Glück

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Liebe Deinen Nächsten … wie Dich selbst (Video des Monats)

Vollkommen off topic, unpolitisch und sentimental … aber einfach nur, um daran zu erinnern, dass es in unserer Welt auch noch anderes gibt als Gemetzel, Killerdrohnen, Maasmännchen, Hate Speech, Netzwerkdurchsetzungsgesetze, Zwangsimpfungen, Glyphosat-Politiker und Gwup-Horrorclowns:

„Alles für Nichts“ – Auf weihnachtlicher Suche nach dem Return of Investment


Göttin Natura (Foto: Amrei-Marie/Wikimedia/CC BY-SA 3.0)  

Neben der – berechtigten – Empörung über die hundertfältigen Zumutungen, denen wir heute in marktkonformen Zeiten ausgesetzt sind, verlieren wir leicht den Blick für eine fundamentale Tatsache des Lebens, die allen marktwirtschaftlichen Prinzipien widerspricht: Wir sind in dieses Leben getreten, ohne dafür bezahlt zu haben. Ein wundersamer Körper wurde uns zur Verfügung gestellt, in dem wir nicht nur selbst entscheiden dürfen, in welche Richtung wir gehen und was wir essen, sondern auch, was wir denken und sprechen. Als hilfloses, unerfahrenes und auf die eigenen Bedürfnisse beschränktes Lebewesen sind wir auf die Welt kommen und dürfen uns sukzessive zu gestaltungsfähigen, reifen und Anderen helfenden Persönlichkeiten entwickeln. Zur Bewerkstelligung dieses Wunders müssen von Mutter Natur astronomische Summen an liquiden Mitteln aufgewendet werden, die sich nicht einmal EZB-Direktor Mario Draghi vorstellen kann.

Aber nicht nur unsere Geburt war gratis. Jede Nacht erhalten wir aufs Neue ein kostenfreies Geschenk: Auch wenn wir tagsüber Schindluder getrieben und uns verausgabt haben, in der Nacht wird unser geschundenes Nervensystem wieder runderneuert, die Müdigkeit abgestreift wie die alte Haut einer Schlange im Frühling, sodass wir am Morgen erfrischt aufwachen. – Selbst jenen zweibeinigen Zeitgenossen, die den Return-of-Investment-Point weit verfehlt haben, die in ihrem Leben hauptsächlich Kahlfraß hinterlassen und wenig Konstruktives erschaffen, gibt Mutter Natur jede Nacht aufs Neue die Chance, mit frischen Kräften ans Tageswerk zu gehen.

Überhaupt können wir froh sein, dass es eine weibliche Gottheit ist (von unseren Vorfahren als Natura oder Persephone bezeichnet), die auf unserem blauen Planeten mit der Verwaltung der Wachstums- und Regenerationskräfte betraut ist. Ein maskuliner Naturgott hätte uns womöglich bereits genauso plattgewalzt und filetiert wie Schäuble und seine Troika das bankrotte Griechenland. Man stelle sich vor, Mutter Natur würde mit uns nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten verfahren: Sie müsste uns wegen fahrlässiger Krida wohl schon längst den Stecker gezogen haben – hat sie aber nicht, sondern hofft weiterhin unbeirrt, dass sich die menschliche Existenz doch noch durch den Sumpf winden und irgendwann zur Blüte kommen wird: Jener Blüte, in der der Mensch der Erde nicht mehr eine Last ist, sondern diese durch seine Empathie und kreative Gestaltungskraft aktiv bereichert; wo man also nicht mehr Naturschutzreservate einrichten muss, um die Natur vor dem Menschen zu schützen, sondern wo die Natur aufatmen wird, wenn der Mensch sie betritt, da er um sich herum ein Aroma von Empathie, Umsicht und schöner Musik verbreiten wird – eine Vorstellung des Menschen, die in heutiger Zeit progressiver Entmenschlichung und Menschenhass wie reine Häresie erscheint, an der wir aber festhalten sollten, wenn wir denn an eine Zukunft glauben wollen.

Wieso gibt uns Natura diesen gewaltigen Vorschusskredit und dieses Vertrauen, obwohl wir es täglich aufs Neue mit Füßen treten? Kennt jemand sonst noch eine Tankstelle, bei der man am Ende jedes Tages wieder volltanken kann ohne zu bezahlen? – Wobei die Tankstellenbesitzerin jenen, die auf den Mount Everest fahren wollen, genauso ihren Zapfhahn reicht wie jenen, die unbedingt in den Grand Canyon rasen wollen. Auch diejenigen, die den erhaltenen Treibstoff gleich nach dem Aufwachen in eine verrostete Tonne leeren und dort unter schwarzer Rauchwolkenentwicklung sinnlos abfackeln, lässt sie täglich aufs Neue an ihre Brust …

– und da meinen manche aufgeklärten Zeitgenossen wirklich, es gäbe heute keine Wunder mehr?

Nun, zumindest der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld war sich dieses Wunders noch bewusst. In seinem Tagebuch notiert er:

„Wie unbegreiflich groß, was mir geschenkt wurde,
wie nichtig, was ich >>opfere<<.
 

(…) 

Dankbarkeit und Bereitschaft: Du bekamst alles für nichts. Zaudere nicht, wenn gefordert wird, zu geben,
was doch nicht ist für alles.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern des Nachrichtenspiegel, die durchgehalten haben, sich mit den nicht immer leicht verdaulichen Tatsachen des marktkonformen Tagesgeschehens zu konfrontieren, einige geruhsame Weihnachtstage. Lassen wir inmitten von dem, was Naomi Klein als „Schockstrategie“ bezeichnet hat, nicht zu, dass unsere Herzen gelähmt werden wie die Frösche vor einer Schlange, sondern kultivieren wir entgegen aller Tendenz zu Abgebrühtheit und pseudoaufklärerischer „Entmythifizierung“ ganz bewusst auch Momente des Staunens – wer in seinem Leben wieder ein kindliches Staunen entwickeln kann, z.B. über die o.a. Tatsache des Schlafes oder auch über ein Gänseblümchen, die Farben des Firmaments oder ein Gedicht, der wird dadurch ein scheinbar zartes, aber für seine Gesundheit höchst protektives Element kennenlernen, das ihn vor Burnout bewahrt und mit dem er selbst in einer verödeten (Großstadt-)Wüste überleben kann.  

Auch Albert Einstein war mit dem Wert des Staunens zutiefst vertraut: „Der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen (…) Ich denke, wir sollten den Kosmos nicht mit den Augen des Rationalisierungsfachmanns betrachten (…) Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“

Freshfields – ganz oben in der wunderbaren Welt der Schwerkraft


Foto: cc by Parkwaechter

Freshfields Bruckhaus Deringer – noch gut erinnere ich mich an die leuchtenden Augen einiger Mitstudenten, denen es gelungen ist, bei dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ein Trainee-Praktikum zu ergattern. Wer einmal einen Fuß in die Tür jener heiligen Hallen gestellt hatte, der besaß beste Chancen, „es zu schaffen“ – sofern er nur bereit war, hart genug zu arbeiten.

Schon kurze Zeit später leuchteten die Augen oft nicht mehr so hell – die Nächte an den Bildschirmen, die damals noch nicht flach, sondern klobig waren, hinterließen unübersehbare Spuren. Denn Feierabend zu machen war für Neueinsteiger bei Freshfields ein absolutes No-Go. Wer nicht bis tief in die Nächte hinein arbeitete, der fiel auf und wurde schnell als Minderleister ausgesiebt. So erzählte ein Studienkollege, dass er  – nachdem er in der Kanzlei bereits über ein Jahr Alles gegeben und sogar auf Hobbies und Beziehung verzichtet hatte – sich ganze zwei Mal erlaubte, schon um 20.30 Uhr das Büro zu verlassen. Er wagte dies nur mit äußerst schlechtem Gewissen und aus einem nicht aufschiebbaren Grund: seine Großmutter lag im Sterben und er wollte sie im Spital noch sehen. Bereits wenige Tage später musste er zum Rapport zu seinem Abteilungsleiter, der ihm nahelegte, einmal darüber nachzudenken, ob er bei solcher Arbeitsmoral wirklich mit einer Sozietät weiter zusammenarbeiten wolle, in welcher von den Mitarbeitern „Exzellenz“ erwartet werde.

Freshfields nimmt nicht jedes Frischfleisch. Die ehrwürdige Kanzlei kann es sich leisten, nur die besten Humanressourcen für sich arbeiten zu lassen (siehe Website). Neben anderen transatlantischen Schlachtschiffen wie McKinsey und Boston Consulting gilt Freshfields unter Wirtschafts- und Jurastudenten als einer der meistbegehrten Arbeitgeber: Wo sonst hat man schon die Gelegenheit, Airbus bei der Übernahme von Bombardier zu beraten oder der HSH Nordbank bei Verkäufen „notleidender Kredite“ an den Cerberus-Fonds behilflich zu sein. Die in Juristen-Handbüchern als „politisch exzellent vernetzt“ beschriebene Sozietät ist dafür bekannt, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen PR-Agenturen sogar an der „Rechtsgestaltung“ mitwirken könne (als Full-Service-Kanzlei schreibt Freshfields Gesetze für die Bundesregierung, die Merkels transatlantische Flachmannschaft nur noch abnicken muss; wer besonders gut nickt, hat auch gute Chancen, nach seinem Abgang aus dem Bundestag ein lukratives Versorgungspöstchen in der wunderbaren Welt der Schwerkraft zu erhalten).

In einem jüngsten Artikel in der Süddeutschen  wird die Geschäftspraxis von Freshfields in Anlehnung an den militärisch-industriellen Komplex als „juristisch-industrieller Komplex“ bezeichnet, mit dessen fachkundiger Hilfe die Großbanken und Konzerne gezielt Steuerflucht betreiben und so gut wie keine Abgaben bezahlen. Von einem meiner Bekannten, er ist selbst staatlicher Steuerprüfer, weiß ich, dass dies in den meisten Fällen auch gelingt. Er schilderte mir, wie er und seine Kollegen im Falle einer Steuerprüfung in den großen Wirtschaftsberatungskanzleien fast jedesmal übers Ohr gehauen werden, da ihnen deren Spezialistenheer mit seinen verwinkelten Transaktions- und Geschäftskonstrukten  hoffnungslos überlegen und immer eine Nasenlänge voraus sei. Manchmal habe er mitbekommen, wie die Bereichsleiter in den gerade von ihm geprüften Büros die Sektkorken knallen lassen und schallend darüber lachen, dass sie mit ihrer raffinierten Buchhaltung wieder einmal durchgekommen sind und zulasten der Staatskassa Millionenbeträge gespart haben.

Möglicherweise hat es das erfolgsverwöhnte Freshfields nun aber übertrieben. Aktuell wird die renommierte Wirtschaftskanzlei von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt beschuldigt, in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein und z.B. dem Private Banking Institut Maple geholfen zu haben, den Staat um Steuerabgaben in der Höhe von 450 Millionen Euro zu betrügen. Vergangene Woche haben Finanzermittler eine Hausdurchsuchung in jenen marmorvertäfelten und chromstahlblitzenden Tempelhallen durchgeführt, die für Uneingeweihte normalerweise nicht zugänglich sind. Wider Erwarten wurden die Finanzbeamten beim Betreten der heiligen Hallen des Mammon nicht sofort vom Blitz getroffen, wobei, wie man weiß, allzu pflichtbewusste Finanzbeamte ja manchmal erst mit Verzögerung vom Blitz ereilt und kaltgestellt werden (siehe Stern).

450 Millionen Euro … – man ist geneigt, an den Ausspruch von Berthold Brecht aus seiner Dreigroschenoper zu denken: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Manchen mag auch Brechts Ausspruch „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?“ geläufig sein.

Etwas weniger oft erwähnt wird in diesem Zusammenhang meist Brechts dritter Ausspruch, ist er doch reine Häresie wider den Zeitgeist und könnte in Zeiten des marktradikalen Wettbewerbs  zur Zersetzung der Wehrmacht beitragen, die unsere Volkswirtschaft heute so händeringend braucht:

„Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“

siehe dazu auch Steve Cutts Cartoon: „I can’t take this bullshit anymore“

(Ich weiß nicht, ob mein eingangs erwähnter Studienkollege, der sich wegen seiner im Sterben liegenden Großmutter aus der Freshfields-Kanzlei geschlichen hat, noch lebt oder ob er sich bereits „die Seele aus dem Leib gearbeitet“ hat, so wie das eine Diplompsychologin einmal als unvermeidbare Phase bezeichnete, die man am Weg nach oben auf der Karriereleiter der internationalen Konzerne zu absolvieren habe. Ich finde den Link zur entsprechenden Studie nicht mehr, aber das Fazit der Diplompsychologin lautete: Wer diese Phase durchstehe und trotzdem weiterarbeite, der habe die Chance, es bis „ganz nach oben“ zu schaffen.)

Dem Hipster hängt der Zwickel tief – Über Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung (Teil 3)


(Bilder: Jacques Prilleau, Citizen59/CC/BY/SA)

Ich weiß, es gäbe Wichtigeres zu berichten als über die neue Hipster-Kampagne von Mercedes, z.B. dass in den Kellern des Pentagon vor Kurzem ein Treffen der führenden Generäle von US Army, Marine und Air Force  stattgefunden hat. Das allen Ernstes behandelte Thema: die Siegeschancen in einem großen Krieg gegen China und Russland, also in einem Dritten Weltkrieg. Das im Anschluss dem US Senat dargelegte Ergebnis: Die USA werden gewinnen, aber es wird wohl etwas länger dauern und mehr kosten als erwartet (Quelle: New Eastern Outlook). Mit anderen Worten ist der Endsieg also nur eine Frage des Businessplans. Und wenn der Businessplan stimmt bzw. der Erfolg einer Unternehmung in Aussicht steht, hat man jenseits der Atlantikbrücke bekanntlich noch nie lange gezögert, um ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Da es, wie Noam Chomsky angemerkt hat, in den USA in Wirklichkeit nur eine einzige Partei gebe, nämlich die „Partei des Business“, dauert es in der Regel auch nicht allzu lange, bis man sich auf Geschäftsführerebene über Geschäftsfragen handelseins ist.

Aber lassen wir das Thema Armageddon wieder beiseite und widmen wir uns unterhaltsameren Dingen. Wer weiß, möglicherweise finden wir inmitten dieser Unter-Haltung auch die Masche, an der wir ziehen müssen, um die Zwangsjacke, die uns trotz überbordendem Wohlstand kaum noch Atemraum lässt, wieder aufzulösen. Trotz äußerlich unterschiedlicher Attitüde geht es in der Werbebranche ja im Kern ums Gleiche wie in der Rüstungsindustrie: ums Business. Und da Geschäft bekanntlich Geschäft ist, wird da wie dort nicht gekleckert, sondern geklotzt, und zwar auf höchst professionellem Niveau. Schauen wir uns gleich mal ein solches Klotzstück an, wie es jüngst über die Glotze rund um den Erdball geschickt wurde und nun bis in die hinterste afrikanische Buschhütte kulturprägend wirkt (siehe YouTube):

Man sieht, wie ein smarter Hipster am Smartphone mehrmals seine verflossene Freundin frägt, ob sie nicht doch wieder einmal Lust auf ein Treffen habe. Man erfährt nicht, warum die junge Dame alle Angebote des Freiers so unwirsch zurückschlägt, aber vermutlich hat sie keine Lust, sich nochmals auf einen Hedonisten einzulassen, der einfach nur seinen Spaß haben will und der sich auf Tinder sofort nach einer anderen Katze umsieht, sobald seine Partnerin einmal krank wird oder in eine Krise kommt (siehe feinschwarz: „Pizza-Sex“). Wenn man sich schon einen Mercedes-Roadster leistet, dann will man ihn ja nicht in der Garage stehen lassen, sondern schon ein paar Spritztouren machen. Wozu ackert man denn sonst hart in einer Wirtschaftskratzlei, deren Geschäftsmodell man eigentlich hasst, wenn man sich nach Feierabend sonst nichts gönnt?

Und obwohl die verflossene Dame sonst nichts mehr für ihren Ex-Lover übrig hat, so gibt sie ihm immerhin noch einen eindringlichen Rat mit auf den Weg: „Schau, dass du dein Leben voranbringst!“ – Womit wir wieder beim zentralen Imperativ „work hard“ sind (siehe dazu auch Carmen Loosmanns Doku „Work Hard,Play Hard“).

Sein Leben voranbringen … frägt sich nur, in welche Richtung? Helmut Qualtingers „Wilder auf seiner Maschin‘“ fällt mir ein, der auf die Frage, wohin er denn fahre, im Vorbeirasen antwortet: „Waaß i ned, aber dafür bin i g‘schwinder durt!“

Sein Leben voranbringen … wie auch Mercedes Vizepräsident den Inhalt der neuen Werbekampagne chrakterisierte: als „progressiv, dynamisch…“ – Ja, Hauptsache progressiv und dynamisch. Die Frage, wo uns diese Progression und Dynamik hinführt (siehe auch „Auf dem Weg zur digitalen Transformation und zum Final Handshake“), werden wir schon sehen und ist für trendige Nerds, die voll von der Gegenwart okkupiert sind, eher nebensächlich. Busy going nowhere, wie es der Vollzeitpartylöwe Hubertus von Hohenlohe schon formulierte, der inzwischen selbst meint, dass wir „in einer Welt von Schein, Rauch, Elektronik und Showbusiness leben“ und den Verlust des Kontakts zu den „Grundelementen der Natur und des Lebens“ beklagt (Quelle: kurier).

In besagtem Werbespot bekommt man schließlich unter melodramatischer Musikuntermalung zu sehen, wie der verschmähte Hipster während eines Radrennes  stürzt und sich am Asphalt blutig schrammt. Mit letzter Kraft kann er sich gerade noch zu seinem Mercedes schleppen, an dem er sich dann auf den Boden gesunken anlehnt. – Wie gut, dass es zumindest einen Blechfreund gibt, der in einem existenziell erschütterten und eigentlich bodenlosen Leben einen stabilen Faktor abgibt … wo der Hipster dann seine Wunden lecken und sich wieder sammeln kann. Abends soll er ja wieder fit for fun sein, und am nächsten Morgen will der Chef Leistung und neue Kaltaquisen sehen. Wie Microsoft jüngst verkündete, wird im neuen Microsoft Office eine künstliche Intelligenz namens „Workplace Analytics“ in Zukunft akribisch analysieren, mit welcher Effizienz ein Büroangestellter E-Mails schreibt und Verkäufe abschließt. Als Messlatte setzt die künstliche Intelligenz dabei eine Verhaltensanalyse der erfolgreichsten Verkäufer in der Vertriebsabteilung an (Quelle: Telepolis). Wenn der von seiner Wochenend-Spritztour heimgekehrte Mercedes-Hipster bei diesem Leistungsmaßstab nicht mithalten kann, dann wird er schnell auch die Leasingraten nicht mehr berappen können und die Bank zieht sein Luxusspielzeug wieder ein. Damit ihm also nicht auch noch die letzte Stütze genommen wird, an die er sich bisher anlehnen konnte, wird der Hipster im Hamsterrad vermutlich alles geben. Sonst stünde er ja buchstäblich vor dem Nichts …

Das wirft wieder einmal eine unverschämt ketzerische und naive Frage auf, die einem im mammonitischen Zeitalter auch umgehend den Kopf kosten kann, wenn man sie öffentlich stellt: Aber ist es ein solch lackiertes Blechhutschpferd überhaupt wert, dass man deswegen als junger Mensch „Alles“ dafür gibt und sein Leben verheizt? Wenn man am Ende seines Lebens zurückblicken muss, so wie der in Steve Cutts Video am Dach seiner Wirtschaftskratzlei auf einer Banane ausrutschende Bürohengst (siehe YouTube), dann wird einem womöglich angst und bange werden angesichts der verronnenen Lebenszeit. Denn Lebenszeit hat im Gegensatz zu Geld eine besonders vertrackte Eigenschaft: Einmal verloren, kehrt sie nie wieder zurück. Verlorenes Geld kann man wieder verdienen, verlorene Lebenszeit ist hingegen einfach futsch.

Aber lassen wir solche ketzerischen Gedanken wieder, sie zersetzen nur die Wehrmacht, die unsere Volkswirtschaft in Zeiten des marktradikalen Wettbewerbs dringend braucht. Kehren wir stattdessen zurück in die nackte Realität. Wie schnell jedenfalls Mercedes-Karossen sogar in betuchten Wohngegenden abbrennen können, durfte man ja am diesjährigen G20-Gipfel in Hamburg beobachten (auch wenn sich die Wut der schwarzvermummten Gestalten dort seltsamerweise eher auf mickrige Kleinwägen gerichtet hat, aber das ist ein anderes Thema … zumindest bei den Unruhen in Paris – siehe  Foto unten – hat sich die Demonstrantenwut noch auf die Luxuswägen der Upperclass gerichtet).


Mercedes E350 – abgebrannt  (Foto: CC/BY/SA/Citizen59)

Aber sind diese Tagesschaubilder überhaupt echt oder nur Fake? Das kann doch nicht sein, dass dermaßen glitzernde, titanisch unbesiegbar wirkende Stahlharnische samt ihren edlen, mokkafarbenen Kunstlederbezügen, den elektrischen Nackenstützen, der Klimatronic und dem WiFi-SubWoofer-System in wenigen Augenblicken zu einem übel stinkenden Gummiklumpen zusammenschmoren, den man dann als Sondermüll entsorgen muss. Stolze Besitzer, die da keine Vollkaskoversicherung samt Terrorismus-Paket abgeschlossen haben, werden also bis zum nächsten Workaholics Day noch härter arbeiten müssen.

Wenn dem Hipster, dem seine Freundin durchgebrannt ist, nun auch seine letzte Stütze abbrennt und er sich nicht einmal mehr an seinem vierrädrigen Freund anlehnen kann, dann frägt man sich schon, auf was denn ein junger Mensch heute überhaupt noch bauen kann.

Eigentlich kein Wunder, dass angesichts solcher Bodenlosigkeit immer mehr Hipster in eine Virtual Reality Cloud emigrieren …

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zum Weiterlesen:

„Grow up“- Teil 1: Jetzt weiß ich endlich, was ein Hipster ist

„Grow up“- Teil 2: MamaPapaBaby Hipster

Endzeit-Poesie 4.0: Die Entscheidung – Das Mingle-Dasein von Generation Tinder

MamaPapaBaby Hipster – Über Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung (Teil 2)

Bild li.: „Dem Hipster hängt der Zwickel tief“ (cc by Jacques Prilleau) / Bild re.: „Next exit to illusion“ (cc by Parkwaechter)

„Radikal anders: Die Kampagne „Grow up“ der Berliner Agentur Antoni für die Kompaktwagenfamilien von Mercedes-Benz zeigt eine völlig neue Tonalität: Menschlich, spontan, jung.“ (Quelle: wuv.de)

Spontan, jung, radikal anders … sogar menschlich – na wer hätte sowas vermutet? Wer bisher gedacht hat, dass in einem Mercedes nur fossile ältere Herren mit braunkariertem Tschako-Hut sitzen, mit dickem Aktien-Portfolio und Dackel auf der Rückbank, der wird durch die neue „Grow up“-Kampagne eines Besseren belehrt.

In der Tat sind die neuen Mercedes-Werbespots radikal anders. Ein erster Klick führt mich zu einer Offroad-Sequenz in eine US Wüste (siehe YouTube), wo sich ein junger, spontaner Mann mit seiner jungen, spontanen Frau über ihr offensichtlich ebenfalls in einem Anflug von Spontanität gezeugtes Kind namens „Izzy“ in die Haare kommen. Nachdem Izzys zweiter Socken verschwunden ist, reißen dem jungen Paar die Nerven. Die Frau geifert mit einem zu allem bereiten, hasserfüllten Gesichtsausruck um sich, bei dem jedem Mann Angst und Bange werden kann, während der Mann seiner Frau vorwirft, eine Schlampe zu sein. – Alltagsszenen aus dem Leben eines Pärchens von nebenan, das dort angekommen ist, wo es von Schule und Medien hindressiert wurde: am Boden der nackten Realität und des Pragmatismus.  Der Zornesausbruch der Frau wird schließlich mit dem Vorwurf ihres Mannes: „Du schläfst mit vielen anderen Männern“ jäh zum Verstummen gebracht. Nach dieser Aussage und dem darauffolgenden Schweigen im Walde ist klar, dass die Frau zumindest noch einen sexuellen Marktwert besitzt und deshalb vermutlich nicht sofort zum Alteisen geworfen wird.

In einer Zeit, in der man sich nicht sicher sein kann, was fake und was echt ist, dachte ich zunächst, mit diesem Video will jemand die Mercedes-Werbung satirisch auf die Schaufel nehmen und zeigen, dass Luxus-Produkte unglücklich machen und zu Streit führen. Wie auch immer, in einer informellen Erklärung zur neuen Mercedes-Kampagne erfuhr ich schließlich, dass hierbei junge Leute im Spannungsfeld ihres hedonistischen Lebensstils und „selbstverständlichem Luxus“ gezeigt werden sollen. Was man in den „Grow up“ (übersetzt: „Erwachsenwerden“) – Spots zu sehen bekommt, ist also nichts anderes als eine Visualisierung von dem, was Neil Postman als „adult-childs“ bezeichnet und was auch der Psychologe Götz Eisenberg beschrieben hat. In seinem Buch „Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ sieht Eisenberg zwischen heutigen Erwachsenen und Säuglingen nur noch graduelle Unterschiede:

„Die Konsumgesellschaft bringt einen gefräßigen, ungeduldigen, auf seinen Spaß bedachten ewigen Säugling hervor, der sich genüsslich die Flasche geben lässt und für den die kleinste Verzichtsleistung zur Quelle eines tiefen Unbehagens oder einer immensen Wut werden kann.“

Wen wundert es da, dass das junge Pärchen, das selbst noch am Konsumschnuller nuckeln und „einfach nur Spaß haben“ will, mit hoffnungsloser Überforderung reagiert, wenn nun ein Kind da ist, das Bedürfnisse nach Empathie und Fürsorge anmeldet? Immerhin gibt es aber im hedonistischen Scherbenhaufen des jungen, spontanen Paares eine stabile Konstante: den Mercedes-Familienwagen, in dessen blitzblank geputztem Interieur indes das gemeinsam gezeugte Kind wartet, bis das emotionale Blitzgewitter vorbei ist.

Obwohl der Werbespot in mir bisher noch keine spürbare Resonanz, geschweige denn einen Kaufimpuls erweckt hat, so steigt beim Anblick von Izzy dann doch eine gewisse Traurigkeit auf. Das arme Kind, das – wie so viele Kinder heute – in einer menschlich verödeten und neoliberal vergletscherten Kinderstube aufwachsen muss, tut mir leid. Es wird wohl demnächst mit einem Tablet und einem Smartphone der neuesten Generation versorgt und kaltgestellt werden. „Digitale Kindesaussetzung“ nennt Götz Eisenberg dieses Schicksal, für das es im Strafgesetzbuch noch keinen Tatbestand gibt.

Auch am Namen bleibe ich hängen. Warum nennen die Eltern ihr Kind „Izzy“? Das mag jetzt subjektiv sein, aber für mich klingt dieser Name eher nach einem Ding als nach einem Buben oder einem Mädchen. Spontane Assoziationen mit Iggy Pop oder einer Pop-Art Skulptur von Jeff Koons tauchen auf. Also ich persönlich würde den Namen „Izzy“ allenfalls einem kleinen Drachen verpassen, aber nicht einem Kind, das ich liebe. Einen Mausklick weiter klärt sich das Rätsel für mich bereits auf. – Ein weiterer „Grow up“-Spot mit Untertitel  „Sei du selbst“ zeigt die zum Heldenepos stilisierte Lebensgeschichte des Transgender-Models Benjamin Melzer (siehe YouTube), der als Frau großgeworden, dann aber zur Überzeugung gekommen ist, dass er doch eher ein Mann sei und im falschen Körper stecke. Dank der Möglichkeiten von Pharma und Medizin 4.0 wurde dieses Problem nun behoben. In einer Vielzahl an Operationen wurde der ehemaligen Frau sogar ein männliches Gemächt aufgebaut, das durch eine im Hodensack integrierte Pumpe erigierbar und per Auslassventil wieder erschlaffbar ist. Mit funkelndem Jack Wolfskin-Blick berichtet der sportliche Melzer unter abendlichem Neon-Straßenlicht, dass er nun in seinem Leben „angekommen“ sei. Die medizinische Tortur war indes nicht umsonst – die Lifestyle-Männerzeitschrift „Men`s Health“ hat ihn bereits unter Vertrag genommen und ihn als erstes Transgender-Model auf der Titelseite posieren lassen (siehe Stern). Seit dieser Erfolgsstory kokettieren nicht nur Melzers 100.000 Twitter-Follower mit dem Gedanken, ob das Leben im Körper des anderen Geschlechts womöglich doch mehr Spaß macht als im von der Natur angeborenen Vehikel. Ein Instagram-Nutzer postet: „Du bist meine Inspiration. Ich hoffe, dass ich eines Tages wie du sein werde.“

Die Eltern von Izzy wollen ihrem Kind diesbezüglich scheinbar alle Möglichkeiten offen lassen und gaben ihm wohlweislich einen politisch korrekten Namen. Mit dem neutra-artigen „Izzy“ kann das Kind später einmal nahtlos von einem Geschlecht zum anderen switchen, ohne dass sich seine Freunde oder die Firmenkollegen an einen neuen Vornamen gewöhnen müssen so wie bei Yvonne Melzer, die plötzlich als Benjamin Ryan figurierte.

Wie auch immer, ich will das triste (Großstadt-)Wüsten-Drama und das Transgender-Epos hinter mir lassen und klicke weiter. Und siehe da: Im nächsten „Grow up“-Video geht es schon etwas lustiger zu. Während Dirk C. Fleck angesichts des drohenden ökologischen Kollaps und allgemeinmenschlichen Abgrundes, an dem wir heute stehen, bei seiner bekannt gewordenen G7-Rede vor Betroffenheit fast die Stimme versagt (siehe YouTube), beweist die „Grow up“-Kampagne, dass man nicht so zimperlich sein muss, sondern stattdessen einfach abhängen und seinen Spaß haben kann:

https://www.facebook.com/mercedesbenzdeutschland/videos/10213653093112731/

Angesichts eines solch umwerfend professionellen Werbespots, der das junge, spontane Lebensgefühl von Generation 4.0 widerspiegelt, wird es wohl niemand als sexistisch empfinden, wenn zwischen den Auto- und Spaßsequenzen ein Mann auf Hüfthöhe einer danebenstehenden Frau einen Benzinzapfhahn in die Tanköffnung eines Autos einführt und gleich darauffolgend der Hahn eines abtropfenden Kaffeeautomaten eingeblendet wird, aus dem sich eine cremige Melange ergießt (siehe Minute 0:18).

Jedenfalls kann man sich lebhaft vorstellen, wie die Werbefritzen abends in der Kantine gelacht haben müssen – über die „subliminals“, die sie hier in professioneller Manier in die Werbebotschaft hineingemogelt haben und die das beworbene Blechprodukt genau mit dem verquicken, was beim Endkunden hängen bleibt: elementare Triebe und Emotionen. Indem man also den Hypothalamus direkt mit dem Impetus der Zehennägel verknüpft, kann man das normale menschliche Denken und Fühlen bzw. den Herzbereich des Menschen umgehen und trotzdem eine maximal nachhaltige Prägung erzielen. Auf diese Weise bleiben die Werbungsinhalte sogar bei schweren ADHS-Patienten und Smombies hängen. Und das ist heute eine wirklich respektable Leistung.

Der Spot wartet überdies mit perfekt emotionsheischendem Sounddesign mit lasziver Musikuntermalung auf, die einem karriereaffinen Hipster bei Sonnenuntergangsstimmung noch den letzten Kick geben, um einen ungesicherten Bungeejump in den Grand Canyon zu wagen. In einer dunklen Schlucht, aus der solch betörende Musik heraufschallt, befindet sich bestimmt ein Paradies, wo auf den, den es beim Aufprall zerbröselt, ein futuristisches Freiluftbordell wartet, in dem am gut beschatteten Firmament schokoglasierte Schweine kreisen und sich freiwillig zu leckeren Schnitzeln filetieren, sobald der Hipster einmal kurz übers Matschphone wischt und ein paar Bitcoins abbucht.

Das wäre ja auch gelacht, wenn sich der Werbeaufwand nicht rechnet – wenn ein gutbezahltes und mit allem nur erdenklichen technischen Equipment ausgestattetes Team an Profis mehrere Wochen lang an endlosem Videomaterial arbeitet, aus dem man dann die paar glücksstrahlendsten Momente aus den Gesichtern der oftmals depressiven und tablettensüchtigen Schauspieler herausschneidet und zu einem kurzen Spot an Emotionen kondensiert, bei dem ein waschechter Hipster Gänsehaut am Rücken bekommt und mit offenem Mund nur noch vier Worte stammeln kann: „Ich auch will habähn …!“

Jedenfalls muss man den Grad an Perfektion, den Werbung heute erreicht hat, richtiggehend bewundern. Wie hier auf glänzende Weise als Lebensideal vorgegaukelt wird, was eigentlich vollkommener Nihilismus und Grausamkeit ist und jeden, der dem folgt, unweigerlich in die Depression führen wird, ist einfach phänomenal.

Damit jetzt niemand glaubt, ich behaupte, dass die Marketingfritzen von Antoni & Co. gezielt an der Gehirnerweichung einer ganzen Generation arbeiten. Das wäre ja eine Verschwörungstheorie und geht daher gar nicht. Nein, ich halte mich da lieber ganz orthodox an die wissenschaftlich anerkannte Theorie der „invisible hand of the market“ – der unsichtbaren Hand des Marktes, die dafür sorgt, dass jeder Mensch, der keine eigenständigen Lebensideale formuliert, ganz automatisch dazu geführt wird, genau das zu machen, was der Markt bzw. der Zeitgeist fordert (von Noam Chomsky bezeichnet als „notwendige Illusionen und Lügen“, mithilfe derer die Bevölkerung „unterhalten“ und „zu apathischen, autoritätsgläubigen, kaufsüchtigen wie desinteressierten Konsumidioten formiert wird“).

So raffiniert diese Chomsky’sche Unter-Haltung auch ist, sie kann in Wirklichkeit nur bei jenen Menschen greifen, die lediglich die Aussprüche von Dieter Bohlen und Sido kennen, aber die noch nie eine Zeile von Sokrates oder Aristoteles gelesen haben, z.B. dessen Wahlspruch, mit dem er lächelnd über die Märkte flaniert ist:

„Was es alles gibt, was ich nicht brauche …“

Mit dieser Prise Sokrates wären sie immun gegen Lifestyle-Werbekampagnen, die Chomsky als „notwendige Illusionen bzw. Lügen“ charakterisiert. Die kommerziellen Hochseefischer würden schimpfen und fluchen, aber solche Menschen würden ihnen trotz millionenschwerem Jagdbudget, HiTech-Radar und raffiniertester Fangmaschinerie einfach nicht mehr ins Netz gehen.

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zum Weiterlesen:

„Grow up“- Teil 1: Jetzt weiß ich endlich, was ein Hipster ist

„Grow up“- Teil 2: MamaPapaBaby Hipster

„Grow up“- Teil 3: Dem Hipster hängt der Zwickel tief

Endzeit-Poesie 4.0: Die Entscheidung – Das Mingle-Dasein von Generation Tinder

Jetzt weiß ich endlich, was ein Hipster ist – Über Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung (Teil 1)

dem hipster
hängt
der zwickel
tief
irgendwas
mit medien.
echt.
(j. l. prilleau)

Vor Kurzem hat mir ein Spenglermeister, eigentlich ein sehr beherrschter und gutmütiger Mann, erzählt, dass ihm gerade die Nerven gerissen seien und er einem seiner Lehrlinge eine heftige Ohrfeige gegeben habe. Der Grund dafür war, dass er es einfach nicht mehr fassen könne, wie die jungen Leute nur noch auf ihren Smartphones herumwischen, selbst die einfachsten Dinge quasi über Nacht vergessen und er ihnen die elementarsten Handgriffe jeden Tag aufs Neue erklären muss.

Wie soll man also in solcher Situation allgemeiner Gehirnerweichung jungen Leuten, die sich nichts mehr merken, trotzdem die Botschaft einprägen, dass sie „Dinge kaufen sollen, die sie nicht brauchen … um Geld, das sie nicht haben … um Menschen zu imponieren, die sie nicht mögen“ (R. D. Precht)?

Nun, ich versichere Ihnen – das geht! Selbst in Zeiten von Prekariat und Working Poor ist es möglich, eine ganze Generation auf Linie zu bringen, wenn man mit einem mehrstelligen Millionenbudget die hochkarätigsten Experten aus den Bereichen Marketing, Psychologie, Regie, Show, Product Placement, Sounddesign und Industrial Light&Magic zusammenspannt – dann schaffen wir das! Ein Musterbeispiel dafür ist die neue Mercedes-Kampagne „Grow up“, mit der aktuell alle Informationskanäle geflutet werden. Der Marketingchef von Mercedes-Benz spricht von einer „unkonventionellen Kampagne, die sich in ihrer digitalen Ausrichtung und ihrer Content-Mechanik nicht sofort wie Werbung anfühlt“. Mit mehr als 100 „Bewegtbildsequenzen“ und über 90 „Lifestyle- und Produktbildern“ soll bis Ende des Jahres „eine junge Generation im Spannungsfeld des Erwachsenwerdens“ dargestellt und damit „permanente Visibilität und Aufmerksamkeit“ generiert werden.

Werbeprofis sprechen von einem genialen Schachzug und evolutionären Schritt in der Profession des Product Placements: Luxusfahrzeuge werden nicht mehr plump direkt beworben, sondern „beiläufig eingeflochten“ und als „unverzichtbarer Luxus“ im Leben junger Hipster dargestellt, während sich der hauptsächliche Inhalt der Filmsequenzen eigentlich auf die hedonistischen Lebensgefühle einer konsumorientierten Generation Doof bezieht, wie sie der neoliberale Konzern gerne in seinem Bilderbuch stehen hätte. Marketing-Experte Matthias Meusel (Grey Berlin) zur neuen Kampagne: „Mercedes-Benz ist eben nicht nur der Begleiter in allen schönen und schwierigen Lebenslagen, sondern steht für den neuen Alltags-Luxus, für den mobilen Hedonismus der jungen Generation (…) daher ist die Kampagne aktuell eher nur als Hipster-Lifestyle-Content zu sehen.“ Auch sein Kollege Michael Reidel titelt: „Mercedes, jetzt auch für Hipster“.

Gehen wir aber gleich in medias res und tauchen wir für eine Minute in den Original-Trailer von „Grow up“ ein. Die Marketing-Experten der für die Kampagne verantwortlichen Agentur Antoni wissen, dass man in einer knappen Minute keine Zeit verlieren darf und kommen ohne Umschweife zur Sache. Die Lehranweisung beginnt mit der Erklärung: „Wenn du älter wirst, zählen im Leben ein paar einfache Regeln: …“

Dazu folgt eingangs gleich der kardinale Imperativ: „WORK HARD!“ – kombiniert mit Lifestyle-Aufnahmen aus dem Rotlicht-Milieu. Die Botschaft ist klar: Wenn du hart arbeitest, kannst du abends auch „Spaß“ haben. Die GoGo-Girl-Puff-Szenen gehen dann allerdings gleich über in die Aufforderungen „Achte auf deine Manieren!“ und „ZEIGE RESPEKT!“ (ein Chef wird eingeblendet) – der Hipster soll ja nicht auf die Idee kommen, „einfach nur“ Spaß zu haben und im rat race nichts zu leisten. Schließlich das unvermeidliche: „Get a job!“ und der beiläufige Ratschlag, sich richtig anzuziehen. Die Regisseure beweisen auch Sinn für Sarkasmus, indem sie beim Sujet „Get a real job“ ausgerechnet den ehemaligen Crack-Dealer und Rapper ASAP Rocky einblenden, wie sich dieser auf einer Mercedes-Motorhaube trollt und dabei müde die Augen darüber verdreht, wann denn diese tödlich langweiligen Dreharbeiten am Set endlich vorbei sind, bei denen er unter Scheinwerferlicht und Regieanweisungen stundenlang immerzu die gleichen nichtssagenden Posen wiederholen muss, nur damit die Filmproduktion Iconoclast unter Nachbearbeitung der Berliner nhb Studios und des digitalen Kampagenhubs der Pixelpark AG daraus dann die coolsten fünf Sekunden herausschneiden und für ihre Zwecke verwerten können (siehe wuv). Der Rap-Rocky wurde von Mercedes gleich für mehrere Videos der „Grow up“-Kampagne unter Vertrag genommen – ist er doch der lebende Beweis dafür, dass man es selbst als Underdog aus der Bronx zum Millionär bringen kann, wenn man nur bereit ist, „ein paar einfache Regeln“ zu befolgen.

Zurück aber zum „Grow up“-Video: Neben einigen gänsehauterzeugenden Lifestyle-Sujets betreffend Familiengründung, Sport und Hedonismus im „beat of your own drum“, die dem jungen, leistungsbereiten Hipster flüssig die Gurgel runtergluckern wie ein aspartamgesüßter Energydrink, dann wiederum der Chef in Großaufnahme mit der finalen, akzentuiert gesprochenen Endbotschaft: „LISTEN TO ADIVCE“ („Hör auf das, was man dir sagt!“). Wer bereit ist, dieser Anweisung des dicken Chefs zu folgen und für sein Profitbordell … – pardon, ich meine natürlich: für seine renommierte Wirtschaftskanzlei im Hamsterrad zu laufen, dem werden in einer auf das „LISTEN TO ADIVCE“ folgenden Bildersequenz auch gleich diejenigen Genüsse gezeigt, an denen der karriereaffine Hipster dann lecken darf – vorausgesetzt natürlich, er arbeitet „hart genug“: hedonistische Strand-Surf-Luxus-Katzen-Headbang-Asphaltcowboy-Szenen, untermalt mit laszivem hyper-emotional Sound, rauschen wie überschäumender Sekt in die Augen und offenen Münder der Zuseher.

Wer während des Videoclips nicht alle paar Sekunden die Pause-Taste drückt, um die rauschende Bilderflut bewusst zu verarbeiten, der bemerkt wohl kaum die Kröten, die er mitsamt diesem sprudelnden Sekt schluckt. Die Chancen, dass ein junger Mensch, der sich diesen Spot reinzieht, die darin verpackten Botschaften auch angemessen verarbeiten kann, divergieren statistisch gesehen vermutlich gegen Null. Da wundert es einen nicht länger, dass heute bei Friedensdemonstrationen trotz eskalierender globaler Situation weitgehende Flaute herrscht und aufgeklärte GWUP-Skeptiker auf ihren Science Blogs über den mickrigen Rest der Friedensbewegung, die sich zuletzt beim Pax Terra Festival neu formieren wollte (siehe Rubikon), nur höhnisch lachen können. Ihrer messerscharfen Analyse zufolge sind es nur „Querfrontler“ und Fortschrittsverweigerer, die sich dort herumtreiben – wer hingegen den Fortschritt auf seiner Seite hat, der surft heute lieber mit vollem Rückenwind der herrschenden „Wissenschaften“ auf der Welle des neoliberalen Sektstrahls und des technokratischen Szientismus Richtung Grand Canyon. Ja, wirklich: Warum sollte man sich denn bei Friedensdemonstrationen von Wasserwerfern der Exekutive nassspritzen lassen, wo man doch stattdessen mit einer gazellenbeinigen Katze in einem Cabrio-Roadster eine Spritztour machen und „einfach abhängen“ kann? Außerdem: Spätestens seit den G20-Randalen in Hamburg weiß man ja, dass nur schwarzvermummte Vandalen gegen Neoliberalismus und Ausbeutung protestieren, anständige Bürger bleiben daheim und gucken Tagesschau, bevor am nächsten Morgen wieder der Wecker läutet und das Murmeltier grüßt.

Der Hipster 4.0 von heute hat indes anderes zu tun, als gegen eine von Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichnete Weltordnung aufzubegehren: „hard worken“ eben – um sich die Leasingraten für die aufgepeppten Blechkäfer aus der „Grow up“ Werbung leisten zu können. Um in diesen flotten Käfern eine flotte Biene spazierenführen zu können, spart man sich schon mal das Brot vom Mund ab und futtert Budget-Frittes und Junkfood aus dem Lidl-Gefriersortiment. Für ein paarhundert Euro monatlich ist man per Leasingvertrag sogar als Friseur- oder Mechatroniklehrling mit dabei – vorausgesetzt, dass man „hard workt“ (und noch bei den Eltern wohnen darf). Vorige Woche wurde übrigens wieder der „Workaholics Day“ gefeiert – dieser vor vier Jahren neu inaugurierte Feiertag soll uns an jene Konzernrealität erinnern, welche die Filmemacherin Carmen Loosmann mit ihrer Doku „Work Hard,Play Hard“ recht anschaulich ins Bild gebracht hat (Warnung: Lt. Filmkritik der Frankfurter Rundschau erfasst einen beim Ansehen dieser Doku „zugleich Kälte und Angst“) oder die uns der aus der Branche ausgestiegene Ex-Werbeprofi Steve Cutts in einem kurzen Cartoon vor Augen führt:

Da ich mir vorgenommen habe, über toxische Sachverhalte nicht mehr zu schreiben, ohne nicht auch ein probates Gegengift anzubieten, hier also ein kleines Medicum, mit dem die Leber die aus dem Werbevideo aufgenommenen Schadstoffe wieder ausscheiden kann:

Die langjährige Sterbebegleiterin Bronnie Ware hat ein Buch geschrieben mit Titel „Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ (siehe Kurzfassung in welt.de). Sie begleitete unzählige Menschen bei ihren letzten Atemzügen und hörte dabei  immer dasselbe Bedauern und dieselben Vorwürfe: „Das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hat. Vorwürfe gegenüber sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war.“

„Wenn sie sterben, kommt eine Menge Furcht und Ärger aus den Menschen heraus … und dieses ‚Ich wünschte, ich hätte …'“, sagt Bronnie Ware.

Auf Platz 1 der am meisten bereuten Dinge:

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“

folgt sogleich Platz 2:

„Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“

„Alle Männer, die ich gepflegt habe, haben das gesagt“, erzählt Bronnie Ware. „Fast alle haben zu viel gearbeitet und zu wenig gelebt – weil sie Angst hatten, nicht genug Geld zu verdienen, oder ihrer Karriere wegen.“ Sie schildert weiters, dass viele Menschen ihre wahren Gefühle um des scheinbaren Friedens willen unterdrücken. „Das führt dazu, dass sich viele in einer mittelmäßigen Existenz einrichten und nie zu dem werden, was sie hätten sein können.“ Viele Krankheiten, die ihre Patienten über die Jahre entwickelten, rührten daher, glaubt sie. Für sich selbst hat Bronnie Ware entschieden, dass sie nur noch das macht, was sie in ihrem Leben von ihrem Innersten aus tun wolle. „Ich weiß ja, was ich sonst auf meinem Sterbebett bereue“, sagt sie.

Damit spricht die Sterbebegleiterin etwas an, was einem in unserer vermeintlich alternativ- und trostlosen Zeit am meisten abgesprochen wird: Das eigenverantwortliche Gestalten des Lebens auf Basis individuell formulierter Ideale – die, das wage ich aus voller Überzeugung zu sagen, bei ausnahmslos jedem Menschen in Wirklichkeit, d.h. im oftmals zugeschütteten Inneren, diametral entgegengesetzt sind zu dem marktradikalen (’neoliberalen‘) Wahn-Sinn, der uns heute von Kindesbeinen an in Schule, Uni und Medien als Normalität verkauft wird. Von Medien, die uns laut Noam Chomsky „ideologisch zum Gehorsam, zur Passivität, Konformität, Habsucht und Unterwerfung erziehen“, uns „mithilfe bedeutungsloser Slogans und des Fernsehens zu apathischen, autoritätsgläubigen, kaufsüchtigen wie desinteressierten Konsumidioten formieren“ und solcherart die Bevölkerung „sozial atomisieren, fragmentieren und dadurch politisch marginalisieren.“ (siehe „Die Wachhunde der Machtelite“)

Dass man den Gegenwind nicht zu scheuen braucht, der einem entgegenweht, sobald man von dieser Fähigkeit zum Schwimmen gegen den Strom Gebrauch macht, hat uns schon Dorothee Sölle gezeigt mit ihrem Lebensmotto:

„Grenzenlos glücklich,
absolut furchtlos,
immer in Schwierigkeiten.«

oder mit Goethes ermutigenden Worten:

„In dem Augenblick,
in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt,
bewegt sich die Vorsehung auch.

Alle möglichen Dinge,
die sonst nie geschehen wären, geschehen
um einem zu helfen.

Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt
durch diese Entscheidung
und sie sorgt zu den eigenen Gunsten
für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle,
Begegnungen und materielle Hilfen,
die sich kein Mensch vorher je erträumt haben könnte.

Was immer du kannst oder Dir vorstellst,
dass Du es kannst,
beginne es.

Kühnheit trägt Genie,
Macht und Magie in sich.

Beginne jetzt!“

___

zum Weiterlesen:

„Grow up“- Teil 2: MamaPapaBaby Hipster

„Grow up“- Teil 3: Dem Hipster hängt der Zwickel tief

Endzeit-Poesie 4.0: Die Entscheidung – Das Mingle-Dasein von Generation Tinder

 

Die Grausamkeit der Frauen – über verlorene Jungfräulichkeit und blinde Widerstandskämpfer

Die Grausamkeit der Frauen – über verlorene Jungfräulichkeit und blinde Widerstandskämpfer

(CC BY Parkwaechter 2017)

Obwohl ich mich durch tägliches Lesen in der Lügen-, pardon, in der Katzenstreupresse (siehe „Die Götterdämmerung der Lügenpresse“) für einigermaßen abgebrüht halte, hat mich vor Kurzem das nackte Grauen kalt erwischt. Immer noch ganz benommen, suche ich taumelnd nach Halt … wenn ich abends einschlafe, dreht sich vor meinen Augen ein Bilderkarussell, das mich am Menschen und an der Zukunft für unsere Kinder ernsthaft zweifeln lässt.

Wenn ich jetzt erzähle, was mir widerfahren ist, wird man mich auslachen, aber sei’s drum. Also: Nach dem Lesen eines bewegenden Artikels des Eifelphilosophen (“Die Vernichtung des sensiblen Mannes“) gab ein geschätzter Leser den Hinweis auf den „Butchelor“, meinte damit die unsägliche Fleischbeschaushow „The Bachelor“. Obwohl ich dieses Format bisher eisern verweigert hatte, dachte ich mir: So, nun ist’s aber an der Zeit, dass du dir da auch mal einen Eindruck in bewegten Bildern machst, um über diejenige Show mitreden zu können, die sogar „Deutschland sucht den Superstar“ an medialer Reichweite übertroffen hat und die einer ganzen Generation als Lifestyle-Rolemodel präsentiert wird. Mir schwante bereits Übles, immerhin hat sogar der Spiegel, die „Bildzeitung für Abiturenten“ (Volker Pispers), den Bachelor für das „Zelebrieren von Dekadenz, Oberflächlichkeit und Beklopptheit“ kritisiert. Nach Ansicht der Süddeutschen hat sich der Bachelor „von Folge zu Folge mehr und mehr als seelenloses Psychowrack erwiesen“ und wirke „emotional verarmt, sexuell verelendet und moralisch verwahrlost“.

Trotz dieser Vorwarnungen war ich als nicht-fernsehender Mensch, also als Mann hinterm Mond, über das, was ich zu sehen bekam, dann doch einigermaßen sprachlos. Jedenfalls kann ich nun dem nachfühlen, was auch der Eifelphilosoph gemeint hat, als er nach mehreren Jahren Fernsehabstinenz zum ersten Mal wieder den Kübel eingeschaltet hat: „Das gibt’s doch gar nicht“, sei noch das Geringste gewesen, was er sich angesichts der ihm entgegenkommenden Bilderflut gedacht habe.

Als ich in die Suchmaschine „Bachelor“ eingab, wunderte ich mich zunächst, dass mir „Die Bachelorette“ , also das Femininum zu „Der Bachelor“, als Suchvorschläge ausgegeben wurde. Den Vorwurf, eine frauenverachtende Sendung zu produzieren (Udo Jürgens bezeichnete das Buhlen von 20 paarungswilligen Weibchen um ein männliches Alphatier als „abstoßend und nuttig“), wischte der damalige RTL-Chef Gerhard Zeiler mit der Ankündigung weg, das ganze Spiel auch umgekehrt aufzuzäumen und die Frauen gleichziehen zu lassen. Gesagt, getan, durfte im Spin-off „Die Bachelorette“ fortan ein 25 Köpfe starkes Mannswolfrudel um eine giraffenbeinige Schönheit buhlen. Und in der Tat: Die „Bachelorettes“ zeigen, dass Barbie das Puppenspiel mit den Emotionen genauso beherrscht wie Ken.

Als ich die Bachelorette Zaklina betrachtete (siehe unten), wie sie am Balkon einer mondänen Villa mit lasziv-abgeklärtem Blick nach unten auf den Parkplatz blickt, um sich zu entscheiden, welchem der  dort versammelten Verehrer sie als nächstes den Laufpass geben soll, musste ich an eine Schilderung des französischen Philosophen Jacques Lusseyran denken (seine Autobiographie „Das wiedergefundene Licht“ ist eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich kenne und von dem man auch als Normalsichtiger ein ganz neues Wahrnehmen der Welt lernen kann). In jungen Jahren erblindet, entdeckte Lusseyran seine Fähigkeit, trotzdem zu „sehen“, und zwar in intuitiven Farben. Die französische Widerstandsbewegung machte sich seine besondere Fähigkeit zunutze, um „in einer Zeit, in der jedes Treffen unter Menschen eine Begegnung auf Leben und Tod war und man schnell erkennen musste, ob man einen Freund oder Feind vor sich hatte“,  NS-Spitzel zielsicher zu identifizieren: neue Mitglieder der Resistance wurden in einem abgedunkelten Zimmer zu „dem Blinden“ geführt, wie man ihn nannte. Lusseyran betrachtete dort die Farben, die von der jeweiligen Person ausgingen und konnte mit  unfehlbarer Sicherheit sagen, ob bei neu rekrutierten Mitstreitern ehrliche oder unlautere Motive vorlagen.

Bemerkenswert fand ich insbesondere eine Aussage Lusseyrans über die Frauen (was vice versa für Männer genauso gilt). Von abendlichen Tanzveranstaltungen erzählt er, dass er ausgerechnet bei denjenigen Frauen, die ihm seine Kameraden als besonders schön und begehrenswert schilderten, im vis-à-vis beim Tanzen meist „Grausamkeit“ und Kälte wahrnahm, während er bei eher unscheinbaren bzw. unbeachteten Frauen oft wunderbar harmonische Farben sah, die er als wirkliche menschliche Schönheit empfand.

So nebenbei ein Tip eines 40+-Althasen an die Youngsters unter unseren Lesern: Auch ohne hellsehend zu sein wie Lusseyran kann man insbesondere an kleinen Details wie etwa den Mundwinkeln, der Gestik der Lippen oder der Bewegung der Augenlider einer Frau ersehen, welcher Geist sie beseelt (nicht umsonst betreiben Frauen einen beträchtlichen Aufwand, um gerade diese Gesichtspartien intensiv zu beschminken) – wer sich hierfür etwas sein Auge schult und sich nicht bloß von Wespentaillen und Gazellenschenkeln ablenken läst, der mag sich dadurch in seinem Leben fatalen Schiffbruch und ein übles Schicksal ersparen (in neoliberalen Zeiten ist nicht mehr gewährleistet, dass man einen Schiffbruch auf hoher See überlebt – eigentlich also verdammt schlechte Zeiten, um in Beziehungsangelegenheiten russisches Roulette zu spielen, so wie das von unseren Medien heute flächendeckend propagiert wird).

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Was hätte Lusseyran wohl über die Bachelorette Zaklina gesagt, die im oben ersichtlichen Video von der gesamten Männermannschaft angeschmachtet wird? – Ich mag zwar kein Maßstab sein, aber ich für meinen Teil habe eine Gänsehaut bekommen. Auch wenn eine andere als ‚Traumfrau‘ gehandelte Bachelorette-Kollegin namens Frieda auf ihrer Pinwand die Fotos der ihr dargebotenen männlichen Opferstiere seziert (siehe YouTube), wird mir innerlich nicht wärmer, sondern ich taste hilfesuchend nach meiner neben dem Bildschirm stehenden Kamillenteetasse und versuche von dieser etwas Restwärme zu erheischen.

Insbesondere hat mir der in Zalinkas Krallen geratene Opferstier Simon leid getan. Simon, ein vergleichsweise naiver und liebenswürdiger 24jähriger Mann (siehe YouTube), der im Gegensatz  zu seinen abgebrühten Mitbuhlern (siehe YouTube) in seinem Leben bisher noch nie eine Freundin gehabt hat, gerät in die Fänge der rothaarigen Femme fatale, die es als besonderen Leckerbissen ansieht, sich den jungen Mann als Aperitif einzuverleiben. Unverdorbene Jungfräulichkeit bekommt man ja in heutiger Zeit nicht alle Tage serviert. Geschäftsmänner aus Hongkong ziehen für solche Angebote schon mal 2,3 Millionen Euro aus der Hosentasche (siehe Focus), warum sollte es also eine Frau in Zeiten des Gender verschmähen, eine solch seltene Okkasion gratis konsumieren zu können?

Simon gibt sich also der Bachelorette hin, auf einer romantischen Dschunke an Thailands Küste wiegt er sich mit ihr fast schon im 7. Himmel (siehe YouTube), die Kameras folgen dem Paar noch bis zum Fallen der ersten Hüllen ins Schlafzimmer. In einem nachfolgenden Interview schildert Simon mit naivem Gutglauben, dass er in Zaklina nun seine Seelenpartnerin gefunden habe und sein Herz fortan ganz für seine Angebetete schlage. Bachelorette Zaklina gibt sich indes jedoch wesentlich professioneller (siehe YouTube): Zwar attestiert sie Simon, dass er ein ungewöhnlich sensibler Mann sei – was, wie der Eifelphilosoph zuletzt berichtete, heute an Seltenheit fast schon der Begegnung mit einem Einhorn gleichkommt -, die Medusa behält sich jedoch vor, noch herauszufinden, ob Simon auch eine ausreichend „wilde und leidenschaftliche Seite“  vorzuweisen habe.

Diese Erwartung der Bachelorette sollte Simon dann auch zum Verhängnis werden. Denn in dieser Hinsicht konnte Simons Mitbewerber am freien Fleischmarkt, der stramme Michel, anscheinend einen höheren Score erzielen (siehe YouTube), obwohl letzterer von seinen Kommilitonen als gefühlskalt und als Pokerface charakterisiert wurde. Gemäß den eisernen Gesetzen der unsichtbaren Hand des darwinistischen Marktes war daher die Entscheidung der Bachelorette vorprogrammiert: Obwohl der sensible Simon bis zum Schluss in banger Erwartungshoffnung verblieb, musste sie ihm angesichts des strammen Michels bei Sonnenuntergang am Meer schließlich das Herz brechen und ihm den Laufpass geben. Was bleibt, ist ein perfekter, schmalztriefender Werbespot für den neoliberalen „survival of the fittest“: Ein bis über die Ohren grinsender Winner, der die Beute einkassiert und ein in Tränen aufgelöster Looser, der schauen kann, wo er bleibt und um den sich niemand mehr schert, während die Winner die Korken knallen lassen.

Dass der strahlende ‚Winner‘ nach wenigen Wochen ebenfalls ausrangiert wird und Platz für einen noch tolleren Hecht machen muss, wird tunlichst verschwiegen – auch, wieviele Scherbenkinder in solchen auf bloßen Sexappeal aufgebauten Sandburgen aufwachsen müssen.

–  f i n  –

Demnächst im Nachrichtenspiegel:

Teil 2: Die Grausamkeit der Männer – Wenn der Butchelor das Fleischmesser auspackt …

zum Thema passend siehe auch: „5000 Politiker-Penisse online – über Ashley Madison, das größte Tabu und die Anleitung zu Glück und Unglück“

—–

Epilog / Requiem für Simon:

„Gehe nicht oh Gregor, gehe nicht zum Abendtanz…
(ukrainisches Volkslied aus dem 17. Jahrhundert):

Text (Marusai Churai):

Gehe nicht, oh Gregor, gehe nicht zum Abendtanze.
Zauberische Mädchen folgen deinen Schritten dort.
Weiße Hand, wie Schnee braut dir Tee aus Zauberkräutern.
Trübt den Spiegel deiner Seele, wie der Wind den See

Dort ist auch die eine mit den schwarzen Augenbraun.
Glaube uns, oh Gregor, das ist eine Zauberin.
Ihre schmale Hand braut dir Tee aus Zauberkräutern.
Legt sich über deine Seele, wie der Herbst auf’s Land

Sonntag früh beim Glockenläuten grub sie aus das Kraut.
Schnitt es Montag, alle Sünden hexte sie hinein.
Holt‘ es Dienstag vor, kochte Zaubertrank aus Kräutern,
Mittwoch Nacht beim Reigentanze gab sie ihn Gregor.

Und am Tag darauf, am Tage war Greschenko tot.
Freitag kam voll Leid und Klage und beim Abendrot
trug man ihn zur Ruh, an der Grenze an der Straße.
Viele frommen Leute kamen, viele sahen zu.

Viele Knaben, viele Burschen, klagten um Gregor.
Böse Hexe, Zauberhexe, schwarze Zauberfrau.
Deine Augenbraun werden keinen mehr betören,
niemals wird ein zweiter Gregor deinen Künsten traun.

Eingesperrt in einem verkackten Gartenhaus: Frischluft und Sonne? – Nein, danke!

Trägt Robber Williams bei seiner neuen Konzerttournee Unterhosen von Bruno Banani oder doch welche von Giorgio Armani? Über solche tiefschürfenden Fragen liefern unsere Medien täglich erschöpfende Antworten. Da soll noch jemand behaupten, der investigative Journalismus wäre tot.

Als ich vor Kurzem von einer Auslandsreise nach Hause kam, bin ich erschrocken. Das Glashaus, in das ich meine Enten vorübergehend eingesperrt hatte, war komplett versaut:  der Boden mit einer dicken Schicht Enten-Dung bedeckt, die Atemluft zum Schneiden dick, im Wasserbecken nur noch eine braune Brühe, aus der die Enten trotzdem unverdrossen tranken und sich darin suhlten. Hätte der Tierschutz Wind davon bekommen – ich bekäme wohl Probleme.

Da Enten von Natur aus sehr reinliche Tiere sind und den Großteil des Tages mit Gefiederpflege verbringen, dachte ich, sie würden nun sofort wie die Raketen aus der Hütte starten, wenn ich ihnen die Tür in die Freiheit aufmache. Doch was passierte? – Die Tiere ducksten herum, erschraken richtig vor dem geöffneten Tor Richtung Freiheit. Als ich sie von hinten aus der Hütte treiben wollte, flatterten sie mir entgegen und an mir vorbei (in Richtung der Sackgasse). Nachdem ich die Gruppe schließlich zu ihrem Glück gezwungen und in die Freiheit getrieben habe, gelang es einer Ente, sich in der Hütte zu verkriechen. Ich ließ sie gewähren, um zu beobachten, wie lange es wohl dauern würde, bis Lallobeh freiwillig nach draußen kam. Die sah aber keinen Grund dazu, machte zwar manchmal einen langen Hals, den sie aus der offenen Tür hinausstreckte, aber über die Schwelle wagte sie sich nicht, sondern blieb wie magisch angewurzelt im Mist stehen. Stattdessen schrie sie kläglich nach den anderen Mitgliedern der Entenschar, dass sie zu ihr zurückkommen sollten – die anderen Enten hatten jedoch in der neuen Freiheit bereits Witterung aufgenommen und erfreuten sich an einem Bad in frischem Quellwasser, während Lallobeh noch im Morast umherwatete. Irgendwann hat sich die Nachzüglerin dann doch ein Herz genommen und die Schwelle zur Freiheit überschritten. Als sie endlich draußen war, blickte sie allerdings zaghaft und verschüchtert um sich, so als ob ihr die Sonne, der Wind und das weite Firmament, das sich nun über ihr eröffnete, Angst machten.

Ich musste schmunzeln über das, was man sprichwörtlich „Gewohnheitstiere“ nennt. Wobei mir die erlebte Szenerie durchaus wie eine Analogie zur heutigen Situation unserer humanoiden Spezies anmutete. Denn im Gegensatz zu den Tieren besitzen wir Menschen zwar kein horizontales, sondern ein vertikal aufgerichtetes Rückgrat,  aber auch wir haben ein Gewohnheitstier in uns, das sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit an herrschende Umstände gewöhnen kann, selbst wenn diese zum Himmel stinken und kaum noch erträglich sind.

Inmitten unserer alternativlosen politischen Tristesse wird dabei vielfach vergessen, dass es nicht nur – wie von Karl Marx behauptet – das Umfeld  ist, das den Menschen bestimmt, sondern dass vielmehr der Mensch selbst in der Lage ist, das Umfeld bzw. die soziale Realität zu gestalten. Vereinfacht gesagt: Der Mensch selbst ist der primäre Ausgangspunkt aller Entwicklungen und nicht, wie uns im tagespolitischen Diskurs von Merkels Flachmannschaft ständig glauben gemacht wird, die inzwischen unüberschaubaren Sachzwänge und katastrophalen ökologischen, ökonomischen, militärischen und technologischen Entwicklungen, denen wir anscheinend nur noch hoffnungslos hinterherhinken können und eventuell da und dort ein bisschen herumdoktoren und notdürftig einige Löcher flicken dürfen, damit der zur Normalität erklärte Wahnsinn dann wie gewohnt weitergehen kann. Stattdessen wäre der Mensch fähig, ganz unabhängig von den in Wirklichkeit morschen und unhaltbaren Strukturen des vorigen Jahrhunderts neue, menschengerechtere Verhältnisse zu erschaffen. Um sie in die Realität umzusetzen, muss er solche Möglichkeiten nicht nur denken, sondern sie auch, beseelt durch ein inneres Ideal, bis zu einer fast schon greifbaren Empfindung bringen. Empfindung ist hierbei nicht zu verwechseln mit Emotion, die das glatte Gegenteil einer aufbauenden, verbindenden Empfindung ist: Während menschliche Empfindungen, die von humanen Idealen ausgehen, eine große verbindende Kraft haben, so wirken schnell hochgekochte Emotionen in der Regel spaltend (was im Übrigen auch der Grund ist, warum Beziehungen, die hauptsächlich auf Emotionen beruhen, so schnell wieder auseinanderbrechen).

Ebenso fundamental unterschiedlich wie in ihrer Auswirkung ist auch der Ursprung von Emotion und Empfindung: Während die Emotion quasi tief in unseren Körper- und Persönlichkeitsstrukturen abgespeichert, also etwas Altes ist, so ist die Empfindung etwas Neu zum jeweiligen Erb- und Erfahrungsgut Hinzugebildetes. Schafft man es, solcherart Neues / gesunde Empfindungen zu seinem bisherigen Gefühlsrepertoire hinzuzubilden, dann kann Altes / Verkrustetes / längst nicht mehr Brauchbares abfallen. Auch gegen Depressionen wird man solcherart weitgehend immun. – Mit neu errungenen Empfindungen fühlt man sich dann in etwa so wie die Enten, die endlich aus dem Morast ihres total verdreckten Stalles wieder hinaus in die sonnendurchflutete, frische Luft gehen können.

Emotion und Empfindung sind also in Wirklichkeit regelrechte Antagonisten, wobei die Emotion ein sehr lauter und polternder Weggenosse ist, während sich die Empfindung vergleichsweise leise und bescheiden gebärdet. Andererseits ist die Empfindung fähig, tief zu dringen und im Inneren Wurzeln zu schlagen, während die Emotion an der Oberfläche bleiben muss und schnell wieder verpufft, also etwas sehr Kurzlebiges ist.

Die besondere Krux: Emotion ist bereits fertig im Körper bzw. in unserem Unterbewussten  abgespeichert und kann durch simple Knopfdrücke in Form einschlägiger Reize oder vorurteilsbeladener Schlagwörter jederzeit aufgerufen und hochgekocht werden (Werbe- und Marketingexperten beherrschen diese Klaviatur inzwischen perfekt). Die neue Empfindung ist hingegen noch ungeboren und muss durch bewusste Bemühung herangebildet und kultiviert werden wie ein zartes junges Pflänzchen. Um eine gute Empfindung heranzubilden, braucht es einen substanziellen Gedanken bzw. ein Ideal. Ein Ideal bzw. ein Gedanke ist dann substanziell, wenn er objektiv gültig, d.h. aus dem Fundus universeller humaner Werte geschöpft ist und nicht nur aus dem Requisitenkasten subjektiver Wertvorstellungen oder Gruppenzugehörigkeiten. Nicht umsonst haben auch die Verfasser der Allgemeinen Menschenrechtscharta wie Stephane Hessel die in der Charta verankerten Rechte als „universell“ bezeichnet. Das Grundaxiom bildete dabei die Würde des Menschen bzw. das Bestreben, diese zu wahren, und zwar unabhängig von der Zugehörigkeit des Menschen zu Parteien, Ländern und Weltanschauungen.

Leider sind uns Ideale heute etwas unheimlich geworden, wir verwechseln sie zu schnell mit Ideologie, mit der wir ja bekanntlich in der Geschichte sehr schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben. Dabei wird etwas nur dann zur Ideologie, wenn es rein intellektuell ist und wenn wirkliche humane Ideale und Empfindungen abwesend sind. In Wirklichkeit haben wir es daher heute ohnehin bereits überall mit Ideologien zu tun: Der Neoliberalismus, unser wachstums- und profitorientiertes Wirtschaftsmodell, unsere naive Technikgläubigkeit, die Industrie 4.0 / Schule 4.0-Propaganda, der Ost- West Konflikt mit seinem mittlerweile wieder brandgefährlich gewordenen  Säbelrasseln  (siehe „Wenn der russische Bär eine Anakonda am Hals und der Hund die Hausaufgaben gefressen hat“) – alles dies basiert auf einseitigen, verhärteten Sichtweisen und unnötigen Polarisierungen, die mit etwas gutem Willen längst überwunden sein könnten.

Damit ein wirkliches Ideal die Kraft hat, Polaritäten, soziale und weltpolitische Gräben zu überwinden, muss es einen über jeweilige Partikularinteressen der Konfliktparteien hinausgehenden Inhalt haben. Und nun der springende Punkt: Der große Irrtum ist es, zu glauben, dass man solche Inhalte aus der technokratisch-materiellen Ebene, also aus der Welt der Polaritäten schöpfen könnte. Nein, besagte polare Erscheinungen der Welt brauchen ihrerseits stets einen Zustrom von neuen, gesunden Gedanken aus der Welt des menschlichen Geistes, sonst geht alles den Bach runter und in die Degeneration über. Selbst der verschlafenste Fernsehbürger kann dies heute beobachten: Egal, welche noch so intellektuellen Politköpfe scheinbar noch so vernünftige und effiziente Strukturmaßnahmen in die Wege leiten (siehe „Bodenständige Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien“) – es kommt mit jeder Maßnahme, die nur auf technokratischen und ökonomischen Erwägungen basiert, zu noch mehr ausuferndem Chaos und Niedergang, so wie in einem Treibsand, der einen mit jeder zusätzlichen Körperbewegung nur noch schneller erbarmungslos nach unten zieht.

Schaffte man es hingegen, einen universell gültigen Gedanken in das Polit- und Wirtschaftsgeschehen zu führen, der nicht bloß auf die materielle Ebene fokussiert ist – obwohl er sich auch auf diese günstig auswirken wird -, sondern auf die seelische (=die persönlich menschliche) und auf die geistige (=die individuelle, eigentlich überpersönliche und unwägbare, von Viktor Frankl als „spezifisch-humane“ bezeichnete) Ebene des menschlichen Daseins bezieht, dann würde man sich wundern, wie schnell sich die derzeit abgründig erscheinenden Dinge um uns herum plötzlich wieder zum Besseren wenden und eine Aufwärtsentwicklung sichtbar wird.

Die Gretchenfrage dabei ist natürlich: Wo schöpft man substanzielle, universell gültige Gedanken?

Aus dem akademischen Betrieb unserer Universitäten scheinbar nur schwer. Nach Aussage des Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa sind die Universitäten heute zu „Entfremdungszonen“ geworden, in denen schon unter Jungstudenten Burn-Out und Angsterkrankungen grassieren und in unserer hochtechnisierten Welt jede der Nacht mehr Menschen schweißgebadet aufwachen als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Doch lassen wir uns von diesen Zeiterscheinungen nicht allzu sehr ablenken. Bei all den schwarzen Rauchschwaden, die heute unsere Sicht vernebeln, übersehen wir nämlich leicht die großen Möglichkeiten, die jeder einzelne von uns hat bzw. individuell entwickeln kann. Denn wir werden vergeblich warten, dass eine neue Partei, ein neuer Kennedy oder ein neuer Schulz unseren Karren aus dem Dreck zieht. Der substanzielle Inhalt kommt heute nicht mehr von äußeren Autoritäten und Institutionen – diese sind in unserem Zeitalter zu leeren Hüllen, bloßen Vehikeln des schnöden Erwerbs und Kahlfraßes geworden. Heute ist jeder einzelne Mensch selbst für die inhaltliche Bereicherung des Lebens verantwortlich – auf ganz individuelle Weise entsprechend seinem Arbeits-, Freundes-, Familien- und Interessensumfeld.

Es ist natürlich grotesk: Einerseits sind die Zeiten heute so verrückt wie noch nie (unser geschätzter Leser Firefox sprach unlängst von einem „Kopfstand der Realität“), andererseits stehen uns trotz aller äußeren Bedrückung individuelle Möglichkeiten offen, die es noch niemals zuvor gegeben hat. Zum Beispiel philosophisches Wissen zu erwerben bzw. in eine Philosophenschule wie die von Platon oder Pythagoras einzutreten – diese Möglichkeit wurde früher nur einer Handvoll Menschen gewährt, und das auch nur unter extrem schwierigen Auflagen, Todeseiden und tödlichen Prüfungen. Heute steht es theoretisch jedem von uns offen, sich tiefstes philosophisches Wissen, Verständnis über Mensch, Welt und den Sinn des Daseins und damit substanzielle universelle Werte anzueignen. Die Literatur des Abendlandes ist voll davon. Nur liegt es eben in jedermanns freier Wahl, womit er seine Zeit verbringt – viele entscheiden sich, lieber einen toxischen Illustriertenpudding über Robbie Williams und Paris Hilton zu löffeln (siehe Steve Cutts: „Are You Lost In The World Like Me?“) oder ihre Eingeweide mit einer fetttriefenden Dschungelcamp-Pizza zu füllen. Dabei gäbe es klares Gebirgswasser, wunderbare Früchte und für den, der sich die Mühe macht, sich als Eisbergsteiger durch die neoliberal-szientistisch vergletscherten Regionen bis über die Nebel-/Blendgranatenwolken durchzuarbeiten sogar: … strahlenden Sonnenschein!

In diesem Sinne: Nur Mut und vor allem keine falsche Bescheidenheit. Wenn sich sogar Lallobeh, die lahmste Ente in meinem Stall, schließlich durchgerungen hat, die Schwelle des verdreckten alten Stalls zu überschreiten und hinaus an die Sonne und in frisches Wasser zu wackeln, dann bin ich zuversichtlich, dass auch wir das noch schaffen werden …

Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft – und Enten, die an Nacktschnecken ersticken

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Foto: Nacktschneckenpaarung CC-BY-SA-3.0 BY rupp.de/wikimedia commons (Quellenlink)   

Jedes Jahr infizieren sich in Deutschland rund eine Million Menschen mit multiresistenten Krankenhaus-Keimen / MRSA, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft (siehe ARD-Doku „Operation gelungen – Patient tot“). Nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene sterben daran ca. 40.000 Patienten. Falls wir Antibiotika in der Tier- und Menschenmast weiterhin so unbedarft einsetzen wie bisher, werden laut neuesten Berechnungen  demnächst mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs (siehe Spiegel). Laut dem „Review on Antimicrobial Resistance“ könnten bis 2050 weltweit zehn Millionen Menschen pro Jahr an nicht mehr behandelbaren Infektionen sterben. „Wenn wir das Problem nicht lösen, steuern wir auf Zeiten wie im Mittelalter zu. Viele Menschen werden sterben“, warnt der Ökonom Jim O’Neill, der die Recherchen zu dem Bericht leitete, gegenüber der BBC (siehe Bericht). Sogar die eisern in neoliberalen Traumgefilden schlafende CDU-Fraktion schlägt inzwischen Alarm.

Als ob diese Art von Infektionen noch nicht schrecklich genug wäre, naht sich uns eine noch viel abgründigere, wenngleich unsichtbare und daher wenig thematisierte Gefahr: Die innere Vermorschung bzw. der geistige Tod. Wenn man die derzeitige Sachlage einige Jahre in die Zukunft extrapoliert, dann wird diese Art des Todes wohl weitaus mehr Menschen dahinraffen als MRSA und die Pest im Mittelalter zusammen.

Eine Vorstufe zum geistigen Tod ist der soziale Tod, wenngleich, wie wir sogleich ausführen werden, der soziale Tod gleichzeitig eine große Chance ist, dem geistigen Tod zu entrinnen –insofern kann das Hartzer-Schicksal bei aller bekämpfenswerten Dramatik womöglich eine großartige Chance darstellen, um der endgültigen Auslöschung seines Menschseins zu entgehen.

Aber alles schön der Reihe nach. Im jüngsten Artikel des Eifelphilosophen (Der soziale Tod – Triumph der Elite, Wille der Regierung, Ende der Gerechtigkeit) wird bereits das drohende Schicksal des fernsehenden Reihenhaus-Sparschweinbürgers skizziert: der soziale Tod. Indem sich bei stagnierenden Haushaltseinkommen und gleichzeitig rasant steigenden Wohnungs- und Lebenshaltungskosten immer weniger Menschen, nicht nur Hartzer,  den Eintritt in eine Theater-, Konzert- oder Sporthalle leisten können – oft sprengt schon der Cafe- und Eissalonbesuch das Familienbudget -, verlieren sie den Anschluss an Kultur und Gesellschaft.

Ohne Zweifel ist das Herausdrängen aus der Kulturteilhabe bzw. die Gefahr des sozialen Tods etwas ungemein Schmerzvolles und zeugt von einem Totalversagen unseres Polit- und Wirtschaftssystems. Das soll jetzt nicht zynisch klingen, aber: Diejenigen, die sich Kulturteilhabe noch leisten können und aus dem Vollen schöpfen, befinden sich ohne dass sie es wissen, in noch viel größerer Gefahr – der Gefahr, dem geistigen Tod bzw. einer Art innerer Vermorschung entgegenzugehen. Denn war die Teilhabe an der herrschenden Kultur in früheren Zeitepochen i.d.R. der Garant und Wegweiser für eine angemessene menschliche Entwicklung, so ist es heute andersrum: Kultur muss individuell begründet werden. Schwimmt man nur mit dem mit, was einem von außen als „Kulturleben“ zugefüttert wird, dann wird man von einem Vakuum angesaugt, geht man langsam aber sicher unter und erleidet eine Art inneren Erfrierungstod (heute salopp als „Burn-out“ bezeichnet – was zunächst flammend und heldenhaft klingt, aber schon bei wörtlicher Interpretation zeigt, dass dieser Zustand gar nichts Flammendes oder Wärmehaftes mehr in sich hat, sondern eben: „Flamme-aus“, also: Kälte).

Die Sache ist leider umso tückischer als diesem geistigen Erfrierungstod jede Menge feuriger Eruptionen und Emotionsfeuerwerke vorangehen, die den Eindruck von wohliger Wärme und Vitalität erwecken. Da diese jedoch den Menschen in Wirklichkeit leer ausgehen lassen, muss die Dosis ständig gesteigert und noch mehr Treibstoff verbrannt werden. Der Designer Ken Garland bringt es auf den Punkt: „Unsere Überflussgesellschaft hat einen Punkt der Sättigung erreicht, an dem der schrille Schrei der Konsumpropaganda nichts weiter ist als bloßer Lärm.“  

Auch wenn das unmittelbare Schicksal hart erscheint: Wer in die Einkaufs- und Wellnesstempel dieser Überflussgesellschaft nicht mehr eintreten kann, sondern notgedrungen daheimbleiben und sich mit karger, aber substanzieller und vitaminreicher Diät in Form von klassischer Philosophie zufriedengeben muss – Marc Aurel, Seneca und Goethe gibt’s beim Trödler schon ab € 1.-, also zum Gegenwert einer Vanilleeiskugel, und der Kenner kann ein ganzes Jahr von einem einzigen solchen Büchlein zehren -, der hat die Chance, die heranrollende kulturelle Pestepidemie zu überstehen und geistig gesund zu bleiben (sofern er auch das Ernährungs- und Heizungsproblem löst, ich weiß).

Ein Hartzer in der Eifel oder im Schwarzwald hat also womöglich weitaus bessere Überlebenschancen, um die kommende geistige Pandemie zu überstehen als ein urbaner Karrierist im SUV. Man nehme nur den Eifelphilosophen: Wäre er nicht geharzt worden, dann triebe er weiterhin in wortmächtiger und überzeugungskräftiger Weise für einen Pharmakonzern sein Unwesen, der aktuell mit Monsanto fusionieren will (demnächst vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt / siehe Netzfauen.org). So aber nutzt er seine Wortmacht und Intelligenz nun dazu, um gerade denjenigen aufgeblasenen Gummikrokodilen einen Stich zu verpassen, denen er früher gedient hat – und hilft damit unzähligen Menschen, in einer zunehmend vergletscherten Gesellschaft nicht an sich zu zweifeln, sondern dem zur Normalität erklärten Wahnsinn die Stirn zu bieten (Hallo Eifel, möchte deinen guten Namen hier nicht verhunzen, aber du bist da einfach ein Paradebeispiel).

Viktor Frankl denkt die aktuelle Situation zu Ende und spricht vom „existenziellen Vakuum“ als größter Herausforderung unserer Zeit:

„Fragen wir uns doch nur, was das Resultat wäre, wenn ein menschliches Wesen sämtliche Bedürfnisse, die es im Zeitquerschnitt haben mag, voll befriedigen vermöchte – was wäre das Resultat: das Erlebnis der Erfüllung? Oder vielmehr das Gegenteil, nämlich die Erfahrung einer abgründigen Langeweile – einer bodenlosen Leere – eben des existenziellen Vakuums? Mit diesem Vakuum werden wir Neurologen ja alltäglich und sprechstündlich konfrontiert …“

Gleichzeitig weist Frankl auch auf den goldenen Mittelweg hin, der gelungenes Leben ermöglicht (und den er zwischen den beiden ebenfalls in uns immanenten Tendenzen nach bloßer Macht und nach bloßer Lust lokalisiert): die Ergründung – und schließlich das aktive Schaffen – von immer mehr Sinn.

 „Aber der ‚Mensch auf der Suche nach Sinn‘ wird unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute eigentlich nur frustriert! Und das rührt daher, dass die Wohlstandsgesellschaft bzw. der Wohlfahrtsstaat praktisch alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen imstande ist, ja, einzelne Bedürfnisse werden von der Konsumgesellschaft überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen – das ist sein „Wille zum Sinn“, wie ich ihn nenne, das heißt, das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder vielleicht besser gesagt in jeder einzelnen Lebenssituation einen Sinn zu finden – und hinzugehen und ihn zu erfüllen.“

Wird der Sinn des Lebens und des Menschseins geleugnet und werden Mensch und Welt nur als geistlose, kommerziell verwertbare Kohlenstoffhaufen angesehen, so wie dies derzeit in Schulen und Universitäten de facto gelehrt wird, dann gerät der Mensch in innere Verzweiflung.

Aktuell konstatiert Regisseur David Schalko „Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“. Plattformen und Übertragungsstätten der inneren Verzweiflung sind nicht nur unsere urbanen Kulturstätten, Arbeitsplätze und Medien, sondern zunehmend auch unsere Bildungsseinrichtungen und Universitäten. In einem jüngsten Interview beklagt der Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa unter Verweis auf die stark zunehmenden Burn-out-Raten und Angsterkrankungen schon unter Studenten, dass die Universität immer mehr zu einer „Entfremdungszone“ werde.  Jede Nacht wachten in unserer beschleunigten, spätkapitalistischen westlichen Welt mehr Menschen schweißgebadet auf als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Natürlich wäre es nun keine Lösung, sich von allen diesen entfremdeten Orten gesellschaftlichen Geschehens fernzuhalten. Im Gegenteil, es geht darum, mutig und gut gerüstet mit Humor in diese Räume einzutreten und sie wieder in menschengerechte Lebensumfelder zu verwandeln.

Zurück aber zu unserem eigentlichen Thema, dem drohenden geistigen Tod. Um an die Wurzeln des Virus zu gelangen, der zu dieser Art Tod führt, müssten wir weiter ausholen. Da das Hamsterrad, in dem ich selbst laufe, mir dazu gerade nicht genug Atem lässt, müssen wir ein andernmal darauf zurückkommen. Die nachfolgenden Streiflichter sind in Wirklichkeit vollkommen unwichtige Randerscheinungen, eigentlich gar nicht wert, sie zu erwähnen. Niemand möge sich daher an den Beispielen festbeißen. Sie sind nur oberflächliche Symptome und womöglich sogar autoimmune Heilungsversuche und Rettungsschreie eines zutiefst kranken und daher fiebernden menschlichen Organismus. Wem die Beispiele dekadent vorkommen, dem sei gesagt: Das ist noch gar nichts. Gegen das, was noch auf uns zukommt, sind das nur humoreske Kinkerlitzchen, quasi nur das Wetterleuchten eines Hurrikans, der sich noch hinter dem Horizont verbirgt. So ähnlich wie eine tödliche Infektion sich zunächst als leichte Kopfschmerzen oder Magenkrämpfe äußern kann. Trotz ihres Seifenblasen-Charakters können besagte Symptome aber als erste Annäherung an den eigentlichen Leviathan dienen, der unsere Gesellschaft derzeit durchlöchert wie ein Bandwurm einen Schweizer Käse.

Nachdem Politik und Wissenschaft sich bisher als vollkommen unfähig erwiesen haben, diesen aalglatten und obendrein unsichtbaren Bandwurm zu erfassen, bleibt uns als Barometer des Zeitgeschehens wieder einmal nur die Kunst. Noch der griechische Mensch fühlte sich nur deshalb gesund, weil er regelmäßig durch Kunst und Drama eine Katharsis, eine innere Reinigung erfuhr und sich ihm während des Schauspiels die Perspektive auf begeisternde menschliche Ideale eröffnete. Obwohl sich unsere Kunstszene längst von diesen ihren eigentlichen Möglichkeiten verabschiedet hat (bereits 1972 konstatierte der Nobelpreisträger Oktavio Paz das „Ende der Kunst“), so ist die Funktion der Kunst heute zumindest die eines präzisen Spiegels des herrschenden Zeitgeistes.

Was spiegelt uns also aktuell die Kunst? Auf der Documenta in Kassel, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, erfährt man etwa von der früheren künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev (vom Magazin „ArtReview“ zur einflussreichsten Person im internationalen Kunstbetrieb gewählt): „Ich habe kein Konzept.“ – setzt jedoch nach, dass die Documenta immerhin eine „Choreographie“ habe: „Sie ist unharmonisch und frenetisch“; außerdem: „Ich halte Verwirrung für eine sehr gesunde Position.“

Vor einigen Jahren habe ich aus dem Kulturteil einer Tageszeitung folgenden Artikel der Kunstjournalistin Andrea Heinz herausgerissen, weil ich ihn als Kunstliebhaber so ungemein treffend fand:  „Überhaupt scheinen es in dieser zeitgenössischen ‚Crossover-Kunst‘ Selbstbezogenheit und der Rückzug auf das Ich zu sein, die aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt resultieren. Die klassische Dreieinigkeit vom Schönen-Wahren-Guten ist ohnehin passe, es geht jetzt maximal um individuelle Wahrheiten. […]  es ist, wenn man so will, die Kunst der Krise. Es sind Kunst-Fluchten, die sich die hochqualifizierte und -gezüchtete Kunstelite von morgen erschafft.“

Der Artikel stammt aus 2011. Inzwischen ist wieder einiges Wasser den Bach hinuntergeflossen und der Kessel, in dem wir sitzen, um ein paar weitere Grad Celsius erhitzt worden. Als ich vorgestern das Programm einer der international anerkanntesten, seit 1927 etablierten Kunstveranstaltungen, der „Wiener Festwochen“ las, wehte mir bereits ein ganz anderer Wind entgegen. Folgender Bericht findet sich dazu als oberster  Leitartikel der Tagesnachrichten im österreichischen Rundfunk ORF (Anliegen der Wiener Festwochen ist es lt. Wikipedia, „Kulturereignisse selbst zu schaffen oder mitzugestalten, die höchstes künstlerisches Niveau mit gesellschaftsrelevanten Inhalten und Zielen verbinden“. Sie verstehen sich als „Angebot zur Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Welten“; ebenso besitzt der ORF einen gesetzlich verankerten Bildungsauftrag). Highlight der Festwochen  ist diesmal eine Inszenierung des Regisseurs Jan Fabre „Mount Olympus“ (siehe Volltext mit Bildern auf orf.at):

„…Diese Akkuratesse braucht es auch, wenn auf der Bühne gekotzt wird, wenn Frauen stehend in Glasgefäße urinieren, Pornoszenen nachgestellt werden und 20 Personen wild um sich schlagen, kreischen und schluchzen, wenn rohes Fleisch und Eingeweide geworfen werden, wenn echtes menschliches Blut fließt … Denn 24 Stunden Chaos – das würde rasch langweilig. Es braucht also eine strenge Dramaturgie – und höchste Konzentration.

… 24 Stunden, in denen Fabre sein Publikum gemeinsam mit den Darstellern immer weiter bergab führt in die Untiefen des Unbewussten, wo Tagesreste, Ängste, Begierden und Traumfetzen einen wabernden Morast bilden.

… Dem Zuschauer wird gleich zu Beginn empfohlen, sich auf das Geschehen einzulassen und dabei nicht rational zu denken. Den körperlichen Einstieg macht Regisseur Fabre leicht: Während einer Drum-and-Bass-Nummer mit halbnackt twerkenden Darstellern fahren einem die Beats in alle Glieder. Ein überdrehter Dionysos schüttelt als „Master of Ceremony“ die üppig vorhandenen Speckfalten und verspricht, den ganzen Saal in den Wahnsinn zu treiben.

… Im Laufe der Nacht stellte sich, wie geplant, kollektive Trance ein, die sich im Lauf des Sonntags noch steigerte. Langsame, behutsame Bewegungen im Zuschauerraum, eine eingeschworene Community bildete sich hinter, auf und vor der Bühne. Es breitete sich ein wohliges Gefühl der Verbundenheit aus. Ein Erfahrungsraum war geöffnet, in dem nichts obszön wirkte oder flach. Jetzt hatte Fabre das Publikum dort, wo er es wollte, und konnte sein Bestiarium in all seiner Brutalität, Geilheit, Verzweiflung und Lächerlichkeit vorführen.

… Das Publikum dankte dem Regisseur und den Darstellern für diese intensiven Erfahrungen mit einem intensiven 15-minütigen Applaus.

… Fabre teilt seine körperliche Interpretation dessen, was dem menschlichen Handeln zugrunde liegt: Status wollen. Bestimmen wollen. Und gleichzeitig: alle Zügel fahren lassen wollen, mit jedem ficken wollen, vor Schmerz losschreien wollen, jemandem die Gedärme herausreißen wollen, mit dem man eine Rechnung offen hat. Er zeigt das ganze Spektrum des Scheiterns und Reüssierens in einer Welt, die nur vermeintlich auf Vernunft aufgebaut ist.“

Fabre drückt durch seine Kunst in Wirklichkeit exakt das Gleiche aus, was heute auch von streng wissenschaftlicher Seite konstatiert wird: Dass der Mensch nur ein geistloser, nervendurchzuckter Kohlenstoffhaufen, ergo alles Wurst und daher nach Willkür des Geschäftstüchtigen verwertbar ist. Laut neuester Erkenntnis der Biotechnologen (unwiderlegbar ersichtlich im Rasterelektronenmikroskop) ist der Mensch nur eine Art Ratte (siehe Nachrichtenspiegel: Rat Race and Rape Culure Club Köln). Mit einem Wort: Die humanistische und grundgesetzlich verankerte Auffassung, dass der Mensch eine Würde und damit ein Schutzbedürfnis besitzt, befindet sich in akuter Erosion. Der entsprechende Paragraph des Grundgesetzes wird im Falle einer vollendeten Durchsetzung des technokratisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes womöglich nicht mehr lange haltbar sein. Und während wir heute nur Ratte spielen und uns auf Festspielen am Rattenleben ergötzen, so werden die Kinder, denen wir beibringen, dass der Mensch nur eine etwas raffiniertere Ratte ist, schon bald beginnen, mit dieser Weltanschauung Ernst zu machen und auch ihr gemäß zu leben.

Um sich auf diese neue Realität einzustimmen, bedarf es einer fachmännischen Konditionierung und Taktung des Bürgers. Regisseur Fabre macht uns den Gefallen, dass er in einem Interview ausspricht, wie diese Konditionierung abläuft (im täglichen Fernsehprogramm, mit dem der Bürger allabendlich abgefüllt wird, läuft übrigens exakt dieselbe Konditionierung ab, ohne dass es ausdrücklich erklärt wird; womit auch selbstredend klar ist, dass diejenigen Ausgebooteten und Harzer, die ihre Ausgrenzung von der kulturellen Teilhabe nicht für die Lektüre von Marc Aurel & Co. nutzen, sondern für „Fernsehen“, in keiner Weise vor der kommenden Pandemie bzw. dem geistigen Tod geschützt sind):

>> In „Mount Olympus“ will er … eine Art programmierter Überforderung erzeugen, das betrifft sowohl Publikum als auch Ensemble. „Es ist sehr, sehr fordernd für alle Beteiligten. Nach jeder Vorstellung sind wir für ungefähr eine Woche völlig aus dem Takt. Die biologische Uhr ist völlig durcheinander.“ Er habe schon oft von Zuschauern gehört, dass sich im Laufe der Performance die Perspektiven verschieben: Wenn man zwischendurch hinausgeht und zurückkommt, empfinde man die Vorstellung als Realität.<<

Ich blättere weiter im Kulturteil der Nachrichten und stoße auf ein Megakonzert, das letzten Donnerstag trotz miserablem Wetter 50.000 Menschen in ein Fußballstadion der Festspielstadt lockte: Die Rockband AC/DC gab ein Stelldichein. Da man heute gesteinigt wird, wenn man gegenüber Rockheiligenikonen wie Angus Young & Co. nicht bedingungslose Wertschätzung bezeugt, vorneweg mein Disclaimer: Es geht mir überhaupt nicht um AC/DC oder sonst irgendeine bestimmte Band,  die AC/DC Leute haben sich für ihre Verdienste als Bahnbrecher des Heavy Metal nach ihrem Ableben  wohl zweifellos den Eintritt in den siebenten Hardrockhimmel gesichert. Auch die Motive der unzähligen Fans, die in solche Konzerte strömen, kann ich vollständig nachvollziehen. In einer Arbeits- und Alltagswelt, die inzwischen trotz Dauerbespaßung weitgehend unlustig geworden ist, sind Gelegenheiten, sich den Dynamoeffekt und die 100.000 Volt Hochspannung eines Konzertkessels zunutze zu machen um die vergletscherte Kruste des schnöden technokratischen Alltagsfaschismus zumindest kurzfristig zu sprengen, natürlich sehr willkommen.

Der Name der stadionfüllenden Band sei an dieser Stelle also vollkommen egal, es gibt deren unzählige für jeden Geschmack. Es soll damit nur ein weiteres, in Wirklichkeit vollkommen nebensächliches Kultur-Streiflicht angeführt sein, man könnte sicher dasselbe Szenario anhand eines Konzertes von Madonna, den Stones oder Bushido berichten. Auch in einem Bierzelt mit Heino, den Original Fidelen Uasprung Spatzen Brunnzer Buahm oder sonstigen Globetrottern  könnte man im Prinzip genau dasselbe gespiegelt finden wie beim jüngsten AC/DC Konzert. Ein Ausschnitt dazu aus dem Konzertbericht des öffentlichen Rundfunks (siehe orf.at):

„Teufelshörner dominierten nicht nur die bombastische Bühne mit den zwei Videowalls. Man möchte jene Person sein, die den Gewinn des Verkaufs von Plastikteufelshörnchen an diesem Abend einstreifen durfte. Das ganze fast restlos gefüllte Stadion blinkte und leuchtete rot. (…)

„If You Want Blood You’ve Got It“ („Highway to Hell“, 1979) – die Bühne wurde rot beleuchtet, das Blut war allerorten in Wallung, vor allem bei Angus Young. Er schüttelte seine letzten Locken und war in seiner Angus-Young-Trance, der Mund beim Gitarrespielen weit offen. Rose und er interagierten auf der Bühne nicht wirklich. Hier war jeder in seinem eigenen Film der Hauptdarsteller. Die Bühne war groß. Da war Platz für zwei Egos, selbst von dieser Dimension (…)

Das Publikum war bester Laune und jubelte frenetisch mit (…) „I gonna take ya to hell“ – und jeder wollte sich allzu gerne mitnehmen lassen. Angus Young führte die Pilgerschar Richtung Hölle im Trippelschritt an (…)

Angus Young stellte seine Ohren auf und bekam, was er wollte: ein lautes Liebesgrölen von 50.000 Menschen, die sich gerade sehr wild und sehr böse fühlten und jede Menge Spaß dabei hatten.

Auch der FM4-Redakteur Boris Jordan war live dabei. Am Ende seines im Wesentlichen gleichlautenden Konzertberichts zieht er sein persönliches Resümee: „Irgendwie hat das dann etwas von einer selbstvergrößernden, lebenströstenden Macht, einem unernsten Stück Scheißegal-Zuversicht, das man nicht ohne weiteres überall bekommt.“

So wie im Leben nie etwas umsonst ist und man überall etwas Nützliches lernen kann, hatte ich spätestens hier ein Aha-Erlebnis. Vielleicht ist ja gerade das das missing link, das uns Philosophen fehlt, damit wir nicht zu sauertöpfisch werden: ein unernstes Stück Scheißegal-Zuversicht. Angesichts der momentanen Weltlage gehört diese Ingredienz eigentlich in jeden Wanderrucksack, oder noch besser: als App aufs Smartphone.  Auch unseren Kindern würde solch ein unernstes Stück Scheißegal-Zuversicht womöglich nicht schaden, man könnte z.B. den unnützen Bastelunterricht streichen und stattdessen eine Stunde Hardrock mit Headbangen einführen.

So, genug für heute, es ist schon dunkel. Höchste Zeit, dass ich meine Enten einsperre, bevor der Marder kommt. Überhaupt werde ich auf meine Enten dieses Jahr gut aufpassen und ihnen reichlich frisches Wasser bereitstellen müssen. Die alljährliche Nacktschneckeninvasion beginnt wieder. Letztes Jahr habe ich im Sommer die Hälfte meiner Jungenten verloren. Die Tiere hatten einen solch unbändigen Appetit auf Nacktschnecken, dass sie den Hals nicht voll davon kriegen konnten. Sie sind an den schleimigen Kriechtieren elend erstickt.

 

Das Jahresendzeitfest – wenn der Endzeitmann kommt und sich die Endflügelpuppen vom Himmel senken

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(c) Parkwaechter 2015

Nachdem wir Fasching, Valentinstag und Oktoberfest hinter uns gebracht haben und nur wenige Atemzüge nach dem bedeutendsten Fest unseres mammonistischen Jahresfestkreises – Helloween, ist es nun so weit: auch „Weihnachten“ steht am Kalender.

Jene Zeit also, in welcher die Gewerkschaften darum kämpfen müssen, dass in den großen Shopping Malls nicht öfter als 30 mal pro Tag „Jingle Bells“ oder das unsägliche „Last Christmas“ von Wham durch die Lautsprecher geschickt wird, um so die Verkäufer vor abendlichem Drehschwindel und Schlaflosigkeit zu bewahren.

Jene Zeit, in der wir uns auf unsere „westlichen Werte“ besinnen, die wir sogar am Kunduz in Afghanistan und im Syrischen Hinterland verteidigen müssen.

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Frau unterhalten, die in der DDR unter dem strengen Auge der Blockwarte und der Stasi aufgewachsen ist und dort von einem alternativlosen Schulsystem indoktriniert wurde. – Nein, nicht mit Angela Merkel, unter der die Alternativlosigkeit und die schnöde Blockwart-Mentalität heute wieder eine ungeahnte Renaissance erfahren hat und uns auch lückenlose Bürgerüberwachung wieder achselzuckend als das Normalste auf der Welt verkauft wird. Meine Gesprächspartnerin war keine Frau, die sich mit diesem alternativlosen System arrangiert und dort als Physikerin Karriere gemacht hat, sondern eine Künstlerin, die den technokratischen Wahnsinn schon als junge Frau durchschaut und daher unter Lebensgefahr die Seiten gewechselt hat. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass sie im „freien Westen“ nun wieder von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt werde.

Eine besonders groteske Episode weiß sie über die Weihnachtszeit zu erzählen. Kurz vor Zusammenbruch der DDR, als Überwachung, Willkür und Absolutheitsanspruch gegenüber dem „Pack“ bereits fast unerträglich geworden waren und die Systemfunktionäre und Blockwarte schon das ungute Gefühl in der Magengrube hatten, dass dieses „Pack“ sie demnächst abservieren wird, zog man nochmals alle Register, um das gemeine Volk im Zaum zu halten.

Bemerkenswert war, dass kurz vor besagtem Zusammenbruch des Systems mit regelrecht hysterischer Akribie versucht wurde, den Bürgern alles auszulöschen, was irgendwie eine Ahnung von einer Dimension hervorgerufen hätte, die über dem unseligen materialistisch-technokratischen Planwirtschafts-Alltag wartete. Worte wie Weih-Nachten waren daher an den Schulen, an denen meine Bekannte arbeitete, verboten – man musste sagen: Jahresendzeitfest. Auch durften keine Geschichten über das Christkind, nicht einmal über den Weihnachtsmann erzählt werden, sondern nur über den Jahresendzeitmann.

Vom Schuldirektor streng verboten war insbesondere das Wort Weihnachts-Engel. Da sich die Tradition, zu Weihnachten Engel zu basteln, trotzdem nicht ausrotten ließ, so galt die Vorschrift, dass man diese Bastelwaren jedenfalls unter keiner anderen Bezeichnung handeln durfte als unter „Endflügelpuppen“.

Meine Bekannte, die dies erzählte, kann heute keineswegs über diese grotesken Auswüchse der DDR Politik lachen. Sie erzählt, wenn sie heute so den politischen Diskurs beobachte, dann fühle sie sich frappant an die damalige Zeit erinnert, in der das alte System kurz vorm Zusammenbrechen war und daher nochmals alle Verbocktheit aufbot und alle retardierenden Kräfte aus dem Keller holte, um kritisches und alternatives Denken zu verhindern.

Diese retardierende Funktion übernehmen heute allerdings nicht mehr Stasi-Agenten im grauen Mantel wie damals, nein, die Drecksarbeit zur Sabotage zivilgesellschaftlichen und basisdemokratischen Engagements übernehmen heute Personen, die vom Förderband eines alternativlosen Schul- und Universitätssystems gelaufen sind, nachdem sie dort ethisch-moralisch kahlgeschoren und intellektuell zugespitzt, geteert, gefedert, geformt, genormt, verschweißt und elektronisch verkabelt wurden. Was sie nun tun, entspringt scheinbar ihrem eigenen Willen zum „Fortschritt“, ihnen bewusste „Verschwörung“ anlasten zu wollen, ginge daneben – was sie jedoch nicht minder gefährlich macht.  Der Auftrag der vom Förderband gelaufenen Terminatoren: Endlich Schluss machen mit allem, was der reinen technokratisch-mechanistischen Effizienz, also dem Ideal des Borg-Kubus (siehe Wiki-Eintrag) widerspricht.

Denn ein solches technokratisches Ideal kann unmöglich verwirklich werden, solange die Menschen noch an diejenige tiefere Ebene des Daseins glauben, die Hermann Hesse als „Welt Mozarts“, Platon als „Reich der Ideen und lebendigen Urbilder“ oder Viktor Frankl als „noetische Ebene (von gr. nous=Sinn)“ angedeutet hatten und die auch von ausnahmslos allen anderen großen Poeten und Weisen aller bisherigen Zeitalter als Wurzel, Sinn und Ziel des Menschseins beschrieben wurde. Nur so nebenbei, jener Mann, der im heutigen X-Mas nur noch als „X“ vorkommt, aber dessen kompromisslose und wahrheitsfordernde Worte die Welt seinerzeit so erschüttert haben, dass man die Zeitrechnung seinetwegen auf Null gestellt hat, redete auch immer davon, dass „sein Reich nicht von dieser Welt“ sei. Was ihn auch dazu veranlasste, dass er die Geldwechsler mit der Peitsche aus dem Tempel jagte und die damaligen Blockwarte und etablierten Funktionäre der Macht, die Schriftgelehrten und Pharisäer, bei jeder Gelegenheit als Heuchler und als Schlangenzungen bezeichnete.

Von besagten Terminatoren, die vom Förderband des Szientismus gelaufen und ins Rennen um die Zukunft der Menschheit geschickt wurden, wird dazu nun eine radikale Antithese aufgestellt:

„Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen, ergo ist alles Wurst, ergo können Mensch und Umwelt nach reinen Effizienzkriterien ausgeschlachtet werden.“

Wer sich diesem Glaubensbekenntnis des nihilistischen Szientismus und Sachzwanges nicht beugt, wird mit Bulldozergewalt niedergewalzt, an den digitalen Pranger gestellt und medial verbrannt (siehe dazu einen der letzten Artikel des Eifelphilosophen: „Deutschland 2015: Das Ende der offenen Gesellschaft und der Bürgerkrieg gegen die Vernunft“).

Zurück aber zu Weihnachten. Eines der genialsten Weihnachtsgedichte, das mir in den letzten Jahren untergekommen ist, stammt von Steve Geshwister und heißt „Heilige Abende“

Kurz zur Rahmenhandlung:

Bei Schmidts gibts Heiligabend Gans
Bei Müllers Würstchen mit Püree
Frau Ott kocht Brüh‘ aus Ochsenschwanz
Die Mayer brät ein Rindsfilet (…)

Ein iPad für den kleinen Mayer
Ein Kindle für das Müllerkind
Für Oma Ott ein Nudelseiher
Wie schön, dass wir beisammen sind!

Man ist befriedigt, satt, so voll
Dass langsam Geist und Klarheit schwinden
Wär dieser Jesus nicht schon toll
Man müsste ihn erfinden!

Einzig Herr Müller verquert diese Endzeitfest-Idylle. Dreimal stößt er aus den Fluch: „Der Blitz beim Scheißen in euch fahre!“ – Aber lesen Sie selbst… (siehe Heilige Abende).

5000 Politiker-Penisse online – über Ashley Madison, das größte Tabu und die Anleitung zu Glück und Unglück

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Bild: Briseis Painter (Public domain), Wikimedia Commons

Vor wenigen Tagen haben Hacker die intimen Daten samt Namen und Adressen von über 32 Millionen Nutzern des Seitensprung-Portals „Ashley Madison“ ins Internet gestellt. Mit den Profilen wurden auch Chat-Protokolle und intime Fotos veröffentlicht, hierbei zeigten ein Drittel der Nutzer-Fotos erigierte Penisse. Lt. Experten für Internetsicherheit sind auch rund 15.000 Personen aus Regierung und Militär betroffen. Im Klartext heißt das, dass derzeit ca. 5000 Regierungs- und Politikerpenisse online gestellt sind.

Wieviele Politiker-Penisse nicht online gestellt sondern stattdessen gewinnbringend nutzbar gemacht wurden, indem man für deren Nicht-Veröffentlichung satte Beträge oder politische Gegenleistungen in Rechnung gestellt hat, weiß man nicht. Wir haben schon einmal darauf hingewiesen, welches Erpressungspotenzial durch über „staatliche“ Bürgerüberwachungssysteme routinemäßig abgeschöpfte Privatfotos besteht, aber das ist ein anderes Thema, das uns heute nicht beschäftigen soll. Kehren wir zurück zu Ashley Madison und zu Sex and the City.

Die Hackergruppe namens The Impact Team hat mit weiteren Cyberattacken gedroht. Nicht nur Websites, sondern „alle Unternehmen, die hunderte Millionen damit machen, dass sie von den Schmerzen, Geheimnissen und Lügen anderer profitieren“ könnten gehackt werden, so lautete die per E-Mail gemachte Mitteilung gegenüber der Medienwebseite „Motherboard“.

Grund genug, um uns hier einmal zur Abwechslung nicht nur mit politischen Desastern, Nuklearbedrohungen und dergleichen zu beschäftigen, sondern vielleicht auch einmal den nuklearen Overkill zu beleuchten, der sich momentan im zwischenmenschlichen Bereich abspielt.

Da wir hier ja bekanntlich keine Berührungsängste mit unausgesprochenen Tabus haben, wollen wir uns also kurz mal auch in dieses heikle Thema hineinwagen. Wenn ich mich dabei manchmal meiner philosophischen Zurückhaltung entledige und einiger ungewohnt vulgärer Ausdrücke bediene, dann möge man es mir diesmal bitte nachsehen. Aber das Thema ist leider so brandaktuell bzw. sorgt derzeit für einen solchen Flächenbrand, dass Zurückhaltung schwierig ist.

Also, dann legen wir mal los (unter 18jährige lesen im Sinne des Jugendschutzgesetzes und selbstlimitierender Zensur ab hier bitte nicht weiter, sondern nehmen sich brav ein MickeyMouse Heft zur Hand)…

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In einem Radiobeitrag referierte unlängst ein sehr gescheiter Soziologe, seinen Namen habe ich leider nicht behalten, zum Thema „Überleben in der Großstadt“. Er hatte es sich in einer Studie zur Aufgabe gemacht, zu erforschen wie heute typische Großstadtmenschen in einem Arbeits- und Umweltmilieu durchzukommen versuchen, das auf sie – beim einen mehr, beim anderen weniger bewusst – frustrierend und kräftezehrend wirkt und das den Menschen in immer rasanteren Leistungsanforderungen immer mehr Richtung Burnout drängt.

Sein überraschendes Fazit: Indem sie ihre Partner „bescheißen“!

In einer faszinierenden Ausführung erläuterte er dann einen für jeden gesund empfindenden Menschen zunächst pervers anmutenden Mechanismus, wonach jemand, der betrogen bzw. beziehungsmäßig traumatisiert wird, Kräfte einbüßt, während der Betrüger äußerlich in einem narzisstischen Egoitätsgefühl erkraftet. Der „weggeschmissene“ Partner muss indes mit einem Selbstwertdefizit seinen Weg fortsetzen, fühlt sich seiner Substanz beraubt und wird vielfach sogar krank. Obwohl der psychologische Wirkungsmechanismus, der beim betrogenen Partner – auch ohne dass er vom Betrug weiß – Kräfteraub und Krankheit verursacht, noch nicht abschließend geklärt ist, so scheint es jedenfalls, dass wir mit dem Partner, dem wir uns einstmals versprochen haben, auf seelischer Ebene doch viel intensiver verknüpft sind als wir äußerlich ahnen.

Der moderne, spaßoptimierende Hedonist hört solche Dinge natürlich nicht gerne, denn das würde ja bedeuten, dass man für das Schicksal seines Partners doch tatsächlich eine Verantwortung hat – und „Verantwortung“ ist ja heute eines der unangenehmsten und daher meistgehassten Wörter, weshalb es umgangssprachlich schon fast ausgemerzt wurde und wohl demnächst auch aus dem Duden gestrichen wird.

Verantwortung läuft der Kategorie Spaß diametral entgegen und diese ist schließlich unser nimmersatter Götze. Da die Arbeitswelt inzwischen absolut unlustig geworden ist, so muss im Gegenzug alles im Leben, was nicht Arbeit ist, Sch(p)aß machen. Macht es/er/sie keinen Spaß mehr, dann wird es/er/sie umgehend entsorgt und landet auf der Müllhalde.

Umgekehrt kann durch das Kriterium Sch(p)aß heute alles gerechtfertigt werden, was zuvor noch reiner Wahnsinn war. In Dänemark etwa hat lt. Reportage der Welt ein schwunghafter Tourismus mit Gästen eingesetzt, die Tierbordelle besuchen. Insbesondere die Deutschen würden dieses Angebot gerne nutzen, seit 2013 in Deutschland Sodomie gesetzlich verboten wurde.

Als der Geschlechtsverkehr mit Schweinen, Pferden und Hunden in Dänemark die öffentliche Diskussion angefacht hatte, ob man solche Dinge nicht doch besser verbieten solle, wurde eine wissenschaftliche Studie zum Thema in Auftrag gegeben. Und jetzt raten Sie mal, was rausgekommen ist. Sie ahnen es wohl schon … – stimmt. Nachdem der akademisch akkreditierte Sachverständige in seiner Studie feststellte, dass es in Einzelfällen auch vorkommt, dass der Geschlechtsverkehr mit dem Menschen auch dem Tier SPASS mache, war die Verbotsforderung augenblicklich vom Tisch, alle Kritik von Politik und Tierschutz war verstummt. Und die deutschen Busse, vollgefüllt mit „Zoophilen“, wie sie sich nennen, fahren weiter fröhlich nach Dänemark.

Lassen wir das unappetitliche Thema aber wieder und kehren wir zurück zum Menschen und seiner partnerschaftlichen Beziehung.

Wir haben von der unangenehmen Wahrheit gehört, dass es nicht einerlei ist, ob man seinem Partner treu ist oder ihn betrügt und dies den Betrogenen sogar krank machen kann (für den Umstand, dass es die Kinder krank macht, die in dem Beziehungsscherbenhaufen übrigbleiben, braucht es indes gar keine psychologische Beweisführung, hier spricht die empirische Statistik eine eindeutige Sprache: nachdem das Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil lebt, sind laut Statistik Armut und damit auch Krankheit und eine verkürzte Lebensspanne fast schon vorprogrammiert. Aber wen schert das schon. Darauf hinzuweisen sorgt in unserem Zeitalter des porno lifestyle und des grenzenlosen Sch(p)aß nur für noch mehr Ärger. Ein Politiker, der sich mit solch altbackenen Vorstellungen über Verantwortung und ähnliches Zeugs positionieren würde, bekommt höchstens eine Keule auf den Kopf aber ganz sicher keine Stimmenmehrheit.)

Die angesprochene Schicksalsverantwortung steht also in krassem Gegensatz zur derzeit gelehrten und flächendeckend über den Flachbildschirm ausgestrahlten Meinung, wonach ein Geschlechtsakt mit einem Außenstehenden nichts viel anderes ist als wenn man mit jemandem einen Kaffee trinken geht – einer Meinung, der inzwischen übrigens auch die Judikatur folgt: Ehebruch ist in vielen Ländern kein gesetzlicher Scheidungsgrund mehr.

Dass der im genannten „Bescheißspiel“ äußerlich strahlende „Gewinner“ sich bei seinem Betrug menschlich selbst unter den Hund befördert, ist zwar ein anderes Thema, aber würde hier zum Abschweifen führen. Indes suggerieren einem die Boulevardmedien, dass es das Normalste der Welt wäre, mal den Partner zu wechseln oder einen Seitensprung zu machen, wenn die alte Beziehung nicht mehr genügend körperlichen Reiz hergibt. Wenn man die Anmelderzahlen der jüngst geleakten und daher bei den Betroffenen derzeit für Panik sorgenden Dating-Plattform für Verheiratete wie Ashley Madison zur Kenntnis nimmt, dann weiß man, wie sehr die Sache inzwischen zum Breitensport geworden ist.

Warum steigen aber hierzulande die Depressions- und Burnoutraten samt Psychopharmakonsum trotzdem so exponentiell an, obwohl ja dem fernsehenden Dosenbierbürger heute mit einem Mausklick der grenzenlose Sch(p)aß als Lifestyle offensteht? Lt. WHO Prognose werden im Jahr 2030 Depressionen die Volkskrankheit Nr. 1 sein.

Zum Schluss noch eine Wasserbombe:

Eine der international bekanntesten Künstlerinnen, Tracey Emin, hat jüngst in einem Interview verkündet, dass sie nun das größte Tabu unserer Zeit brechen wolle.

Wer würde wohl ahnen, was dieses „größte Tabu unserer Zeit“ ist? – In einer Zeit, in der die orgiastischen Inszenierungen von Aktionskünstlern wie Nietsch, Brus, Mühl & Co. längst Schnee von gestern bzw. grauer Matsch sind. Einer Zeit, in der Sado-Maso Phantasien wie „Shades of grey“ in Wirklichkeit nur noch angeödetes Gähnen hervorrufen. Einer Zeit, in der desperate Hausfrauen durch die Gegend torkeln und Ausschau halten nach dem nächsten Pavian, der von der Laterne herunteronaniert. Einer Zeit, in der der fernsehende Bürger bereits überfüttert ist mit allen nur erdenklichen und tausendfach neu aufgewärmten Varianten des Wahnsinns und Exzesses – in einer Gesellschaft, in der Regisseur David Schalko vor kurzem „die Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“ verortete.

Was soll uns da bitte noch jucken?

Nun, Frau Emin lässt die Bombe platzen, die ihr womöglich demnächst die Karriere kosten könnte: Sie erklärt doch tatsächlich hochoffiziell, dass sie keinen Sex habe und auch gar nicht mehr an Sex interessiert sei. Manchmal komme auch ihr zwar noch der Gedanke an Sex in den Sinn, aber sie verwerfe ihn sogleich, da sie das Ganze einfach nicht mehr interessiere.

Dabei ist die Dame in ihrem künstlerischen Schaffen hochaktiv, sprüht vor Ideen und Elan und jettet von einem internationalen Projekt zum nächsten.

Dass ein Mensch, der noch nicht im Grab ist, sich erdreistet, entgegen dem Zeitgeist kein oder nur ein geringes Interesse an Sex zu haben – das ist wirklich reine Häresie. Wer so etwas äußert, der hat Konsequenzen zu befürchten. Es würde daher nicht wundern, wenn die Karriere der bisher sehr erfolgreichen Künstlerin, die dem kategorischen Imperativ unserer Zeit „Du musst Sex haben, und zwar exzessiv!“ widersagt, demnächst beendet ist und ihr die Medien und Galerien ihre Gunst entziehen. Denn wer heute nicht sexy ist, wird entsorgt und verschrottet.

Falls einer der Youngsters unter den Lesern entgegen der Warnung am Artikelanfang trotzdem bis hierher weitergelesen hat, – als Ausgleich zum Müll aus der Erwachsenenwelt, den ihr euch hier habt reinziehen müssen – zum Schluss noch ein kleiner Hinweis unter vier Augen, den ihr in der „Lügenpresse“ sicher nicht zu hören bekommt, der euch aber euer Lebensglück (und Kopf und Kragen) retten könnte:

Also: Pssst….! Nicht weitersagen, sonst hält man euch für dumm. Aber behaltet’s trotzdem als Geheimnis in eurem Herz:

In Wirklichkeit hat jede Beziehung Phasen, in denen die Sexualität zurückweicht und sogar verschwindet – was an sich eine große Chance wäre, sich endlich über wirkliche gemeinsame Interessen näherzukommen, die über den egoistischen Trieb hinausgehen. Wer das schafft, erlebt seine Partnerschaft als unendlich bereichernd und erfüllend. Durch den rat porno lifestyle wird aber das Gegenteil suggeriert: Nur der körperliche Lustreiz zählt, wer den nicht mehr hat, hat ausgedient und wird weggeschmissen wie eine leere Bierdose. Dabei ist das eine der unglaublichsten Lügen, die derzeit eurer Generation eingeimpft wird. Denn in Wirklichkeit ist die körperliche Anziehung dasjenige in einer Beziehung, was am allerschnellsten langweilig wird. Und eine Beziehung, die keine seelischen oder geistigen Gemeinsamkeiten hat bzw. die sich im Laufe der Beziehung nicht zu solchen aufschwingen kann, sondern nur auf körperlicher Anziehung beruht (am Anfang ist, wenn man ehrlich ist, nun mal der körperliche Reiz am stärksten), ist aber meist schnell zu Ende.

Also der Tip eines alten Parkwächters, der in seinem Leben schon viel gehört und gesehen hat: Wenn ihr euch nach einem Partner/ einer Partnerin umschaut, dann schaut nicht nur, ob ihr euch körperlich anzieht. Prüft auch,

  • ob ihr seelisch etwas gemeinsam habt
  • und ob ihr geistig Themen/Motive/Lebensideale habt, die ÜBER die bloße Zweierbeziehung hinausgehen und etwas für die Welt beitragen wollt

Denn so etwas verbindet wirklich. Hat man auf diesen Ebenen gemeinsame Ziele, dann vertieft sich eine Partnerschaft immer mehr.

Hat man das nicht, sondern lässt sein Radar nur auf der körperlichen Ebene bzw. nach dem Kriterium „Geilheit“ laufen, dann ist der Ofen einer Beziehung spätestens nach 3 Jahren, oft schon nach wenigen Monaten aus und man ödet sich an. Dann zerbricht die Sache, man sucht sich einen neuen Partner und das Ringelspiel beginnt von vorne, bis man im Alter schließlich selbst so abgewrackt ist, dass oft nicht einmal die eigenen Kinder mehr etwas von einem wissen wollen.

Mit einer Beziehung ist es im Prinzip wie mit einem kleinen Bäumchen. Wenn man es ständig aus dem Boden, in dem es gerade Wurzeln geschlagen hat, wieder ausreißt, dann kann es nie ein kräftiger Baum werden, sondern es wird dahinwelken und mickrig bleiben.

Im Grunde ist es heute übrigens ganz einfach, ein wirklich sinnerfülltes und glückliches Leben zu führen, obwohl es angesichts des Gegenwindes anfangs nicht leicht ist. Man braucht einfach immer nur das Gegenteil von dem zu machen, was die Medien als lifestyle suggerieren.

Und umgekehrt: Wer todsicher unglücklich werden will, braucht nur ebendiesen von den Medien suggerierten lifestyle assimilieren. Die Lektüre von Paul Watzlawicks satirischem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ hat sich heute vollkommen erübrigt. Man bekommt diese Anleitung täglich frei Haus geliefert.

In diesem Sinne: Gute Nacht. Und nochmal Entschuldigung für meine ordinäre Wortwahl.

Der glitzernde Deckmantel des Wahn-Sinns: Die Werbung

Der glitzernde Deckmantel des Wahn-Sinns: Die Werbung

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Foto: Shawnrenefitness CC BY SA 3.0 Quellenlink

Eigentlich müsste man die Werbeindustrie klagen. Schließlich müssen laut Produkthaftungsgesetz unerwünschte Nebenwirkungen auf einem Beipackzettel deklariert werden. Kommt ein Konsument zu Schaden, stehen ihm einklagbare Schadenersatz- und Regressansprüche zu. Denn der uns schon von Kindheit an täglich medial eingehämmerte Lifestyle führt zu einer mittlerweile unübersehbaren Zerstörung: ökologisch, ökonomisch, sozial und allgemeinmenschlich stehen wir heute am Abgrund.

Die Werbung suggeriert uns aber etwas anderes: Wir müssen bloß noch mehr diesen Lifestyle zelebrieren bzw. entsprechende Produkte konsumieren, dann werden wir strahlend glücklich.

Dass das Gegenteil der Fall ist – dass wir durch diesen Lifestyle krank, depressiv und ausgebrannt werden (lt. WHO werden im Jahr 2030 Depressionen die häufigste Krankheit sein) -, das verschweigt die Werbebranche wissentlich und daher vorsätzlich. Im Strafrecht werden vorsätzliche Schadenshandlungen mit ungleich schärferer Strafe belegt als fahrlässige oder unwissentliche Handlungen, wobei de jure sogar Unwissenheit nicht vor Strafe schützt.

Gäbe es die Werbung bzw. den von ihr produzierten Zuckerguss nicht, dann würde der unter dem Zuckerguss liegende, toxische Mistkrapfen niemandem mehr schmecken. Und das darf nicht sein. Denn unzählige Menschen sind mit der Produktion und dem Vertrieb solcher Mistkrapfen beschäftigt. Wenn Mistkrapfen nicht mehr nachgefragt und konsumiert werden, brechen wertvolle Arbeitsplätze weg. Und dass Arbeitsplätze entwickelt werden, an denen etwas anderes produziert wird als Mistkrapfen, das übersteigt anscheinend unseren momentanen Vorstellungshorizont.

In einem späteren Zeitalter wird man daher für den heute in Gang gesetzten ökologischen, ökonomischen und allgemeinmenschlichen Niedergang nicht die Diktatoren, Oligarchen und Politiker des 21. Jahrhunderts verantwortlich machen – obwohl auch ihnen in der Hall of Shame ein Ehrenplatz gewiss ist -, sondern als eigentliche Schergen des Wahn-Sinns wird man die Zunft der Werbefritzen ausmachen. Wären sie nicht gewesen bzw. hätten sie nicht ihr gewissenloses Handwerk verrichtet, dann wäre es unmöglich gewesen, den glitzernden Illusionsmantel aufrecht zu erhalten, hinter dem sich die dunklen Machenschaften des Mammon und der absolute Niedergang hemmungslos entfalten konnten.

Denn denkt man sich die von der Werbung erzeugten Illusionsbilder mit strahlend glücklichen, dank Photoshop von jedem Muttermal und sonstigen Makel befreiten Models, die sich lasziv in einer gleichzeitig nach Vanille, Himbeer und Pistazie duftenden Schokoladecreme räkeln und denen die Vibrationsfunktion ihres am Schoß liegenden neuen Smartphones die Erleuchtung beschert, einmal weg, dann wären die Menschen schlagartig aus ihrer Narkose aufgewacht. Sie wären vom Operationstisch aufgestanden und hätten sich nicht länger ein Glied nach dem anderen abnehmen lassen, ohne zu zucken. Dass der Mensch stattdessen ruhig am OP-Tisch liegengeblieben ist, bis man ihm schließlich auch seinen Kopf abgenommen hat, ist allein dem von der Werbeindustrie und dem Entertainment produzierten Narkosemittel geschuldet.

Schon als kleine Kinder werden wir an die virtuelle Infusionsflasche gehängt, über die uns dieses raffinierte Narkosemittel in die Blutbahnen gepumpt wird. Sind wir dann endlich herangewachsen und in einem Alter, in dem es die dem gesunden Menschenverstand entsprechenden Aufgaben anzupacken gälte, haben wir bereits fast alles vergessen. Nachdem uns das Förderband von Schule und Uni ausgespuckt hat, ist das, was wir für dieses Leben eigentlich sinnvollerweise als individuellen Lebenssinn vorhatten, zugeschottert und zugeteert. Stattdessen folgen wir wie die Lemminge einem fremdbestimmten Lebensstil, der uns zunehmend aushöhlt und kaputtmacht, von dem wir aber wie von einer Droge nur unter Mühe loskommen.

„DUCHLESS“ – „SEELENKALT“, mit einem Wortspiel, zusammengesetzt aus dem russischen „duch“ (=Seele, Geist) und dem englischen „-less“ (=fehlend, ermangelnd), so betitelte der russische Autor Sergej Minaev seinen Bestsellerroman, in dem er unserer Generation einen Spiegel vorhält und eine unbarmherzige Abrechnung mit dem zur Normalität erklärten, in Wirklichkeit selbstzerstörerischen Lebensstil vornimmt.

In ihm erfährt man, dass die mit Botox auf Hochglanz polierten und dank Amphetaminen verzückt lächelnden Models, die sich im Werbespot in der Schokoladesauce räkeln, in Wirklichkeit depressive Borderline-Patienten, also psychische Wracks sind. Wie Menschen durch immer groteskeren Exzess und Steigerung der Beschallungslautstärke versuchen, das seelische Vakuum zu kompensieren, dadurch aber erst recht ausgehöhlt werden.

Im vorgenannten Buchtitel liegt aber auch gleichzeitig der Kern bzw. die Lösung unseres Problems: Wir haben unsere DUCH verloren bzw. verpfändet. Und einen Mensch, der seine Seele bzw. seinen individuellen Lebenssinn nicht mehr spürt, kann man beliebig gängeln (um Missverständnissen vorzubeugen: erfüllender, individueller Lebenssinn hat rein gar nichts mit dem in der Werbung propagierten Narzissmus zu tun, sondern ist immer auf den Anderen bzw. auf die Mitwelt bezogen. Verfehlt man diesen Sinn, indem man nur narzisstisch selbstbezogen lebt, ist man unglücklich. Verwirklicht man hingegen diesen Sinn, indem man notwendigen Konsum so weit wie möglich mäßigt, dafür aber soviel Erbauliches als möglich an Mitmensch und zukünftige Welt aktiv GIBT, dann ist man glücklich – das ist das wahrscheinlich bestgehütete Geheimnis der Welt. Denn würde es in unseren Schulen gelehrt, dann wäre der Wallstreet und den mit ihr zusammenhängenden Wirtschaftskratzleien in kürzester Zeit der Boden entzogen, das derzeit etablierte Macht- und Wirtschaftssystem hätte keinen Bestand mehr.)

Denn die Wahrheit ist: Man will in Wirklichkeit nicht konsumieren und kahlfressen, sondern im Gegenteil: Man will der Welt etwas geben, sie um eine spezifische individuelle Färbung und Qualität bereichern – und das ist bei jedem Menschen etwas anderes bzw. muss jeder individuell herausfinden, was er der Welt zu geben hat, wenn er glücklich sein will.

Freilich ist das eine auf die Seele bezogene Wahrheit. Indem man uns – wie derzeit in Schule und Uni gelehrt – nur auf die körperliche Existenz reduziert, gilt ein anderes Gesetz: Wer mehr frisst, hat mehr im Bauch.

Dann wird sich eine von Thomas Hobbes postulierte Realität verwirklichen, in der „jeder Mensch des anderen Menschen Wolf“ („homo homini lupus“) ist.

Ob wir DUCH-LESS bleiben und in eine vollendete Wolfsrealität einmünden wollen, oder ob wir die Ärmel hochkrempeln und wieder DUCH-RICH werden wollen, darf niemand anderer entscheiden als wir selbst. Und die Volksabstimmung zur Wahl, auf welchen dieser beiden Wege unsere Reise weitergehen soll, findet genau heute statt. Jeder darf sein Kreuzerl machen und seinen Stimmzettel in die Urne einwerfen.

Über den Ausgang der Wahl werden sich die Nichtwähler, die lieber daheim vorm Flachbildschirm sitzen bleiben, also nicht beschweren dürfen. Denn es wurde demokratisch abgestimmt und wir hatten die freie Wahl…

 

Die Helden unserer Zeit

Nachdem ich letzte Woche in St. Gallen den Frieden suchte, aber nur Menschen traf, die so schnell als möglich nach Hause wollten, wurde ich dieses Mal fündig. Dank recherchierten Hinweisen eines Lesers blieb mir eine weitere Odyssee durch die St. Galler Altstadt erspart. Ich steuerte den Platz in der Näher des bekannten Klosters von St. Gallen an und traf eine Handvoll Menschen, die sich, trotz winterlicher Temperaturen zur Friedensmahnwache eingefunden hatten. Ausgerüstet mit Plakaten und einer kleinen Soundanlage boten sie jedem die Möglichkeit, seine Ansicht und Wünsche zum Thema Frieden mitzuteilen.

 

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Einzelne Aktivisten schrieben mit Kreide Friedensbekundungen auf den Boden oder verteilten Flyer an Fussgänger. Die meisten Passanten nahmen jedoch wenig bis gar keine Notiz und wollten eigentlich nur so schnell als möglich nach Hause in die warme Stube. Ansonsten war der Platz leer. Der Frieden hat es schwer bei Temperaturen um die Null Grad. Zudem muss man sagen, dass die St. Galler nicht gerade bekannt sind für ihr Nachtleben, denn nach Ladenschluss werden die Bordsteine hochgeklappt.

 

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Ein aufgezeichnetes Interview möchte ich hier in gekürzter Form wiedergeben.

Wie lange gibt es die Friedensmahnwache in St. Gallen?

Sie wird seit dem Frühling 2014 regelmässig durchgeführt. Am Anfang vor dem Rathaus, was aber bei den Behörden nicht gut ankam. Sie verlangten eine Bewilligung durch die Stadtpolizei, was wir dann gemacht haben und sind seit dann an verschiedenen Orten in der Stadt präsent.

Wie hoch sind die Teilnehmerzahlen?

Wir waren schon über 50 Personen in den Herbstmonaten, aber im Winter sank diese Zahl merklich. Es bildete sich ein „harter Kern“ der regelmässig an der Mahnwache mitmacht und langsam wächst.

Was ist das Ziel der Mahnwache, was wollt ihr erreichen?

Wir möchten die Menschen darauf aufmerksam machen, dass man nicht alleine auf der Welt ist, dass es verschiedene Meinungen gibt und nicht nur eine, dass man offen bleiben sollte für andere Lebensansichten sowie Perspektiven, dass man wieder vermehrt zuhören sollte und die Augen und das Herz offen behalten sollte und zwar für alle Bevölkerungsschichten und Kulturen.

Wie ist die Akzeptanz bei der Bevölkerung in Bezug auf die Friedensmahnwache?

Wir haben bis jetzt noch keine negative Reaktion erfahren. Die Akzeptanz ist sehr hoch, auch wenn sich viele noch nicht trauen, das offen zu zeigen.

Werdet ihr von der Stadt, respektive von der Politik unterstützt? Sei es materiell, logistisch oder finanziell?

Nein in keiner Form. Wir müssen für alle Sachen selber aufkommen, selbst die Bewilligung der Friedensmahnwache wird von uns selber bezahlt. Aber das ist eigentlich gut so, denn so kann man uns nicht instrumentalisieren oder sich jemand auf unsere Kosten profilieren. Wenn jemand spenden will, darf er das gerne machen.

Plant ihr noch andere Aktionen wie die Friedensmahnwache?

Nein eigentlich nicht. Wir treffen uns sporadisch zu Diskussionsrunden im öffentlichen oder privaten Raum.

St. Gallen besitzt mehrere Medienanstalten wie Zeitung, Radio und Fernsehen. Gibt es eine Zusammenarbeit mit diesen Medien?

Nein, bisher nicht. Wir stehen ja für eine freie Meinungsäusserung und Berichterstattung ein. Mit diesen Gedanken haben die Medien so ihre Mühe. Deshalb boykottieren sie die Friedensbewegung. Sie wollen den Bürger nicht darüber informieren, denn dann könnte sich die öffentliche Meinung ja gegen sie richten aufgrund der politisch manipulierten Berichterstattung.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit anderen Friedensbewegungen?

Vereinzelt ja, es kamen Vertreter aus anderen Ortschaften zum Beispiel Chur oder Lichtensteig und sie wollen nun selber Friedenmahnwachen durchführen. Aber es hat noch wenig Friedensaktivisten, die Szene respektive Vernetzung ist sich erst am Aufbauen. Wir besuchten die internationale Friedensmahnwache in Wien und Kundgebungen in Luzern und Zürich. Leider ist der Zulauf zu den Friedensbewegungen von Tragödien abhängig. Wenn nichts Aussergewöhnliches passiert, bleibt der Schweizer zu Hause.

Wir kommen zum Schluss des Interviews. Möchtet ihr noch den Lesern etwas für die Zukunft mit auf den Weg geben?

Es würde uns sehr freuen, wenn sich mehr Menschen für den Frieden interessierten, zur Friedensmahnwache kommen und mit uns über die aktuellen Entwicklungen auf der Welt diskutieren. Es ist unser Wunsch dass die Menschen ihre Herzen und Augen öffnen, tolerant bleiben und weniger pauschalisieren. Frieden fängt bei jedem einzelnen an und jeder hat die Möglichkeit, seinen Frieden an seine Mitmenschen weiter zu geben. Wir machen jedenfalls weiter bis der Weltfrieden herrscht und halten uns an den Spruch:

„ Stell dir vor es ist Frieden und jeder geht hin.“

Ich bedankte mich für das Interview und wünschte ihnen viel Erfolg bei der Verbreitung des Friedens.

Im Anschluss gab es noch ein Gruppenfoto mit anschliessender Musikeinlage. Danach machte ich mich auf den Heimweg, beladen mit Aufnahmen, Fotos und einem Gefühl der Bewunderung für die Friedenaktivisten. Sie lassen sich nicht durch äussere Widrigkeiten beeinflussen und setzen sich mit Herzblut für den Weltfrieden ein. Das verdient Respekt und Anerkennung. Denn eines ist sicher, in den Geschichtsbüchern werden die Kriegshetzer sehr schlecht wegkommen, aber alle Aktivisten für den Frieden werden eines Tages als die unbeirrbaren Helden des Weltfriedens den Weg in die Annalen finden.

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Der Tod als Lehrmeister

Letzthin fand ich einen Artikel in unserem Lokalblättchen, dessen Thema schon zig Mal diskutiert, beschrieben, bewertet und verurteilt wurde. Je nach dem zu welcher Fraktion man sich zählt. Gemeint ist das Thema „Sterbehilfe“ und der eigene Tod. Hier gehen die Meinungen Lichtjahre auseinander, wobei das Tragische nicht die die verschiedenen Ansichten sind, sondern mit welchen Argumenten die Verteidiger der einzelnen Meinungen ihre Ansichten vertreten. Den Wenigstens ist dabei bewusst, dass sie irgendeine Ideologie nachplappern, deren Sinn sie für ihr Weltbild zurechtgebogen haben und es bequem ist, die Verantwortung über den eigenen Tod irgendjemanden zu übertragen.

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Man erkennt die unmündige Haltung gegenüber dem Tod aufgrund der Tatsache, wie in der Gesellschaft damit umgegangen wird. Darüber reden ist unangenehm, darüber zu schreiben noch mehr. Wenn man in der Öffentlichkeit über den Tod spricht, passen sich die physiognomischen Gesichtszüge automatisch dem Inhalt an. Die Mundwinkel ergeben sich der Erdanziehung, die Stimme wird leiser, der Augenkontakt selten. Warum eigentlich? Das haben wir diversen Ideologien, Besserwissern und kollektiven Angsthasen zu verdanken.

 

Ideologie

Darunter verstehe ich die verschiedensten Formen von Religion. Bei uns ist das Christentum vorherrschend. Die Masse huldigt einen gekreuzigten, gefolterten und leblosen Körper an, der überall in der Landschaft steht oder irgendwelche Räume optisch in Folterkeller verwandelt. Das Christentum und seine Anhänger haben während hunderten von Jahren ihr mörderisches Handwerk perfektionieren können. Eigentlich die besten Voraussetzungen für einen konstruktiven Umgang mit dem Tod. Den haben sie auch, aber nur den Tod von anderen, nicht den eigenen. Diese Religion ist derart mit Scheinheiligkeit durchzogen , dass die eigentliche Philosophie des Christentums unter einem Berg von Lügen, Machtgeilheit, Hormonen und Raffgier begraben liegt. Da ist ein aufklärender Dialog unmöglich, egal welches Thema man anschneidet. Beim Tod sülzen die Pfaffen irgendwas von Auferstehung, Himmel und Hölle. Aber kein einziges Wort, wie man sich auf seinen Tod vorbereitet, damit man ihn mit einem Lächeln begrüssen kann. Aber eben, schon Lächeln ist bei den Christen verpönt. Und das noch im Zusammenhang mit dem eigenen Tod, da kommt jeder Christ an seine Grenzen.

 

Besserwisser

Das sind die in Weiss. Sie nennen sich Ärzte und kommen oft mit dem Tod in Begleitung. Manchmal ist es nicht ganz klar, wer denn nun der Sensenmann ist. Man könnte meinen, die zwei sind in einen Wettkampf verwickelt. Wer ist schneller, wer ist effizienter. In machen Spitälern kommt der Tod nicht mal auf einen Podestplatz. Die Ärzte machen ihm schlicht den Rang streitig, die meisten Menschen um die Ecke gebracht zu haben. Unterstützt werden sie noch von den Pharma-Giftmischern, die eine Unzahl an Mittelchen bereitstellen, um die Kundschaft gewinnbringend abserbeln zu lassen. Kein Wunder hat Gevatter Tod in den Human-Metzgereien keine Chance. Er ist Einzelkämpfer und muss sich gegen eine Überzahl Weisskittel behaupten, das ist unfair.

 

Angsthasen

Da ist der Rest der menschlichen Unmündigeiten gemeint. Respektive diejenigen, welche bei diesem Thema ins Stottern kommen oder krampfhaft einen rhetorischen Richtungswechsel erreichen möchten. Sie haben immer noch das Gefühl, wenn man etwas nicht anspricht, erledigt sich das von selber. Das stimmt. Der Tod braucht keine Worte, er macht einfach seine Arbeit. Für die meisten Menschen kommt er aber unverhofft und sie erschrecken bis ins Mark. Es können sich diejenigen glücklich schätzen, bei denen der Tod blitzartig zuschlägt und man nicht mal Zeit hat, den eigenen Tod zu realisieren. Oder die, welche am Abend einschlafen und einfach am anderen Morgen nicht mehr aufwachen. Die Meisten wünschen sich die Einschlaf-Methode. Ist bequem, verantwortungslos und zum Glück eher selten. Da sind die tödlichen Blitzaktionen noch häufiger anzutreffen. Auch die sind sehr luxuriös für den Sterbenden und entbinden ihn vor jeglicher Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Zack und fertig.

Das sind die Sterbe-Jack-Pots. Wer unvorbereitet und gedankenlos ins Nirwana wandern darf, hat einfach nur Glück gehabt. Für den Rest wird es weit unangenehmer. Sie wollen mehr über den Tod wissen und trauen sich nicht darüber zu sprechen. Und wenn sie den Mut aufgebracht haben, dann geraten sie entweder an einen, der gleich angezogen ist wie Gevatter Tod und die ganze Zeit das Blaue vom Himmel lügt oder die andere Fraktion, die Heilung verspricht aber den Tod bringt. Aber es gibt auch noch eine Alternative.

 

Sterbehilfe

Es gibt mittlerweile einzelne Organisationen, die sterbebereiten Menschen keinen heuchlerischen Schmus erzählen, sondern sie in ihrem Wunsch selbstbestimmt und in Würde zu sterben unterstützen. Es ist ein Armutszeugnis der menschlichen Gesellschaft. Da braucht es eine Institution um den Menschen ein respektvolles Sterben zu ermöglichen. Seit Jahrhunderten verhindern Ärzte, Religionsfanatiker und Politiker ein menschengerechtes Dahinscheiden. Nur mit dem Ziel Macht auszuüben, Geld zu verdienen und einfach gesagt die Sterbenden für dumm zu verkaufen. Noch nie war es den Besagten wichtig, den Menschen über seinen Tod aufzuklären, ihn in der Vorbereitung zu begleiten und ihn in seinem Wunsch zu unterstützen. Eine verachtenswerte Bande .
Die Mitarbeiter von Sterbe-Organisationen machen eine der wichtigsten Aufgaben auf der Welt. Ein würdevolles Ableben ermöglichen. Dabei stehen sie oft mit einem Bein schon im Gefängnis. Sie müssen enorm aufpassen, nicht eine Handlung zu begehen, welche gegen sie verwendet werden kann. Die drei Vasallengruppen von Ärzten, Pfaffen und Ignoranten warten nur darauf, bis sie was finden. Deshalb sind die Sterbehelfer in ihren Aktionen derart eingeschränkt. Sie können nur bedingt auf die Wünsche des Todeskandidaten eingehen. Das Gesetz schmeisst ihnen hier baumdicke Knüppel zwischen die Beine. Ich kann nur jedem raten, solche Organisationen zu unterstützen. Denn ausnahmslos jeder wird eines Tages davon profitieren können, wenn er nach seinen Wünschen sterben darf.

 

Ein würdevolles Sterben

Ich durfte selber miterleben, wie ein totkranker Mensch von den Vasallengruppen behandelt wird. Es war das nackte Grauen. Mir wurde die Ehre zu Teil, diesen Menschen in seinen letzten Monaten seines Lebens begleiten zu dürfen. Es war sein Wunsch. Wir verbrachten viele gemeinsame Stunden mit Gesprächen über den Tod und über das Leben. Ich erzählte mein Wissen darüber, reflektierten zusammen die Sterbekulturen verschiedener Völker, bis die totkranke Person ihr Sterberitual gefunden hatte. Wir spielten zusammen dieses Ritual durch, passten es an, bis auf den Lippen des Sterbenden ein Lächeln lag, wenn er über den eigenen Tod sinnierte. Wir hatten gemeinsam einen Weg gefunden, Gevatter Tod willkommen zu heissen. Die Einzigen welche sich dem Weg widersetzten waren die Ärzte und Pfaffen.
Ein Wunsch war es, zu Hause in der vertrauten Umgebung zu sterben. Das war das erste Problem. Die Ärzte versuchten mit allen Mitteln ihre Verdienstquelle zu behalten. Und der Spitalpfaff wollte mir unbedingt ein schlechtes Gewissen einreden. Nach seiner Ansicht war ich das Böse, was den Sterbenden von Gott wegführte. Ich erinnerte ihn an seine pädophilen Verpflichtungen und von da an hatten wir vor ihm Ruhe. In einer „Nacht und Nebel Aktion“ holten die Angehörigen und ich den Patienten aus dem Spital, ignorierten die vielen Zettelchen, welche wir unterschreiben sollten. Uns wurde sogar mit der Polizei gedroht und ich drohte mit meinem schon öfters beschriebenen Diktiergerät. Einzelne Aussagen von behandelnden Ärzten hatte ich auf Band und waren derart unter der Gürtellinie, dass sie ihre Drohungen in frustrierte Beschimpfungen umwandelten.

Die nächsten Tage verbrachte ich am Sterbebett des Totkranken bei ihm zuhause und begleitete ihn zusammen mit den Angehörigen auf seinem letzten Weg. Am dritten Tag schloss er friedlich die Augen. Gevatter Tod hatte seinen Schrecken verloren und wurde herzlich begrüsst. Alle Angehörigen waren zutiefst berührt über den glücklichen Gesichtsausdruck des Verstorbenen. Kein Zeichen mehr von Angst, Ungewissheit und Festklammern. Entgegen der abendländischen Gewohnheit , die Toten noch warm unter die Erde zu bringen, vereinbarten wir mit dem Bestattungsinstitut, dass der Leichnam elf Tage aufgebahrt wird, bevor man ihn in den Ofen schiebt. Die Körperenergien brauchen eine gewisse Zeit, bis sie den Körper verlassen haben, was spätestens nach elf Tagen passiert ist. Erst dann ist der Tote eine leere Hülle und darf kremiert werden.

 

Eigene Vorbereitung auf den Tod

Da gibt es einige Möglichkeiten. Es kommt ganz darauf an, wie man zu diesem Thema steht. Grundsätzlich sollten jegliche himmlische Gedanken hinterfragt werden. Ohne Gott stirbt sich’s einfacher. Man muss sich nicht an sinnlose Regeln halten oder Frömmigkeit heucheln, die man noch nie besessen hat. Der Tod verliert seinen Schrecken, wenn man ihn gedanklich in diversesten Varianten durchgespielt hat. Stellen Sie sich mal vor zu ertrinken, zu verbrennen, erschossen zu werden, zu verbluten und sonstige Möglichkeiten, wie man dem Leben Adieu sagen kann. Je detailreicher umso besser. Machen Sie das auch mit ihren Liebsten. Stellen Sie sich den Verlust vor, wenn jemand geht, den sie lieben. Lernen Sie die aufkommenden Gefühle kennen und schauen Sie, wie Sie sich in so einer Situation verhalten. Sie können schon zu Lebzeiten lernen mit dem Tod umzugehen. Nicht erst wenn er da ist. Dafür ist dann die verbliebene Zeit zu kurz.

 

Der Tod als Lehrer

Mein Lebensweg hat sich dafür entschieden, dass ich mehr mit Toten, respektive ihren Angehörigen zu tun habe, wie mit Neugeborenen. Meine Erlebnisse und Erfahrungen während und nach dem Tsunami in Asien haben mir eine andere Sicht über den Tod gegeben. Der Anblick von tausenden Opfern und deren Angehörige, welche in den Leichenbergen nach ihren Liebsten suchten, waren traumatisch. Ich kämpfe heute noch mit den Bildern, den Gerüchen und Klängen dieser Tragödie. Aber es zeigte mir auch, wie wichtig ein respektvoller Umgang mit dem Tod ist.

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Ein Jahr später kamen sehr viele Touristen wieder, welche jemanden verloren hatten und beendeten bewusst ihre Trauerarbeit. Ich arbeitete auf einem Tauchboot und am 25. Dezember durfte ich eine Familie begleiten, die ihre Mutter/Ehefrau verloren hatte. Der Vater sagte zu mir:

„Wir haben ein Jahr getrauert und nun gehen wir zusammen tauchen, weil es das schönste Hobby seiner Frau war und sie sicher nicht wollte, dass die Familie dieses Hobby aufgrund der Tragödie aufgibt.“

Es war einer der bewegensten Tauchgänge für mich und ich flutete die Maske mehrmals mit meinem eigenen Salzwasser. Es erweckte sogar den Eindruck als begleite uns Tierwelt unter Wasser in diesem Ritual. Wir hatten wunderbare Begegnungen, als wolle sich die Fischwelt ebenfalls verabschieden. Nach dem Tauchgang lagen wir uns weinend in den Armen.

Am Abend wurde der Abschiedsprozess von tausenden von Himmelsfackeln begleitet. Ein paar hundert Meter vom Strand entfernt bildeten alle Tauchboote eine Lichterkette und für jedes Opfer wurde eine Himmelsfackel entzünde. Allein in Khao Lak stiegen 5500 Lichter in den Himmel. Der Anblick war atemberaubend und sehr bewegend. Die Erinnerung daran ergreifen mich noch heute und ich muss auch jetzt wieder zum Taschentuch greifen.

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Der Tod als Geschäft

Wenn ich dann die propagierte Sterbekultur hier in Europa anschaue, sehe ich nur Lug und Trug. Dieses Denken brachten nach dem Tsunami die lieben Christen in Scharen nach Khao Lak. Vor der Welle hatte es in dem kleinen Dorf zwei Freikirchen. Nach der Katastrophe über 150. Es waren schneller irgendwelche Pfaffen vor Ort als schweres Aufräumgerät. Die dazugehörenden, übergewichtigen Volontäre halfen nicht den Opfern, sondern sammelten bei den übrig gebliebenen Touristen Geld. Ich hätte jedem Einzelnen ins Gesicht schlagen können. Sie nutzten diese Katastrophe für ihren finanziellen Vorteil. Perversion in Reinkultur. Zum Glück sind die Thais nicht auf den Kopf gefallen. Die Freikirchen verteilten einen Teil des gesammelten Geldes, aber nur an die, welche den Kirchen beitraten. Herr und Frau Thai sagten schnell ja, holten sich das Geld ab und beim Rausgehen war der kollektive Gruss ein Zeichen mit dem Mittelfinger. Sie haben sehr schnell geschnallt, was die „fürsorglichen“ Kirchen wollten.

Die wahren Helfer

Die einzigen selbstlosen Helfer waren die Mönche aus den buddhistischen Klöstern, die einheimische Bevölkerung, welche selber gebeutelt war und die übrig gebliebenen Tauchbasen mit ihren Angestellten. Diese leisteten wirkliche Arbeit und halfen den Angehörigen ihre Vermissten zu finden. Es war eine grausame Arbeit. Aber immens wichtig. Jeder Vermisste, egal ob tot oder nicht, den man seinen Angehörigen zuführen konnte, schloss einen Kreis. Ich hörte unzählige Male den Satz:

„Es tut weh, wenn die Hoffnung auf ein Überleben zerstört wird, aber es ist immer noch besser als über das Schicksal im Ungewissen zu sein.“

Der Tod als Recht

Der Tod gehört zum Leben wie die Geburt. Keiner kann ohne den anderen existieren. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns von verhindernden Dogmen befreien und selbstbestimmend unseren Abgang planen. Im Leben wollen wir auch über uns selber bestimmen, wieso nicht auch bei unserem Ableben? Nur weil es unangenehm ist, man an seine Vergänglichkeit erinnert wird und sich zig falscher Doktrinen erwehren muss? Es wird Zeit, dass wir auch bei diesem Thema erwachsen werden und uns nicht wie unerfahrene Kleinkinder verhalten, die jeden gepredigten Blödsinn vorbehaltslos glauben. Wir haben diverse Kulturen auf unserem Planeten, die eine würdige Sichtweise über den Tod haben. Orientieren wir uns an denen, dann verliert der Sensenmann seinen Schrecken. Zudem ermöglicht es das Bewusstsein, über seinen eigenen Tod entscheiden zu können.
Es ist ein Grundrecht des Menschen, sein eigenes Ableben bestimmen zu können. Da darf kein Arzt, Politiker oder Kuttenträger dreinreden. Mein Leben gehört mir alleine und ich sehe nicht ein, wieso irgendein dahergelaufener Weissichwas mir vorschreiben will, wie und wann ich zu sterben habe. Die können mir alle den Buckel runterrutschen. Wenn ich meine Zeit kommen sehe, dann verschwinde ich in die tiefsten Wälder, habe mich vorher von meinen Liebsten verabschiedet und gebe meinen Körper der Natur zurück. Sollte ich mich nicht mehr selber frei bewegen können, lasse ich die Wälder weg. Aber eines ist für mich klar: bevor jemand anders über mein Leben entscheidet, mache ich das. Ich hoffe, dass ich dann dazu physisch und psychisch noch in der Lage bin. Wenn nicht, habe ich eine Patientenverfügung wo genau drin steht, was mit mir passiert, wenn ich selber nicht mehr fähig bin darüber zu entscheiden.

Die Zeit nutzen

Machen Sie eine Checkliste, was Ihnen alles wichtig ist und was Sie noch erledigen müssen, damit Sie friedlich sterben können. Arbeiten Sie diese Liste ab. Suchen Sie sich eine Vertrauensperson, mit der Sie ungeniert und frei über ihren Tod sprechen können. Machen Sie ein Testament. Erkundigen Sie sich vorher, wie eines juristisch einwandfrei verfasst wird. Sollte es Ihnen egal sein, was mit ihren Habseligkeiten passiert, dann lassen Sie es. Andernfalls ermöglicht ein Testament einen reibungslosen Ablauf der Vollstreckung und gibt etwas Sicherheit, dass nach ihrem Tod nicht eine verwandtschaftliche Schlammschlacht beginnt. Man hat ein Leben lang Zeit, sich mit dem eigenen Tod auseinander zu setzen. Es ist schade, wenn diese Zeit entweder ungenutzt verstrichen ist, oder man sich irgendwelchen Phrasen hingibt, die noch nie zu Gunsten des Sterbenden waren, sondern einzig die Taschen von Heuchlern füllt. Unterstützen Sie bitte Sterbehilfe-Organisationen. Sie sind die Einzigen hier in Europa, welche sich für ein humanes Sterben einsetzen. Verfügen Sie, dass ihr Leichnam 11 Tage aufgebahrt wird. Danach kann er kremiert werden. Wenn Sie sich einlesen wollen, dann empfehle ich „Das tibetische Buch vom Leben und Sterben“ von Sogyal Rinpoche. Ich hoffe mit diesen Zeilen etwas Licht in dieses „düstere“ Thema gebracht zu haben. Im optimalen Fall verschwindet die Angst davor. Das wäre das eigentliche Ziel und ist eine der wichtigsten Lebensaufgaben, für mich jedenfalls. Zur Prüfung muss jeder antreten, ob er will oder nicht. Daher ist es nur logisch, so gut vorbereitet wie möglich bei Gevatter Tod zum Prüfungstermin zu erscheinen. Zeigen Sie ihm ihr ehrliches, wohlwollendes Lächeln und Sie haben das Examen bestanden.

Ein Held unserer Tage

141110

Kennen Sie Raphael Fellmer? Nein, der singt keine Schlagerschnulzen, aber seine Worte hallen in meinen Hirnwindungen nach wie ein Gassenhauer. Raphael Fellmer ist Idealist, Gutmensch, Familienvater und irgendwie erinnert er mich an Ghandi. Nicht dass er sich primär für eine unabhängige Menschheit einsetzt, er ist der Ghandi von Mutter Natur. Sein Lachen, sein Einstellung zum Menschen, sein Enthusiasmus und seine Zielstrebigkeit haben mich zutiefst beeindruckt. Er schafft etwas, dass ich selbst für eigentlich fast unmöglich gehalten habe.

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Er lebt ohne Geld. Tönt lapidar ist aber, wenn man es sich genau überlegt, eine sehr respektable Leistung in der heutigen materialistischen Gesellschaft. Ich habe selber längere Zeit in einer Höhle gelebt, mitten in en Natur oder war einfach mit meinen Habseligkeiten im Rucksack durch die Landschaften gezogen und habe hier und dort für etwas Proviant oder Schlafmöglichkeit jemanden geholfen. Dabei durfte ich viele, sehr schöne Bekanntschaften machen und das respektvolle Miteinander, dass uns Menschen auszeichnet, erleben. Ich schaffte es aber nicht komplett ohne Geld auszukommen. Die Schweizer Gesetzgebung hat hier ein paar ganz schön dicke Knüppel parat. Deshalb meine Hochachtung für ihn, wie er es schafft, trotz der indoktrinierten Zahlungspflicht, ohne Geld auszukommen.

Das alleine ist schon eine Meisterleistung, aber er setzt noch einen drauf. Er klappert die Abfallcontainer der Lebensmittelverteiler ab und nimmt alles raus, was noch zu verwerten ist. Eigentlich macht er sich damit strafbar. Das muss man sich mal im Hirn zergehen lassen. Essbare, frische Lebensmittel dürfen straflos weggeschmissen werden, aber die Verwertung des „Abfalls“ wird unter Strafe gestellt. Wieder ein Paradebeispiel, wie die Politiker am Volk vorbei reGIERen. Raphael Fellmer kümmert das wenig. Er findet es sträflicher, bei über 1 Milliarde hungernden Menschen etwas Essbares wegzuschmeissen. Recht hat er.

Aber auch hier ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Er bietet seine Fundstücke anderen Menschen an, welche selber mittellos sind. In einer Markthalle in Berlin hat er einen kleinen Stand errichten dürfen mit Kühlschrank und dort füllt er jeden Tag die Regale mit weggeworfenen Lebensmitteln auf. Er nennt das einen „Fairteiler“. Treffender kann man es nicht beschreiben. Die Lebensmittel gibt er gratis weiter. Das heisst, die ganze Arbeit vom Sammeln bis hin zum Regal macht er alles ohne Lohn. Seine Dankbarkeit für gratis Lebensmittel gibt er augenblicklich weiter, in dem andere Menschen von seinem Angebot unentgeltlich profitieren können.

Um die ganze Sache effizienter zu gestalten, notiert er die Fundstücke im Internet. Dort kann jeder schauen, wo es was hat. Viele Ladenbesitzer sind von der Idee begeistert und haben selber Mühe mit der Wegwerfmentalität. Sie sammeln die übrig gebliebenen Lebensmittel und geben sie ihm ab. Es bleibt zu wünschen, dass sich noch viel mehr Geschäfte dieser Idee anschliessen. Ich habe aber Bedenken, dass, wenn die Politiker schnallen wie sich das Volk selber organisiert, sie den Aktivisten irgendwelche Steine in den Weg legen. Beim Couch-Surfen ist es ja schon passiert. Nachdem viele Berliner ein freies Bett oder Zimmer für andere zur Verfügung stellen und sich mit dieser Idee international im Netz verknüpften ging es nicht lange und die Hotelier-Lobby puderte den Politikern den Hintern. Resultat: es wurde in Windeseile ein Gesetz erlassen, dass die private Übernachtungsvermittlung unter Strafe stellt. Wenn das Gratis-Lebensmittelnetzwerk zu erfolgreich wird, passiert das Gleiche. Es kommen dann die hirnlosen, uniformierten Lemminge und machen das, was sie am besten können. Das Volk nötigen, verprügeln und einsperren.

Aber selbst hier traue ich Raphael Fellmer Unglaubliches zu. Sollte es soweit kommen, dass er mit dem Gesetz in Konflikt gebracht wird, dann besticht er durch seinen Respekt und Freundlichkeit. Die Herzlichkeit, die in der Dokumentation rüberkommt ist beeindruckend. Er wird von den portraitierten Ladenbesitzer nicht nur toleriert sondern freundschaftlich empfangen und unterstützt. Ebenso von vielen Mitmenschen, die seiner Familie ein Dach über dem Kopf ermöglichen oder sonst unter die Arme greifen. Sie revanchieren sich mit gemeinschaftlicher Arbeit und machen die Sachen, welche gerne liegenbleiben. Selbst hier beeindruckte er mich. Er macht jede Arbeit mit einem Lächeln.

Raphael Fellmer zeigt eindrücklich, wie man ressourcenschonend und mit Teilen ein erfülltes Leben haben kann. Er selbst praktiziert diesen Lebensstil seit mehreren Jahren und lebt es vor, wie man es machen kann. Ich finde ihn sehr inspirierend und kam selber schnell ins Grübeln. Bei uns in der reichen Schweiz, wachsen die Kühe auf den Bäumen und in den Flüssen hat es Milch. Schön wär’s. Obwohl die Schweiz als eine der grössten Kapitalhuren der Welt gilt, lebt jeder zehnte Bewohner unter der Armutsgrenze. Bei einer Bevölkerungszahl von 8 Millionen sind das 800’000 Menschen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen. Und das in der ach so reichen Schweiz.

Also liebe Schweizer Leser, informieren Sie sich über das Projekt, kaufen bitte mit Bedacht ein und wenn etwas übrig bleibt, verteilen Sie es unter den Menschen. Egal ob Lebensmittel, Kleider oder sonstige Sachen. Alles was funktioniert oder irgendwie verwertbar ist, gehört in den Rohstoffkreislauf und nicht in den Abfallkübel. Dasselbe funktioniert mit Werkzeugen. Anstatt dass jeder seine eigenen Maschinen hat und die meist ungebraucht in den Kellern verstauben, teilen Sie die Werkzeuge mit anderen. Auch dafür gibt es bereits Webseiten, die sich mit dem Teilen von Gütern befassen. Car-Sharing beweist, dass solche ressourcenschonenden Ideen akzeptiert und genutzt werden. Es gibt noch unzählige Möglichkeiten, dem Konsumzwang zu entgehen. Es braucht dazu nur ein wenig Initiative, den Glauben an eine wertvolle Arbeit und die ansteckende Freundlichkeit eines Raphael Fellmers, die einem sofort selbst ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg und schaue, wie ich im Land der Eidgenossen ebenfalls etwas zu diesem Projekt beitragen kann. Dazu lade ich jeden ein, sich selber ebenfalls Gedanken zu machen und welche Möglichkeiten man besitzt, die Welt mit Freundlichkeit, Liebe und Wohlwollen zu dem Paradies zu machen, das sie eigentlich für uns ist.

Hier der Link zu Raphael Fellmers Webseite: Raphael Fellmer

Der echte Herr der Ringe

Der Mensch ist zu so wunderbaren Leistungen fähig. Taiwans bekannter Straßenkünstler Isaac Hou verzaubert mit seinem Metallreif. Mir fallen nur die Begriffe Schönheit und Harmonie ein. Zurücklehnen und geniessen.

FÜR ALLE MÜTTER ZUM MUTTERTAG

O Mutter, du weißt nicht, wie nötig ich dich habe; keine Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann uns das geben, was ein Wort und ein Blick der Mutter uns gibt!!!
Wilhelm Raabe (1831 – 1910), deutscher Erzähler (Pseudonym: Jakob Corvinus), einer der wichtigsten Vertreter des poetischen Realismus
Quelle: »Der Hungerpastor«, 1864

 

 

Elite – die Sinnlosigkeit des Seins

Kennen Sie den Garten Eden? Schon gesehen? Falls Sie es noch nicht bemerkt haben, wir leben in oder auf ihm und das schon sehr lange. Eigentlich bietet er alles, was wir zum Leben brauchen.  Es gibt da aber eine kleine Gruppe von Menschen die alles daran setzen, um uns ein glückliches, erfülltes Leben im Garten Eden zu vermiesen. Allen voran die selbsternannte Elite. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie aus der Politik oder Wirtschaft kommen. Schauen wir uns doch mal das sinnlose Pack genauer an.

Das sind grundsätzlich Leute, die auf dem Klo genau gleich stinken wie Sie und ich. Nur sie selber empfinden ihren eigenen Gestank als Aromatherapie. Wenn’s dann doch mal unangenehm wird, werden die Nasenschleimhäute gepudert und schon mutiert die Latrinenkammer zum Dufttempel. Eigentlich müsste in jeder Bundestags-Toilette ein Automat hängen, wo man bei Bedarf ein Briefchen weisses Nasenpulver rauslassen kann. Sollte das Kleingeld fehlen, putzen hartgesottene Volksvertreter die Klohdeckel mit ihren Nasenflügeln. Wenn ab und zu mal was Braunes dabei reinrutscht, wird das als intellektuelle Bereicherung betrachtet. Anschliessend geht es ans Rednerpult, wo mit ungewaschenen Händen das eklige braune Zeugs kleben bleibt und so klammheimlich an andere Politiker  infiziert. Apropos Rednerpult. Haben Sie schon einmal beobachtet, wie die aufgedunsenen Hefeklöse sich durch den Raum bewegen um dorthin zu kommen? Das fängt schon beim Verlassen des Stuhles an. Bei manchen Politikern könnte man meinen, der Stuhl integriert sich in die Körpermasse. Wenn jede Fettzelle im deutschen Bundestag einen Cent wert wäre, könnten die Politiker sämtliche Staatsschulden auf einen Streich tilgen. Ich will hier nicht gegen Dicke wettern, nur gegen die Masslosigkeit, die sich in ihrem Körperumfang widerspiegelt.

Der Rednerpult im Bundestag erlangte letzte Woche traurige Berühmtheit. Ursprünglich war er dazu gedacht, dass einer dort steht und redet und die anderen hören zu. Mittlerweile reden viele gleichzeitig, egal ob sie vorne stehen oder ihre dekatenten Hintern platt drücken. Die Merkel allen voran. Da stand Herr Gysi am Pult und sagte wahrhaft gute Sachen, aber die Kanzlerin schnatterte unverblühmt weiter, bis der Sitzungspräsident sie in die Schranken verwies. Eigentlich hätte er sie rauswerfen müssen. In der Schule funktioniert das auch. Wenn einer den Unterricht stört, muss er vor die Türe. Soziale Kompetenz oder einfach Anstand scheint bei der Tante in den einzelnen Stuhlgängen abhanden gekommen zu sein. Ich vermute, die war noch gar nie da. Wenn ihre fachliche Qualifikation so hoch ist wie ihre soziale Kompetenz, dann ist ihre Doktorarbeit ein einziges Plagiat. Verwunderlich, dass hier noch niemand gegraben hat.

Ein weiterer sinnloser Pickel am Arsch der deutschen Gesellschaft ist ein gewisser Herr Gabriel. Er beschehrte uns die ach so umweltschonenden Energiesparlampen. Ansonsten hat er nichts getan ausser seinen Lobbyfreunden den Teppich zu kehren. Dasselbe gilt für den Finanzminister. Manchmal wünsche ich mir,  sein Rollstuhl hätte einen Platten. Dann wären vielleicht ein paar Milliarden beim Volk geblieben. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie der Garten Eden in Deutschland blühen würde, wenn der Schäuble all die zig Milliarden nicht den Banken in Europa verteilt, sondern dem Volksbedürfniss zur Verfügung gestellt hätte. Dann war da noch ein Peer Steinbrück. Kennt den jemand? Seine Leistungen für’s Volk waren so gehaltvoll wie die Luft in Schäubles Reifen. Einzig die Eidgenossen können sich gut an ihn erinnern. Und das auch nur mit einem süffisanten Lächeln. Ernst nehmen kann man den nicht.  Des weiteren ist da eine Frau von der Leyen. Für diese Peinlichkeit auf dem politischen Parkett fehlen schlichtweg die richtigen Worte. Manchmal ist die deutsche Sprache einfach zu beschränkt, um solche Leute richtig zu umschreiben . Das trifft auch auf einen Herrn oder Frau Westerwelle zu. Als Aussenminister hat er Deutschland zur internationalen Lachnummer verkommen lassen. Kennen Sie nahmhafte Politiker, die sich gerne mit ihm getroffen haben? Oder seine Leistungen? Gebracht hat er keine, aber dafür bezieht er jetzt welche und das noch lebenslang.

Wie ist es möglich, dass sich soviel Sinnlosigkeit solange an der Macht halten kann? Mit Angst und Geld. Angst, weil sie den ganzen Polizei und Militärapparat hinter sich wissen und Geld, weil schlussendlich jeder käuflich ist einschliesslich Polizei und Militär. Bei den Uniformierten geht die gekaufte Loyalität soweit, dass sie die Leute zusammen schlagen, denen sie eigentlich helfen sollten. Da reklamieren die Bürger über die Betrügereien der Banken und anstatt die Bankster zu verhaften, werden die Ankläger verprügelt und weggesperrt. Das geht nur mit dem Versprechen von Leckerlis..sitz..mach Platz..hau rein.

Würden die Uniformierten ein wenig ihr Hirn verwenden, sähe es ganz anders aus. Aber wer so einen Beruf wählt, besass eh keines oder sehr wenig. Wie kann man Spass haben an der Arbeit, wenn die sich aus Töten, Verprügeln, Foltern und Nötigen zusammensetzt? Nur kranke oder eben keine Hirne können daran Freude haben. Wenn dann einer noch meint, ihm ginge es um die Landesverteidigung, dann möchte ich dazu sagen, dass er trotzdem kein Hirn besitzt oder vergessen hat, wo der on-off-Schalter sitzt. Der Patriot soll mir ein Beispiel nennen, wo Herr Müller aus Semmelkirch einen Krieg mit Mister Smith anzetteln möchte. Otto Normalbürger hat kein Interesse am Krieg. Es sind immer nur die in den Plüschsesseln, die das wollen. Und wenn das Volk einen Krieg will, dann ist er nicht nach aussen, sondern nach oben gerichtet.

Als weitere unsichtbare, politische Instanz sind da noch die Medien. In den Sendefabriken der Plattitüdenindustrie wird soviel gequirlter Mist produziert, dass man alle Äcker der Welt damit düngen könnte. Leider saugen sich die Konsumzombies diese Gülle freiwillig rein und fühlen sich augenblicklich gut unterhalten. Jeden Abend werden virtuell massenweise Leute gekillt oder sonst was grausames mit ihnen angestellt und das gilt als familiengerechte  Unterhaltung.

Momentan ist Krieg spielen in Mode. Sei es das Computerspiel Battlefield, die Fernsteuerzentrale von Drohnen oder die rhetorische Kriegstreiberei der westlichen Politiker. Wer hat den Grössten, wer hat den Längsten..houhou. Sicher nicht das Merkel. Die darf nur mitspielen, wenn sie brav rumgackert solange es keiner versteht. Meine Hühner machen das auch, aber die legen wenigtens Eier. Das ist ein fassbares Resultat. Kann das die Merkel auch von sich behaupten?

Da sind dann noch die emporstrebenden Alternativen. Am Anfang sah es wirklich so aus, als sei sie eine ernst zu nehmende Partei. Mittlerweile haben die sich mit ihrem Zickenkrieg derart selber demontiert, dass der eigentliche Auftrag, die Meinung des Volkes zu vertreten, schlichtweg vergessen wurde. Auf dem politischen Parkett bilden sie nur noch den Staub in den Ecken.

Wenn man den Blick über die Landesgrenzen wirft, erscheint unweigerlich Brüssel. Was dort oben abgeht, entbehrt jeglichem menschlichen Verhalten. Dies räuberische Schweinebande versteht es wunderbar, jedes Jahr Milliarden an sauer verdienten Steuergeldern zu verprassen und in die eigenen Säcke zu stecken. Sogar nationale Politiker eschrecken ab der Dreistheit, die in Brüssel herrscht. Ausser man gehört zu denen, gell Herr Schäuble. Eigentlich müssten alle Bauunternehmer ihre Bagger nach Brüssel fahren und den ganzen Apparat platt machen. Jedes europäische Land wäre auf einen Schlag um viele Milliarden reicher. Welche Schlägertruppe schützt eigentlich die Bande in Brüssel? Die Mafia? Die Triaden? Oder die lokale Pfadfindertruppe? Mit Sicherheit würde kein einziger normal denkender Bürger sein letztes Hemd für den Barroso hergeben, damit er ein weiteres, unsinniges Museum in der spanischen Pampa errichten kann. Ich kenne eigentlich nur Leute, die ihm lieber eins reinhauen wollen, als mit ihm gemütlich einen Abend verbringen. Dasselbe gilt für den Rest der Drecksbande.

Wie tief muss man seinen Kopf in den Anus eines Vorgesetzten schieben, damit man eine Anstellung in Brüssel bekommt. Ziehen die ihn überhaupt wieder raus. Vermutlich nicht. Sonst hätten sie mitbekommen, dass fast 2 Millionen Europäer keine Privatisierung des Wassers wollen. Aber Herr Barroso lächelte mit braun verschmierten Mundwinkeln in die Kameras und verkündete, wie immer, nur Scheisse. Sogar das eigene Gesetz missachten sie. Dort heisst es, dass das europäische Parlament sich einer Sache annehmen muss, wenn über eine Million Europäer das wollen. Aber sie machen nichts, nein, das stimmt so nicht. Sie machen schon was, aber mit Sicherheit nicht den Willen des Volkes.

Wenn ich meinen Blick über den grossen Teich werfe, erkenne ich einen der Gipfel menschlicher Perversionen. Die Amerikaner sind der Motor der menschlichen Weltuntergangsmaschine und deren Militär das Benzin. Eine derartige Scheinheiligkeit und Verlogenheit ist auf dieser Welt einzigartig. Da sind die europäischen Politiker regelrechte Waisenknaben dagegen. Der ganze Machtapparat in Washington kann nur noch als geisteskrank beschrieben werden und gehört vollumfänglich in eine geschlossene, psychiatrische Anstalt. Ein Land, dass derart verschuldet ist und seine Gläubiger nur mit Waffengewalt ruhig halten kann, hat keine Berechtigung am politischen Weltgeschehen. Aber alle glotzen nach drüben und finden die Amis so toll. Auch hier ein Zeugnis fehlender Hirnmasse. Meinen Hühnern gehen die Amis am Arsch vorbei, das nenn‘ ich Charakter, die haben Hirn!

Zum Schluss haben wir noch die ganzen Manager, welche wie Pestbeulen an der Erde kleben. Sie sind der Gnadenstoss für den Garten Eden. Alles wird vermarktet. Egal ob tot oder lebendig. Neuerdings haben Kinder einen hohen Marktwert erreicht. Das Schlachten und ausweiden von den Kleinen ermöglichte dem weltweiten Organhandel Traumgewinne. Oder das vergiften von ganzen Ländereien mit Hilfe des Frackings. Millionen von Menschen müssen ihre Häuser verlassen, weil der Boden derart kontaminiert ist, dass die Lebensdauer dort maximal zehn Jahre beträgt.  Die ganzen Ackermänner und Totengräber der menschlichen Zivilisation sollte man auf den Mond schiessen. Dort hätte ihre produzierte Scheisse nur einen sechstel des irdischen Gewichtes und würde daher nicht so schwerwiegende Konsequenzen haben. Aber nein, sie bleiben auf der Erde und setzen ihr zerstörerisches Handeln fort.

Gibt es einen Ausweg aus dieser weltumspannenden Hirnlosigkeit? Ich glaube ja, vorausgesetzt etwas gesunde Hirmasse ist beim Otto Normalo übrig geblieben. Es gibt viele, die sie schon effizient nutzen und sich von diesem zerstörerischen System verabschiedet haben. Bei ihnen kann mann/frau sich Ideen holen. Sollte jemand argumentieren, er habe keine Möglichkeiten, dann ist das eine billige Ausrede, respektive zeugt von denkender Inaktivität. Jeder kleine Schritt ist ein Erfolg. Würden, zum Beispiel, alle ihr Geld von den Banken holen, käme schnell Bewegung in die gesellschaftliche Entwicklung. Aber nein, obwohl Enteignungen offiziell angedroht sind und schon gemacht wurden, siehe Zypern, bleiben die Hirne abgeschaltet und keiner reagiert. Einen grösseren Beweis für fehlende Hirnmasse oder deren Inaktivität gibt es kaum. Und wenn das hart verdiente Geld plötzlich weg ist beginnt das grosse Jammern. Ich kann nur sagen – selber schuld. Wer auf Aktien setzt und verliert – selber schuld. Wer irgendeinem fremden Krawattenträger sein Geld kritiklos anvertraut  – selber schuld. Wer glaubt die Nachrichten sagen die Wahrheit – selber schuld. Wer den Wahlversprechungen glaubt – selber schuld.

Es ist wirklich an der Zeit, dass sich der noch verbliebene, gesunde Menschenverstand endlich einschaltet. Solange man seine eigene Verantwortung irgendeinem Politiker, Gott oder sonstigen sinnlosen Instanz abgibt, braucht es kein Hirn. Die enden irgendwann als Kolateralschaden in der Leichenhalle oder sind Leibeigene auf Lebenszeit. Dem kann man auch natürliche Auslese sagen. Wer nicht dazu gehören will ist eingeladen seine Phantasie zu beflügeln und zu erkunden, wie er sich selber und seinem Umfeld wertvoll sein kann.  Sie werden überrascht feststellen, wie Eigenverantwortung Tür und Tor öffnet für ein glückliches und erfülltes Leben. Es braucht nicht viel dazu. Nur die Bereitschaft es zu tun.

Hirn – on

…denn sie wissen schon, was sie tun!

Der Mensch wird  gerne als dummes, mainstream-blökendes Schaf dargestellt. Da tun wir den lieben Wollknäuel aber unrecht. Das Schaf frisst Gras und wenn dieses abgegrast wurde, zieht es weiter zum nächsten Büschel. Der Mensch hingegen frisst auch noch die Wurzeln und wundert sich, wenn es dann nicht mehr nachwächst. Ergo sind Schafe schlauer und wissen wie man eine Weide aberntet, ohne grossen Schaden zu hinterlassen. Der Mensch hingegen weiss das nicht – falsch, er weiss es, handelt aber nicht danach. Darum sind auch die vielen guten Kommentare und Artikel meist wirkungslos. Der Mensch ist schlichtweg zu blöd, um die einfachsten Dinge/Zusammenhänge zu erkennen.

Beispiele gibt es genug. Zuoberst ist das „geldene“ Kalb. Die meisten geifern nach Geld und scheren sich einen Dreck darum, was ihre Gier anrichtet. Dann hat es die Massen an Religionsfanatikern, die ihre Eigenverantwortung irgendeinem Gott übertragen, ihr Hirn dann gottseidank ausschalten können und alles als „gottgegeben“ ansehen. Die Störche bringen ja auch die Kinder. Eine weitere grosse Gruppe sind die selbstüberzeugten Weltverbesserer. Da wird demonstriert und mit den Fingern auf andere gezeigt. Zur Demo fährt man/frau mit dem Auto, macht Bildchen mit dem Smartphone, trinkt eingekauftes Wasser aus Petflaschen und hinterlässt nach der Demo seine nicht mehr gebrauchten Konsumartikel der Umwelt, respektive sch(m)eisst sie einfach weg…irgend jemand wird das dann schon wegräumen oder wenn nicht, dann wächst sicher wieder Gras über die Sache. Würde, wenn wir so schlau wie Schafe wären.

Irgendwie finde ich es schade, dass vergangene Woche ein X-Flare der Sonne (die höchste Klasse) auf die andere Seite losgegangen ist. Hätte er die Erde getroffen, gäbe es für die nächsten Monate oder Jahre keinen Strom. Man stelle sich vor: keine Handys, Autos, Computer, Fernsehen, Börse usw. usw.. Die Welt wäre dann sicher nicht besser, im Gegenteil. Die Welt wäre voll mit konsumgeschädigten Individuen, die nichts mit sich anzufangen wüssten, weil irgendein unsinniges elektronisches Teil fehlt, das einem vorgaukelt, wichtig oder überlebenswichtig zu sein. Am wenigsten geschädigt wären die Menschen, die jetzt schon nix haben ausser ihr nacktes Leben. Ein fünfjähriges Kind aus dem Urwald kann ohne Hilfe Feuer machen, Wasser und Nahrung suchen. Unsere Kleinen aus den Industrieländern würden einfach tot umfallen, weil sie ihren fetten Ärsche nicht lange genug bewegen könnten, bis sie etwas Geniessbares zum Überleben finden. Darum hier ein Lob an die Eltern, welche ihren Kindern zeigen, was man aus der Natur direkt essen, trinken oder sonst verwerten kann.

Ich will mich aber selber auch an der Nase nehmen. Schreibe am Computer, fahre Auto, kaufe im Supermarkt und konsumiere Unsinnigkeiten wie Filme, PC-Spiele, Handy und dergleichen. Aber wie Paracelsus schon sagte:“ Die Menge unterscheidet das Gift von der Medizin.“ Es hätte für alle genug, wenn jeder nur das nehmen würde, was er gerade benötigt. Also benutze ich den ganzen technischen Firlefanz mit gesundem Menschenverstand und schalte sie aus, wenn ich sie nicht mehr brauche. Dasselbe gilt für die wirtschaftlichen und staatlichen Kontrollmechanismen. Hier sind einige Beispiele, die meiner Ansicht nach mehr bewegen als eine Demo.

– alles Geld von der Bank holen

– bar zahlen, keine Kreditkarte verwenden

– in kleinen Geschäften mit Produkten aus der Region verstärkt einkaufen

– Sachversicherungen künden

– Tauschhandel benutzen und fördern

– respektvoller Umgang mit seinen Mitmenschen

– ab und zu mal etwas Weggeschmissenes aufheben und entsprechend entsorgen

– mindestens einmal pro Tag ein ehrliches Lächeln verschenken

undsoweiterundsofort.

Wenn tausend Menschen an eine Demo gehen, hinterlassen sie Müll von tausend Menschen. Dafür dürfen sie als Prügelknaben für die Exekutive hinhalten. Und, ehrlich gesagt, tausend Menschen reichen nicht für eine Veränderung im Denken der Verantwortlichen. Die Lächeln eher süffisant über den Pöbel und genehmigen sich  eine Linie vom staatlichen Klodeckel. Aber die gleiche Menge bewirkt sicher etwas, wenn sie die oberen Punkte so gut wie möglich umsetzen würde.

Leider zerbröselt der Gedanke an ein kollektives, gesundes Gesellschaftssystem schnell wieder mit der Erkenntniss, dass wir ja dümmer als Schafe sind. Da hilft alles blöken nichts. Also machen wir weiter wie bisher, weil wir das können. Die Anpassungsfähigkeit des Menschen erfolgt meist nur durch müssen, wenn er etwas nicht mehr hat respektive bekommt – und das dauert seine Zeit. Ausser es dient der Förderung seiner bequemen Dummheit oder dummen Bequemlichkeit…je nach dem. Dann erfolgt die Anpassung über Nacht. Was hat sich da die Evolution nur dabei gedacht, uns das Denken zu ermöglichen.  Auf den Bäumen war’s doch auch ganz nett.

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