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Esoterik, Geisterspuk, Marx und die Gesundbeter

Kaum ein Feld betrete ich ungerner als das der Esoterik. Und kaum ein Feld ist nötiger zu betreten als gerade dies. Gerne würde ich dem Religionswissenschaftler Harmut Zinser folgen, hier bei Wikipedia zitiert:

So schreibt der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser in einer Aufklärungs-Broschüre der Hamburger Innenbehörde: „Über ein Verborgenes können eigentlich keine Aussagen gemacht werden, dann wäre es kein Verborgenes mehr. Anhänger des Okkultismus und der Esoterik aber machen genau dies. Sie schreiben dem Unbekannten und Verborgenen bestimmte Eigenschaften zu, beispielsweise die Wirkung von Geistern, Toten, anderen Lebenden oder eines Weltbewusstseins usw. zu sein. Es ist dies der Grundfehler der Esoterik und des Okkultismus, dass er über ein tatsächliches oder angenommenes Unbekanntes Aussagen macht. Wenn immer es möglich ist, diese Aussagen zu überprüfen, stellt sich heraus, dass die esoterischen Aussagen über ein Unbekanntes und Verborgenes falsch, unnötig und irreführend sind. Esoteriker wie Okkultisten ertragen offensichtlich die Tatsache nicht, dass uns Menschen vieles unbekannt und verborgen ist und schreiben sich ein Wissen und auch Macht über das Unbekannte und Verborgene zu. Dies mag ihren Wünschen entsprechen, nicht aber der Wirklichkeit.“[70]

Genauso gut könnte er diese Zeilen aber den Naturwissenschaften ins Heft schreiben, die auch dem Unbekannten und Verborgenen bestimmte Eigenschaften zuschreiben, nämlich NICHT die Wirkung von Geistern, Toten, anderen Lebenden oder eines Weltbewußtseins zu sein. Wann immer es möglich ist, diese Aussagen zu überprüfen, stellt sich heraus, da die naturwissenschaftlichen Aussagen über ein Unbekanntes oder Verborgenes falsch, unnötig und irreführend sind. Naturwissenschaftler wie Materialisten ertragen offensichtlich die Tatsache nicht, das uns Menschen vieles unbekannt und verborgen ist und schreiben sich ein Wissen und auch Macht über das Unbekannte und Verborgene zu. Dies mag ihren Wünschen entsprechen, nicht aber der Wirklichkeit.

Wenn man in einer Kritik die Hauptworte austauschen und durch ihr Gegenteil ersetzen kann, ist die Kritik gegenstandslos. Das hätte auch die Hamburger Innenbehörde merken müssen, die mit dem Geld der Steuerzahler eine somit dogmatische und den Grundsätzen menschlicher Freiheit (und auch der staatliche garantierten Religionsfreiheit) zuwiderlaufende Schrift finanziert hat.  Dabei gäbe es eine Kritik, die fundiert wäre – und auch bei Wikipedia genannt wird – eine Kritik, die auch die Variationen und Dimensionen von Esoterik begiffen hat:

Viele Kritiker, aber auch manche Esoteriker selber beklagen einen „Supermarkt der Spiritualität“:[72] Verschiedene, teils widersprüchliche spirituelle Traditionen, die über Jahrhunderte in unterschiedlichen Kulturen der Welt entstanden, würden in der Konsumgesellschaft zur Ware, wobei sich verschiedene Trends und Moden schnell abwechselten („gestern Yoga, heute Reiki, morgen Kabbala) und als Produkt auf dem Marktihres eigentlichen Inhalts beraubt würden (Lifestyle). Dieser Umgang sei oberflächlich, reduziere Spiritualität auf Klischees und beraube sie ihres eigentlichen Sinnes.

Dabei ist aber wiederum auch verblüffend, was alles in einen Topf geworfen wird. Yoga empfiehlt auch mein Orthopäde, es ist die Königsdisziplin der Rückengymnastik. Das jetzt Staat und Kirche Yoga verbieten wollen, verwundert mich aber nicht: an Schmerzen verdienen beide. Reiki kenne ich nicht (und möchte es auch nicht kennenlernen), die Kabbala ist ein komplexe Farben- und Formenlehre, die den Ausfluß Gottes in die Welt beschreibt – ein elementarer Bestandteil jüdischer Mystik. Das zu verbieten lohnt sich auch, wer sich damit beschäftigt, konsumiert nicht mehr und zahlt vielleicht auch keine Kirchensteuer.

Kein Wunder, das auch die Kirche gegen Esoterik wettert (nach Wikipedia, gleicher Ort):

Gott kann seinen Propheten und anderen Heiligen die Zukunft offenbaren. Die christliche Haltung besteht jedoch darin, die Zukunft vertrauensvoll der Vorsehung anheimzustellen und sich jeglicher ungesunder Neugier zu enthalten. (…) Sämtliche Formen der Wahrsagerei sind zu verwerfen: Indienstnahme von Satan und Dämonen, Totenbeschwörung oder andere Handlungen, von denen man zu Unrecht annimmt, sie könnten die Zukunft „entschleiern“. Hinter Horoskopen, Astrologie, Handlesen, Deuten von Vorzeichen und Orakeln, Hellseherei und dem Befragen eines Mediums verbirgt sich der Wille zur Macht über die Zeit, die Geschichte und letztlich über die Menschen, sowie der Wunsch, sich die geheimen Mächte geneigt zu machen. Dies widerspricht der mit liebender Ehrfurcht erfüllten Hochachtung, die wir allein Gott schulden. Sämtliche Praktiken der Magie und Zauberei, mit denen man sich geheime Mächte untertan machen will, um sie in seinen Dienst zu stellen und eine übernatürliche Macht über andere zu gewinnen – sei es auch, um ihnen Gesundheit zu verschaffen –‚ verstoßen schwer gegen die Tugend der Gottesverehrung.[64]

Also die „guten“ Esoteriker gegen die „bösen“ Esoteriker. Der Wille zur Macht über die Zeit, über die Geschichte und letztlich über die Menschen ist doch auch Antrieb der Kichenpolitik der letzten zweitausen Jahre gewesen – warum sollte man sie anderen vorwerfen? Nun – aus einem einfachen Grund. Wer Macht will, braucht Menschen. Viele Menschen. Der Sucht nach Macht entspringt auch die Religionskritik von Marx, die in erster Linie Kritik gegen die „Tugend der Gottesverehrung“ ist:

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. “

Quelle: Wikipedia

Dabei bedient sich Marx der gleichen Prinzipien, mit der auch die Kirche ihre Schäfchen im Stall hält: Folgt mir und ich werde Euch ins Paradies führen. Sein Paradies ist die klassenlose Gesellschaft, die im Detail der Paradiesvorstellung der Kirche entspricht – beide liegen im Jenseits, das marxistische Paradies in unerreichbarer Zukunft, das kirchliche Paradies im unerreichbaren Himmel hinter den Himmeln, beide gelten aber mit viel Arbeit auch auf Erden als erreichbar, wobei der christliche Weg der einfachere ist:

Gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen,

Quelle: Bibeltext

Das darf man keinem Christen in diesem Land ernsthaft vorschlagen, weshalb das Christentum an der gleichen Krankheit leidet wie der revolutionäre Marxismus, hören wir dazu mal Trotzki, einen Revolutionär der ersten Stunde:

Die durch und durch philisterhafte, unwissende und einfach dumme Hetze gegen die Theorie der permanenten Revolution entsprang gerade diesen psychologischen Quellen. Bei einer Flasche Wein oder auf dem Heimweg vom Ballett sprach ein selbstzufriedener Bürokrat zu dem anderen: „Der hat immer nur die permanente Revolution im Kopfe.“ Eng damit verbunden sind die Anschuldigungen wegen meiner Ungeselligkeit, wegen meines Individualismus, Aristokratismus und so weiter. „Aber doch nicht immer und nicht alles nur für die Revolution, man muß auch an sich denken“ – diese Stimmung wurde übersetzt mit: „Nieder mit der permanenten Revolution“ Der Widerstand gegen die theoretischen Ansprüche des Marxismus und die politischen Ansprüche der Revolution nahm für diese Menschen allmählich die Form des Kampfes gegen den „Trotzkismus“ an. Unter dieser Flagge vollzog sich die Entfesselung des Kleinbürgers im Bolschewik. Darin eben bestand mein Verlust der Macht, und das ergab die Form, in der dieser Verlust erfolgte.

Quelle: marxists.org

Das hier Religion als Opium des Volkes empfunden wird, ist klar: wie bei der Esoterik geht es um Macht über Menschen. Aber da tun sich Christen, Esoteriker und Marxisten überhaupt nichts, in ihren Zielen sind sie sich da einig: alle wollen ins Ballett. Die einen sind schon drin, die anderen wollen auch hinein, weshalb das Proletariat die Diktatur ausrufen muß:

Das Proletariat (ursprünglich im nicht-marxistisch vom lat. proletarius „der untersten Volksschicht angehörend“) bezeichnet die mit der Entwicklung des Kapitalismus und der Industrialisierung entstandene neue Klasse von abhängig Beschäftigten in den aufkommendenManufakturen und Fabriken. Marx definiert den Proleten als doppelt freien Lohnarbeiter: Frei von Leibeigenschaft, also im Besitz seiner selbst und „frei“ von Produktionsmitteln, die ihm ein Überleben durch Arbeit sichern könnten.

Quelle: Wikipedia

Heute, mit der Erfahrung der Korporatokratie, der weltweiten Diktatur der Konzerninteressen im Hintergrund, sehen wir die Fronten noch deutlicher, die sich im 19.Jahrhundert schon abzeichnen: alle Revolution führte nur dazu (und sollte einzig diesem Zwecke dienen) dem Intellektuellen einen besseren Platz am Fleischtopf der Konzerne zu sichern. Hatte er den inne, baute er auch den Ford in Lizenz. War Religion Opium fürs Volk, so war es der Marxismus erst recht. Der Marxist braucht den Konzernarbeiter um einen Sitz im Vorstand zu bekommen – und nur darum geht es. Marxismus gegen Kapitalismus war eine Lüge – von Anfang an. Es ging nur um eins: die Ausbreitung der Konzernherrschaft und die Mobilisierung der Massen zu diesem Zweck, weil die Konzernherrschaft eine weltweite Ausbreitung des westlichen Feudalismus versprach, der sich „der Arbeiter“ gerne anschloß. Sein Engagement (und das der Gewerkschaften)  gegen die Agenda 2010 war dementsprechend … entlarvend.

Und doch hatten alle drei Großmächte und Fangarme der Korporatokratie einen gemeinsamen Feind, gegen den sie heute noch vorgehen: die Esoterik. Der friedliche meditierende Zen-Buddhist auf der Bergspitze läßt sich nicht in revolutionäre Masse umwandeln, noch in Produktivkapital, noch in Kirchensteuer, der Medizinmann der Sioux führt den Kampf gegen die Eisenbahn und die Fabriken des weißen Mannes nicht aus territorialen Ansprüchen heraus, sondern weil nach seiner Überzeugung die Kultur des weißen Mannes zur Vernichtung der Welt führt, die Indianer des Amazonasbeckens führen ihren Krieg, weil ihnen das Leben des Waldes heilig ist.  Darum brachte die US-Armee gezielt die Medizinmänner um – nicht die Kriegshäuptlinge, darum sterben auch heute noch weltweit die „heiligen“ Männer des Volkes – und darum führen in der Eifel die Gesundbeter und dörflichen Heiler ein Leben im Verborgenen.

Was können die Gesundbeter? Schmerzen nehmen – gerade die Schmerzen von Brandwunden. Sie können Blutungen stillen, gerade bei schweren Verletzungen. Ärzte schwören darauf, schicken ihre Patienten lieber zum Heiler als ins Krankenhaus. Überraschend für mich war, das ich die einige der Ärzte persönlich von früher kenne – und jetzt ihre andere Seite kennenlerne. Überraschend ist auch, das ich – nach zwanzig Jahren – ein Fremder bin, dem man mit Zurückhaltung begegnet. Die Angst ist groß – vor der Kirche, vor dem Staat, vor den Medien – kurz: vor den Herrschern der Welt.

Mitten in Deutschland (und dann noch in der Eifel) solcher Angst zu begegnen, betrübt. Man berichtet mir von Heilern, gibt mir sogar Daten zu Kontaktpersonen (wenn ich mal persönlich was brauchen sollte) … aber jene Plätze, die Migräne heilen, verrät man mir nicht.  Überraschend ist – in unserer ach so freien, ach so aufgeklärten Gesellschaft gibt es schon viel Literatur über diese Phänomene – doch keine Konsequenzen hinsichtlich ihrer Nutzbarmachung für die Menschen.

Stattdessen überschwemmt man den Markt mit US-amerikanischer Wischi-Waschi-Esoterik, die die Menschen immer weiter in die Fangarme der Korporatokratie führt.

Nun – ich halte mein Versprechen, erzähle nichts über Gesundbeter…. nur etwas über ihr Weltbild. Grob und unpersönlich.  Es ist das älteste Weltbild der Menschheit, dem man dort begegnet, es ist die Welt der Hindu, der Buddhisten, der alten Juden, der Urchristen. In ihr ist Gott keine durch die Bibel vermittelte Annahme, sondern eine lebendige, erfahrbare Realität – wie auch die Dämonen. Es ist das alte, schamanische Weltbild, das sich hier offenbart – weil es Wirklichkeit ist. Keine Wahrheit – nur Wirklichkeit. Es ist ein Weltbild, das der Realität von Menschen sehr gerecht wird, denn wir Menschen sind alle auf einer „esoterischen“ Reise. Sie beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod – wir kommen aus der Welt der Rästel und gegen in eine Welt der Rätsel, was uns eine gewissen Gelassenheit angesichts der aktuellen Politik verleihen kann, eine Gelassenheit, die man gut gebrauchen kann, um angesichts des Wahns nicht selbst zur Bestie zu werden. Es ist die Aufgabe des Heilers, den Menschen auf dieser Reise vor Schaden zu bewahren,  wie es die Aufgabe des Philosophen sein sollte, ihn vor der Manipulation zu schützen … und die Frage zu stellen: wo ist der Platz der Vegetarier beim Kampf um die Fleischtöpfe?

Wenn wir Fronten in dieser Welt ziehen wollen, wenn wir die Welt als Kampf von Ideen verstehen wollen, so verläuft die Front der Auseinandersetzung anders. Es ist der Kampf des Indianervolkes am Amazonasbecken gegen die Ölindustrie.

Auf der einen Seite Menschen, die glücklich und zufrieden mit drei Stunden Arbeit am Tag im Paradies leben, auf der anderen Seite eine gigantische Maschinerie, die das Paradies verspricht … in Zukunft, im Jenseits, im Himmel, in der Utopie, mit einem zehn-Stunden-Arbeitstag in der Betonwüste am Stadtrand von Bitterfeld.  Die einen leben nachhaltig, gesund, umweltverträglich und schützen sich erfolgreich vor bösen Geistern, die anderen schützen sich nicht … und werden selbst zu bösen Geistern, die die Welt ausplündern und vernichten.

Es ist letztendlich der Mythos des Kampfes des Zauberers gegen die seelenlosen Ungeheuer – und er erscheint aktueller denn je.

Dort, wo Esoterik Wirklichkeit wird, wird sie zur Gefahr für die herrschenden Kasten … von denen es halt nicht nur eine gibt.  Sie ist geeignet, den Mob zu demobilisieren, den Menschen zu sensibilisieren, seine Aufmerksamkeit zu schärfen, seinen Horizont flexibel zu erweitern und ihn unabhängig zu machen von den Heilsversprechen der Kosmokraten aller Art …. und das stört den Kirchenmann, den Revolutionär und den Kapitalisten – man braucht ja den Mob, um ins Ballett zu kommen.

Und was den Geisterspuk generell angeht: den Luxus, nicht an ihn zu glauben, kann man sich nur erlauben, wenn man noch keinem begegnet ist. Das unterscheidet Kant von Goethe, Darwin von Jung. Allerdings hatte Kant einen gewissen Respekt davor, er meinte nur: das geht uns nichts an. Auch das ist eine Grundüberzeugung der Medizinmänner und zauberkundigen Heiler.

Es gibt übrigens eine möglicherweise hilfreiche Richtschnur im Umgang mit Esoterik, falls man nun doch dem Rat von Kant (und Castaneda – doch das ist ein anderes Thema) nicht folgen möchte: Esoterik im ursprünglichen Sinne ist kostenlos und ideologiefrei. Wer Geld nimmt oder Führerschaft beansprucht, ist ein Heuchler. Todsicher. Wer Reklame für sich macht, auch. Darum darf man ruhigen Gewissens die Abteilung „Esoterik“ in der Buchhandlung meiden, alles, was relevant ist, findet sich bei Platon – und mehr braucht kein Mensch.

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