4.0

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Endzeit-Poesie 4.0: Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod

Foto: cc-by Parkwaechter

Abgesehen von einigen Skeptikern, die die Parole „Weiter so!“ ausgeben, sind sich heute doch die meisten Menschen, die einen Kopf auf ihrem Torso tragen, darüber einig, dass es angesichts des eskalierenden globalen Wahnsinns eines grundlegenden Perspektivenwechsels bedarf. Doch wo sollen wir ansetzen, wo sich doch jede noch so schlaue strukturelle Agenda unserer akademischen Experten samt ihren streng-wissenschaftlichen Analysen als Treibsand erwiesen hat, der uns bei jeder Bewegung nur umso tiefer nach unten zieht? Auf politischem, ökonomischem und ökologischem Gebiet herrscht daher nicht ohne Grund die Parole, sich möglichst wenig zu bewegen und nichts ernsthaft ändern zu wollen, damit wir nicht gar zu schnell im Treibsand versinken, sondern wir noch ein paar Atemzüge machen und uns des abendlichen TV-Programms erfreuen können.

Währenddessen nähert sich uns am Horizont unter dem unscheinbar klingenden Appendix „4.0“ (Industrie 4.0,  Schule 4.0, Medizin 4.0, Gesellschaft 4.0 etc.) ein Hurrikan, dessen Tragweite noch die Wenigsten realisieren, der sich aber auf den Menschen umwerfender auswirken wird als alle bisher gekannten ökologischen, ökonomischen, militärischen, nuklearen, biotechnologischen und sonstigen Abgründe zusammen. Unter der naiv-fröhlich propagierten Agenda „4.0“ bzw. „digitalen Transformation der Gesellschaft“ ist nichts anderes geplant als die Ausklammerung des Menschen – insbesondere seiner Fähigkeiten zum Denken, Fühlen und Handeln – aus den bisherigen Lebenszusammenhängen. Stattdessen wird die Verantwortung an eine „künstliche Intelligenz“, also an eine digitale Elektronik bzw. an ein kaltes Zahlensystem übergeben (siehe dazu auch ein lesenswertes Essay in Peds Ansichten).

Da auch die Doomsday Clock (siehe „Bulletin of the Atomic Scientists„) mit Jahreswechsel zu 2017 um weitere 30 Sekunden vorgestellt wurde und nun auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht – d.h. der symbolischen Apokalypse – steht, werden manche meinen, dass gerade keine Zeit für philosophische Muße ist und man sich lieber „pragmatischen“ Dingen widmen sollte. Aber reißen wir uns einmal kurz von der alternativlosen Rautenperspektive los, und bedenken wir die Worte Fjodor Dostojewskijs:

„Und versucht nach Möglichkeit, den schlimmsten Unsinn zu vermeiden: Fakten, Fakten und nochmals Fakten.“ (Quelle: F.M. Dostojewskij, „Böse Geister“, Fischer Verlag, S.406 )

In diesem Sinne wollen wir unter der neuen Kolumne „Endzeit-Poesie 4.0“ ein bisschen philosophisches Brennholz verteilen. Jeder, der ein Streichholz zur Hand hat, kann dieses Brennholz entzünden und solcherart dem drohenden Erfrierungstod in Dantes Eishölle entgehen. Wenn wir viele sind, die es anzünden, dann können wir mit unserem gerade aus der Kurve fliegenden Zug vielleicht sogar noch die Kurve kriegen. Dann kann die gegenwärtige Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Wir haben genügend solches Brennholz auf Lager. Es ist nur zugeschüttet von einem „wabernden Morast“ (Zit. ORF), in dem wir nach Anusöffnungen suchen, um einen letzten emotionalen Kick zu erheischen (siehe „Kulturtod 4.0“) .

Da sich streng-wissenschaftliche Analysen bisher als weitgehend wirkungslos erwiesen haben, wollen wir also für einige Momente kurz die Blickrichtung ändern und die Poesie sprechen lassen. Sie kann uns so manche unlösbar erscheinende Rätsel der Gegenwart lösen, an denen unser neunmalkluger, aufs Äußerste zugespitzte Intellekt scheitert. Wer sich mit der Poesie anfreundet, der wird auch eines der grundlegenden Phänomene der Philosophie erfahren lernen: Dass unser Denken eigentlich nicht dazu da ist, um solange über etwas nachzubrüten, bis man für eine Fragestellung eine intellektuelle Lösung gefunden hat, sondern dass es ausreicht, die richtigen Fragen aufzustellen und unser Denken bloß dazu zu benützen, Sachverhalte zu charakterisieren und um sie herum zu kreisen. Am besten man schläft dann einfach darüber. Die Fragen werden sich in weiterer Folge schon von selbst lösen, Antworten und konkrete Lösungswege kristallisieren sich vor einem aus – ebenso wie der gesunde Impuls vor einem stehen wird, das Notwendige (das „Not-Wendende“ der griechischen Stoiker) zu tun. Wo zuvor noch lähmende Sachzwänglichkeit und tödliche Alternativlosigkeit geherrscht haben, eröffnet sich plötzlich ein gewaltiges Lebenspanorama mit unzähligen kreativen, humanen Lösungen. Das, was man dem Menschen nach fast zweitausend Jahren kirchlich geprägter Kulturgeschichte und Obrigkeitshörigkeit (‚extra ecclesiam nulla salus‘) abgesprochen hat, nämlich die Fähigkeit zu eigenverantwortlichem Denken und Gestalten der Lebensumstände, belebt sich wieder und gewinnt Schwung.

Ausgestattet mit dieser reanimierten Fähigkeit kann man dem nackten Wahnsinn, der uns heute aus allen Richtungen angrinst, plötzlich wieder die Stirn bieten. Man erkennt dann, dass eine humane, ökologisch nachhaltige und sinnvolle Gestaltung unserer Zukunft möglich ist. „Nicht realistisch“ ist etwas nur deshalb, weil es nicht wirklich gewollt, nicht wirklich gedacht wird. Insofern sind unsere vielgelobten „Pragmatiker“ in Wirklichkeit die denkbar unpraktischsten Menschen – sie sind schlichtweg unfähig, den derzeit herrschenden, inhumanen Zuständen eine Wendung zu geben, da sie keine Ideale denken können, sondern nur gewohnt sind, sich auf vorgegebenen (technokratisch-nihilistisch-szientistischen) Gleisen zu bewegen.

Genug aber der Vorrede, kommen wir zur ersten Portion des versprochenen Brennholzes. Nehmen wir also die Poesie zu Hilfe, um alternativlose Krusten zu sprengen und eingefahrene Gleise zu verlassen. Zwischen den Zeilen echter Poesie lässt sich mehr herauslesen als in einer ganzen Bibliothek mit utilitaristischem Wissen der „herrschenden Lehre“. Lassen wir zum Einstand Fjodor Dostojewskij zu Wort kommen, wo er die Wurzel des gegenwärtigen und kommenden Übels sieht. Dostojewskij gilt ja als einer der herausragendsten Psychologen der Weltliteratur, Hermann Hesse bezeichnete ihn sogar als „Seher und Propheten“ – in der Tat musste ich über Dostojewskijs Fähigkeit, in die Zukunft zu schauen, staunen: Im vorletzten Absatz des nachfolgenden Textes sieht er sogar die Gründung der GWUP-/Skeptikerbewegung voraus!

(aus „Der Traum eines lächerlichen Menschen“, F.M. Dostojewskij:)

„Ich habe es bis jetzt verschwiegen, aber jetzt werde ich noch eine Wahrheit hinzufügen. Die Sache ist die, dass ich sie alle verdarb!

Ja, ja, es endete damit, dass ich sie alle verdarb! Wie das sich ereignen konnte, weiß ich nicht, doch erinnere ich mich deutlich, dass es so kam. Der Traum durchflog Jahrtausende und hinterließ bei mir nur den Gesamteindruck. Ich weiß nur, dass die Ursache des Sündenfalles ich war. Gleich einer scheußlichen Trichine, wie der Keim einer Seuche, die ganze Länder erfasst, so habe auch ich diese Erde angesteckt, die vor meiner Ankunft glücklich und frei von Sünde war. Sie lernten von mir das Lügen, fanden Gefallen am Lügen und erkannten den Reiz der Lüge. Oh, das begann vielleicht unschuldig, nur zum Spaß, aus Koketterie, als ergötzliches Spiel, vielleicht in der Tat aus einem Keim, doch dieser Keim der Lüge drang in ihre Herzen und gefiel ihnen sehr. Darauf entstand bald Wollust, aus Wollust Eifersucht, aus Eifersucht Grausamkeit . . . oh, ich weiß nicht wie, ich kann mich dessen nicht erinnern, genug, dass bald, sehr bald, das erste Blut floss: sie waren verwundert und entsetzt und fingen an, auseinander zu gehen und sich voneinander zu trennen.

Es entstanden Verbindungen, aber solche gegeneinander. Es begannen Vorwürfe und Beschuldigungen. Sie lernten die Scham kennen und erhoben dieselbe zur Tugend. Es entstand das Ehrgefühl; jede Verbindung erhob ihr eigenes Banner. Sie begannen die Tiere zu quälen und diese liefen von ihnen fort in die Wälder und wurden ihnen feind. Es begann ein Kampf um Sonderung und Trennung, um Persönliches, um Mein und Dein. Sie fingen an, in verschiedenen Sprachen zu reden.

Sie lernten das Leid kennen und gewannen es lieb; sie lechzten nach Qualen und behaupteten, dass man zur Wahrheit nur durch Qual gelangen könne. Jetzt erschien bei ihnen die Wissenschaft. Nachdem sie schlecht geworden waren — begannen sie von Brüderlichkeit und Menschlichkeit zu sprechen und erfassten erst diese Ideen. Nachdem sie zu Verbrechern geworden waren, erfanden sie die Gerechtigkeit und schrieben sich ganze Gesetzbücher vor, um sie zu beschützen; und zur Sicherung der Gesetzbücher stellten sie eine Guillotine auf.

Sie erinnerten sich kaum noch dessen, was sie verloren hatten; ja, sie wollten nicht einmal daran glauben, dass sie einstens unschuldig und glücklich gewesen waren. Sie lachten sogar schon über die Möglichkeit eines solchen früheren Glückes und nannten es ein Hirngespinst. Sie konnten sich dasselbe gar nicht vorstellen und in Formen versinnbildlichen, doch etwas war seltsam und wunderlich: wiewohl sie jeden Glauben an ihr gewesenes Glück verloren hatten und es nur ein Märchen nannten, begehrten sie doch so heftig, wieder von neuem unschuldig und glücklich zu sein, dass sie vor den Wünschen ihres Herzens gleich Kindern auf die Knie fielen, diese Wünsche vergötterten, Tempel erbauten und anfingen, ihre eigene Idee, ihren eigenen „Wunsch“ anzubeten; zu gleicher Zeit glaubten sie fest an die Unerfüllbarkeit desselben und beteten ihn dennoch unter Tränen an und sanken vor ihm auf die Knie.

Und trotz alledem, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, zu dem Zustande der Unschuld und der Glückseligkeit, den sie verloren hatten, zurückzukehren, und wenn ihnen jemand plötzlich diesen Zustand gezeigt und sie befragt hätte, ob sie zu ihm zurückzukehren wünschten — sie würden es gewiss abgelehnt haben.

Sie sprachen zu mir: „Mögen wir Lügner, böse und ungerechte Menschen sein, wir wissen das und weinen deswegen, wir martern uns dafür, wir strafen uns vielleicht mehr als selbst jener barmherzige Richter, der uns richten wird und dessen Namen wir nicht kennen. Aber wir haben eine Wissenschaft und mit ihrer Hilfe werden wir von neuem die Wahrheit finden; doch werden wir sie dann bewusst aufnehmen: Erkenntnis steht über dem Gefühl, die Erkenntnis des Lebens — steht über dem Leben. Die Wissenschaft wird uns Weisheit bringen, die Weisheit wird uns die Gesetze zeigen; und die Kenntnis der Gesetze des Glückes steht höher als das Glück selbst.“

Das sprachen sie. Und nach solchen Worten gewann jeder sich selbst mehr lieb als alle anderen — ja, sie konnten auch nicht anders handeln. Jeder wurde so sehr auf sein eigenes Ich bedacht, dass er aus allen Kräften bestrebt war, die anderen ja nur zu erniedrigen und zu unterdrücken; und darin sah er den Zweck seines Lebens. So kam Sklaverei, ja, es gab sogar freiwillige Sklaverei; die Schwachen unterwarfen sich gern den Stärkeren, nur mit der Bedingung, dass sie ihnen behilflich seien, die noch Schwächeren zu unterdrücken.

Es traten Gerechte auf, die zu diesen Menschen kamen und ihnen mit Tränen ihren Stolz vorhielten und über den Verlust von Maß und Harmonie und über die Einbuße der Scham sprachen. Sie wurden verlacht und mit Steinen beworfen. Heiliges Blut floss auf den Schwellen der Tempel.

Dafür aber erschienen Leute, die ausfindig zu machen versuchten: wie könnten sich alle wieder vereinigen und wie könnte jeder seine Selbstliebe pflegen, ohne seine Nächsten zu stören? Auf diese Art würden alle wieder gemeinsam wie in einer einträchtigen Gesellschaft leben. Ganze Kriege entstanden wegen dieser Idee. Alle Kriegführenden waren fest davon überzeugt, dass Wissenschaft, Weisheit und Selbsterhaltungstrieb zu guter Letzt die Menschen zwingen würden, sich zu einer einträchtigen vernünftigen Gesellschaft zusammenzufinden; und darum waren alle „Vernünftigen“ bemüht, vorläufig zur Abkürzung des Prozesses rasch alle Nichtvernünftigen, die ihre Ideen nicht verstanden, auszurotten, damit sie dem schließlichen Triumph ihrer Idee nicht im Wege stünden.

Aber der Selbsterhaltungstrieb wurde bald schwächer, es erschienen Stolze und Wollüstige, die geradezu forderten: Alles oder Nichts. Um alles zu erreichen, nahm man Zuflucht zum Verbrechen, und wenn es misslang – zum Selbstmord.

Es kamen Religionen auf mit dem Glauben an das Nichtsein und an die Selbstvernichtung zum Zwecke ewiger Ruhe im Nichts.

Endlich wurden diese Menschen müde in ihrer sinnlosen Arbeit und in ihren Gesichtern machte sich das Leiden bemerkbar. Und sie verkündeten: dass Leiden Schönheit bedeute, denn nur im Leiden sei ein Sinn enthalten. Sie priesen das Leiden in ihren Liedern. Ich ging unter ihnen umher, händeringend und klagend, aber ich liebte sie vielleicht noch mehr als damals, da auf ihren Gesichtern noch nicht das Leiden lag, ab sie noch unschuldig und wunderschön waren. Ich gewann ihre durch sie entweihte Erde noch mehr lieb als früher, da sie noch ein Paradies war, und nur deshalb, weil auf ihr das Leid erschienen war. Ach, ich liebte stets Leid und Gram, aber nur für mich, für mich allein; doch um sie weinte ich, da sie mich dauerten. Ich streckte ihnen meine Arme entgegen und beschuldigte, verachtete und verfluchte mich selbst voller Verzweiflung. Ich sagte ihnen, dass an all dem nur ich, ich allein schuld sei; dass ich ihnen die Verderbnis, Seuche und Lüge gebracht hätte. Ich flehte sie an, mich ans Kreuz zu schlagen; ich lehrte sie ein Kreuz zimmern. Ich vermochte nicht, ich hatte die Kraft nicht, mich selbst zu töten; ich wollte von ihnen Martern empfangen, ich dürstete nach Martern, dürstete danach, dass in diesen Martern mein Blut Tropfen um Tropfen schwinde. Aber sie, sie lachten mich nur aus und hielten mich am Ende für blödsinnig. Sie verteidigten mich: sie sagten, sie hätten nur das bekommen, was sie sich selbst gewünscht hatten und alles hätte gar nicht anders sein können. Endlich aber erklärten sie mir, dass ich ihnen gefährlich werde und dass sie mich ins Narrenhaus stecken würden, wenn ich nicht schwiege. Da drang das Leid mit solcher Heftigkeit in meine Seele ein, dass sich mein Herz zusammenkrampfte und ich fühlte, dass ich sterben müsse, und da …. ja, da erwachte ich.“

Gesamter Text siehe z.B. Archive.org

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