Alltagsterror

„Wie ein Stück Scheiße …“

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Im einem gerade viral gegangenen und auch gleich wieder vom Netz genommenen Video erklärt ein Bauarbeiter, worum es heute am Bau geht: „schnell, schnell, schnell und Hauptsache noch schneller und noch mehr in noch kürzerer Zeit“. Auch wie es dem Menschen selbst dabei geht, fasst er in einem Satz zusammen: „Behandelt wird man mittlerweile wie eine Nummer, wie ein Stück Scheiße im Prinzip.“ Es fehle an gesellschaftlichem Zusammenhalt, gegenseitiger Achtung und Respekt vor der Arbeit. Es werde gepfuscht, was das Zeug halte. Hausverstand sei auch bei Handwerkern „mittlerweile total im Keller“. In einem Forumskommentar bestätigt ein anderer Handwerker diese Beobachtung:

„Ich kann dem Mann nur recht geben. Ich arbeite seit 45 Jahren auf dem Bau als Maler und Verputzer. Die Handwerkerehre die es früher einmal gab existiert nicht mehr. Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal. Es wird nur noch gehudelt, Ignoranz und Unfähigkeit greifen immer mehr um sich. Sorgfältiges und genaues Arbeiten sind nicht mehr gefragt, Hauptsache der Pfusch wird schnellstmöglich fertig. Spaetfolgen durch mangelhafte Ausführung unter Zeitdruck interessieren keine Sau mehr. Die Bezahlung fuer die Art von Arbeit die wir machen müssen unter oftmals widrigen Wetterbedingungen ist im Vergleich zu weit weniger körperlich belastenden Taetigkeiten schlecht. Aber ich denke das raecht sich in kurzer Zeit. Nachwuchs gibt es kaum noch und demnächst gehen die älteren Fachkräfte in Rente oder sterben aus. Irgendwann werden dann die Bauherren ihre Wohnungen mal selbst bauen müssen. Das Resultat von langjähriger härter Arbeit ist dann zum Schluss noch eine Mindestrente, durch die man gezwungen wird seine alten Tage in Rumänien oder Kasachstan zu verbringen, nachdem man etliche Luxuswohnungen fuer andere Leute gebaut hat. Wie schon gesagt, die Gesamtsituation wird sich schon bald negativ bemerkbar machen aus Gründen die sich jeder halbwegs logisch denkende Mensch ausmalen kann. Und es ist höchste Zeit dafür.“

Als ich diese Zeilen lese, muss ich an die Zeit denken, wo ich mich als Student selbst am Bau verdingt habe, bevor ich dann zum Bürohengst wurde. Das ist jetzt schon fast drei  Jahrzehnte her, aber schon damals habe ich ein paar seltsame Beobachtungen gemacht. Ein Vorarbeiter brachte mir in Kürze die wichtigsten Regeln bei, um am Bau zu überleben. Z.B. dass man, wenn man auf eine Leiter klettert, auf keinen Fall seinen Akkuschrauber oder sonstiges Werkzeug am Boden liegen lassen solle. Denn es könnte sein, dass ein Arbeiter einer anderen Firma, der gerade vorbeigeht, das Werkzeug mitgehen lässt. Er selbst habe auf diese Weise schon mehrere Akkuschrauber eingebüßt, als er nur für wenige Augenblicke unaufmerksam war. Schon ging’s zur Tat, in einem Bürokomplex waren Zwischenwände samt Elektro- und Wasserverrohrung zu installieren. Ruck zuck ging das. Nachdem das Wasser angeschlossen war, zeigte sich, dass die Leitung leckte, der Hanf der Rohrfittinge war scheinbar schlecht gewickelt und ein fingerdickes Rinnsal bahnte sich seinen Weg in den Unterboden. Für eine Reparatur war keine Zeit mehr, es war wenige Minuten vor Feierabend und alle wollten zum UEFA-Cup Semifinalspiel rechtzeitig daheim vorm Bildschirm sitzen. „Zumachen!“, war die Anweisung des Bauleiters, womit er uns anwies, schnell die Rigipsplatten auf die mit Tellwolle ausgestopften Aluständer der Leichtbauwand zu spaxen. Und weg war es, das Rinnsal. Aus den Augen, aus dem Sinn. Eine Schimmelsanierungsfirma wird sich an dieser Büroetage vermutlich eine goldene Nase verdient haben.

In einer Werkstatt las ich einmal ein Wandschild:

„1. Theorie ist, wenn man alles weiß, aber nichts klappt.
2. Praxis ist, wenn alles funktioniert, aber keiner weiß warum.
3. An diesem Ort sind Theorie und Praxis vereint:
Nicht klappt und keiner weiß warum.“

Lehrsatz Nr.1 war für mich als Studentengipskopf nichts Neues, sondern täglich an der Uni erfahrbare Realität.

Über Lehrsatz Nr.2 wusste ich nach meinem Baupraktikum dann also auch Bescheid.

Wenn ich mich heute so umschaue, egal ob bei unserer akademischen Intelligenzia oder beim scheinbar bodenständigen Handwerk, habe ich inzwischen den Verdacht, dass wir uns definitiv Stufe 3 annähern: Der Synthese aus Theorie und Praxis.
– Wir werden also gerade Trauzeugen einer Ehe von Theorie und Praxis, wie sie der Vorstellung unserer neoliberalen, „wissenschaftlich“-aufgeklärten Religion entspricht: dem marktradikalen Nihilismus.

 


Mal im Ernst:
Ganz so beknackt ist es natürlich nicht überall zugegangen, wo ich in die Welt der Handwerker eintauchen durfte. Im Gegenteil: Ich habe dort Menschen kennengelernt, die mir bis heute in nachhaltiger Erinnerung geblieben sind, weil sie unter teilweise unmöglichen Arbeitsbedingungen und Druck von oben wirklich Rückgrat und kollegialen Zusammenhalt bewiesen haben. In den Arbeitspausen erzählten mir diese Arbeiter, wie es unter den zunehmenden Anforderungen und Arbeitszeiten eigentlich fast unmöglich sei, ein geregeltes Familienleben zu führen. Ich solle, falls ich einmal als Akademiker die Möglichkeit habe, ein Wort für sie einlegen und diese Zustände ändern. Ich dachte zunächst, die wollen mich als 19jährigen Grünschnabel auf die Schaufel nehmen und reagierte mit Lachen. Merkte dann aber am ernst bleibenden Gesichtsausdruck meines Gegenübers, dass ihm nicht zum Scherzen zumute war und er das durchwegs ernst gemeint hatte. Nach vier Wochen Schichtarbeit verstand ich dann, was er ausdrücken wollte.

Wenn ich mich heute so umsehe und umhöre, dann finde ich es unglaublich schade, dass gerade im Handwerksbereich jetzt auch Vieles in Erosion gerät. Auch wenn heute die meisten einen Büroarbeitsplatz anstreben, bei dem man sich vermeintlich wenig anstrengen muss: An sich könnten die heute so verschmähten Handwerksberufe die schönsten Berufe sein – wo hat man es heute schon noch mit etwas Echtem, Greifbarem, Realem zu tun? Die meisten von uns sitzen nur noch vor dem Bildschirm und verrichten Tätigkeiten, die von Soziologen mittlerweile als Bullshitjobs bezeichnet werden. Es vergeht kaum eine Stunde oder auch nur eine Minute, in der  wir nicht an irgendeinem digitalen Eingabegerät hängen. Das Ergebnis des Tagewerks: Man hat LED-Pixel am Bildschirm verschoben, die dann ins digitale Nirwana abgesaugt werden und verlöschen.

So wie das einmal im Zuge einer Adbusting-Aktion in der Londoner U-Bahn plakatiert wurde (die Fotos wurden inzwischen aus dem Netz entfernt – in Zeiten von maaslosen Netzwerkdurchsetzungsgesetzen wohl aus Gründen der Abwehr von Wehrkraftzersetzung):

«Wie kann man auch nur ansatzweise von Würde in der Arbeit sprechen, wenn man insgeheim das Gefühl hat, dass der eigene Job gar nicht existieren sollte» und: «Der moralische und geistige Schaden, der aus dieser Situation resultiert, ist tiefgreifend. Es ist eine Narbe quer über unsere kollektive Seele. Doch fast niemand spricht darüber»

Dass man, wenn man privat nicht genügend gegensteuert, während Bildschirmarbeit im Büro tatsächlich mehr vernarbt als während einer praktischen Tätigkeit als Handwerker, ist wohl den wenigsten bewusst, obwohl es jeder Bildschirmarbeiter am eigenen Leib spüren kann, wenn einmal an irgendeinem stillen Ort die Dauerbeschallung verebbt und er sich wieder in seiner eigenen Lebensrealität spürt.

In einer Zeit, in der das System die Tendenz besitzt, den Menschen über Gebühr auszunutzen, gibt es natürlich auch im Handwerk heute vielfach Überbeanspruchungen, die zu vorzeitigem Verschleiß führen. Aber in einem gewissen Sinne machen Bürotätigkeiten mehr müde als körperliche Tätigkeit. Ja, man ist nach körperlicher Arbeit abends müde, aber angenehm müde – und hat dann meist einen gesunden Schlaf, eben weil man etwas Konkretes geschaffen hat, auf das man zurückblicken kann. Nach vollendetem Dienst an der Büro-/Bildschirmarbeits-Front ist das nicht unbedingt so. Danach ist man meist UNANGENEHM müde, hat das Gefühl, nichts Wirkliches geleistet und auf der Stelle getreten zu haben (sagt hier übrigens jemand, der selbst die meiste Zeit des Tages an einem Bildschirmarbeitsplatz sitzt). Natürlich kann man dem gegensteuern, indem man zwischendurch immer wieder den Blick vom Flachbildschirm abwendet und zumindest für ein paar Atemzüge verweilend z.B. auf ein Bild, einen Baum, eine Pflanze, eine Wolke oder eine andere Naturerscheinung blickt. Das wird zunehmend schwieriger, da postmoderne Büros zunehmend Konservenbüchsen ähneln, in denen die eingelegten Sardinen nichts anderes zu sehen bekommen als einen entfremdeten Tech-Workspace unter dem kalten, übrigens die Netzhaut degenerierenden und unseren Melatoninspiegel (das wichtigste Entgiftungs- und Regenerationshormon) senkenden Licht von LED-Beleuchtung  und LED-Bildschirmen – sofern wir nicht gelbe Computer-Brillenclips tragen, so wie das vom Arbeitsschutz auch Nachtarbeitern zwecks Krebsprophylaxe empfohlen wird, damit das blaustichige LED-Licht wieder neutralisiert wird, bevor es auf der Netzhaut auftrifft.

Es werden aber wohl nicht technische Hilfsmittel sein, die uns retten. Denke, dass es wohl das wichtigste ist, sich als Handwerker – und auch als Bürohengst bzw. Büromaus – die Liebe zur Tätigkeit und zur menschlichen Begegnung nicht nehmen zu lassen. Dann ist man auch persönlich zufriedener. Es gibt inmitten des immer höllischeren Zeit- und Effizienzdruckes immer zumindest auch ein paar Freiräume, in denen man sich auf das Wesentliche besinnen und auch Liebe zum Detail unter Beweis stellen kann. Die Mehrzeit, die man für solche Liebe zum Detail aufwendet, macht sich in nicht-monetärer Hinsicht mehr als bezahlt: als wirklicher Substanzgewinn, der einen Abends wieder zufriedener einschlafen lässt. Denn man hat sich nicht ganz entmenschlichen lassen, sondern inmitten einer zunehmend unmenschlichen Lebensumwelt ein Stück seiner Menschheit unter Beweis gestellt. Und vielleicht schlafen deswegen sogar die Kollegen und Kunden besser, die dieser Menschheit begegnen durften.

 

Foto: pixabay/CC0



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