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Endzeit-Poesie 4.0: Juri Galanskows Hölle 4.0  

175 Juri Galanskow


Juri Galanskow (pw/nachrichtenspiegel.de)

„In eurer Hölle kann ich nicht atmen“

Heute jährt sich der Todestag von Juri Galanskow. Nicht länger als 33 Jahre durfte er sich seines Lebens erfreuen, bevor er in einem Umerziehungslager starb. „Phönix“ hieß die Zeitschrift, in der er seine Gedichte veröffentlichte, die ihm schließlich Haft und Tod einbrachten. Phönix, so wie der gleichnamige  Vogel, der sich aus der Asche erhebt. Juri Galanskows Poesie ist heute so aktuell wie noch nie. In ihr zeigt sich in prototypischer Weise der individuelle Mensch, der sich einem zunehmend zerstörerischen, nicht nur menschenunwürdigen, sondern regelrecht menschenvernichtenden System gegenüber sieht – der aber nicht dem Instinkt der Masse folgt und billigerweise mitmacht, sondern der ein Ideal hat und lieber den physischen Tod wählt als sich mit dem geistigen Tod und der Erstickung des Individuums abzufinden.

Ich habe sein „Manifest des Menschen“ bereits einmal gepostet, doch in den Sanddünen des weltweiten Netzes gerät eben vieles schnell wieder in Vergessenheit. Obwohl dieses Gedicht alle heranwehenden Sandmassen nicht fürchten muss. Denn der individuelle Geist, der in diesem Gedicht lebt, besitzt eine derartige Vertikalität, dass er inmitten aller Sandmassen gleich einem Obelisken immer nach oben ragen und die Sonne reflektieren wird (was wir an den ägyptischen Obelisken heute nicht sehen: Ihre Spitzen waren früher vergoldet und haben unter Sonnenlicht weithin ins Land gestraht).

(Foto: pw/nachrichtenspiegel.de)

Juri Galanskow hat das erlebt, was sich heute unter anderen Vorzeichen wiederholt, sogar mit weitaus zerstörerischer Potenz. Eine mittlerweile perfektionierte PR- und Entertainment-Maschinerie arbeitet zwar mit voller Kraft daran, um uns über diese Zerstörung hinwegzutäuschen und uns das schmackhaft zu machen, was Vaclav Havel als „Lebenslüge“ bezeichnet hat und was in marktkonformen Landstrichen gemeinhin als „Gutes und Gernes Leben“ figuriert. Doch würde man das Ausmaß der täglich stattfindenden Zerstörung menschlicher und zivilisatorischer Substanz prozentuell beziffern – uns packte umgehend der Schwindel. Wer sich vom bunten und glitzernden smart dust-Anstrich nicht täuschen lässt, der sieht heute auch auf allen anderen Ebenen frappante Ähnlichkeiten zu den dunkelsten Epochen der Menschheitsgeschichte, die schließlich in einer großskaligen Verelendung und Vernichtung geendet haben. Wieder soll es also eine Masse an Human- und Umweltressourcen geben, die von einem obersten Sowjet, einem zentralistischen Organ, das alles überwacht, „zum Wohle aller“ orchestriert, umerzogen und ausgeschlachtet werden soll. Den obersten Sowjet, der wieder einmal die grandiose Kulturrevolution und den streng wissenschaftlichen Fortschritt bringen soll, nennt man diesmal „Global Governance“, sie soll sitzen auf dem 5G-gestützten Thron der „Künstlichen Intelligenz“ (siehe „Auf die Knie vor Gott KI“). Dass wir mit dieser Art von Intelligenz „gerade schlüsselfertige Tyranneien errichten“, so wie führende Konstrukteure des CIA/NSA-Überwachungssystems in einem offenen Brief warnen, realisieren immer noch die wenigsten – obwohl die große Faschiermaschine inmitten allen schrillfeuchten Oktoberfestgetümmels schon angelaufen ist und man bereits seine eigenen Nachbarn beim Verschlungenwerden beobachten kann. Dass die Doomsday Clock der Atomic Scientists auf zwei Minuten vor Mitternacht steht und Noam Chomsky in einem jüngsten Interview erwartet, dass die Apokalypse-Uhr angesichts der geopolitischen Lage Anfang nächsten Jahres noch weiter vorgestellt wird, quittiert der tagessschauguckende Spiegelbildbürger mit einem Schulterzucken und macht einen auf Farin Urlaub.

Wenn Juri Galanskow diese gespenstische Szenerie heute aus dem Jenseits beobachtet, dann packt ihn womöglich noch viel mehr das Grauen als zu seiner Zeit, die zwar ebenfalls grausam, aber noch vergleichsweise sozialromantisch war. Verzweifelt schreit er uns die Worte aus seinem Phönix wiederum entgegen: „Glaubt nicht den Zeitungen … Sieh nur, wie man die schwarze Lüge auf das weiße Linnen speit … Steht auf! Seht ihr nicht die große Bombe und den Blick des Todes aus den offenen Gräbern … ?“

Er, der sein Leben gegeben hat, um eine Lanze für das Menschsein zu brechen und uns den Weg in eine menschenwürdige Zukunft zu bahnen, muss nun den Kopf schütteln, wenn er sich als Geist über die öffentlichen Plätze bewegt, die erneut zur „marktkonformen“ Zone erklärt wurden und von denen sich neoliberaler Verwesungsgeruch erhebt. Plätze, auf denen unter „Mentalvergiftung“ (Mausfeld) leidende Menschen vor sich hintaumeln, die ihm bei lebendigem Leib wesentlich toter erscheinen als er selbst als Verstorbener es ist. Die Menschen können seine verzweifelten Worte nicht vernehmen, denn ihre Ohren sind mit Apples AirPods bestöpselt. Würden wir abends in einer ruhigen Minute innehalten und lauschen, dann könnten wir seine Worte hören:

„Ich gehe hinaus auf den Platz – und presse ins Ohr der Stadt – den Schrei der Verzweiflung. – Menschen! Tröstet mich nicht! – In eurer Hölle kann ich nicht atmen!“

Gleichzeitig appelliert Galanskow mit seinem Gedicht an die grandiose Fähigkeit des menschlichen Geistes, sich auch inmitten abgründiger gesellschaftlicher Umstände seine Würde zu bewahren, einem individuell gewählten Ideal treu zu bleiben und zu seiner Menschlichkeit zu finden – nicht auch, sondern GERADE im Angesichts des Destruktiven. Insofern wäre es ein kapitaler Fehler, vor dem Negativen lieber die Augen zu verschließen, so wie das von Wellness-Coaches heute vielfach empfohlen wird. Man braucht sogar das Negativbild, das heute ja in jeder Weise kulminiert und anschaulich wird. Denn gerade am Negativen kann man ein Ideal entzünden für ein regelrechtes Gegenbild. Und der Sinn des heutigen Wahnsinns ist nicht, dass wir daran verzweifeln, sondern dass wir gerade daran das wirklich Menschliche entwickeln. Man kann den zur Vermassung tendierenden Wahnsinn also geradewegs als Schwungrad nützen, um uns entgegen allen Erscheinungen von Dekadenz, Ausbeutung, Verrohung, Opportunismus, Unverantwortlichkeit und Nihilismus zum Ideal des individuell gegründeten, selbständig denkenden, empathisch fühlenden und verantwortlich handelnden Menschen zu entwickeln.

In Wirklichkeit braucht es sogar die Konfrontation mit Pogo dem Clown bzw. dem nackten Wahnsinn, der einen mit blutverschmiertem Mund hämisch angrinst, um zu diesem entscheidenden Momentum des Menschseins aufzuwachen. Denn nur wenn wir den drohenden Abgrund in seinem ganzen Schrecken vor uns sehen, sind wir genötigt, dem, was Vaclav Havel das „Leben in der Lebenslüge“ genannt hat bzw. was Angela Merkel das „Gute und Gerne Leben“ nennt, eine Absage zu erteilen und aus dem Marsch der Lemminge in den Grand Canyon eine Kehrtwende zu vollziehen. Man darf sich nichts vormachen, die Bergtour, die wir vor uns haben, wird kein Zuckerschlecken sein. Doch diejenigen, die sich die Mühe machen, den Berg zu erklimmen, haben die Aussicht, wieder klare und sonnendurchflutete Luft zu atmen und kristallklares Gebirgswasser zu trinken … während sich die Zuckerwatte, die in der marktkonformen Schaumparty der Niederungen gesponnen und an die Massen verfüttert wird, als Rattenfutter herausstellen wird, das selbst den robustesten und derzeit noch bestgelaunten Naturen zum Verhängnis werden wird.

Welchen Weg der Einzelne wählt – den mühsamen Weg aufwärts oder den zweifellos bequemeren und anfangs auch durchaus unterhaltsamen Weg der Rutsche ins Bento-Planschbecken, ist natürlich jedem freigestellt. Wieder einmal gilt: In der Wahl ist der Mensch vollkommen frei. Im Tragen der Konsequenzen dieser Wahl dann aber ganz und gar nicht mehr.

Juri Galanskow hat seine Entscheidung getroffen. Er hat dabei sein Leben eingebüßt. Aber das Wertvollste bewahrt, was ein Mensch besitzt: Seine Würde.

 

MANIFEST DES MENSCHEN

(von J. Galanskow)

1
Wieder und wieder
packt mich in nächtlicher Stille ein Weinen.
Denn nicht einmal den Saum der Seele
kann man verschenken.
Niemand braucht
einen Tag lang
nach einem Irren zu suchen.
Aber die Leute gehn nach der Arbeit
dorthin, wo Geld rollt und Huren sind.
Sollen sie´s tun.
Ich aber werde durch die Lawine der Leute
hindurchgehn,
anders als sie, und allein –
wie der Splitter eines Rubins,
der im Eise glüht.
Himmel!
Lasse mich leuchten.
Lasse mich nachts
auf das schwarze Samtkleid
ausschütten die Diamanten der Seele.

2
Glaubt nicht den Führern und Ministern,
Glaubt nicht den Zeitungen!
Erhebt euch, die ihr mit eurem Antlitz die Erde deckt!
Seht ihr die große Bombe
und den Blick des Todes aus den offenen Gräbern?
Steht auf!
Steht auf!
Steht auf!
O Purpurblut des Aufstands!
Steht auf und reißt die morschen Zuchthausmauern
dieses Staates ein!

3
Wo sind sie –
die den Kanonen an die Gurgel fahren,
die mit dem heiligen Messer der Rebellion
die Geschwüre des Krieges herausreißen ?
Wo sind sie?
Wo sind sie?
Wo sind sie?
Oder gibt es sie nicht mehr? –
Dort an den Werkbänken stehen ihre Schatten
angekettet mit einer Handvoll klingender Münzen.

4
Der Mensch ist verlorengegangen.
Unwichtig wie eine Fliege
rührt er sich kaum in den Zeilen der Bücher.
Ich gehe hinaus auf den Platz
und presse ins Ohr der Stadt
den Schrei der Verzweiflung.
Menschen! Tröstet mich nicht!
In eurer Hölle kann ich nicht atmen!

5
O Himmel!
Ein strafendes Messer will ich besitzen!
Sieh nur, wie man die schwarze Lüge
auf das weiße Linnen speit.
Sieh nur,
wie abends die Dunkelheit
am blutbesprengten Banner nagt …
Furchtbares Leben –
wie ein Gefängnis, auf Knochen getürmt.
Ich falle!
Ich falle! …
und fühle wie in meinem Innern tief
der Mensch erblüht.

6
Wir haben uns daran gewöhnt,
in freien Stunden
auf den Straßen Gesichter zu sehen,
die vom Leben besudelt sind –
Gesichter wie eure.
Aber plötzlich –
wie das Grollen eines Gewitters
und wie das Antlitz Christi am Tag der Wiederkunft
aufersteht
die getretene und gekreuzigte
Schönheit des Menschen.
Ich bin es – ich,
der zur Wahrheit ruft und zum Aufstand,
der nicht mehr Diener sein will,
und eure schwarzen
aus Lügen geflochtenen Fesseln zerbricht.
Ich bin es – ich,
der vom Gesetz in Fesseln Geschlagene,
der das Manifest des Menschen verkündet!
Mag mir der Rabe
in den Marmor des Leibes eingraben
das Kreuz.


 

Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Der langsame Abschied des Parkwächters …

172 park pixabay

„Wir haben Orwell bereits hinter uns und sind nun in Van Vogts ‚Space Wildlife‘ angekommen, wo niemand mehr etwas versteht.“ – Mittlerweile realisiere ich, dass Gerard Depardieu diesen Ausspruch keineswegs nur sarkastisch, sondern durchwegs buchstäblich gemeint hat.

Womit soll ich anfangen, ich weiß es nicht. Vielleicht fange ich überhaupt nirgends an, da man sich damit ja ohnehin nur in fruchtlosen Animositäten verheddert und der lachende Dritte – ich komme gleich noch kurz auf ihn zurück – sich den Bauch vor lauter Kringeln nicht mehr halten kann.

Lohnt es noch, Gedanken zu formulieren, da ohnehin jeder selbst am besten Bescheid weiß? Und wo es auch auf dem Feld der alternativen Journalisten nun soweit gekommen ist wie in Politik und Kunst, wo es darum geht, eine exklusive Marke aufzubauen und sich mit seinem eigenen, natürlich einzig brauchbaren Standpunkt von allen anderen Marktteilnehmern abzugrenzen? Wo dann richtige und wichtige Ideen sofort abgeschmettert werden, einfach weil sie nicht von der eigenen Partei, sondern von einer gegenüber sitzenden Fraktion kommen, deren vegan-versiffter Menüplan einem sowieso noch nie geschmeckt hat? Wo überhaupt Meinungen, die aus einem anderen Kopf kommen als dem eigenen, hochwohlgeborenen, nicht mehr vertragen werden und man sofort mit heftigster Allergiebereitschaft reagiert, wenn jemand eine andere Perspektive eröffnet als jene, in der man es sich selbst gut eingerichtet hat? Was, Ganser/Jebsen/Janich/Wisnewski weist auf dieses oder jenes hin? Na, dann muss ich dazu sofort eine gegenteilige Haltung einnehmen und das als Spinnerei brandmarken. Denn ohne exklusives Alleinstellungsmerkmal, das nur ich allein als Super-Tillo vertrete, spüre ich ja augenblicklich den Boden unter mir schwinden. Und jeder, der „Highlander“ gesehen hat, weiß ja: Es kann nur einen geben, der den Kopf behält. Die Rübe von allen Spinnern, also allen Andersdenkenden, darf ruhig ab.

Schlagworte, um über die Perspektive des Anderen nicht mehr nachdenken zu müssen, sondern sie umgehend vom Tisch wischen zu können, wurden uns ja ausreichend zur Hand gegeben: „Verschwörungstheoretiker“, „Querfront“, „Nazi“, „Aluhut“, „Rechtsesoteriker“, „Guru“ etc. – Und das Grandiose: Sogar unsere alternativen Qualitätsjournalisten beginnen nun, begierig auf dieses Diffamierungskeulen-Buffet zuzugreifen und auf Kollegen, Leser und überhaupt auf alle, die anders denken als sie selbst, einzudreschen. Es geht ja jetzt schließlich um alles, um unsere Weiterexistenz, unser Gutes und Gernes Leben und den Fortschritt. Diesmal. Oder wieder einmal. Egal.

Sogar von alternativen Journalisten, die bislang in sehr verdienstvoller Weise für Meinungsfreiheit gekämpft haben, wird nun zum „Kampf gegen Rechts“ (laut Prof. Mausfeld ein „Fake-Kampf“, der von den eigentlichen Problemen ablenken soll), gegen „Verschwörungstheoretiker“ und gegen sonstige krude, „unwissenschaftliche“ Köpfe geblasen, die sich dem Fortschritt und der rationalen Vernunft in den Weg stellen. Der passende Slogan, dem kaum jemand, der vom heutigen Schul-/AUS-Bildungs-/Mediensystem erzogen wurde, widerstehen wird können und unter welchem der Zug der Lemminge vom streng wissenschaftlichen Flötenspieler in den Grand Canyon geführt werden wird, steht bereits: „UNITE BEHIND THE SCIENCE!“  Alle unsere hippen Influencer, Super-Youtuber und Porno-Youtuberinnen schwören uns und ihre Millionenschaften an Followern gerade darauf ein: Dass wir uns jetzt auch „auf die Seite der Experten stellen“ müssen. Selbst superkluge Durchblicker wie Prof. Mausfeld, auf die wir so große Hoffnungen für eine Aufklärung gesetzt haben, sind nun mit ihrem Latein am Ende und halten es für „kognitionswissenschaftlich nicht leicht erklärbar“, warum es immer noch Menschen gibt, die sich dem „wissenschaftlichen Konsens“ verwehren und stattdessen auf „subjektive Intuitionen“ hören. Wenn am Schlachtfeld des Manufacturing Consent nun also selbst der große Mausfeld passen muss, was soll man da als kleiner Mäusefriedhofsbürger noch ausrichten? Doch keine Sorge, wenn der Schrei nach Ausmerzung der Unvernunft nun auch von Seiten der alternativen Intelligenzia erklingt, dann werden wir sie ja wohl endlich bald besiegt haben. Und für die wirklich Unbelehrbaren werden die bereits unverhohlen geforderten Umerziehungslager wohl nicht mehr allzulange auf sich warten lassen. Dank technischer Infrastruktur wird es vielleicht erstmals in der Menschheitsgeschichte nun tatsächlich möglich sein, auch wirklich alle Fortschrittsfeinde zu erwischen. Dann kann sie endlich kommen, die strahlende, digital transformierte Zukunft nach den Maßstäben der streng wissenschaftlichen Vernunft.

„UNITE BEHIND THE SCIENCE”- ja, das klingt zweifellos netter als “UNITE BEHIND THE ECONOMY” oder “UNITE BEHIND THE POWER”, meint aber leider im Prinzip genau dasselbe. Und wird im Übrigen weder das Klima noch sonst etwas retten, sondern uns Ökozid hoch Drei bescheren. Und uns entgegen aller glänzenden Verheißungen in den mylab-Genlab-evidencebased-Techiemagazinen zu einer beispiellosen Vergiftung und Ausschlachtung unserer Lebensumwelt führen.

Eine reale Überlebenschance hätten wir eigentlich nur dann, wenn wir dieses Dogma der herrschenden Lehre sprengen und es geradewegs umkehren: „DESTROY THIS SCIENCE!“ – Mit diesem Banner auf den Fahnen würde die FFF- und Extinction Rebellion-Bewegung dem herrschenden Systemmoloch in der Tat das Fürchten lehren und ihn auch rasch zum Auflösen bringen wie einen Schneemann in der Sonne. Doch das gilt als reine Häresie und sorgt unter evidenzbasiert aufgeklärten, tagesschauguckenden Spiegelbildbürgern nur für schreckgeweitete Augen. „Löst sich dann etwa auch mein SUV auf und gibt’s dann womöglich kein Oktoberfest, keine Selfiesticks und keine Flatratebordelle mehr?“ gehört zu den ersten Gedankenfetzen, die dann umgehend über die Stirn zucken. Dennoch, diese Einsicht wird kommen. Denn wir werden von dieser Art geistloser, technizistischer Wissenschaft schon bald dermaßen die Schnauze voll haben, dass wir sie ansehen werden wie eine gefährliche Krankheit.

Ein jüngst veröffentlichter Artikel von Charles Eisenstein auf Rubikon („Der größere Zusammenhang“) weist da durchaus in die richtige Richtung und benennt den eigentlichen Feind, mit dem wir es heute zu tun haben: den „instrumentellen Utilitarismus“, die reine Nützlichkeitsbezogenheit, auf der unsere derzeitige, trotz vermeintlich guten Willens alles destruierende Denkweise beruht. Gemäß dieser Mentalität des instrumentellen Utilitarismus ist die Natur nur deshalb wertvoll, weil sie für uns von Nutzen ist. Solange wir nicht den Blick für den eigenständigen Wert jedes Wesens, jedes Flusses, jedes Baumes, jedes Tieres und jedes Menschen wiedergewinnen, unterlägen wir dieser (toten) Mentalität. Die Welt sei dann „letztlich nichts weiter als ein Haufen von nützlichem Kram“. Eisenstein zieht das richtige Fazit: Alle Maßnahmen zum Schutz des Klimas wären demnach unwirksam oder würden sogar in verheerender Weise nach hinten losgehen (so auch das bereits in den Startlöchern scharrende „Geoengineering“), solange wir aus diesem Narrativ heraus denken und handeln.

Dennoch erschallt nun allerortens und auf allen Flatscreens die blecherne und eigentlich bereits ausgelutschte Parole „Unite behind the science“. Selbst die vermeintlich kritischsten Köpfe huldigen dieser Losung und versuchen sich als Franchisenehmer des Szientismus – unserer neoliberalen Ersatzreligion, deren tote Denkweise in Fortsetzung ihres inquisitorischen Ahnvaters Francis Bacon uns zwar mittlerweile an den Rande des Ökozids und auch sonst in jeder Hinsicht an den Abgrund geführt hat, aber sei’s drum. Wenn wir jetzt in unserem szientistischen SUV Gas geben und nochmals voll beschleunigen, dann schaffen wir womöglich wie Knight Rider David Hasselhoff in seinem schwarzen KI-Pontiac einen Turboboost-Sprung über den Abgrund, um dann im digital transformierten Paradies zu landen, in dem der allwissende, allmächtige, zwar nicht allgütige, aber umso geilere Gott KI alles regelt.

Die Lobbyisten des globalen Konzernverbunds des World Economic Forum nutzen diesen allseitig ertönenden Schrei nach der „Wissenschaft“ und ihren „Experten“  bereits weidlich aus und fordern eine Global Governance: Nicht mehr dumme Politiker, die von noch dümmeren Wählern gewählt werden, sollen künftig Entscheidungen treffen, sondern konzernwirtschaftlich („wissenschaftlich“) akkreditierte „Experten“ sollen jetzt alles regeln (siehe aktuellen Bericht von Norbert Häring: „Der Griff der Konzerne nach der Weltherrschaft“). Dass uns Noam Chomsky besagte Kaste der wissenschaftlichen Experten bereits im umfassender Weise als „Wachhunde und säkulare Hohepriester der Machtelite“ demaskiert hat – alles vergessen, der Sog der digitalen Transformation ist wohl zu groß, als dass ihm ein analoges, fernsehendes Wesen widerstehen könnte.

Tja, jetzt ist er da …

Wie gerne hätten wir ihn aufgehalten, den reinen Wahnsinn, und es wäre dazu auch nicht einmal gar so viel notwendig gewesen, wie man gemeinhin glaubt. Doch Illusionen sind nun einmal süßer als Wahrheit – ein Umstand, den auch schon die Kanzlerin weidlich auszunutzen wusste. Eine Kanzlerin, die nach Beobachtung von Roger Willemsen, der dazu ein ganzes Jahr im Bundestag verbracht hat, mit jedem ausgesprochenem Wort nichts anderes tut als „Betäubungszonen ausbreiten“ und „das Land chloroformieren“ (Quelle: Tagesspiegel). Das Versprechen der Kanzlerin, dass man transatlantischen Kuhdung 100 Meter hoch stapeln kann, war nur leider ebenso gelogen wie der zum Himmel stinkende Lügenturm des Guten und Gernen Lebens selbst. Dieser Lügenturm ist nun dabei, umzufallen und das ganze Land unter sich zu begraben … eigentlich hat es jeder gewusst, dass es so kommen muss, doch wer wollte schon Spaßverderber sein und sich als Feind des Guten und Gernen Lebens diskreditieren? Dass wir dann, wenn es darauf ankommt, wirklich so dumm sein werden, hätte man sich trotzdem nicht erwartet. Aber so what, c’est la vie. Die Augen, die wir nicht zum Sehen benutzen wollten, werden wir nun eben zum Weinen gebrauchen. Aber dass nun sogar alternative Qualitätsjournalisten an einem Strang mit Merkel, Maas, Kahane, Steinmeier und von der Leyen ziehen, zum Kampf gegen Rechts rufen und auch für ihre ignoranten Leser nur noch Verachtung übrig haben, ist dermaßen grotesk, dass weder die Lachkiste noch das Weinen so richtig anspringen wollen.

Wenn nun also sogar die letzten Dämme brechen und selbst unsere vermeintlich klügsten Köpfe nicht mehr vor dem gefeit sind, was Dostojewski in seinem dunklen Traum von der szientistischen Pest hat kommen sehen, nun ja, was soll man dann noch groß ausrichten? Es gäbe zwar unendlich Vieles, über das man noch sprechen und aufklären könnte, doch wer will es hören? Demjenigen Kommilitonen, der mich überhaupt erst zum Schreiben im virtuellen Widerstand motiviert hat (einem der letzten neuzeitlichen Philosophen in der Eifel) habe ich es bereits auf Facebook mitgeteilt und paste die Pasta hier nur nochmal:

Auch eine zunehmende Anzahl von alternativen Journalisten realisiert, dass dieser Kampf wohl nicht mehr zu gewinnen ist und biedert sich dem Zeitgeist und seiner herrschenden („wissenschaftlichen“) Lehre des „guten und gernen“, digital transformierten, offenen Anus an, in dessen Untiefen „jeder seinen Spaß“ haben und jedermensch des Anderen Wolf sein darf – ob dieses Anbiedern nun bewusst oder unbewusst geschieht, ist dabei in Wirklichkeit vollkommen egal.

Warum sollte man den Drachen, der bereits damit begonnen hat, unser Dorf abzubrennen und Jungfrauen und Kinder zu fressen, auch aufhalten wollen? Jener gute und gerne, smarte Drache, unter dessen Flügeln sich jetzt sogar alternative Qualitätsjournalisten kuscheln wollen, in der Hoffnung, dass sie selbst nicht dabei sein werden, wenn die SS des Drachen demnächst beginnt, diejenigen abzuholen, die sich ihr selbständiges Denken nicht verbieten lassen.

Um es also kurz zu machen: Ich werde in Zukunft andere Prioritäten setzen und meine Zeit anders einteilen. Denn während unsere ehrenwerten Qualitätsjournalisten ein stolzes Gehalt dafür bekommen, dass sie täglich mit ganzem Einsatz an der Destruktion des Menschen und des Friedens arbeiten, so muss ich mir die zum Teil sehr umfangreiche Zeit für Recherchen und Artikelschreiben von meiner ohnehin mageren Freizeit abzwacken, worunter dann natürlich viele andere Aspekte des Lebens leiden, z.B. das Umsetzen von Kreativprojekten. Eine bereits fingerdicke Mappe an hingekritzelten Konzepten wartet auf die Umsetzung. Die Ideen, die ich dort festgehalten habe, um unserer trostlosen, im Tankstellenklo-Stil gehaltenen Lebensumwelt ein paar künstlerische Impulse zu verleihen, schreien mich täglich an, nehmen mich an der Gurgel, rütteln mich und flehen, dass ich sie endlich von der Theorie in die Praxis überführe. Mein Herz schafft es nicht mehr, diesen Gedankenkindern länger einen Korb zu geben. Wenn ich sie jetzt noch länger auf die lange Bank schiebe, dann laufen sie mir womöglich davon und suchen sich anderswo ein Obdach.

Es wird also in Zukunft von meiner Seite wohl etwas stiller werden. Keine Sorge, das soll natürlich keine Kapitulationserklärung sein. Es gibt viel zu tun und der Tag ist eigentlich viel zu kurz, um auch nur das Notwendigste anzupacken. Und bekanntlich können auch alte Kater das Mausen nicht lassen. Und so viel Zeit wird schon sein, um dem Sumpfmonster ab und zu den Flammenwerfer entgegenzuhalten, um es wieder ein bisschen in die Schranken zu weisen, damit es nicht alle Menschen verschlingt bzw. in die Singularität absaugt.

Überhaupt wird es noch geraume Zeit dauern, bis der Rückzug des Parkwaechters wirklich sichtbar wird. Denn er hat eine Unzahl an fast fertiggeschriebenen, aber umständehalber nicht ganz zu Ende gebrachten Artikeln in der Tube bzw. im Gerätschuppen herumstehen. Die meisten davon sind aktuell wie eh und je und müssen nur ein bisschen auf Vordermann gebracht werden. Sie werden demnächst unter dem Titel #AUTOLEICHE veröffentlicht. In diesen Autoleichen schlummern so manche Getriebeteile, Motoren und Kühler, die man noch gut gebrauchen kann. Das Abschleppen und Einstampfen der Autoleichen habe ich bisher verhindert, sehr zum Schimpf meiner Partnerin. Denn wie ich unverbesserlicher Messie und Hornbachochse ihr immer erklärt habe: Man weiß ja nie, was man noch brauchen kann.

Endzeitpoesie 4.0: Erntezeit – Der Schnitter kommt …

15_herbstgarten

Der Herbst ist da. Zeit, einmal kurz innezuhalten in einem Überschallkarussell, in dem Pogo der Clown gerade den Maschinisten macht.

Der nackte Wahnsinn, ja, wir hätten ihn so gerne aufgehalten. Aber wie es scheint, rollt er nun mit genauso unbeirrbarer Beharrlichkeit über uns hinweg wie eben auch der Winter kommt, nachdem es eine Phase des Frühlingssprießens und des Sommerblühens gegeben hat. Soll man versuchen, die welk gewordenen Blätter und Blüten festzuhalten, an denen man sich einstmals so erfreut hat? Oder macht es nicht viel mehr Sinn, jetzt die Früchte und Samen einzusammeln, die man inmitten allen dahinwelkenden Laubwerks ebenfalls finden kann? – Die einem manchmal sogar in wunderbar leuchtenden und schimmernden Farben entgegenkommen?

Stattdessen nochmals versuchen, mit Industrie 4.0-Superkleber die allerortens herabfallenden Blätter wieder auf die Bäume zu kleben und „Arbeitsplätze auf der Titanic sichern“ (P. Sloterdijk)?

Jeder mag das halten wie er will und die Zeit, die uns bis zum Ladenschluss der marktkonformen Demokratie, die gerade von der unsichtbaren Hand des Marktes „abgewickelt wird“ (W. Wimmer), noch verbleibt, nach persönlichem Gutdünken nutzen.

Wer sich hingegen auf die Samen konzentriert, die jetzt ebenfalls zu finden sind, der weiß, dass das ganze Werk des Jahres- bzw. Jahrhundertlaufs nicht ganz vergeblich war. Nachdem der Frost alles oberflächliche Leben ertötet und der neoliberale Wintersturm alle Blätter der Vegetation hinwegfegt, hat man dann kostbare Keime zur Verfügung, die man wieder zum Wachsen und zum Blühen bringen kann. Fehlen diese Keime, dann sieht’s natürlich einigermaßen trist aus, insbesondere für unsere Nachkommen. Noch ist ja ein bisschen Zeit, um Samen zu kultivieren. Nicht allzuviel womöglich, aber doch ein bisschen.

Aber ist es in Wirklichkeit nicht ohnehin so, dass ausnahmslos jeder von uns Samen ausbildet, und zwar fortwährend und in üppigem Maß? Mit ganz wenigen Ausnahmen bildet praktisch jede Pflanze und jedes Lebewesen Samen aus, die es an den weiteren Verlauf der Evolution weitergeben wird und auf der also die Zukunft aufbaut. Doch welche Samen habe ich ausgebildet / bilde ich gerade aus? Samen, aus denen später einmal Rosen erblühen werden? … Oder eher Disteln? … Brennesseln? Womöglich werden derzeit sogar viele Grausamen ausgebildet (siehe auch: „Wenn Heidi Klums Grau-Samen aufgehen“). Dann brauchen wir uns allerdings auch nicht zu wundern, wenn wir einigermaßen grausamen Zeiten entgegengehen.

Vorneweg: Alle, die uns gerade erklären wollen, wie die Zukunft aussehen wird, wissen es in Wirklichkeit nicht. Denn es ist schlichtweg nicht vorherbestimmt, sondern liegt ganz in der Freiheit des menschlichen Willens. Nichts ist alternativlos. Alternativlos sind nur die Konsequenzen unserer Wahl, aber in der Wahl selbst sind wir vollkommen frei.

Ob die Zukunft wirklich dystopisch wird, eine Art Terminator-Szenario mit Gemetzel unter verdunkeltem Himmel, in dem frei nach Thomas Hobbes „homo homini lupus“ jeder Mensch des anderen – digital transformierter – Wolf ist oder ob wir eine Zukunft gestalten, in der die klare Sonne scheint und jeder von uns einen duftenden Garten mit wunderbaren Blumen vor seinem Häuschen kultiviert, die menschliche Zivilisation zu einem harmonischen Zusammenklang in gegenseitiger Unterstützung (laut Goethe ist ja die dem Menschen innewohnende „vernünftige Welt als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn macht“) und in vereintem Kampf gegen den Wahnsinn findet (der natürlich auch in der Zukunft nicht schlafen wird, sondern der immer auf seine Chance lauert, unsere Städte in Flammen zu legen und die Jungfrauen und Kinder aufzufressen – aber gerade dieser Kampf bzw. die Überwindung des neoliberalen Molochs kann uns stark machen) … das hängt einzig davon ab, welche Samen wir jetzt säen.

Wir können uns schon demnächst in einem Dickicht aus Disteln, Dornengestrüpp, Brennesseln, Stinkmorcheln, Venus-Fliegenfallen und sonstigen fleischfressenden und genmanipulierten Pflanzen wiederfinden, über dem die Drohnen kreisen. Oder eben auch in einem duftenden Garten, in dem Lavendel, Rosen, Lilien und Salbei blühen und in dem sich unsere Kinder am Zauber von Schmetterlingen und Bienen erfreuen. Niemand anderer als wir selbst dürfen das entscheiden … und es auch ausbaden.

Bei aller Tragik ist das eben auch das wunderbar Grandiose am freien Willen des Menschen.


 

Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Oktoberfest 4.0 – Überleben im Zeitalter der Ultradekadenz


Foto: pw/nachrichtenspiegel.de

Wie wir lernten, die Lüge zu lieben

„In times of information, ignorance is a choice“. Seit ich an der Pinnwand des virtuellen Widerstands  diesem Satz begegnet bin, sehe ich einiges gelassener als zuvor. Ohne dass dies etwas mit Resignation zu tun hätte, erspare ich mir nun doch einige vergebliche Liebesmühe, wie sie so manche zweifellos gut meinende Zeitgenossin aufwendet, um diejenigen wachzurütteln, die “Lieber dazugehören, als aufgeklärt sein” wollen, so auch der Titel eines Essays von Anette Sorg auf Nachdenkseiten, in welchem dafür plädiert wird, „in die Mokassins“ derjenigen zu schlüpfen, die „lieber nicht aufgeklärt werden möchten, weil sie sich dann neu sortieren müssten“.

Stoßen wir diejenigen, die dem herrschenden Wind folgen und geduckt im Herdentrieb verharren wollen, also nicht unnötig mit „alternativen Fakten“ vor den Kopf. Es ist ja weitgehend überflüssig geworden, dass man noch erschütternde Fakten und Links aus dem Fressnapf des globalen Newsfeeds zusammenträgt, um diejenigen Mitbürger aufzurütteln, die scheinbar zu oft den Reden einer Kanzlerin gelauscht haben, die mit jedem ihrer Worte nur „Betäubungszonen ausbreitet“ (©Roger Willemsen) und sich nun in einer Art Wachkomazustand befinden.

Um zu realisieren, wo es überall brennt bzw. wo wir systematisch verraten, verkauft und vergiftet werden, braucht man nicht einmal mehr auf Whistleblower oder alternative Medien zurückzugreifen.  Man weiß ja schon gar nicht mehr, wo man auf der brennenden Titanic, auf der manche Bundestagsabgeordnete immer noch Gut und Gerne leben, noch die Feuerstellen löschen soll. Durch den täglich über uns hereinprasselnden Napalm-Regen an Infotainment und brachialer Unterhaltung sind viele jedoch derart abgebrüht geworden, dass es sie nicht mehr vom Hocker reißt, wenn sogar Siemens-Chef Joe Kaeser ganz offen über die demnächst „über uns hereinbrechende Hölle“ spricht, in der neun von zehn Menschen untergehen werden.

Wenn selbst die Warnungen solcher Hohepriester unserer technikgläubigen Zeit nicht gehört werden, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, dass die Warnungen anderer besorgter Köpfe weitgehend ungehört verklingen, wie z.B. dass das Bulletin of  the Atomic Scientists die „Doomsday Clock“ mittlerweile auf zwei Minuten vor Mitternacht vorstellen musste oder der offene Brief führender CIA/NSA-Überwachungsarchitekten, dass „wir gerade schlüsselfertige Tyranneien errichten“ (mit der Infrastruktur 5G als Thron und Gott KI als Regent).

Obwohl ihm und seinen Kindern gerade das Fell über die Ohren gezogen wird, wird der tagesschauguckende Spiegelbildbürger heute von einer fast unentrinnbaren Medien- und Meinungs-Maschinerie in der Illusion gewogen, dass er sich eben auf einem ganzjährigen Oktoberfest befindet. Die rasanten Loopings und Talfahren, bei denen es ihn fast (und manche tatsächlich) aus der Kurve schmeißt und er zuvor aufgesogenes Bier und Weißwürste wieder erbrechen muss, er danach einen gewaltigen Drehschwindel hat und nicht mehr weiß wo oben und unten, vorne und hinten, geschweige denn wo links und rechts ist … nu, mein lieber Gutbürger: das ist eben nur die Hochschau- und Geisterbahn am Dauer-Rummelplatz, auf dem Du voll Spaß haben darfst und Gut und Gerne lebst!

Viele haben die Lüge inzwischen lieb gewonnen. Sie gehört zum Lifestyle dazu wie der SUV vorm Garten, in dem der Mähroboter jedes aufkeimende Pflänzchen des Gewissens umgehend verhäckselt und in den Fangkorb wirft. Und die vom Rummelplatz schwindeligen Gutbürger, die keine Katze besitzen, kuscheln auf ihrer Couch abends eben mit dieser Lüge, kraueln sie, füttern sie, lassen sich necken und beißen … obwohl der im Katzenklo befindliche Katzenstreu vom Durchfall dieser transatlantisch-neoliberal-marktkonform- nihilistisch-digitalen Tamagochi-Katze bereits voll gesättigt ist und zum Himmel stinkt.


Nachsatz:

Angesichts des überbordenden Wahnsinns und der „Ultradekadenz“, die heute auf allen Ebenen unübersehbar sind, könnte man natürlich leicht in Resignation verfallen und meinen, dass ohnehin schon Hopfen und Malz verloren seien. Das ist jedoch ebenfalls eine Lüge und gehört mithin zur Schockstrategie (Naomi Klein), mit welcher der Mensch dem Diktat des totalen Marktes unterworfen werden soll. In Wahrheit haben wir es heute mit einer ausgesprochen paradoxen Zeit zu tun: Während es in der bisherigen Kulturgeschichte Phasen der Hochblüte und Phasen der Dekadenz gab, welche der damals noch nicht individualisierte Mensch mit dem Kollektiv zwangsläufig mitmachen musste, so leben wir heute in eine Zeit, in der jeder von uns so weit individualisiert ist (oder zumindest das Potential dazu hat), dass er aus eigenem Willen frei wählen kann: Ob er den totalen Niedergang mitmacht. Oder ob er sich ungeachtet des ihn umgebenden Infernos aufschwingt.

Heute leben wir in einer Zeit, in der zwei verschiedene Entwicklungen gleichzeitig zur Kulmination kommen und man muss aufpassen, dass man die zweitere dieser Entwicklungen bzw. Möglichkeiten nicht verpasst, da die erstere dieser Entwicklungen so viel Rauch, Lärm und Gestank macht, dass man die zweite glatt übersehen könnte. Beide Entwicklungen existieren heute parallel zueinander: Auf der einen Seite erreicht die Gesellschaft einen Zustand von fast unfassbarer Dekadenz und Verdummung (es würde jetzt zu weit führen, auszuführen, warum gerade diejenigen, deren Intellekt im Hitech-Brutkasten unseres Bildungssystems besonders zugespitzt wurde, besonders anfällig sind, in den Sog dieser Dekadenz zu geraten und möchte dazu vorerst nur auf Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest verweisen).

Auf der anderen Seite – von unseren Medien weitgehend unbeachtet und daher nicht am Schirm der allgemeinen Wahrnehmung – gibt es aber auch eine gar nicht so geringe Zahl an Personen, die erstaunlichste menschliche Qualitäten entwickelt haben, die sich in einem jeweils gewählten Gebiet unglaubliches Verständnis erarbeitet haben und tiefgründige Individuen geworden sind. Sie können diese Qualitäten bei allem, was sie diesbezüglich tun, gestalten oder sagen, auch authentisch ausdrücken. Mit dem Potential, das sie entwickelt haben – wir könnten selbst die angeblich alternativlosesten ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme in erstaunlich kurzer Zeit zum Besseren wenden und wieder Freude auf Zukunft haben. Die etablierten Machtstrukturen samt ihrer alternativlosen „Wissenschafts“-Büttel – müssten dann allerdings abdanken. Und das wollen die natürlich nicht, zu sehr mundet ihnen das große Fressen beim „Gastmahl der Geistlosen“ (Milosz Matuschek), das gerade stattfindet und bei dem sich diejenigen, deren Gaumen vor lauter Überdruss kaum noch etwas mundet, dann eben menschliche Köpfe auf ihre Teller servieren lassen (siehe Moca Gala).

Lassen wir die neoliberalen Kannibalen aber wieder beiseite, wir wollten ja über die Hidden Champions sprechen, um mir auch mal so ein bescheuertes Bullshit-Bingo-Wort aus der Marketingkiste zu klauen, aber es gibt für die Individualisten, die ich meine, eben noch keine passende Bezeichnung. Ihr Handicap ist das bereits erwähnte: Die Medien unseres neoliberalen, dem reinen Nihilismus verpflichteten Systems (nur der Nihilismus gewährt die vollendete Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen und es werden daher heute nicht nur über unser Bildungs- und „Wissenschafts“- System gewaltige Anstrengungen unternommen, um dem Menschen jedwede Fähigkeit, sich seinen Geist zunutze zu machen und Umstände zu gestalten anstatt nur zu konsumieren und zu erdulden, endgültig auszutilgen und vergessen zu machen), haben Null Interesse, über das, was solche Menschen zu sagen haben, zu berichten. Die Systemmedien sehen es sogar als ihre Aufgabe an, solche Menschen, falls sie doch irgendwo Relevanz zu gewinnen drohen, umgehend ins Visier zu nehmen, zu diffamieren und sogar zu kriminalisieren (siehe Ulrich Mies: „Die Spindocs der Gegenaufklärung“).

Man darf sich davon aber nicht bekümmern lassen. In Wirklichkeit sind die „Qualitätsjournalisten“ von Südtäuscher Zeitung & Co., die sich für diese Drecksarbeit hergeben, nur wie Bläser mit einem großen blechernen Tubahorn, das bis zum oberen Rand mit Gülle angefüllt ist, sodass jedes Hineinblasen in dieses Instrument nur noch ein bisschen dumpfes Geblubbere und üble Gärgase hervorbringt.

(Foto: pixabay/CC0)

Doch lassen wir diese traurige Zunft der südtäuschen Schreiberlinge wieder beiseite, man könnte sich dazu endlos empören und haben dieses Thema ja schon oft genug gestreift. Wir wollten von denjenigen Menschen sprechen, die ihr wirkliches Potential entwickelt haben bzw. von derjenigen Möglichkeit, welche uns heute nebst allen Niedergangserscheinungen ebenfalls offensteht: Dass es möglich ist, nicht auf Besserung von außen/einer Partei etc. zu warten, sondern  selbst Kultur zu schaffen, selbstbestimmt seine Interessen zu wählen und an zumindest einem individuell gewählten Thema bzw. Ziel dranzubleiben und sich trotz aller Mühsal und Rückschlägen immer tiefer in dieses Thema zu vertiefen. Das individuell gewählte Thema kann so vielfältig sein wie auch die Menschen vielfältig sind und ein jeder von uns ganz spezielle Anlagen hat. Es kann eine Kunst sein, Bildhauerei, Malerei, ein Instrument, Bewegungskunst, Literatur, Philosophie, Soziales, Menschenrechte, Natur, Tierschutz,  Kommunikation … sogar die Gebiete von Wirtschaft, Technik, Rechtswissenschaft oder Politik kann man so durchdringen, dass man sie auf humane Weise fruchtbar macht. Man braucht nur den Flachbildschirm ausmachen und man wird sehen, welche großartigen Möglichkeiten man heute hat, um etwas wirklich Sinnvolles und individuell Einzigartiges zu entwickeln, anstatt sich seine wertvollste Ressource: seine Lebenszeit absaugen zu lassen.

Der Abgrund der Ultradekadenz und der Berggipfel der individuellen Entwicklung: Beide Richtungen stehen uns heute offen. Es darf uns dabei nicht bekümmern, dass es heute nicht wie in bisherigen Hochkulturen ist, wo 95% der hiesigen Menschen an der jeweiligen kulturellen Höherentwicklung teilgenommen haben und nur 5% Barbaren waren bzw. versumpft sind. Möglicherweise ist das Verhältnis heute sogar umgekehrt: Vielleicht werden wir nur 5% zivilisierte Menschen und 95% Barbaren haben. Das wäre zwar tieftragisch, zumal es nicht einmal ein einziger Mensch sein müsste, der absauft, aber das ist eben neben seiner Tragik auch das Grandiose am freien Willen des Menschen: Jeder kann selbst wählen, was er werden möchte und wogegen er sich verweigert. „In times of information, ignorance is a choice“ – auch wer diese Wahl trifft, man muss sie respektieren.   

Der Abgrund der Ultradekadenz und der Berggipfel der individuellen Entwicklung. Im Fernsehen und den sonstigen Medien werden uns 24h-nonstop fast ausschließlich jene Akteure gezeigt, die ersteren Weg beschreiten bzw. der Ultradekadenz huldigen. Über diejenigen, die weitab des Rampenlichts und oft bei kargem Brot ihre Lebenszeit dazu nützen, um erstaunliche wirkliche Qualitäten zu entwickeln, erfährt man in den Medien kaum etwas. Obwohl es gar nicht wenige solche Menschen gibt. Viele haben, wenn schon nicht den Berggipfel, so doch beachtliche Höhen erreicht, auf denen sie trotz aller Mühsal des Aufstiegs den Vorzug sonnendurchfluteter, sauberer Luft und klaren Gebirgswassers genießen können, während sich die Follower der Ultradekadenz unterhalb eines Smogdeckels tummeln und in einem grützegrünen Kaulquappenteich versuchen, einen nächsten „Kick“ zu erheischen, um sich zu beweisen, dass sie vielleicht doch nicht ganz so tot sind wie sie sich fühlen, wenn einmal irgendwo in einer ruhigen Minute die Subwoofer verklingen.

Von denjenigen, die auf die Poolparty verzichten und sich stattdessen zu einer mühsamen Bergtour aufmachen, wird man zunächst nicht viel hören oder sehen. Denn wie schon Dostojewskij an oben erwähnter Stelle sagte: „Retten konnten sich in der ganzen Welt nur einige Menschen … aber niemand hatte diese Menschen irgendwo gesehen, niemand hatte ihr Wort und ihre Stimme gehört.“

 

Grenzenloses Lachen … (Farin Urlaub zurück im Hamsterrad)

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So, back to reality. Gerade wieder zurück aus einem kleinen Fleckchen Urlaubsparadies in der Adria, wo man meinen könnte, dass jedermannfrau/diverser ja eh gut und gerne leben. Nicht nur aus den dicken Yachten, auch aus kleinen verrosteten Campingbussen und aus den zahllosen Bars, Cafes und Pissbuden, die sich mittlerweile bis in die letzten Winkel von Nationalparks und Vogelschutzgebieten vorgefressen haben: von überall her schallt Lachen, Lachen, Lachen … müssen sich die Menschen den Bauch halten vor lauter Vergnügen.

Lachen, das ebenso wie Ebbe und Flut im täglichen Rhythmus anschwillt und wieder verebbt: Nach einer Kulmination des Lachens in rausch-, rauch- und feuerwerkserfüllter Nacht … schließlich nach Überwindung des morgendlichen Katzenjammers durch mehrere Cafè Lattes und Red Bulls holprig beginnt, gegen Mittag hin wieder an Fahrt aufnimmt, gepusht von Hard Style Technobeats oder nicht enden wollenden Rick Astley Covers dann am Nachmittag sukzessive beschleunigt, man am Strand mit Budget-Bier vom Supermarkt vordieselt, Abends schließlich mit hochprozentigem Treibstoff den Afterburner zündet, um mit Mach 3 die Schallmauer des Hamsterraddaseins zu durchbrechen und befreit von jeglicher Schwerkraft bei Mondenlicht bzw. unterm LED-Stroboskop schließlich vollkommen abzuhängen und in die Gefilde von Major Tom vorzustoßen, wo Lucy in the sky with diamonds and dildos jongliert.

Was nimmt man in der Maloche für den Rest des Jahres nicht alles in Kauf, wenn man dann zumindest zwei Wochen lang an der Strandmeile einen auf Farin Urlaub machen kann? Wo man zeigen darf, was für eine dicke Badehose man anhat, bevor dann nach mehrstündigem Stau auf der Heimreise  Montag morgens wieder gnadenlos der Wecker läutet und das marktkonforme Murmeltier grüßt.

Was gibt es also groß zu klagen? Das Maul des Krokodils, in dem wir sitzen, ist ja noch offen und spendet in der brütenden Hitze angenehmen Schatten … und das Kroko gibt sogar noch ein paar Lokalrunden aus und lädt umherstreunende Passanten ein, sich zur großen Party hinzuzugesellen …


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Wie rette ich mich vor der totalen Versulzung? (Ein Survival-Kit für die Apokalypse – Teil 2)


(Bild: pixabay
/Apokalypse)

Mit Politik, „dieser Scheiße mit Schulz und Merkel“, wolle sie nichts zu tun haben, erklärte mir vor einiger Zeit eine junge Studentin. Sie habe andere Interessen. Ich kann das gut verstehen, niemand löffelt gerne Grütze aus einem umgekippten Ententeich. Und niemand stiert gerne in ein bodenloses Nichts, das einen ebenfalls in die Tiefe ziehen will, je länger man es anblickt. Falls Sie das ähnlich sehen wie die junge Dame, habe ich dafür ebenfalls vollstes Verständnis. Dann lassen Sie die ersten Absätze über solche Dummheiten wie die des Weltwirtschaftsforums eben ruhig aus und springen Sie gleich nach unten. Denn es geht mir eigentlich um etwas ganz anderes: Um eine auch für Sie buchstäblich entscheidende Wahl, die zwar nirgends offiziell ausgeschrieben ist, aber über nichts weniger entscheidet als über Ihren Kopf und Ihren Kragen.

Nein, ich meine nicht solche Albernheiten wie EU-Wahlen oder dergleichen. Gegen diese Superbowl-Wahl, die jetzt ansteht, verblassen alle anderen Wahlen, von denen spätestens seit der letzten EU Wahl ohnehin schon jeder bemerkt haben sollte, dass sie in Wirklichkeit vollkommen witzlos bzw. eine bloße Farce sind. Wahlen, bei welchen dann plötzlich irgendein rosa Duracell-Plüschhase aus dem Zylinder gezogen und zur Chefin gemacht wird, der nirgends zur Wahl gestanden ist – und der wohl Grund genug gewesen wäre, dass viele gar nicht zur Wahl gegangen wären, wenn er denn zur Wahl gestanden hätte. Halten wir uns also nicht länger mit diesem Theater der „simulativen Demokratie“, wie es Jean Ziegler bezeichnet, auf. Fassen wir lieber diejenige Wahl ins Auge, die jetzt wirklich unser individuelles Schicksal bestimmen wird. Dazu unten gleich mehr.

Der öffentliche Raum: Versulzt

Zuvor aber noch ein paar Worte zur Tagespolitik. Ganz ersparen kann ich Ihnen diese „Scheiße mit Schulz und Merkel“ leider doch nicht (um nicht inflationär mit Fäkalwörtern um mich zu werfen: im Folgenden also „Sulz“). Ich verspreche, die Sache möglichst kompakt zu halten, aber zumindest eine kleine Dosis dieses Sulzes muss ich Ihnen zumuten. Man will es ja vermeiden, in dieses Sulz hineinzutappen. Und wenn wir immerzu weggucken, dann wird dieses Sulz ja auch nicht weniger. Unsere Straßen und Parks sind bereits voll davon, ohne dass sich jemand bemüßigt fühlt, die Sulzhäuflein aufzusammeln und in einem Säckchen zu einer Deponie zu befördern. Es liegt daher derzeit auch ein eigentümliches Aroma in der Luft. Manche, die im Land, in dem sich 30.000 Tafeln vor abgelaufenem Essen biegen und 500.000 Kinder hungern (Quelle: DerWesten, Stand: 2011), den Vorzug genießen, sich mit vollklimatisiertem SUV durch die marktkonformen Landstriche zu bewegen, mögen von diesem Aroma nichts bemerken, aber einer rasant wachsenden Anzahl an Bürgern raubt es zunehmend den Atem. Wenn wir uns um die herumliegenden Sulzwürste also nicht kümmern, obwohl sie sich sogar schon vor der eigenen Haustür auftürmen, dann könnte es sein, dass wir morgens irgendwann nicht mehr aus der Tür herauskönnen.

Genau über dieses Szenario berichtet aktuell Norbert Häring. In einem jüngsten Artikel beleuchtet der Wirtschaftsjournalist einen besonders dreisten Zugriff des Weltwirtschaftsforums. Wonach es greift, dieses Forum? Nun, nach der “Global Governance”, nach Ansicht Härings also nach nicht weniger als der Weltherrschaft. Moment mal, was ist das überhaupt, das Weltwirtschaftsforum? Nun, das ist der Lobbyverband der 1000 größten multinationalen Konzerne mit Sitz in Genf, laut eigener Darstellung „DIE internationale Organisation für öffentlich-private Kooperation“. Weiter aus dem Mission Statement des Forums: „The Forum engages the foremost political, business and other leaders of society to shape global, regional and industry agendas.“ (Quelle: World Economic Forum)

Nach Vorstellung dieses Forums sollen in Zukunft konzernwirtschaftliche Experten die Entscheidungen treffen. Die UN und die Regierungen sollen diese Entscheidungen dann den Bürgern verkaufen und sie nachträglich legitimieren. Im Prinzip eigentlich kein anderer modus operandi als er auch jetzt schon gängige Praxis ist, nun jedoch auch ganz offen kommuniziert. Mit der Absicht, diesen modus operandi auch legislativ festzuschreiben, am besten auf Ebene supranationalen Rechts bzw. Völkerrechts, das bekanntlich oberhalb nationaler Gesetze und sogar Verfassungen steht (was übrigens immer noch vielen nicht bewusst ist, die zuletzt mit selbstbewusster Brust zur EU-Wahlurne geschritten sind: auch EU-Recht bricht nationales Verfassungsrecht, also diejenige bislang höchste und sakrosankte Rechtsebene, welche die von unseren Vorfahren mühsamst unter Schweiß, Blut und Tränen errungenen Grundrechte bzw. rechtsstaatlichen und demokratischen Grundsätze schützen soll).

Norbert Häring schlägt nicht leichtfertig Alarm. Es sind in der Tat höchst bedenkliche Ambitionen, die von konzernwirtschaftlicher Seite in einem jüngsten Memorandum nun ganz unverhohlen ausgesprochen werden. Eine Kostprobe davon im o-Ton:

“Koalitionen der Willigen und Fähigen sollten die Führungsrolle bei der Bewältigung ungelöster globaler Probleme übernehmen.
(…)
Probleme können schneller angegangen werden, ohne zögerliche Regierungen und abweichende Meinungen in der Zivilgesellschaft.
(…)
Diese Führer der Zivilgesellschaft können wichtige Kanäle sein, um zu helfen, wichtige ideologische Botschaften von den internationalen Eliten an unterschiedlichste Gemeinschaften auf der ganzen Welt zu senden.
(…)
Im Fall der Multinationalen Konzerne hat ihre effektive Reichweite als de-facto Institutionen der globalen Governance schon lange die Tätigkeit des UN-Systems überflügelt. … Multinationale Konzerne und zivilgesellschaftliche Organisationen müssen als vollwertige Akteure im globalen Governance System anerkannt werden, nicht nur als Lobbyisten.“

Die Zeit des Understatements ist also vorbei, es ist nun soweit und es war ja auch wirklich höchste Zeit: Jetzt müssen endlich die Experten ran! Denn kein Mensch, der den Fernseher aufdreht oder die Zeitung aufschlägt, wird es noch bestreiten können: Wir können die Schalthebel nicht mehr länger in den Händen von dummen Politikern lassen, die von noch dümmeren Wählern gewählt werden.

Händeringend gesucht: Experten!

Nachdem nun auch die Super-Youtuber mit ihren Millionenschaften an Followern sich bedingungslos auf die Seite der Experten gestellt haben (aus dem ebenfalls millionenfach angeklickten Folgevideo von Rezo & den 90 Super Youtubern: „Das sagen nicht wir, sondern die wissenschaftlichen Experten … Und wir, wir stellen uns auf die Seite der Experten“) und auch die gewichtigsten Vertreter der alternativen Medien das entschlossene Zu-Wort-Melden der neuen Influencer einfach nur toll finden, steht dem Siegeszug der Experten dann ja nichts mehr im Wege. Auch ich kann ja nicht anders, als es toll zu finden, wenn Influencer, die ihr erfrischendes Talent und ihre jugendliche Authentizität bislang nur im Rahmen von Sitcom-  und Gaming-Videos zum Besten gegeben haben, nun endlich zum politischen Bewusstsein erwachen, ihre Generation zum vernünftigen Wählen auffordern und endlich mithelfen, „diese Scheiße mit Schulz und Merkel“ beiseitezuschaufeln … wenn die Influencer nicht so nebenbei auch eine Lanze für  die konzernwirtschaftlichen – pardon: „wissenschaftlichen“ natürlich – Experten brechen würden.

Anm.: Ja, ist schon gut, ich weiß, die machen das ganz ohne schlechtem Hintergedanken und in bester Absicht. Lassen wir diese ermüdende Diskussion, die derzeit im Netz stattfindet, bitte einmal beiseite. Man braucht nur mal zurückdenken, welchen Wissensstand wir selbst in diesem Alter gehabt haben, Grün gewählt und ähnliche Dinge gemacht haben, die wir aus heutiger Perspektive als reinen Wahnsinn ansehen. Die Youngsters geben eben nur das wieder, was sie eben über Schule und Medien als Input erhalten haben. Die wenigsten haben wohl schon einen Chomsky, einen Bernays oder einen Mausfeld gelesen (hier z.B. ein kurzer Crashkurs in Form einer Rezension über Mausfelds jüngtes Buch: „Wie die Lämmer zum Schweigen gebracht werden“), oder gar einen Goethe, Marc Aurel oder Erich Fromm, die einem noch ganz andere Dimensionen des Lebensverständnisses öffnen können als unsere Kognitionsforschung. Aber das kann ja alles noch kommen, und ich bin optimistisch: Es wird kommen! Nicht für alle, aber für viele. Denn eines haben die jungen Menschen heute: einen ziemlich guten Bullshitsensor. Und der zeigt vielen immer deutlicher an, dass da irgendetwas gewaltig faul ist, auch an den als „Wissenschaft“ bezeichneten Informationen, die ihnen über Schule, Uni und Leitmedien gefüttert werden. Mir geht es also bestimmt nicht darum, Rezo & Co. anzukreiden. Wäre ich in ihrem Alter, ich wäre vermutlich ebenfalls auf diese „Wissenschafts“-Nummer reingefallen, wie sie einem heute ja von Kindesebeinen an auf allen Kanälen quasi als Ersatzreligion beigebracht wird, vor der man andächtig niederzuknien hat.

Mir geht es an dieser Stelle weniger um die Kinder, die noch viel Potential und Lernfähigkeit haben, sondern vielmehr um die bereits ausgebufften und mit allen konzernwirtschaftlichen  Wässerchen gewaschenen „Experten“, die sich gerade zu unserer gestrengen Gouvernante bzw. zur Global Governance aufschwingen wollen. Besagte Experten wissen nicht nur in Sachen Klima, was zu tun ist. Es gibt sie auf ausnahmslos allen Gebieten des Lebens und sie erstellen jeden Tag so viele Studien und Papers, dass man damit unseren ganzen Planeten rundum mumifizieren könnte. Man versteht es nicht, warum wir angesichts solch einer geballten und noch dazu rechnergestützten akademischen Intelligentia noch nicht schon längst im Paradies und ein freudestrahlender Planet geworden sind, sondern stattdessen praktisch auf allen Gebieten am Abgrund stehen und überall nur Kahlfraß und Vergiftung sehen.

Aber ich habe da einen Verdacht: Gäbe es nicht diese unverbesserlichen Querfrontler, Verschwörungstheoretiker und sonstigen Fortschrittsfeinde, dann hätten uns die wissenschaftlichen Experten schon längst ins Paradies befördert und die Nato hätte ein tausendjähriges Reich des Friedens, eine neue Pax Romana errichten können, in dem buchstäblich alles strahlt. Aber an der Ausmerzung dieser Fortschrittsverweigerer aus dem öffentlichen Diskurs wird ja bereits sehr effektiv gearbeitet. Die streng wissenschaftlichen Wirtschaftsexperten, Finanzexperten, Pharmaexperten, Chemieexperten, Nuklearexperten, Umweltexperten, Militärexperten, Gentechnikexperten, Biotechnologieexperten, Geoengineering-Experten, Pädagogikexperten, Sexualexperten, Ernährungsexperten, Robotikexperten, Drohnenexperten werden uns also im Verein mit den allerwichtigsten Experten: den Medien- und Marketingexperten schon demnächst ins Paradies führen.

Wer meint, dass sich das versprochene Paradies in Wirklichkeit als Dantes Eishölle bzw. Orwells Alptraum herausstellen wird, der ist ein Ketzer und gehört ebenfalls auf den – heute digitalen – Scheiterhaufen der Inquisition.

„Evidenzbasierte“ Fabrik für Untertanen und nützliche Idioten

Matthias Burchardt, akademischer Rat am Institut für Bildungsphilosophie der Universität Köln meint zwar, dass „die allseits wuchernde Rationalität des ökonomisch-technokratischen Steuerns ja zutiefst nihilistisch und deshalb unfähig ist, eine Sinnfigur hervorzubringen“ (siehe sein lesenswertes Esssay „Terror und Technokratie“) und sieht in der neoliberalen „Governance“ nichts anderes als ein globales Entwurzelungs- und Umverteilungsprojekt, das zu zerstörerischen Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes führen werde. Die Idee des „Fortschritts“ flankiere dabei nur die Abwicklung der Sozialsysteme, denn schließlich müsse man „den Gürtel enger schnallen“, damit alles „besser“ werden könne. Die neue, angeblich evidenzbasierte Technokratie wird uns allerdings mit den schönsten Worten verkauft. Jeder, der diese wohlschmeckenden Worte kritisiert, outet sich sogleich unweigerlich selbst als Verhinderer all jener Wohltaten, die da über die Menschheit ausgegossen werden sollen, also als Störenfried des Guten und Gernen Lebens.

Burchardt lässt sich davon jedoch nicht beirren. In seiner Betrachtung enttarnt er auf souveräne Weise, welche Mogelpackungen uns hierbei verkauft werden sollen wie wir bei dieser Agenda der Experten eigentlich um alles betrogen werden, was unser Menschsein in Freiheit und Würde ausmacht. Er stellt dar, wie die Unterwerfung des Einzelnen unter Sachzwänge uns noch als „Freiheit“ verkauft wird und „Menschenrechte“ als Kriegsgrund. Letztlich würden alle die vordergründig wohlklingenden Worte wie „Menschenrechte“, „Demokratie“, „Rationalität“, „Humanismus“ etc. (die schon FAZ-Redakteur Frank Schirrmacher als „mit Null multipliziert“ und daher „der Menschheit geraubt“ angesehen hat) zu nichts anderem dienen als zur Legitimierung des totalen Marktes und der Ausschlachtung der verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen:

„Dem Neoliberalismus und seiner Ideologie geht es um die Atomisierung sozialer Zusammenhänge und des Kampfes Jeder gegen Jeden. Alles soll „Markt“ werden, nichts mehr so bleiben, wie es einst war.“

Den von den konzernwirtschaftlichen Experten des Weltwirtschaftsforums soeben wieder aufs Tablett gebrachten Wunsch nach globaler „Governance“ denkt Burchardt konsequent zu Ende:

„Das universell wuchernde Konzept der „Governance“ muss daher unbedingt genauer analysiert und politisch bekämpft werden, da es uns zu Insassen einer apolitischen, technokratisch-ökonomistischen Untertanenfabrik macht.“

 

zum Weiterlesen:

“Terror und Technokratie” (Matthias Burchardt)

“Der Griff Großkonzerne nach der Weltherrschaft” (Norbert Häring)

“Endlich: Jetzt schlägt die Stunde der „Experten“! – Über Evidence Based Bullshit” (Nachrichtenspiegel)


Nachwort:

Wir täten eventuell gut daran, es Burchardt, dem Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V. (Anm.: eine Seite mit interessanten Analysen und Ansätzen zur Überwindung unserer Bildungskatastrophe, die sich ja nicht nur bei der letzten EU-Wahl auch in Form von Wahlergebnissen auswirkt) gleichzutun und etwas genauer hinzusehen. Denn aus dieser Untertanenfabrik wieder hinauszukommen, wenn einmal hineingeplumpst, könnte sich als ausgesprochen langwierig und hundertfach mühsamer erweisen, als wenn wir jetzt die Augen öffnen und um den offenen Gullideckel – aus dem eine zugegebenermaßen betörende Musik schallt – einen Bogen zu machen.

Aber es steht uns natürlich auch frei, die Einladung anzunehmen und direkt in den Gulli hineinzumarschieren. Das ist neben seiner Tragik ja auch die grandiose Größe des freien Willens, der dem Menschen gegeben ist: In der Wahl ist jedermann vollkommen frei. Nur im Tragen der Folgewirkungen dieser Wahl dann eben ganz und gar nicht mehr.

Die Ausrede: „Ich habe es nicht bessser gewusst, ich wurde durch eine raffinierte medial-politisch-ökonomische Maschinerie manipuliert“ wird man aus Sicht der Zukunft nicht gelten lassen. „Dann hättest Du Dich bemüht, diese Maschinerie zu durchschauen“, wird die Antwort lauten. Denn die Mittel dazu und auch der freie Wille, sein Leben auch entgegen der herrschenden Windrichtung entsprechend zu gestalten, sind jedem Menschen in die Hand gegeben. Wir werden dann einsehen, dass der Gegenwind nicht dazu da war, damit wir uns ihm willfährig hingeben, sondern dass wir ihn geradezu nutzen sollten, um besondere Stärke und Fähigkeiten auszubilden. Ein bretonisches Sprichwort sagt: „Eine ruhige See hat noch keinen guten Steuermann hervorgebracht.“ Sehen wir die derzeitige Wetterlage also durchaus sportlich und nützen wir die uns entgegenschlagenden Windböen und Turbulenzen sogar, um im Umgang mit diesen eine besondere Geschicklichkeit zu entwickeln. Wer etwas von Segeln versteht, der weiß, dass man nur die Segel richtig zu setzen braucht, dann kann man auch schräg gegen den Wind segeln und der scheinbare Gegenwind bringt einen zügig voran.

Kentaur (PD)

Nochmals aber zurück zu unserem Willen. Dieser freie Wille, den manche zwar als Fluch ansehen, dem sie durch Künstliche Intelligenz so schnell wie möglich wieder entkommen möchten, ist in Wirklichkeit das kostbarste Gut, über das wir verfügen. Ich verstehe nicht, warum wir seinen Wert so gering schätzen. Allen anderen Ressourcen, die auf Welt knapp oder einmalig sind wie z.B. Gold oder Diamanten, wird ja auch ein entsprechend außergewöhnlicher Wert zugemessen. Und wenn man sich so umsieht: Der Mensch ist das einzige Wesen weit und breit auf diesem Erdenrund, das mit freiem Willen begabt ist, alle anderen Lebewesen stehen unter Determination. Ob er diesen freien Willen nutzt, ist natürlich eine andere Frage und die „streng wissenschaftlichen“Apologeten der neuen Governance (siehe Der Psiram Lehrmeister – Massentaugliches Infotainment und marktkonformer Brainfuck) stellen den freien Willen aus vorhin angeführten Gründen nicht ohne Grund in Abrede, ich weiß), aber betrachten wir es einmal ganz nüchtern: Egal ob Hund, Katze, Alligator oder Gockelhahn: Wenn das Tier hungrig ist, dann kann es nicht anders, als zuzubeißen und zu fressen. Und wenn ein Weibchen vorbeigeht und die Hormone gebieten Paarung, dann kann der Hund /  Kater / Alligator / Gockelhahn nicht anders und muss aufspringen. Der Mensch trägt diese Instinkte und Hormone, die ihn zwingen wollen, ebenfalls in sich, und er ist, was seine Körperlichkeit betrifft, auch mehr tierähnlich als er sich das eingestehen mag – was auch das tiefe Sinnbild des in der griechischen Mythologie dargestellten Kentaurs ist: Ein Wesen, das mit seiner unteren Hälfte ein zotteliges Pferd bzw. tierisch ist, und mit seiner oberen Hälfte Mensch … ein Mensch, der einen Bogen spannt, der also seinen Willen auf ein gewähltes Ziel richten kann.

Die Philosophie hat diesen unteren Bereich bzw. den Tiermenschen nicht verurteilt, aber sie hat doch die Ansicht vertreten, dass es nicht das Ziel sein dürfe, vollendet Pferd zu werden bzw. zum Tier zu mutieren. Sie hat hingegen den umgekehrten Weg gewiesen: Wie wir immer mehr Mensch und damit aus angeblich „alternativlosen“ Determinationen frei werden können. Wobei es leider ein folgenschwerer Irrtum ist, zu glauben, dass man mit seiner Geburt oder mit Abschluss der Schulausbildung (nach Ansicht des Präsidenten der Akademie der Wissenschaften übrigens eine „reine Vertrottelungsanstalt“) bereits vollreifer Mensch sei und sich sich jede individuelle Anstrengung zur Ausbildung von Ethik und innerer Reife erübrige. Menschen aller bisherigen Hochkulturen – die bei weitem nicht so dumm waren für wie wir sie heute halten und wie wir sie in unseren Filmen darstellen -, würden über eine solche Ansicht nur milde lächeln. Sie hatten damals zwar noch keinen entwickelten Intellekt so wie wir heutzutage, damit aber auch noch keinen Abriss zur Natur und keine Verschattung ihres Wahrheitsempfindens gegenüber den Dingen der Welt – vgl. die „Sophia“ (griech. Weisheit), von der sich noch der alte Grieche ganz lebendig durchpulst fühlte und die nichts mit dem abstakten Stroh zu tun hatte, das heute auf unseren Universitäten gebüffelt wird. Eine naturgegebene Weisheit, dank derer er in der Natur einfach schon durch Anblicken und sinnierendes Verweilen bei einer Pflanze intuitiv Heilmittel finden konnte, ohne diese in Rasterelektronenmikroskopen und Thermodilutionschromatographen zu analysieren.

Dass es mittlerweile eine beachtliche Strömung gibt, die die obere Hälfte des Kentauren bzw. des Menschen  am liebsten komplett abschneiden und nur noch ins wohlige Tiersein zurücktauchen möchte, beobachten wir schon seit einiger Zeit. Der Skeptizisten-Vordenker Michael Schmidt-Salomon z.B. bezeichnet sich selbst nur als „Trockennasenaffen mit Haarausfall“. Mit dem homo sapiens, dem zu Weisheit fähigen Menschen, will er ein für allemal Schluss machen. Das einzig Erstrebenswerte, das „wir aufrecht gehenden Deppen“ in dieser „Scheißgegend“ (Science Busters / die Skeptiker) tun könnten, wäre, so Schmidt-Salomon in seiner Bibel für Affen und solche, die es werden wollen: Uns zu „sanften , freundlichen … Affen zu entwickeln“, uns in ein besseres Verhältnis zu „Bruder Schimpanse und Schwester Bonobo“ zu bringen (Zit. aus Hubertus Mynarek, „Vom wahren Geist der Humanität – Die Giordano Bruno Stiftung in der Kritik“, Nibe Verlag 2017).

Die großen Verlage überbieten sich derzeit im Herausgeben von Grundlagenwerken der neuen neoliberalen Religion des Skeptizismus rund um Richard Dawkins, Daniel Dennett, Sam Harris, Christopher Hitchens, Michel Onfrey & Co. Man darf staunen: In einer Zeit, in der angeblich kaum noch Bücher gelesen werden, finden Bücher, die um das gähnende Nichts kreisen bzw. ein Loblied auf den Nihilismus singen, reißenden Absatz. Vielleicht ist der Grund für diesen Durst nach Evidenz des Nichts bzw. der Nichtigkeit des Menschen ein sehr verständlicher. Überbringen die neuen Missionare doch eine „frohe Botschaft“, die der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Hubertus Mynarek in seiner ganzen Banalität benennt: Mit der Skeptizisten-Bibel am Nachtkästchen kann der zeitgenössische Fortschrittsbürger endlich „alle Moral, allen Ballast der Humanität und ihrer Verpflichtungen abwerfen und ganz ins Tiersein, ins schuld- und verantwortungslose Affensein zurücktauchen“ (Mynarek, ebd., S.159 ). Kein Wunder, dass Schmidt-Salomon & Co. heute in keiner Talkshow mit weltanschaulicher Thematik fehlen darf. Mit seiner Weltanschauung des mechanistischen Determinismus, der Negation von Willensfreiheit und ethischer Selbstbestimmung ebnet er den ersehnten Weg zur digitalen Transformation und zur Robotisierung von Mensch und Lebensumwelt, also zur Endlösung der leidlichen Menschheitsfrage und zur Befreiung von der Last des freien Willens.

Die neue Pferde- bzw. Affenreligion wird auch bereits mit – noch verbalem – Feuer und Schwert verbreitet, es wird auf allen Ebenen missioniert, was das Zeug hält. Eine nicht geringe Anzahl an Menschen scheint darin ihre neue Religion gefunden zu haben. Dass es neuerdings eine solche Affenreligion gibt, braucht niemanden verwundern, sondern passt in Wirklichkeit perfekt zur oben geschilderten Agenda der Global Governance. Prof. Mausfeld hat es bereits treffend formuliert: Wir haben es heute mit einer Gegenaufklärung zu tun, die es perfiderweise geschafft hat, sich als Aufklärung zu tarnen. Man kann aus den derzeitigen Bestrebungen trotzdem seine persönlichen Schlüsse ziehen und sich umso mehr um die Entwicklung von dem bemühen, was derzeit durch eine weitgehend perfekt verzahnte Medien-Polit-Wirtschafts-„Wissenschafts-„Meinungsmache-Maschinerie verhindert werden soll: der individuelle Mensch bzw. seine Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Wie schon gesagt, hat jeder von uns nun die Wahl. Er kann der Aufforderung zum Anschluss an die neue Religion einwilligen und fortan am – zunächst fraglos amüsanten – „Gastmahl der Geistlosen“ (Milosz Matuschek) teilnehmen. Oder er kann sich diesem Anschluss verweigern und stattdessen individuelle Wege gehen, sich seinen Geist nicht nehmen lassen, sondern ihn sogar in gesteigertem Maße kultivieren und wertschätzen. Niemand muss nun sogleich zum Sokrates werden oder Goethes gesammelte Werke inhalieren. Denn er wird merken: Hat etwas substanziellen Geist, dann wiegt es ungleich mehr als das intellektuelle Pferdewissen, das die Szientisten ihr eigen nennen. Wenn man nur ein bisschen Geist bzw. abends ein paar Minuten Lektüre eines guten Philosophen auf die Waagschale bringt – und diese Zeilen nicht so aufnimmt wie ein Pferd Stroh frisst, sondern in der Haltung der klassischen Schüler der Philosophie: mit Staunen und sokratischer=nicht-wissender Perspektive (siehe „Ein Survival-Kit für die Apokalypse – Teil 1“) -, dann reicht das aus, um Tonnen an Bullshit aufzuwiegen, der uns heute von allen Seiten bedrängt. Wer diese paar Gramm Geist nicht aufbringt, nun, der mag jetzt ruhig noch ein bisschen lachen und sich in seiner szientistischen Hybris schlau vorkommen, solange er kann, aber es wird ihn einmal vollkommen ausheben und er wird sich dann im Nirgendwo bzw. in der inneren Vermorschung wiederfinden, die jetzt schon immer mehr Menschen ergreift (siehe „Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest“).

Eigentlich ist das DIE Wahl, vor der heute jeder Mensch als Individuum steht: Geist bzw. individuelle Entwicklung oder Geistlosigkeit bzw. Vermassung in einer Orwell’schen Dystopie.  Gegen diese Superbowl-Wahl (siehe Bild oben) verblassen alle anderen Wahlen, die ja im Übrigen mittlerweile so grotesk sind, dass man eigentlich nur noch hoffen kann, dass professioneller, evidenzbasierter Wahlbetrug stattfindet, denn wenn diese Wahlergebnisse echt sind, dann steht es wahrlich nicht allzu gut um uns. Fassen wir also lieber diejenige Wahl ins Auge, die wirklich unser individuelles Schicksal bestimmen wird. Wie unser kollektives Schicksal verlaufen wird, steht in den Sternen und liegt nur in sehr geringfügigem Maße in unserer Hand. Welches individuelle bzw. innere Schicksal wir uns bereiten, liegt hingegen zu 100% in unserer eigenen Entscheidungsvollmacht. Bei dieser Wahl sollte also niemand daheim bleiben und anderen die Entscheidung über sich überlassen.

 

Avocados: der Dieselskandal unter den Früchten

Alle lieben die grüne Butter vom Baum! Aber weiß auch jeder, wie schädlich die Avocado für die Umwelt und das Klima ist?

Das Transen-Paar des Verderbens (Wie Angst und Hass gerade unsere Gesellschaft auffressen – und wie man sich vor jenen rettet)

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Vergiftet im Schlaf

Wer im derzeitigen „Wer nicht hüpft, der ist …“ – Rinderwahnsinn nicht mehr weiß, wo Links und Rechts und wo Oben und Unten zu verorten sind, und der daher vielleicht an seiner eigenen Vernunft und psychischen Gesundheit zweifelt, der sei beruhigt: Er kann nichts dafür. Er ist selbst Opfer. Er wurde vergiftet.

Das Gift, das ihm täglich dargereicht wird, besteht aus einer unseligen Mischung zweier hochtoxischer Komponenten, über die man auch als chemischer Laie Bescheid wissen sollte, wenn man in heutiger Zeit, in welcher laut Peter Sloterdijk „der Lügenäther so dicht ist wie zu Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr“, überleben will: Angst und Hass. Um sie zu verstehen, muss man wissen, dass die beiden Geschwister sind. Hass ist sogar der regelrechte Zwilling von Angst und diese beiden Gebrüder können sich auch fließend ineinander umwandeln. (Gender-Disclaimer: Ob’s jetzt Gebrüder sind oder Geschwister oder Neutra, lass‘ ich jetzt mal dahingestellt. Bitte mir solche Simplifizierungen also nicht übelzunehmen und mich als transphob abstempeln.)

Derzeit wird über massenmediale Mechanismen in gewaltigem Maße Angst (von lat. angustia – ‚die Enge‘ und angor – ‚das Würgen‘) in die Atmosphäre und damit in die Köpfe und Herzen der Menschen geblasen – auch und gerade durch die scheinbar so souveränen und beruhigenden Hochglanzmoderatoren und TV-Formate, die suggerieren, dass wir alle, die wir Merkel oder Habeck wählen, doch zu den anständigen Bürgern gehören und alles Gute und Gerne auch weiterhin Gut bleibt, notfalls man die faul vermorschte Borke eben mit Beton eingießen muss.

All diese massenmedialen Informationen, die im Wesentlichen nur als Vehikel für tendenziöse Meinungsmache und mit ihrem Wahrheitsgehalt als Zierrat gut verpackte Lügen und Manipulationen dienen (und die umso überzeugender klingen, wenn sie der verkündende Journalist bzw. Talkmaster selbst internalisiert hat und fraglos für das Rechte hält), bewirken in unserem Inneren nichts anderes als gewaltige Gärungen und Kurzschlüsse. Sie sind auch beim besten Willen nicht auf die Reihe zu bringen und aufgrund ihrer Toxizität auch nicht verdaulich. Auf der Ebene ihres Intellekts lassen sich die Menschen mit diesen massenmedialen Inhalten reinlegen, aber unterbewusst spürt jeder Mensch sofort die Wahrheit bzw. dass das alles Lüge bzw. Manipulation ist – und wenn Bewusstes und Unterbewusstes nicht mehr zur Deckung zu bringen sind, sondern sich sogar diametral widersprechen, dann hat der Mensch das Gefühl, dass er demnächst durchdrehen muss. Die Furcht, die all die unwahren und tendenziös verbrämten Inhalte im Menschen auslösen, wandelt sich dann leicht in Hass. Und dann ist natürlich die Gefahr da, dass sich Menschen Ventile für diesen Hass suchen.

Das besonders Perfide: Auch diese Ventile bzw. die Zielobjekte, an denen sich der Hass entladen kann, werden den Menschen von den Leitmedien vorgegeben: Arbeitslose, Russland, Putin, Verschwörungstheoretiker etc. … – momentan gut beobachtbar z.B. an „Impfverweigerern“, auf welche sich in den Foren ja gerade der geballte Wust an Angst und Hass entlädt, da die Zwangsimpfungsgegner durch ihr Beharren auf Selbständigkeit und Mündigkeit des Individuums vermeintlich „den Herdenschutz gefährden“. Und wenn’s um die Herde geht, dann ist bekanntlich Schluss mit Lustig. Eine riesige Industrie giert nach dem Fleisch, der Wolle und den Organen dieser Herde. Ihre Schäfer werden daher nicht tatenlos zusehen, wie sich die Individuen dieser Herde emanzipieren und eigene Wege gehen wollen. Damit die Herde im sicheren Gatter im Zaum gehalten wird, leisten die „streng wissenschaftlichen“ Gatekeeper der herrschenden Lehre (laut Noam Chomsky: „die säkularen Hohepriester der Machtelite“) derzeit einen tadellosen Job.

Von Goebbels lernen heißt siegen lernen

Es ist im Prinzip das Gleiche wie zu Goebbels Zeiten, als das System wirtschaftlich und moralisch eigentlich bankrott war. Dass die Wirtschaft damals nicht komplett eingebrochen ist, konnte man nur verhindern, indem man die Bedrohungs-/Aufrüstungs-/Kriegskarte ausgespielt hat. Auch heute wird diese Pik Ass Karte wieder schamlos ausgespielt, selbst wenn die Mär vom bösen Russen inzwischen kaum noch jemand glaubt.

Auch damals wurde den Bürgern über die massenmedialen Kanäle präsentiert, wer an der ganzen Misere schuld sein soll: die Juden, Sinti und Roma, die „Asozialen“, die „Intellektuellen“, ethnische und religiöse Minderheiten wie die Zeugen Jehovas etc. Blöd dabei war nur: nachdem man all diese Sündenböcke in KZs entsorgt und eingeäschert hatte, hatte sich an der eigentlichen Misere nicht das Geringste geändert, sondern ist der Arschlochfaktor sogar nur noch ins Unendliche gestiegen, bis die ganze Propagandamaschinerie schließlich in einem großen Scherbenhaufen geendet hat.

An sich könnte man diesen Teufelskreis aus Angst und Hass (der wiederum zur Projektion auf an sich harmlose Sündenböcke bzw. Randgruppen führt) jederzeit durchbrechen. Man kann sich sogar mit der Angst anfreunden und ihr einige positive Seiten abgewinnen. Sie macht einen z.B. wach für gewisse Umstände und kann einem dazu verhelfen, Verdrängungen und fatale Irrwege zu vermeiden. Hätte der Bergsteiger beim Besteigen eines vertikalen Felsens nicht auch eine Portion Angst, dann würde er womöglich leichtsinnig seinen Hals riskieren. So würde man auch den scheinbar völlig angstbefreiten und euphorischen Wissenschaftlern, die Mensch und Umwelt durch Hochrisikotechnologien wie Gen-, Bio- und Nanotechnologie gerade neu erschaffen wollen, bei ihrem täglich fortschreitenden Treiben eine gesunde Portion Angst wünschen. Denn sie könnten nicht nur selbst in den Grand Canyon abstürzen, sondern uns alle dorthin mitreißen.

Orwells Hasstage zur Kompensation der Lebenslüge

Und erst wenn man sich seiner Angst bewusst ist, kann man bewusste Schritte zur Überwindung festgefahrener Verhältnisse setzen und neue Wege eröffnen. Solange die Angst jedoch im Unterbewussten bleibt, und man sie sogar mit krampfhaft euphemistischen Bekundungen von Begeisterung und Fortschrittswillen zu kaschieren versucht, ist das Unglück fast schon vorprogrammiert und das Aufwachen aus dem Fortschrittstraum wird umso ernüchternder sein. Denn dort unten im Unterbewussten ist die Angst nicht minder real und wirkt von diesem Keller-Stützpunkt auch ohne Unterlass und mobilisiert gewaltige Kräfte … die sich eben jederzeit in Hass verwandeln können. Inzwischen ist die angestaute Angst so groß geworden, dass sogar das Potential besteht, dass ganze Länder mit Wahnsinn überzogen werden. George Orwell hat uns wie mit vielem anderen davor gewarnt, dass man in Zukunft „Hasstage“ feiern wird, an denen sich der Wust an innerer Frustration und Hass auf Andersdenkende in emotionalen Gemetzeln entladen kann.

Das Fatale in der heutigen Situation ist nur: Indem wir nun schon jahrzehntelang, viele von uns schon von Kindesbeinen an, mit demjenigen konditioniert wurden, was Vaclav Havel ein Leben in der „Lebenslüge“ genannt hat, ist der Anblick der Wahrheit nun umso schmerzvoller. Wir haben mit dem Huldigen dieser Lebenslüge bzw. mit der Illusions- und Entertainmentmaschinerie dieses Systems gewaltig viel Lebenszeit verloren und sind jetzt gewissermaßen in einer Situation wie ein Student, der vor schwierigen Prüfungen steht, in denen er Integral- und Infinitesimalrechnungen lösen soll, aber er nicht einmal die vier Grundrechenarten beherrscht.

Da wir der Wahrheit bisher weitgehend den Zugang zu unserem Inneren verwehrt haben, ist der Druck, den diese verdrängte – ebenfalls nicht nur außen, sondern in uns selbst bzw.  unserem Unbewussten lebende –Wahrheit ausübt, nun umso größer. Die Angst vor der Wahrheit hat sich bei vielen sogar schon in Hass auf die Wahrheit gewandelt, sodass sie mit aller Verve gerade diejenigen hasserfüllt attackieren, die es wagen, auf irgendeinem Gebiet des Lebens eine Wahrheit anzusprechen und damit die Lüge zu demaskieren. Ganze Bewegungen und politische Parteien formieren sich, um krampfhaft den Deckel am Topf der Lebenslüge zu halten, obwohl dieser bereits überquabbelt – so wie die mittlerweile schon über 10.000 Mitglieder zählende radikalnihilistisch-szientistisch-transatlantische Gwup-/Psiram-/Skeptikerbewegung, die nun auch über einen politischen Arm in Form der Partei „Die Humanisten“ verfügt und bei der jüngsten EU-Wahl immerhin 62.600 Stimmen und damit im ersten Anlauf stattliche 0,2% der gesamten Wählerstimmen einfahren konnte. Um ein Haar wären die Freunde Monsantos und transhumanistischen Science Busters („Wir wollen mit neuen Technologien den Weg zum Körper 2.0 ebnen“) damit im Europaparlament gelandet und hätten uns von dort aus den totalen Scihad zu erklären können – medial wirksam ins Fußvolk breitgetreten durch ihren hauseigenen „Humanistischen Pressedienst / hpd“ bis in die Leitmedien, mit deren Redaktionen die Gwupper bestens vernetzt sind.

Das Gegengift: Mut zur Wahrheit

Der Autor Dirk C. Fleck kommt daher nicht von ungefähr dazu, dass er meint, die Wahrheit sei dem durchschnittlichen Bürger heute gar nicht mehr zumutbar. Fleck spricht dabei allerdings von der Masse bzw. der Majorität. Diese sollte im derzeitigen Unwetter nicht unser Maßstab sein. Denn es hat in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie einen Fortschritt gegeben, wenn man sich an der Masse orientiert hat. Fortschritt ist immer nur vom einzelnen Individuum ausgegangen bzw. von kleinen Gruppen, die sich aus solchen freien Individuen, die über den Tellerrand hinauszublicken wagten, zusammengefunden haben, und zwar ganz ohne Zwang, sondern nur einem humanen Ideal verpflichtet.

In welche Richtung die Masse marschiert, darf uns in der jetzigen Situation also nicht groß bekümmern oder frustrieren, so tragisch es auch sein mag. Umso wichtiger ist es auch heute, dass sich möglichst viele Individuen – auf ihre jeweils individuelle Art, die man niemals für allgemeinverbindlich erklären darf – zu mehr Wahrheit oder etwas bescheidener ausgedrückt: zu mehr Mut zur Wahrheit durchringen. Denn ganz Unrecht hat Dirk Fleck nicht: Die Wahrheit ist gewaltig – auch die Wahrheit über die Verhältnisse des eigenen Inneren, in dem ebenfalls respektable und gut gemästete Feinde namens Gier, Eitelkeit, Unehrlichkeit, Ignoranz etc. lauern – und man braucht durchaus starke Sicherungen, um den Strom dieser äußeren und inneren Realitäten aushalten zu können. Wenn wir uns in den Strom der Wahrheit allerdings nicht einklinken, dann wird er sich andere Wege suchen – als Kriechstrom unerwartete Wege gehen und gewaltige Kurzschlüsse verursachen. Die Blackouts, die nach diesen Kurzschlüssen eintreten werden, wieder zu erhellen, würde tausendmal anstrengender sein als die vermeintliche Anstrengung, uns aus dem heuchlerischen System des „Manufacturing Consent“ aufzurichten und mit der Wahrheit zu konfrontieren, die wir derzeit noch scheuen wie die Teufel das Weihwasser.

Wer sich allerdings mit der Wahrheit konfrontiert und sich ihr täglich ein Stück weit mehr annähert (und mit „Wahrheit“ ist hier nicht nur das Anschauen der globalen Schrecknisse und Machenschaften der Tagespolitik gemeint, sondern auf der anderen Hand auch das Vertiefen in positive Ideale über Sinn und mögliche Ziele des menschlichen Daseins, wie sie uns die europäische Geistesgeschichte ja ebenfalls in reichlichem Überfluss zur Hand gibt – man muss bloß zugreifen), auf den hat das vorgenannte Transen-Paar des Verderbens keinen Zugriff mehr. Er wird dadurch nicht nur weitgehend immun gegen die Giftwirkung der medialen Lügenschwaden, die heute die Atmosphäre durchziehen, er wird auch fähig zu einer wirklich revolutionären, da individuell gegründeten Haltung mit sehr weitreichender Wirkung. Wenn er selbst Zeuge von Lüge, Rufmord oder Korruption wird, dann wird er das Spiel nicht mitspielen, sondern Rückgrat behalten. Er wird dann die Kraft zur Verfügung haben, im Sinne von Lothar Zanetti nicht mitzulachen, wenn alle lachen, nicht mitzuspotten, wenn alle spotten und zu denken, was keiner wagt zu denken:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr´s sagen.
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht.

 

Foto: pw/nachrichtenpiegel.de

DOOSER – Warum wir so depressiv sind (Für die Katz‘ bzw. für die Fisch‘)

DOOSER – Warum wir so depressiv sind  (Für die Katz' bzw. für die Fisch')

Laut Microsoft-Studie ist unsere Aufmerksamkeitsspanne ja mittlerweile auf 8 Sekunden und damit unter das Niveau von Goldfischen und Amphibien gesunken (siehe Focus). Zuletzt habe ich auch von einer Studie gehört, wonach der Großteil der Menschen Nachrichtenartikel gar nicht mehr liest, sondern seine Meinung nur noch aus den Überschriften bildet. Da meine Schreiberei also großteils für die Katz‘ bzw. für die Fisch‘ war und das Wichtigste innerhalb der mehrseitigen Konvolute untergegangen ist, hier zumindest nochmals ein paar twittergerechte Zeilen, die mir wesentlich erscheinen (Abriss aus dem Brief eines afrikanischen Migrationsverweigerers). Diese Zeilen sollen erklären, warum Depression in unserer zur marktkonformen Zone erklärten Demokratie gerade dabei ist, zur Volkskrankheit Nr.1 zu werden und warum einem auf der Straße so viele Gesichter mit erloschenen Augen begegnen:

Dooser – Warum Ihr so unglücklich seid

Warum ich heute so zornig bin …?  Eure Aufgabe wäre es gewesen, Geisteswissenschaft und Philosophie zu pflegen und damit die Welt zu bereichern. Ihr habt dieses Kulturerbe absterben lassen und stattdessen einem ökonomischen Rinderwahnsinn US-amerikanischer Prägung gehuldigt, der Euch nun die Luft abschnürt. Man hat Euch zu Doosern gemacht, das sind jene kleinen Männchen mit Helm aus Jim Hensons Fraggles-Serie, die in unterirdischen Gefilden mit Pressluftbohrern in der Hand sinn- und ziellos immerzu am Fels herumackern. Ihr Deutschen seid aber von Eurem Naturell her gar keine Dooser! Ihr seid Dichter und Denker, Philo-Sophen (wörtlich: Freunde der Weisheit). Dooser, das sind die Amerikaner und Briten. Aber wenn Ihr Euch zu Doosern machen lasst, dann vergewaltigt Ihr Euer Naturell. Lasst Euch das von einem alten Ackerbauern sagen: Genau das ist der Grund, warum Ihr so unglücklich und depressiv geworden seid.
“Doozers“ (Grafik pw nach Vorlage aus: The Fraggles)

Auch wenn es Euch in Eurem Selbstverständnis von den Socken haut, aber: Der übersteigerte Wirtschaftswahn, Finanzkrimskrams und Maschinenbau sind gar nicht Euer Ding, obwohl Euer Philosophengeist geschmeidig genug ist, um auch auf diesen Gebieten Höchstleistungen zu erzielen. Ihr braucht auf Höchstleistungen auf diesen Gebieten allerdings nicht besonders stolz zu sein, denn Ihr arbeitet damit diametral gegen Euer Naturell und verpasst die Entwicklung von dem, was eigentlich Eure Anlage und damit Eure Aufgabe wäre. Jetzt seid Ihr also „Export-Weltmeister“ und stolz auf Euren „Maschinenbau“. Ihr könnt Euch das immer noch nicht vorstellen, aber: Es wird einmal nichts davon übrigbleiben als Schall und Rauch. Die Chinesen und andere können Maschinenbau inzwischen genausogut wie Ihr und besser. Sogar Euer ganzer Maschinenbau-Stolz Kuka ist jetzt schon in chinesischer Hand. Ihr hättet ein bescheidenes, aber trotzdem gut prosperierendes Land werden können, dessen inspirierende Kultur die ganze Welt bewundern würde. Ihr habt Euch aber geradewegs für den Weg entschieden, vor dem Euch alle Eure großen Geister von Goethe, Schiller, Hegel bis Erich Fromm eindringlich gewarnt haben.

Nun seid ihr so verödet und in Euch unerträglich gewordenen Krusten so gefangen, dass Ihr sogar von uns Entwicklungsländlern, die wir kulturell und hinsichtlich unseres Frauenbildes vielfach noch im dunklen Mittelalter leben, eine „Kulturbereicherung“ erwartet. – Ich könnte mich wirklich krumm lachen, wenn mein Rücken von der Feldarbeit nicht ohnehin schon krumm wäre!

(Disclaimer: Nein, „Naturell“ und „Anlage“ sind keine rechtsesoterischen Wörter, sondern das, was jeder überall rund um sich herum sehen kann: Bunte, unbestreitbare und wunderbare Individualität. Dass wir alle „gleich“ sind, ist ja in Wirklichkeit reiner Stuss, und das wisst Ihr auch. Wenn wirklich alle Menschen gleich wären, dann wäre die Welt ja ein Zombiefriedhof – was gäbe es Schrecklicheres? Ich liebe die Menschen, eben weil sie nicht gleich sind und ich würde nie jemanden, der die Anlage zum Musiker hat, zu einem Mechatroniker machen wollen. Das käme einer Vergewaltigung gleich. Auch Länder, Kulturen und Traditionen der Menschen sind natürlich nicht gleich, sondern kreuzverschieden. Das ist ja geradewegs der Reichtum unserer Erde. Und diese Vielfalt sollten wir schützen. Denn die neoliberalen Globalisten wollen uns alle mcdonaldisieren – man will uns alle in eine große Faschiermaschine werfen und zu Einheitskonsumenten machen, die dann jeden Dreck fressen, den man ihnen am Flachbildschirm vorhält. So werden wir nichts gewinnen, sondern alles verlieren werden, was uns als Individualitäten wertvoll macht.)

Schaut Euch nur Eure Nachbarn, die Franzosen an: Wie Ihr seht, sind die auch nicht gleich wie Ihr Deutschen. Die bleiben nicht daheim sitzen und gucken Tagesschau, während sie von den Politikern nach Strich und Faden verraten und verkauft werden, sondern die gehen auf die Straße. Warum? Weil sie schlichtweg ein anderes Naturell haben als Ihr. Die reagieren auf Ungerechtigkeiten eben traditionell revolutionär und gehen ins Handeln. Dass Ihr Deutschen daheim bleibt – obwohl Ihr angesichts Eurer Regierung, die Euch gerade kalt lächelnd das Fell über die Ohren zieht und ins offene Messer laufen lässt, sogar noch sehr viel mehr Grund zur Empörung hättet -, nein, das ist nicht bloß Feigheit oder Trägheit. Es liegt eben in Eurem Naturell, die Situation mehr denkerisch zu verarbeiten und daran zu glauben, dass es doch möglich sein sollte, die aus dem Ruder laufende Politik durch Vernunft zur Räson zu bringen anstatt mit Molotowcocktails. In Wirklichkeit ergänzen sich die unterschiedlichen Naturelle und Völker in wunderbarer Weise – dass die einen konstruktive Gedanken bilden, unterstützt die anderen, auf richtige Weise ins Handeln zu kommen und umgekehrt kann deren Aktivismus wieder die gesamteuropäische Situation verbessern und kommt denjenigen zugute, die mehr die philosophisch-gedankliche Grundlagenarbeit leisten. Wenn man uns aber alle „gleich“ macht, entwurzelt und verschippert, nimmt man uns unseren gesamten Saft und unsere Kraft. Wenn wir auf diese Gleichmacherei reinfallen, dann ist es um uns geschehen. Dann sind wir alle bald nur noch Matsch, formbare Knetmasse in der unbarmherzigen – pardon: unsichtbaren natürlich – Hand des Marktes.

Die Zukunft, die man Euch seitens von Thinktanks und Massenmedien als bunt und spaßig ausmalt, wird in keiner Weise bunt sein, sondern grau, bitte rafft das endlich …

(aus: Brief eines dürren Süd-Ost-Menschen an das adipöse Altmaier-Kabinett im Schlamerkelland – Aufruf zum Antifaschierpakt)

 

Greece 4K Aerial Drone Film from Santorini, Corfu and Athens

Experience 3 hours of aerial birds-eye views above GREECE. Located in southeastern Europe, this country amaze with its beauty and charm. In this 4K aerial drone video you’ll see the majestic islands such as Corfu, Santorini and Athens from above; fascinating views of crystal clear water, capes, magnificent mountains, red cliffs, towns and much more.

Wollen wir se rauslasse …? (Die Sau)

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Karneval. Wieder mal. Mit ohrenbetäubendem Getöse darf der fernsehende Spiegelbildbürger seine im Hamsterrad bereits halb zu Tode gehetzte Sau rauslassen. Gerade fahren die, die noch nicht unterm Tisch liegen, auf ihren Narrenwagen durch die Straßen, dass alten Menschen der Herzschrittmacher aussetzen kann.

Ich muss an Götz Eisenberg denken, wie er in seinem Buch „Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“ (Verlag Brandes & Apsel, 2015) meint, dass es heute eigentlich gar keinen Sinn mehr mache, Fasching zu feiern, um den Alltag mal „andersrum“ zu zelebrieren. Wenn man wirklich Abwechslung wollte, dann müsste man in einer Zeit, in der in den Straßen und Lokalen unserer Großstädte praktisch das ganze Jahr über Dauerparty und Exzess herrsche, eigentlich ein paar Tage der Askese einlegen, in denen man Stille, Besinnung und Mäßigung praktiziert.

 


(Anm.: Eisenbergs  Buch „Zwischen Amok und Alzheimer“  ist amazonfrei bestellbar bei buch7.de, einem versandkostenfreien Buchhandel, der  75% seines Gewinns für soziale, kulturelle und ökologische Projekte spendet.)

Foto: pixabay/CC0

Magisches Island

In Island reihen sich Vulkane aneinander wie Perlen auf einer Schnur. In den Bergen und Tälern kocht der Boden. Es raucht, zischt und brodelt. Obwohl als nackte Lavainsel aus dem Meer emporgestiegen, herrscht an den Vulkanhängen Islands üppiges Leben. Jan Hafts Doku zeugt von der unerwarteten Artenvielfalt und den spektakulären Landschaften der Insel.

Warum es Youtube nächstes Jahr nicht mehr gibt

#SaveYourInternet

Bullshit Jobs

Aspekte

Traumfrauen aus Silikon

Lebensechte Liebespuppen sind längst nicht mehr nur Sextoys, sondern Beziehungsersatz für manche Männer. Die Puppen aus Silikon oder TPE, einem silikonähnlichem Kunststoff, finden in Europa reißenden Absatz, und das in allen Gesellschaftsschichten. Aber können die künstlichen Frauen tatsächlich eine echte ersetzen?

Daniele Ganser: Das Prinzip Menschheitsfamilie

Auf seiner Vortragsreihe in Thüringen und Sachsen traf Sascha Vrecar Daniele Ganser in Erfurt und hatte die Gelegenheit auf ein gemeinsames Gespräch. Dabei besprachen sie viele Themen: Russland, Syrien, neue Erkentnisse zum 11. September, die Situation der NATO, den Fall „Skripal“ und wie Daniele Ganser seine Situation als im Mainstream umstrittener Friedensforscher selbst wahrnimmt und erlebt.

Non-Gangstarap zone (“Why I think the world should end”)

Wer bisher gedacht hat, dass junge Afroamerikaner nur Gangstarap können, der wird in diesem Video eines Besseren belehrt …

wobei sich Richard Williams alias Prince Ea selbst nicht einmal mehr als Rapper bezeichnet haben will, sondern als „spoken word artist“.

Seine Botschaft ist übrigens keineswegs so apokalyptisch wie der Songtitel verheißt. Er hat realisiert, dass es zuerst eine innere, höchstpersönliche Veränderung braucht, bevor wir dem Wahnsinn im Außen eine Wende geben können.

„When I think of all the good times that I’ve wasted” – Teil 2: Es regiert: Der Herr des Hasses … und das Erwachen des Schläfers


Mike Oldfield, live on Discovery Tour, Barcelona 1984, Youtube

Manches Kind der 80er Jahre mag sich noch an ihn erinnern: In meiner Kindheit gab es einen Neue-Deutsche-Welle Hit, in dem eine sonore Männerstimme als Refrain immer „6 und 6 ist Drei-Eins“ grummelte.

Was mir heute beim linken Ohr rein und beim rechten raus gehen würde, hat mich als Kind damals jedoch intensiv beschäftigt. Gemäß den vier Grundrechnungsarten der Welt, in die ich gerade eben erst hineingeboren wurde, sollte 6+6 doch 12 ergeben und nicht 31. Hmm … aber irgendein tieferer Sinn musste doch hinter dieser millionenfach durch Radio und Fernsehen geschickten Botschaft stecken, dachte sich mein kindliches Gemüt. Das konnte ja nicht bloß Unsinn sein, was aus diesen Rundfunkmedien hervorsprudelte,  sonst würden es die Erwachsenen doch nicht wert finden, sich abends mit solch beharrlicher Diszipliniertheit vor die leuchtenden Flimmerkisten zu setzen, vor denen sie dann bis zur Ermattung mit gefalteten Händen und inbrünstiger Andacht ausharrten.

Mir ließ dieses Rätsel jedenfalls keine Ruhe, ahnte ich doch, dass sich irgendeine gewaltige Wahrheit dahinter verbergen musste, genauso wie hinter dem Intro eines weiteren  Deutsche-Welle Hits, in dem ein Zeitalter angekündigt wurde, in dem „der Herr des Hasses regiert“ – einer Zeile, bei der mir in vager Vorahnung auf den Charakter der Welt, in der ich als Mensch gerade die Augen aufmachte und das ABC sowie die Grundrechnungsarten lernte, schauderte, mich ansonsten aber nicht weiter beunruhigte – wusste ich doch aus zahlreichen Märchen und mythologischen Erzählungen, die mir meine Mutter vorgelesen hatte, dass sich Licht und Dunkel schon seit Menschengedenken bekämpfen und dass man riesige Drachen im Handumdrehen besiegen kann, wenn man ihnen nur keck gegenübertritt und ihnen an der richtigen Stelle einen Stich verpasst.

Den „Herren des Hasses“ konnte ich also in mein Weltbild ohne Weiteres an der richtigen Stelle einordnen, aber dieses vertrackte Rätsel mit dem „6+6 = 31“ war einfach nicht zu knacken. So sehr ich es auch drehte und wendete, es kam nichts anderes heraus als ein intellektueller Kurzschluss.

Irgendwann versank dann diese Frage wieder. In den bewegten Fluten des Erwachsenwerdens und der Notwendigkeit des Broterwerbs gab es drängendere Fragen zu lösen. Ich sollte jedoch bald lernen, dass nichts von dem, mit dem wir uns einmal beschäftigt haben und was in unserem Unterbewusstein versinkt, auch wirklich weg ist. – Es arbeitet im Dunklen weiter … und klopft auch dann und wann im Oberstübchen an. In meiner Adoleszenz als Twen tauchte diese ungelöste Gleichung also wieder auf – ganz spontan beim Hören eines Songs von Mike Oldfield:

In seinem Lied “Trick of the Light” aus dem Hit-Album „Discovery“, das damals eine ganze Generation begeistert hat und auf dem auch das sensationelle, von Maggie Reilly gesungene „To France“ enthalten war, schlug mir plötzlich die Zeile „I need some more information“ wie ein Blitz an die Stirn. „Ja!“, antwortete es sofort aus mir heraus: „Da hast Du recht, Mike: Wir sind zwar erwachsen geworden, aber man hat uns in unseren intellektuellen Brutstätten von Schule und Uni die notwendigen Schlüssel vorenthalten, um das zu dechiffrieren, was eigentlich die drängendsten Fragen des Lebens und des Menschseins wären.“

Mike Oldfields Imperativ „I need some more information“ ließ mich fortan nicht mehr los. Ich kam mir vor wie ein in Agententhrillern vielzitierter “Schläfer”, der in der Gesellschaft lange Zeit als biederer Normbürger dahindämmert, aber dann durch ein gezieltes Codewort plötzlich aktiviert wird und sich fortan mit aller Kraft an die Durchführung eines in ihm schlummernden Auftrags macht. Ja, genau – we need some more information … das hämmerte fortan wie ein Mantra in meinem Kopf weiter. Ob ich es schaffen würde, an diese Informationen heranzukommen, durch die unser mechatronisch zu werden drohendes Leben wieder Sinn bekommt, war für mich damals nichts weniger als eine Frage auf Leben und Tod.

Doch wie die Industriesoziologin  Mag Wompel richtig feststellt, herrscht in der heutigen Welt ein groteskes Paradoxon: Wir haben zwar einen Überfluss an Informationen und dennoch sind echte Informationen rar. Dass es nicht ganz einfach sein würde, an diese wirklichen Information heranzukommen und dass man sich diese nicht einfach reinziehen konnte, sondern wirkliche Einsicht im Sinne von Sokrates immer auch … Gnade ist, erahnte ich an der gepressten Stimme von Mike Oldfield bzw. seinem Leadsänger Barry Palmer: Im Leitsong „Discovery“ (1984 neun Wochen lang die Nr.1 der Charts) stößt er eine verzweifelte Bitte aus:

„Just gimme some sense
Gimme some confidence,
Won’t you please set me free
Won’t someone deliver me …”

Auch dass man Erkenntnis nicht einfach so “haben” kann wie einen Dr.-Ing. der Chemie (siehe auch Erich Fromms Unterscheidung zwischen „Haben“ und „Sein“), sondern dass man sich Erkenntnis jeden Tag neu und erweitert erringen muss, – und zwar in der klassischen Haltung des Philosophen: staunend und mit dankbarer Bescheidenheit vorsichtig tastend, und nicht neunmalschlau „wissend“ und dreist zugreifend -, andernfalls man bei seiner Lektüre nur trockenes Stroh drischt und das Leben seine Türen wie vor einem Eindringling sofort verschließt, kommt in Oldfields Zeilen zum Ausdruck:

“When you want the score
When you need a helping hand
And you find closed doors
And you’re back where you began

Keeping those secrets
Telling those lies
Can anybody tell me what’s the big surprise?

Discovery
Who has the chance to know it all?
Discovery
Give me some truth, stop making me crawl …”

Dass es diese Information, von der Platon kryptisch als lebendige Gedanken-/Urbildeebene sprach, womöglich überall sonst, aber am allerwenigsten an dem Ort gab, an dem man sie vermuten würde: den hiesigen Universitäten, musste ich schon sehr bald feststellen. Obwohl ich mich, wissbegierig wie ich war, gleich an mehreren Fakultäten eingeschrieben hatte, kam mir das, was dort an „herrschender Lehre“ dargeboten wurde, mehr wie eine herrschende Leere vor: Obwohl viele Studenten eifrig vor sich hinkrebsten und Fortschrittsbegeisterung vorspiegelten, um da und dort eine Assistenzstelle oder einen Praktikumsplatz in einem der universitätsassoziierten Konzerne zu ergattern, so war in Wirklichkeit einem jeden von uns nach Gähnen und tödlicher Langeweile zumute. Der Lehrbetrieb wirkte trotz Hitech und glänzendem Lack wie ein Mumienkabinett, in dem man verdorrte Pharaonen und Schrumpfköpfe dank moderner Technik nochmals zum Gehen und Sprechen brachte. Der Soziologe Hartmut Rosa bezeichnet das, was sich an heutigen Universitäten abspielt, nur noch als „Entfremdungszone“, in der schon unter den jungen Studenten  Angstzustände und Burnout herrschten (Quelle: Zeit). Auch über den eitlen Kampf um möglichst viele publizierte „papers“, der an den ehrwürdigen Universitätsinstituten herrschte, konnte ich nur lachen (neuerdings habe ich gehört, dass manche Universitäten wissenschaftliche Mitarbeiter und sogar Professoren nur noch mit der Klausel unter Vertrag nehmen, dass diese pro Jahr soundsoviele wissenschaftliche Papers in renommierten ‚peer reviewed‘ Fachzeitschriften publizieren müssen. Schafft der Mitarbeiter die Bullshitrate nicht, dann fliegt er wieder raus).

Obwohl ich das akademische Spiel (siehe auch M. Burchardt: “March for Science – Dead Men Walking”) schnell durchschaut und diesem System meine innere Kündigung ausgesprochen hatte, so war ich doch schlau genug um zu wissen, dass ich das Ganze nicht leichtfertig hinschmeißen durfte. Mir war klar, dass man in unserer postindustriellen Zeit, in der der Herr des Hasses herrscht,  nur dann etwas bewegen kann, wenn man auch eine akademische Feder am Hut stecken  hat. So schloss ich also mit mir selbst einen faustischen Pakt: Ich würde mich im Drachenblut baden und das Studium durchziehen, aber definitiv nur mit dem geringstmöglichen Aufwand. Keine einzige Stunde zuviel wollte ich diesem System in den Rachen werfen. – Das war in Zeiten vor der Bologna-Reform und dem verschulten Spießrutenlauf nach ECTS-Punkten noch möglich. Ich besuchte nur die wenigen vorgeschriebenen Pflichtvorlesungen, für Prüfungen las ich mir die Skripten in der Regel erst am Abend vor dem Prüfungstermin durch, schweren Prüfungen widmete ich maximal drei Tage Vorlaufzeit. Es gab Wichtigeres zu tun: Mike Oldfields „Informationen“ wollten entdeckt werden. Und bei dieser „Discovery“-Reise durfte der von Oldfields Tubular Bells erweckte Schläfer keine Zeit verlieren. Schließlich wollte ich zuerst wissen, was Sinn und Ziel des Lebens und des Menschseins ist, bevor ich mich in Richtung eines bestimmten „Karriere“-Ziels aufmachte – ich konnte es doch nicht so machen wie viele meiner Mitstudenten: Einfach mal irgendwohin losrennen und dann gucken in welcher Melange man gelandet bzw. in welche Gletscherspalte man abgestürzt ist (siehe „Bore Out – Wenn Leistungsträger aussorgen“).

Auch wenn also– wie die vorhin zitierte Industriesoziologin  Mag Wompel feststellt – echte Informationen rar waren, so war ich innerlich überzeugt: Aber es musste sie doch geben, diese Informationen! (Anm.: Damals gab es noch kein Internet, sondern man musste sich mit demjenigen „Programm“ begnügen, das einem von der herrschenden Lehrmeinung und den Leitmedien vorgesetzt wurde.) Unermüdlich machte ich mich daher auf die Suche. Schon unmittelbar nach Auftauchen dieses inneren Impulses öffnete sich eine neue Tür, die ich zuvor nicht gesehen hatte: Im Keller der Buchhandlung gegenüber der juridischen Fakultät, an der ich studierte, befand sich ein Antiquariat mit unermesslichen Schätzen. Kaum hatte ich zwischen den Vorlesungen eine Pause, war ich auch schon hinunter in dieses Mauseloch geschlüpft, wo ich unter spärlichem Licht in vergilbten Blättern wühlte. Die Zeilen dieser Bücher aus scheinbar vergangenen Zeiten schienen mir relevanter und revolutionärer zu sein als alles, was ich bisher in Schule und Uni gehört und gelesen hatte. Auf Pythagoras stieß ich, Fragmente des Heraklit, auf Platon, Marc Aurel, Seneca, Jakob Böhme, Schiller, Lessing und vor allem Goethe – alles, was mir bisher in der Schule über Goethe erzählt wurde, kam mir nun vor wie eine Karikatur, mit der mutwillig verschleiert werden sollte, was in Goethes Werk tatsächlich enthalten ist. Jede Zeile von Goethes Schriften war mir wie ein Schlüssel, der mir Rätsel löste und mir mein Menschsein wiedergab. Das abstrakte, halb  vertrocknete intellektuelle Wurzelgeflecht, das in meinem Kopf nach nunmehr fast zwei Jahrzehnten intensiver Domestizierung durch die strenge Schulwissenschaft gewoben war, konnte sich langsam wieder beleben und mit frischem Lebenssaft versorgen. Bald schon trieben diese einst knorrigen und scheinbar unbrauchbaren Wurzeln, die ich schon fast in den Ofen werfen wollte, da sie mir bloß einen schweren Kopf bereiteten, wieder Blätter und sogar erste Blüten – ich fühlte mich wieder als Mensch, auch wenn ich wohl erst ein tausendstel Gramm von dem verstanden hatte, was ein Mensch in seinem Leben von der Philosophia perennis ergründen kann, wenn er seine Zeit nützt. Wie Seneca in seinem Büchlein „De brevitate vitae / Über die Kürze des Lebens“ meinte, ist es ja nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern viel Zeit, die wir nicht nützen.

Ich hatte also Feuer gefangen, hörte auf, abends auf Parties zu gehen und einen rumzusaufen, so wie man das als fernsehender Student eben macht, nachdem man für die Uni „geochst“ hat, sondern ich realisierte, dass unsere Zeit das Wertvollste ist, was wir besitzen und dass sie im Gegensatz zu Geld nie wieder zurückkehrt, wenn wir sie verschwenden. Schnell hatte ich erkannt, dass die Trunkenheit und Euphorie, die mir durch die Literatur von Goethe & Co. zuteil wurde, von ungleich gewaltigerer Dimension war als die Trunkenheit, die mir das Runterkippen von drei Bieren im Studentenpub von nebenan beschert hat – mit dem weiteren Unterschied, dass ich mir erstere Trunkenheit ohne Ende erlauben konnte, ohne am nächsten Tag ausgelaugt und mit dröhnenden Kopfschmerzen aus dem Bett aufzustehen. Ganz im Gegenteil: Ich hatte sogar nach exzessiven philosophischen Gelagen klaren Kopf, war hochmotiviert, auf Entdeckungsreise in dieser unglaublich bunten Welt zu gehen, stand früh auf, um mit gleichgesinnten Freunden Bergtouren zu unternehmen, wo wir Goethe-Freunde dann schon auf der Anhöhe den grandiosesten Sonnenaufgängen beiwohnten, während unsere Kollegen gerade zerschlagen aus dem Bett ihrer verrauchten Studentenbude kletterten und mit einem sauren Hering ihren Kater auskurierten.

Mannomann, was waren das für Zeiten. Wie sehr tun mir die heutigen Studenten leid, die im Korsett eines nach ECTS-Punkten getakteten Bachelor-  und Masterstudiums wie in einem Supermarkt-Einkaufswagen von Regal zu Regal geschoben werden, um dann am Ende am Ende ihrer Ausbildung geteert und gefedert, elektronisch verschweißt und verkabelt vom Förderband gespuckt zu werden.


Teil 3 und die Auflösung des Rätsels „6+6=31“ folgt demnächst …

siehe auch Teil 1: Ein Kind der 80er Jahre im Strudel der transatlantischen Apokalypse

 

„When I think of all the good times that I’ve wasted” – Teil 1: Ein Kind der 80er Jahre im Strudel der transatlantischen Apokalypse


Mike Oldfield, live on Discovery Tour 1984, Youtube

 “How can you sleep
How can you turn away
Thinking so cheap
Some day you’re gonna pay …”

(Mike Oldfield, Discovery, 1984; „aufgenommen in den Schweizer Alpen, in 2000 Metern Höhe, an sonnigen Tagen“)

In einem jüngsten Essay schildert Dirk C. Fleck, wie er nach längerem Krankenstand wieder ein Café aufgesucht und die Zeitungen durchgeblättert hat. Sein Fazit: „Zum Glück habe ich die Zeitungen nur überflogen, andernfalls wäre ich wohl auf die Straße gestürmt und schreiend Amok gelaufen.“

In der Tat frägt man sich, was man angesichts eines in wahnwitziger Geschwindigkeit und mit kalt lächelnder Chuzpe vorangetriebenen Abrisses aller freiheitlichen und rechtsstaatlichen Grundsätze noch schreiben soll? Soll man die infamen Lügen und die unerträgliche Heuchelei einer regelrecht tollwütig gewordenen Regierung und ihrer hündischen Hofmedien noch mehr breittreten? Soll man sich die Mühe machen, über die Hintergründe der besinnungslosen Kriegstrommelei gegen unser Nachbarland Russland aufzuklären? Was soll man denn noch demaskieren, wo der Wahnsinn doch bereits nackt vor uns steht? Berufene Münder haben bereits versucht, das Unbegreifliche in Worte zu fassen. „Eine Republik wird abgewickelt“ – so lautet etwa der Untertitel eines neuen Buchs von Willy Wimmer, das sich wie ein Requiem auf das ausnimmt, was in der Zeit vor der Millenniumswende noch als durchaus hoffnungsvolle und selbstverständliche Ideale mitteleuropäischer Prägung vor uns gestanden hat.

Lassen wir die triste Gegenwart also einmal beiseite. Vielleicht ist es ja sinnvoller und können wir weitaus mehr Kraft schöpfen, wenn wir uns eine Zeit vergegenwärtigen, die gewiss auch nicht nur rosig war, aber in der noch alles möglich schien: Die neongelben 80er. In einer YouGov-Umfrage, in welchem Jahrzehnt seit 1950 die Menschen wohl die schönste Jugend hatten, nennen fast 50% der Befragten die 70er und 80er Jahre. Unser aktuelles Jahrzehnt wird hingegen nur von drei Prozent als schön bezeichnet. Warum schneidet unsere Jetztzeit aber so schlecht ab, obwohl sich doch der technische Fortschritt seitdem so gewaltig die Bahn gebrochen hat und alle relevanten Funktionen des öffentlichen Lebens nach streng wissenschaftlichen Kriterien gehandhabt werden?

Mancher mag gewiss auch die 80er Jahre zweifelhaft finden, man denke nur an Umweltkatastrophen wie Bhopal oder Tschernobyl, die uns seinerzeit die Abgründe einer auf Industrialisierung und Wirtschaftswachstum ausgerichteten Gesellschaft aufzeigten. Mancher mag auch die Wurzeln einer heute übermächtig gewordenen Showbiz-Unterhaltungsindustrie ebenso in den 80ern verorten wie eine damit einhergehende Wohlstandsverwahrlosung und Konsumkultur. Trotzdem verkennt man das Potential dieser Zeit, wenn man sie nur mit Nena, Boris Becker und Neuer Deutscher Welle assoziiert. Denn im Vergleich zu heute, wo sich viele den reinen Wahnsinn zur Normalität erklären haben lassen, so gab es damals doch einen fundamentalen Unterschied: Wenn auch nicht bei der Mehrheit, so doch bei einer hinreichend großen Anzahl an Menschen – zumindest empfanden wir das so – war die elektrisierende Einsicht vorhanden, dass wir ökologisch, politisch und allgemeinmenschlich einem Abgrund entgegengehen und ein fundamentales Umdenken auf allen Ebenen notwendig ist, wenn wir die Kurve in Richtung einer menschenwürdigen Zukunft bekommen wollen. Den Wahnsinn an den Hörnern zu packen und zu besiegen lag zwar wie ein gewaltiges Stück Arbeit vor der Menschheit, erschien uns aber nur noch als eine Frage der Zeit, als ein schlichtweg unausweichliches Gebot von Vernunft und Humanität.

Niemals hätten wir es uns träumen lassen, dass das Platz greift, was heute zu beobachten ist: Dass eine retardierende Gegenreformation stattfindet, im Zuge derer alle Entwicklungen des Wahnsinns für alternativlos und alles tiefergehende Nachdenken über die Ursachen der globalen Probleme und ihrer Drahtzieher für unstatthaft erklärt werden. Eine Sprecherin der heute in allen Leitmedien präsenten GWUP-/Skeptikerbewegung, die sich auf rein wissenschaftliche Methodik und naturalistische Erklärungen des Daseins beruft, erklärt: „Anstatt manchmal zu akzeptieren, dass die Welt scheiße ist und es Kriege und Krankheiten gibt — und es dafür keinen Grund gibt —, werden Verschwörungstheorien erfunden“ (Quelle: Wired).  Dass einmal eine Nichtwissenwollenschaft die Deutungshoheit übernimmt und sich noch besonders schlau dabei vorkommt, als „akademisch zertifiziertes, aber intellektuell desinteressiertes Diplom-Proletariat“ (Milosz Matuschek) ein Gastmahl der Geistlosen zu veranstalten und einen auf „Generation Doof“ zu machen, nein, das hätten wir ehrlich nicht für möglich gehalten und reiben uns auch immer noch die Augen, ob wir denn das Ganze nicht womöglich einfach nur träumen. Dass unsere Universitäten von Soziologen mittlerweile als schlichte „Entfremdungszonen“ bezeichnet werden, in denen schon junge Menschen in der Blüte ihrer Jahre von Angstzuständen und Burnout geplagt sind (siehe Zeit), von Kindesbeinen an durch Science-Busting und frühkindliches GWUP-Edutainment weitgehend in die Zweidimensionalität plattgehämmert und in eine Weltanschauung zurückkatapultiert werden, wie sie im 19.Jhdt. zu Ernst Haeckels Zeit geherrscht hat, wo man einer naiven mechanistisch-technizistischen Weltsicht gehuldigt hat … und nun mit der gleichen geistlosen Geisteshaltung der digitalen Transformation und der Robotisierung des Menschen entgegenjubelt – wir Kinder der 70er/80er Jahre hätten herzhaft aufgelacht, wenn uns beim abendlichen Zusammensein jemand eine solche groteske Dystopie geschildert hätte.

Als 1983 und 1987 eine bundesweite Volkszählung samt Erhebung privater Daten stattfinden sollte, gab es volksaufstandsartige Tumulte, auf den Straßen herrschte Empörung, da der beginnende Aufbau eines Überwachungsstaats und die Gefahr des gläsernen Bürgers gewittert wurden. Wohlwissend, dass die Einführung eines Bürgerüberwachungssystems in der Geschichte bisher ausnahmslos zu Willkür, Repression und schließlich zu einer Katastrophe geführt hat, bildeten sich innerhalb weniger Wochen mehrere hundert Bürgerinitiativen, die dem Datenhunger der Staatsmacht entgegentraten. „Jeder Vernichtungsaktion ging die Erfassung voraus, die Selektion an der Rampe beendete die Selektion auf dem Papier“, gemahnte der Historiker Götz Aly. Das zivilgesellschaftliche Engagement mit zahlreichen Verfassungsklagen mündete schließlich sogar in einen bedeutsamen legislativen Fortschritt zum Schutz der Privatsphäre. Mit dem sogenannten Volkszählungsurteil vom 15. Dezember 1983 formulierte das Bundesverfassungsgericht das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, das sich aus der Menschenwürde des Art. 1 GG und dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2 Abs. 1 GG ableitet.

30 Jahre später werden die diesbezüglichen Errungenschaften nun quasi über Nacht dekonstruiert und über Bord geworfen. Soeben hat die Merkel-Regierung erst den Bundestrojaner und das lückenlose Ausspionieren der privaten Kommunikation der Bürger beschlossen, bei dem sogar dem ehemaligen Richter und Staatsanwalt Heribert Prantl die Spucke wegbleibt („Man soll nicht bei jeder Gelegenheit von einem Skandal reden. Aber das, was heute am späten Nachmittag im Bundestag geschehen soll, ist eine derartige Dreistigkeit, dass einem die Spucke wegbleibt. Ein Gesetz mit gewaltigen Konsequenzen, ein Gesetz, das den umfassenden staatlichen Zugriff auf private Computer und Handys erlaubt, wird auf fast betrügerische Weise an der Öffentlichkeit vorbeigeschleust und abgestimmt … Der Staat liest mit. Und der Staat kann auch noch am PC das Mikrofon und die Webcam einschalten.“ / Quelle: Süddeutsche).

Doch dass der Staat mitliest, ist für Merkels Maasmännchen und Heimatminister schon wenige Monate später nicht mehr genug. Ein weiteres Gesetz wird auf Schiene gebracht, das Bayern in einen orwell‘schen Präventivstaat verwandeln soll. Die Maasmännchen dürfen die privaten Daten nun nicht nur durchsuchen und speichern, sondern auch willkürlich löschen und VERÄNDERN (!) Als Zugabe dürfen Polizisten ab kommenden Sommer Handgranaten tragen und bewaffnete Drohnen einsetzen.


(Bild: Rubikon/facebook CC 4.0)

Gemäß dem im Juli des Vorjahres mit den Stimmen der CSU beschlossenen Polizeiaufgabengesetz wurde bereits das unbefristete Inhaftieren von Personen ermöglicht, die zwar keinen Straftatbestand begangen haben, aber als „Gefährder“ eingestuft werden (siehe Kommentar von Heribert Prantl in Süddeutscher: „Bayern führt die Unendlichkeitshaft ein“)

Aber auch das ist noch nicht genug und es wird nachgelegt. Laut einem neuen Gesetzesentwurf werden nun auch Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Gefährdern gleichgesetzt. Depressive Menschen sollen künftig nach Regeln, die bisher nur für Straftäter galten, in Krankenhäusern festgesetzt werden können – wiederum ohne dass ein Straftatbestand vorliegt. Heribert Prantl spricht diesbezüglich von einer Mollathisierung des Rechts (siehe sueddeutsche). Wenn man sich ausmalt, nach welchen Kriterien in den Riegen der transatlantisch-außerirdischen Maasmännchen künftig beurteilt wird, wer von uns „gefährlich“ ist und wer nicht, kann einem in der Tat schummrig werden. Der Journalist Dirk C. Fleck, der nach dem Studium der Tagesnachrichten wie eingangs berichtet in Aussicht stellt, Amok gegen eine offensichtlich nicht mehr zurechnungsfähige Regierung zu laufen – ein typischer Gefährder? Oder der unten noch zitierte Ulrich Mies: ein noch schlimmerer Finger und Wehrkraftzersetzer? Eigentlich ist es ja gar nicht Dirk C. Fleck, von dem Amokgefahr ausgeht, sondern es ist ein offensichtlich vollständig durchgeknalltes Regierungskabinett, das gerade Amok gegen die Interessen der Bürger und gegen den Weltfrieden läuft. Reisegesellschaften wären aus haftungsrechtlichen Gründen jedenfalls gut beraten, wenn sie in ihren Prospekten für Bayern eine Reisewarnung ausgeben. Wenn die Reisegesellschaft gerade in der straßenseitigen Laube eines Eissalons sitzt und ein mit Handgranaten bekränzter Polizist marschiert auf Augenhöhe vorbei … wenn dann plötzlich, was ja auf deutschem Boden keinesfalls mehr unrealistisch ist, ein Lieferwagen hält und schwarze Männer mit Teppichmessern herausspringen oder plötzlich ein motorisiertes Objekt in der Fußgängerzone beschleunigt … wenn dann der Polizist eine seiner Handgranaten einsetzt, um noch schlimmeres Unheil abzuwenden und die Gefährder gemäß Dienstvorschrift zu neutralisieren, nun, welche Versicherung wird den Schaden decken, wenn es dann als Kollateralschaden auch den Eiscafe-Shake des Tui-Touristen zerfetzt und er sich seine khakifarbene Tommy Hilfiger-Jean nicht nur mit brauner Flüssigkeit bekleckert?

Wie auch immer. Eigentlich könnten die aktuellen Ambitionen unserer Obrigkeit genauso wie bei den Volkszählungsinitiativen der 80er Jahre einen willkommenen Anlass geben, um solche Macht- und Überwachungsgelüste kräftig zurückzustutzen und einen für die technologischen Möglichkeiten des Informationszeitalters angemessenen, noch drastisch verstärkten Schutz der Privatsphäre und des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung legislativ zu verankern. Krasser und in seiner Gefährlichkeit für Demokratie und Rechstaat offenkundiger als mit den aktuellen Gesetzesentwürfen kann sich der grundrechtswidrige Affront ja gar nicht zeigen – wäre also quasi ein aufgelegter Elfmeter, um im Sinne des Bürgers zu punkten. Ebenso wie jetzt die beste Gelegenheit wäre, um Kriegstreiberei in Europa endgültig als NoGo zu ächten (siehe Heimatflug der transatlantisch-außerirdischen Maasmännchen). Welch bessere Gelegenheit gäbe es, um daran zu erinnern, dass der Bürger ja der Souverän des Staates ist und ihm alle Staatsmacht zu dienen hat und sich selbige Macht nicht zu einem repressiven Moloch auswachsen darf, der in der Folge alle Bürgerrechte verschlingt und sich damit auf historisch äußerst unselige Gleise begibt.

Was macht heute aber die überwältigende Mehrheit der Gwupie-Nerds? Ganz nach dem Vorbild von China basteln die technikbegeisterten Freunde Sheldon Coopers nach Leibeskräften mit an der totalen Überwachung. Dank ihrer unermüdlichen Entwicklungsarbeit hat biometrische Gesichtserkennung auch auf Videosequenzen mittlerweile einen ungeahnten Grad an Professionalität erlangt. Bereits während der G20-Proteste konnte die Hamburger Polizei damit die Menschenmenge nach mutmaßlichen Gefährdern durchforsten oder umgekehrt: die elektronischen Datenbanken mit neuen, von nun an als potentiell gefährlich eingestuften Gesichtern bereichern. In autoritären Regimen wie Myanmar werden solche – tw. durch deutsche Konzerne wie Siemens gelieferte – Systeme übrigens schon seit Jahren höchst effektiv genutzt, um Bürgerrechtsbewegungen im Keim zu ersticken: Kaum gab es eine Demonstration gegen staatliche Korruption und Repression, fuhren Autos mit Kameras an den Menschen vorbei und scannten alle Gesichter der Demonstrierenden (heute übernehmen diese Aufgabe vermutlich Drohnen). Noch am selben Abend bekamen die hierbei erfassten Gesichter „Besuch“ von grauen Männern, die sie abführten. Viele verschwanden für immer oder kehrten mit schweren Folterwunden zurück.

Was die Gwupies in demokratisch-freiheitlichen Gefielden hierzulande dazu treibt, solche Überwachungssysteme zu entwickeln, mag sich mancher fragen. Die Wochenzeitung gibt uns einen Einblick in deren Motivlage:

„Diese sogenannte Augmented-Reality-Brille [zur automatisierten Gesichtserkennung] nennt sich «Hololens» und ist das neuste Spielzeug von EntwicklerInnen und Zukunftsbegeisterten. «Das Ganze hat als Jux angefangen», erinnert sich Cubera-Entwickler Dominik Brumm. Man habe einfach ausprobieren wollen, was mit gängigen Technologien möglich sei.“

Zurück aber nochmals in die 80er Jahre, als das zivilgesellschaftliche Immunsystem noch einigermaßen gesund war. Auch der Spiegel galt damals noch als „Sturmgeschütz der Demokratie“ und nicht als Dampfwalze der Dämlichkeit, wie das der Eifelphilosoph treffend feststellt. Als solches „Sturmgeschütz der Demokratie“ klärte der Spiegel noch bis zur Milleniumswende über „Kriege, die aus dem Think Tank kommen“ auf und über die „bizarren und schockierenden“ Pläne von PNAC & Co. (Project for a New American Century) rund um Dick Cheney & Konsorten, die sich daranmachten, der europäischen Friedensordnung mit kaltem Kalkül den Garaus zu bereiten und Europa in eine von Terror und kriegerischen Konflikten zerrüttete und unter „full spectrum dominance“ stehende Vassallenprovinz des transatlantischen Hegemon umzubauen (siehe auch in Kurzform die mittlerweile ganz unverblümt auf Pressekonferenzen verkündete Vision der Neocon-Falken für das zukünftige Europa: Chicago Council on Global Affairs via Youtube) – Themen, die dem DIN-ISO-zertifizierten Qualitätsjournalisten heute ein absolutes NoGo sind und umgehend als Verschwörungstheorie gebrandmarkt würden. Spiegel-Aufklärung, die damals aber noch breiteste Leserschichten erreicht hat, sodass nicht nur unter der Zivilgesellschaft, sondern ebenso unter Spitzenpolitikern wie Brandt, Bahr, Genscher, Schmidt und Kohl trotz aller transatlantischen Einflussnahmen doch ein einigermaßen solides Selbstverständnis und vor allem ein Bewusstsein für die Vermittlerrolle Mitteleuropas zwischen Ost und West und für die zukunftsweisende Wichtigkeit einer Freundschaft mit Russland geherrscht hat. Entsprechend konnte das Land auch wirtschaftlich und kulturell prosperieren, ein Sozialsystem konnte entstehen, auf das jeder US Bürger nur neidisch sein kann. Dass die Bundesrepublik einmal wirklich von einer Schar schamloser Maasmännchen im Sinne des PNAC „abgewickelt“ wird und dass sogar der Chef der Grünen (in den 80ern noch eine Friedenspartei) Mitglied des PNAC wird, der unablässig zur Konfrontation mit der Nuklearmacht Russland trommelt (siehe Nachrichtenspiegel), das hätte sich damals niemand träumen lassen.

Mit einem PNAC-Boy und einer Atlantikbrücken-Cheerleaderin an der Parteispitze darf es dann auch nicht wundern, wenn in der einstigen Friedenspartei nun vollends die Lichter ausgegangen sind. Die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Grünen-Politikerin Antje Vollmer schildert in einem jüngsten Interview, welcher Wind heute weht:

„Wer sich für Mäßigung im Umgang mit Russland einsetzt, wer gar Fehler auf der eigenen Seite, im eigenen Lager, offen anspricht, muss sich warm anziehen.  (…)  Als Pazifistin und Befürworterin einer modernen Entspannungspolitik sind Sie innerhalb der Grünen heute ein Alien von einem fernen Stern.  (…)  Was wirklich fehlt, ist die Kraft auf der Straße. Um ein Beispiel anzuführen: Als es die jüngsten Angriffe der amerikanischen, britischen und französischen Bomber auf Ziele in Syrien gab, hatten die Grünen ihren Kongress in Berlin zur neuen Standortbestimmung und zum Einläuten der „vierten Phase“ ihrer Parteientwicklung. Frühere Grüne hätte es sofort auf die Straße getrieben: Beendet das Bombardement! Beachtet das Völkerrecht! Aber dieser Kongress tanzte und tagte weiter.“ (Quelle: nachdenkseiten / siehe auch Nachrichtenspiegel: „SOS im Grünen Buntbarsch-Aquarium – die Sauerstoffpumpe ist ausgefallen … und mein Schwein pfeift!“)

Noch bis vor Kurzem habe ich gedacht, der Politikwissenschaftler Ulrich Mies übertreibt, wenn er in einem Essay auf Rubikon von einer Merkel-Regierung spricht, die als illegitimes selbstinstalliertes Konzern-Regime der administrative Putsch-Part einer verfassungsfeindlichen Oligarchenherrschaft ist, nichts anderes als: ein antidemokratisches Krebsgeschwür … das alle maßgeblichen Positionen in Parteien, Regierungsinstitutionen und Medien kontaminiert. Sie hält das Land im Zangengriff und metastasiert ihren widerwärtigen marktradikalen Ungeist — als Ökonomisierung — in alle Bereiche der Gesellschaft  (…)  eine Regierung, die auf alle Grundsätze spuckt, die für ein halbwegs funktionierendes demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, die der Öffentlichkeit täglich ihre Verachtung zeigt, Amtseide, Recht und Gesetz beiseite schiebt, die Gewaltenteilung massakriert und sich längst als rechtsnihilistisches, machiavellistisches und sozialdarwinistisches Regime etabliert hat.“

Ich habe diese Zeilen immer wieder zitiert, aber sie insgeheim doch für Satire gehalten und dazu geschmunzelt. Wenn ich wie Dirk C. Fleck nun die Zeitungsmeldungen der letzten Wochen studiere, dann drängt sich mir der erschütternde Verdacht auf, dass diese Charakterisierung von Ulrich Mies womöglich buchstäblich wahr ist und mein Schmunzeln weicht einem Gesichtsausdruck, wie ihn vermutlich auch die Insassen der Titanic gehabt haben müssen, als sie merkten, dass sie trotz der immer lauter spielenden Musikkapelle in einem erbarmungslosen Strudel versinken und sich Richtung Meeresgrund bewegen.

Nachsatz:

– So, eigentlich wollte ich ja eine kleine nostalgische Kulturreise antreten und über Mike Oldfield schreiben und jetzt bin ich doch wieder im Strudel des Tagesgeschehens hängengeblieben. Nun, man darf die Sogwirkung dieses Strudels wahrlich nicht unterschätzen und man muss alle verbliebenen Kräfte aufwenden, wenn man sich von ihm befreien und nicht von ihm verschlungen werden will. Mehr dazu dann aber in Teil 2 – versprochen. Keine Miesmacherei, keine suizidalen Bundeskanzlerinnen und keine durchgeknallten Maasmännchen mehr, sondern eine „Discovery“ (Entdeckungsreise), so der euphorische Titel von Mike Oldfields Hit-Album aus 1984, das seinerzeit eine ganze Generation begeistert und inspiriert hat. Oldfield war es wichtig, im CD-Inlet kurz anzumerken, unter welchen Umständen er den Genius zu diesem Album geschöpft hat:  „Aufgenommen in den Schweizer Alpen, in 2000 Metern Höhe, an sonnigen Tagen“. – Vielleicht können wir diesem Genius auch heute wieder begegnen und in diesen unseligen Tagen, in denen uns sogar vom Fortschritt überzeugte Realos wie Sigmar Gabriel „am Abgrund“ sehen (Quelle: nzz), ein Stück Inspiration finden, um die kommende Dunkelheit geistig unbeschadet zu überstehen. Vielleicht ist uns Oldfields Genius heute sogar näher als jemals zuvor … und klopft bereits an unsere Tür.

Was wir jedenfalls auch in schwarz bewölkten Zeiten niemals vergessen sollten (von der politisch-medialen Lügen-/Manipulationsmaschinerie werden ja derzeit auf offener Straße en masse Autoreifen abgebrannt, deren beißender schwarzer Rauch mittlerweile fast den gesamten Himmel verdunkelt; Peter Sloterdijk spricht davon, dass heute der „Lügenäther“ so dicht sei wie zu Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr):  Oberhalb der tristen Wolkenschicht scheint trotzdem immer die Sonne. Sich aus eigener Kraft und auf ganz individuelle Weise immer wieder durch die Wolken hindurch und zu dieser Sonne emporzuringen, wird für die kommende Zeit nichts mit Eskapismus zu tun haben, sondern mehr mit schlichter Überlebensnotwendigkeit.

zum Weiterlesen:

„When I think of all the good times that I’ve wasted” – Teil 2: Es regiert: Der Herr des Hasses … und das Erwachen des Schläfers

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