Geisteswissenschaft

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Frieden und Wille.

Digital StillCameraDienstag, 25.11.2014. Eifel. Schon seit einigen Tagen geht mir durch den Kopf, dass ich gerne etwas über den Frieden schreiben würde. Ja – kitschig, oder? Der Hintergrund ist einfach: mehr und mehr Menschen, deren Sensitivität ich schätze, warnen vor einem Krieg im nächsten Jahr – und ich selber sehe nüchtern und sachlich die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Auseinandersetzung zwischen Russland und den Oligarchien der Nato als sehr hoch – fast unaufhaltsam – an, jedenfalls momentan. Ich weiß: viele Menschen verdrängen das – aber durch Optimismus und gute Laune ist noch kein Panzer, keine Kugel und keine Bombe aufgehalten worden … das wissen nur die meisten in Europa lebenden Menschen nicht, weil sie den zur Beurteilung notwendigen Wissens- und Erlebnishorizont nicht haben.

Ja – unsere Methoden zur Problembewältigung scheinen wie aus einem Märchen zu sein: die Kriege der Welt bewältigen wir mit unserer Fernbedienung – ein Klick und sie sind weg; die Kriege in unserem Leben mit Alkohol – ein Schluck und sie sind weg.

Wie immer, wenn ich um ein Wort kreise, schaue ich in meinen alten Weggefährten: das philosophische Wörterbuch aus dem Jahre 1961: ein sicherer Wegweiser durch die Welt des Geistes – doch was muss ich sehen?

Weder Krieg noch Frieden waren den Begründern des Wörterbuches auch nur einen Eintrag wert. Krieg und Frieden finden offensichtlich im Kontinuum der Philosophie keinen Platz – wie auch: für Plato war der Militärdienst noch unverzichtbar, Pazifismus undenkbar und schier unverantwortlich, man dachte bei der Verteidigung Athens schlichtweg noch nicht mal an die Möglichkeit friedlicher Bewältigung der Konflikte mit dem Angreifer.

Gut – früher, da gab es halt auch Könige. Ein Heer war ein unmenschliches Ding, große Massen an Menschen, die ihren Willen abgegeben hatten, die einem einzigen Herrscher zu Willen waren: war der schlecht gelaunt oder krank, konnte der Heerwurm schnell wie ein Lindwurm ganze Landstriche verwüsten … und mit den selbst willenlosen Bütteln der Monarchie lies sich schlecht diskutieren: hatten sie erstmal ihre Befehle, wurden sie zu unaufhaltsamen Mordmaschinen.

Aus diesem Grund hatten wir mal „Demokratie“ erfunden, damit jeder Mensch seinen eigenen Willen hat und solche Exzesse nicht mehr vorkommen, „Frieden“ sollte dem ganz automatisch auf dem Fuße folgen: ja, versprochen war sogar ewiger Friede.

Wir haben sogar Kriege geführt, um diesen ewigen Frieden zu erhalten: Bürgerkriege in Frankreich und den britischen Kolonien, europäische Kriege gegen die Revolutionstruppen Napoleons (ja – das war nicht nur ein kleiner verrückte Spinner sondern auch der Erfinder des bürgerlichen Gesetzbuches, der die Werte der Revolution für ewig bewahren wollte: wir zehren heute noch von dieser Tat), einen Weltkrieg als „Krieg, der alle Kriege beenden sollte – und im Anschluß daran nochmal ein Krieg, der alle Kriege beenden sollte.

Fast schien es so, als hätte man Recht gehabt: jedenfalls erlebte Europa die größte Friedensphase seiner Geschichte. Klar – es gab noch kleinere Weltkriege (ja – in Korea und Vietnam kämpften nicht nur Amerikaner), aber in Europa war scheinbar Ruhe … bis jetzt.

Scheinbar?

Ja, schauen wir genauer hin … wird unser Leben weniger friedlich. Ein Blick nach Wikipedia kann da sehr helfen:

Frieden (älterer Nominativ Friede, von althochdeutsch fridu „Schonung“, Freundschaft“) ist allgemein definiert als ein heilsamer Zustand der Stille oder Ruhe, als die Abwesenheit von Störung oder Beunruhigung und besonders von Krieg. Frieden ist das Ergebnis der Tugend der „Friedfertigkeit“ und damit verbundener Friedensbemühungen.

Ja – haben wir fast vergessen, oder? „Friedliche Abendstimmung“ oder „friedlicher Sonnenuntergang“ ist aus unserem Sprachgebrauch verschwunden, ersetzt durch Feierabendstreß und Handyterror. „Heilsame Zustände der Stille und Ruhe“ sind in unserem Alltag Vergangenheit – womöglich auch ein Grund dafür, dass wir immer kranker und unzufriedener werden. „Stille“ – jener Zustand, der die Gedanken anzieht – ist selten geworden in unserem Jahrtausend. Wo immer wir gehen, wo immer wir stehen begleiten uns Geräusche, Musik – früher ein seltener und stets willkommener Genuss, der vielen Menschen ein gutes Auskommen bescheren konnte – ist alltäglicher Lebensbegleiter geworden, verscheucht Stille und Gedanken wo immer sie sich zu manifestieren suchen; gleichfalls ist auch die mit der Stille verbundene Ruhe verschwunden.

Doch nicht nur Musik vertreibt den Klang des Friedens – vor allem sind es tausendfache Geräusche der Maschinenkultur, die hart gesottene Keltenkrieger in den Wahnsinn treiben würden: die Kakophonie der modernen Städte käme ihm als Geräuschkulisse finsterter Abgründe vor, in denen teuflischste Unholde unheilige Feste feiern.

Vielleicht hätten die sogar Recht, aus dem Millionen Jahre alten Reich der Stille sind wir hinausgetreten ins Reich des verletztenden Lärms – und finden das ganz normal.

Lauschen wir noch weiter Wikipedia:

In der Sprache deutschsprachiger Juristen ist von Frieden auch im Zusammenhang mit innenpolitischen Auseinandersetzungen (Straftatbestand des Landfriedensbruchs), mit dem Arbeitsleben (Störung des Betriebsfriedens als Kategorie des Betriebsverfassungsgesetzes) und mit dem Schutz des Privateigentums (Straftatbestand des Hausfriedensbruchs) die Rede. Zur Kennzeichnung von Grundstücken, die gegen Hausfriedensbrüche geschützt werden sollen, werden diese oft eingefriedet.

In der Sprache der Psychologie und der Theologie gibt es den Begriff Seelenfrieden (vgl. den englischen Begriff „peace of mind“ oder „inner peace“[1]); diesen sollen Lebende anstreben und Verstorbene auf dem Friedhof bzw. im Jenseits finden.

Klug, oder? Ja – wir sind in mancherlei Hinsicht weiter als die alten Griechen, deren Demokratieverständnis uns auf die Barrikaden rufen würde. Wir sind auch zurecht weiter, weil wir dem Krieg selbst den Krieg erklärt hatten, weil wir gezielt danach suchten, was das Menschenschlachten zwischen Völkern möglich machte, die durch Handel und friedlichem Miteinander viel mehr Wohlstand erreichen konnten als durch Massenverstümmelungen mit oft tödlichem Ausgang (die auch ein Napoleon fürchterlich fand).

„Seelenfrieden“ – wie fern sind wir eigentlich von diesem Begriff? Unendlich weit weg. Menschen, die ihn finden – mehr zufällig als bewusst gewollt – schätzen ihn (seit Jahrtausenden – und zwar weltweit)als das wertvollste Gut auf Erden, doch den meisten anderen hat man schon längst abgewöhnt, an den Begriff „Seele“ überhaupt zu denken: wer in seiner Seele tiefen Frieden trägt, hat keine Bedürfnisse mehr, die die Wirtschaft befriedigen müsste.

Das darf nicht sein, wir haben extra Bedürfnispyramiden entwickelt, die sich endlos steigern lassen und den Menschen beständig weiter vom Frieden mit seiner Seele entfernen.

Wir friedlich aber kann ein Mensch sein, wie „friedfertig“, wenn er von tausenden unkontrollierbarer Bedürfnisse geplagt wird, von denen die allermeisten völlig überflüssig sind? Die Antwort ist einfach: gar nicht.

Ist aber der Mensch nicht friedfertig, ist die Gemeinde, das Volk, das Land nicht friedfertig: wie sollte da Frieden in unsere Leben kommen?

Schonung und Freundschaft sind in der deutschen Sprache die Wurzeln für das Wort Frieden, dort, wo Frieden herrscht begegnen sich die Menschen in Schonung (voller Respekt und Achtsamkeit) und Freundschaft (voller Vertrauen und Hilfsbereitschaft), dort, wo aber der Frieden nicht in den Seelen herrscht, mangelt es im alltäglichen Umgang an Respekt, Verachtung und Ignoranz werden Normalzustand, Misstrauen und Missgunst verbreiten sich, der Mensch wird zum „Ork„.

Trifft das zu?

Ist unser Alltag voller Respektlosigkeit, Verachtung, Ignoranz, Misstrauen und Missgunst? Ich denke da nur an die Agenda 2010, die ein ganz neues Kapitel des gesellschaftlichen Miteinanders geprägt hat und ganze Generationen zu Orks erzieht. Ich denke an die Deregulation der Finanzmärkte, die gutgläubige („friedliche“) Menschen den Haien der Finanzindustrie vorgeworfen haben, an gutgläubige „Riesterer“, die man den Versicherungsvertretern opferte oder an die vielen bankrotten Menschen, die den Anlageberatern der Banken ihre Lehman-Papiere abgekauft haben – oder an die vielen Menschen, die nagelneue Autos mit integrierten Mängeln, Lasagne mit Pferdefleische, Babyfläschchen mit Weichmachern, tödliche Medikamente oder schlichtweg verpestete Luft serviert bekommen … um nur ein paar Alltagserscheinungen zu nennen.

Unser Alltag – ist voller Krieg, der uns die Seelenruhe stiehlt, der uns Ruhe und Frieden nimmt.

Das zu erkennen ist schon ein Wert an sich – denn da wissen wir, wo wir ansetzen können, die Kriegsgeilheit zur Ruhe zu bringen, die aufgeregten Gemüter zu besänftigen.

Landfrieden, Betriebsfrieden, Hausfrieden, Schulfrieden – wir finden zahllose Bereiche, in denen der Krieg zunimmt.

Dient es etwa dem Landfrieden, wenn jetzt der Solibeitrag für den Aufbau Ost zu einem Solibeitrag für den Aufbau West verwendet wird – oder sät das nur wieder weiteres Misstrauen und Missgunst?

Dient es etwa dem Betriebsfrieden, wenn immer mehr ordentliche Arbeiter und Angestellte zu Leiharbeitern werden, die zum halben Lohn ohne Urlaub und Weihnachtsgeld arbeiten müssen?

Dient es etwa dem Hausfrieden, wenn die EU via Dekret bestimmt, dass ich die Glühbirne doch hochgiftigen Sondermüll ersetzen muss, der Staat eine Behörde schafft, die bei Arbeitslosen per Hausbesuch kontrolliert, ob sie sich auch der verordneten Armut hinreichend fügen oder ausländische befreundete Geheimdienste all´ meine Kommunikation überwachen läßt?

Dient es dem Schulfrieden, wenn man die Ausbildung im Interesse jener Wirtschaft immer weiter verkümmern läßt, deren Subventionen die Mittel für genügend Lehrer und dringend benötigte Sanierungen auffressen?

„Frieden“ – ist die Abwesenheit von Störung und Beunruhigung, zur Schaffung und Wahrung von Frieden in allen Bereichen bezahlen wir Millionen von Menschen in Regierung und Verwaltung mit Steuergeldern – doch was tun die?

Sie bringen immer mehr Krieg ins Land, was keiner mehr merkt, weil „Frieden“ eine Untugend geworden ist, ein Makel, wie „Mitleid“ (ein Zustand der Schonung und Freundschaft beinhaltet) ein Wert, dem mit Verachtung begegnet wird.

Das war schon immer so, sagen Sie jetzt?

Machen Sie sich da mal nichts vor. Wir hätten mit dieser Moral die Eiszeit nicht überstanden weder Stämme noch Städte gegründet, keine Staaten geschaffen – ja, wie unsere Gesellschaft mehr und mehr an allen Fronten beweist, ist unsere Gegenkultur schlichtweg noch nicht einmal wirtschaftlich überlebensfähig, obwohl „Wirtschaft“ das zentrale Element der Kulturform „Kapitalismus“ ist.

Wo sind wir da nur hingekommen?

Denken nur ein wenig über Frieden nach – und schon befinden wir uns in einer völlig kriegerischen Gesellschaft, in der es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es auch wieder zu militärischen Auseinandersetzungen mit anderen Ländern kommt.

Oh – da bin ich zu wenig akurat: es kam ja schon zu militärischen Auseinandersetzungen mit Jugoslawien und Afghanistan – das Prinzip wird schon gelebt. Nur scheint jetzt die Lust größer geworden zu sein, man will das Fleisch des russischen Bären schmecken – wie schon zweimal letztes Jahrhundert.

Eine schlimme Nachricht, könnte sie doch die nukleare Verwüstung ganz Europas nach sich ziehen – wobei ich fürchte, dass die Nato davon ausgeht, dass Russland und die USA auf die atomare Option verzichten, wie das Dritte Reich auf den Gaskrieg verzichtet hatte (trotz prall gefüllter Lager). Leider haben die USA schon einmal gezeigt, dass sie von der nuklaren Option gerne Gebrauch machen – auch und gerade gegen die Zivilbevölkerung.

Allerdings gibt es auch eine gute Nachricht: wir wissen jetzt, was wir konkret dagegen tun können.

Kontrollieren wir jene Menschen, die wir mit hohen Diäten aus Steuermitteln für die Wahrung des Friedens in allen Bereichen bezahlen, kontrollieren wir, ob sie auch in allen Bereichen die Tugend der Friedfertigkeit leben und vorleben, denn jene Tugend ist die Wurzel der Friedens selbst. Hat der Mensch nicht den Willen und die Absicht, friedfertig zu sein, wird Europa letztendlich nur aufgrund dieser Einstellung zum Leichenhaufen.

Ach ja … der „Wille“.

Den haben wir auch schon vergessen? Durch den Willen werden Plan und Absicht zur Tat – dass wusste man früher … heute zieht die Formulierung dieser einfachen Beschreibung menschlicher Schaffenskraft schon den Verdacht nach sich, man würde wieder eine leichte Verschwörungstheorie formulieren … dabei ist die Erkenntnis im Prinzip erschreckend einfach: ALLE Erscheinungen innerhalb der menschlichen und von Menschen gestalteten Welt werden durch ENTSCHEIDUNGEN manifestiert – da wirkt kein Wunder, kein Geist, kein Gott (nein – auch nicht seine Form als „Zufall“), und diese Entscheidungen werden von Willen und Absicht gesteuert, wobei der Wille die Durchsetzungskraft beschreibt – und die Absicht das Ziel.

Verhungert also ein Arbeitsloser in seiner kalten Schimmelbude, erfriert ein Obdachloser bei Minustemperaturen, stirbt ein Arbeitnehmer an Erschöpfung – so ist das das Ergebnis menschlichen Willens: immer und überall. Verblödet ein Volk infolge der Überflutung mit geistigem Sondermüll, der in allen Sendeformat Missgunst, Verachtung, Respektlosigkeit, Ignoranz und Misstrauen als lebensnotwendigen Normzustand predigt, so ist das kein Zufall, sondern das konkrete Ergebnis von Entscheidungen FÜR Sendeformate, die diese Botschaften enthalten.

Das will nur keiner mehr hören, weil es mit Verantwortung zu tun hat und nach Taten schreit.

Friede kommt durch friedfertige Menschen in die Welt, die friedfertig (fertig zum Frieden) sind, weil sie es so wollen.

Es ist der Wille, durch den wir frei von Bedürfnissen werden – darum ist die Schwächung menschlichen Willens vorrangiges Ziel der Konsumgesellschaft – und so entziehen sie der Friedfertigkeit ein wichtiges Element.

Wissen Sie, was mein philosophisches Wörterbuch zu dem Willen sagt?

„Der Wille kann sich nur auf (subjektiv) Wertvolles richten (das Böse zu wollen vermag nur der „Satan“)“ (zitiert aus Philosophisches Wörterbuch, 20. Auflage, Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1978, Seite 731).

Ja – so war man 1961 noch drauf – dort erschien die Erstausgabe dieses Wörterbuches. Zu der Zeit konnten sich die meisten Menschen noch an die Gräuel des Krieges erinnern und wussten, dass der Wille allein zwar immer das Gute will – aber nur das, das der Einzelne als gut empfindet. Mag er keinen Juden – so kann das auch fürchterliche Folgen haben.

Gut zu sein – reicht nicht für Frieden. Gut sind alle. Ja – ich denke da besonders an die Grünen.

Für Frieden – muss man friedfertig sein: und das ist eine einfache Sache der Entscheidung, des Willens und der Absicht.

Und wenn jetzt Krieg kommt – der große, heiße, die endgültige Erfüllung all der kleinen Kriegsgelüste in Land, Haus, Schule, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – so wissen wir, dass er Aufgrund von Entscheidungen und Absichten (die den Tätern wie immer gut erscheinen) kommen wird … und wir können daraus die Lehre ziehen, demnächst Menschen einfach zur Friedfertigkeit anzuleiten, anstatt ihre natürliche Ruhe und Stille zu stören.

Wir können damit aber gerne schon Morgen beginnen …

 

 

 

 

 

 

 

Die kontrollierte Obsoleszenz des menschlichen Verstandes

Der Mensch wird immer dümmer.
behauptet der Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree von der kalifornischen Stanford University. Als wir Menschen noch in Höhlen hausten, war die Intelligenz überlebenswichtig bei der Nahrungssuche, dem Kennen der Tierwelt und dem Einschätzen von Gefahren. Zudem war der gesunde Menschenverstand (GMV) massgeblich an der Entwicklung von Werkzeugen, sozialer Strukturen und dem Entstehen der menschlichen Zivilisation beteiligt. Heute hingegen wird der menschliche Intellekt nur noch selten als „Überlebenswerkzeug“ eingesetzt. Wir benutzen unsere Intelligenz hauptsächlich für das Zurechtfinden in der technisierten Welt, das Filtern von permanent empfangenen „kauf mich“-Botschaften oder das Agieren/Reagieren im sozialen Umfeld. Diese Verlagerung/Verdummung des GMV passierte nicht von selber, sondern hat Methode.
Der Begriff Obsoleszenz stammt aus dem lateinischen (obsolescere) und bedeutet sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Ansehen, an Wert verlieren. Als der praktische Erfinder der geplanten Obsoleszenz gilt Alfred P. Sloan, welcher in den 1920er Jahren in seiner Funktion als GM-Präsident (General Motors) annuelle Konfigurationsänderungen und Veränderungen an Automobilen einführte und damit Kunden zum vorzeitigen Neukauf animierte. Ein weiteres Beispiel ist das Phoebuskartell. Dieses legte fest, dass Glühlampen eine Lebensdauer von maximal 1000 Betriebsstunden erreichen dürfen. Die ursprünglichen Glühbirnen hielten enorm lange, die Älteste der Welt beleuchtet seit 1901 nahezu ununterbrochen eine Feuerwache in Livermore (US-Bundesstaat Kalifornien). Eine solche Lebensdauer wäre bei vielen anderen Produkten auch möglich und technisch realisierbar.
Grundsätzlich ist gegen verschiedene Produktqualitäten nichts einzuwenden. Der Hobbybastler kauft sich eher selten eine Bohrmaschine für 500 Euro, sondern eine für die Hälfte des Preises oder noch weniger. Diese Maschine reicht völlig für seine Ansprüche aus und hält auch lange, da er sie nur sporadisch benutzt. Der Profi hingegen muss sich auf sein Werkzeug verlassen können, wenn es täglich im Einsatz ist. Er entscheidet sich daher eher für die teure Variante. In diesem Fall machen verschiedene produzierte Qualitätsstufen Sinn, wenn man beim Einkauf die Art, Dauer und Menge der Maschinenverwendung berücksichtigt und aufgrund dessen die Qualität des Produktes auswählt.

Ressourcenverschleudern für’s Prestige
Was bedeutet dies für die Umwelt. Nehmen wir als Beispiel die Handy’s respektive Smartphones. Jedes Jahr kommen neue Modelle auf den Markt ob man will oder nicht. Die Änderungen zu den Vorgängermodellen sind in der Regel minimal und verdienen das Prädikat „neu“ eigentlich gar nicht. Es sind keine innovativen, neuen Technologien vorhanden, sondern einzig diverse Abmessungen variieren im Millimeterbereich, neue Software ist installiert oder das Design hat sich minimal verändert. An den Grundfunktionen hat sich aber nichts getan. Man kann immer noch „nur“ telefonieren, surfen, terminieren, notieren, fotografieren und Daten austauschen. Das konnte man schon vor fünf Jahren. Aber zwischenzeitlich hat man das Gerät jährlich gewechselt, das Fünffache an Ressourcen verschleudert und genauso viel Müll produziert. Dafür glaubt man eine neue technologische Errungenschaft in den Händen zu halten, dabei kann man immer noch nicht mehr mit dem Teil machen wie vor fünf Jahren. Einzig die Anzahl respektive Verfügbarkeit der sogenannten „Apps“ hat sich vervielfacht und bieten Dienste an, die aus normal denkenden,
erwachsenen Menschen schnell verdaddelte, vorpupertäre Teenager machen, die gerne ihr Selbstwertgefühl und Sozialkompetenz anhand der Anzahl Apps auf ihrem Smartphone definieren.

Faulheit als Marketingstrategie
Hier zeigt sich das wahre Ausmass der menschlichen Verblödungstaktik. Der Verbraucher glaubt heute immer noch, wenn auf der Packung „neu“ steht, dass dieses Produkt wirklich neu oder sonst was ist. Wenn dem nicht so wäre, gäbe es keine Werbung mehr. Würde jeder Konsument seinen Einkauf nach ökologischen Kriterien durchführen und den normalen gesunden Menschenverstand bei der Produkteauswahl gebrauchen, wären Marktstrategen und Werbeindustrie machtlos. Aber sie können sich auf eine menschliche Eigenschaft berufen, die ihnen seit je her immer wieder neue Konsumenten zuschanzt – die menschliche Faulheit. Sie ist die ältere Schwester der Bequemlichkeit und begleitet uns seit Menschengedenken durch unser (Konsum)verhalten. Faulheit ist grundsätzlich nützlich. Unsere Urahnen mit Keulen und Lendenschurz wussten schon mit Hilfe von Faulheit ihre überlebenswichtigen, körperlichen Ressourcen zu schützen. Sie wollten sich nicht unnötigerweise vorzeitig, aufgrund sinnloser Aktivitäten zuvor, auf neue Nahrungssuche begeben und somit neuer Gefahren aussetzen. Also blieben sie so gut es ging inaktiv und schonten ihre Kräfte, wenn der Magen voll war. Diese ressourcenschonende Eigenschaft der Faulheit wird in der heutigen industriellen Welt fast vollständig ignoriert. Ergänzend bleibt zu erwähnen, dass physische Untätigkeit nicht gleichbedeutend mit psychischer Inaktivität ist. Ein bekannter Spruch lautet: Faulheit ist die Quelle grossartiger Ideen. Leider wird dies allzu oft übersehen.
Die jüngere Schwester der Faulheit, Namens Bequemlichkeit, verleitet uns manchmal zu sonderbaren Kaufentscheiden. Sehr viele (sinnlose) Produkte zielen darauf ab, uns das Leben einfacher zu machen. Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Schaut man aber den ganzen energietechnischen Aufwand/Prozess eines Produktes an, angefangen bei der Rohstoffförderung, der Herstellung, der Vermarktung und Verteilung, dem Aufwand des Konsumenten das Produkt zu erwerben, das heisst, er musste Arbeitsleistung erbringen um Geld zu verdienen, damit er es sich leisten kann, bis hin zum eventuell benötigten Unterhalt des Artikels, dann schneiden etliche Produkte in der Energiebilanz über Aufwand und Ertrag sehr schlecht ab. Am Ende der Artikellebensdauer wird das (defekte) Produkt weggeschmissen. Dadurch wächst das Müllvolumen und der rohstoffliche Energiewert geht verloren, sofern er nicht einem sinnvollen Recyclingsystem zugeführt wird. Hier kann sich jeder Fragen, ist der energietechnische Aufwand für, zum Beispiel, einen elektrischen Büchsenöffner gerechtfertigt, bei einer Person mit zwei gesunden Händen?
Sollte dieses Gerät als Erleichterung im Leben eines gesunden Menschen angesehen werden, dann ist Leichtgläubigkeit ein ideales Fundament für das Haus der Dekadenz. Als Dach bekommt die Hütte noch ein überbordendes Konstrukt aus Labilität wobei jeder einzelne Dachziegel für mindestens eine erfolgreiche Manipulation der Erzeugnishersteller steht. Es ist erwiesen, dass der Endkonsument über 90% seiner Produkte aufgrund einer Werbe-Botschaft kauft. Sei es Mund-zu-Mund-Propaganda oder die herkömmliche Werbeberieselung. Das gilt auch für Produkte, die schon jahrelang erworben und somit bald als „eigene Entscheidung“ betrachtet werden. Aber das stimmt so nicht. Irgendwann, vor Jahren, vernahm der Konsument eine Botschaft, die ihn zum Kauf animierte oder später animieren wird. Jeder, der zum ersten Mal eine eigene Wohnung bezogen hat und vor dem ersten „Haushaltseinkauf“ stand, orientierte sich an  Produkten, die er bei den Eltern kennen lernte und die nächste Generation orientiert sich an deren Eltern undsoweiter undsoweiter. Willkommen in der Markenbindung für’s Leben.
Bedient wird der „Faulzeit-Konsument“ mit den Grossverteilern und Handelsketten. Dort wird man durch alle Erwerbsmöglichkeiten suggeriert und hat am Ende weniger Geld als gerechnet und mehr Artikel als geplant. Das passiert im “Laden um die Ecke“ nicht oder eher selten. Die Preise sind dort oft höher und die Auswahl kleiner. Dafür stammen die Produkte meist aus der Region, haben dadurch kleine Transportwege, der persönliche Kontakt im Laden ist intensiver und man bekommt viel eher die Möglichkeit für den einen oder anderen „Sonderwunsch“. Zudem wird man nicht permanent dem penetranten Dauerwerbebombardement der Supermärkte ausgesetzt, das ziemlich nerven kann. Die kleinen Läden haben höchstens mal farbige Preisetiketten. Hier kauft man viel bewusster ein und hat schlussendlich, energetisch gesehen, die Umwelt sowie das Portemonnaie mit weniger Rohstoffbedarf belastet. Bewusster Konsum ist Arbeit und erfordert Zeit, aber der Gewinn von Lebensqualität gleicht den Einsatz mehr als aus.

Staatsreligion: Materialismus
Ein weiterer Aspekt der Verstandes-Obseleszenz ist die gesellschaftliche Hörigkeit an Prestige und Materialismus. Wie hoch wird der gesunde Menschenverstand bei einer Person bewertet, wenn diese tage- und nächtelang vor einem Shop ausharrt, um einer der Ersten zu sein, die ein neues Produkt erwerben können. Wie hoch ist die Hörigkeit an Materialismus in dieser Person? Jeder hat seine eigenen Dinge, auf die er „wert“ legt. Diese mal öfters zu hinterfragen, ob sie wirklich für das eigene Wohlbefinden nötig und ökologisch wie ökonomisch überhaupt sinnvoll sind, ist eine erfolgreiche Möglichkeit, die Geldbörse, die Umwelt und zuletzt schliesslich sich selbst zu schonen/schützen.
Die Strategen des freien Handels verfolgen mittlerweile ein neues Ziel. Es dauert den Herstellern zu lange und verhindert Umsatz, wenn ein Konsument Geld spart um sich etwas leisten zu können. Geld sparen bedeutet Zahlungsmittel zu horten, respektive eine gewisse Zeit aus dem Markt zu nehmen. Ein potentieller Kunde der kein Geld ausgibt ist ein schlechter Kunde. Also verbrüderten sich die Hersteller noch enger mit den Geldinstituten mit dem Ziel, den Konsumenten früher als sonst zum Kaufen zu animieren. Dies haben sie erfolgreich durchgesetzt. Jetzt kann man die meisten Artikel sofort haben und bezahlt diese erst später. Zwei Fliegen mit einer Klatsche. Einerseits können die Hersteller momentan mehr Produkte verkaufen, weil sie nicht mehr warten müssen bis der Kunde das Geld zusammen gespart hat und andrerseits begibt sich der Endkonsument in die Abhängigkeit der Banken, indem er sich bei ihnen verschuldet. Als „Verdienst-Sahnehäubchen“ können noch zum Kaufpreis die Zinsen, Ratenzahlungsgebühr, Verwaltungskosten und ähnliche Geldbeschaffungs-massnahmen verrechnet werden. So verteuert sich das Wunschobjekt bis zu 30% des ursprünglichen Preises. Dem Kunden wird aber suggeriert, er kauft z.B. einen Fernseher für 99.99 Euro pro Monat. Dass der Konsument dies bis zu 48 Mal machen muss ist ihm meist nicht richtig bewusst. Zeit kann sich der Mensch nicht vorstellen, höchstens spüren anhand der inneren Uhr. Er kann sie sonst nur messen und berechnen. Daher sind sich die meisten gar nicht bewusst was es heisst, sich für viele Jahre einer oder mehreren Banken auszuliefern. Man sieht nur die 99.99 Euro. Solange alles gut geht und man regelmässig bezahlt hat man seine Ruhe und die Bank kann reale Werte abschöpfen. Zahlt man nicht mehr, werden Konsequenzen möglich, wie sie zur Zeit in Spanien an der Tagesordnung sind – ca. 500 Zwangsräumungen…täglich. Also auch hier stellt sich die Frage, ist es nötig, sich mit
dem neuen Fernseher oder sonst was auf Jahre zu verschulden und somit ein Stück Freiheit abzugeben? Für ein Gerät, das vermutlich nicht mal die 48 Monate durchhält?
Leider hat auch hier die kontrollierte Obsoleszenz des Verstandes schon erschreckende Ausmasse erreicht und es werden mehr Krediteinkäufe getätigt, als sich der Mensch leisten kann. Würde hier der gesunde Menschenverstand gute Arbeit leisten können, wären die Banken sehr schnell, sehr viele „Kunden“ los. Aber die Dauerberieselung trägt Früchte und der Konsument braucht immer weniger seinen Verstand zum Einkaufen. Hier kommt wieder die Faulheit oder Bequemlichkeit ins Spiel. Er lässt sich viele Entscheidungen abnehmen, weil es auf Dauer einfach zu mühsam, schlicht unmöglich ist, sich ständig gegen das Angebotsbombardement zu wehren. Zahlen Sie bar oder mit Kreditkarte?

Soziale Obsoleszenz
Der Mensch ist von Natur aus ein mitfühlendes, sensibles Wesen. Aber in der suggestiven Medienwelt wird oft das Gegenteil gezeigt. Jeden Abend werden Menschen in gewaltverherrlichenden Szenen dargestellt. Dies wird gesellschaftlich als „Unterhaltung“ angesehen. Auch wenn im Fernsehen alles (meistens) gestellt ist, so ist die Symbolik des Tötens gleichbedeutend mit dem echten Töten. Das Gehirn kann nach 12 Minuten nicht mehr unterscheiden, ob eine Szene echt oder gestellt war. Nur der Verstand kann dies noch. Also ist die synaptische Verbindung einer „Tötungserinnerung“ vorhanden und wird, zum Glück in den meisten Fällen, vom Verstand verwaltet. Wenn viele solcher Verbindungen, aufgrund regelmässigen Gewaltkonsums, entstanden sind, färbt das automatisch auf die Persönlichkeit ab und man sieht die Gewalt immer mehr als „normal“ an. Wenn der GMV sozial verträglich arbeitet, wird der Gewaltkonsum nicht lebensbestimmend oder bedrohlich für das Umfeld. Doch leider hört man immer wieder von tragischen Ereignissen, bei denen der GMV scheinbar nicht mehr „normal“ funktioniert. Bei einem Mörder muss im Vorfeld seiner Tat die persönliche Hemmschwelle für Gewalt entsprechend heruntergesetzt worden sein. Wann, wo und wie lässt sich meist nur mit intensiver Persönlichkeitsarbeit ermitteln.
Das Phänomen der gesellschaftlichen Verrohung entstand nicht einfach so. Viele Staaten hatten seit Generationen keinen Krieg im eigenen Land. Die ältere, kriegserfahrene Generation stirbt langsam aus, was einen hohen Verlust an sozialer Kompetenz und Erfahrung darstellt. Ein Kriegsveteran wird eher kein Computerspiel benutzen, bei dem er in fast fotorealistischer Umgebung, an identischen Schauplätzen seiner Einsätze die Grausamkeiten eines Krieges nachspielen kann. Auch andere Menschen, die Gewalt persönlich in irgendeiner Form erlebt haben werden kaum etwas Mediales konsumieren, welches sie an das Erlebte erinnert. Die jungen Generationen haben keinen Krieg erlebt und kennen diesen höchstens virtuell aus Nachrichten und Computerspielen. Es ist also kein echter Realitätsbezug/Erfahrung vorhanden, der den Gewaltkonsumenten schützen könnte. So „amüsiert“ er sich in virtuellen Kriegsschauplätzen oder sonstige Metzeleien und hat immer weniger moralische Bedenken in seinem Tun.
Die Gewaltpropagierung durch die Medien hat die Konsumenten schon entsprechend dorthin manipuliert, wo sie sie haben wollen. Das Ausweiden eines Menschen wird mit einer Packung Popcorn genossen und beim Anblick nackter Brüste schickt man die Kinder auf’s Zimmer.
Wenn ein Geschlechtsteil auf der Mattscheibe zu erkennen ist, schlagen die Wogen hoch und alle Welt ist entrüstet. Haben diese Menschen vergessen, dass gewisse Körperteile dazu da sind, freudige Gefühle zu empfinden und Leben zu schaffen. Man spricht nicht umsonst von fast einem göttlichen Akt. Das ist die eigentliche Natur des Menschen. Nicht das Töten.
Das Verwenden von Gewalt zum Erreichen seiner Ziele ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Dies wird politisch schon lange praktiziert und im Sport symbolisch wie auch tätlich eingesetzt. Man schaue sich Boxen, Fussball, Eishockey usw. an. Würden die Massenmedien nur auf das Positive der Menschen reagieren, wäre die gesellschaftliche Hemmschwelle für den „legitimen“ Einsatz von Gewalt deutlich höher. Kein Staatsmann könnte noch einen Krieg anzetteln – keiner ginge hin. Aber auch hier trägt die Dauerberieselung von Gewalt Früchte und der Einzelne verliert immer mehr die Anteilnahme und Mitgefühl zu seinen Mitmenschen. Die Kriegs- und Gewaltbereitschaft steigt, was den Verteidigungsministern viele neue Rekruten verspricht. Zudem schürt das permanente Ausstrahlen von Gewalt die Angst. Unsichere Menschen sind leichter manipulierbar. Profiteure der „Bevölkerungsangst“ sind die Versicherungen, Banken, Rüstungs- und Sicherheitsindustrie, Politiker mit ihren Wahlversprechungen und schlussendlich die staatlichen Gewaltorgane wie Militär, Polizei und Geheimdienste. Man sieht, dass die Gewaltverherrlichung in den Medien durchaus Ziele verfolgt, wie Macht- und Konsumsteuerung, und deshalb nicht dem Zufall überlassen wird.
Wie weit die soziale Obsoleszenz bei einem fortgeschritten ist, kann jeder ganz einfach selbst überprüfen: Wann haben Sie zum letzten Mal aus reiner Selbstlosigkeit etwas Gutes getan?

Und nun die Wettervorhersage…
Das moralische Hochdruckgebiet der menschlichen Gesellschaft verlagert sich langsam und macht einem grossen obsoleten Tief Platz, dass vermutlich in der nächsten Zeit wetterbestimmend sein wird. Dies kann zu lokalen Entladungen führen in Form von sintflutartigen Wutausbrüchen des Volkes, welche die betroffenen Behörden in den Regionen schnell an ihre Leistungskapazität bringen werden. Die Bevölkerung ist aufgerufen Ruhe zu bewahren und mit Hilfe des GMV wieder Ordnung und Normalität in den betroffenen Gebieten herzustellen. Alle Nichtbetroffenen werden gebeten sich solidarisch zu zeigen, indem sie ihren Mitmenschen Güte und Mitgefühl schenken. Mit diesen Massnahmen sollte die obsolete Schlechtwetterfront nur geringe gesellschaftliche Schäden anrichten können. Zusätzlich ist jeder Einzelne für eine zukünftige Sturmfront besser gewappnet.

Mit Dank an Zigorio.

Philosophische Praxis, Delfine, der Tod der Intelligenz, die Verbesserung der Welt wider den Teufel

Philosophie ist das spannendste und ertragreichste Studium, das ich mir vorstellen kann, dicht gefolgt von Ethnologie. Keine andere Wissenschaft erlaubt soviel gedankliche Freiheit … und fordert gleichzeitig so viel gedankliche Freiheit, denn man muß einiges aushalten können. So ist eine Sparte der Philosophie die Religionsphilosophie, die sich wiederum unterteilen läßt in viele kleine Unterkategorien, von denen eine der Atheismus ist, eine Glaubensform, die – wie auch aus dem Wort zu entnehmen ist – eine irgendwie geartete Form von „Theismus“ braucht, gegen die er dann dagegen sein kann.  Dann gibt es die Theisten (häufig als „Monotheisten“ anzutreffen), die aber in entschiedenem Gegensatz nicht zu den Atheisten (was deren Ego sehr ankratzt) leben, sondern einerseits im Gegensatz zu Theisten mit einem alternativen Götterangebot oder auch andererseits – noch schlimmer – in der Auseinandersetzung mit Pantheisten, Neuheiden, Naturmystikern, Nihilisten, Animisten, Freimaurern und was die lebendige Vielfalt der Welt sonst noch so hervorgebracht hat existieren.

Eine andere Sparte ist die politische Philosophie, bei der wir die gleiche Vielfalt vorfinden – der eine träumt von einem gerechten König, der nächste will überhaupt einen König, egal ob gerecht oder ungerecht, wieder der nächste kommt daher und will die Diktatur des Proletariats anstelle der Diktatur des Königs und wieder andere wollen die Herrschaft des Menschen über den Menschen ganz abschaffen.

Was es da auszuhalten gibt? Nun – für einen Philosophen haben sie alle recht. Jeder hat – in seinem Denksystem unter vollständiger Anerkennung aller Parameter und aller Voraussetzungen des Systems völlig recht – und wenn es eine politische Aufgabe der Philosophie gäbe, dann jene, ein System zu erhalten, in dem auch weiterhin JEDER RECHT HABEN DARF … auch wenn man ihn persönlich auf den Tod nicht ausstehen kann.  Hier dürfte die Philosophie den nächsten Schritt machen (und wieder zurück zu ihren Wurzeln finden) und nicht nur beschreiben, sondern sie – nach Marx – verändern, was problematisch wird, wenn man nicht weiß, wohin denn genau man was warum verändern sollte.

Solche Erwägungen führten unter anderem dann früher schon mal zum Ideal des Philosophenkönigs, ein Ideal, das „gut gemeint“ war, wobei wir uns erinnern, das „gut gemeint“ das Gegenteil von „Böse“ ist, denn zum schnellen kraftvollen Handeln eines Kriegerkönigs eignet sich der philosophische Geist nicht, er muß und soll versuchen, alles gleichzeitig zu sehen und gleichzeitig im Blick behalten, das seine eigene Sicht sehr eingeschränkt ist – mit dieser Mentalität führt man keine Menschen erfolgreich in einen Krieg, mit dieser Mentalität bleibt man friedlicher menschenfreundlicher Kleinbauer oder – wenn die Maschinen sich das Ackerland erobert haben, eben Kleinbürger, wiewohl man weiß, das es eigentlich die Aufgabe des Philosophen wäre, die Welt nicht nur zu verändern sondern … sie zu verbessern.

Das dies unmöglich ist, leuchtet jedem sofort ein – aber doch ist es nicht unmöglich, denn was man tun kann ist, die jeweiligen Systeme (und die Menschen, die sich Bruchstücke der Systeme auf ihre kleinen Fähnchen schreiben und damit durch die politische Welt rennen und hoffen, das ihnen alle oder – aus Gründen der Wahlkampfkostenerstattung – möglichst viele  folgen) nach ihren eigenen Maßstäben zu beurteilen … immerhin gibt es nur ganz wenige kulturelle Strömungen, die im düstersten Sinne satanisch oder menschenfeindlich oder noch schlimmer sind (es gibt aber Menschen, die genau so etwas betreiben, das muß man der Vollständigkeit halber erwähnen, Menschen, die ein Weltbild haben, in denen dunkle, lebensfeindliche untote Götter hinter den Schleiern der Wirklichkeit lauern und deren betreiben es ist, genau jene Götter auf die Welt loszulassen – einfach mal bei AMAZON in der Esoterikabteilung bei den magischen Schriften gucken), die meisten wollen Frieden, Glück und Heil für alle – nur die Methoden unterscheiden sich.

Unsere bürgerliche Zivilgesellschaft stand beispielsweise mal ganz vorne als Leuchtturm von Freiheit und Aufklärung und versteht sich als christliche Kultur. Das ist ihr Anspruch. Die Wirklichkeit … sieht ganz anders aus – obwohl es ja eigentlich keiner will. Die Wirklichkeit sieht so aus, das wir gerade dabei sind, die möglicherweise intelligentesten Wesen dieses Planeten auszurotten … die Delfine, hier bei News.de:

Die US-Forscherin Lori Marino von der Emory Universität in Atlanta analysierte die graue Masse von drei Großen Tümmlern (Tursiops truncatus). Das Ergebnis ihrer Studie: Gemessen an ihrer Größe haben Delfine etwas weniger Hirnmasse als der Mensch. Dafür ist ihr Hirn stärker gefaltet und hat eine größere Oberfläche, eine Eigenschaft, die die fehlende Masse wettmachen könnte. Die Faltung betrifft vor allem die Neocortex, eine Hirnstruktur, die komplizierte Denkvorgänge und das Selbstbewusstsein steuert. Keine andere Art der Welt hat ein so gewundenes Gehirn wie Delfine, berichtete Marino auf der Jahrestagung des amerikanischen Wissenschaftsverbandes AAAS in San Diego.

In der Philosophie wurden schon (oder besser gesagt: noch) vor dreissig Jahren Seminare über die Intelligenz von Delfinen abgehalten, schön zu sehen, das sie heutzutage immer noch aufs Neue bewiesen wird. Vielleicht entdeckt man auch wieder, das die Walgesänge in ihrer Struktur der Komplexität von Opern ähneln … bevor sie ausgestorben sind.

Da suchen wir mit viel Geld nach Intelligenz im Weltall und haben sie möglicherweise gleich nebenan. Ihr Pech – sie verhält sich nicht so, wie wir es erwarten, dabei … würden wir nicht auch gern den ganzen Tag singend in der Badewanne liegen? So fremd ist uns das Lebensgefühl als Delfin doch nicht, oder?

Doch wie würden Christen eine Kultur nennen, die diese Intelligenz (zum Teil gezielt) verfolgt, vernichtet und ihnen die Badewanne so vergiftet, das sie aussterben … sie und viele viele andere Arten, mit denen man sich ursprünglich das Raumschiff Erde teilte? Da ihr Gott ein Gott des Lebens, ja, sogar das Leben selbst ist … eine Kultur des Teufels.

Wenn ihr denn Christen seid, warum betreibt ihr dann eine Kultur des Teufels? – diese Frage müssen sich viele Menschen der Neuzeit gefallen lassen, auch von Menschen, die selbst nicht an den Teufel glauben.  Nun kennen monotheistische Kulturen keinen Teufel, weil es ja eine Art „Gegengott“ wäre und somit ein unzulässiges Element im System. Es sei denn, sie wären Katharer (die „Reinen“), die meinten, es gäbe hier nur den bösen Weltenschöpfer … aber die Kirche hat sie ja zusammen mit den Bogomilen (die ähnlich dachten) ausgerottet, wie wir die Wale und Delfine ausrotten. Aber als jener Versucher, der Christus die Herrschaft über alle Länder der Erde anbot (was dieser dankend ablehnte), muß er irgendwie (wenn auch mit Zähneknirschen, ich weiß) in das System implementiert werden, wenn auch nur als Sinnbild für eine zutiefst lebensfeindliche Kraft, die – verblüffender Weise – bewußt und gezielt erst seit 150 Jahren angebetet wird, seit jener Zeit, da der Satanismus als Religionsform, als Gegenreligion zur Kirche geschaffen wurde (und die Maschinen dem Adel die Herrschaft stahlen).

Hier schließt sich ein seltsamer Kreis, der aus den treibenden unreligiösen  Kräften der Moderne – Naturwissenschaft, Materialismus, Fortschritt, Vernunft – eine in der Theorie lebenszerstörende Religion macht … was ihrer Wirkung in der Welt und der Kultur entspricht.  Aber im Lichte dieses Kreises ist sehr verständlich, warum „Arbeit“ ein heiliger Fetisch und Gottesdienst geworden ist…. und ich denke, es wird viele politische Prediger der Moderne überraschen, das sie eigentlich die Kategorie der Religion nie verlassen haben, obwohl ihre Aufgabe eigentlich die Kategorie der Politik gewesen wäre. Wer aber aus der Kategorie der Politik gegen Esoterik predigt (ein Geschäft, das man bei Linken gerne findet, wodurch sie automatisch nebenbei religiöse Menschen – die absolute Mehrheit – vergraulen und so sicherstellen, das sie für immer und ewig unbedeutende Opposition spielen dürfen trotz der Mehrheitsfähigkeit ihrer politischen Werte) muß wissen, das er nicht mehr in der politischen Welt seine Basis hat, sondern in der Welt der Religionen.  Nur doof, wenn man dann gar keine eigene hat … außer einer vorsichtig geäußerten Vermutung (manchmal mit großem Krach trotzig vorgetragen), das da GAR NICHTS ist.

Es kann sein, das „da gar nichts ist“ – auch wenn die erkenntnistheoretische Sparte der Philosophie uns bei solch absoluten Urteilen zur Vorsicht mahnt – wir sind schlichtweg zu blöde, um solche Urteile zu fällen, mal kurz und knapp gesagt. Aber das „gar nichts“ gehört zum Kreis der denkbaren Möglichkeiten. Wenn da aber gar nicht ist … wenn der Mensch nicht mehr die Krone der Schöpfung ist, ihr verantwortungsvoll und liebevoll  handelnder Hirte (was der jüdischen Vorstellung vom Königstum entspricht, aus deren Vorstellungswelt das Bild entliehen ist), dann gibt es nichts, was einen hindern könnte, mordend, plündernd und brandschatzend durch die Welt zu ziehen, wann immer man Lust dazu hat … und es gibt erst recht keinen Grund, dann vor dem Menschen halt zu machen.

Und schon sind wir – letztlich – bei der Agenda 2010 als Werk des Teufels angelangt, schon kann Genozid neben Fußball zum beliebten Volkssport werden, wenn man sich nur vorher auf eine konkrete Opfergruppe geeinigt hat, ein oft durchlebter gesellschaftliche Prozess, vor dem uns auch „die Vernunft“ nicht schützen kann.

„Vernunft“ als solche zeigt nur Wege auf, sie entwirft an sich keine Ziele. Ich kann ein Kind aus vernünftigen Gründen retten (zum Beispiel weil es mehr Leben vor sich hat als der Erwachsene, den ich nicht gleichzeitig auch noch retten konnte) oder es töten (weil seine Eltern die falsche Religion haben, die falsche Partei wählen oder es selbst zur falschen Bevölkerungsgruppe gehört) – Beides kann sehr vernünftig sein. Ich kann aus vernünftigen Gründen Tiere schützen oder ausrotten, kann für beliebig viele Thesen beliebig viele Antithesen formulieren, die dann beliebig viele Synthesen ermöglichen – mit mehr oder weniger Leichen, wobei es – ja nach Grundüberzeugung, mal vernünftiger ist mehr Leichen zu produzieren (weil weniger Esser übrig bleiben) oder auch mal weniger Leichen (weil sie häßlich sind und stinken).  Aus vernünftigen Gründen kann ich die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte heilig sprechen („nie wieder Ausschwitz!“) oder sie verwerfen („Ist doch unbezahlbar„) – womit wir wieder bei der Agenda 2010 wären.

Aber das ein Teufel böse ist und eine teuflische Kultur der Verbesserung bedarf (und verbessert werden kann) versteht jedes Kind und jeder Mensch – außer den eingefleischten Satanisten, die glauben, das da GAR NICHTS ist und bestrebt sind, auch GAR NICHTS am Leben zu lassen, damit der Satz wieder stimmt – ist auch sehr vernünftig, aus ihrer Perspektive heraus.

Wer übrigens noch Zweifel an dem Zusammenhang zwischen Religion und Kommunismus hat, der gönne sich mal eine Reise in die Eifel zum Geburtshaus von Karl Marx in Trier und schaue sich die Gesichter die Chinesen an, die dort – fast täglich – ihre Andacht verrichten. Laßt noch mal tausend Jahre ins Land gehen, dann gibt es Gebete, Heiligenbildchen und einen Schrein für seine Knochen, heilige Orden und Inquisitoren, die die Reinheit der Lehre wahren, gibt es schon jetzt.

Aber nicht das man mir jetzt auf die Idee kommt, wieder alles schön zu vereinfachen und mit der Fahne „Marx = Satan“ loszuziehen. In Wirklichkeit würde es der Welt schon sehr helfen, wenn niemand mehr mit irgendwelchen Fahnen herumlaufen würde (außer –  zur Not – mit seiner ganz eigenen Privatfahne) . Vielleicht ist gerade das die große Herausforderung der Zeit und der kommende – notwendige – Schritt der Evolution.

Ach ja – Evolution. Wenn wir großes Pech haben … dann stammen wir wirklich vom Affen ab:

Bleibt das Wettrennen zwischen Mensch und Delfin um die höchste Intelligenz zunächst noch unentschieden, steht doch zumindest ein Verlierer schon fest. Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas fallen im Vergleich zu Tümmlern und anderen Delfinen deutlich zurück. Das Affenhirn ist nur doppelt so groß wie das durchschnittliche Hirn von anderen Tieren dieser Größe. Das Hirn der Delfine ist dagegen fünfmal größer, als bei ihrem Körper zu erwarten wäre. Der Mensch besitzt im Vergleich zu Tieren ähnlichen Gewichts sogar die siebenfache Hirngröße. Auch in Bezug auf die Struktur und andere Merkmale des Hirns bleibt den Menschenaffen nach den jüngsten Erkenntnissen vom Delfin nur ein weit abgeschlagener Platz drei.

Aber vielleicht gibt es ja auch eine Verwandschaft zum Delfin … wenn man nur weit genug zurückschaut.

Fanatismus auf dem Vormarsch – Merkel weg!

Fanatismus auf dem Vormarsch … so schreibt „Spiegel-online“ . Der Hintergrund: eine neue Studie.

Jeder Zehnte wünscht sich einen „Führer“, jeder Dritte will Ausländer zurückschicken: Rechtsextreme Ansichten sind einer neuen Studie zufolge tief in der Gesellschaft verwurzelt – in der Wirtschaftskrise bekamen sie noch einmal Auftrieb. Die Intoleranz gegenüber dem Islam ist sogar mehrheitsfähig.

Man könnte fast meinen: es ist wieder soweit. Wir hatten soviele Sicherungen eingebaut, soviele Seminare, Fortbildungen, Unterrichtsstunden abgehalten, damit es NIE WIEDER passiert … und trotzdem scheint es wieder soweit zu sein. Na ja, mit der Weltwirtschaftskrise war es ja genauso, auch da hatten wir ziemlich viele Sicherungen eingebaut, damit dies NIE WIEDER  geschieht, ebensoviele Sicherungen hatten wir eingebaut, damit deutsche Bomben NIE WIEDER ins Ausland geworfen werden und deutsche Soldaten NIE WIEDER im Ausland Zivilisten erschießen.

All das sind aber nur noch Erinnerungen an ein goldenes bundesrepublikanisches Zeitalter, die Berliner Republik ist anders. Ganz anders – das haben jetzt auch die Demonstranten in Stuttgart gemerkt.

„Wir müssen 2010 einen Anstieg von dezidiert antidemokratischen und rassistischen Einstellungen feststellen“, bewerten die Forscher das Ergebnis der Befragung von rund 2500 zufällig ausgewählten Personen.

Schaut man genauer hin, dann weiß man auch, was hier schief läuft:

Die Antworten zeichnen ein düsteres Bild: Mehr als 90 Prozent der Befragten halten es demnach für sinnlos, sich politisch zu engagieren. 39,1 Prozent fühlen sich in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht wohl und sicher. Immerhin liegt die Zustimmung zur Idee der Demokratie in Ost und West bei über 90 Prozent.

Gefragt nach der Demokratie, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik festgeschrieben ist, sinkt die Zustimmung aber auf 73,6 Prozent – und mehr als die Hälfte der Bürger zweifelt an der tatsächlichen demokratischen Praxis: Die Zustimmung zur Demokratie, wie sie in Deutschland funktioniert, beträgt nur 46,1 Prozent.

Man kann doch nicht ernsthaft dem deutschen Volk und dem deutschen Bundestag John Perkins Bekenntnisse eines Economic Hit Man vorlegen und dann noch von ihnen verlangen, das sie an die Sinnhaftigkeit ihres politischen Engagements glauben? Und von diesen Büchern gibt es viele. Auch unabhängig von den Büchern merken normale Durchschnittsmenschen ohne Hotel, das ihre realen Chancen politisch wahrgenommen zu werden gleich Null sind. Sie merken, wie Arbeitgeber und Behörden sie behandeln – wie Abschaum, nicht wie einen Souverän.

Das alle ist bekannt – wie leisten uns einen riesengroßen wissenschaftlichen Apparat, der das untersucht und uns Ratschläge geben könnte, die funktionabler sind als die Ratschläge der Wirtschaftsweisen, aber „Geisteswissenschaft“ ist eine aussterbende Wissenschaft. Geschaffen, um den Krieg aus der Welt zu schaffen dient sie momentan nur noch in jenen Bereichen, wo mehr Gratisleistung aus Mitarbeitern herausgeholt werden kann. Alles andere interessiert nicht mehr, dabei könnten die Ergebnisse sehr hilfreich sein, den aufsteigenden Hass zu besiegen, so steht in der Welt folgender spannender Gedanke:

So lehrt die soziologische Identitätstheorie, dass die wachsende Verbreitung von Kopftüchern, die man bei muslimischen Frauen, auch bei gut ausgebildeten, beobachten kann, ein Zeichen von zunehmender Integration und nicht von zunehmender Desintegration ist. Weil nämlich diese Frauen den Anspruch erheben, trotz Differenzmarkierung teilhabeberechtigt zu sein und gewissermaßen auszutesten, wie man sich anders macht, um gleich werden zu können.

Wie sollte auch gleichförmige Uniformität gelungene Integration beweisen? Sie bewiese … Anpassung, Unterordnung, schlimmstenfalls: Furcht, alles Erscheinungen, die nicht zu einer Demokratie passen. Ebensowenig wie der Ungeist des „Vorurteils“, dessen Renaissance wir gerade wieder erleben, obwohl er doch eigentlich in den siebziger Jahren ausgemerzt sein sollte. Wir erleben wissenschaftliche Rückschritte, die wir hinnehmen, als würden wir dafür bezahlt werden. Deshalb hört sich das hier schon an wie ein Traum aus einem ehedem goldenen Zeitalter:

Es gibt zum Beispiel Kritik aus dem Geist der Inspiration. Dann lautet der kritische Kommentar: Die Welt ist deshalb so schlecht und verdorben, weil die Menschen die spirituelle Dimension verloren haben. Diese Kritik kann man als reaktionär bezeichnen, aber damit hat man ein schnelles Werturteil gefällt, aber nicht gehört, was gesagt wird. Andere kritisieren den Gang der Dinge aus dem Geist der Effizienz: Nichts funktioniert, alles läuft leer. Solche Kritiken sind vermutlich nicht unter einen Hut zu bringen. Aber so ist moderne Gesellschaft. Die Soziologie muss sich dann mit diesen unterschiedlichen Formen der Kritik befassen und darf sie nicht in einem Modell vereinheitlichen, wo vorne der Markt und hinten die Religion ist. Man muss die Leute mit ihren Wahrnehmungen und Kritiken ernst nehmen.

Was könnten wir nicht alles gewinnen – oder hätten alles gewinnen können – wenn wir das Potential der Geisteswissenschaften genutzt hätten. Stattdessen haben wir den Platz den Schreihälsen und Krakeelern überlassen.  Und was haben wir nun davon? Fünfundsechzig Jahre nach Ausschwitz wieder Antisemitismus. Alles Elend dieser Welt wird verschwinden, wenn Israel nur zu existieren aufhört – so könnte man anhand der Intensität, mit der auf diesem Thema herumgeritten wird, meinen. Nicht, das Israels Verhalten das eines Heiligen ist … aber Teufel handeln nun mal wirklich anders. Würden dort keine Juden wohnen, die Kritik wäre … kaum vernehmbar. Schulterzuckend würde man sich wichtigeren Dingen zuneigen, zumal man ja selbst weiß, wie gefährlich „der Moslem“ ist.

Ein weiteres Beispiel für den verblödeten Fanatismus auch sogenannter „aufgeklärter“ Kreise ist das neue Geschrei „Merkel muß weg“. Ich frage mich, auf welchem Planeten man die letzten Jahre verbracht hat, um noch hoffnungsvoll in dieses Horn stoßen zu können? Was genau geschieht denn, wenn Merkel weg ist, was ja laut Spiegel bald sein kann:

Die Lage der schwarz-gelben Koalition wird immer dramatischer: In einer neuen Forsa-Umfrage rutschen Union und FDP auf 33 Prozent – die FDP würde demnach gar nicht mehr in den Bundestag kommen. Ihren Höhenflug fortsetzen können die Grünen, sie sind der Union auf den Fersen.

Aber was genau wird denn geschehen, wenn Merkel weg ist? Können dann SPD und Grüne endlich ungehemmt den Sozialabbau vollenden, den sie 2005 begonnen haben? Dürfen wir dann auch noch mehr Länder bombadieren, marschieren mit in den Iran ein? Streichen wir die AKW´s grün an und umgeben sie mit Froschschutzzäunen, damit die Frösche keinen Krebs bekommen?

Merkel muß weg“ – nur ein weiteres Beispiel für den idiotischen Fanatismus, der sich immer weiter ausbreitet, ein weiteres Zeichen für die geistige Hilflosigkeit, die fehlende gedankliche Disziplin und Struktur in der Gesellschaft, aber klar, ja, wir brauchen vor allen Dingen mehr Naturwissenschaften an den Schulen. Wie Politik funktioniert, braucht keiner mehr zu wissen und wie Menschen funktionieren ist sowieso uninteressant … jedenfalls solange, bis es wieder knallt, bis die Unmenschlichkeit nach Ausschwitz und Kigali wieder neue Rekorde an Bestialität und Brutalität aufstellt und alle wieder sagen: Das konnten wir ja nicht wissen!

Geisteswissenschaften hätten einem sagen können, was diese Meldung von Yahoo für das Volksgemüt bedeutet:

Die Lebkuchen im Supermarkt sprechen eine eindeutige Sprache: In weniger als drei Monaten ist Weihnachten. Das Designteam von Porsche hat sich für die Vorweihnachtszeit etwas ganz Besonderes überlegt: Einen Adventskalender, der mit Überraschungen im Wert von einer Million US-Dollar gefüllt ist.

Soziologisch, historisch und psychologisch geschulte Berater hätten Porsche erzählen können, warum kam gerade zu diesen Zeiten, an denen einer von sieben US-Amerikanern Lebensmittelgutscheine bezieht, nicht ratsam ist, die Dekadenz auf die absolute Spitze zu treiben. So etwas nimmt der besitzende Klasse die ethische Legitimation – kurz gesagt. Neidisch macht der Überfluß auch, erst recht, wenn er ungehemmt öffentlich zur Schau gestellt wird – denn dann wirkt er auch noch demütigend und entwürdigend auf jene, die den Überfluß mit ihrem Hunger möglich machen.

Aber da wir auf solche Berater verzichten … müssen wir mit mehr Fanatismus leben. Nochmal was aus der Studie? Bitte schön:

Erstmals gefragt wurde, ob die Religionsausübung für Muslime in Deutschland erheblich eingeschränkt werden sollte. 58,4 Prozent stimmten dieser Aussage zu, mit dem Grundgesetz ist sie freilich nicht vereinbar. Im Westen mit 53,9 Prozent etwas weniger, im Osten mit 75,7 Prozent deutlich mehr – obwohl dort deutlich weniger Muslime leben.

So was ist kennzeichnend für Wahnsinn und Realitätsferne. Man kennt kaum Muslime, aber das deren Religionsausübung verboten werden muß, das weiß man ganz genau.

Ob wir wohl auch die Muslime mit Macheten ausrotten werden, so wie die Hutu die Tutsi in Ruanda ausrotten wollten? Oder werden wir die Reichen mit den Macheten bearbeiten? Für Historiker eine spannende Frage. Für uns, die wir vor den Ereignissen leben, auch.

Wenn wir den Kurs nicht ändern, wird das eine Katastrophe … hatte man schon 1933 gesagt. Man hatte es in jedem Jahr deutlicher gesagt – und es waren jedes Jahr wenige, die das gesagt haben.  Zu Schluß wußte jeder, was geschah … deshalb blieb der Jubel, der noch den Beginn des Ersten Weltkrieges bestimmt hatte, großflächig aus. Auch der Widerstand gegen den „Mainstream“ wurde immer geringer.

Ist heute ähnlich, oder?

Ob man das noch verhindern kann, weiß ich nicht. Wie und wo sich die durch Ängste aufgebauten Spannungen entladen werden, weiß ich auch nicht, bin nur ein kleiner Eifelphilosoph mit ganz engem eingeschränkten Horizont. Was ich nur sagen kann ist: Spannungen entladen sich. War schon immer so.

Und da Analysen der laufenden Verschwörungen gesellschaftlich tabuisiert werden, werden wieder Unschuldige abgeschlachtet. War … fast immer so.

Innerdeutsche Kontroversen – Zum 20. Juli

(Auszug aus der akademischen Arbeit “Folgen der unterschiedlichen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der DDR und der alten Bundesrepublik: am Beispiel Gedenkstättenpolitik” von André Tautenhahn)

 

Der konservative Widerstand

Im Westen ging es vorrangig um die Aufnahme des konservativen Widerstands in einen freiheitlich patriotischen Grunddiskurs, hinter dem sich die Deutschen stellen konnten und der das Bild eines anderen Deutschlands widerzuspiegeln vermochte. Der Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR wurde deshalb als willkommenes Ereignis begangen – sogar als späterer Bruder des 20. Juli 1944 tituliert.[1] Beide Ereignisse ließen sich so auf der Grundlage des Widerstandes gegen eine totalitäre Diktatur instrumentalisieren und verbinden.

Für den Westen Deutschlands war die Identifikation mit dem Widerstand während des Nationalsozialismus ein Akt der Kompensation in Bezug auf die Last, die von der Kollektivschuldthese ausging. Hierbei wird aber ausschließlich von den Widerstandskämpfern des 20. Juli gesprochen, der Gruppe um den Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Diese hatten versucht an besagtem Datum 1944 Hitler durch ein Attentat zu töten und die Macht in Deutschland zu übernehmen. Die Verschwörer taten das aber nicht, weil sie den Nationalsozialismus per se ablehnten, sondern die Realität einer in die militärische Katastrophe mündenden Kriegsführung erkannten. Des Weiteren fürchteten sie nach dem Staatsstreich innere Unruhen und Aufstände seitens der vielen unter Zwang verpflichteten Fremdarbeiter. Stauffenberg selber wurde erst spät zum Gegner Hitlers. Nach den anfänglichen Kriegserfolgen hatte er durchaus Sympathie für den Diktator übrig. Das änderte sich erst mit dem Überfall auf die Sowjetunion und der dort praktizierten verbrecherischen Kriegsführung. Der staatliche Umsturzversuch mit dem Namen Operation Walküre sollte aber nicht dazu führen, die parlamentarische Demokratie wieder zu errichten. Das lehnten die aus konservativen Kreisen des Bürgertums, Adels und Militärs stammenden Verschwörer kategorisch ab.

Das Attentat im Führerhauptquartier Wolfsschanze bei Rastenburg in Ostpreußen misslang. Daraufhin scheiterten auch die Verschwörung und die Operation Walküre, durch die der Staatsstreich an den Schaltstellen der Macht umgesetzt werden sollte. Noch in der Nacht zum 21. Juli 1944 wurden Stauffenberg und weitere Offiziere auf dem Hof des Berliner Bendlerblocks standrechtlich erschossen.

Der Widerstand war ein politisch motivierter bzw. „eine späte Reaktion auf die sich verschlechternde Lage im „Dritten Reich“.“[2] Das sah man in der jungen Bundesrepublik allerdings anders, und den Widerständlern vom 20. Juli schrieb man eine große geschichtliche Bedeutung zu, obwohl sie in der Bevölkerung lange Zeit als Verräter angesehen wurden. „Was diese Menschen wollten, war die Freiheit und die rechtliche und soziale Ordnung des Lebens. Sie haben es nicht erreicht: aber sie haben die Ehre des deutschen Volkes vor der Welt für immer gerettet.“[3]

Der Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime war jahrzehntelang Gegenstand innerdeutscher Kontroversen. Dabei war weniger die Tatsache der Beseitigung Hitlers durch seine Gegner von herausragender Bedeutung, „sondern mehr der sekundäre Zweck ihres Tuns, ihre programmatischen Vorstellungen für die politischen Verhältnisse im Deutschland nach Hitler.“[4]

Für den Westen Deutschlands war das insofern wichtig, da in der Bevölkerung offensichtlich die Meinung vorherrschte, dass der Nationalsozialismus an sich auch gute Seiten hatte. Wenn man den zahlreichen Umfragen und statistischen Erhebungen der Zeit folgt, werden die fortexistierenden Identifikationen durchaus deutlich. Das Umfrageinstitut Allensbach hatte gezielt versucht, die Stimmung in der Bevölkerung festzuhalten. Die empirischen Erhebungen, die in der Frühphase der Republik getätigt wurden, zeigen, dass die Befindlichkeiten der Bevölkerung gegenüber dem neuen Staat eher skeptischer Natur waren. So hielt sich der Zuspruch zur Gründung eines Weststaates 1949 in Grenzen. Laut Allensbach sprachen sich dafür 51% der Befragten aus.[5] 40% der Befragten war die neue Verfassung gleichgültig, während 33% teilweise ihr Interesse daran bekundeten. Bei der Frage der Machtverteilung votierten 41% für die Position eines starken Präsidenten an der Spitze des Staates, während 23% der Befragten ein eher stärkeres Parlament bevorzugten. Weitere Detailfragen scheinen die These von einem Kontinuitätsfaktor zu untermauern. Eine der bekanntesten Fragen ist die, über das Befinden der Deutschen in den zurückliegenden Perioden der eigenen Geschichte. So benannten 1951 80% der Befragten den Zeitraum der Besatzung von 1945 – 1948 als jenen, in dem es dem Land am schlechtesten ging. Umgekehrt antworteten 45%, dass es in der Kaiserzeit am besten um Deutschland stand; 40% hielten gar das Dritte Reich vor Beginn des Zweiten Weltkrieges für die angenehmere Zeit, während nur 7% die erste deutsche Republik in den Jahren zwischen 1920 und 1933 als positiv empfanden. Ähnlich verhielt es sich bei der Frage zur Staatsform, bei der sich 32% der Befragten 1951 für eine Monarchie mit einem König oder Kaiser an der Spitze aussprachen, wohingegen 36% dies ablehnten. Als größter deutscher Leistungsträger wurde Bismarck mit 35% gewählt, Adolf Hitler kam gar mit 10% der Stimmen auf Platz 3, während der aktuelle Bundeskanzler Konrad Adenauer mit 3% abgeschlagen auf einem der hinteren Ränge rangierte.

Den Eindruck eines zögerlichen Trends, sich vom Nationalsozialismus kritisch zu distanzieren, unterstrichen die Ergebnisse weiterer Umfragen, die bei jüngeren Generationen durchgeführt wurden (Jahrgänge 1929 – 1938). Zwar erklärten 1953 71% aller Befragten, dass man die jetzige Staatsform gegen Angriffe verbal verteidigen würde, 37% aber fänden eine autokratischere Regierungsform angemessener. Demokratie und Pluralismus wurden scheinbar erst langsam als positive Errungenschaften anerkannt, Mitte der 1950er Jahre war man dann davon überzeugt, dass das nationalsozialistische Regime, nicht aber das deutsche Volk, Schuld an der verheerenden Kriegskatastrophe tragen würde.

Form der Wahrnehmungsabwehr

Wenn man aus diesen Ergebnissen bloße ideologische Kontinuität erkennen würde, macht man es sich zu einfach, da die Vorstellung eines Schlussstriches unter die Vergangenheit dem gegenüberstünde. Vielmehr weisen sie darauf hin, dass das Geschehene psychisch noch nicht bewältigt worden ist. Denn der Schlussstrich-Gestus setzt die Bereitschaft zu einem bewussten Vergessen voraus, das der Abwehr von Erinnerungen dient.[6] Und hier liegt im Grunde ein Anknüpfungspunkt, an dem sich die Frage nach den Verhältnissen stellen lässt. Denn mit dem Zusammenbruch des Hitler-Reiches, in dem der kollektive Narzissmus durch die Überhöhung nationaler Eitelkeit gesteigert wurde, musste am Ende auch die kollektive Identifikation zerbrechen. Nach Freud hätte diese Erschütterung zur Panik der Masse führen müssen, was aber nicht geschah.[7] Das bedeutet zum einen, dass die Massenpsychologie bezogen auf die Bedingungen des Nationalsozialismus ihre Grenze erfährt. Zum anderen auch, dass der kollektive Narzissmus fortbesteht und „darauf lauert, repariert zu werden.“[8]

Theodor W. Adorno formuliert die These, dass der Faschismus eben kein psychologisches Problem darstellt, da die Grundlage der Erklärung auf der Ideologie des Faschismus selbst basiert. Der Faschismus beschreibt konkret ein psychologisches Feld, das zum Zwecke wirtschaftlicher und politischer Interessen unterstützt und initialisiert wird. Und diese Interessen entstehen aus ganz unpsychologischen Motiven heraus. D.h., dass spontane Triebe und Instinkte nicht maßgeblich für die Entstehung der faschistischen Masse sind, sondern durch bewussten Gebrauch der Psychologie in ein System der Beherrschung umgewandelt werden. Ziel der Nationalsozialisten war demnach nicht die bloße Agitation bzw. Verführung der Massen, sondern die Kontrolle der Institutionen zu erlangen, mit denen sich auch die Herrschaft über die Massen steuern ließ.[9]

Über die gesamte Dauer der Weimarer Republik ist es den Nationalsozialisten nicht gelungen, eine mehrheitsfähige Masse hinter sich zu versammeln. Im Gegenteil, bei der Wahl zum 7. Reichstag am 6. November 1932 verlor die NSDAP rund zwei Millionen Stimmen gegenüber dem Urnengang vom Juli des gleichen Jahres.[10] Hitler benötigte daher die Institutionen der Republik sowie das Einverständnis, der für die Republik stehenden und handelnden Personen, um sich an die Spitze des politischen Apparates zu stellen und später auch die Kontrolle über den Staat zu übernehmen. Erst die bewusste Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unter der Strategie der Einrahmungspolitik von Papens und später das Ermächtigungsgesetz, durch dass sich die Legislative selbst ausschaltete, ist es möglich geworden, diese Kontrolle über die staatlichen Institutionen unter dem Schein der Legalität zu erhalten.

Die Psychologie der Massen wurde in den Händen Hitlers zu einem bewussten Instrument eines Beherrschungssystems. Dadurch beraubte man sie gleichzeitig ihrer Existenz, und Freud bildete mit seinem Werk quasi den Abschluss der Psychologie. Mit der faschistischen Masse bekommt die Inszenierung größere Bedeutung. Die psychologischen Prozesse bilden nicht mehr den Kern der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Menschen nehmen an dem Theater teil und erreichen auch hier eine Befriedigung ihrer Triebbedürfnisse. Adorno spricht in diesem Zusammenhang von einer ferngesteuerten Regression, die jederzeit erkannt und zerstört werden kann.[11]

Als Folge dieses Prozesses setzt eine Form der Wahrnehmungsabwehr ein, die Adorno als einen Mangel an Affekt gegenüber dem Ernstesten beschreibt.[12]

„Verblendung setzt sich hinweg über das schreiende Missverhältnis zwischen höchst fiktiver Schuld und höchst realer Strafe. Zuweilen werden die Sieger zu Urhebern dessen gemacht, was die Besiegten taten, als sie selber noch obenauf waren, und für die Untaten des Hitler sollen diejenigen verantwortlich sein, die duldeten, dass er die Macht ergriff, und nicht jene, die ihm zujubelten.“[13]

Die unmittelbare Vergangenheit wird verharmlost und unter dem Begriff des Schuldkomplexes als etwas Krankhaftes interpretiert, das weniger mit Schuld denn mit seelischer Belastung zu tun habe. Damit aber, würde die Erinnerung an das Verbrechen zu einer Einbildung zurückgestuft, die schlussendlich zu einem Gegenstand von Therapie werden kann. „Es gehört zum psychologischen Missbrauch der Psychoanalyse, unter der auf therapeutische Zwecke gemünzten Devise »Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten« das nationalsozialistische Verbrechen zu bearbeiten, als ob das Individuum allein Auschwitz als Teil seiner Lebensgeschichte fassen könnte.“[14] Diesem Ausdruck von Ohnmacht dem Geschehenen gegenüber, der die Gefahr des Verlusts des Gedächtnisses in sich birgt, hält Adorno den neuen kategorischen Imperativ entgegen, „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“[15]

Die von Adorno beschriebene Affektsperre und der später von Hannah Arendt formulierte Gefühlsmangel als das „auffälligste äußere Symptom“[16] der Weigerung sich der nationalsozialistischen Vergangenheit zu stellen, findet sich bei den führenden Personen des neuen bundesrepublikanischen Staatsapparates wieder. Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit erfuhr dadurch als Zeichen der Wahrnehmungsabwehr auch gesellschaftlich eine Blockierung.[17]

Folgen des Widerstandsdiskurses

In diesem Zusammenhang wurde die in Westdeutschland der Fünfziger Jahre aufkommende Huldigung des nationalsozialistischen Widerstands um die Verschwörer vom 20. Juli kritisiert und „nur als Randbemerkung zur Geschichte des Nazismus verstanden, weil dieser für den Verlauf des Holocaust keinerlei Relevanz hatte.“[18]

Dies galt für den Westen wie auch den Osten Deutschlands, da beide Systeme den Rückhalt in der Geschichte des deutschen Widerstandes suchten. In der DDR war es aber nicht die Verschwörung vom 20. Juli. Sie wurde nicht als ein Befreiungsversuch von der Tyrannei des Hitler-Regimes interpretiert, sondern dem Wesen nach als eine Fortführung des imperialistischen, antikommunistischen Kurses verstanden.[19] Aber auch die Westalliierten stießen sich an der Gruppe um Stauffenberg, da die Aktion zu spät, erfolglos und von Offizieren durchgeführt wurde, die maßgeblich am Aufstieg des Nationalsozialismus mitgewirkt hatten.[20] In der Bundesrepublik aber sorgte die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen Hitler für die Schaffung eines neuen Politikfeldes, das sich in Form der Geschichtspolitik auf jeweils gegenwartsbestimmte Deutungen verstieg.[21] Dies wiederum fand Eingang in die Gestaltung erster Gedenkstätten auf westdeutschen Boden, die sich mit dem Thema des Widerstandes auseinandersetzten. Unter dem Begriff „Frieden und Freiheit“ wurde die Bedeutung des Widerstandes z.B. im Bendlerblock demonstriert. Dabei sollte aber auch eine Form geistiger Verwandtschaft zum 17. Juni 1953 dokumentiert werden.[22]

Jedoch mussten die Verschwörer vom 20. Juli 1944 vom Stigma des Verrats erst befreit werden, da in der deutschen Öffentlichkeit der Widerspruch zwischen Führereid und Treuebruch als Landesverrat verstanden wurde. Die neonazistische Sozialistische Reichspartei unter ihrem damaligen zweiten Vorsitzenden Otto Ernst Remer hatte öffentlich die Verschwörer vom 20. Juli als vom Ausland bezahlte Landesverräter bezeichnet. Dies nutzte der Braunschweiger Generalstaatsanwalt Fritz Bauer zu einer Anklage wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Dabei ging es Bauer aber weniger um die Person Remer, als um die Chance, dass NS-Regime auch juristisch als Unrechtsstaat zu charakterisieren.[23]

In Bezug auf die Fragen nach Wiedergutmachung rückte der Widerstand in eine besondere Perspektive. Da auch diejenigen, die gegen das NS-Regime Widerstand leisteten, aus politischen, religiösen oder moralischen Gründen, einen Anspruch auf Entschädigung zugesprochen bekamen. Dabei war das Bundesentschädigungsgesetz von 1953 aber einschränkend gegenüber Opfern aus den Reihen des kommunistischen Widerstands.

In der Öffentlichkeit war der kommunistische Widerstand anfänglich kein großes Thema. Eher wurde unter dem Eindruck des 17. Juni 1953 versucht, „die polarisierenden Effekte zu überspielen und diesen Gedenktag für die innere Aussöhnung und Integration zu nutzen.“[24] Insofern zählten aus westdeutscher Sicht Personen und Gruppen aus allen sozialen Schichten zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Ende der nationalsozialistischen Diktatur wuchs auch die öffentliche Erinnerung an den Widerstand, obwohl in der Bevölkerung noch immer der Vorwurf des Landesverrats mitschwang. Vor allem in der neu gegründeten Bundeswehr fanden die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 ihre Würdigung, trotz der sich damit verschärfenden Widersprüchlichkeit innerhalb der militärischen Tradition. Viele Kasernen tragen noch heute die Namen von Mitgliedern der Gruppe um Stauffenberg und dokumentieren somit den politischen Willen, trotz des Bruchs mit der Befehlsgewalt, das gescheiterte Attentat nicht als Betriebsunfall anzusehen, sondern als Bestandteil deutscher Militärgeschichte. Damit wurde ein ambivalentes Bild in der Öffentlichkeit vertreten. Auf der einen Seite wurden die Soldatenopfer geehrt, die im Zuge ihrer Pflichtausübung in der Wehrmacht ihr Leben ließen und zum anderen fanden Gedenkfeiern statt, die den Versuch der Beseitigung der militärischen Führung im Dritten Reich würdigten.[25]

Diese Widersprüchlichkeit zwischen Widerstand einerseits und Gehorsam andererseits führte in der politischen Auseinandersetzung dazu, dass man sich darum stritt, ob das deutsche Volk den Willen zu einer freiheitlichen Demokratie allein aus sich heraus hätte aufbringen können. Gustav Heinemann betonte als Bundespräsident die Tatsache, dass die Ursachen des Nationalsozialismus sehr viel tiefgründiger seien, als es einfache Erklärungsansätze wie Massenarbeitslosigkeit oder Belastungen durch den Versailler Vertrag darstellten. In seiner Rede zum 25. Jahrestag des gescheiterten Hitlerattentats beschönigte der Bundespräsident daher nichts. Der Hitler-Mythos hätte nach dem Zusammenbruch weiter bestanden. „Geblieben wäre eine wütende Anklage, dass die Attentäter uns um den Sieg und um die Herrlichkeit des Großdeutschen Reiches gebracht hätten. [26] Für Heinemann bot auch die eigene persönliche Lebensgeschichte Anlass zu einem selbstkritischen Bekenntnis. „Mich lässt die Frage nicht los, warum ich im Dritten Reich nicht mehr widerstanden habe“[27]

Ganz anders aber das Auftreten des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger, der in seiner Funktion als amtierender Bundesratspräsident 1974 anlässlich des Gedenktages die gesellschaftliche Isolation der Verschwörer ablehnte. Vielmehr stellte er fest, dass das deutsche Volk sehr wohl gegen das Hitler-Regime gewesen sei. Damit wurde die historische Rolle des gescheiterten Attentats Bestandteil kontroverser Geschichtsdebatten, die im Schatten des Politischen stehen.[28]

„Der Historiker selbst, obwohl er sich mit dem Thema wissenschaftlich befasst, übt relativ wenig Einfluss auf den Verlauf der Diskussion aus, weniger als Politiker, Medien oder Lehrer, solange er nicht selbst Teil der politischen Diskussion geworden ist, wie z.B. Ernst Nolte.“[29]

Nach und nach wurde das bei dem öffentlichen Umgang mit dem Widerstand immer deutlicher. Im Westen kam zu der Frage, ob die Deutschen mehrheitlich gegen das oder ohnmächtig für das Hitler-Regime gewesen seien, die Verurteilung des kommunistischen Widerstands im Dritten Reich. Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner verzichtete nach massiver Kritik an seiner kommunistischen Rolle im nationalsozialistischen Deutschland auf eine Teilnahme an der Gedenkfeier zum 35. Jahrestag des Hitler-Attentats 1978. In der politischen Debatte wurde der kommunistische Widerstand im Dritten Reich als Programm einer anderen totalitären Diktatur verstanden und verurteilt. Das führte vor allem dazu, dass sich der politische Streit um die Würdigung des 20. Juli 1944 verschärfte. Waren es doch jene Politiker aus der CDU, die sich im Falle Wehner auf das heftigste zu Wort meldeten, bei der Filbinger Relativierungsrede es aber vorzogen, zu schweigen. [30]

In der Analyse wird erkennbar, dass der Nationalsozialismus und der Widerstand als geschlossenes System verstanden wurden, aus dem heraus, sich die eigene Identität abbilden ließ. Letztlich ging es um die politische und moralische Frage,

„wer der eigentliche Erbe des Nationalsozialismus war: DDR und Bundesrepublik warfen sich gegenseitig vor, die NS-Diktatur fortzuführen – für die DDR lebte der Faschismus in der Bundesrepublik fort, für die Bundesrepublik herrschte der Totalitarismus in der DDR weiter.“[31]

Dabei verlor der Widerstandskomplex an Schärfe. Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik. Der jüdische Widerstand fiel auf beiden Seiten lange Zeit unter den Tisch oder wurde als Sonderthema unter der Rubrik Juden bearbeitet. Damit wurden die Juden wieder zu Objekten gemacht, die sich in dem politischen Diskurs des Kalten Krieges als Gegenstand zweckorientierter Argumentation wieder fanden. Ihnen wurde auf Seiten der DDR erst in den späten achtziger Jahren eine verstärkte Aufmerksamkeit zu Teil, da die Ost-Berliner Staatsführung auf eine höhere Akzeptanz in der westlichen Welt, insbesondere den USA, abzielte. Bis dahin galten die Juden in der DDR als Opfergruppe zweiten Ranges bzw. als Menschen jüdischen Glaubens, deren Leidensgeschichte nicht zum Antifaschismuskonzept der DDR passte.[32]

Dieses Konzept basierte nun auf dem Selbstbild der DDR, der einzige der beiden deutschen Staaten gewesen zu sein, der die richtigen Konsequenzen aus der nationalsozialistischen Katastrophe gezogen hat. „Daher lehnte sie (die DDR, Anm. d. Verf.) auch jegliche Haftungspflichten für die Vergangenheit ab.“[33] Der Antifaschismus galt als einzige unangreifbare Existenzberechtigung der DDR. Die führende Elite gehörte zu den verfolgten Kommunisten in der Weimarer Republik, und sie galten ebenso als politische Gegner des NS-Regimes. Diese Erfahrung projizierten sie auf die neue Gesellschaft der DDR. Das hatte zur Folge, dass diese Art der Verordnung es den Menschen in der DDR ermöglichte, „geschwind auf die Seite des «anderen» Deutschland überzutreten. Diese Bekenntnisideologie bedeutete somit für viele ein attraktives Angebot: Sie entlastete und sprach von individueller Schuld und Verantwortung für den Nationalsozialismus frei.“[34]

Da aber nur wenige Deutsche wirklich Widerstand gegen den Nationalsozialismus leisteten, konnte der von oben verordnete Antifaschismusmantel individuell kaum passen. Die DDR musste deshalb einen anderen Weg der Vermittlung gehen, um im kollektiven Gedächtnis der neuen DDR-Bürger überhaupt einen Zugang zu finden. Dies geschah durch Rituale, Denkmäler, Literatur und bildende Künste.[35] Der antifaschistische Widerstandsgedanke musste demnach auch in den Stätten des NS-Terrors wieder gefunden werden können. Das hatte zur Folge, dass innerhalb dieser Gedenkorte der antifaschistische Widerstand im Sinne eines staatsbegründeten Geschichtsbildes vor den eigentlichen historischen Zusammenhang trat. Die sich daraus entwickelnde „doppelte Vergangenheit“ wurde vor allem in der Erinnerungskultur des seit 1990 vereinten Deutschland zu einem umstrittenen Gegenstand. „Hier (in den Gedenkstätten, Anm. d. Verf.) bündelten sich Streitfragen, die sich aus der widersprüchlichen Geschichte und Funktion der Gedenkstätten ergaben;“[36]

Den Kommunisten fiel es nicht schwer, ihre eigene Leidensgeschichte in den Lagern des NS-Terrors offen zu thematisieren. Gehörten sie doch zu der Gruppe der Gefangenen, die über die längsten Lagererfahrungen im Nationalsozialismus verfügten.[37] Das wiederum hatte aber auch zur Folge, dass, wie oben bereits erwähnt, eine Wirklichkeitsverzerrung im Hinblick auf den wesentlichen Inhalt des Nationalsozialismus einsetzte.

„Die meisten deutschen Kommunisten in den Lagern waren infolge der fehlenden Verbindung mit der Außenweltwirklichkeit auf dem Stand ihres politisch-taktischen Denkens der Zeit vor 1933 stehen geblieben. Sie hatten ihre vom positivistischen Bürgertum ererbten Anschauungen des vergangenen Jahrhunderts, ihre überkommenen Maximen, die sie für Glaubenssätze der früheren Moskauer Generallinien-Anweisungen hielten, und ihr so genanntes dialektisches Schema, das ihnen erlaubte, die eigenen jeweiligen Ansichten und wechselnden Meinungen für das unmittelbare Ergebnis der vermeintlichen Erfordernisse der Wirklichkeit auszugeben.“[38]

Die Lagerstruktur selber und das System der Lager im Gefüge der SS-Wirtschaft wurden auf diese Weise vereinfacht dargestellt. Unter den Bedingungen der DDR konnte somit eine ganz andere Perspektive gegenüber diesen Erinnerungsorten eingenommen werden, die sich darin äußerte, eine Primärstruktur nach innen gerichteter nationalsozialistischer Herrschaftsverhältnisse mit dem Ziel, die Juden zu vernichten, auszublenden.


[1] vgl. die Rede „Das Volk stand hinter ihnen“ des Vorsitzenden des Kuratoriums der „Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944“ Emil Henk am 19. Juli 1953, gehalten im Ehrenhof des Bendlerblocks, in: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Dr. Johannes Tuchel & Ute Stiepani, M.A (Hrsg.), Der 20. Juli 1944 – Erinnerungen an einen historischen Tag – Reden und Gedenkfeiern, abrufbar unter http://www.20-juli-44.de/index1.html (auch als Dokument 1 im Anhang)

[2] Moshe Zimmermann: Die Erinnerung an Nationalsozialismus und Widerstand im Spannungsfeld deutscher Zweistaatlichkeit, in: Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit – Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten. Berlin 1995, S.133

[3] zitiert aus der Rede „Das Volk stand hinter ihnen“ des Vorsitzenden des Kuratoriums der „Stiftung Hilfswerk 20. Juli 1944“ Emil Henk am 19. Juli 1953, gehalten im Ehrenhof des Bendlerblocks, in: Gedenkstätte Deutscher Widerstand Dr. Johannes Tuchel & Ute Stiepani, M.A (Hrsg.), Der 20. Juli 1944 – Erinnerungen an einen historischen Tag – Reden und Gedenkfeiern, abrufbar unter http://www.20-juli-44.de/index1.html (auch als Dokument 1 im Anhang)

[4] Peter Reichel: Politik mit der Erinnerung – Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, Wien 1995, S.296 f.

[5] sämtliche empirische Daten sind zit. nach Arthur Heinrich: 3:2 für Deutschland. Die Gründung der Bundesrepublik im Wankdorf-Stadion zu Bern. Göttingen 2004

[6] Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Rolf Tiedemann (Hrsg.), Gesammelte Schriften, Band 10.2, Frankfurt a.M. 1986, vgl. S.558 f.

[7] In seinem Text Massenpsychologie und Ich-Analyse beschreibt Sigmund Freud unter dem Punkt V. Zwei künstliche Massen: Kirche und Heer den Verlust des Führers als Fanal für die Masse selbst: „Der Verlust des Führers in irgendeinem Sinne, das Irrewerden an ihm, bringt die Panik bei gleich bleibender Gefahr zum Ausbruch; mit der Bindung am den Führer schwinden – in der Regel – auch die gegenseitigen Bindungen der Massenindividuen. Die Masse zerstiebt wie ein Bologneser Fläschchen, dem man die Spitze abgebrochen hat.“ in: Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse – Die Zukunft einer Illusion, Frankfurt a.M. 1993, S.60 f.

[8] Adorno: Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Rolf Tiedemann (Hrsg.), Gesammelte Schriften, Band 10.2, Frankfurt a.M. 1986, S.564

[9] Theodor W. Adorno: Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda, in: Psyche – Z Psychoanal 24 (1970): S.486 – 509

[10] Die Ergebnisse zu den Reichstagswahlen während der Weimarer Republik finden sich in den Jahrbüchern Statistik des Deutschen Reiches des Statistischen Reichsamtes, hier in: Statistisches Reichsamt (Hrsg.): Statistik des Deutschen Reiches, Band 434. Die Wahlen zum Reichstag am 31. Juli 1932 und am 6. November 1932 und am 5. März 1933 (Sechste bis achte Wahlperiode), Berlin 1935

[11] Adorno: Anm.8, ebd.

[12] ebd., vgl. S.555 ff.

[13] ebd., S.557

[14] Detlev Claussen: Grenzen der Aufklärung – Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus, Frankfurt a.M. 2005, S.37

[15] Theodor W. Adorno: Negative Dialektik, in: Rolf Tiedemann (Hrsg.), Gesammelte Schriften, Band 6, Frankfurt a.M. 1986, S.358

[16] Hannah Arendt: Besuch in Deutschland, in: dies: Zur Zeit. Politische Essays, Berlin 1986, S.44

[17] siehe dazu auch Joachim Perels: Die Zerstörung von Erinnerung als Herrschaftstechnik – Adornos Analysen zur Blockierung der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, in: Helmut König, Michael Kohlstruck u. Andreas Wöll (Hrsg.), Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, o.O. 1998, vgl. S.58 ff.

[18] Moshe Zimmermann: Die Erinnerung an Nationalsozialismus und Widerstand im Spannungsfeld deutscher Zweistaatlichkeit, in: Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit – Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten. Berlin 1995, S.133

[19] Peter Reichel: Politik mit der Erinnerung – Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, Wien 1995, S.298

[20] ebd., vgl. S.298 f.

[21] ebd., Der Begriff der Geschichtspolitik wird in Abgrenzung zur Erinnerungskultur von den Politologen Claus Leggewie und Erik Meyer in ihrem Buch „Ein Ort, an dem man gerne geht“ behandelt. Damit wird das bis dahin vernachlässigte Feld der Wirkung politischer Entscheidungsprozesse auf Gedächtnisstrukturen und Erinnerungsleistungen eingehender untersucht.

[22] ebd.

[23] ebd., vgl. S.299

[24] ebd., S.300

[25] ebd., vgl. S.302

[26] zitiert nach Reichel: Anm.19, S.302 & 303

[27] ebd., S.303

[28] Zimmermann: Anm.18, vgl. S.135

[29] ebd.

[30] Reichel: Anm.19, vgl. S.304 f.

[31] Zimmermann: Anm.18, S.135

[32] Vincent von Wroblewsky beschreibt in seinem Buch zwischen Thora und Trabant die staatlich vorgegebene Perspektive auf die Juden. Auch seine Interviewpartner bestätigen den Eindruck einer Tabuisierung des Wortes Jude einerseits und die Gleichmacherei mit anderen Opfergruppen andererseits. Der Autor zitiert sich selbst als er auf einer internationalen Tagung das Wort zum Thema „40 Jahre Juden in der DDR“ ergriff: „Ich habe versucht zu erklären, warum nach dem Krieg die politische Führung im Osten Deutschlands zunächst durch ihren Kampf gegen den Nazismus legitimiert war. Diese Legitimation verlor sie aber zunehmend dadurch, dass keine Demokratisierung der Verhältnisse stattfand, sondern die Trennung zwischen Erziehern und Erzogenen sich verfestigte. Die Tatsache, dass in der obersten Spitze viele aus der älteren Generation ehemalige Antifaschisten waren, wurde auf den gesamten Staat und seine Geschichte ausgedehnt, und das führte dazu, dass in der DDR weder eine wirkliche Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit und erst recht nicht der Verbrechen gegen die Juden stattfand.“ in, ders: Anm.30, S.209

[33] Edgar Wolfrum: Die beiden Deutschland, in: Volkhard Knigge und Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern – Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München 2002, S.142

[34] ebd., S.143

[35] ebd.

[36] Hasko Zimmer: Der Buchenwald-Konflikt – Zum Streit um Geschichte und Erinnerung im Kontext der deutschen Vereinigung, Münster 1999, S.36

[37] Eugen Kogon: Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager, München 1974, vgl. S.330

[38] ebd.

Der Grundkonflikt zwischen Religion und weltlicher Moral

Mit oder ohne Religion können sich gute Menschen anständig verhalten und schlechte Menschen Böses tun; doch damit gute Menschen Böses tun, dafür braucht es Religion.

Steven Weinberg, Physiker und Nobelpreisträger


Eine Religion ist ihrem Selbstverständnis nach im Besitz der absoluten Wahrheit. Diese darf entsprechend nicht angezweifelt, sondern muß geglaubt werden – zumal sie ja das absolut Gute enthält. Ergo ist das Anzweifeln der Religion an sich bereits böse (es wirkt dem Guten entgegen) und muß bekämpft werden. Kritisches Denken ist unzulässig und muß dementsprechend unterbunden werden – vor allem, da die Religion auf Glauben basiert, also auf einem Modell, das man nicht auf Basis einer Wahrscheinlichkeits-kalkulation als wahr annimmt. Das kritische, skeptische Denken ist daher für die Religion äußerst gefährlich, weswegen es ja auch bekämpft wird. Dieses Denken wird aber normalerweise für etwas genutzt, das man als Erkenntnis der Wirklichkeit bezeichnen könnte – die wird also eingeschränkt bzw. als bedrohlich angesehen.

Gotteswahrheit steht über Menschenwahrheit – Glauben steht letzten Endes über Wissen. Entweder darf das Wissen nur eingeschränkt angenommen werden und muß sich der Religion unterordnen, oder es muß unterdrückt werden, und mit ihm selbständiges, kritisches Denken. Da ersteres nie umfassend durchgesetzt werden kann, bleibt nur die zweite Alternative. Wahrheit wird sekundär und ist ebenfalls der Willkür ausgeliefert, genau wie die Moral (s.o.). Dementsprechend wird auch die moralische Selbstbestimmtheit des Menschen, also das Recht, die eigenen moralischen Grundsätze zu definieren, verneint. Das Gewissen des Einzelnen hat nicht autonom zu sein, sondern von der Religion bestimmt.

Das heißt Hierarchie statt Demokratie und Gehorsam statt Verantwortung. Verstärkt wird dies durch die an sich schon hierarchische Ideologie, derzufolge die Götter oder oft ein Gott zur unabänderlichen Herrschafts-instanz gemacht werden. Aus der Geschichte ist bekannt, daß solche autokratischen Strukturen zwangsläufig Unterdrückung, Machtmißbrauch und oft Kriege hervorrufen, dies alles Erscheinungen, die sich nicht nur im Dritten Reich oder im Kommunismus beobachten ließen, sondern die auch aus der Geschichte einer jeden ausreichend mächtigen Religion bekannt sind.

..In der Welt von George Orwells „1984“ haben sich Idelogien den Weg zur Macht erobert, deren Ziel Machterhalt durch das Unglück der Menschen ist. Solche Ideologien existieren aber bereits seit Jahr-tausenden, sie sind Orwells Fantasien nur um die verlockende Belohnung und die drohende Bestrafung im Jenseits voraus. Der große Philosoph und Literatur-Nobelpreisträger Bertrand Russell bezeichnete die Religion als Haupthindernis für den moralischen Fortschritt in der Welt. Ich stimme dem zu…

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