Journalismus

Das Schlachtschiff der Süddeutschen feuert weiteren Torpedo auf die Zivilgesellschaft ab …

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„Die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.“
(Peter Sloterdijk)

In einer Zeit, in der es nicht nur für Whistleblower auf der ganzen Welt kaum noch einen sicheren Ort gibt und sogar bei Kabarettisten und Karikaturisten umgehend der Kopf rollt, wenn sie sich nicht an die vom „rülpsenden Konsensmoloch“ (©Wolf Reiser) verordnete Political Correctness halten, haben Milosz Matuschek und Gunnar Kaiser einen Appell für freie Debattenräume und gegen Cancel Culture veröffentlicht:

„Absagen, Löschen, Zensieren: seit einigen Jahren macht sich ein Ungeist breit, der das freie Denken und Sprechen in den Würgegriff nimmt und die Grundlage des freien Austauschs von Ideen und Argumenten untergräbt. Der Meinungskorridor wird verengt, Informationsinseln versinken, Personen des öffentlichen und kulturellen Lebens werden stummgeschaltet und stigmatisiert.

Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral. Stammes- und Herdendenken machen sich breit. Das Denken in Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten bestimmt die Debatten – und verhindert dadurch nicht selten eine echte Diskussion, Austausch und Erkenntnisgewinn. Lautstarke Minderheiten von Aktivisten legen immer häufiger fest, was wie gesagt oder überhaupt zum Thema werden darf. Was an Universitäten und Bildungsanstalten begann, ist in Kunst und Kultur, bei Kabarettisten und Leitartiklern angekommen (…)“
(ganzer Appell und Unterschriftenliste siehe https://idw-europe.org/ )

Wer denkt, dass in einer Zeit zunehmender Gesinnungsdiktatur nun jeder Vertreter der schreibenden Zunft aufatmen und diesen couragierten Appell freudig unterzeichnen wird, hat leider weit gefehlt. Erwartungsgemäß dauerte es nicht lange, bis die angesprochenen Meinungswächter-Institutionen standesgemäße Vertreter losschicken, um jene Ketzer wider die Polical Correctness einer Inquisition zu unterziehen. Abgefeuert wird der Torpedo wieder einmal von einem der üblichen Zerstörer, die die Hoheit über die neoliberalen Gewässer sichern: Der Südtäuschen Zeitung (siehe sueddeutsche.de).

Für das Rettungsschlauchboot, auf das der SZ-Torpedo nun zurast und an das sich zahlreiche kurz vorm Ertrinken stehende Freigeister klammern, stehen die Chancen schlecht. Auch wenn es wieder einmal billiges Schießpulver bzw. Niespulver ist, mit dem dieser Torpedo gefüllt ist und ein rostiger Propeller, der ihn antreibt – aber seine Reichweite ist enorm. Kaum jemand, der von einem solchen Torpedo bisher ins Visier genommen wurde, konnte ihm entkommen. Aber vielleicht schaffen wir es ja, ihn rechtzeitig zu entschärfen, bevor er detoniert. Auch auf die Gefahr hin, dass wir dabei nass werden.

Es ist wirklich ziselierter Verknorksungsgewinde-Schampus vom Feinsten, mit dem die guten & gernen SZ-Journalisten Philipp Bovermann und Felix Stephan da einen für die freie Zivilgesellschaft eigentlich überlebenswichtigen Appell zuzuschäumen versuchen. Noch bevor dem SZ-Leser erklärt wird, was an dem Appell von Matuschek und Kaiser so verwerflich sei, wird in den einleitenden Sätzen der Gegenschrift sogleich vorausgeschickt, dass der Appell „obskur“ und „alarmistisch“ sei. Also Vorsicht. Obskuriantismus und Alarmismus sind in einer Welt, die vom Guten, Gernen und obendrein Alternativlosen geleitet ist, doch bekanntlich Untugenden allerhöchsten Grades. Wir könnten uns jetzt ganz entspannt der digitalen Transformation und dem bereits am Horizont ersichtlichen strahlenden Paradies anheimgeben (siehe „Auf die Knie vor Gott KI“), und da wollen tatsächlich ein paar Querköpfe – jetzt hätte ich fast ‚Querdenker‘ geschrieben und wäre damit schon ins Fettnäpfen getreten, aus dem man mich nicht mehr herausließe – auf Alarmismus machen? Wie uncool.

Zum Glück wird dieser Alarmismus von den SZ-Qualitätsjournalisten auch sogleich professionell in die Schranken gewiesen:

“Die alarmistische Theatralik … es natürlich zur Freiheit der Veranstalter und Buchhändler gehört, ihre Programme und Sortimente so zu gestalten, wie es ihnen beliebt. … Die Urheber der deutschen Variante sind allerdings bekannte Köpfe der rechtskonservativen Infosphäre, zu deren Beruf es gehört, hinter jeder Ecke politische Korrektheit und Moralterror zu vermuten und sich umstellt zu fühlen von linksradikaler Gesinnungsinquisition.”

Weiteres Highlight aus der SZ-Gegenschrift: Die von Matuschek und Kaiser kritisierte Entfernung von politisch inkorrekten Karikaturisten sei gar keine Zensur.

„Die „zensierten Karikaturisten“ beziehen sich möglicherweise auf den Fall des ehemaligen SZ-Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der heute an anderer Stelle publiziert, also keineswegs zensiert wurde.“

Nun, dann ist ja alles in Butter. Wer nach politisch inkorrekter Meinungsäußerung abmontiert wurde, der kann ja – anderswo publizieren. Verstehe auch nicht, was Uwe Steimle für ein Problem mit seinem Rauswurf beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk MDR hat. Er kann ja jetzt anderswo auftreten. Wir leben doch in einem freien Land, wo jeder machen kann was er will.

Überhaupt fordere der Appell „nichts ein, das es nicht schon gäbe“. Und es nach Ansicht der Qualitätsjournalisten „natürlich zur Freiheit der Veranstalter und Buchhändler gehört, ihre Programme und Sortimente so zu gestalten, wie es ihnen beliebt.“ Tja, was soll man diesen entwaffnenden Argumenten noch entgegensetzen?

Wenn der Appell also nichts enthält, was es „nicht schon gäbe“, warum stört sich dann ein Medienkonzern wie die SZ daran? Und lässt wertvolle Humanressourcen dafür aufwenden, um die zahlreichen Mitunterzeichner des Appells telefonisch zur Rechenschaft zu ziehen, warum sie ihn unterschrieben hätten. Dass der solcherart zur Rechenschaft gezogene Soziologe Hartmut Esser am Telefon erwidert, dass durch eine solche Frage der Vorwurf des Appells bestätig werde, dass inzwischen das Prinzip der „Kontaktschuld“ gelte, wird von den SZ-Journalisten mit Unbill konnotiert. Auch dass „die meisten Anfragen der SZ indes unbeantwortet blieben“. Umso mehr freut die investigativen Journalisten, dass der Filmemacher Alexander Kluge, nachdem er zur Rechenschaft gezogen wurde, nun beabsichtigt, seine Unterschrift wieder zurückzuziehen.

Auch das Totschlagargument, dass es „Rechte“ seien, die von einer Öffnung der Debattenkultur profitieren würden, darf nicht fehlen.

Über die beiden SZ-Qualitätsjournalisten, die hier die hohe Kunst des „Debunking“ zum Besten geben, würde Spiegel-Chefredakteur Ullrich Fichtner wohl Ähnliches sagen wie über seinen Redaktionshelden Relotius:

„Dieser Relotius liefert immer wieder hervorragende Geschichten, die wenig Arbeit und viel Freude machen. … Relotius ist ein besonders wertvoller Mitarbeiter … Er beherrscht die Form. Mit Witz. Und Tempo. Insgesamt ein Typ, dessen Eltern man gratulieren möchte zu ihrem gelungenen Sohn … Er nimmt Hinweise dankbar auf, verarbeitet Verbesserungsvorschläge in perfekter Manier, er setzt um, was Ressortleiter ihm raten.“ (Quelle: Spiegel).

Nach Aussage des Spiegel-Chefredakteurs sei Relotius „ein journalistisches Idol seiner Generation“. Nun, wie man sieht, mangelt es in der Tat nicht an Nachwuchstalenten, die die vorgenannten Qualitäten mitbringen.


 

P.S.:

Mancher mag sich ja die Frage stellen, wozu man denn jahrelang eine Journalistenschule besuchen muss, um dann Artikel schreiben zu können. Es beherrscht doch bereits jeder Schulabsolvent die Kulturtechnik des Schreibens und Sich-Artikulierens – und wie unzählige alte, junge und sogar sehr junge Schreiber in Zeiten des World Wide Web beweisen, oft in sehr viel erhellenderer und erfrischenderer Weise als die Absolventen sogenannter Journalisten-Akademien, die nach Erhalt ihres Diploms bei einem der etablierten Leitmedien angeheuert haben und dort in Sloterdijk’scher Manier ihr Handwerk verrichten.

Doch diese Frage ist genauso naiv wie wenn man meinte, dass man doch auch als Prostituierte keine Ausbildung brauche, sondern sogleich „loslegen“ könne. Denn man unterschätzt den Feinschliff und die Professionalität, die man sich als angehender Vertreter der schreibenden Zunft an solchen Akademien aneignet. Man ist nach solcher Ausbildung wirklich in der Lage, nicht nur mit Worten zu jonglieren wie ein Artist mit bunten Eiern, sondern man kann ebenso wie ein Hütchenspieler Wahrheit und Lüge dermaßen geschickt durcheinanderwirbeln, dass jeder ungeübte Passant, der diesem Spiel zuzieht, passen muss. Unter welchem der präsentierten Hütchen sich nun was befindet, weiß einzig der Jongleur.

Und der Jongleuer weiß auch, dass er sein Publikum nicht mit dilettantischem Betrug bzw. plumpen Lügen zum Narren halten kann. Die Kunst, die er präsentiert, muss schon ein gewisses Niveu und Unterhaltungswert haben. Sonst würde ihn das um ihr Geld betrogene Publikum mit nassen Tüchern davonjagen. Wer dem Publikum jedoch die notwendige Eloquenz und Raffinesse entgegenbringt – erhält Applaus und Bewunderung.  

Die ehemaligen Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Klinkhammer und Bräutigam haben das probate Rezept, mit dem der Medienkonsument gewonnen werden kann, bereits enthüllt: Durch eine wohlabgewogene Mischung aus Wahrheit und Falschinformationen:

<< Wenn ein Sender zu offensichtlich und zu ausschließlich die Unwahrheit sagt, fällt das irgendwann selbst dem Dümmsten auf. Der hört auf, dem Informanten zu vertrauen, schaltet ab und entzieht sich so weiteren Manipulationsversuchen. So ungeschickt verhält sich die ARD natürlich nicht. Sie möchte nachhaltig und möglichst unbemerkt verdummen. Sagen Sie nicht „Die Erde ist eine Scheibe“, sondern „Die Erde ist rund und Mittelpunkt unseres Sonnensystems“. Dann verleiht der richtige erste Halbsatz dem zweiten mehr Glaubwürdigkeit. Wussten Sie übrigens: Russland ist das größte Land der Erde und hat 2014 die Krim gewaltsam annektiert? >>

Ich habe im Nachgang noch kurz zu Philipp Bovermann, dem Autor  des vorgenannten SZ-Pamphlets recherchiert. Auf seiner SZ-Autorenseite ist über ihn zu lesen:

„… Seit 2016 an die SZ angedockt, zunächst als freier Autor. Geistert inzwischen als Volontär durch das Haus und die Themengebiete.“

Dieser Geisterfahrer geistert nun also als Volontär durch das Haus. Seit vier Jahren hat er schon angedockt und immer noch keine Festanstellung. Es mag sein, dass das Wort Volontär in der journalistischen Zunft eine andere Bedeutung hat. Aber in der Branche, in der ich tätig bin, ist ein Volontär jemand, der gratis oder gegen ein geringfügiges Taschengeld im Betrieb „schnuppert“ und Erfahrung sammeln darf. In einer Zeit, in der sich der Status und das Selbstbewusstsein eines Menschen wesentlich an seinem Einkommen bemisst, verdingt sich natürlich niemand wirklich gerne als Volontär. Trotzdem legen Volontäre oft mehr Fleiß an den Tag als Mitarbeiter mit Festanstellung. 40 – 60 Stundenwochen für Null oder einige wenige hundert Euro sind dabei keine Seltenheit. Viele Volontäre wohnen noch bei Mutti, können sich also ein Nulleinkommen leisten. Sie machen diese Schinderei auch nicht aus karitativen Motiven, sondern wissen: Wenn sie sich geschickt anstellen und die Erwartungen der Abteilungsleitung erfüllen, dann winkt vielleicht eine Festanstellung.

Könnte es sein, dass der Geisterfahrer Philipp in Zeiten von Prekariat und existenzieller Verunsicherung vielleicht auch eine Festanstellung anstrebt?

Foto: Torpedo/Pixabay/CC0


zum Weiterlesen (Nachrichtenspiegel):
Neulich mal wieder den Gulli-Deckel hochgehoben: Über Südtäusche Wasserleichen im Relotius-Narrenspiegel

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Ergänzung 06.09.2020, 12:10:

Auch der gute & gerne Jan Böhmermann hat sich mittlerweile in die Debatte eingeschaltet. Im Tagesanzeiger vom 06.09.2020 bezeichnet er „Cancel Culture“ und „Politische Korrektheit“ als „dümmliche Kampfbegriffe“. Ein Aufstehen gegen Cancel Culture hält er für entbehrlich. Ja wirklich, wo kämen wir denn hin, wenn wir einen politisch korrekten Sumpf, von dem Leutchen wie er maximal profitieren und Meriten ernten, nun trockenlegen?

 

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Ergänzung 07.09.2020, 11:50:

Stellungnahme / Interview mit dem Initiator des Appells, Milosz Matuschek
(Auszug):

Denn wir sehen ja in den USA, dass es da schon gar nicht mehr um wirklich problematische Persönlichkeiten geht, sondern dass inzwischen wirklich in der kleinsten Differenz darauf geachtet wird, dass man ganz genau den Ton der herrschenden Orthodoxie trifft.
(…)
Denn dann geht das in Richtung einer Art von „Omertà“ im Sinne eines Schweigens, dann ist quasi eine Art von Meinungskartell gegeben. Und ich finde, Aufgabe eines jeden Journalisten, eines jeden Künstlers muss es sein, diese Art von Konformitätsdrang zu zerstören und zu überwinden. Deshalb wollen wir mit unserem Appell auch das unselige Phänomen der Kontaktschuld abschaffen.
(…)
Der Cancel Culture geht es um das Gegenteil. Sie will Diskussionen unterbinden. Das heißt wir befinden uns an einem Punkt, wo Kommunikation tatsächlich nicht mehr gelingt, wo wir einen Kollaps der Kommunikation erleben. Und diese Situation ist für eine offene, freie Gesellschaft nicht mehr erträglich, denn wir alle können als Bürger nur Entscheidungen treffen, wenn wir Zugang zu Informationen haben. Dazu gehört eine Kabarettdarbietung, dazu gehören Bücher, Zeitschriften, dazu gehören auch Enthüllungen von Whistleblowern, von Organisationen wie z.B. Wikileaks. Wir sind heute in einer Situation, wo wir am Ende nicht mehr Diskussionen, nicht mehr Informationen haben werden, sondern weniger, und das öffnet letztendlich einer Emotionalisierung und auch einer Manipulation Tür und Tor.
(…)
Jeder kann betroffen sein. Es trifft ja inzwischen auch Künstler, Intellektuelle, die bisher „unverdächtig“ waren. Insofern erleben wir gerade eine Art von Kannibalisierung dieses Phänomens, die Revolution frisst sozusagen ihre Kinder.
(…)
Das Ganze ist als Wohnzimmeridee entstanden, zwischen dem YouTuber Gunnar Kaiser und mir. Vor ungefähr zehn Tagen habe ich zunächst angefangen, auf gofundme.com für diese Aktion zu sammeln. Die Idee war ursprünglich, eine Art Fonds einzurichten für gecancelte Künstler sowie für Künstler, die aus Solidarität ihre Teilnahme an Veranstaltungen absagen, die andere Künstler canceln. In solchen Situationen gibt es meist eine Diskussion, die letztendlich dazu führt, dass der Künstler ausgeladen wird. Die Institution ist beschämt, von den wahren Verantwortlichen hört man nicht viel, und die Canceller selber sind anonym. Das heißt, alles bleibt letztendlich am Künstler hängen und niemand solidarisiert sich offen. Auf diese Weise ist eine Art Anreizsystem für das Canceln entstanden. Und wir wollen das einfach umdrehen. Wir wollen, dass in der Zukunft Mut belohnt wird und nicht Feigheit, und dafür war eben diese Idee des Fonds ausschlaggebend, die wir nach wie vor verfolgen.
(…)
Ansonsten haben wir inzwischen einen massiven Zugewinn, eine massive Resonanz. Man muss sagen, wir sind am 28.08., Freitagnachmittag mit dem Appell ‚live‘ gegangen und haben inzwischen über 10.000 Unterzeichner in der Backlist, darunter auch noch etliche europäische und andere Prominente, die wir dann am 25. September alle veröffentlichen wollen. Und auch sonst konnten wir quer durch die Bank sehr viele Unterstützer aus der Gesellschaft gewinnen, vom LKW-Fahrer, von der Reinigungskraft über den Professor bis zum ehemaligen Universitätspräsidenten. Auch diese Berufsgruppen sind ja betroffen, ein Leiter des Goethe-Instituts ist mit dabei, viele Schriftsteller, Künstler, Kabarettisten. Insgesamt ist die Aktion also ein Erfolg.

volles Interview: https://www.novo-argumente.com/artikel/jeder_kann_von_der_cancel_culture_betroffen_sein



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