Glück

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Magisches Island

In Island reihen sich Vulkane aneinander wie Perlen auf einer Schnur. In den Bergen und Tälern kocht der Boden. Es raucht, zischt und brodelt. Obwohl als nackte Lavainsel aus dem Meer emporgestiegen, herrscht an den Vulkanhängen Islands üppiges Leben. Jan Hafts Doku zeugt von der unerwarteten Artenvielfalt und den spektakulären Landschaften der Insel.

Warum es Youtube nächstes Jahr nicht mehr gibt

#SaveYourInternet

Bullshit Jobs

Aspekte

Traumfrauen aus Silikon

Lebensechte Liebespuppen sind längst nicht mehr nur Sextoys, sondern Beziehungsersatz für manche Männer. Die Puppen aus Silikon oder TPE, einem silikonähnlichem Kunststoff, finden in Europa reißenden Absatz, und das in allen Gesellschaftsschichten. Aber können die künstlichen Frauen tatsächlich eine echte ersetzen?

Daniele Ganser: Das Prinzip Menschheitsfamilie

Auf seiner Vortragsreihe in Thüringen und Sachsen traf Sascha Vrecar Daniele Ganser in Erfurt und hatte die Gelegenheit auf ein gemeinsames Gespräch. Dabei besprachen sie viele Themen: Russland, Syrien, neue Erkentnisse zum 11. September, die Situation der NATO, den Fall „Skripal“ und wie Daniele Ganser seine Situation als im Mainstream umstrittener Friedensforscher selbst wahrnimmt und erlebt.

Non-Gangstarap zone (“Why I think the world should end”)

Wer bisher gedacht hat, dass junge Afroamerikaner nur Gangstarap können, der wird in diesem Video eines Besseren belehrt …

wobei sich Richard Williams alias Prince Ea selbst nicht einmal mehr als Rapper bezeichnet haben will, sondern als „spoken word artist“.

Seine Botschaft ist übrigens keineswegs so apokalyptisch wie der Songtitel verheißt. Er hat realisiert, dass es zuerst eine innere, höchstpersönliche Veränderung braucht, bevor wir dem Wahnsinn im Außen eine Wende geben können.

„When I think of all the good times that I’ve wasted” – Teil 2: Es regiert: Der Herr des Hasses … und das Erwachen des Schläfers


Mike Oldfield, live on Discovery Tour, Barcelona 1984, Youtube

Manches Kind der 80er Jahre mag sich noch an ihn erinnern: In meiner Kindheit gab es einen Neue-Deutsche-Welle Hit, in dem eine sonore Männerstimme als Refrain immer „6 und 6 ist Drei-Eins“ grummelte.

Was mir heute beim linken Ohr rein und beim rechten raus gehen würde, hat mich als Kind damals jedoch intensiv beschäftigt. Gemäß den vier Grundrechnungsarten der Welt, in die ich gerade eben erst hineingeboren wurde, sollte 6+6 doch 12 ergeben und nicht 31. Hmm … aber irgendein tieferer Sinn musste doch hinter dieser millionenfach durch Radio und Fernsehen geschickten Botschaft stecken, dachte sich mein kindliches Gemüt. Das konnte ja nicht bloß Unsinn sein, was aus diesen Rundfunkmedien hervorsprudelte,  sonst würden es die Erwachsenen doch nicht wert finden, sich abends mit solch beharrlicher Diszipliniertheit vor die leuchtenden Flimmerkisten zu setzen, vor denen sie dann bis zur Ermattung mit gefalteten Händen und inbrünstiger Andacht ausharrten.

Mir ließ dieses Rätsel jedenfalls keine Ruhe, ahnte ich doch, dass sich irgendeine gewaltige Wahrheit dahinter verbergen musste, genauso wie hinter dem Intro eines weiteren  Deutsche-Welle Hits, in dem ein Zeitalter angekündigt wurde, in dem „der Herr des Hasses regiert“ – einer Zeile, bei der mir in vager Vorahnung auf den Charakter der Welt, in der ich als Mensch gerade die Augen aufmachte und das ABC sowie die Grundrechnungsarten lernte, schauderte, mich ansonsten aber nicht weiter beunruhigte – wusste ich doch aus zahlreichen Märchen und mythologischen Erzählungen, die mir meine Mutter vorgelesen hatte, dass sich Licht und Dunkel schon seit Menschengedenken bekämpfen und dass man riesige Drachen im Handumdrehen besiegen kann, wenn man ihnen nur keck gegenübertritt und ihnen an der richtigen Stelle einen Stich verpasst.

Den „Herren des Hasses“ konnte ich also in mein Weltbild ohne Weiteres an der richtigen Stelle einordnen, aber dieses vertrackte Rätsel mit dem „6+6 = 31“ war einfach nicht zu knacken. So sehr ich es auch drehte und wendete, es kam nichts anderes heraus als ein intellektueller Kurzschluss.

Irgendwann versank dann diese Frage wieder. In den bewegten Fluten des Erwachsenwerdens und der Notwendigkeit des Broterwerbs gab es drängendere Fragen zu lösen. Ich sollte jedoch bald lernen, dass nichts von dem, mit dem wir uns einmal beschäftigt haben und was in unserem Unterbewusstein versinkt, auch wirklich weg ist. – Es arbeitet im Dunklen weiter … und klopft auch dann und wann im Oberstübchen an. In meiner Adoleszenz als Twen tauchte diese ungelöste Gleichung also wieder auf – ganz spontan beim Hören eines Songs von Mike Oldfield:

In seinem Lied “Trick of the Light” aus dem Hit-Album „Discovery“, das damals eine ganze Generation begeistert hat und auf dem auch das sensationelle, von Maggie Reilly gesungene „To France“ enthalten war, schlug mir plötzlich die Zeile „I need some more information“ wie ein Blitz an die Stirn. „Ja!“, antwortete es sofort aus mir heraus: „Da hast Du recht, Mike: Wir sind zwar erwachsen geworden, aber man hat uns in unseren intellektuellen Brutstätten von Schule und Uni die notwendigen Schlüssel vorenthalten, um das zu dechiffrieren, was eigentlich die drängendsten Fragen des Lebens und des Menschseins wären.“

Mike Oldfields Imperativ „I need some more information“ ließ mich fortan nicht mehr los. Ich kam mir vor wie ein in Agententhrillern vielzitierter “Schläfer”, der in der Gesellschaft lange Zeit als biederer Normbürger dahindämmert, aber dann durch ein gezieltes Codewort plötzlich aktiviert wird und sich fortan mit aller Kraft an die Durchführung eines in ihm schlummernden Auftrags macht. Ja, genau – we need some more information … das hämmerte fortan wie ein Mantra in meinem Kopf weiter. Ob ich es schaffen würde, an diese Informationen heranzukommen, durch die unser mechatronisch zu werden drohendes Leben wieder Sinn bekommt, war für mich damals nichts weniger als eine Frage auf Leben und Tod.

Doch wie die Industriesoziologin  Mag Wompel richtig feststellt, herrscht in der heutigen Welt ein groteskes Paradoxon: Wir haben zwar einen Überfluss an Informationen und dennoch sind echte Informationen rar. Dass es nicht ganz einfach sein würde, an diese wirklichen Information heranzukommen und dass man sich diese nicht einfach reinziehen konnte, sondern wirkliche Einsicht im Sinne von Sokrates immer auch … Gnade ist, erahnte ich an der gepressten Stimme von Mike Oldfield bzw. seinem Leadsänger Barry Palmer: Im Leitsong „Discovery“ (1984 neun Wochen lang die Nr.1 der Charts) stößt er eine verzweifelte Bitte aus:

„Just gimme some sense
Gimme some confidence,
Won’t you please set me free
Won’t someone deliver me …”

Auch dass man Erkenntnis nicht einfach so “haben” kann wie einen Dr.-Ing. der Chemie (siehe auch Erich Fromms Unterscheidung zwischen „Haben“ und „Sein“), sondern dass man sich Erkenntnis jeden Tag neu und erweitert erringen muss, – und zwar in der klassischen Haltung des Philosophen: staunend und mit dankbarer Bescheidenheit vorsichtig tastend, und nicht neunmalschlau „wissend“ und dreist zugreifend -, andernfalls man bei seiner Lektüre nur trockenes Stroh drischt und das Leben seine Türen wie vor einem Eindringling sofort verschließt, kommt in Oldfields Zeilen zum Ausdruck:

“When you want the score
When you need a helping hand
And you find closed doors
And you’re back where you began

Keeping those secrets
Telling those lies
Can anybody tell me what’s the big surprise?

Discovery
Who has the chance to know it all?
Discovery
Give me some truth, stop making me crawl …”

Dass es diese Information, von der Platon kryptisch als lebendige Gedanken-/Urbildeebene sprach, womöglich überall sonst, aber am allerwenigsten an dem Ort gab, an dem man sie vermuten würde: den hiesigen Universitäten, musste ich schon sehr bald feststellen. Obwohl ich mich, wissbegierig wie ich war, gleich an mehreren Fakultäten eingeschrieben hatte, kam mir das, was dort an „herrschender Lehre“ dargeboten wurde, mehr wie eine herrschende Leere vor: Obwohl viele Studenten eifrig vor sich hinkrebsten und Fortschrittsbegeisterung vorspiegelten, um da und dort eine Assistenzstelle oder einen Praktikumsplatz in einem der universitätsassoziierten Konzerne zu ergattern, so war in Wirklichkeit einem jeden von uns nach Gähnen und tödlicher Langeweile zumute. Der Lehrbetrieb wirkte trotz Hitech und glänzendem Lack wie ein Mumienkabinett, in dem man verdorrte Pharaonen und Schrumpfköpfe dank moderner Technik nochmals zum Gehen und Sprechen brachte. Der Soziologe Hartmut Rosa bezeichnet das, was sich an heutigen Universitäten abspielt, nur noch als „Entfremdungszone“, in der schon unter den jungen Studenten  Angstzustände und Burnout herrschten (Quelle: Zeit). Auch über den eitlen Kampf um möglichst viele publizierte „papers“, der an den ehrwürdigen Universitätsinstituten herrschte, konnte ich nur lachen (neuerdings habe ich gehört, dass manche Universitäten wissenschaftliche Mitarbeiter und sogar Professoren nur noch mit der Klausel unter Vertrag nehmen, dass diese pro Jahr soundsoviele wissenschaftliche Papers in renommierten ‚peer reviewed‘ Fachzeitschriften publizieren müssen. Schafft der Mitarbeiter die Bullshitrate nicht, dann fliegt er wieder raus).

Obwohl ich das akademische Spiel (siehe auch M. Burchardt: “March for Science – Dead Men Walking”) schnell durchschaut und diesem System meine innere Kündigung ausgesprochen hatte, so war ich doch schlau genug um zu wissen, dass ich das Ganze nicht leichtfertig hinschmeißen durfte. Mir war klar, dass man in unserer postindustriellen Zeit, in der der Herr des Hasses herrscht,  nur dann etwas bewegen kann, wenn man auch eine akademische Feder am Hut stecken  hat. So schloss ich also mit mir selbst einen faustischen Pakt: Ich würde mich im Drachenblut baden und das Studium durchziehen, aber definitiv nur mit dem geringstmöglichen Aufwand. Keine einzige Stunde zuviel wollte ich diesem System in den Rachen werfen. – Das war in Zeiten vor der Bologna-Reform und dem verschulten Spießrutenlauf nach ECTS-Punkten noch möglich. Ich besuchte nur die wenigen vorgeschriebenen Pflichtvorlesungen, für Prüfungen las ich mir die Skripten in der Regel erst am Abend vor dem Prüfungstermin durch, schweren Prüfungen widmete ich maximal drei Tage Vorlaufzeit. Es gab Wichtigeres zu tun: Mike Oldfields „Informationen“ wollten entdeckt werden. Und bei dieser „Discovery“-Reise durfte der von Oldfields Tubular Bells erweckte Schläfer keine Zeit verlieren. Schließlich wollte ich zuerst wissen, was Sinn und Ziel des Lebens und des Menschseins ist, bevor ich mich in Richtung eines bestimmten „Karriere“-Ziels aufmachte – ich konnte es doch nicht so machen wie viele meiner Mitstudenten: Einfach mal irgendwohin losrennen und dann gucken in welcher Melange man gelandet bzw. in welche Gletscherspalte man abgestürzt ist (siehe „Bore Out – Wenn Leistungsträger aussorgen“).

Auch wenn also– wie die vorhin zitierte Industriesoziologin  Mag Wompel feststellt – echte Informationen rar waren, so war ich innerlich überzeugt: Aber es musste sie doch geben, diese Informationen! (Anm.: Damals gab es noch kein Internet, sondern man musste sich mit demjenigen „Programm“ begnügen, das einem von der herrschenden Lehrmeinung und den Leitmedien vorgesetzt wurde.) Unermüdlich machte ich mich daher auf die Suche. Schon unmittelbar nach Auftauchen dieses inneren Impulses öffnete sich eine neue Tür, die ich zuvor nicht gesehen hatte: Im Keller der Buchhandlung gegenüber der juridischen Fakultät, an der ich studierte, befand sich ein Antiquariat mit unermesslichen Schätzen. Kaum hatte ich zwischen den Vorlesungen eine Pause, war ich auch schon hinunter in dieses Mauseloch geschlüpft, wo ich unter spärlichem Licht in vergilbten Blättern wühlte. Die Zeilen dieser Bücher aus scheinbar vergangenen Zeiten schienen mir relevanter und revolutionärer zu sein als alles, was ich bisher in Schule und Uni gehört und gelesen hatte. Auf Pythagoras stieß ich, Fragmente des Heraklit, auf Platon, Marc Aurel, Seneca, Jakob Böhme, Schiller, Lessing und vor allem Goethe – alles, was mir bisher in der Schule über Goethe erzählt wurde, kam mir nun vor wie eine Karikatur, mit der mutwillig verschleiert werden sollte, was in Goethes Werk tatsächlich enthalten ist. Jede Zeile von Goethes Schriften war mir wie ein Schlüssel, der mir Rätsel löste und mir mein Menschsein wiedergab. Das abstrakte, halb  vertrocknete intellektuelle Wurzelgeflecht, das in meinem Kopf nach nunmehr fast zwei Jahrzehnten intensiver Domestizierung durch die strenge Schulwissenschaft gewoben war, konnte sich langsam wieder beleben und mit frischem Lebenssaft versorgen. Bald schon trieben diese einst knorrigen und scheinbar unbrauchbaren Wurzeln, die ich schon fast in den Ofen werfen wollte, da sie mir bloß einen schweren Kopf bereiteten, wieder Blätter und sogar erste Blüten – ich fühlte mich wieder als Mensch, auch wenn ich wohl erst ein tausendstel Gramm von dem verstanden hatte, was ein Mensch in seinem Leben von der Philosophia perennis ergründen kann, wenn er seine Zeit nützt. Wie Seneca in seinem Büchlein „De brevitate vitae / Über die Kürze des Lebens“ meinte, ist es ja nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern viel Zeit, die wir nicht nützen.

Ich hatte also Feuer gefangen, hörte auf, abends auf Parties zu gehen und einen rumzusaufen, so wie man das als fernsehender Student eben macht, nachdem man für die Uni „geochst“ hat, sondern ich realisierte, dass unsere Zeit das Wertvollste ist, was wir besitzen und dass sie im Gegensatz zu Geld nie wieder zurückkehrt, wenn wir sie verschwenden. Schnell hatte ich erkannt, dass die Trunkenheit und Euphorie, die mir durch die Literatur von Goethe & Co. zuteil wurde, von ungleich gewaltigerer Dimension war als die Trunkenheit, die mir das Runterkippen von drei Bieren im Studentenpub von nebenan beschert hat – mit dem weiteren Unterschied, dass ich mir erstere Trunkenheit ohne Ende erlauben konnte, ohne am nächsten Tag ausgelaugt und mit dröhnenden Kopfschmerzen aus dem Bett aufzustehen. Ganz im Gegenteil: Ich hatte sogar nach exzessiven philosophischen Gelagen klaren Kopf, war hochmotiviert, auf Entdeckungsreise in dieser unglaublich bunten Welt zu gehen, stand früh auf, um mit gleichgesinnten Freunden Bergtouren zu unternehmen, wo wir Goethe-Freunde dann schon auf der Anhöhe den grandiosesten Sonnenaufgängen beiwohnten, während unsere Kollegen gerade zerschlagen aus dem Bett ihrer verrauchten Studentenbude kletterten und mit einem sauren Hering ihren Kater auskurierten.

Mannomann, was waren das für Zeiten. Wie sehr tun mir die heutigen Studenten leid, die im Korsett eines nach ECTS-Punkten getakteten Bachelor-  und Masterstudiums wie in einem Supermarkt-Einkaufswagen von Regal zu Regal geschoben werden, um dann am Ende am Ende ihrer Ausbildung geteert und gefedert, elektronisch verschweißt und verkabelt vom Förderband gespuckt zu werden.


Teil 3 und die Auflösung des Rätsels „6+6=31“ folgt demnächst …

siehe auch Teil 1: Ein Kind der 80er Jahre im Strudel der transatlantischen Apokalypse

 

„When I think of all the good times that I’ve wasted” – Teil 1: Ein Kind der 80er Jahre im Strudel der transatlantischen Apokalypse


Mike Oldfield, live on Discovery Tour 1984, Youtube

 “How can you sleep
How can you turn away
Thinking so cheap
Some day you’re gonna pay …”

(Mike Oldfield, Discovery, 1984; „aufgenommen in den Schweizer Alpen, in 2000 Metern Höhe, an sonnigen Tagen“)

In einem jüngsten Essay schildert Dirk C. Fleck, wie er nach längerem Krankenstand wieder ein Café aufgesucht und die Zeitungen durchgeblättert hat. Sein Fazit: „Zum Glück habe ich die Zeitungen nur überflogen, andernfalls wäre ich wohl auf die Straße gestürmt und schreiend Amok gelaufen.“

In der Tat frägt man sich, was man angesichts eines in wahnwitziger Geschwindigkeit und mit kalt lächelnder Chuzpe vorangetriebenen Abrisses aller freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundsätze noch schreiben soll? Soll man die infamen Lügen und die unerträgliche Heuchelei einer regelrecht tollwütig gewordenen Regierung und ihrer hündischen Hofmedien noch mehr breittreten? Soll man sich die Mühe machen, über die Hintergründe der besinnungslosen Kriegstrommelei gegen unser Nachbarland Russland aufzuklären? Was soll man denn noch demaskieren, wo der Wahnsinn doch bereits nackt vor uns steht? Berufene Münder haben bereits versucht, das Unbegreifliche in Worte zu fassen. „Eine Republik wird abgewickelt“ – so lautet etwa der Untertitel eines neuen Buchs von Willy Wimmer, das sich wie ein Requiem auf das ausnimmt, was in der Zeit vor der Millenniumswende noch als durchaus hoffnungsvolle und selbstverständliche Ideale mitteleuropäischer Prägung vor uns gestanden hat.

Lassen wir die triste Gegenwart also einmal beiseite. Vielleicht ist es ja sinnvoller und können wir weitaus mehr Kraft schöpfen, wenn wir uns eine Zeit vergegenwärtigen, die gewiss auch nicht nur rosig war, aber in der noch alles möglich schien: Die neongelben 80er. In einer YouGov-Umfrage, in welchem Jahrzehnt seit 1950 die Menschen wohl die schönste Jugend hatten, nennen fast 50% der Befragten die 70er und 80er Jahre. Unser aktuelles Jahrzehnt wird hingegen nur von drei Prozent als schön bezeichnet. Warum schneidet unsere Jetztzeit aber so schlecht ab, obwohl sich doch der technische Fortschritt seitdem so gewaltig die Bahn gebrochen hat und alle relevanten Funktionen des öffentlichen Lebens nach streng wissenschaftlichen Kriterien gehandhabt werden?

Mancher mag gewiss auch die 80er Jahre zweifelhaft finden, man denke nur an Umweltkatastrophen wie Bhopal oder Tschernobyl, die uns seinerzeit die Abgründe einer auf Industrialisierung und Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaft aufzeigten. Mancher mag auch die Wurzeln einer heute übermächtig gewordenen Showbiz-Unterhaltungsindustrie ebenso in den 80ern verorten wie eine damit einhergehende Wohlstandsverwahrlosung und Konsumkultur. Trotzdem verkennt man das Potential dieser Zeit, wenn man sie nur mit Nena, Boris Becker und Neuer Deutscher Welle assoziiert. Denn im Vergleich zu heute, wo sich viele den reinen Wahnsinn zur Normalität erklären haben lassen, so gab es damals doch einen fundamentalen Unterschied: Wenn auch nicht bei der Mehrheit, so doch bei einer hinreichend großen Anzahl an Menschen – zumindest empfanden wir das so – war die elektrisierende Einsicht vorhanden, dass wir ökologisch, politisch und allgemeinmenschlich einem Abgrund entgegengehen und ein fundamentales Umdenken auf allen Ebenen notwendig ist, wenn wir die Kurve in Richtung einer menschenwürdigen Zukunft bekommen wollen. Den Wahnsinn an den Hörnern zu packen und zu besiegen lag zwar wie ein gewaltiges Stück Arbeit vor der Menschheit, erschien uns aber nur noch als eine Frage der Zeit, als ein schlichtweg unausweichliches Gebot von Vernunft und Humanität.

Niemals hätten wir es uns träumen lassen, dass das Platz greift, was heute zu beobachten ist: Dass eine retardierende Gegenreformation stattfindet, im Zuge derer alle Entwicklungen des Wahnsinns für alternativlos und alles tiefergehende Nachdenken über die Ursachen der globalen Probleme und ihrer Drahtzieher für unstatthaft erklärt werden. Eine Sprecherin der heute in allen Leitmedien präsenten GWUP-/Skeptikerbewegung, die sich auf rein wissenschaftliche Methodik und naturalistische Erklärungen des Daseins beruft, erklärt: „Anstatt manchmal zu akzeptieren, dass die Welt scheiße ist und es Kriege und Krankheiten gibt — und es dafür keinen Grund gibt —, werden Verschwörungstheorien erfunden“ (Quelle: Wired).  Dass einmal eine Nichtwissenwollenschaft die Deutungshoheit übernimmt und sich noch besonders schlau dabei vorkommt, als „akademisch zertifiziertes, aber intellektuell desinteressiertes Diplom-Proletariat“ (Milosz Matuschek) ein Gastmahl der Geistlosen zu veranstalten und einen auf „Generation Doof“ zu machen, nein, das hätten wir ehrlich nicht für möglich gehalten und reiben uns auch immer noch die Augen, ob wir denn das Ganze nicht womöglich einfach nur träumen. Dass unsere Universitäten von Soziologen mittlerweile als schlichte „Entfremdungszonen“ bezeichnet werden, in denen schon junge Menschen in der Blüte ihrer Jahre von Angstzuständen und Burnout geplagt sind (siehe Zeit), von Kindesbeinen an durch Science-Busting und frühkindliches GWUP-Edutainment weitgehend in die Zweidimensionalität plattgehämmert und in eine Weltanschauung zurückkatapultiert werden, wie sie im 19.Jhdt. zu Ernst Haeckels Zeit geherrscht hat, wo man einer naiven mechanistisch-technizistischen Weltsicht gehuldigt hat … und nun mit der gleichen geistlosen Geisteshaltung der digitalen Transformation und der Robotisierung des Menschen entgegenjubelt – wir Kinder der 70er/80er Jahre hätten herzhaft aufgelacht, wenn uns beim abendlichen Zusammensein jemand eine solche groteske Dystopie geschildert hätte.

Als 1983 und 1987 eine bundesweite Volkszählung samt Erhebung privater Daten stattfinden sollte, gab es volksaufstandsartige Tumulte, auf den Straßen herrschte Empörung, da der beginnende Aufbau eines Überwachungsstaats und die Gefahr des gläsernen Bürgers gewittert wurden. Wohlwissend, dass die Einführung eines Bürgerüberwachungssystems in der Geschichte bisher ausnahmslos zu Willkür, Repression und schließlich zu einer Katastrophe geführt hat, bildeten sich innerhalb weniger Wochen mehrere hundert Bürgerinitiativen, die dem Datenhunger der Staatsmacht entgegentraten. „Jeder Vernichtungsaktion ging die Erfassung voraus, die Selektion an der Rampe beendete die Selektion auf dem Papier“, gemahnte der Historiker Götz Aly. Das zivilgesellschaftliche Engagement mit zahlreichen Verfassungsklagen mündete schließlich sogar in einen bedeutsamen legislativen Fortschritt zum Schutz der Privatsphäre. Mit dem sogenannten Volkszählungsurteil vom 15. Dezember 1983 formulierte das Bundesverfassungsgericht das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, das sich aus der Menschenwürde des Art. 1 GG und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2 Abs. 1 GG ableitet.

30 Jahre später werden die diesbezüglichen Errungenschaften nun quasi über Nacht dekonstruiert und über Bord geworfen. Soeben hat die Merkel-Regierung erst den Bundestrojaner und das lückenlose Ausspionieren der privaten Kommunikation der Bürger beschlossen, bei dem sogar dem ehemaligen Richter und Staatsanwalt Heribert Prantl die Spucke wegbleibt („Man soll nicht bei jeder Gelegenheit von einem Skandal reden. Aber das, was heute am späten Nachmittag im Bundestag geschehen soll, ist eine derartige Dreistigkeit, dass einem die Spucke wegbleibt. Ein Gesetz mit gewaltigen Konsequenzen, ein Gesetz, das den umfassenden staatlichen Zugriff auf private Computer und Handys erlaubt, wird auf fast betrügerische Weise an der Öffentlichkeit vorbeigeschleust und abgestimmt … Der Staat liest mit. Und der Staat kann auch noch am PC das Mikrofon und die Webcam einschalten.“ / Quelle: Süddeutsche).

Doch dass der Staat mitliest, ist für Merkels Maasmännchen und Heimatminister schon wenige Monate später nicht mehr genug. Ein weiteres Gesetz wird auf Schiene gebracht, das Bayern in einen orwell‘schen Präventivstaat verwandeln soll. Die Maasmännchen dürfen die privaten Daten nun nicht nur durchsuchen und speichern, sondern auch willkürlich löschen und VERÄNDERN (!) Als Zugabe dürfen Polizisten ab kommenden Sommer Handgranaten tragen und bewaffnete Drohnen einsetzen.


(Bild: Rubikon/facebook CC 4.0)

Gemäß dem im Juli des Vorjahres mit den Stimmen der CSU beschlossenen Polizeiaufgabengesetz wurde bereits das unbefristete Inhaftieren von Personen ermöglicht, die zwar keinen Straftatbestand begangen haben, aber als „Gefährder“ eingestuft werden (siehe Kommentar von Heribert Prantl in Süddeutscher: „Bayern führt die Unendlichkeitshaft ein“)

Aber auch das ist noch nicht genug und es wird nachgelegt. Laut einem neuen Gesetzesentwurf werden nun auch Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Gefährdern gleichgesetzt. Depressive Menschen sollen künftig nach Regeln, die bisher nur für Straftäter galten, in Krankenhäusern festgesetzt werden können – wiederum ohne dass ein Straftatbestand vorliegt. Heribert Prantl spricht diesbezüglich von einer Mollathisierung des Rechts (siehe sueddeutsche). Wenn man sich ausmalt, nach welchen Kriterien in den Riegen der transatlantisch-außerirdischen Maasmännchen künftig beurteilt wird, wer von uns „gefährlich“ ist und wer nicht, kann einem in der Tat schummrig werden. Der Journalist Dirk C. Fleck, der nach dem Studium der Tagesnachrichten wie eingangs berichtet in Aussicht stellt, Amok gegen eine offensichtlich nicht mehr zurechnungsfähige Regierung zu laufen – ein typischer Gefährder? Oder der unten noch zitierte Ulrich Mies: ein noch schlimmerer Finger und Wehrkraftzersetzer? Eigentlich ist es ja gar nicht Dirk C. Fleck, von dem Amokgefahr ausgeht, sondern es ist ein offensichtlich vollständig durchgeknalltes Regierungskabinett, das gerade Amok gegen die Interessen der Bürger und gegen den Weltfrieden läuft. Reisegesellschaften wären aus haftungsrechtlichen Gründen jedenfalls gut beraten, wenn sie in ihren Prospekten für Bayern eine Reisewarnung ausgeben. Wenn die Reisegesellschaft gerade in der straßenseitigen Laube eines Eissalons sitzt und ein mit Handgranaten bekränzter Polizist marschiert auf Augenhöhe vorbei … wenn dann plötzlich, was ja auf deutschem Boden keinesfalls mehr unrealistisch ist, ein Lieferwagen hält und schwarze Männer mit Teppichmessern herausspringen oder plötzlich ein motorisiertes Objekt in der Fußgängerzone beschleunigt … wenn dann der Polizist eine seiner Handgranaten einsetzt, um noch schlimmeres Unheil abzuwenden und die Gefährder gemäß Dienstvorschrift zu neutralisieren, nun, welche Versicherung wird den Schaden decken, wenn es dann als Kollateralschaden auch den Eiscafe-Shake des Tui-Touristen zerfetzt und er sich seine khakifarbene Tommy Hilfiger-Jean nicht nur mit brauner Flüssigkeit bekleckert?

Wie auch immer. Eigentlich könnten die aktuellen Ambitionen unserer Obrigkeit genauso wie bei den Volkszählungsinitiativen der 80er Jahre einen willkommenen Anlass geben, um solche Macht- und Überwachungsgelüste kräftig zurückzustutzen und einen für die technologischen Möglichkeiten des Informationszeitalters angemessenen, noch drastisch verstärkten Schutz der Privatsphäre und des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung legislativ zu verankern. Krasser und in seiner Gefährlichkeit für Demokratie und Rechstaat offenkundiger als mit den aktuellen Gesetzesentwürfen kann sich der grundrechtswidrige Affront ja gar nicht zeigen – wäre also quasi ein aufgelegter Elfmeter, um im Sinne des Bürgers zu punkten. Ebenso wie jetzt die beste Gelegenheit wäre, um Kriegstreiberei in Europa endgültig als NoGo zu ächten (siehe Heimatflug der transatlantisch-außerirdischen Maasmännchen). Welch bessere Gelegenheit gäbe es, um daran zu erinnern, dass der Bürger ja der Souverän des Staates ist und ihm alle Staatsmacht zu dienen hat und sich selbige Macht nicht zu einem repressiven Moloch auswachsen darf, der in der Folge alle Bürgerrechte verschlingt und sich damit auf historisch äußerst unselige Gleise begibt.

Was macht heute aber die überwältigende Mehrheit der Gwupie-Nerds? Ganz nach dem Vorbild von China basteln die technikbegeisterten Freunde Sheldon Coopers nach Leibeskräften mit an der totalen Überwachung. Dank ihrer unermüdlichen Entwicklungsarbeit hat biometrische Gesichtserkennung auch auf Videosequenzen mittlerweile einen ungeahnten Grad an Professionalität erlangt. Bereits während der G20-Proteste konnte die Hamburger Polizei damit die Menschenmenge nach mutmaßlichen Gefährdern durchforsten oder umgekehrt: die elektronischen Datenbanken mit neuen, von nun an als potentiell gefährlich eingestuften Gesichtern bereichern. In autoritären Regimen wie Myanmar werden solche – tw. durch deutsche Konzerne wie Siemens gelieferte – Systeme übrigens schon seit Jahren höchst effektiv genutzt, um Bürgerrechtsbewegungen im Keim zu ersticken: Kaum gab es eine Demonstration gegen staatliche Korruption und Repression, fuhren Autos mit Kameras an den Menschen vorbei und scannten alle Gesichter der Demonstrierenden (heute übernehmen diese Aufgabe vermutlich Drohnen). Noch am selben Abend bekamen die hierbei erfassten Gesichter „Besuch“ von grauen Männern, die sie abführten. Viele verschwanden für immer oder kehrten mit schweren Folterwunden zurück.

Was die Gwupies in demokratisch-freiheitlichen Gefielden hierzulande dazu treibt, solche Überwachungssysteme zu entwickeln, mag sich mancher fragen. Die Wochenzeitung gibt uns einen Einblick in deren Motivlage:

„Diese sogenannte Augmented-Reality-Brille [zur automatisierten Gesichtserkennung] nennt sich «Hololens» und ist das neuste Spielzeug von EntwicklerInnen und Zukunftsbegeisterten. «Das Ganze hat als Jux angefangen», erinnert sich Cubera-Entwickler Dominik Brumm. Man habe einfach ausprobieren wollen, was mit gängigen Technologien möglich sei.“

Zurück aber nochmals in die 80er Jahre, als das zivilgesellschaftliche Immunsystem noch einigermaßen gesund war. Auch der Spiegel galt damals noch als „Sturmgeschütz der Demokratie“ und nicht als Dampfwalze der Dämlichkeit, wie das der Eifelphilosoph treffend feststellt. Als solches „Sturmgeschütz der Demokratie“ klärte der Spiegel noch bis zur Milleniumswende über „Kriege, die aus dem Think Tank kommen“ auf und über die „bizarren und schockierenden“ Pläne von PNAC & Co. (Project for a New American Century) rund um Dick Cheney & Konsorten, die sich daranmachten, der europäischen Friedensordnung mit kaltem Kalkül den Garaus zu bereiten und Europa in eine von Terror und kriegerischen Konflikten zerrüttete und unter „full spectrum dominance“ stehende Vassallenprovinz des transatlantischen Hegemon umzubauen (siehe auch in Kurzform die mittlerweile ganz unverblümt auf Pressekonferenzen verkündete Vision der Neocon-Falken für das zukünftige Europa: Chicago Council on Global Affairs via Youtube) – Themen, die dem DIN-ISO-zertifizierten Qualitätsjournalisten heute ein absolutes NoGo sind und umgehend als Verschwörungstheorie gebrandmarkt würden. Spiegel-Aufklärung, die damals aber noch breiteste Leserschichten erreicht hat, sodass nicht nur unter der Zivilgesellschaft, sondern ebenso unter Spitzenpolitikern wie Brandt, Bahr, Genscher, Schmidt und Kohl trotz aller transatlantischen Einflussnahmen doch ein einigermaßen solides Selbstverständnis und vor allem ein Bewusstsein für die Vermittlerrolle Mitteleuropas zwischen Ost und West und für die zukunftsweisende Wichtigkeit einer Freundschaft mit Russland geherrscht hat. Entsprechend konnte das Land auch wirtschaftlich und kulturell prosperieren, ein Sozialsystem konnte entstehen, auf das jeder US Bürger nur neidisch sein kann. Dass die Bundesrepublik einmal wirklich von einer Schar schamloser Maasmännchen im Sinne des PNAC „abgewickelt“ wird und dass sogar der Chef der Grünen (in den 80ern noch eine Friedenspartei) Mitglied des PNAC wird, der unablässig zur Konfrontation mit der Nuklearmacht Russland trommelt (siehe Nachrichtenspiegel), das hätte sich damals niemand träumen lassen.

Mit einem PNAC-Boy und einer Atlantikbrücken-Cheerleaderin an der Parteispitze darf es dann auch nicht wundern, wenn in der einstigen Friedenspartei nun vollends die Lichter ausgegangen sind. Die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grünen-Politikerin Antje Vollmer schildert in einem jüngsten Interview, welcher Wind heute weht:

„Wer sich für Mäßigung im Umgang mit Russland einsetzt, wer gar Fehler auf der eigenen Seite, im eigenen Lager, offen anspricht, muss sich warm anziehen.  (…)  Als Pazifistin und Befürworterin einer modernen Entspannungspolitik sind Sie innerhalb der Grünen heute ein Alien von einem fernen Stern.  (…)  Was wirklich fehlt, ist die Kraft auf der Straße. Um ein Beispiel anzuführen: Als es die jüngsten Angriffe der amerikanischen, britischen und französischen Bomber auf Ziele in Syrien gab, hatten die Grünen ihren Kongress in Berlin zur neuen Standortbestimmung und zum Einläuten der „vierten Phase“ ihrer Parteientwicklung. Frühere Grüne hätte es sofort auf die Straße getrieben: Beendet das Bombardement! Beachtet das Völkerrecht! Aber dieser Kongress tanzte und tagte weiter.“ (Quelle: nachdenkseiten / siehe auch Nachrichtenspiegel: „SOS im Grünen Buntbarsch-Aquarium – die Sauerstoffpumpe ist ausgefallen … und mein Schwein pfeift!“)

Noch bis vor Kurzem habe ich gedacht, der Politikwissenschaftler Ulrich Mies übertreibt, wenn er in einem Essay auf Rubikon von einer Merkel-Regierung spricht, die als illegitimes selbstinstalliertes Konzern-Regime der administrative Putsch-Part einer verfassungsfeindlichen Oligarchenherrschaft ist, nichts anderes als: ein antidemokratisches Krebsgeschwür … das alle maßgeblichen Positionen in Parteien, Regierungsinstitutionen und Medien kontaminiert. Sie hält das Land im Zangengriff und metastasiert ihren widerwärtigen marktradikalen Ungeist — als Ökonomisierung — in alle Bereiche der Gesellschaft  (…)  eine Regierung, die auf alle Grundsätze spuckt, die für ein halbwegs funktionierendes demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, die der Öffentlichkeit täglich ihre Verachtung zeigt, Amtseide, Recht und Gesetz beiseite schiebt, die Gewaltenteilung massakriert und sich längst als rechtsnihilistisches, machiavellistisches und sozialdarwinistisches Regime etabliert hat.“

Ich habe diese Zeilen immer wieder zitiert, aber sie insgeheim doch für Satire gehalten und dazu geschmunzelt. Wenn ich wie Dirk C. Fleck nun die Zeitungsmeldungen der letzten Wochen studiere, dann drängt sich mir der erschütternde Verdacht auf, dass diese Charakterisierung von Ulrich Mies womöglich buchstäblich wahr ist und mein Schmunzeln weicht einem Gesichtsausdruck, wie ihn vermutlich auch die Insassen der Titanic gehabt haben müssen, als sie merkten, dass sie trotz der immer lauter spielenden Musikkapelle in einem erbarmungslosen Strudel versinken und sich Richtung Meeresgrund bewegen.

Nachsatz:

– So, eigentlich wollte ich ja eine kleine nostalgische Kulturreise antreten und über Mike Oldfield schreiben und jetzt bin ich doch wieder im Strudel des Tagesgeschehens hängengeblieben. Nun, man darf die Sogwirkung dieses Strudels wahrlich nicht unterschätzen und man muss alle verbliebenen Kräfte aufwenden, wenn man sich von ihm befreien und nicht von ihm verschlungen werden will. Mehr dazu dann aber in Teil 2 – versprochen. Keine Miesmacherei, keine suizidalen Bundeskanzlerinnen und keine durchgeknallten Maasmännchen mehr, sondern eine „Discovery“ (Entdeckungsreise), so der euphorische Titel von Mike Oldfields Hit-Album aus 1984, das seinerzeit eine ganze Generation begeistert und inspiriert hat. Oldfield war es wichtig, im CD-Inlet kurz anzumerken, unter welchen Umständen er den Genius zu diesem Album geschöpft hat:  „Aufgenommen in den Schweizer Alpen, in 2000 Metern Höhe, an sonnigen Tagen“. – Vielleicht können wir diesem Genius auch heute wieder begegnen und in diesen unseligen Tagen, in denen uns sogar vom Fortschritt überzeugte Realos wie Sigmar Gabriel „am Abgrund“ sehen (Quelle: nzz), ein Stück Inspiration finden, um die kommende Dunkelheit geistig unbeschadet zu überstehen. Vielleicht ist uns Oldfields Genius heute sogar näher als jemals zuvor … und klopft bereits an unsere Tür.

Was wir jedenfalls auch in schwarz bewölkten Zeiten niemals vergessen sollten (von der politisch-medialen Lügen-/Manipulationsmaschinerie werden ja derzeit auf offener Straße en masse Autoreifen abgebrannt, deren beißender schwarzer Rauch mittlerweile fast den gesamten Himmel verdunkelt; Peter Sloterdijk spricht davon, dass heute der „Lügenäther“ so dicht sei wie zu Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr):  Oberhalb der tristen Wolkenschicht scheint trotzdem immer die Sonne. Sich aus eigener Kraft und auf ganz individuelle Weise immer wieder durch die Wolken hindurch und zu dieser Sonne emporzuringen, wird für die kommende Zeit nichts mit Eskapismus zu tun haben, sondern mehr mit schlichter Überlebensnotwendigkeit.

zum Weiterlesen:

„When I think of all the good times that I’ve wasted” – Teil 2: Es regiert: Der Herr des Hasses … und das Erwachen des Schläfers

Liebe Deinen Nächsten … wie Dich selbst (Video des Monats)

Vollkommen off topic, unpolitisch und sentimental … aber einfach nur, um daran zu erinnern, dass es in unserer Welt auch noch anderes gibt als Gemetzel, Killerdrohnen, Maasmännchen, Hate Speech, Netzwerkdurchsetzungsgesetze, Zwangsimpfungen, Glyphosat-Politiker und Gwup-Horrorclowns:

„Alles für Nichts“ – Auf weihnachtlicher Suche nach dem Return of Investment


Göttin Natura (Foto: Amrei-Marie/Wikimedia/CC BY-SA 3.0)  

Neben der – berechtigten – Empörung über die hundertfältigen Zumutungen, denen wir heute in marktkonformen Zeiten ausgesetzt sind, verlieren wir leicht den Blick für eine fundamentale Tatsache des Lebens, die allen marktwirtschaftlichen Prinzipien widerspricht: Wir sind in dieses Leben getreten, ohne dafür bezahlt zu haben. Ein wundersamer Körper wurde uns zur Verfügung gestellt, in dem wir nicht nur selbst entscheiden dürfen, in welche Richtung wir gehen und was wir essen, sondern auch, was wir denken und sprechen. Als hilfloses, unerfahrenes und auf die eigenen Bedürfnisse beschränktes Lebewesen sind wir auf die Welt kommen und dürfen uns sukzessive zu gestaltungsfähigen, reifen und Anderen helfenden Persönlichkeiten entwickeln. Zur Bewerkstelligung dieses Wunders müssen von Mutter Natur astronomische Summen an liquiden Mitteln aufgewendet werden, die sich nicht einmal EZB-Direktor Mario Draghi vorstellen kann.

Aber nicht nur unsere Geburt war gratis. Jede Nacht erhalten wir aufs Neue ein kostenfreies Geschenk: Auch wenn wir tagsüber Schindluder getrieben und uns verausgabt haben, in der Nacht wird unser geschundenes Nervensystem wieder runderneuert, die Müdigkeit abgestreift wie die alte Haut einer Schlange im Frühling, sodass wir am Morgen erfrischt aufwachen. – Selbst jenen zweibeinigen Zeitgenossen, die den Return-of-Investment-Point weit verfehlt haben, die in ihrem Leben hauptsächlich Kahlfraß hinterlassen und wenig Konstruktives erschaffen, gibt Mutter Natur jede Nacht aufs Neue die Chance, mit frischen Kräften ans Tageswerk zu gehen.

Überhaupt können wir froh sein, dass es eine weibliche Gottheit ist (von unseren Vorfahren als Natura oder Persephone bezeichnet), die auf unserem blauen Planeten mit der Verwaltung der Wachstums- und Regenerationskräfte betraut ist. Ein maskuliner Naturgott hätte uns womöglich bereits genauso plattgewalzt und filetiert wie Schäuble und seine Troika das bankrotte Griechenland. Man stelle sich vor, Mutter Natur würde mit uns nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten verfahren: Sie müsste uns wegen fahrlässiger Krida wohl schon längst den Stecker gezogen haben – hat sie aber nicht, sondern hofft weiterhin unbeirrt, dass sich die menschliche Existenz doch noch durch den Sumpf winden und irgendwann zur Blüte kommen wird: Jener Blüte, in der der Mensch der Erde nicht mehr eine Last ist, sondern diese durch seine Empathie und kreative Gestaltungskraft aktiv bereichert; wo man also nicht mehr Naturschutzreservate einrichten muss, um die Natur vor dem Menschen zu schützen, sondern wo die Natur aufatmen wird, wenn der Mensch sie betritt, da er um sich herum ein Aroma von Empathie, Umsicht und schöner Musik verbreiten wird – eine Vorstellung des Menschen, die in heutiger Zeit progressiver Entmenschlichung und Menschenhass wie reine Häresie erscheint, an der wir aber festhalten sollten, wenn wir denn an eine Zukunft glauben wollen.

Wieso gibt uns Natura diesen gewaltigen Vorschusskredit und dieses Vertrauen, obwohl wir es täglich aufs Neue mit Füßen treten? Kennt jemand sonst noch eine Tankstelle, bei der man am Ende jedes Tages wieder volltanken kann ohne zu bezahlen? – Wobei die Tankstellenbesitzerin jenen, die auf den Mount Everest fahren wollen, genauso ihren Zapfhahn reicht wie jenen, die unbedingt in den Grand Canyon rasen wollen. Auch diejenigen, die den erhaltenen Treibstoff gleich nach dem Aufwachen in eine verrostete Tonne leeren und dort unter schwarzer Rauchwolkenentwicklung sinnlos abfackeln, lässt sie täglich aufs Neue an ihre Brust …

– und da meinen manche aufgeklärten Zeitgenossen wirklich, es gäbe heute keine Wunder mehr?

Nun, zumindest der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld war sich dieses Wunders noch bewusst. In seinem Tagebuch notiert er:

„Wie unbegreiflich groß, was mir geschenkt wurde,
wie nichtig, was ich >>opfere<<.
 

(…) 

Dankbarkeit und Bereitschaft: Du bekamst alles für nichts. Zaudere nicht, wenn gefordert wird, zu geben,
was doch nicht ist für alles.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern des Nachrichtenspiegel, die durchgehalten haben, sich mit den nicht immer leicht verdaulichen Tatsachen des marktkonformen Tagesgeschehens zu konfrontieren, einige geruhsame Weihnachtstage. Lassen wir inmitten von dem, was Naomi Klein als „Schockstrategie“ bezeichnet hat, nicht zu, dass unsere Herzen gelähmt werden wie die Frösche vor einer Schlange, sondern kultivieren wir entgegen aller Tendenz zu Abgebrühtheit und pseudoaufklärerischer „Entmythifizierung“ ganz bewusst auch Momente des Staunens – wer in seinem Leben wieder ein kindliches Staunen entwickeln kann, z.B. über die o.a. Tatsache des Schlafes oder auch über ein Gänseblümchen, die Farben des Firmaments oder ein Gedicht, der wird dadurch ein scheinbar zartes, aber für seine Gesundheit höchst protektives Element kennenlernen, das ihn vor Burnout bewahrt und mit dem er selbst in einer verödeten (Großstadt-)Wüste überleben kann.  

Auch Albert Einstein war mit dem Wert des Staunens zutiefst vertraut: „Der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen (…) Ich denke, wir sollten den Kosmos nicht mit den Augen des Rationalisierungsfachmanns betrachten (…) Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“

Freshfields – ganz oben in der wunderbaren Welt der Schwerkraft


Foto: cc by Parkwaechter

Freshfields Bruckhaus Deringer – noch gut erinnere ich mich an die leuchtenden Augen einiger Mitstudenten, denen es gelungen ist, bei dieser renommierten Wirtschaftskanzlei ein Trainee-Praktikum zu ergattern. Wer einmal einen Fuß in die Tür jener heiligen Hallen gestellt hatte, der besaß beste Chancen, „es zu schaffen“ – sofern er nur bereit war, hart genug zu arbeiten.

Schon kurze Zeit später leuchteten die Augen oft nicht mehr so hell – die Nächte an den Bildschirmen, die damals noch nicht flach, sondern klobig waren, hinterließen unübersehbare Spuren. Denn Feierabend zu machen war für Neueinsteiger bei Freshfields ein absolutes No-Go. Wer nicht bis tief in die Nächte hinein arbeitete, der fiel auf und wurde schnell als Minderleister ausgesiebt. So erzählte ein Studienkollege, dass er  – nachdem er in der Kanzlei bereits über ein Jahr Alles gegeben und sogar auf Hobbies und Beziehung verzichtet hatte – sich ganze zwei Mal erlaubte, schon um 20.30 Uhr das Büro zu verlassen. Er wagte dies nur mit äußerst schlechtem Gewissen und aus einem nicht aufschiebbaren Grund: seine Großmutter lag im Sterben und er wollte sie im Spital noch sehen. Bereits wenige Tage später musste er zum Rapport zu seinem Abteilungsleiter, der ihm nahelegte, einmal darüber nachzudenken, ob er bei solcher Arbeitsmoral wirklich mit einer Sozietät weiter zusammenarbeiten wolle, in welcher von den Mitarbeitern „Exzellenz“ erwartet werde.

Freshfields nimmt nicht jedes Frischfleisch. Die ehrwürdige Kanzlei kann es sich leisten, nur die besten Humanressourcen für sich arbeiten zu lassen (siehe Website). Neben anderen transatlantischen Schlachtschiffen wie McKinsey und Boston Consulting gilt Freshfields unter Wirtschafts- und Jurastudenten als einer der meistbegehrten Arbeitgeber: Wo sonst hat man schon die Gelegenheit, Airbus bei der Übernahme von Bombardier zu beraten oder der HSH Nordbank bei Verkäufen „notleidender Kredite“ an den Cerberus-Fonds behilflich zu sein. Die in Juristen-Handbüchern als „politisch exzellent vernetzt“ beschriebene Sozietät ist dafür bekannt, dass sie im Gegensatz zu den traditionellen PR-Agenturen sogar an der „Rechtsgestaltung“ mitwirken könne (als Full-Service-Kanzlei schreibt Freshfields Gesetze für die Bundesregierung, die Merkels transatlantische Flachmannschaft nur noch abnicken muss; wer besonders gut nickt, hat auch gute Chancen, nach seinem Abgang aus dem Bundestag ein lukratives Versorgungspöstchen in der wunderbaren Welt der Schwerkraft zu erhalten).

In einem jüngsten Artikel in der Süddeutschen  wird die Geschäftspraxis von Freshfields in Anlehnung an den militärisch-industriellen Komplex als „juristisch-industrieller Komplex“ bezeichnet, mit dessen fachkundiger Hilfe die Großbanken und Konzerne gezielt Steuerflucht betreiben und so gut wie keine Abgaben bezahlen. Von einem meiner Bekannten, er ist selbst staatlicher Steuerprüfer, weiß ich, dass dies in den meisten Fällen auch gelingt. Er schilderte mir, wie er und seine Kollegen im Falle einer Steuerprüfung in den großen Wirtschaftsberatungskanzleien fast jedesmal übers Ohr gehauen werden, da ihnen deren Spezialistenheer mit seinen verwinkelten Transaktions- und Geschäftskonstrukten  hoffnungslos überlegen und immer eine Nasenlänge voraus sei. Manchmal habe er mitbekommen, wie die Bereichsleiter in den gerade von ihm geprüften Büros die Sektkorken knallen lassen und schallend darüber lachen, dass sie mit ihrer raffinierten Buchhaltung wieder einmal durchgekommen sind und zulasten der Staatskassa Millionenbeträge gespart haben.

Möglicherweise hat es das erfolgsverwöhnte Freshfields nun aber übertrieben. Aktuell wird die renommierte Wirtschaftskanzlei von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt beschuldigt, in kriminelle Machenschaften verwickelt zu sein und z.B. dem Private Banking Institut Maple geholfen zu haben, den Staat um Steuerabgaben in der Höhe von 450 Millionen Euro zu betrügen. Vergangene Woche haben Finanzermittler eine Hausdurchsuchung in jenen marmorvertäfelten und chromstahlblitzenden Tempelhallen durchgeführt, die für Uneingeweihte normalerweise nicht zugänglich sind. Wider Erwarten wurden die Finanzbeamten beim Betreten der heiligen Hallen des Mammon nicht sofort vom Blitz getroffen, wobei, wie man weiß, allzu pflichtbewusste Finanzbeamte ja manchmal erst mit Verzögerung vom Blitz ereilt und kaltgestellt werden (siehe Stern).

450 Millionen Euro … – man ist geneigt, an den Ausspruch von Berthold Brecht aus seiner Dreigroschenoper zu denken: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

Manchen mag auch Brechts Ausspruch „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?“ geläufig sein.

Etwas weniger oft erwähnt wird in diesem Zusammenhang meist Brechts dritter Ausspruch, ist er doch reine Häresie wider den Zeitgeist und könnte in Zeiten des marktradikalen Wettbewerbs  zur Zersetzung der Wehrmacht beitragen, die unsere Volkswirtschaft heute so händeringend braucht:

„Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“

siehe dazu auch Steve Cutts Cartoon: „I can’t take this bullshit anymore“

(Ich weiß nicht, ob mein eingangs erwähnter Studienkollege, der sich wegen seiner im Sterben liegenden Großmutter aus der Freshfields-Kanzlei geschlichen hat, noch lebt oder ob er sich bereits „die Seele aus dem Leib gearbeitet“ hat, so wie das eine Diplompsychologin einmal als unvermeidbare Phase bezeichnete, die man am Weg nach oben auf der Karriereleiter der internationalen Konzerne zu absolvieren habe. Ich finde den Link zur entsprechenden Studie nicht mehr, aber das Fazit der Diplompsychologin lautete: Wer diese Phase durchstehe und trotzdem weiterarbeite, der habe die Chance, es bis „ganz nach oben“ zu schaffen.)

Dem Hipster hängt der Zwickel tief – Über Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung (Teil 3)


(Bilder: Jacques Prilleau, Citizen59/CC/BY/SA)

Ich weiß, es gäbe Wichtigeres zu berichten als über die neue Hipster-Kampagne von Mercedes, z.B. dass in den Kellern des Pentagon vor Kurzem ein Treffen der führenden Generäle von US Army, Marine und Air Force  stattgefunden hat. Das allen Ernstes behandelte Thema: die Siegeschancen in einem großen Krieg gegen China und Russland, also in einem Dritten Weltkrieg. Das im Anschluss dem US Senat dargelegte Ergebnis: Die USA werden gewinnen, aber es wird wohl etwas länger dauern und mehr kosten als erwartet (Quelle: New Eastern Outlook). Mit anderen Worten ist der Endsieg also nur eine Frage des Businessplans. Und wenn der Businessplan stimmt bzw. der Erfolg einer Unternehmung in Aussicht steht, hat man jenseits der Atlantikbrücke bekanntlich noch nie lange gezögert, um ein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Da es, wie Noam Chomsky angemerkt hat, in den USA in Wirklichkeit nur eine einzige Partei gebe, nämlich die „Partei des Business“, dauert es in der Regel auch nicht allzu lange, bis man sich auf Geschäftsführerebene über Geschäftsfragen handelseins ist.

Aber lassen wir das Thema Armageddon wieder beiseite und widmen wir uns unterhaltsameren Dingen. Wer weiß, möglicherweise finden wir inmitten dieser Unter-Haltung auch die Masche, an der wir ziehen müssen, um die Zwangsjacke, die uns trotz überbordendem Wohlstand kaum noch Atemraum lässt, wieder aufzulösen. Trotz äußerlich unterschiedlicher Attitüde geht es in der Werbebranche ja im Kern ums Gleiche wie in der Rüstungsindustrie: ums Business. Und da Geschäft bekanntlich Geschäft ist, wird da wie dort nicht gekleckert, sondern geklotzt, und zwar auf höchst professionellem Niveau. Schauen wir uns gleich mal ein solches Klotzstück an, wie es jüngst über die Glotze rund um den Erdball geschickt wurde und nun bis in die hinterste afrikanische Buschhütte kulturprägend wirkt (siehe YouTube):

Man sieht, wie ein smarter Hipster am Smartphone mehrmals seine verflossene Freundin frägt, ob sie nicht doch wieder einmal Lust auf ein Treffen habe. Man erfährt nicht, warum die junge Dame alle Angebote des Freiers so unwirsch zurückschlägt, aber vermutlich hat sie keine Lust, sich nochmals auf einen Hedonisten einzulassen, der einfach nur seinen Spaß haben will und der sich auf Tinder sofort nach einer anderen Katze umsieht, sobald seine Partnerin einmal krank wird oder in eine Krise kommt (siehe feinschwarz: „Pizza-Sex“). Wenn man sich schon einen Mercedes-Roadster leistet, dann will man ihn ja nicht in der Garage stehen lassen, sondern schon ein paar Spritztouren machen. Wozu ackert man denn sonst hart in einer Wirtschaftskratzlei, deren Geschäftsmodell man eigentlich hasst, wenn man sich nach Feierabend sonst nichts gönnt?

Und obwohl die verflossene Dame sonst nichts mehr für ihren Ex-Lover übrig hat, so gibt sie ihm immerhin noch einen eindringlichen Rat mit auf den Weg: „Schau, dass du dein Leben voranbringst!“ – Womit wir wieder beim zentralen Imperativ „work hard“ sind (siehe dazu auch Carmen Loosmanns Doku „Work Hard,Play Hard“).

Sein Leben voranbringen … frägt sich nur, in welche Richtung? Helmut Qualtingers „Wilder auf seiner Maschin‘“ fällt mir ein, der auf die Frage, wohin er denn fahre, im Vorbeirasen antwortet: „Waaß i ned, aber dafür bin i g‘schwinder durt!“

Sein Leben voranbringen … wie auch Mercedes Vizepräsident den Inhalt der neuen Werbekampagne chrakterisierte: als „progressiv, dynamisch…“ – Ja, Hauptsache progressiv und dynamisch. Die Frage, wo uns diese Progression und Dynamik hinführt (siehe auch „Auf dem Weg zur digitalen Transformation und zum Final Handshake“), werden wir schon sehen und ist für trendige Nerds, die voll von der Gegenwart okkupiert sind, eher nebensächlich. Busy going nowhere, wie es der Vollzeitpartylöwe Hubertus von Hohenlohe schon formulierte, der inzwischen selbst meint, dass wir „in einer Welt von Schein, Rauch, Elektronik und Showbusiness leben“ und den Verlust des Kontakts zu den „Grundelementen der Natur und des Lebens“ beklagt (Quelle: kurier).

In besagtem Werbespot bekommt man schließlich unter melodramatischer Musikuntermalung zu sehen, wie der verschmähte Hipster während eines Radrennes  stürzt und sich am Asphalt blutig schrammt. Mit letzter Kraft kann er sich gerade noch zu seinem Mercedes schleppen, an dem er sich dann auf den Boden gesunken anlehnt. – Wie gut, dass es zumindest einen Blechfreund gibt, der in einem existenziell erschütterten und eigentlich bodenlosen Leben einen stabilen Faktor abgibt … wo der Hipster dann seine Wunden lecken und sich wieder sammeln kann. Abends soll er ja wieder fit for fun sein, und am nächsten Morgen will der Chef Leistung und neue Kaltaquisen sehen. Wie Microsoft jüngst verkündete, wird im neuen Microsoft Office eine künstliche Intelligenz namens „Workplace Analytics“ in Zukunft akribisch analysieren, mit welcher Effizienz ein Büroangestellter E-Mails schreibt und Verkäufe abschließt. Als Messlatte setzt die künstliche Intelligenz dabei eine Verhaltensanalyse der erfolgreichsten Verkäufer in der Vertriebsabteilung an (Quelle: Telepolis). Wenn der von seiner Wochenend-Spritztour heimgekehrte Mercedes-Hipster bei diesem Leistungsmaßstab nicht mithalten kann, dann wird er schnell auch die Leasingraten nicht mehr berappen können und die Bank zieht sein Luxusspielzeug wieder ein. Damit ihm also nicht auch noch die letzte Stütze genommen wird, an die er sich bisher anlehnen konnte, wird der Hipster im Hamsterrad vermutlich alles geben. Sonst stünde er ja buchstäblich vor dem Nichts …

Das wirft wieder einmal eine unverschämt ketzerische und naive Frage auf, die einem im mammonitischen Zeitalter auch umgehend den Kopf kosten kann, wenn man sie öffentlich stellt: Aber ist es ein solch lackiertes Blechhutschpferd überhaupt wert, dass man deswegen als junger Mensch „Alles“ dafür gibt und sein Leben verheizt? Wenn man am Ende seines Lebens zurückblicken muss, so wie der in Steve Cutts Video am Dach seiner Wirtschaftskratzlei auf einer Banane ausrutschende Bürohengst (siehe YouTube), dann wird einem womöglich angst und bange werden angesichts der verronnenen Lebenszeit. Denn Lebenszeit hat im Gegensatz zu Geld eine besonders vertrackte Eigenschaft: Einmal verloren, kehrt sie nie wieder zurück. Verlorenes Geld kann man wieder verdienen, verlorene Lebenszeit ist hingegen einfach futsch.

Aber lassen wir solche ketzerischen Gedanken wieder, sie zersetzen nur die Wehrmacht, die unsere Volkswirtschaft in Zeiten des marktradikalen Wettbewerbs dringend braucht. Kehren wir stattdessen zurück in die nackte Realität. Wie schnell jedenfalls Mercedes-Karossen sogar in betuchten Wohngegenden abbrennen können, durfte man ja am diesjährigen G20-Gipfel in Hamburg beobachten (auch wenn sich die Wut der schwarzvermummten Gestalten dort seltsamerweise eher auf mickrige Kleinwägen gerichtet hat, aber das ist ein anderes Thema … zumindest bei den Unruhen in Paris – siehe  Foto unten – hat sich die Demonstrantenwut noch auf die Luxuswägen der Upperclass gerichtet).


Mercedes E350 – abgebrannt  (Foto: CC/BY/SA/Citizen59)

Aber sind diese Tagesschaubilder überhaupt echt oder nur Fake? Das kann doch nicht sein, dass dermaßen glitzernde, titanisch unbesiegbar wirkende Stahlharnische samt ihren edlen, mokkafarbenen Kunstlederbezügen, den elektrischen Nackenstützen, der Klimatronic und dem WiFi-SubWoofer-System in wenigen Augenblicken zu einem übel stinkenden Gummiklumpen zusammenschmoren, den man dann als Sondermüll entsorgen muss. Stolze Besitzer, die da keine Vollkaskoversicherung samt Terrorismus-Paket abgeschlossen haben, werden also bis zum nächsten Workaholics Day noch härter arbeiten müssen.

Wenn dem Hipster, dem seine Freundin durchgebrannt ist, nun auch seine letzte Stütze abbrennt und er sich nicht einmal mehr an seinem vierrädrigen Freund anlehnen kann, dann frägt man sich schon, auf was denn ein junger Mensch heute überhaupt noch bauen kann.

Eigentlich kein Wunder, dass angesichts solcher Bodenlosigkeit immer mehr Hipster in eine Virtual Reality Cloud emigrieren …

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zum Weiterlesen:

„Grow up“- Teil 1: Jetzt weiß ich endlich, was ein Hipster ist

„Grow up“- Teil 2: MamaPapaBaby Hipster

Endzeit-Poesie 4.0: Die Entscheidung – Das Mingle-Dasein von Generation Tinder

MamaPapaBaby Hipster – Über Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung (Teil 2)

Bild li.: „Dem Hipster hängt der Zwickel tief“ (cc by Jacques Prilleau) / Bild re.: „Next exit to illusion“ (cc by Parkwaechter)

„Radikal anders: Die Kampagne „Grow up“ der Berliner Agentur Antoni für die Kompaktwagenfamilien von Mercedes-Benz zeigt eine völlig neue Tonalität: Menschlich, spontan, jung.“ (Quelle: wuv.de)

Spontan, jung, radikal anders … sogar menschlich – na wer hätte sowas vermutet? Wer bisher gedacht hat, dass in einem Mercedes nur fossile ältere Herren mit braunkariertem Tschako-Hut sitzen, mit dickem Aktien-Portfolio und Dackel auf der Rückbank, der wird durch die neue „Grow up“-Kampagne eines Besseren belehrt.

In der Tat sind die neuen Mercedes-Werbespots radikal anders. Ein erster Klick führt mich zu einer Offroad-Sequenz in eine US Wüste (siehe YouTube), wo sich ein junger, spontaner Mann mit seiner jungen, spontanen Frau über ihr offensichtlich ebenfalls in einem Anflug von Spontanität gezeugtes Kind namens „Izzy“ in die Haare kommen. Nachdem Izzys zweiter Socken verschwunden ist, reißen dem jungen Paar die Nerven. Die Frau geifert mit einem zu allem bereiten, hasserfüllten Gesichtsausruck um sich, bei dem jedem Mann Angst und Bange werden kann, während der Mann seiner Frau vorwirft, eine Schlampe zu sein. – Alltagsszenen aus dem Leben eines Pärchens von nebenan, das dort angekommen ist, wo es von Schule und Medien hindressiert wurde: am Boden der nackten Realität und des Pragmatismus.  Der Zornesausbruch der Frau wird schließlich mit dem Vorwurf ihres Mannes: „Du schläfst mit vielen anderen Männern“ jäh zum Verstummen gebracht. Nach dieser Aussage und dem darauffolgenden Schweigen im Walde ist klar, dass die Frau zumindest noch einen sexuellen Marktwert besitzt und deshalb vermutlich nicht sofort zum Alteisen geworfen wird.

In einer Zeit, in der man sich nicht sicher sein kann, was fake und was echt ist, dachte ich zunächst, mit diesem Video will jemand die Mercedes-Werbung satirisch auf die Schaufel nehmen und zeigen, dass Luxus-Produkte unglücklich machen und zu Streit führen. Wie auch immer, in einer informellen Erklärung zur neuen Mercedes-Kampagne erfuhr ich schließlich, dass hierbei junge Leute im Spannungsfeld ihres hedonistischen Lebensstils und „selbstverständlichem Luxus“ gezeigt werden sollen. Was man in den „Grow up“ (übersetzt: „Erwachsenwerden“) – Spots zu sehen bekommt, ist also nichts anderes als eine Visualisierung von dem, was Neil Postman als „adult-childs“ bezeichnet und was auch der Psychologe Götz Eisenberg beschrieben hat. In seinem Buch „Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ sieht Eisenberg zwischen heutigen Erwachsenen und Säuglingen nur noch graduelle Unterschiede:

„Die Konsumgesellschaft bringt einen gefräßigen, ungeduldigen, auf seinen Spaß bedachten ewigen Säugling hervor, der sich genüsslich die Flasche geben lässt und für den die kleinste Verzichtsleistung zur Quelle eines tiefen Unbehagens oder einer immensen Wut werden kann.“

Wen wundert es da, dass das junge Pärchen, das selbst noch am Konsumschnuller nuckeln und „einfach nur Spaß haben“ will, mit hoffnungsloser Überforderung reagiert, wenn nun ein Kind da ist, das Bedürfnisse nach Empathie und Fürsorge anmeldet? Immerhin gibt es aber im hedonistischen Scherbenhaufen des jungen, spontanen Paares eine stabile Konstante: den Mercedes-Familienwagen, in dessen blitzblank geputztem Interieur indes das gemeinsam gezeugte Kind wartet, bis das emotionale Blitzgewitter vorbei ist.

Obwohl der Werbespot in mir bisher noch keine spürbare Resonanz, geschweige denn einen Kaufimpuls erweckt hat, so steigt beim Anblick von Izzy dann doch eine gewisse Traurigkeit auf. Das arme Kind, das – wie so viele Kinder heute – in einer menschlich verödeten und neoliberal vergletscherten Kinderstube aufwachsen muss, tut mir leid. Es wird wohl demnächst mit einem Tablet und einem Smartphone der neuesten Generation versorgt und kaltgestellt werden. „Digitale Kindesaussetzung“ nennt Götz Eisenberg dieses Schicksal, für das es im Strafgesetzbuch noch keinen Tatbestand gibt.

Auch am Namen bleibe ich hängen. Warum nennen die Eltern ihr Kind „Izzy“? Das mag jetzt subjektiv sein, aber für mich klingt dieser Name eher nach einem Ding als nach einem Buben oder einem Mädchen. Spontane Assoziationen mit Iggy Pop oder einer Pop-Art Skulptur von Jeff Koons tauchen auf. Also ich persönlich würde den Namen „Izzy“ allenfalls einem kleinen Drachen verpassen, aber nicht einem Kind, das ich liebe. Einen Mausklick weiter klärt sich das Rätsel für mich bereits auf. – Ein weiterer „Grow up“-Spot mit Untertitel  „Sei du selbst“ zeigt die zum Heldenepos stilisierte Lebensgeschichte des Transgender-Models Benjamin Melzer (siehe YouTube), der als Frau großgeworden, dann aber zur Überzeugung gekommen ist, dass er doch eher ein Mann sei und im falschen Körper stecke. Dank der Möglichkeiten von Pharma und Medizin 4.0 wurde dieses Problem nun behoben. In einer Vielzahl an Operationen wurde der ehemaligen Frau sogar ein männliches Gemächt aufgebaut, das durch eine im Hodensack integrierte Pumpe erigierbar und per Auslassventil wieder erschlaffbar ist. Mit funkelndem Jack Wolfskin-Blick berichtet der sportliche Melzer unter abendlichem Neon-Straßenlicht, dass er nun in seinem Leben „angekommen“ sei. Die medizinische Tortur war indes nicht umsonst – die Lifestyle-Männerzeitschrift „Men`s Health“ hat ihn bereits unter Vertrag genommen und ihn als erstes Transgender-Model auf der Titelseite posieren lassen (siehe Stern). Seit dieser Erfolgsstory kokettieren nicht nur Melzers 100.000 Twitter-Follower mit dem Gedanken, ob das Leben im Körper des anderen Geschlechts womöglich doch mehr Spaß macht als im von der Natur angeborenen Vehikel. Ein Instagram-Nutzer postet: „Du bist meine Inspiration. Ich hoffe, dass ich eines Tages wie du sein werde.“

Die Eltern von Izzy wollen ihrem Kind diesbezüglich scheinbar alle Möglichkeiten offen lassen und gaben ihm wohlweislich einen politisch korrekten Namen. Mit dem neutra-artigen „Izzy“ kann das Kind später einmal nahtlos von einem Geschlecht zum anderen switchen, ohne dass sich seine Freunde oder die Firmenkollegen an einen neuen Vornamen gewöhnen müssen so wie bei Yvonne Melzer, die plötzlich als Benjamin Ryan figurierte.

Wie auch immer, ich will das triste (Großstadt-)Wüsten-Drama und das Transgender-Epos hinter mir lassen und klicke weiter. Und siehe da: Im nächsten „Grow up“-Video geht es schon etwas lustiger zu. Während Dirk C. Fleck angesichts des drohenden ökologischen Kollaps und allgemeinmenschlichen Abgrundes, an dem wir heute stehen, bei seiner bekannt gewordenen G7-Rede vor Betroffenheit fast die Stimme versagt (siehe YouTube), beweist die „Grow up“-Kampagne, dass man nicht so zimperlich sein muss, sondern stattdessen einfach abhängen und seinen Spaß haben kann:

https://www.facebook.com/mercedesbenzdeutschland/videos/10213653093112731/

Angesichts eines solch umwerfend professionellen Werbespots, der das junge, spontane Lebensgefühl von Generation 4.0 widerspiegelt, wird es wohl niemand als sexistisch empfinden, wenn zwischen den Auto- und Spaßsequenzen ein Mann auf Hüfthöhe einer danebenstehenden Frau einen Benzinzapfhahn in die Tanköffnung eines Autos einführt und gleich darauffolgend der Hahn eines abtropfenden Kaffeeautomaten eingeblendet wird, aus dem sich eine cremige Melange ergießt (siehe Minute 0:18).

Jedenfalls kann man sich lebhaft vorstellen, wie die Werbefritzen abends in der Kantine gelacht haben müssen – über die „subliminals“, die sie hier in professioneller Manier in die Werbebotschaft hineingemogelt haben und die das beworbene Blechprodukt genau mit dem verquicken, was beim Endkunden hängen bleibt: elementare Triebe und Emotionen. Indem man also den Hypothalamus direkt mit dem Impetus der Zehennägel verknüpft, kann man das normale menschliche Denken und Fühlen bzw. den Herzbereich des Menschen umgehen und trotzdem eine maximal nachhaltige Prägung erzielen. Auf diese Weise bleiben die Werbungsinhalte sogar bei schweren ADHS-Patienten und Smombies hängen. Und das ist heute eine wirklich respektable Leistung.

Der Spot wartet überdies mit perfekt emotionsheischendem Sounddesign mit lasziver Musikuntermalung auf, die einem karriereaffinen Hipster bei Sonnenuntergangsstimmung noch den letzten Kick geben, um einen ungesicherten Bungeejump in den Grand Canyon zu wagen. In einer dunklen Schlucht, aus der solch betörende Musik heraufschallt, befindet sich bestimmt ein Paradies, wo auf den, den es beim Aufprall zerbröselt, ein futuristisches Freiluftbordell wartet, in dem am gut beschatteten Firmament schokoglasierte Schweine kreisen und sich freiwillig zu leckeren Schnitzeln filetieren, sobald der Hipster einmal kurz übers Matschphone wischt und ein paar Bitcoins abbucht.

Das wäre ja auch gelacht, wenn sich der Werbeaufwand nicht rechnet – wenn ein gutbezahltes und mit allem nur erdenklichen technischen Equipment ausgestattetes Team an Profis mehrere Wochen lang an endlosem Videomaterial arbeitet, aus dem man dann die paar glücksstrahlendsten Momente aus den Gesichtern der oftmals depressiven und tablettensüchtigen Schauspieler herausschneidet und zu einem kurzen Spot an Emotionen kondensiert, bei dem ein waschechter Hipster Gänsehaut am Rücken bekommt und mit offenem Mund nur noch vier Worte stammeln kann: „Ich auch will habähn …!“

Jedenfalls muss man den Grad an Perfektion, den Werbung heute erreicht hat, richtiggehend bewundern. Wie hier auf glänzende Weise als Lebensideal vorgegaukelt wird, was eigentlich vollkommener Nihilismus und Grausamkeit ist und jeden, der dem folgt, unweigerlich in die Depression führen wird, ist einfach phänomenal.

Damit jetzt niemand glaubt, ich behaupte, dass die Marketingfritzen von Antoni & Co. gezielt an der Gehirnerweichung einer ganzen Generation arbeiten. Das wäre ja eine Verschwörungstheorie und geht daher gar nicht. Nein, ich halte mich da lieber ganz orthodox an die wissenschaftlich anerkannte Theorie der „invisible hand of the market“ – der unsichtbaren Hand des Marktes, die dafür sorgt, dass jeder Mensch, der keine eigenständigen Lebensideale formuliert, ganz automatisch dazu geführt wird, genau das zu machen, was der Markt bzw. der Zeitgeist fordert (von Noam Chomsky bezeichnet als „notwendige Illusionen und Lügen“, mithilfe derer die Bevölkerung „unterhalten“ und „zu apathischen, autoritätsgläubigen, kaufsüchtigen wie desinteressierten Konsumidioten formiert wird“).

So raffiniert diese Chomsky’sche Unter-Haltung auch ist, sie kann in Wirklichkeit nur bei jenen Menschen greifen, die lediglich die Aussprüche von Dieter Bohlen und Sido kennen, aber die noch nie eine Zeile von Sokrates oder Aristoteles gelesen haben, z.B. dessen Wahlspruch, mit dem er lächelnd über die Märkte flaniert ist:

„Was es alles gibt, was ich nicht brauche …“

Mit dieser Prise Sokrates wären sie immun gegen Lifestyle-Werbekampagnen, die Chomsky als „notwendige Illusionen bzw. Lügen“ charakterisiert. Die kommerziellen Hochseefischer würden schimpfen und fluchen, aber solche Menschen würden ihnen trotz millionenschwerem Jagdbudget, HiTech-Radar und raffiniertester Fangmaschinerie einfach nicht mehr ins Netz gehen.

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zum Weiterlesen:

„Grow up“- Teil 1: Jetzt weiß ich endlich, was ein Hipster ist

„Grow up“- Teil 2: MamaPapaBaby Hipster

„Grow up“- Teil 3: Dem Hipster hängt der Zwickel tief

Endzeit-Poesie 4.0: Die Entscheidung – Das Mingle-Dasein von Generation Tinder

Jetzt weiß ich endlich, was ein Hipster ist – Über Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung (Teil 1)

dem hipster
hängt
der zwickel
tief
irgendwas
mit medien.
echt.
(j. l. prilleau)

Vor Kurzem hat mir ein Spenglermeister, eigentlich ein sehr beherrschter und gutmütiger Mann, erzählt, dass ihm gerade die Nerven gerissen seien und er einem seiner Lehrlinge eine heftige Ohrfeige gegeben habe. Der Grund dafür war, dass er es einfach nicht mehr fassen könne, wie die jungen Leute nur noch auf ihren Smartphones herumwischen, selbst die einfachsten Dinge quasi über Nacht vergessen und er ihnen die elementarsten Handgriffe jeden Tag aufs Neue erklären muss.

Wie soll man also in solcher Situation allgemeiner Gehirnerweichung jungen Leuten, die sich nichts mehr merken, trotzdem die Botschaft einprägen, dass sie „Dinge kaufen sollen, die sie nicht brauchen … um Geld, das sie nicht haben … um Menschen zu imponieren, die sie nicht mögen“ (R. D. Precht)?

Nun, ich versichere Ihnen – das geht! Selbst in Zeiten von Prekariat und Working Poor ist es möglich, eine ganze Generation auf Linie zu bringen, wenn man mit einem mehrstelligen Millionenbudget die hochkarätigsten Experten aus den Bereichen Marketing, Psychologie, Regie, Show, Product Placement, Sounddesign und Industrial Light&Magic zusammenspannt – dann schaffen wir das! Ein Musterbeispiel dafür ist die neue Mercedes-Kampagne „Grow up“, mit der aktuell alle Informationskanäle geflutet werden. Der Marketingchef von Mercedes-Benz spricht von einer „unkonventionellen Kampagne, die sich in ihrer digitalen Ausrichtung und ihrer Content-Mechanik nicht sofort wie Werbung anfühlt“. Mit mehr als 100 „Bewegtbildsequenzen“ und über 90 „Lifestyle- und Produktbildern“ soll bis Ende des Jahres „eine junge Generation im Spannungsfeld des Erwachsenwerdens“ dargestellt und damit „permanente Visibilität und Aufmerksamkeit“ generiert werden.

Werbeprofis sprechen von einem genialen Schachzug und evolutionären Schritt in der Profession des Product Placements: Luxusfahrzeuge werden nicht mehr plump direkt beworben, sondern „beiläufig eingeflochten“ und als „unverzichtbarer Luxus“ im Leben junger Hipster dargestellt, während sich der hauptsächliche Inhalt der Filmsequenzen eigentlich auf die hedonistischen Lebensgefühle einer konsumorientierten Generation Doof bezieht, wie sie der neoliberale Konzern gerne in seinem Bilderbuch stehen hätte. Marketing-Experte Matthias Meusel (Grey Berlin) zur neuen Kampagne: „Mercedes-Benz ist eben nicht nur der Begleiter in allen schönen und schwierigen Lebenslagen, sondern steht für den neuen Alltags-Luxus, für den mobilen Hedonismus der jungen Generation (…) daher ist die Kampagne aktuell eher nur als Hipster-Lifestyle-Content zu sehen.“ Auch sein Kollege Michael Reidel titelt: „Mercedes, jetzt auch für Hipster“.

Gehen wir aber gleich in medias res und tauchen wir für eine Minute in den Original-Trailer von „Grow up“ ein. Die Marketing-Experten der für die Kampagne verantwortlichen Agentur Antoni wissen, dass man in einer knappen Minute keine Zeit verlieren darf und kommen ohne Umschweife zur Sache. Die Lehranweisung beginnt mit der Erklärung: „Wenn du älter wirst, zählen im Leben ein paar einfache Regeln: …“

Dazu folgt eingangs gleich der kardinale Imperativ: „WORK HARD!“ – kombiniert mit Lifestyle-Aufnahmen aus dem Rotlicht-Milieu. Die Botschaft ist klar: Wenn du hart arbeitest, kannst du abends auch „Spaß“ haben. Die GoGo-Girl-Puff-Szenen gehen dann allerdings gleich über in die Aufforderungen „Achte auf deine Manieren!“ und „ZEIGE RESPEKT!“ (ein Chef wird eingeblendet) – der Hipster soll ja nicht auf die Idee kommen, „einfach nur“ Spaß zu haben und im rat race nichts zu leisten. Schließlich das unvermeidliche: „Get a job!“ und der beiläufige Ratschlag, sich richtig anzuziehen. Die Regisseure beweisen auch Sinn für Sarkasmus, indem sie beim Sujet „Get a real job“ ausgerechnet den ehemaligen Crack-Dealer und Rapper ASAP Rocky einblenden, wie sich dieser auf einer Mercedes-Motorhaube trollt und dabei müde die Augen darüber verdreht, wann denn diese tödlich langweiligen Dreharbeiten am Set endlich vorbei sind, bei denen er unter Scheinwerferlicht und Regieanweisungen stundenlang immerzu die gleichen nichtssagenden Posen wiederholen muss, nur damit die Filmproduktion Iconoclast unter Nachbearbeitung der Berliner nhb Studios und des digitalen Kampagenhubs der Pixelpark AG daraus dann die coolsten fünf Sekunden herausschneiden und für ihre Zwecke verwerten können (siehe wuv). Der Rap-Rocky wurde von Mercedes gleich für mehrere Videos der „Grow up“-Kampagne unter Vertrag genommen – ist er doch der lebende Beweis dafür, dass man es selbst als Underdog aus der Bronx zum Millionär bringen kann, wenn man nur bereit ist, „ein paar einfache Regeln“ zu befolgen.

Zurück aber zum „Grow up“-Video: Neben einigen gänsehauterzeugenden Lifestyle-Sujets betreffend Familiengründung, Sport und Hedonismus im „beat of your own drum“, die dem jungen, leistungsbereiten Hipster flüssig die Gurgel runtergluckern wie ein aspartamgesüßter Energydrink, dann wiederum der Chef in Großaufnahme mit der finalen, akzentuiert gesprochenen Endbotschaft: „LISTEN TO ADIVCE“ („Hör auf das, was man dir sagt!“). Wer bereit ist, dieser Anweisung des dicken Chefs zu folgen und für sein Profitbordell … – pardon, ich meine natürlich: für seine renommierte Wirtschaftskanzlei im Hamsterrad zu laufen, dem werden in einer auf das „LISTEN TO ADIVCE“ folgenden Bildersequenz auch gleich diejenigen Genüsse gezeigt, an denen der karriereaffine Hipster dann lecken darf – vorausgesetzt natürlich, er arbeitet „hart genug“: hedonistische Strand-Surf-Luxus-Katzen-Headbang-Asphaltcowboy-Szenen, untermalt mit laszivem hyper-emotional Sound, rauschen wie überschäumender Sekt in die Augen und offenen Münder der Zuseher.

Wer während des Videoclips nicht alle paar Sekunden die Pause-Taste drückt, um die rauschende Bilderflut bewusst zu verarbeiten, der bemerkt wohl kaum die Kröten, die er mitsamt diesem sprudelnden Sekt schluckt. Die Chancen, dass ein junger Mensch, der sich diesen Spot reinzieht, die darin verpackten Botschaften auch angemessen verarbeiten kann, divergieren statistisch gesehen vermutlich gegen Null. Da wundert es einen nicht länger, dass heute bei Friedensdemonstrationen trotz eskalierender globaler Situation weitgehende Flaute herrscht und aufgeklärte GWUP-Skeptiker auf ihren Science Blogs über den mickrigen Rest der Friedensbewegung, die sich zuletzt beim Pax Terra Festival neu formieren wollte (siehe Rubikon), nur höhnisch lachen können. Ihrer messerscharfen Analyse zufolge sind es nur „Querfrontler“ und Fortschrittsverweigerer, die sich dort herumtreiben – wer hingegen den Fortschritt auf seiner Seite hat, der surft heute lieber mit vollem Rückenwind der herrschenden „Wissenschaften“ auf der Welle des neoliberalen Sektstrahls und des technokratischen Szientismus Richtung Grand Canyon. Ja, wirklich: Warum sollte man sich denn bei Friedensdemonstrationen von Wasserwerfern der Exekutive nassspritzen lassen, wo man doch stattdessen mit einer gazellenbeinigen Katze in einem Cabrio-Roadster eine Spritztour machen und „einfach abhängen“ kann? Außerdem: Spätestens seit den G20-Randalen in Hamburg weiß man ja, dass nur schwarzvermummte Vandalen gegen Neoliberalismus und Ausbeutung protestieren, anständige Bürger bleiben daheim und gucken Tagesschau, bevor am nächsten Morgen wieder der Wecker läutet und das Murmeltier grüßt.

Der Hipster 4.0 von heute hat indes anderes zu tun, als gegen eine von Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichnete Weltordnung aufzubegehren: „hard worken“ eben – um sich die Leasingraten für die aufgepeppten Blechkäfer aus der „Grow up“ Werbung leisten zu können. Um in diesen flotten Käfern eine flotte Biene spazierenführen zu können, spart man sich schon mal das Brot vom Mund ab und futtert Budget-Frittes und Junkfood aus dem Lidl-Gefriersortiment. Für ein paarhundert Euro monatlich ist man per Leasingvertrag sogar als Friseur- oder Mechatroniklehrling mit dabei – vorausgesetzt, dass man „hard workt“ (und noch bei den Eltern wohnen darf). Vorige Woche wurde übrigens wieder der „Workaholics Day“ gefeiert – dieser vor vier Jahren neu inaugurierte Feiertag soll uns an jene Konzernrealität erinnern, welche die Filmemacherin Carmen Loosmann mit ihrer Doku „Work Hard,Play Hard“ recht anschaulich ins Bild gebracht hat (Warnung: Lt. Filmkritik der Frankfurter Rundschau erfasst einen beim Ansehen dieser Doku „zugleich Kälte und Angst“) oder die uns der aus der Branche ausgestiegene Ex-Werbeprofi Steve Cutts in einem kurzen Cartoon vor Augen führt:

Da ich mir vorgenommen habe, über toxische Sachverhalte nicht mehr zu schreiben, ohne nicht auch ein probates Gegengift anzubieten, hier also ein kleines Medicum, mit dem die Leber die aus dem Werbevideo aufgenommenen Schadstoffe wieder ausscheiden kann:

Die langjährige Sterbebegleiterin Bronnie Ware hat ein Buch geschrieben mit Titel „Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ (siehe Kurzfassung in welt.de). Sie begleitete unzählige Menschen bei ihren letzten Atemzügen und hörte dabei  immer dasselbe Bedauern und dieselben Vorwürfe: „Das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten. Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hat. Vorwürfe gegenüber sich selbst, weil diese Erkenntnis erst kam, als es bereits zu spät war.“

„Wenn sie sterben, kommt eine Menge Furcht und Ärger aus den Menschen heraus … und dieses ‚Ich wünschte, ich hätte …'“, sagt Bronnie Ware.

Auf Platz 1 der am meisten bereuten Dinge:

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“

folgt sogleich Platz 2:

„Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“

„Alle Männer, die ich gepflegt habe, haben das gesagt“, erzählt Bronnie Ware. „Fast alle haben zu viel gearbeitet und zu wenig gelebt – weil sie Angst hatten, nicht genug Geld zu verdienen, oder ihrer Karriere wegen.“ Sie schildert weiters, dass viele Menschen ihre wahren Gefühle um des scheinbaren Friedens willen unterdrücken. „Das führt dazu, dass sich viele in einer mittelmäßigen Existenz einrichten und nie zu dem werden, was sie hätten sein können.“ Viele Krankheiten, die ihre Patienten über die Jahre entwickelten, rührten daher, glaubt sie. Für sich selbst hat Bronnie Ware entschieden, dass sie nur noch das macht, was sie in ihrem Leben von ihrem Innersten aus tun wolle. „Ich weiß ja, was ich sonst auf meinem Sterbebett bereue“, sagt sie.

Damit spricht die Sterbebegleiterin etwas an, was einem in unserer vermeintlich alternativ- und trostlosen Zeit am meisten abgesprochen wird: Das eigenverantwortliche Gestalten des Lebens auf Basis individuell formulierter Ideale – die, das wage ich aus voller Überzeugung zu sagen, bei ausnahmslos jedem Menschen in Wirklichkeit, d.h. im oftmals zugeschütteten Inneren, diametral entgegengesetzt sind zu dem marktradikalen (’neoliberalen‘) Wahn-Sinn, der uns heute von Kindesbeinen an in Schule, Uni und Medien als Normalität verkauft wird. Von Medien, die uns laut Noam Chomsky „ideologisch zum Gehorsam, zur Passivität, Konformität, Habsucht und Unterwerfung erziehen“, uns „mithilfe bedeutungsloser Slogans und des Fernsehens zu apathischen, autoritätsgläubigen, kaufsüchtigen wie desinteressierten Konsumidioten formieren“ und solcherart die Bevölkerung „sozial atomisieren, fragmentieren und dadurch politisch marginalisieren.“ (siehe „Die Wachhunde der Machtelite“)

Dass man den Gegenwind nicht zu scheuen braucht, der einem entgegenweht, sobald man von dieser Fähigkeit zum Schwimmen gegen den Strom Gebrauch macht, hat uns schon Dorothee Sölle gezeigt mit ihrem Lebensmotto:

„Grenzenlos glücklich,
absolut furchtlos,
immer in Schwierigkeiten.«

oder mit Goethes ermutigenden Worten:

„In dem Augenblick,
in dem man sich endgültig einer Aufgabe verschreibt,
bewegt sich die Vorsehung auch.

Alle möglichen Dinge,
die sonst nie geschehen wären, geschehen
um einem zu helfen.

Ein ganzer Strom von Ereignissen wird in Gang gesetzt
durch diese Entscheidung
und sie sorgt zu den eigenen Gunsten
für zahlreiche unvorhergesehene Zufälle,
Begegnungen und materielle Hilfen,
die sich kein Mensch vorher je erträumt haben könnte.

Was immer du kannst oder Dir vorstellst,
dass Du es kannst,
beginne es.

Kühnheit trägt Genie,
Macht und Magie in sich.

Beginne jetzt!“

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zum Weiterlesen:

„Grow up“- Teil 2: MamaPapaBaby Hipster

„Grow up“- Teil 3: Dem Hipster hängt der Zwickel tief

Endzeit-Poesie 4.0: Die Entscheidung – Das Mingle-Dasein von Generation Tinder

 

Die Grausamkeit der Frauen – über verlorene Jungfräulichkeit und blinde Widerstandskämpfer

Die Grausamkeit der Frauen – über verlorene Jungfräulichkeit und blinde Widerstandskämpfer

(CC BY Parkwaechter 2017)

Obwohl ich mich durch tägliches Lesen in der Lügen-, pardon, in der Katzenstreupresse (siehe „Die Götterdämmerung der Lügenpresse“) für einigermaßen abgebrüht halte, hat mich vor Kurzem das nackte Grauen kalt erwischt. Immer noch ganz benommen, suche ich taumelnd nach Halt … wenn ich abends einschlafe, dreht sich vor meinen Augen ein Bilderkarussell, das mich am Menschen und an der Zukunft für unsere Kinder ernsthaft zweifeln lässt.

Wenn ich jetzt erzähle, was mir widerfahren ist, wird man mich auslachen, aber sei’s drum. Also: Nach dem Lesen eines bewegenden Artikels des Eifelphilosophen (“Die Vernichtung des sensiblen Mannes“) gab ein geschätzter Leser den Hinweis auf den „Butchelor“, meinte damit die unsägliche Fleischbeschaushow „The Bachelor“. Obwohl ich dieses Format bisher eisern verweigert hatte, dachte ich mir: So, nun ist’s aber an der Zeit, dass du dir da auch mal einen Eindruck in bewegten Bildern machst, um über diejenige Show mitreden zu können, die sogar „Deutschland sucht den Superstar“ an medialer Reichweite übertroffen hat und die einer ganzen Generation als Lifestyle-Rolemodel präsentiert wird. Mir schwante bereits Übles, immerhin hat sogar der Spiegel, die „Bildzeitung für Abiturenten“ (Volker Pispers), den Bachelor für das „Zelebrieren von Dekadenz, Oberflächlichkeit und Beklopptheit“ kritisiert. Nach Ansicht der Süddeutschen hat sich der Bachelor „von Folge zu Folge mehr und mehr als seelenloses Psychowrack erwiesen“ und wirke „emotional verarmt, sexuell verelendet und moralisch verwahrlost“.

Trotz dieser Vorwarnungen war ich als nicht-fernsehender Mensch, also als Mann hinterm Mond, über das, was ich zu sehen bekam, dann doch einigermaßen sprachlos. Jedenfalls kann ich nun dem nachfühlen, was auch der Eifelphilosoph gemeint hat, als er nach mehreren Jahren Fernsehabstinenz zum ersten Mal wieder den Kübel eingeschaltet hat: „Das gibt’s doch gar nicht“, sei noch das Geringste gewesen, was er sich angesichts der ihm entgegenkommenden Bilderflut gedacht habe.

Als ich in die Suchmaschine „Bachelor“ eingab, wunderte ich mich zunächst, dass mir „Die Bachelorette“ , also das Femininum zu „Der Bachelor“, als Suchvorschläge ausgegeben wurde. Den Vorwurf, eine frauenverachtende Sendung zu produzieren (Udo Jürgens bezeichnete das Buhlen von 20 paarungswilligen Weibchen um ein männliches Alphatier als „abstoßend und nuttig“), wischte der damalige RTL-Chef Gerhard Zeiler mit der Ankündigung weg, das ganze Spiel auch umgekehrt aufzuzäumen und die Frauen gleichziehen zu lassen. Gesagt, getan, durfte im Spin-off „Die Bachelorette“ fortan ein 25 Köpfe starkes Mannswolfrudel um eine giraffenbeinige Schönheit buhlen. Und in der Tat: Die „Bachelorettes“ zeigen, dass Barbie das Puppenspiel mit den Emotionen genauso beherrscht wie Ken.

Als ich die Bachelorette Zaklina betrachtete (siehe unten), wie sie am Balkon einer mondänen Villa mit lasziv-abgeklärtem Blick nach unten auf den Parkplatz blickt, um sich zu entscheiden, welchem der  dort versammelten Verehrer sie als nächstes den Laufpass geben soll, musste ich an eine Schilderung des französischen Philosophen Jacques Lusseyran denken (seine Autobiographie „Das wiedergefundene Licht“ ist eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich kenne und von dem man auch als Normalsichtiger ein ganz neues Wahrnehmen der Welt lernen kann). In jungen Jahren erblindet, entdeckte Lusseyran seine Fähigkeit, trotzdem zu „sehen“, und zwar in intuitiven Farben. Die französische Widerstandsbewegung machte sich seine besondere Fähigkeit zunutze, um „in einer Zeit, in der jedes Treffen unter Menschen eine Begegnung auf Leben und Tod war und man schnell erkennen musste, ob man einen Freund oder Feind vor sich hatte“,  NS-Spitzel zielsicher zu identifizieren: neue Mitglieder der Resistance wurden in einem abgedunkelten Zimmer zu „dem Blinden“ geführt, wie man ihn nannte. Lusseyran betrachtete dort die Farben, die von der jeweiligen Person ausgingen und konnte mit  unfehlbarer Sicherheit sagen, ob bei neu rekrutierten Mitstreitern ehrliche oder unlautere Motive vorlagen.

Bemerkenswert fand ich insbesondere eine Aussage Lusseyrans über die Frauen (was vice versa für Männer genauso gilt). Von abendlichen Tanzveranstaltungen erzählt er, dass er ausgerechnet bei denjenigen Frauen, die ihm seine Kameraden als besonders schön und begehrenswert schilderten, im vis-à-vis beim Tanzen meist „Grausamkeit“ und Kälte wahrnahm, während er bei eher unscheinbaren bzw. unbeachteten Frauen oft wunderbar harmonische Farben sah, die er als wirkliche menschliche Schönheit empfand.

So nebenbei ein Tip eines 40+-Althasen an die Youngsters unter unseren Lesern: Auch ohne hellsehend zu sein wie Lusseyran kann man insbesondere an kleinen Details wie etwa den Mundwinkeln, der Gestik der Lippen oder der Bewegung der Augenlider einer Frau ersehen, welcher Geist sie beseelt (nicht umsonst betreiben Frauen einen beträchtlichen Aufwand, um gerade diese Gesichtspartien intensiv zu beschminken) – wer sich hierfür etwas sein Auge schult und sich nicht bloß von Wespentaillen und Gazellenschenkeln ablenken läst, der mag sich dadurch in seinem Leben fatalen Schiffbruch und ein übles Schicksal ersparen (in neoliberalen Zeiten ist nicht mehr gewährleistet, dass man einen Schiffbruch auf hoher See überlebt – eigentlich also verdammt schlechte Zeiten, um in Beziehungsangelegenheiten russisches Roulette zu spielen, so wie das von unseren Medien heute flächendeckend propagiert wird).

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Was hätte Lusseyran wohl über die Bachelorette Zaklina gesagt, die im oben ersichtlichen Video von der gesamten Männermannschaft angeschmachtet wird? – Ich mag zwar kein Maßstab sein, aber ich für meinen Teil habe eine Gänsehaut bekommen. Auch wenn eine andere als ‚Traumfrau‘ gehandelte Bachelorette-Kollegin namens Frieda auf ihrer Pinwand die Fotos der ihr dargebotenen männlichen Opferstiere seziert (siehe YouTube), wird mir innerlich nicht wärmer, sondern ich taste hilfesuchend nach meiner neben dem Bildschirm stehenden Kamillenteetasse und versuche von dieser etwas Restwärme zu erheischen.

Insbesondere hat mir der in Zalinkas Krallen geratene Opferstier Simon leid getan. Simon, ein vergleichsweise naiver und liebenswürdiger 24jähriger Mann (siehe YouTube), der im Gegensatz  zu seinen abgebrühten Mitbuhlern (siehe YouTube) in seinem Leben bisher noch nie eine Freundin gehabt hat, gerät in die Fänge der rothaarigen Femme fatale, die es als besonderen Leckerbissen ansieht, sich den jungen Mann als Aperitif einzuverleiben. Unverdorbene Jungfräulichkeit bekommt man ja in heutiger Zeit nicht alle Tage serviert. Geschäftsmänner aus Hongkong ziehen für solche Angebote schon mal 2,3 Millionen Euro aus der Hosentasche (siehe Focus), warum sollte es also eine Frau in Zeiten des Gender verschmähen, eine solch seltene Okkasion gratis konsumieren zu können?

Simon gibt sich also der Bachelorette hin, auf einer romantischen Dschunke an Thailands Küste wiegt er sich mit ihr fast schon im 7. Himmel (siehe YouTube), die Kameras folgen dem Paar noch bis zum Fallen der ersten Hüllen ins Schlafzimmer. In einem nachfolgenden Interview schildert Simon mit naivem Gutglauben, dass er in Zaklina nun seine Seelenpartnerin gefunden habe und sein Herz fortan ganz für seine Angebetete schlage. Bachelorette Zaklina gibt sich indes jedoch wesentlich professioneller (siehe YouTube): Zwar attestiert sie Simon, dass er ein ungewöhnlich sensibler Mann sei – was, wie der Eifelphilosoph zuletzt berichtete, heute an Seltenheit fast schon der Begegnung mit einem Einhorn gleichkommt -, die Medusa behält sich jedoch vor, noch herauszufinden, ob Simon auch eine ausreichend „wilde und leidenschaftliche Seite“  vorzuweisen habe.

Diese Erwartung der Bachelorette sollte Simon dann auch zum Verhängnis werden. Denn in dieser Hinsicht konnte Simons Mitbewerber am freien Fleischmarkt, der stramme Michel, anscheinend einen höheren Score erzielen (siehe YouTube), obwohl letzterer von seinen Kommilitonen als gefühlskalt und als Pokerface charakterisiert wurde. Gemäß den eisernen Gesetzen der unsichtbaren Hand des darwinistischen Marktes war daher die Entscheidung der Bachelorette vorprogrammiert: Obwohl der sensible Simon bis zum Schluss in banger Erwartungshoffnung verblieb, musste sie ihm angesichts des strammen Michels bei Sonnenuntergang am Meer schließlich das Herz brechen und ihm den Laufpass geben. Was bleibt, ist ein perfekter, schmalztriefender Werbespot für den neoliberalen „survival of the fittest“: Ein bis über die Ohren grinsender Winner, der die Beute einkassiert und ein in Tränen aufgelöster Looser, der schauen kann, wo er bleibt und um den sich niemand mehr schert, während die Winner die Korken knallen lassen.

Dass der strahlende ‚Winner‘ nach wenigen Wochen ebenfalls ausrangiert wird und Platz für einen noch tolleren Hecht machen muss, wird tunlichst verschwiegen – auch, wieviele Scherbenkinder in solchen auf bloßen Sexappeal aufgebauten Sandburgen aufwachsen müssen.

–  f i n  –

Demnächst im Nachrichtenspiegel:

Teil 2: Die Grausamkeit der Männer – Wenn der Butchelor das Fleischmesser auspackt …

zum Thema passend siehe auch: „5000 Politiker-Penisse online – über Ashley Madison, das größte Tabu und die Anleitung zu Glück und Unglück“

—–

Epilog / Requiem für Simon:

„Gehe nicht oh Gregor, gehe nicht zum Abendtanz…
(ukrainisches Volkslied aus dem 17. Jahrhundert):

Text (Marusai Churai):

Gehe nicht, oh Gregor, gehe nicht zum Abendtanze.
Zauberische Mädchen folgen deinen Schritten dort.
Weiße Hand, wie Schnee braut dir Tee aus Zauberkräutern.
Trübt den Spiegel deiner Seele, wie der Wind den See

Dort ist auch die eine mit den schwarzen Augenbraun.
Glaube uns, oh Gregor, das ist eine Zauberin.
Ihre schmale Hand braut dir Tee aus Zauberkräutern.
Legt sich über deine Seele, wie der Herbst auf’s Land

Sonntag früh beim Glockenläuten grub sie aus das Kraut.
Schnitt es Montag, alle Sünden hexte sie hinein.
Holt‘ es Dienstag vor, kochte Zaubertrank aus Kräutern,
Mittwoch Nacht beim Reigentanze gab sie ihn Gregor.

Und am Tag darauf, am Tage war Greschenko tot.
Freitag kam voll Leid und Klage und beim Abendrot
trug man ihn zur Ruh, an der Grenze an der Straße.
Viele frommen Leute kamen, viele sahen zu.

Viele Knaben, viele Burschen, klagten um Gregor.
Böse Hexe, Zauberhexe, schwarze Zauberfrau.
Deine Augenbraun werden keinen mehr betören,
niemals wird ein zweiter Gregor deinen Künsten traun.

Eingesperrt in einem verkackten Gartenhaus: Frischluft und Sonne? – Nein, danke!

Trägt Robber Williams bei seiner neuen Konzerttournee Unterhosen von Bruno Banani oder doch welche von Giorgio Armani? Über solche tiefschürfenden Fragen liefern unsere Medien täglich erschöpfende Antworten. Da soll noch jemand behaupten, der investigative Journalismus wäre tot.

Als ich vor Kurzem von einer Auslandsreise nach Hause kam, bin ich erschrocken. Das Glashaus, in das ich meine Enten vorübergehend eingesperrt hatte, war komplett versaut:  der Boden mit einer dicken Schicht Enten-Dung bedeckt, die Atemluft zum Schneiden dick, im Wasserbecken nur noch eine braune Brühe, aus der die Enten trotzdem unverdrossen tranken und sich darin suhlten. Hätte der Tierschutz Wind davon bekommen – ich bekäme wohl Probleme.

Da Enten von Natur aus sehr reinliche Tiere sind und den Großteil des Tages mit Gefiederpflege verbringen, dachte ich, sie würden nun sofort wie die Raketen aus der Hütte starten, wenn ich ihnen die Tür in die Freiheit aufmache. Doch was passierte? – Die Tiere ducksten herum, erschraken richtig vor dem geöffneten Tor Richtung Freiheit. Als ich sie von hinten aus der Hütte treiben wollte, flatterten sie mir entgegen und an mir vorbei (in Richtung der Sackgasse). Nachdem ich die Gruppe schließlich zu ihrem Glück gezwungen und in die Freiheit getrieben habe, gelang es einer Ente, sich in der Hütte zu verkriechen. Ich ließ sie gewähren, um zu beobachten, wie lange es wohl dauern würde, bis Lallobeh freiwillig nach draußen kam. Die sah aber keinen Grund dazu, machte zwar manchmal einen langen Hals, den sie aus der offenen Tür hinausstreckte, aber über die Schwelle wagte sie sich nicht, sondern blieb wie magisch angewurzelt im Mist stehen. Stattdessen schrie sie kläglich nach den anderen Mitgliedern der Entenschar, dass sie zu ihr zurückkommen sollten – die anderen Enten hatten jedoch in der neuen Freiheit bereits Witterung aufgenommen und erfreuten sich an einem Bad in frischem Quellwasser, während Lallobeh noch im Morast umherwatete. Irgendwann hat sich die Nachzüglerin dann doch ein Herz genommen und die Schwelle zur Freiheit überschritten. Als sie endlich draußen war, blickte sie allerdings zaghaft und verschüchtert um sich, so als ob ihr die Sonne, der Wind und das weite Firmament, das sich nun über ihr eröffnete, Angst machten.

Ich musste schmunzeln über das, was man sprichwörtlich „Gewohnheitstiere“ nennt. Wobei mir die erlebte Szenerie durchaus wie eine Analogie zur heutigen Situation unserer humanoiden Spezies anmutete. Denn im Gegensatz zu den Tieren besitzen wir Menschen zwar kein horizontales, sondern ein vertikal aufgerichtetes Rückgrat,  aber auch wir haben ein Gewohnheitstier in uns, das sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit an herrschende Umstände gewöhnen kann, selbst wenn diese zum Himmel stinken und kaum noch erträglich sind.

Inmitten unserer alternativlosen politischen Tristesse wird dabei vielfach vergessen, dass es nicht nur – wie von Karl Marx behauptet – das Umfeld  ist, das den Menschen bestimmt, sondern dass vielmehr der Mensch selbst in der Lage ist, das Umfeld bzw. die soziale Realität zu gestalten. Vereinfacht gesagt: Der Mensch selbst ist der primäre Ausgangspunkt aller Entwicklungen und nicht, wie uns im tagespolitischen Diskurs von Merkels Flachmannschaft ständig glauben gemacht wird, die inzwischen unüberschaubaren Sachzwänge und katastrophalen ökologischen, ökonomischen, militärischen und technologischen Entwicklungen, denen wir anscheinend nur noch hoffnungslos hinterherhinken können und eventuell da und dort ein bisschen herumdoktoren und notdürftig einige Löcher flicken dürfen, damit der zur Normalität erklärte Wahnsinn dann wie gewohnt weitergehen kann. Stattdessen wäre der Mensch fähig, ganz unabhängig von den in Wirklichkeit morschen und unhaltbaren Strukturen des vorigen Jahrhunderts neue, menschengerechtere Verhältnisse zu erschaffen. Um sie in die Realität umzusetzen, muss er solche Möglichkeiten nicht nur denken, sondern sie auch, beseelt durch ein inneres Ideal, bis zu einer fast schon greifbaren Empfindung bringen. Empfindung ist hierbei nicht zu verwechseln mit Emotion, die das glatte Gegenteil einer aufbauenden, verbindenden Empfindung ist: Während menschliche Empfindungen, die von humanen Idealen ausgehen, eine große verbindende Kraft haben, so wirken schnell hochgekochte Emotionen in der Regel spaltend (was im Übrigen auch der Grund ist, warum Beziehungen, die hauptsächlich auf Emotionen beruhen, so schnell wieder auseinanderbrechen).

Ebenso fundamental unterschiedlich wie in ihrer Auswirkung ist auch der Ursprung von Emotion und Empfindung: Während die Emotion quasi tief in unseren Körper- und Persönlichkeitsstrukturen abgespeichert, also etwas Altes ist, so ist die Empfindung etwas Neu zum jeweiligen Erb- und Erfahrungsgut Hinzugebildetes. Schafft man es, solcherart Neues / gesunde Empfindungen zu seinem bisherigen Gefühlsrepertoire hinzuzubilden, dann kann Altes / Verkrustetes / längst nicht mehr Brauchbares abfallen. Auch gegen Depressionen wird man solcherart weitgehend immun. – Mit neu errungenen Empfindungen fühlt man sich dann in etwa so wie die Enten, die endlich aus dem Morast ihres total verdreckten Stalles wieder hinaus in die sonnendurchflutete, frische Luft gehen können.

Emotion und Empfindung sind also in Wirklichkeit regelrechte Antagonisten, wobei die Emotion ein sehr lauter und polternder Weggenosse ist, während sich die Empfindung vergleichsweise leise und bescheiden gebärdet. Andererseits ist die Empfindung fähig, tief zu dringen und im Inneren Wurzeln zu schlagen, während die Emotion an der Oberfläche bleiben muss und schnell wieder verpufft, also etwas sehr Kurzlebiges ist.

Die besondere Krux: Emotion ist bereits fertig im Körper bzw. in unserem Unterbewussten  abgespeichert und kann durch simple Knopfdrücke in Form einschlägiger Reize oder vorurteilsbeladener Schlagwörter jederzeit aufgerufen und hochgekocht werden (Werbe- und Marketingexperten beherrschen diese Klaviatur inzwischen perfekt). Die neue Empfindung ist hingegen noch ungeboren und muss durch bewusste Bemühung herangebildet und kultiviert werden wie ein zartes junges Pflänzchen. Um eine gute Empfindung heranzubilden, braucht es einen substanziellen Gedanken bzw. ein Ideal. Ein Ideal bzw. ein Gedanke ist dann substanziell, wenn er objektiv gültig, d.h. aus dem Fundus universeller humaner Werte geschöpft ist und nicht nur aus dem Requisitenkasten subjektiver Wertvorstellungen oder Gruppenzugehörigkeiten. Nicht umsonst haben auch die Verfasser der Allgemeinen Menschenrechtscharta wie Stephane Hessel die in der Charta verankerten Rechte als „universell“ bezeichnet. Das Grundaxiom bildete dabei die Würde des Menschen bzw. das Bestreben, diese zu wahren, und zwar unabhängig von der Zugehörigkeit des Menschen zu Parteien, Ländern und Weltanschauungen.

Leider sind uns Ideale heute etwas unheimlich geworden, wir verwechseln sie zu schnell mit Ideologie, mit der wir ja bekanntlich in der Geschichte sehr schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben. Dabei wird etwas nur dann zur Ideologie, wenn es rein intellektuell ist und wenn wirkliche humane Ideale und Empfindungen abwesend sind. In Wirklichkeit haben wir es daher heute ohnehin bereits überall mit Ideologien zu tun: Der Neoliberalismus, unser wachstums- und profitorientiertes Wirtschaftsmodell, unsere naive Technikgläubigkeit, die Industrie 4.0 / Schule 4.0-Propaganda, der Ost- West Konflikt mit seinem mittlerweile wieder brandgefährlich gewordenen  Säbelrasseln  (siehe „Wenn der russische Bär eine Anakonda am Hals und der Hund die Hausaufgaben gefressen hat“) – alles dies basiert auf einseitigen, verhärteten Sichtweisen und unnötigen Polarisierungen, die mit etwas gutem Willen längst überwunden sein könnten.

Damit ein wirkliches Ideal die Kraft hat, Polaritäten, soziale und weltpolitische Gräben zu überwinden, muss es einen über jeweilige Partikularinteressen der Konfliktparteien hinausgehenden Inhalt haben. Und nun der springende Punkt: Der große Irrtum ist es, zu glauben, dass man solche Inhalte aus der technokratisch-materiellen Ebene, also aus der Welt der Polaritäten schöpfen könnte. Nein, besagte polare Erscheinungen der Welt brauchen ihrerseits stets einen Zustrom von neuen, gesunden Gedanken aus der Welt des menschlichen Geistes, sonst geht alles den Bach runter und in die Degeneration über. Selbst der verschlafenste Fernsehbürger kann dies heute beobachten: Egal, welche noch so intellektuellen Politköpfe scheinbar noch so vernünftige und effiziente Strukturmaßnahmen in die Wege leiten (siehe „Bodenständige Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien“) – es kommt mit jeder Maßnahme, die nur auf technokratischen und ökonomischen Erwägungen basiert, zu noch mehr ausuferndem Chaos und Niedergang, so wie in einem Treibsand, der einen mit jeder zusätzlichen Körperbewegung nur noch schneller erbarmungslos nach unten zieht.

Schaffte man es hingegen, einen universell gültigen Gedanken in das Polit- und Wirtschaftsgeschehen zu führen, der nicht bloß auf die materielle Ebene fokussiert ist – obwohl er sich auch auf diese günstig auswirken wird -, sondern auf die seelische (=die persönlich menschliche) und auf die geistige (=die individuelle, eigentlich überpersönliche und unwägbare, von Viktor Frankl als „spezifisch-humane“ bezeichnete) Ebene des menschlichen Daseins bezieht, dann würde man sich wundern, wie schnell sich die derzeit abgründig erscheinenden Dinge um uns herum plötzlich wieder zum Besseren wenden und eine Aufwärtsentwicklung sichtbar wird.

Die Gretchenfrage dabei ist natürlich: Wo schöpft man substanzielle, universell gültige Gedanken?

Aus dem akademischen Betrieb unserer Universitäten scheinbar nur schwer. Nach Aussage des Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa sind die Universitäten heute zu „Entfremdungszonen“ geworden, in denen schon unter Jungstudenten Burn-Out und Angsterkrankungen grassieren und in unserer hochtechnisierten Welt jede der Nacht mehr Menschen schweißgebadet aufwachen als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Doch lassen wir uns von diesen Zeiterscheinungen nicht allzu sehr ablenken. Bei all den schwarzen Rauchschwaden, die heute unsere Sicht vernebeln, übersehen wir nämlich leicht die großen Möglichkeiten, die jeder einzelne von uns hat bzw. individuell entwickeln kann. Denn wir werden vergeblich warten, dass eine neue Partei, ein neuer Kennedy oder ein neuer Schulz unseren Karren aus dem Dreck zieht. Der substanzielle Inhalt kommt heute nicht mehr von äußeren Autoritäten und Institutionen – diese sind in unserem Zeitalter zu leeren Hüllen, bloßen Vehikeln des schnöden Erwerbs und Kahlfraßes geworden. Heute ist jeder einzelne Mensch selbst für die inhaltliche Bereicherung des Lebens verantwortlich – auf ganz individuelle Weise entsprechend seinem Arbeits-, Freundes-, Familien- und Interessensumfeld.

Es ist natürlich grotesk: Einerseits sind die Zeiten heute so verrückt wie noch nie (unser geschätzter Leser Firefox sprach unlängst von einem „Kopfstand der Realität“), andererseits stehen uns trotz aller äußeren Bedrückung individuelle Möglichkeiten offen, die es noch niemals zuvor gegeben hat. Zum Beispiel philosophisches Wissen zu erwerben bzw. in eine Philosophenschule wie die von Platon oder Pythagoras einzutreten – diese Möglichkeit wurde früher nur einer Handvoll Menschen gewährt, und das auch nur unter extrem schwierigen Auflagen, Todeseiden und tödlichen Prüfungen. Heute steht es theoretisch jedem von uns offen, sich tiefstes philosophisches Wissen, Verständnis über Mensch, Welt und den Sinn des Daseins und damit substanzielle universelle Werte anzueignen. Die Literatur des Abendlandes ist voll davon. Nur liegt es eben in jedermanns freier Wahl, womit er seine Zeit verbringt – viele entscheiden sich, lieber einen toxischen Illustriertenpudding über Robbie Williams und Paris Hilton zu löffeln (siehe Steve Cutts: „Are You Lost In The World Like Me?“) oder ihre Eingeweide mit einer fetttriefenden Dschungelcamp-Pizza zu füllen. Dabei gäbe es klares Gebirgswasser, wunderbare Früchte und für den, der sich die Mühe macht, sich als Eisbergsteiger durch die neoliberal-szientistisch vergletscherten Regionen bis über die Nebel-/Blendgranatenwolken durchzuarbeiten sogar: … strahlenden Sonnenschein!

In diesem Sinne: Nur Mut und vor allem keine falsche Bescheidenheit. Wenn sich sogar Lallobeh, die lahmste Ente in meinem Stall, schließlich durchgerungen hat, die Schwelle des verdreckten alten Stalls zu überschreiten und hinaus an die Sonne und in frisches Wasser zu wackeln, dann bin ich zuversichtlich, dass auch wir das noch schaffen werden …

Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft – und Enten, die an Nacktschnecken ersticken

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Foto: Nacktschneckenpaarung CC-BY-SA-3.0 BY rupp.de/wikimedia commons (Quellenlink)   

Jedes Jahr infizieren sich in Deutschland rund eine Million Menschen mit multiresistenten Krankenhaus-Keimen / MRSA, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft (siehe ARD-Doku „Operation gelungen – Patient tot“). Nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene sterben daran ca. 40.000 Patienten. Falls wir Antibiotika in der Tier- und Menschenmast weiterhin so unbedarft einsetzen wie bisher, werden laut neuesten Berechnungen  demnächst mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs (siehe Spiegel). Laut dem „Review on Antimicrobial Resistance“ könnten bis 2050 weltweit zehn Millionen Menschen pro Jahr an nicht mehr behandelbaren Infektionen sterben. „Wenn wir das Problem nicht lösen, steuern wir auf Zeiten wie im Mittelalter zu. Viele Menschen werden sterben“, warnt der Ökonom Jim O’Neill, der die Recherchen zu dem Bericht leitete, gegenüber der BBC (siehe Bericht). Sogar die eisern in neoliberalen Traumgefilden schlafende CDU-Fraktion schlägt inzwischen Alarm.

Als ob diese Art von Infektionen noch nicht schrecklich genug wäre, naht sich uns eine noch viel abgründigere, wenngleich unsichtbare und daher wenig thematisierte Gefahr: Die innere Vermorschung bzw. der geistige Tod. Wenn man die derzeitige Sachlage einige Jahre in die Zukunft extrapoliert, dann wird diese Art des Todes wohl weitaus mehr Menschen dahinraffen als MRSA und die Pest im Mittelalter zusammen.

Eine Vorstufe zum geistigen Tod ist der soziale Tod, wenngleich, wie wir sogleich ausführen werden, der soziale Tod gleichzeitig eine große Chance ist, dem geistigen Tod zu entrinnen –insofern kann das Hartzer-Schicksal bei aller bekämpfenswerten Dramatik womöglich eine großartige Chance darstellen, um der endgültigen Auslöschung seines Menschseins zu entgehen.

Aber alles schön der Reihe nach. Im jüngsten Artikel des Eifelphilosophen (Der soziale Tod – Triumph der Elite, Wille der Regierung, Ende der Gerechtigkeit) wird bereits das drohende Schicksal des fernsehenden Reihenhaus-Sparschweinbürgers skizziert: der soziale Tod. Indem sich bei stagnierenden Haushaltseinkommen und gleichzeitig rasant steigenden Wohnungs- und Lebenshaltungskosten immer weniger Menschen, nicht nur Hartzer,  den Eintritt in eine Theater-, Konzert- oder Sporthalle leisten können – oft sprengt schon der Cafe- und Eissalonbesuch das Familienbudget -, verlieren sie den Anschluss an Kultur und Gesellschaft.

Ohne Zweifel ist das Herausdrängen aus der Kulturteilhabe bzw. die Gefahr des sozialen Tods etwas ungemein Schmerzvolles und zeugt von einem Totalversagen unseres Polit- und Wirtschaftssystems. Das soll jetzt nicht zynisch klingen, aber: Diejenigen, die sich Kulturteilhabe noch leisten können und aus dem Vollen schöpfen, befinden sich ohne dass sie es wissen, in noch viel größerer Gefahr – der Gefahr, dem geistigen Tod bzw. einer Art innerer Vermorschung entgegenzugehen. Denn war die Teilhabe an der herrschenden Kultur in früheren Zeitepochen i.d.R. der Garant und Wegweiser für eine angemessene menschliche Entwicklung, so ist es heute andersrum: Kultur muss individuell begründet werden. Schwimmt man nur mit dem mit, was einem von außen als „Kulturleben“ zugefüttert wird, dann wird man von einem Vakuum angesaugt, geht man langsam aber sicher unter und erleidet eine Art inneren Erfrierungstod (heute salopp als „Burn-out“ bezeichnet – was zunächst flammend und heldenhaft klingt, aber schon bei wörtlicher Interpretation zeigt, dass dieser Zustand gar nichts Flammendes oder Wärmehaftes mehr in sich hat, sondern eben: „Flamme-aus“, also: Kälte).

Die Sache ist leider umso tückischer als diesem geistigen Erfrierungstod jede Menge feuriger Eruptionen und Emotionsfeuerwerke vorangehen, die den Eindruck von wohliger Wärme und Vitalität erwecken. Da diese jedoch den Menschen in Wirklichkeit leer ausgehen lassen, muss die Dosis ständig gesteigert und noch mehr Treibstoff verbrannt werden. Der Designer Ken Garland bringt es auf den Punkt: „Unsere Überflussgesellschaft hat einen Punkt der Sättigung erreicht, an dem der schrille Schrei der Konsumpropaganda nichts weiter ist als bloßer Lärm.“  

Auch wenn das unmittelbare Schicksal hart erscheint: Wer in die Einkaufs- und Wellnesstempel dieser Überflussgesellschaft nicht mehr eintreten kann, sondern notgedrungen daheimbleiben und sich mit karger, aber substanzieller und vitaminreicher Diät in Form von klassischer Philosophie zufriedengeben muss – Marc Aurel, Seneca und Goethe gibt’s beim Trödler schon ab € 1.-, also zum Gegenwert einer Vanilleeiskugel, und der Kenner kann ein ganzes Jahr von einem einzigen solchen Büchlein zehren -, der hat die Chance, die heranrollende kulturelle Pestepidemie zu überstehen und geistig gesund zu bleiben (sofern er auch das Ernährungs- und Heizungsproblem löst, ich weiß).

Ein Hartzer in der Eifel oder im Schwarzwald hat also womöglich weitaus bessere Überlebenschancen, um die kommende geistige Pandemie zu überstehen als ein urbaner Karrierist im SUV. Man nehme nur den Eifelphilosophen: Wäre er nicht geharzt worden, dann triebe er weiterhin in wortmächtiger und überzeugungskräftiger Weise für einen Pharmakonzern sein Unwesen, der aktuell mit Monsanto fusionieren will (demnächst vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt / siehe Netzfauen.org). So aber nutzt er seine Wortmacht und Intelligenz nun dazu, um gerade denjenigen aufgeblasenen Gummikrokodilen einen Stich zu verpassen, denen er früher gedient hat – und hilft damit unzähligen Menschen, in einer zunehmend vergletscherten Gesellschaft nicht an sich zu zweifeln, sondern dem zur Normalität erklärten Wahnsinn die Stirn zu bieten (Hallo Eifel, möchte deinen guten Namen hier nicht verhunzen, aber du bist da einfach ein Paradebeispiel).

Viktor Frankl denkt die aktuelle Situation zu Ende und spricht vom „existenziellen Vakuum“ als größter Herausforderung unserer Zeit:

„Fragen wir uns doch nur, was das Resultat wäre, wenn ein menschliches Wesen sämtliche Bedürfnisse, die es im Zeitquerschnitt haben mag, voll befriedigen vermöchte – was wäre das Resultat: das Erlebnis der Erfüllung? Oder vielmehr das Gegenteil, nämlich die Erfahrung einer abgründigen Langeweile – einer bodenlosen Leere – eben des existenziellen Vakuums? Mit diesem Vakuum werden wir Neurologen ja alltäglich und sprechstündlich konfrontiert …“

Gleichzeitig weist Frankl auch auf den goldenen Mittelweg hin, der gelungenes Leben ermöglicht (und den er zwischen den beiden ebenfalls in uns immanenten Tendenzen nach bloßer Macht und nach bloßer Lust lokalisiert): die Ergründung – und schließlich das aktive Schaffen – von immer mehr Sinn.

 „Aber der ‚Mensch auf der Suche nach Sinn‘ wird unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute eigentlich nur frustriert! Und das rührt daher, dass die Wohlstandsgesellschaft bzw. der Wohlfahrtsstaat praktisch alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen imstande ist, ja, einzelne Bedürfnisse werden von der Konsumgesellschaft überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen – das ist sein „Wille zum Sinn“, wie ich ihn nenne, das heißt, das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder vielleicht besser gesagt in jeder einzelnen Lebenssituation einen Sinn zu finden – und hinzugehen und ihn zu erfüllen.“

Wird der Sinn des Lebens und des Menschseins geleugnet und werden Mensch und Welt nur als geistlose, kommerziell verwertbare Kohlenstoffhaufen angesehen, so wie dies derzeit in Schulen und Universitäten de facto gelehrt wird, dann gerät der Mensch in innere Verzweiflung.

Aktuell konstatiert Regisseur David Schalko „Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“. Plattformen und Übertragungsstätten der inneren Verzweiflung sind nicht nur unsere urbanen Kulturstätten, Arbeitsplätze und Medien, sondern zunehmend auch unsere Bildungsseinrichtungen und Universitäten. In einem jüngsten Interview beklagt der Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa unter Verweis auf die stark zunehmenden Burn-out-Raten und Angsterkrankungen schon unter Studenten, dass die Universität immer mehr zu einer „Entfremdungszone“ werde.  Jede Nacht wachten in unserer beschleunigten, spätkapitalistischen westlichen Welt mehr Menschen schweißgebadet auf als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Natürlich wäre es nun keine Lösung, sich von allen diesen entfremdeten Orten gesellschaftlichen Geschehens fernzuhalten. Im Gegenteil, es geht darum, mutig und gut gerüstet mit Humor in diese Räume einzutreten und sie wieder in menschengerechte Lebensumfelder zu verwandeln.

Zurück aber zu unserem eigentlichen Thema, dem drohenden geistigen Tod. Um an die Wurzeln des Virus zu gelangen, der zu dieser Art Tod führt, müssten wir weiter ausholen. Da das Hamsterrad, in dem ich selbst laufe, mir dazu gerade nicht genug Atem lässt, müssen wir ein andernmal darauf zurückkommen. Die nachfolgenden Streiflichter sind in Wirklichkeit vollkommen unwichtige Randerscheinungen, eigentlich gar nicht wert, sie zu erwähnen. Niemand möge sich daher an den Beispielen festbeißen. Sie sind nur oberflächliche Symptome und womöglich sogar autoimmune Heilungsversuche und Rettungsschreie eines zutiefst kranken und daher fiebernden menschlichen Organismus. Wem die Beispiele dekadent vorkommen, dem sei gesagt: Das ist noch gar nichts. Gegen das, was noch auf uns zukommt, sind das nur humoreske Kinkerlitzchen, quasi nur das Wetterleuchten eines Hurrikans, der sich noch hinter dem Horizont verbirgt. So ähnlich wie eine tödliche Infektion sich zunächst als leichte Kopfschmerzen oder Magenkrämpfe äußern kann. Trotz ihres Seifenblasen-Charakters können besagte Symptome aber als erste Annäherung an den eigentlichen Leviathan dienen, der unsere Gesellschaft derzeit durchlöchert wie ein Bandwurm einen Schweizer Käse.

Nachdem Politik und Wissenschaft sich bisher als vollkommen unfähig erwiesen haben, diesen aalglatten und obendrein unsichtbaren Bandwurm zu erfassen, bleibt uns als Barometer des Zeitgeschehens wieder einmal nur die Kunst. Noch der griechische Mensch fühlte sich nur deshalb gesund, weil er regelmäßig durch Kunst und Drama eine Katharsis, eine innere Reinigung erfuhr und sich ihm während des Schauspiels die Perspektive auf begeisternde menschliche Ideale eröffnete. Obwohl sich unsere Kunstszene längst von diesen ihren eigentlichen Möglichkeiten verabschiedet hat (bereits 1972 konstatierte der Nobelpreisträger Oktavio Paz das „Ende der Kunst“), so ist die Funktion der Kunst heute zumindest die eines präzisen Spiegels des herrschenden Zeitgeistes.

Was spiegelt uns also aktuell die Kunst? Auf der Documenta in Kassel, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, erfährt man etwa von der früheren künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev (vom Magazin „ArtReview“ zur einflussreichsten Person im internationalen Kunstbetrieb gewählt): „Ich habe kein Konzept.“ – setzt jedoch nach, dass die Documenta immerhin eine „Choreographie“ habe: „Sie ist unharmonisch und frenetisch“; außerdem: „Ich halte Verwirrung für eine sehr gesunde Position.“

Vor einigen Jahren habe ich aus dem Kulturteil einer Tageszeitung folgenden Artikel der Kunstjournalistin Andrea Heinz herausgerissen, weil ich ihn als Kunstliebhaber so ungemein treffend fand:  „Überhaupt scheinen es in dieser zeitgenössischen ‚Crossover-Kunst‘ Selbstbezogenheit und der Rückzug auf das Ich zu sein, die aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt resultieren. Die klassische Dreieinigkeit vom Schönen-Wahren-Guten ist ohnehin passe, es geht jetzt maximal um individuelle Wahrheiten. […]  es ist, wenn man so will, die Kunst der Krise. Es sind Kunst-Fluchten, die sich die hochqualifizierte und -gezüchtete Kunstelite von morgen erschafft.“

Der Artikel stammt aus 2011. Inzwischen ist wieder einiges Wasser den Bach hinuntergeflossen und der Kessel, in dem wir sitzen, um ein paar weitere Grad Celsius erhitzt worden. Als ich vorgestern das Programm einer der international anerkanntesten, seit 1927 etablierten Kunstveranstaltungen, der „Wiener Festwochen“ las, wehte mir bereits ein ganz anderer Wind entgegen. Folgender Bericht findet sich dazu als oberster  Leitartikel der Tagesnachrichten im österreichischen Rundfunk ORF (Anliegen der Wiener Festwochen ist es lt. Wikipedia, „Kulturereignisse selbst zu schaffen oder mitzugestalten, die höchstes künstlerisches Niveau mit gesellschaftsrelevanten Inhalten und Zielen verbinden“. Sie verstehen sich als „Angebot zur Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Welten“; ebenso besitzt der ORF einen gesetzlich verankerten Bildungsauftrag). Highlight der Festwochen  ist diesmal eine Inszenierung des Regisseurs Jan Fabre „Mount Olympus“ (siehe Volltext mit Bildern auf orf.at):

„…Diese Akkuratesse braucht es auch, wenn auf der Bühne gekotzt wird, wenn Frauen stehend in Glasgefäße urinieren, Pornoszenen nachgestellt werden und 20 Personen wild um sich schlagen, kreischen und schluchzen, wenn rohes Fleisch und Eingeweide geworfen werden, wenn echtes menschliches Blut fließt … Denn 24 Stunden Chaos – das würde rasch langweilig. Es braucht also eine strenge Dramaturgie – und höchste Konzentration.

… 24 Stunden, in denen Fabre sein Publikum gemeinsam mit den Darstellern immer weiter bergab führt in die Untiefen des Unbewussten, wo Tagesreste, Ängste, Begierden und Traumfetzen einen wabernden Morast bilden.

… Dem Zuschauer wird gleich zu Beginn empfohlen, sich auf das Geschehen einzulassen und dabei nicht rational zu denken. Den körperlichen Einstieg macht Regisseur Fabre leicht: Während einer Drum-and-Bass-Nummer mit halbnackt twerkenden Darstellern fahren einem die Beats in alle Glieder. Ein überdrehter Dionysos schüttelt als „Master of Ceremony“ die üppig vorhandenen Speckfalten und verspricht, den ganzen Saal in den Wahnsinn zu treiben.

… Im Laufe der Nacht stellte sich, wie geplant, kollektive Trance ein, die sich im Lauf des Sonntags noch steigerte. Langsame, behutsame Bewegungen im Zuschauerraum, eine eingeschworene Community bildete sich hinter, auf und vor der Bühne. Es breitete sich ein wohliges Gefühl der Verbundenheit aus. Ein Erfahrungsraum war geöffnet, in dem nichts obszön wirkte oder flach. Jetzt hatte Fabre das Publikum dort, wo er es wollte, und konnte sein Bestiarium in all seiner Brutalität, Geilheit, Verzweiflung und Lächerlichkeit vorführen.

… Das Publikum dankte dem Regisseur und den Darstellern für diese intensiven Erfahrungen mit einem intensiven 15-minütigen Applaus.

… Fabre teilt seine körperliche Interpretation dessen, was dem menschlichen Handeln zugrunde liegt: Status wollen. Bestimmen wollen. Und gleichzeitig: alle Zügel fahren lassen wollen, mit jedem ficken wollen, vor Schmerz losschreien wollen, jemandem die Gedärme herausreißen wollen, mit dem man eine Rechnung offen hat. Er zeigt das ganze Spektrum des Scheiterns und Reüssierens in einer Welt, die nur vermeintlich auf Vernunft aufgebaut ist.“

Fabre drückt durch seine Kunst in Wirklichkeit exakt das Gleiche aus, was heute auch von streng wissenschaftlicher Seite konstatiert wird: Dass der Mensch nur ein geistloser, nervendurchzuckter Kohlenstoffhaufen, ergo alles Wurst und daher nach Willkür des Geschäftstüchtigen verwertbar ist. Laut neuester Erkenntnis der Biotechnologen (unwiderlegbar ersichtlich im Rasterelektronenmikroskop) ist der Mensch nur eine Art Ratte (siehe Nachrichtenspiegel: Rat Race and Rape Culure Club Köln). Mit einem Wort: Die humanistische und grundgesetzlich verankerte Auffassung, dass der Mensch eine Würde und damit ein Schutzbedürfnis besitzt, befindet sich in akuter Erosion. Der entsprechende Paragraph des Grundgesetzes wird im Falle einer vollendeten Durchsetzung des technokratisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes womöglich nicht mehr lange haltbar sein. Und während wir heute nur Ratte spielen und uns auf Festspielen am Rattenleben ergötzen, so werden die Kinder, denen wir beibringen, dass der Mensch nur eine etwas raffiniertere Ratte ist, schon bald beginnen, mit dieser Weltanschauung Ernst zu machen und auch ihr gemäß zu leben.

Um sich auf diese neue Realität einzustimmen, bedarf es einer fachmännischen Konditionierung und Taktung des Bürgers. Regisseur Fabre macht uns den Gefallen, dass er in einem Interview ausspricht, wie diese Konditionierung abläuft (im täglichen Fernsehprogramm, mit dem der Bürger allabendlich abgefüllt wird, läuft übrigens exakt dieselbe Konditionierung ab, ohne dass es ausdrücklich erklärt wird; womit auch selbstredend klar ist, dass diejenigen Ausgebooteten und Harzer, die ihre Ausgrenzung von der kulturellen Teilhabe nicht für die Lektüre von Marc Aurel & Co. nutzen, sondern für „Fernsehen“, in keiner Weise vor der kommenden Pandemie bzw. dem geistigen Tod geschützt sind):

>> In „Mount Olympus“ will er … eine Art programmierter Überforderung erzeugen, das betrifft sowohl Publikum als auch Ensemble. „Es ist sehr, sehr fordernd für alle Beteiligten. Nach jeder Vorstellung sind wir für ungefähr eine Woche völlig aus dem Takt. Die biologische Uhr ist völlig durcheinander.“ Er habe schon oft von Zuschauern gehört, dass sich im Laufe der Performance die Perspektiven verschieben: Wenn man zwischendurch hinausgeht und zurückkommt, empfinde man die Vorstellung als Realität.<<

Ich blättere weiter im Kulturteil der Nachrichten und stoße auf ein Megakonzert, das letzten Donnerstag trotz miserablem Wetter 50.000 Menschen in ein Fußballstadion der Festspielstadt lockte: Die Rockband AC/DC gab ein Stelldichein. Da man heute gesteinigt wird, wenn man gegenüber Rockheiligenikonen wie Angus Young & Co. nicht bedingungslose Wertschätzung bezeugt, vorneweg mein Disclaimer: Es geht mir überhaupt nicht um AC/DC oder sonst irgendeine bestimmte Band,  die AC/DC Leute haben sich für ihre Verdienste als Bahnbrecher des Heavy Metal nach ihrem Ableben  wohl zweifellos den Eintritt in den siebenten Hardrockhimmel gesichert. Auch die Motive der unzähligen Fans, die in solche Konzerte strömen, kann ich vollständig nachvollziehen. In einer Arbeits- und Alltagswelt, die inzwischen trotz Dauerbespaßung weitgehend unlustig geworden ist, sind Gelegenheiten, sich den Dynamoeffekt und die 100.000 Volt Hochspannung eines Konzertkessels zunutze zu machen um die vergletscherte Kruste des schnöden technokratischen Alltagsfaschismus zumindest kurzfristig zu sprengen, natürlich sehr willkommen.

Der Name der stadionfüllenden Band sei an dieser Stelle also vollkommen egal, es gibt deren unzählige für jeden Geschmack. Es soll damit nur ein weiteres, in Wirklichkeit vollkommen nebensächliches Kultur-Streiflicht angeführt sein, man könnte sicher dasselbe Szenario anhand eines Konzertes von Madonna, den Stones oder Bushido berichten. Auch in einem Bierzelt mit Heino, den Original Fidelen Uasprung Spatzen Brunnzer Buahm oder sonstigen Globetrottern  könnte man im Prinzip genau dasselbe gespiegelt finden wie beim jüngsten AC/DC Konzert. Ein Ausschnitt dazu aus dem Konzertbericht des öffentlichen Rundfunks (siehe orf.at):

„Teufelshörner dominierten nicht nur die bombastische Bühne mit den zwei Videowalls. Man möchte jene Person sein, die den Gewinn des Verkaufs von Plastikteufelshörnchen an diesem Abend einstreifen durfte. Das ganze fast restlos gefüllte Stadion blinkte und leuchtete rot. (…)

„If You Want Blood You’ve Got It“ („Highway to Hell“, 1979) – die Bühne wurde rot beleuchtet, das Blut war allerorten in Wallung, vor allem bei Angus Young. Er schüttelte seine letzten Locken und war in seiner Angus-Young-Trance, der Mund beim Gitarrespielen weit offen. Rose und er interagierten auf der Bühne nicht wirklich. Hier war jeder in seinem eigenen Film der Hauptdarsteller. Die Bühne war groß. Da war Platz für zwei Egos, selbst von dieser Dimension (…)

Das Publikum war bester Laune und jubelte frenetisch mit (…) „I gonna take ya to hell“ – und jeder wollte sich allzu gerne mitnehmen lassen. Angus Young führte die Pilgerschar Richtung Hölle im Trippelschritt an (…)

Angus Young stellte seine Ohren auf und bekam, was er wollte: ein lautes Liebesgrölen von 50.000 Menschen, die sich gerade sehr wild und sehr böse fühlten und jede Menge Spaß dabei hatten.

Auch der FM4-Redakteur Boris Jordan war live dabei. Am Ende seines im Wesentlichen gleichlautenden Konzertberichts zieht er sein persönliches Resümee: „Irgendwie hat das dann etwas von einer selbstvergrößernden, lebenströstenden Macht, einem unernsten Stück Scheißegal-Zuversicht, das man nicht ohne weiteres überall bekommt.“

So wie im Leben nie etwas umsonst ist und man überall etwas Nützliches lernen kann, hatte ich spätestens hier ein Aha-Erlebnis. Vielleicht ist ja gerade das das missing link, das uns Philosophen fehlt, damit wir nicht zu sauertöpfisch werden: ein unernstes Stück Scheißegal-Zuversicht. Angesichts der momentanen Weltlage gehört diese Ingredienz eigentlich in jeden Wanderrucksack, oder noch besser: als App aufs Smartphone.  Auch unseren Kindern würde solch ein unernstes Stück Scheißegal-Zuversicht womöglich nicht schaden, man könnte z.B. den unnützen Bastelunterricht streichen und stattdessen eine Stunde Hardrock mit Headbangen einführen.

So, genug für heute, es ist schon dunkel. Höchste Zeit, dass ich meine Enten einsperre, bevor der Marder kommt. Überhaupt werde ich auf meine Enten dieses Jahr gut aufpassen und ihnen reichlich frisches Wasser bereitstellen müssen. Die alljährliche Nacktschneckeninvasion beginnt wieder. Letztes Jahr habe ich im Sommer die Hälfte meiner Jungenten verloren. Die Tiere hatten einen solch unbändigen Appetit auf Nacktschnecken, dass sie den Hals nicht voll davon kriegen konnten. Sie sind an den schleimigen Kriechtieren elend erstickt.

 

Das Jahresendzeitfest – wenn der Endzeitmann kommt und sich die Endflügelpuppen vom Himmel senken

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(c) Parkwaechter 2015

Nachdem wir Fasching, Valentinstag und Oktoberfest hinter uns gebracht haben und nur wenige Atemzüge nach dem bedeutendsten Fest unseres mammonistischen Jahresfestkreises – Helloween, ist es nun so weit: auch „Weihnachten“ steht am Kalender.

Jene Zeit also, in welcher die Gewerkschaften darum kämpfen müssen, dass in den großen Shopping Malls nicht öfter als 30 mal pro Tag „Jingle Bells“ oder das unsägliche „Last Christmas“ von Wham durch die Lautsprecher geschickt wird, um so die Verkäufer vor abendlichem Drehschwindel und Schlaflosigkeit zu bewahren.

Jene Zeit, in der wir uns auf unsere „westlichen Werte“ besinnen, die wir sogar am Kunduz in Afghanistan und im Syrischen Hinterland verteidigen müssen.

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Frau unterhalten, die in der DDR unter dem strengen Auge der Blockwarte und der Stasi aufgewachsen ist und dort von einem alternativlosen Schulsystem indoktriniert wurde. – Nein, nicht mit Angela Merkel, unter der die Alternativlosigkeit und die schnöde Blockwart-Mentalität heute wieder eine ungeahnte Renaissance erfahren hat und uns auch lückenlose Bürgerüberwachung wieder achselzuckend als das Normalste auf der Welt verkauft wird. Meine Gesprächspartnerin war keine Frau, die sich mit diesem alternativlosen System arrangiert und dort als Physikerin Karriere gemacht hat, sondern eine Künstlerin, die den technokratischen Wahnsinn schon als junge Frau durchschaut und daher unter Lebensgefahr die Seiten gewechselt hat. Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass sie im „freien Westen“ nun wieder von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt werde.

Eine besonders groteske Episode weiß sie über die Weihnachtszeit zu erzählen. Kurz vor Zusammenbruch der DDR, als Überwachung, Willkür und Absolutheitsanspruch gegenüber dem „Pack“ bereits fast unerträglich geworden waren und die Systemfunktionäre und Blockwarte schon das ungute Gefühl in der Magengrube hatten, dass dieses „Pack“ sie demnächst abservieren wird, zog man nochmals alle Register, um das gemeine Volk im Zaum zu halten.

Bemerkenswert war, dass kurz vor besagtem Zusammenbruch des Systems mit regelrecht hysterischer Akribie versucht wurde, den Bürgern alles auszulöschen, was irgendwie eine Ahnung von einer Dimension hervorgerufen hätte, die über dem unseligen materialistisch-technokratischen Planwirtschafts-Alltag wartete. Worte wie Weih-Nachten waren daher an den Schulen, an denen meine Bekannte arbeitete, verboten – man musste sagen: Jahresendzeitfest. Auch durften keine Geschichten über das Christkind, nicht einmal über den Weihnachtsmann erzählt werden, sondern nur über den Jahresendzeitmann.

Vom Schuldirektor streng verboten war insbesondere das Wort Weihnachts-Engel. Da sich die Tradition, zu Weihnachten Engel zu basteln, trotzdem nicht ausrotten ließ, so galt die Vorschrift, dass man diese Bastelwaren jedenfalls unter keiner anderen Bezeichnung handeln durfte als unter „Endflügelpuppen“.

Meine Bekannte, die dies erzählte, kann heute keineswegs über diese grotesken Auswüchse der DDR Politik lachen. Sie erzählt, wenn sie heute so den politischen Diskurs beobachte, dann fühle sie sich frappant an die damalige Zeit erinnert, in der das alte System kurz vorm Zusammenbrechen war und daher nochmals alle Verbocktheit aufbot und alle retardierenden Kräfte aus dem Keller holte, um kritisches und alternatives Denken zu verhindern.

Diese retardierende Funktion übernehmen heute allerdings nicht mehr Stasi-Agenten im grauen Mantel wie damals, nein, die Drecksarbeit zur Sabotage zivilgesellschaftlichen und basisdemokratischen Engagements übernehmen heute Personen, die vom Förderband eines alternativlosen Schul- und Universitätssystems gelaufen sind, nachdem sie dort ethisch-moralisch kahlgeschoren und intellektuell zugespitzt, geteert, gefedert, geformt, genormt, verschweißt und elektronisch verkabelt wurden. Was sie nun tun, entspringt scheinbar ihrem eigenen Willen zum „Fortschritt“, ihnen bewusste „Verschwörung“ anlasten zu wollen, ginge daneben – was sie jedoch nicht minder gefährlich macht.  Der Auftrag der vom Förderband gelaufenen Terminatoren: Endlich Schluss machen mit allem, was der reinen technokratisch-mechanistischen Effizienz, also dem Ideal des Borg-Kubus (siehe Wiki-Eintrag) widerspricht.

Denn ein solches technokratisches Ideal kann unmöglich verwirklich werden, solange die Menschen noch an diejenige tiefere Ebene des Daseins glauben, die Hermann Hesse als „Welt Mozarts“, Platon als „Reich der Ideen und lebendigen Urbilder“ oder Viktor Frankl als „noetische Ebene (von gr. nous=Sinn)“ angedeutet hatten und die auch von ausnahmslos allen anderen großen Poeten und Weisen aller bisherigen Zeitalter als Wurzel, Sinn und Ziel des Menschseins beschrieben wurde. Nur so nebenbei, jener Mann, der im heutigen X-Mas nur noch als „X“ vorkommt, aber dessen kompromisslose und wahrheitsfordernde Worte die Welt seinerzeit so erschüttert haben, dass man die Zeitrechnung seinetwegen auf Null gestellt hat, redete auch immer davon, dass „sein Reich nicht von dieser Welt“ sei. Was ihn auch dazu veranlasste, dass er die Geldwechsler mit der Peitsche aus dem Tempel jagte und die damaligen Blockwarte und etablierten Funktionäre der Macht, die Schriftgelehrten und Pharisäer, bei jeder Gelegenheit als Heuchler und als Schlangenzungen bezeichnete.

Von besagten Terminatoren, die vom Förderband des Szientismus gelaufen und ins Rennen um die Zukunft der Menschheit geschickt wurden, wird dazu nun eine radikale Antithese aufgestellt:

„Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen, ergo ist alles Wurst, ergo können Mensch und Umwelt nach reinen Effizienzkriterien ausgeschlachtet werden.“

Wer sich diesem Glaubensbekenntnis des nihilistischen Szientismus und Sachzwanges nicht beugt, wird mit Bulldozergewalt niedergewalzt, an den digitalen Pranger gestellt und medial verbrannt (siehe dazu einen der letzten Artikel des Eifelphilosophen: „Deutschland 2015: Das Ende der offenen Gesellschaft und der Bürgerkrieg gegen die Vernunft“).

Zurück aber zu Weihnachten. Eines der genialsten Weihnachtsgedichte, das mir in den letzten Jahren untergekommen ist, stammt von Steve Geshwister und heißt „Heilige Abende“

Kurz zur Rahmenhandlung:

Bei Schmidts gibts Heiligabend Gans
Bei Müllers Würstchen mit Püree
Frau Ott kocht Brüh‘ aus Ochsenschwanz
Die Mayer brät ein Rindsfilet (…)

Ein iPad für den kleinen Mayer
Ein Kindle für das Müllerkind
Für Oma Ott ein Nudelseiher
Wie schön, dass wir beisammen sind!

Man ist befriedigt, satt, so voll
Dass langsam Geist und Klarheit schwinden
Wär dieser Jesus nicht schon toll
Man müsste ihn erfinden!

Einzig Herr Müller verquert diese Endzeitfest-Idylle. Dreimal stößt er aus den Fluch: „Der Blitz beim Scheißen in euch fahre!“ – Aber lesen Sie selbst… (siehe Heilige Abende).

5000 Politiker-Penisse online – über Ashley Madison, das größte Tabu und die Anleitung zu Glück und Unglück

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Bild: Briseis Painter (Public domain), Wikimedia Commons

Vor wenigen Tagen haben Hacker die intimen Daten samt Namen und Adressen von über 32 Millionen Nutzern des Seitensprung-Portals „Ashley Madison“ ins Internet gestellt. Mit den Profilen wurden auch Chat-Protokolle und intime Fotos veröffentlicht, hierbei zeigten ein Drittel der Nutzer-Fotos erigierte Penisse. Lt. Experten für Internetsicherheit sind auch rund 15.000 Personen aus Regierung und Militär betroffen. Im Klartext heißt das, dass derzeit ca. 5000 Regierungs- und Politikerpenisse online gestellt sind.

Wieviele Politiker-Penisse nicht online gestellt sondern stattdessen gewinnbringend nutzbar gemacht wurden, indem man für deren Nicht-Veröffentlichung satte Beträge oder politische Gegenleistungen in Rechnung gestellt hat, weiß man nicht. Wir haben schon einmal darauf hingewiesen, welches Erpressungspotenzial durch über „staatliche“ Bürgerüberwachungssysteme routinemäßig abgeschöpfte Privatfotos besteht, aber das ist ein anderes Thema, das uns heute nicht beschäftigen soll. Kehren wir zurück zu Ashley Madison und zu Sex and the City.

Die Hackergruppe namens The Impact Team hat mit weiteren Cyberattacken gedroht. Nicht nur Websites, sondern „alle Unternehmen, die hunderte Millionen damit machen, dass sie von den Schmerzen, Geheimnissen und Lügen anderer profitieren“ könnten gehackt werden, so lautete die per E-Mail gemachte Mitteilung gegenüber der Medienwebseite „Motherboard“.

Grund genug, um uns hier einmal zur Abwechslung nicht nur mit politischen Desastern, Nuklearbedrohungen und dergleichen zu beschäftigen, sondern vielleicht auch einmal den nuklearen Overkill zu beleuchten, der sich momentan im zwischenmenschlichen Bereich abspielt.

Da wir hier ja bekanntlich keine Berührungsängste mit unausgesprochenen Tabus haben, wollen wir uns also kurz mal auch in dieses heikle Thema hineinwagen. Wenn ich mich dabei manchmal meiner philosophischen Zurückhaltung entledige und einiger ungewohnt vulgärer Ausdrücke bediene, dann möge man es mir diesmal bitte nachsehen. Aber das Thema ist leider so brandaktuell bzw. sorgt derzeit für einen solchen Flächenbrand, dass Zurückhaltung schwierig ist.

Also, dann legen wir mal los (unter 18jährige lesen im Sinne des Jugendschutzgesetzes und selbstlimitierender Zensur ab hier bitte nicht weiter, sondern nehmen sich brav ein MickeyMouse Heft zur Hand)…

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In einem Radiobeitrag referierte unlängst ein sehr gescheiter Soziologe, seinen Namen habe ich leider nicht behalten, zum Thema „Überleben in der Großstadt“. Er hatte es sich in einer Studie zur Aufgabe gemacht, zu erforschen wie heute typische Großstadtmenschen in einem Arbeits- und Umweltmilieu durchzukommen versuchen, das auf sie – beim einen mehr, beim anderen weniger bewusst – frustrierend und kräftezehrend wirkt und das den Menschen in immer rasanteren Leistungsanforderungen immer mehr Richtung Burnout drängt.

Sein überraschendes Fazit: Indem sie ihre Partner „bescheißen“!

In einer faszinierenden Ausführung erläuterte er dann einen für jeden gesund empfindenden Menschen zunächst pervers anmutenden Mechanismus, wonach jemand, der betrogen bzw. beziehungsmäßig traumatisiert wird, Kräfte einbüßt, während der Betrüger äußerlich in einem narzisstischen Egoitätsgefühl erkraftet. Der „weggeschmissene“ Partner muss indes mit einem Selbstwertdefizit seinen Weg fortsetzen, fühlt sich seiner Substanz beraubt und wird vielfach sogar krank. Obwohl der psychologische Wirkungsmechanismus, der beim betrogenen Partner – auch ohne dass er vom Betrug weiß – Kräfteraub und Krankheit verursacht, noch nicht abschließend geklärt ist, so scheint es jedenfalls, dass wir mit dem Partner, dem wir uns einstmals versprochen haben, auf seelischer Ebene doch viel intensiver verknüpft sind als wir äußerlich ahnen.

Der moderne, spaßoptimierende Hedonist hört solche Dinge natürlich nicht gerne, denn das würde ja bedeuten, dass man für das Schicksal seines Partners doch tatsächlich eine Verantwortung hat – und „Verantwortung“ ist ja heute eines der unangenehmsten und daher meistgehassten Wörter, weshalb es umgangssprachlich schon fast ausgemerzt wurde und wohl demnächst auch aus dem Duden gestrichen wird.

Verantwortung läuft der Kategorie Spaß diametral entgegen und diese ist schließlich unser nimmersatter Götze. Da die Arbeitswelt inzwischen absolut unlustig geworden ist, so muss im Gegenzug alles im Leben, was nicht Arbeit ist, Sch(p)aß machen. Macht es/er/sie keinen Spaß mehr, dann wird es/er/sie umgehend entsorgt und landet auf der Müllhalde.

Umgekehrt kann durch das Kriterium Sch(p)aß heute alles gerechtfertigt werden, was zuvor noch reiner Wahnsinn war. In Dänemark etwa hat lt. Reportage der Welt ein schwunghafter Tourismus mit Gästen eingesetzt, die Tierbordelle besuchen. Insbesondere die Deutschen würden dieses Angebot gerne nutzen, seit 2013 in Deutschland Sodomie gesetzlich verboten wurde.

Als der Geschlechtsverkehr mit Schweinen, Pferden und Hunden in Dänemark die öffentliche Diskussion angefacht hatte, ob man solche Dinge nicht doch besser verbieten solle, wurde eine wissenschaftliche Studie zum Thema in Auftrag gegeben. Und jetzt raten Sie mal, was rausgekommen ist. Sie ahnen es wohl schon … – stimmt. Nachdem der akademisch akkreditierte Sachverständige in seiner Studie feststellte, dass es in Einzelfällen auch vorkommt, dass der Geschlechtsverkehr mit dem Menschen auch dem Tier SPASS mache, war die Verbotsforderung augenblicklich vom Tisch, alle Kritik von Politik und Tierschutz war verstummt. Und die deutschen Busse, vollgefüllt mit „Zoophilen“, wie sie sich nennen, fahren weiter fröhlich nach Dänemark.

Lassen wir das unappetitliche Thema aber wieder und kehren wir zurück zum Menschen und seiner partnerschaftlichen Beziehung.

Wir haben von der unangenehmen Wahrheit gehört, dass es nicht einerlei ist, ob man seinem Partner treu ist oder ihn betrügt und dies den Betrogenen sogar krank machen kann (für den Umstand, dass es die Kinder krank macht, die in dem Beziehungsscherbenhaufen übrigbleiben, braucht es indes gar keine psychologische Beweisführung, hier spricht die empirische Statistik eine eindeutige Sprache: nachdem das Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil lebt, sind laut Statistik Armut und damit auch Krankheit und eine verkürzte Lebensspanne fast schon vorprogrammiert. Aber wen schert das schon. Darauf hinzuweisen sorgt in unserem Zeitalter des porno lifestyle und des grenzenlosen Sch(p)aß nur für noch mehr Ärger. Ein Politiker, der sich mit solch altbackenen Vorstellungen über Verantwortung und ähnliches Zeugs positionieren würde, bekommt höchstens eine Keule auf den Kopf aber ganz sicher keine Stimmenmehrheit.)

Die angesprochene Schicksalsverantwortung steht also in krassem Gegensatz zur derzeit gelehrten und flächendeckend über den Flachbildschirm ausgestrahlten Meinung, wonach ein Geschlechtsakt mit einem Außenstehenden nichts viel anderes ist als wenn man mit jemandem einen Kaffee trinken geht – einer Meinung, der inzwischen übrigens auch die Judikatur folgt: Ehebruch ist in vielen Ländern kein gesetzlicher Scheidungsgrund mehr.

Dass der im genannten „Bescheißspiel“ äußerlich strahlende „Gewinner“ sich bei seinem Betrug menschlich selbst unter den Hund befördert, ist zwar ein anderes Thema, aber würde hier zum Abschweifen führen. Indes suggerieren einem die Boulevardmedien, dass es das Normalste der Welt wäre, mal den Partner zu wechseln oder einen Seitensprung zu machen, wenn die alte Beziehung nicht mehr genügend körperlichen Reiz hergibt. Wenn man die Anmelderzahlen der jüngst geleakten und daher bei den Betroffenen derzeit für Panik sorgenden Dating-Plattform für Verheiratete wie Ashley Madison zur Kenntnis nimmt, dann weiß man, wie sehr die Sache inzwischen zum Breitensport geworden ist.

Warum steigen aber hierzulande die Depressions- und Burnoutraten samt Psychopharmakonsum trotzdem so exponentiell an, obwohl ja dem fernsehenden Dosenbierbürger heute mit einem Mausklick der grenzenlose Sch(p)aß als Lifestyle offensteht? Lt. WHO Prognose werden im Jahr 2030 Depressionen die Volkskrankheit Nr. 1 sein.

Zum Schluss noch eine Wasserbombe:

Eine der international bekanntesten Künstlerinnen, Tracey Emin, hat jüngst in einem Interview verkündet, dass sie nun das größte Tabu unserer Zeit brechen wolle.

Wer würde wohl ahnen, was dieses „größte Tabu unserer Zeit“ ist? – In einer Zeit, in der die orgiastischen Inszenierungen von Aktionskünstlern wie Nietsch, Brus, Mühl & Co. längst Schnee von gestern bzw. grauer Matsch sind. Einer Zeit, in der Sado-Maso Phantasien wie „Shades of grey“ in Wirklichkeit nur noch angeödetes Gähnen hervorrufen. Einer Zeit, in der desperate Hausfrauen durch die Gegend torkeln und Ausschau halten nach dem nächsten Pavian, der von der Laterne herunteronaniert. Einer Zeit, in der der fernsehende Bürger bereits überfüttert ist mit allen nur erdenklichen und tausendfach neu aufgewärmten Varianten des Wahnsinns und Exzesses – in einer Gesellschaft, in der Regisseur David Schalko vor kurzem „die Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“ verortete.

Was soll uns da bitte noch jucken?

Nun, Frau Emin lässt die Bombe platzen, die ihr womöglich demnächst die Karriere kosten könnte: Sie erklärt doch tatsächlich hochoffiziell, dass sie keinen Sex habe und auch gar nicht mehr an Sex interessiert sei. Manchmal komme auch ihr zwar noch der Gedanke an Sex in den Sinn, aber sie verwerfe ihn sogleich, da sie das Ganze einfach nicht mehr interessiere.

Dabei ist die Dame in ihrem künstlerischen Schaffen hochaktiv, sprüht vor Ideen und Elan und jettet von einem internationalen Projekt zum nächsten.

Dass ein Mensch, der noch nicht im Grab ist, sich erdreistet, entgegen dem Zeitgeist kein oder nur ein geringes Interesse an Sex zu haben – das ist wirklich reine Häresie. Wer so etwas äußert, der hat Konsequenzen zu befürchten. Es würde daher nicht wundern, wenn die Karriere der bisher sehr erfolgreichen Künstlerin, die dem kategorischen Imperativ unserer Zeit „Du musst Sex haben, und zwar exzessiv!“ widersagt, demnächst beendet ist und ihr die Medien und Galerien ihre Gunst entziehen. Denn wer heute nicht sexy ist, wird entsorgt und verschrottet.

Falls einer der Youngsters unter den Lesern entgegen der Warnung am Artikelanfang trotzdem bis hierher weitergelesen hat, – als Ausgleich zum Müll aus der Erwachsenenwelt, den ihr euch hier habt reinziehen müssen – zum Schluss noch ein kleiner Hinweis unter vier Augen, den ihr in der „Lügenpresse“ sicher nicht zu hören bekommt, der euch aber euer Lebensglück (und Kopf und Kragen) retten könnte:

Also: Pssst….! Nicht weitersagen, sonst hält man euch für dumm. Aber behaltet’s trotzdem als Geheimnis in eurem Herz:

In Wirklichkeit hat jede Beziehung Phasen, in denen die Sexualität zurückweicht und sogar verschwindet – was an sich eine große Chance wäre, sich endlich über wirkliche gemeinsame Interessen näherzukommen, die über den egoistischen Trieb hinausgehen. Wer das schafft, erlebt seine Partnerschaft als unendlich bereichernd und erfüllend. Durch den rat porno lifestyle wird aber das Gegenteil suggeriert: Nur der körperliche Lustreiz zählt, wer den nicht mehr hat, hat ausgedient und wird weggeschmissen wie eine leere Bierdose. Dabei ist das eine der unglaublichsten Lügen, die derzeit eurer Generation eingeimpft wird. Denn in Wirklichkeit ist die körperliche Anziehung dasjenige in einer Beziehung, was am allerschnellsten langweilig wird. Und eine Beziehung, die keine seelischen oder geistigen Gemeinsamkeiten hat bzw. die sich im Laufe der Beziehung nicht zu solchen aufschwingen kann, sondern nur auf körperlicher Anziehung beruht (am Anfang ist, wenn man ehrlich ist, nun mal der körperliche Reiz am stärksten), ist aber meist schnell zu Ende.

Also der Tip eines alten Parkwächters, der in seinem Leben schon viel gehört und gesehen hat: Wenn ihr euch nach einem Partner/ einer Partnerin umschaut, dann schaut nicht nur, ob ihr euch körperlich anzieht. Prüft auch,

  • ob ihr seelisch etwas gemeinsam habt
  • und ob ihr geistig Themen/Motive/Lebensideale habt, die ÜBER die bloße Zweierbeziehung hinausgehen und etwas für die Welt beitragen wollt

Denn so etwas verbindet wirklich. Hat man auf diesen Ebenen gemeinsame Ziele, dann vertieft sich eine Partnerschaft immer mehr.

Hat man das nicht, sondern lässt sein Radar nur auf der körperlichen Ebene bzw. nach dem Kriterium „Geilheit“ laufen, dann ist der Ofen einer Beziehung spätestens nach 3 Jahren, oft schon nach wenigen Monaten aus und man ödet sich an. Dann zerbricht die Sache, man sucht sich einen neuen Partner und das Ringelspiel beginnt von vorne, bis man im Alter schließlich selbst so abgewrackt ist, dass oft nicht einmal die eigenen Kinder mehr etwas von einem wissen wollen.

Mit einer Beziehung ist es im Prinzip wie mit einem kleinen Bäumchen. Wenn man es ständig aus dem Boden, in dem es gerade Wurzeln geschlagen hat, wieder ausreißt, dann kann es nie ein kräftiger Baum werden, sondern es wird dahinwelken und mickrig bleiben.

Im Grunde ist es heute übrigens ganz einfach, ein wirklich sinnerfülltes und glückliches Leben zu führen, obwohl es angesichts des Gegenwindes anfangs nicht leicht ist. Man braucht einfach immer nur das Gegenteil von dem zu machen, was die Medien als lifestyle suggerieren.

Und umgekehrt: Wer todsicher unglücklich werden will, braucht nur ebendiesen von den Medien suggerierten lifestyle assimilieren. Die Lektüre von Paul Watzlawicks satirischem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ hat sich heute vollkommen erübrigt. Man bekommt diese Anleitung täglich frei Haus geliefert.

In diesem Sinne: Gute Nacht. Und nochmal Entschuldigung für meine ordinäre Wortwahl.

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