ist (ich hörte mal von Quadrillionen – was immer das auch sein mag) sind Sie als Mensch – konkret betrachtet – nichts weiter als wandelnde Leere, auch wenn die Biologie unsere Anschauung als höchstes Maß aller Dinge wertet und uns Legenden von „Materie“ erzählt, die in etwas so real sind wie die Tatsache, dass die Erde eine Scheibe ist.

Was hält dieses Nichts zusammen?

Na – Sie! Ihr Wille! Die ganze Religion des „positiven Denkens“, die die größte atomare Weltmacht dieses Planeten antreibt (USA), beruht auf dieser Erkenntnis – und Schopenhauer formuliert dies in seinen Werken „Die Welt als Wille und Vorstellung“ sehr detalliert durch … mit einem kleinen Verweis auf das Paradies.

Nun sehe ich allerdings schon den geplagten Mittelstandsvater vor mir, der noch 16 Jahre und acht Monate sein Haus abbezahlen muss, unter den Schulproblemen seiner Kinder ebenso leidet wie unter den Nörgelattacken seiner Ehefrau und fragt: was heißt das jetzt für mich praktisch – diesen ganzen Worte und das ganze Gerede helfen ja nicht weiter?

Nun – für erste hülfe die Erkenntnis, dass man selber in erster Linie Wort ist. „Ich“ besteht aus Gedanken, die wiederum aus Worten bestehen – mehr nicht. Angesichts der Tatsache, dass unsere Materie zum überwiegenden Teil aus NICHTS besteht, sind Worte für uns die einzigste erfahrbare Realität – und eine sichere Art, die Realität unserer Nebenmenschen erfahren zu können. Dies Erkenntnis muss man SELBER HABEN, die kann nicht vermittelt, gekauft oder in der Lotterie gewonnen werden.

Und wenn man sie hat – ist man durch den Prozess des Denkens schon reicher geworden. Je reicher man im Inneren ist, um so weniger braucht es äußerer Güter, je mehr man sich der Genialität nähert, umso lästiger werden die Glasperlen der Konsumgesellschaft – auch wenn sie mit Brillianten besetzt sind.

Jenem Vater würde ich dringend raten, sich auf die Suche nach sich selbst zu machen (oder auf die Suche nach jener Kraft, die seinen persönlichen atomaren Kosmos zusammenhält), anstatt nur ein Fähnchen zu sein, dass von allen Winden der Welt hin – und hergerissen wird. Auf dieser Reise wird man phantastische Welten besuchen können: 90 % unseres Seins liegen im Unterbewusstsein – wir tragen dort einen ganzen Kosmos mit uns herum, den es zu erforschen gibt … voller Wunder, die wir – gelenkt durch falsche Absichten – im Cluburlaub auf Cuba vergeblich suchen. Nicht die Kinder nerven, die Bank oder die Frau – die Tatsache, hilfloses Fähnchen zu sein, macht zornig, mutlos, wütend und schwach … und sehr sehr unglücklich.

Findet man aber seinen inneren Reichtum, so gleicht man einem König mit großem Palast auf einer eigenen, großen parkähnlich gestalteten Insel, der souverän über sein Land herrscht … und für den die Stürme der Außenwelt nur noch leise Winde sind, die auf den Weiten der Meere um sein Reich herum unbemerkt verwehen. Aus dieser Position der Stärke heraus vermag man sich auch mit den größten Gewalten der Welt zu messen, ohne an ihrer augenscheinlichen Macht zu verzweifeln.

Nun – beenden wir das Gespräch über Glück an dieser Stelle mit einem besonders delikaten Ausblick, den ich aus eigener Erfahrung beisteuern möchte: folgt man diesem Weg, den die Philosophie (und nicht nur Schopenhauer) vorgegeben hat, so wartet am Ende der Reise eine ganz besondere Erkenntnis auf den Abenteurer: das völlige Erlöschen jeglicher Todesangst aufgrund des Erlebnisses der eigenen ursprünglichen „Wirklichkeit“, die weit über die primitiven Anschauungsformen rein biologischer Kategorien hinausreicht, die Erfahrungen von Zuständen, Bedeutungen und Ausprägungen der fünften und sechsten Dimension und die Erfahrung der „Qualität“ Leben, die nicht das Ergebnis der Summe von Feuer, Erde, Wasser und Luft ist – sondern ihre prägende Gestaltungskraft darstellt.

Das alles mag nur Illusion sein … aber diese Art von Illusionen sind wesentlich beglückender als jene Illusionen, die wir vier Stunden täglich via TV über uns ergehen lassen … oder jene, die uns Geld beschehrt.

Noch ein Beispiel?

Der Rapper Bushido erzählt gerade in der Süddeutschen von seinem Leben:

SZ: Trotz all Ihres Gelds und Erfolgs haben Sie Depressionen.

Bushido: Das ist bei vielen Promis so. Robbie Williams ist immer wieder auf Entzug, Britney Spears schneidet sich ’ne Glatze, Lindsay Lohan ist ’ne Junkie-Tante geworden, und Amy Winehouse spritzt sich mit Pete Doherty Heroin. Leute, die alles haben, sind sehr verletzlich. Das gilt auch für mich.

Da nehmen wir doch lieber unsere eigenen Illusionen … denn Kreativität enthält schon selbst ein enormes Glückspotential.

Materielle Rahmenbedingungen für ein glückliches Leben?

Finden wir bei einem glücklichen Menschen – Anselm Grün, Mönch und Multimillionär. Das Geld gibt er der Gemeinschaft, für sein Glück braucht er weniger als 50 Euro im Monat (Miete, Kleidung, Heizung und Essen gehen extra) und 20 Qudratmeter Wohnraum (siehe ebenfalls: Süddeutsche).

Glück scheint also finanziell nicht ganz unerschwinglich zu sein.

Es ist geradzu billig – wenn nicht sogar umsonst.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Frau in Deutschland im 21. Jahrhundert: ein Stück Fleischmarkt im wüsten Land

Freitag, 20.7.2013. Eifel. Ein schöner, sonniger Tag. Viel zu schön, um vor dem Bildschirm zu sitzen und ein paar nutzlose Worte zu machen - so jedenfalls würden viele heute denken. Das ich nicht so denke, ist jedem klar, der diese Zeilen liest. Da das mediale Imperium der Konsumterroristen (also jener Individuen, die die Ressourcen dieses Planeten gezielt in Müll verwandeln - Tag für Tag, ungestraft und als "Elite" umschmeichelt) aber nicht schläft und jeden Tag seine "Wahrheiten" auf allen Kanälen herausposaunt, dürfen jene, die sich ihm in den Weg stellen wollen, nicht ruhen, selbst wenn Fußball oder Talkshow im Fernsehen ist. Leider sehen das viele anders, weshalb sich in Deutschland nie etwas ändern wird - es sei denn, durch die vernichtende Gewalt verlorener Kriege. Wir verlieren gerade wieder einen - einen Wirtschaftskrieg diesmal, der erst viel später zum heißen Krieg wird - aber solange Schalke spielt, kommt das beim Bodensatz dieses Landes nicht an.  Zum Bodensatz gehören inzwischen viele, für ein echtes Mittelschichtsgehalt (nach Kaufkraft, nicht nach Zahlen) bräuchte man schon 94 000 Euro - im Monat. Das haben viele, die zur Mittelschicht gehören  - wir erfahren das nur nicht, weil sonst der schöne deutsche Wohlstandsmythos zusammenbrechen würde - und wir sind ja so schön stolz darauf, dass es uns so viel besser geht als den Negern in Namibia ... dabei ist auch das eine Lüge, siehe Leiharbeit-abschaffen:

Freitag, 20.7.2013. Eifel. Ein schöner, sonniger Tag. Viel zu schön, um vor dem Bildschirm zu sitzen und ein paar nutzlose Worte zu machen – so jedenfalls würden viele heute denken. Das ich nicht so denke, ist jedem klar, der diese Zeilen liest. Da das mediale Imperium der Konsumterroristen (also jener Individuen, die die Ressourcen dieses Planeten gezielt in Müll verwandeln – Tag für Tag, ungestraft und als „Elite“ umschmeichelt) aber nicht schläft und jeden Tag seine „Wahrheiten“ auf allen Kanälen herausposaunt, dürfen jene, die sich ihm in den Weg stellen wollen, nicht ruhen, selbst wenn Fußball oder Talkshow im Fernsehen ist. Leider sehen das viele anders, weshalb sich in Deutschland nie etwas ändern wird – es sei denn, durch die vernichtende Gewalt verlorener Kriege. Wir verlieren gerade wieder einen – einen Wirtschaftskrieg diesmal, der erst viel später zum heißen Krieg wird – aber solange Schalke spielt, kommt das beim Bodensatz dieses Landes nicht an.  Zum Bodensatz gehören inzwischen viele, für ein echtes Mittelschichtsgehalt (nach Kaufkraft, nicht nach Zahlen) bräuchte man schon 94 000 Euro – im Monat. Das haben viele, die zur Mittelschicht gehören  – wir erfahren das nur nicht, weil sonst der schöne deutsche Wohlstandsmythos zusammenbrechen würde – und wir sind ja so schön stolz darauf, dass es uns so viel besser geht als den Negern in Namibia … dabei ist auch das eine Lüge, siehe Leiharbeit-abschaffen:

Namibia’s Oberster Gerichtshof hat im Dezember 2008 geurteilt, daß „Arbeiter-Verleih-Agenturen“ daran gehindert werden müssen, Arbeiter zu vermieten. Der High Court nannte die Praxis des Menschenverleihs ausbeuterisch und stellte fest, es reduziert Menschen zu persönlichem Eigentum. Leiharbeit ist daher in Namibia seit März 2009 verboten. 

Wir sehen: Europa war vielleicht die Wiege der Zivilisation – die selbst wohnt aber  heute woanders. Es ist Zeit, mal einen kurzen Blick auf die Stellung der Frau in Deutschland im 21. Jahrhundert zu werfen – einen Blick, der ebenfalls wenig schmeichelhaft ausfallen wird. Das verwundert, sind wir doch gleichberechtigt und emanzipiert, ja, wir haben sogar Frauenquoten (die an sich schon ein Schlag ins Gesicht einer jeden aufrechten Frau sind … Gnadenbrot für Karriereweibchen, öffentlich zugeteilt, weil sie es ohne die Hilfe der mächtigen Männer nie schaffen würden – doch so wollen wir das ja nicht sehen).

Ich gestehe, dass ich dieses Thema lange gemieden habe. Früher hatte ich mal ein ritterliches Verständnis von Frauen, war der Meinung, die gehörten beschützt und gerettet – ich muss dafür um Verzeihung bitten, ich bin so erzogen worden. Zurecht wurde ich zurechtgewiesen, dass so eine Einstellung diskriminierend ist, weil sie aus der Frau ein schwaches, schutzbedürftiges Wesen macht, dass dazu verdammt ist, beständig Beute der Männer zu sein.

Noch später bin ich von Feministinnen (Frauen, mit denen ich dereinst gerne in den Urlaub gefahren bin – als einziger Mann der Reisegruppe – weil sie geistig nicht so eindimensional wie männliche Altersgenossen waren) darüber aufgeklärt worden, dass Frauen sich auch ganz gerne mal vergewaltigen lassen (wer zu dem Thema mehr erfahren möchte, lese Dieter Duhm, Der unerlöste Eros) und ich bemerkte, dass ich fast in ritterlicher Absicht erotische Erfahrungen verhindert hätte.

Ganz gefährlich wurde es, als ein Freund von mir (jedenfalls hielt ich ihn für einen, bis ich sein Chef wurde … danach wurde es kompliziert und äußerst hässlich) in einem Seminar der Unifrauen seine Überlegungen zur Macht der Frau äußerte: seine zarte Poetenseele sah klar, dass Frauen eine sehr einfache Chance hatten, durch´s Leben zu kommen: anders als er hatten viele der anwesenden Frauen genug Potential, sich ein Ehegefährt zu besorgen, dass 94 000 Euro im Monat nach Hause brachte … das hörte man in Emanzenkreise nicht gerne.

Wahr ist es trotzdem …. aber wir berühren hier ein Thema, das Frauen nicht so gerne hören, weil es um reale Machtausübung geht. Solche Themen werden von den Mächtigen nie gerne besprochen, alldieweil zuviel Bewusstheit dem Einsatz von Macht schadet.

Ich habe also für mich erkannt, dass ich das Thema „Frau“ lieber meiden sollte, allein schon, weil ich keine bin und dabei gar nicht mitreden kann. Das Prinzip ist zwar nicht akzeptabel (bin ja auch kein Arbeitsloser, kein Jude, kein Israeli, kein Indianer, kein Katholik oder Moslem, neige aber trotzdem gelegentlich dazu, für diese Gruppen Partei zu ergreifen), aber wer will schon Ärger mit Frauen. Ich jedenfalls nicht – davon hatte ich in meinem Leben mehr als genug.

Dann jedoch stieß ich bei einer liebgewonnenen Facebookfreundin und Leserin auf ein paar Zeilen, von denen ich dachte: ja, die gehören weiterverbreitet:

Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen. 

Zitat aus „Fleischmarkt -weibliche Körper im Kapitalismus “ von Laurie Penny .

Weiter: Wir leben in einer Welt, die den unwirklichen weiblichen Körper anbetet und echte weibliche Macht verachtet. Diese Kultur verurteilt Frauen dazu, immer so auszusehen, als seien sie verfügbar, während sie nie wirklich verfügbar sein dürfen, und zwingt uns, sozial und sexuell konsumierbar zu erscheinen, während wir selbst sexuell so wenig wie möglich konsumieren sollen.

Schon der Titel – „Fleischmarkt, der weibliche Körper im Kapitalismus“ – könnte von mir kommen. Nun – als Mann hätte ich das nie so formulieren dürfen (dafür hat die Emanzipation schon gesorgt), aber als Frau darf man das wohl.

Ich habe die siebziger Jahre halt „live“ mitbekommen  – und mich gewundert, was in den achtziger Jahren aus der Emanzipationsbewegung geworden ist. Einst (bewusst und gezielt vom CIA-finanzierter) Teil eines Aufbruchs zu einer neuen Kultur des Miteinanders, wurde sie sehr schnell ein weiterer Bestandteil der Kultur des Gegeneinanders, das beständigen Kampfes um an sich übervolle Fleischtöpfe, die aber jeder (im Rahmen der CIA-Strategie) ganz für sich allein besitzen wollte – andere sollten hungern, damit man selber in der Fleischbrühe baden konnte.

So konnte man ganze Generationen gegeneinander ausspielen und ungestört ausnehmen.

Nebenbei wurde eine Gesellschaft maximaler sexueller Frustration geschaffen, in der Weibchen beständig in allen öffentlichen Gegenden Paarungsbereitschaft signalisieren sollten (und dies im Rahmen des Kampfes um die Fleischtöpfe auch gerne und gezielt taten), was aber letztlich nur eine Lüge auf zwei Beinen war, denn … natürlich durften sie nie zur Schlampe werden. Noch ein Zitat aus dem Facebookauftritt:

Der Kapitalismus macht aus echter, menschlicher Sinnlichkeit das erotische Kapital der Pornografie, von künstlich aufgepumpten, gebleichten, rasierten Körpern, die keine Lust teilen, sondern ein Produkt performen. Echte Sexualität jedoch wird abgelehnt, mit moralischer Empörung und Verachtung gestraft. Die Renaissance des Begriffs “Du Schlampe”, während Pornografie in noch nie gekanntem Maße überall verfügbar und konsumierbar ist, zeigt, dass der Kapitalismus dafür sorgt, dass die Gesellschaft auf wirkliche Sexualität mit Abscheu reagiert. Mit ihr lässt sich kein Geld verdienen – mit Pornos hingegen schon. Laurie Penny zeigt auf, dass nicht nur Sexarbeiterinnen ihr Geld mit Sex verdienen, sondern dass jede Frau im Kapitalismus dazu gezwungen wird, mit ihrem erotischen Kapital umzugehen, sich zu schminken, zu stylen, mit erotischen Reizen zu spielen, verfügbar zu erscheinen und sich aber nie hinzugeben. Die mageren Körper der Models, die absolute Kontrolle über den Körper zeigen, deren Körper sich einzwängen lassen, in den wenigen Raum, den die Gesellschaft bereit ist, ihnen zu zu stehen, werden zu einem Ideal erhoben, dessen grausame Schattenseite die Essstörungen sind.

Es ist das Bild einer völlig paranoiden Gesellschaft, die den Traum der freien Sexualität öffentlich auf allen Plätzen zelebriert, ohne ihn leben zu dürfen. Gleichzeitig wurde etwas vernichtet, verlernt, vergessen: das Wort Liebe (einst von vielen Philosophen zum Kernbegriff menschlichen Seins und aller Existenz erhoben) wird ausgelöscht und durch das Wort „Porno“ ersetzt, in logischer Konsequenz wird aus Mutter- bzw. Vaterliebe Kinderpornografie.

Elementare menschliche Seinszustände, Grundfesten einer jeden friedlichen, zivilen Gesellschaft wurden zerschlagen – und das für ein Alternativmodell, dass für oft züchtig gekleidete Männer (hier wirken andere Gebote: der Mann soll sich durch Kleidung ständig bewusst sein, dass er zu dienen und gehorchen hat und selbst nichts darstellen darf) an Dantes Höllenvorstellungen erinnert: hungrig gemacht werden, aber nicht essen dürfen, während die Speise – fein zubereitet – ständig vor den Augen schaukelt.

Dieses Prinzip gilt im Übrigen auch für alle anderen Bereiche der Gesellschaft – jene Anzüge, Sportwagen, Privatflugzeuge, Segelboote, Traumhäuer und Traumreisen, die uns die Medien (gerne auch „hinten herum“ als selbstverständliches Beiwerk harmloser Spielfilme) tagtäglich als Normalzustand vorspielen, bekommt man nur als Mitglied des Mittelstandes – und dafür braucht man mindestens 94 000 Euro jeden Monat.

Das Idealbild der Frau im 21. Jahrhundert ist das einer Prostituierten, die sich jeder jederzeit kaufen kann – aber die nie einer wirklich bekommt. Auch aus der Ehe und der Partnerschaft wird so ein Geschäft, in der Liebe keine Rolle mehr spielt und Kinder nicht mehr gedeihen können.

Ach ja – Kinder. Hören wir dazu die Probleme einer Mutter – aus der gleichen Quelle:

Vielleicht sollten Mütter beginnen, ihre Töchter „anders“ zu erziehen. Was soll ein 15 jähriges Mädchen denn annehmen, wenn es in die Welt schaut? Das Nonplusultra ist ein Platz bei Germany Next Topmodell… Wenn dann noch Werbung läuft, indem sich drei Idiotinnen komplimentieren wie billig sie aussehen, was soll ein junges Mädchen denn dadurch erfahren? Was mir sehr fehlt sind Werte. Jetzt wird einer Frau das Muttersein noch abgesprochen, indem man von Frauenquote quasselt und die Fremdbetreuung von ganz klein der Kinder lobhudelt.

Wir dürfen so etwas doch aus politischen Gründen schon gar nicht mehr sagen: „Muttersein“ gilt doch heute schon als krankhaft, die Mutter ist die Quelle aller narzisstischen Störungen, das hat die Wissenschaft bewiesen. Deshalb gehören die Kinder so früh wir möglich der Mutter entzogen, damit der Staat sie so früh wie möglich in die drogen- und pornogesteuerte Realität des bundesrepublikanischen Wirtschaftsalltags eingliedern kann: Arbeitsbienen gleich sollen sie sich in das System des Bienenstocks einfügen und sich den Anforderungen unterordnen – so lautet die Devise unseres „freien“ Alltags, die wir inzwischen klaglos und manchmal sogar voller Begeisterung hinnehmen, wie wir auch Leiharbeit als höchste Erfüllung menschlicher Träume von „Arbeit“ zu akzeptieren gelernt haben.

Den größtmöglichsten Effekt beim Verkauf der Ware Frau am Fleischmarkt erzielt man übrigens dann, wenn die Ware selbst nie ausgeliefert wird: dadurch explodiert die Nachfrage. Wir brauchen also eine pragmatisch lustfeindliche Gesellschaft, die sich nur theoretisch zu einer freien Sexualität bekennt, wie sie früher nur im Bordell erfahrbar war.

Es ist ein äußerst bösartiges Klima, das so erzeugt wird – und es erzeugt äußerst häßliche Wirklichkeiten, die sich  bei der Geschichte um die Zwangsprostituierte Mandy Koop deutliche Bahn brechen, siehe Spiegel:

Sie wurde als Minderjährige zur Prostitution gezwungen, eingesperrt und misshandelt. Zwanzig Jahre später geht Mandy Kopp mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Unterlagen zeigen, dass Teile der Justiz ihr keine Hilfe waren – im Gegenteil: Sie wurde als Prostituierte stigmatisiert.

Wer echten Sex mit echten Männern hat, ist eine Hure – selbst wenn sie als Kind dazu gezwungen wurde. Selten sieht man die häßliche Fratze unserer Gesellschaft deutlicher, selten kann man so deutlich erkennen, wir zerrüttet und verwüstet unser Sozialwesen ist, wie tief wir als Zivilisation gesunken sind – weit weit unter jenen archaischen Stammeswelten, denen wir uns so schrecklich überlegen fühlen, weit unter jenem Mittelalter, dessen „Badehäuser“ mehr Erotik boten als unsere Pornoindustrie je liefern könnte.

Wer auf der Strecke bleibt?

Letztlich alle Menschen. Zuerst die 99% Frauen, die nicht äußerlich dem entsprechen, wie „Frau“ sein sollte. Die sieht man nur auf der Straße, wie sie sich verschämt zwischen großformatigen Werbeplakaten und durchgestylten Luxusweibchen hindurchschleichen, ahnend, das „Liebe“ für sie in diesem Leben nie erfahrbar werden wird, weil sie einfach nicht gut genug sind. Dann die 99% der Männer, die einfach nicht genug verdienen, die Ansprüche jener Weibchen zu erfüllen, die in breiter Front von den Medien als „normaler Durchschnitt“ angeboten werden – einem Durchschnitt, dem nur 1 % der Frauen überhaupt nur annähernd entsprechen.

Und das übrig gebliebene eine Prozent? Kämpft einen verzweifelten Kampf gegen einen unbesiegbaren Feind … das Alter, das jeden irgendwann erreicht und einen automatisch aus den Kreisen der „Schönen“ verbannt. Übrig bleiben frustrierte reiche Männer, die vergeblich versuchen, sich ihre Jugend zurückzukaufen … und erst viel zu spät in ihrem Leben erfahren, dass sie nur wegen des Geldes attraktiv waren.

Wie fern ist diese Realität von der romantischen Liebe des von uns so verpönten Mittelalters – und wie unglaublich niedrig ist das Niveau unserer Kultur. Ich erinnere mich daran, dass Ratten ein solches Sozialverhalten im Experiment zeigten.

Ist es das, was das Ziel unsere „weißen“ Kultur ist? Eine Kultur von Ratten?

Vor diese Wahl gestellt, orientiere ich mich lieber an dem Mönch Anselm Grün, der mich lehrte, dass alle Sehnsucht nach menschlicher Liebe letztlich die Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott ist (was immer das auch sein mag).

Ja – solchen Menschen lausche ich gerne. Sie vertreten eine Freiheit, die in meinen Augen zur Rettung der Liebe wichtig ist, siehe Süddeutsche:

Ich sehe, wie das Geld viele Menschen hart macht. So will ich nicht werden. Geld gefährdet die innere Freiheit. Eigentlich könnten Menschen mit viel Geld sorglos und frei sein. Aber oft kreisen gerade reiche Leute mit ihren Gedanken immer nur ums Geld. Es gibt Reiche, die glücklich sind, natürlich. Aber das sind die, die innerlich frei von diesem Reichtum sind.

Sagt ein Mann, der ein Millionenvermögen sein eigen nennen könnte, es aber verschenkt, weil er  keine fünfzig Euro Bargeld im Monat braucht.

Taten können schon sehr überzeugend sein – und in einer ach so freien, ach so überlegenen Kultur stellen sie Alternativen dar, die unglaublich erscheinen, aber wahr sind. Gut, dass sie nicht in breiter Front propagiert werden: Fleischmarkt, Leiharbeit und Konsumterror wären morgen schon vorbei – und etwas Neues könnte zu leben beginnen.

So müssen wir warten, bis das Prinzip „verbrannte Erde“ – das wahre Leitprinzip des Konsumterrors – die Welt in jene Wüste verwandelt haben, die Mönche aus ihren geistigen Übungen schon kennen und bewältigt haben. Dann kann aus der Asche vielleicht jenes Paradies erwachsen, das wir heute schon haben könnten – wenn wir nur aufhören würden, darauf zu hören, was „man“ uns darüber sagt, wie „wir“ uns zu verhalten haben.

Aber vielleicht hilft uns ja der Gedanke, dass wir aus unseren Müttern täglich Ware für den Fleischmarkt machen, den Wahnsinn vielleicht jetzt gleich schon zu stoppen, bevor die Wüste der westlichen Kultur auch noch die Natur in jenes unwirtliche, verwüstete Land verwandelt, das unsere Städte schon heute als Standard preisen – jene Orte, wo Arme ihre Nahrung im Müll suchen müssen.

Das Mittelalter kannte schon diese Städte und ihre Müllberge. Sie bilden den düsteren Hintergrund (das „wüste Land“) für die (im Kern heidnische) Suche des Ritters nach dem heiligen Gral, mit dessen Hilfe das Land wieder geheilt werden sollte, mit dessen Hilfe die kooperative Kultur der Mitmenschlichkeit die pyramidale, totalitäre  Kultur des „wüsten Landes“ aufheben sollte, um das wüste Land wieder in ein Paradies zu verwandeln (siehe Malcolm Godwin, Der heilige Gral, Heyne Verlag München 1996, Seite 272-275)

So dachte das von uns so verachtete Mittelalter, dessen ritterliche Kultur (die in Wahrheit nur ideel vorhanden wahr) heute als „Sozialromantik“ belächelt wird – wenn auch nur von jenen finsteren Mächten, die erfolgreich danach trachten, die Erde in eine Wüste zu verwandeln … und die Frau in ein Stück Fleisch für den Markt.


 

 

 

 

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