Politik

Kampf gegen Rechts: Gedanken zur Verleihung des Rheinlandtalers an Marita Rauchberger und zur Wiederkehr des Faschismus

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Sonntag, 18.3.2018. Eifel. Sie wissen ja, wie das mit den Nazis damals war, oder? Die tauchten plötzlich auf, 1933, von Basen die entweder am Südpol lagen oder auf der Rückseite des Mondes – die Wissenschaft streitet um dieses Thema noch. Dann besetzten sie das arme, liebe, gute Deutschland, überzogen es mit einer unglaublichen Terrorherrschaft, überfielen alle Länder rings herum und wurden letztlich von der vereinten Menschheit wieder dahin zurückgetrieben, wo sie herkamen: ins Nichts. Heute, ja heute treten sie nur noch vereinzelt auf, sind erkennbar an ihren Hakenkreuzarmbinden oder an alternativen Symbolen, die sie sich raffiniert ausgedacht haben, um möglichst unerkannt unter uns wandeln zu können.

Ja – ich weiß, dass war jetzt überzogen. Hoffe ich wenigstens. Wie aber sonst soll man einleiten zu einem Thema, das man für wichtig hält: das NS-Reich dauerte nur 12 Jahre. Es wurde getragen von Millionen von Deutschen, die schon da waren, als die Weimarer Republik noch Demokratie versuchte – und sie waren immer noch da, als das Dritte Reich durch Waffengewalt ausradiert wurde. Ich kann Ihnen da mal Namen nennen: bei Wikipedia gibt es eine ganze Liste von Nazis (also: ehemaligen Mitgliedern der NSDAP), die politisch in der Bundesrepublik gewirkt hatten, darunter sind drei Bundespräsidenten (siehe Berliner Zeitung):

„Als die USA 1994 nach jahrzehntelangen Verhandlungen Dokumente des Berlin Document Center (BCD) an die Bundesrepublik Deutschland zurückgaben, gewann die Öffentlichkeit den Eindruck, die Bundesrepublik sei in ihren frühen Jahren von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern regiert worden. Die im BCD verwahrte Mitgliederkartei der NSDAP gab vertraute Namen preis: drei Bundespräsidenten – Karl Carstens (CDU), Heinrich Lübke (CDU) und Walter Scheel (FDP), der zuvor Außenminister war –, der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Richard Stücklen (CSU), der Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), die Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (SPD) und Liselotte Funcke (SPD), der Kanzleramtschef Horst Ehmke (SPD), der ehemalige Fraktionschef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Alfred Dregger, und viele andere.“

Einer der Mitbegründer der CSU – Max Allwein – war noch beim „Hitlerputsch“ 1923 fleißig dabei: dem ersten Versuch Hitlers, ganz offen eine antisemitische und antimarxistische Diktatur zu errichten.

Doch auch die SPD blieb davon nicht verschont:

„Allein in der Regierung Willy Brandts saßen zwölf ehemalige Nationalsozialisten am Kabinettstisch.“

Ich warte auf weitere wissenschaftliche Arbeiten, die sich darauf konzentrieren, wie der Ungeist der alten NS-Zeit durch seine „Mitläufer“ in der Bundesrepublik überlebt hat: wird sicher spannend werden – und vor allem erklären, warum sogar SPD-Parteispitzen alte Nazisprüche flott von den Lippen gehen: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“. Hitler hatte schon 1925 die Richtung für solche Sätze vorgegeben (siehe Hagalil):

„Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Und wer nicht um sein Leben kämpft, soll nicht auf dieser Erde leben. Nur dem Starken, dem Fleißigen und dem Mutigen gebührt ein Sitz hinieden.“

Wenn es Ihnen jetzt eiskalt den Rücken herunterläuft: gut so. Der Geist des Führers ist noch sehr lebendig in diesem Land, weshalb wir jetzt zu jenen kommen, die im Kampf gegen Rechts enormes geleistet haben und deshalb durch die Verleihung des Rheinlandtalers gewürdigt wurden. Rheinlandtaler? Eine Ehrenmedaillie (siehe lvr):

„Im Jahr 2016 feiert der Rheinlandtaler sein 40-jähriges Jubiläum. Seit 1976 hat der Landschaftsverband Rheinland mit dieser Auszeichnung über 1.300 Menschen geehrt, die sich um die rheinische Kultur verdient gemacht haben. Die Verleihung ist auch eine Werbung für das Ehrenamt.

Der Taler selbst … ist etwas unheimlich:

„Der Rheinlandtaler auf der Schauseite ein von Haarwellen kreisrund umrahmtes Gesicht mit großen Augen und weitgeöffnetem Mund – das Gesicht der Medusa. Diese „Herrscherin“ war in der griechisch-römischen Mythologie eine der drei Gorgonen, die man sich als weibliche Ungeheuer vorstellte, geflügelt, mit Schlangen im Haar und mächtigen Zähnen. Ihr Anblick ließ jedes Lebewesen zu Stein erstarren.“

Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, dieses Symbol auf eine Ehrenmedaillie zu prägen: die Erklärung ist mystisch-magisch – und läßt tief blicken:

„Nach antiker Vorstellung wehrte das Gesicht der Medusa jedes Unheil ab. Zum persönlichen Schutz trug man daher häufig Amulette mit ihrem Bildnis.“

Ein magisches Schutzamulett also.

Interessant.

Sie werden manche der Preisträger kennen: Götz George (also: „Schimanski“), Hans Dieter Hüsch, Konrad Beikircher, Jürgen Beck (Kabarettisten), aber auch Jean Jülich und Gertrud Koch, zwei Edelweißpiraten. Edelweißpiraten? Nun – Jugendliche, die dem NS-Regime nicht freundlich gegenüber gestanden hatten … grob gesagt. Jean Jülich, der sich selbst nicht als Widerstandskämpfer begreift erzählt von ihnen in einem langen Artikel (siehe Frankfurter Rundschau). Andere wurden ebenfalls geehrt … und manche auch extra nicht (siehe nrhz):

„Neben anderen protestierte damals auch Romani Rose vom Zentralrat deutscher Sinti und Roma: „Es ist für uns unerträglich, wenn von heutigen Wissenschaftlern junge Menschen, die im Dritten Reich sich gegen die bestehenden NS-Organisationen, gerade auch gegen die Hitlerjugend, zusammenschlossen, als aufgrund der Zeitumstände “zwangsläufig kriminell“ diffamiert werden.“

Der Kölner OB Jürgen Roters (SPD) ist hier eine rühmliche Ausnahme. Für ihn, der jetzt die Verdienstkreuze an fünf ehemalige „Edelweißpiraten“ übereichte, war immerhin schon 2005 klar geworden, dass die Kölner „Edelweißpiraten“ politischen Widerstand im besten Sinne des Wortes geleistet hatten. Deshalb ehrte er als damaliger Regierungspräsident die Überlebenden, Anders als einer seiner Vorgänger, der Sozialdemokrat Franz-Josef Antwerpes (SPD), der bis zuletzt, wie die Nazis, den Widerstand der Jugendlichen als Verbrechen sah.“

Ein kleiner Blick in bundesdeutsche Realitäten 60 Jahre nach dem Krieg – immer noch gibt es SPD-Funktionäre, die Widerstandskämpfer als Verbrecher ansahen … was ja faktisch damals auch richtig war – und eins der Gräuel aufzeigt, weshalb es so weit kommen konnte: den sklavischen Gehorsam eines deutschen Beamten gegenüber den Gesetzen – auch wenn selbige unmenschlich sind.

Ja – weshalb es so weit kommen konnte: weshalb kam es eigentlich so weit? Haben Sie eine Idee dazu? So groß wie das Grauen war, das die NS-Zeit über Deutschland gebracht hatte, müssten doch im wesentlichen die Umstände bekannt sein und schon an Grundschulen gelehrt werden, weshalb aus braven Bürgern Nazis werden … doch hier greift wohl eher die Theorie der Naziufos, die aus dem Nichts über Deutschland hereinbrachen (bitte nicht googeln oder weitererzählen: diese Geschichte habe ich erfunden … sage ich sicherheitshalber mal).

Einer der hier zu berichten weiß, ist Wilhelm Reich (ja, genau: der Reich, dessen Bücher in den USA verbrannt wurden – auf Anordnung einer Gesundheitsbehörde, siehe SWR 2). Ich zittiere hier einfach mal Wikipedia, welche Zusammenhänge er da erkannt zu haben glaubte – eine sprachlich verdaulichere Zusammenfassung fand ich so auf die Schnelle nicht:

„Reich wandte mit seiner Arbeit Massenpsychologie des Faschismus seine klinischen Vorstellungen von der menschlichen Charakterstruktur auf den gesellschaftlich-politischen Bereich an. Es ist seine erste größere, aus psychoanalytisch-gesellschaftskritischer Sicht geschriebene Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. dem Nationalsozialismus. Er analysiert darin grundlegende Zusammenhänge zwischen autoritärer Triebunterdrückung und faschistischer Ideologie und welche Rolle die autoritäre Familie und die Kirche dabei spielen. Reich vertrat die Ansicht, dass organisierte faschistische Bewegungen durch irrationale Charakterstrukturen des modernen Durchschnittsmenschen hervorgebracht würden, dessen primäre biologische Bedürfnisse und Antriebe seit Generationen unterdrückt worden seien: Die patriarchalische (Zwangs-)Familie als Keimzelle des Staates schaffe die Charaktere, die sich der repressiven Ordnung, trotz Not und Erniedrigung, unterwerfen. Er verneint die Auffassung, Faschismus würde aus der Ideologie oder dem Handeln einzelner Individuen oder irgendwelcher politischen oder ethnischen Gruppen entspringen“

Verstanden? Eine von mir gerne erwähnte Kurzfassung ist: Faschismus entsteht durch schlechten Sex und einengende gesellschaftliche Normen.

Eine andere Perspektive – dunkler und unheimlicher – ist die von Guido Giacomo Preparata, der in seinem Werk „Wer Hitler mächtig machte“ aufzeigte, wie britisch-amerikanische Finanzeliten gerade jenen Hitler förderten, der eine Diktatur versprach – eine Diktatur gegen Russland, wohlgemerkt. Doch dies … ist aktuell eher „verbotenes Wissen“, warte nur auf den Moment, wo Preparata öffentlich zum Untermenschen, zum „Verschwörungtheoretiker“ ernannt wird.

Noch eine andere Perspektive? Nun – da gibt es noch Götz Aly, einen Historiker, der ungeheuerliches behauptet: alle waren mit Schuld (siehe hsozkult):

„Programmatisch verkündet Aly ganz am Ende seines Buches: „Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will, der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen.“

Antisemitismus wird bei Aly nahezu sekundär, primär und kurz gefasst beschreibt er den Zeitgeist der Naziwelt als völkische Raubgemeinschaft, die „die Oberschichten in Deutschland, das nichtjüdische Ausland im deutschen Machtbereich, die Juden im deutschen Machtbereich ausbeuten, um dem kleinen Mann noch Butter aufs Brot schmieren zu können … bevor das wirtschaftlich völlig desolate Reich (1942 mit ähnlicher Verschuldung wie wir heute) gänzlich zusammenbrach. Der Holocaust selbst wird so zu einer rein betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit, um die Versorgung der Soldatenfrauen sichern zu können … mit Hilfe jener Lebensmittel, die die Lagerinsassen dann nicht mehr brauchten.

Gruselig, oder? Haben Sie sicher kaum von gehört: sowas kommt nicht in die Tagesschau oder in die meist braven Politmagazine – und wenn, dann höchstens spät Nachts. Es wäre ja recht ungemütlich, würde man sich gewahr werden, dass man umgeben ist von Menschen mit schlechtem Sex und großem gesellschaftlichen Normierungsdruck, deren Großeltern reiche Juden totschlugen, um den Gemeindehaushalt finanzieren zu können … man würde auf einmal merken, warum der „Kampf gegen Rechts“ so wichtig ist.

Damit kommen wir  zur Preisträgerin, Marita Rauchberger. Ein liebenswerter Mensch, einer der wenigen ethisch hochstehenden Menschen, die ich kenne – also einer jener Menschen, der seine Worte, Urteile und Entscheidungen gründlich reflektiert, bevor sie in Handlung umgesetzt werden. Marita betreibt eine Galerie in der kleinen Eifelstadt Gemünd, diese Galerie ist dem „Kampf gegen Rechts“ gewidmet (und ist nebenbei Chefin einer kleinen Eisenbahnlinie). Sie gehört zu jenen Menschen, mit denen ich gerne mal über „Rechts“ rede – und damit meine ich den echten, lebendigen Faschismus der Neuzeit … und auch jene Führergetreuen, die es – weit jenseits der AfD – noch in Führungspositionen der Gesellschaft gibt. Die Galerie „Eifel-Kunst“ ist Teil des „Eifeler Bündnisses gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Gewalt“ – und ich bin sehr froh darüber, dass hier einer der zentralen Momente des Faschismus genannt wird, der häufig untergeht: die Anwendung von Gewalt gegen Menschen … denn gäbe es die nicht, so wären Rassismus und Rechtsextremismus viel weniger gefährlich. Mir wäre es sogar lieb, wenn man die Definition von Faschismus genau auf diesen Punkt reduzieren würde: das jede Art von Gewaltanwendung faschistisch zu nennen ist – egal wo und aus welchen „guten“ Gründen.

Keine Sorge: ich werde jetzt nicht auch noch eine Rede über ihre Person halten: das machen andere schon genug. Ich möchte aber einen Aspekt herausstellen, der auch die Preisverleiher angesprochen haben: aus der Galerie ist ein Ort der Kommunikation geworden, ein Ort, der sich – ähnlich den Edelweißpiraten – auch dem gemeinsamen Wohlfühlen widmet: durch Lesungen, Konzerte, gemeinsames Singen und vielen Gesprächen: für mich, das Wesentliche jeder wahren antifaschistischen Arbeit – das Auflösen von „wir“ gegen „die“. Darum besuche ich die Galerie sehr gerne – und manchmal habe ich auch Aly und Preparata im Gepäck, denn: ich fürchte eine Wiederkehr des Faschismus … eigentlich seit dem ich in der Pubertät bin.

Ich weiß: viele werden den Gedanken nicht folgen wollen, weil sie – streng nach den Glaubensregeln von Hollywood – nur jene als Nazis gelten lassen, die mit Hakenkreuzarmbinden in Viererreihen durch die Stadt marschieren. Ist ja auch schön und sicher, so ein Gedanke. Wie schauderhaft wäre es, wenn wir wieder eine Zeit hätten, wo man schnell als Untermensch, als Verschwörungstheoretiker denunziert wird, wenn man ein anderes Urteil als die der Obrigkeit hat. Wie grausam wäre es, wenn wieder Millionen Menschen enteignet würden, weil sie arbeitslos gemacht worden sind (oder Diesel fahren), damit andere von der Regierung mit Wohltaten überschüttet werden können. Wie unvorstellbar wäre es, wenn wieder deutsche Soldaten im Ausland marschieren würden – wie in Mali, Marokko, im Sudan (Nord und Süd), vor dem Horn von Afrika in mehreren Missionen, in Jordanien, Syrien, dem Libanon und dem Irak, in der Agäis, im Kosovo und im Mittelemeer (siehe Bundeswehr.de), wir waren auch schon mal in Kambodscha … und stehen natürlich tief im Osten an der russischen Grenze – und sehen gelassen zu, wenn ein US-General US-Truppen in Norwegen „auf einen großen Kampf einstimmt“ (siehe Spiegel).

Selbst unsere Leitmedien erkennen mehr und mehr Paralellen (siehe Spiegel):

„Das beeindruckende Ergebnis: Den größten Zulauf bekamen die Nazis gar nicht dort, wo es als Folge von Finanzcrash und Rezession per se etwa besonders viele Arbeitslose gab. Die wählten damals vor allem die Kommunisten. Die Stimmenzuwächse gab es vor allem dort, wo besonders brachial Austerität durchgezogen wurde, die Steuern besonders deutlich angehoben und Ausgaben etwa für Rente oder Gesundheit gekürzt worden waren. Das betraf oft Leute aus der Mittelschicht – kommt uns bekannt vor, oder?

In Regionen, wo Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen stärker ausfielen als im Schnitt, stieg der Stimmenanteil, den die Nazis bis 1933 bekamen, um zwei bis fünf Prozentpunkte mehr als anderswo, so die Berechnungen der Ökonomen.“

Ja – kommt uns bekannt vor. Und weil wir nie genau hingeschaut haben, warum dieses NS-Monster überhaupt das Licht der Welt erblicken konnte, hat es wieder eine Chance. Keine Sorge: es wird keine Hakenkreuzarmbinden geben, keine Hitlerbilder an den Schulwänden – bei den Lagern jedoch bin ich mir nicht sicher. Eins habe ich kürzlich ausgemacht: ein „Päd-Camp“ des Jobcenters, gibt es schon länger (siehe Tagesspiegel). Und dass es beim Thema Arbeitslosigkeit zu ungeheuren gedanklichen Auswüchsen kam, ist schon in einem Horrorroman thematisiert worden – dort darf man wohl deutlich werden (siehe Deutschlandfunk)

„Einer der größten und gleichwohl in der Literatur vernachlässigten Schrecken unserer Zeit ist die Arbeitslosigkeit. Wenn die Betroffenen von Politikern und Gewerkschaftlern als Heer der Arbeitslosen bezeichnet werden, dann kann kein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei diesem Heer um ein feindliches handelt. Folgerichtig werden regelmäßig Offensiven und Feldzüge angekündigt. Mit dem schneidig deklarierten Kampf gegen die Arbeitslosigkeit – in Wahrheit ein demütigender Kleinkrieg um Vermittlung und Eingliederung – wird in Joachim Zelters neuem Roman „Schule der Arbeitslosen“ Ernst gemacht: bitterer Ernst.“

„Schule der Arbeitslosen“ ist eine souverän erzählte Geschichte der Entsorgung, die unsere schlimmsten Sorgen verdichtet: nichts mehr wert zu sein, wenn man kein multifunktionales Teilchen der längst überholten Arbeitsgesellschaft mehr ist.

Und ist das nicht mehr Faschismus als karnevaleske Armbinden? Das es wieder „wertes“ und „unwertes“ Leben gibt? Ein Maßstab, der im KZ entschied, wer leben durfte – und wer ins Gas gehörte. Hatte gehofft, dass dies nie wieder auf deutschem Boden geschehe – so wie ich auch hoffte, dass nie wieder ein deutscher Soldat auf fremden Boden Menschen erschießt.

Ich kenne nun – nach vielen Jahren Studium der Literatur – ein paar grobe Eckzüge des Monsters. Weiß, dass es für die regelmäßigen Krisen kapitalistischer Systeme gute Dienste leistet, in dem es überschüssige Kosten auf zwei Beinen leidenschaftslos entsorgt. Ich weiß jedoch nicht, wie es in Zukunft erscheinen wird. Vielleicht – ist es der rechte Flügel der AfD, der Geburtshelfer spielen wird. Vielleicht aber auch … jene Fanatiker einer Religion, die andere als „Köterrasse“ und „Schweinemenschen“ ansieht und ihren Tod fordert. Vielleicht sorgen auch die Transhumanisten für eine neue Definition von „Herrenmenschen“, ihre Wachhunde von GWUP und Psiram pflegen in der Diskussion um „Wahrheit“ schon üble alte Traditionen der Entwürdigung, die einst der „Stürmer“ (NS-Hetzblatt) gegen jüdische Mitbürger erfolgreich eingesetzt hat, ihre Entwürfe für die Zukunft erinnern schon sehr an Hitlers Pläne für einen „neuen Menschen“.

Eine der – meiner ganz eigenen, unmaßgeblichen Meinung nach – wichtigsten Triebfedern für die Hinwendung des normalen Bürgers zum Faschismus ist ein Grundgefühl der Ohnmacht, der politischen und gesellschaftlichen Ohnmacht – der ideale Nährboden für den „starken Mann“, der an Stelle der Ohnmächtigen dann Macht (und auch Gewalt) ausübt.

Ach kommen Sie: die ganze Sympathie für Putin entspringt doch genau diesem Mechanismus: endlich mal ein Macher, der nicht nur herumlabert, sondern was tut! Und das ist eigentlich auch gar nicht die Wurzel des Übels: auch friedliche, demokratische Indianerstämme wählten in Krisenzeiten einen Kriegshäuptling, unter dessen Kommando die Kraft der Vielen sinnvoll und effektiv gebündelt werden konnte – das ist also nur ein natürlicher Weg, auf lebensbedrohende Krisen organisatorisch zu reagieren. Viel sinnvoller als ein Führerverbot wäre deshalb …. ein Ohnmachtsverbot. Haben wir auch, formulieren es nur anders: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Und wird offensichtlich in so großem Ausmaß angetastet, das – um nur ein Beispiel zu nennen – wieder Gotteshäuser brennen (siehe Tagesspiegel) … wir aber davon nicht in gleichem Maße Notiz nehmen wie von sexuellen Belästigungen und Morden durch Asylbewerber, die schnell überall die Runde machen … als hätte man erwartet, dass da nur eine Million Engel Zuflucht suchen.

Und hier wäre dann auch der Ansatz zu suchen, das Erwachen des Molochs noch zu verhindern: einfach den Bürgern das Gefühl der Ohnmacht nehmen, dass sie nach dem starken Mann rufen läßt – schon hat der Faschismus keinen Nährboden mehr. Mit den paar Hanseln, die religiös motiviert an den gottgleichen „Führer“ glauben, der mit seinen engelsgleichen „UFOS“ über die Reinheit des deutschen Blutes wacht und bald wiederkommen wird – ja, mit denen wir man leben müssen. Irre sein läßt sich schwer verbieten – aber vielleicht findet jemand Behandlungsmethoden dafür.

Und wie nimmt man das Gefühl von Ohnmacht?

Nun – ich zittiere nochmal Wikipedia – und zwar den Artikel über die Räterepubliken:

Die politische Theoretikerin Hannah Arendt sprach sich in mehreren Schriften, insbesondere in ihrem 1963 erschienenen Werk: On Revolution (deutsch: Über die Revolution), für eine (föderative) Räterepublik aus und zwar in dem Sinne, dass der „Geist der Amerikanischen Revolution“ aufgegriffen und dem Volk eine direkte Beteiligung an politischen Institutionen ermöglicht werden solle. Sie bezog sich hier auf Gedanken, die Thomas Jefferson in Briefen erläuterte. Er sprach sich für ein ward-system („Bezirkssystem“ oder „elementare Republiken“) aus. Diese sollten jeweils 100 Bürger umfassen.

»Die Elementarrepubliken der Räte, die Kreisrepubliken, die Länderrepubliken und die Republik der Union sollten sich in einer Stufenfolge von Machtbefugnissen gliedern, deren jede, im Gesetz verankert, die ihr zufallenden Vollmachten besitzt und die alle zusammen in ein System von wirklich ausgewogenen Hemmungen und Kontrollen für die Regierung integriert sind.«

Arendt bezeichnete eine solche Staatsform – entgegen der Neigung sie kommunistisch oder sozialistisch zu nennen – als aristokratisch, da sich aus dem Volk eine selbst-selegierte, an der Welt wirklich interessierte Elite herausbilden würde.

Da – würde doch Demokratie gleich wieder dynamisch und interessant werden – oder? Und wenn die Welträterepublik dann noch in energiesparenden Dörfchen wohnen würde – welches Problem hätten wir da noch?

Und wie man miteinander konstruktiv reden kann – nun, dass kann man in jener kleinen Galerie in der Eifel üben. Ich wünschte … jedes Viertel hätte so einen Ort.

Und von mir aus zum Abschluss nochmal: herzlichen Glückwunsch an Marita Rauchberger für die verdiente Ehrung – und Dank für die Einladung zu diesem eindrucksvollen Ereignis.

Und ein PS: Während der Preisverleihung war ein Bild der Eifeler Künstlerin Monique Vos van Dalen zu sehen: eine Kette blinder Kriegskrüppel, jeder die Hand an der Schulter des anderen, marschierten vor dem explodierenden Munitionswerk Espagit vorbei … ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was „Rechts“ wirklich alles so produziert – und bedeutet. Einfach mal hingehen und anschauen (siehe – auch zu den Öffnungszeiten – Eifel-Kunst:

„100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges und 73 Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind wir wieder so nah am Krieg wie nie zuvor. Krieg ist wieder Mittel der Politik geworden.

Afghanistan, Irak, Libyen, Mali, Syrien, Jemen: Die Liste der Schauplätze, wo Menschen leiden und ihr Leben lassen, ist lang. Nie war die Medienpräsens von Gewalt und Terror so groß. Dennoch scheint der Alltag weiter zu gehen, obwohl Menschen getötet und Länder vernichtet werden.

Für Krieg kann es keine Rechtfertigung geben…“

(Bild: Friedhof russischer Kriegsgefangener – Männer, Frauen und Kinder – in Simmerath, Eifel, unter anderem ein Ergebnis von „Vernichtung durch Arbeit“)



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