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Shit happens … GroKo und was nun?

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Foto: cc by Parkwaechter 

Es hätte die historische Stunde der SPD-Mitglieder sein können: Mit einer vergleichsweise kleinen Hebelwirkung von 450.000 Stimmen hätten sie 80 Millionen Bundesbürger vor einer weiteren Merkel-Regierung und damit vor Niedergang und Siechtum bewahren können. Stattdessen haben sich die SPD-Genossen nun doch für ein „Weiter so“ entschieden. Viele raufen sich gerade die Haare und fragen: Wie war eine solche Entscheidung möglich, da doch der reine Wahnsinn diesmal bereits demaskiert vor uns stand?

Hat das Wahlergebnis schlichte demografische Gründe und war der SPD-Mitgliederentscheid etwa gar nicht repräsentativ, obwohl wir doch in einer repräsentativen Demokratie leben? Immerhin beträgt das Durchschnittsalter der stimmberechtigten SPD-Mitglieder 62 Jahre. Hierbei sind 42% der stimmberechtigten Mitglieder im öffentlichen Dienst angestellt und damit fest verankert in einer Welt der Hochglanzprospekte, in denen man Sonntags ganz entspannt nach dem neuen SUV seiner Wahl und den kommenden Urlaub in Thailand gustieren kann.

Vielleicht ist am Wahlausgang aber eben auch nur das schuld, was uns unsere Medien schon bei dem von deutschen Soldaten begangenen Massaker in Kunduz 2009 als offizielle Erklärung präsentiert haben: „Eine Mischung aus Dummheit, Feigheit und Unfähigkeit“. Dass bei dem Massaker über hundert Zivilisten, darunter auch Kinder getötet wurden, war immerhin noch Grund genug, dass die Bundesanwaltschaft gegen Oberst Klein, der den  Luftangriff angeordnet hat, wegen möglichem Kriegsverbrechen ermittelte. Welche rechtsstaatliche Instanz ermittelt heute, wenn die Bundeskanzlerin ein 80 Millionen Einwohner zählendes demokratisches Land entgegen dem Willen der Bürgermehrheit mit dem verheerenden Umweltgift Glyphosat besprühen lässt, als willfähriges Vehikel einer inzwischen halsbrecherischen NATO-Politik an der Eskalationsschraube dreht und deutsche Panzertruppen wieder auf ehemals sowjetischen Boden schickt – mit einer Regierung, die laut Ulrich Mies „auf alle Grundsätze spuckt, die für ein halbwegs funktionierendes demokratisches Gemeinwesen konstitutiv sind, die der Öffentlichkeit täglich ihre Verachtung zeigt, Amtseide, Recht und Gesetz beiseite schiebt, die Gewaltenteilung massakriert und sich längst als rechtsnihilistisches, machiavellistisches und sozialdarwinistisches Regime etabliert hat“?

Wie auch immer, jedenfalls hat sich die SPD-Basis nun doch für Wohlschand, SUV und Weitersumpfen entschieden, nicht realisierend, dass wir bereits mit einem Fuß im Grand Canyon stehen und ein „Weiter so“ unweigerlich in den Abgrund führen wird, in dem es sich dann endgültig ausgesuvt hat (siehe Steve Cutts: „The Final Handshake“). Der Spiegel titelt gerade: „SPD-Mitglieder retten Angela Merkel vor dem Untergang“ – Ja, wahrlich: Auch wenn wir selbst dabei untergehen, aber es darf kein Preis zu hoch sein, um diese einzigartige alternativlose Frau, die uns gerade wie ein Senkblei Richtung Meeresgrund zieht, an den Hebeln der Macht zu halten.

In einem spontanen Kommentar zur Pro-GroKo Entscheidung der SPD erzählt Florian Ernst Kirner von einer Betriebsversammlung, bei der ein an sich gutmütiger, netter Mitarbeiter der städtischen Werkstoffsammlung  meinte, wenn er jetzt nach Berlin führe, mit einem Knüppel, und Politiker totschlage, dann könne man ihn dafür nicht einmal in den Knast schicken. Denn der Notwehrparagraph erlaube nämlich gewaltsame Selbstverteidigung bei Gefahr für Leib und Leben. Und alles, was diese Politiker da an ihm verbrochen hätten, erfülle schon längst den Tatbestand, Leib und Leben zu gefährden (Quelle: Rubikon). Kirner findet diese Wut durchaus angemessen und vernünftig und meint, dass er viel mehr Probleme mit der „vollgefressenen Wurschtigkeit in den mittelständischen Milieus der Speckgürtel von München, Stuttgart, Frankfurt am Main“ habe, bevor er Robert Lapuente zitiert: „Die Rechte gewinnt – weil die Linke versagt!“

So, ich begebe mich jetzt ins Darknet und mach‘ mich dort auf die Suche nach einer passenden Verschwörungstheorie. Denn alle meine rationalen Maßstäbe reichen nicht mehr aus, um den nackten Wahnsinn zu erklären, dessen Zeugen wir gerade sind. Wie es möglich ist, sogar dem eigenen Überlebenstrieb zu spotten, die Zukunft der eigenen Kinder, unsere Umwelt und den Weltfrieden zu opfern und sehenden Auges „Ja“ zum Niedergang zu sagen – das übersteigt einfach mein Fassungsvermögen.

Vielleicht ist es ja wirklich systematische Gehirnerweichung durch schleichende Vergiftung, unsichtbare Strahlen oder Massensuggestion von Machthabern mit reptiloiden Gehirnen … wenn ich mir die Gesichter des neuen Regierungskabinetts – und ihre Politik der Aufrüstung und militärischen Eskalation, des besinnungslosen Marktradikalismus, der hemmungslosen Umweltvergiftung, der Demontage von Grundrechten und Rechtsstaat, ihrem Anspruch auf Bürgerüberwachung und Meinungsdiktatur – so ansehe, dann muss ich gestehen, dass ich der Reptiloiden-Theorie tatsächlich etwas abgewinnen kann.

Vielleicht ist die Theorie der Reptiloiden (die ich ehrlich gesagt nur als Schlagwort kenne und noch nie gelesen habe) ja einfach nur fälschlicherweise ins Physische projiziert, aber auf psychischer Ebene tatsächlich eine grausame Wahrheit: Dass eine zunehmende Anzahl an Menschen eine reptiloid-fossile Denkweise entwickelt hat, genauer gesagt: eben überhaupt nicht mehr denkt, sondern nur noch von dumpfen – durchaus hochintelligenten! – vegetativen Impulsen gesteuert ist. Immerhin hat letzte Woche sogar der Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften die Schulen des deutschen Bildungssystems schlichtweg als „Vertrottelungsanstalten“ bezeichnet, deren Absoventen nicht mehr in der Lage sind, sinnerfassend zu lesen und zu schreiben und denen die Verbindung zwischen Wissen und Leben geraubt wird (Quelle: Welt). Anstatt dieser fatalen Entwicklung gegenzusteuern und die kreativen humanen Fähigkeiten der Kinder zu stärken, schreitet man nun daran, den Unterricht vollends zu robotisieren und unsere Kinder auf schematisch-binäres Denken abzurichten (siehe dazu die erschütternden Schilderungen des Medientheorie-Professors Ralf Lankau auf studis-online: )

In vollautomatisierten „Lernfabriken 4.0“ wird das „Werkstück Mensch“ von der Kita über Schule und Hochschule bis zur Erwachsenenbildung automatisch von Lernstation zu Lernstation geführt, wo von Algorithmen berechnete Lerneinheiten und Übungen die gewünschten Kompetenzen vermitteln und umgehend abprüfen. Die Lernenden an Bildschirm oder Display werden dafür kleinteilig psychometrisch mit Kamera und Mikrofon aufgezeichnet, vermessen und ausgewertet. Algorithmen bestimmen aufgrund der Leistungsfähigkeit, Geschwindigkeit, Fehlerquote, Frustrationstoleranz und anderer Parameter die zu erreichenden Lernziele. Die Software prüft, ob die angestrebten Kompetenzstufen erreicht werden, und „empfiehlt“ einen Beruf, ein Studienfach – oder steuert die Lerninhalte nach dem aktuellen Bedarf an Arbeitnehmern.

…die Softwareanbieter gerade Feldversuche zur Automatisierung des Unterrichts machen, ohne es zu sagen. In Phase eins werden Lehrkräfte geschult, die Kindern beibringen, am Rechner zu arbeiten. In Phase zwei läuft die Beschulung automatisch per Rechner und synthetischer Computerstimme. Lehrerinnen und Lehrer verschwinden einfach – das ist das Ziel. Sie werden ersetzt durch billigere Sozialarbeiter oder Sozialcoaches, ein paar Psychologen für ausrastende Kinder und ansonsten Systemtechniker, die die IT-Systeme am Laufen halten und optimieren. Das lässt sich nachlesen bei Jose Ferreira und seinem System „Knewton“ oder bei Fritz Breithaupt und seiner „Talking Method“: Kinder, Jugendliche, Erwachsene sitzen in Fabrikhallen vor Displays, den Kopfhörer auf und eine synthetische Computerstimme in den Ohren.“

Wenn man sich das jüngste Statement von Angela Merkels neuer „Überraschungskandidatin“, der Groko-Bildungsministerin Anja Karliczek / CDU zu Gemüte führt (siehe unten), einer gelernten Hotelfachfrau, die vor laufender Kamera ganz freimütig zugibt, dass sie von dem ihr anvertrauten Fachgebiet Pädagogik, Kultur und Wissenschaft keinen blassen Tau habe, aber sehr darauf  hoffe, dass die Experten „sie an der Stelle unterstützen und ihr ein bisschen Einblick in ihre Arbeit gewähren“, dann kann man sich lebhaft vorstellen, wie sich die Industrie 4.0-Lobbyisten gerade ins Fäustchen lachen: Einer solch unterstützungsbedürftigen Frau werden sie die notwendigen Krücken schon liefern. Mit dieser hochqualifizierten Bildungsministerin werden sie demnächst mit ihrem „Schule 4.0“-Schrott Milliarden scheffeln.

Denn genauso wie unsere Gesundheit für die Pharmakonzerne nur noch ein Geschäft ist (weshalb der Pharmalobbyist Jens Spahn auch der ideale Gesundheitsminister ist), so sind auch unsere Kinder für die IT-Industrie schon längst nur noch ein Geschäft: man will sie so schnell wie möglich an den Flachbildschirm anstöpseln, ihnen einen Bluetooth ins Ohr und einen Quadcore-Prozessor in den Hintern schieben. Dass ausnahmslos alle pädagogischen und neurophysiologischen Studien eine verheerende Wirkung der Frühdigitalisierung belegen – und die Chefs von Apple, Google & Co. in Silicon Valley das auch ganz genau wissen und ihre eigenen Kinder deshalb in Waldorf-Privatschulen geben, in denen Computer in den ersten Klassen aus guten Gründen verboten sind (siehe Interview mit Dr. Manfred Spitzer auf KenFM): Wurst, es wird Kassa gemacht. Und von den Lehrern wird es vermutlich wenig Widerstand geben – wer will sich heute schon als „fortschrittsfeindlich“ ansehen lassen?

„Fortschrittsfeindlich“ … das wäre ja gleichbedeutend mit „wehrmachtszersetzend“ – Wehrmachtzersetzung, auf welche der Führer 4.0, dem wir gerade bedingungslos folgen, bekanntlich sehr unduldsam reagiert. Angesichts des Fatalismus dieses Führers täten wir gut daran, uns z.B. wieder an die Courage der Weißen Rose rund um Sophie Scholl zu erinnern und zivilgesellschaftlichen Widerstand zu organisieren. So wie das auch Florian Kirner in seinem oben zitierten Artikel umgehend gelobt: „Als guter Demokrat gelobe ich, diese neue Regierung Merkel von Tag 1 an mit beißender Kritik und fundamentaler Gegnerschaft zu … begleiten. Ich betrachte es sogar als meine Pflicht als Staatsbürger, einer Regierung, die keinerlei Anstalten machen wird, drohenden Gefahren existenzieller Dimension von uns abzuwenden, von vornherein meiner erbitterten Gegnerschaft zu versichern.“

– Wobei ein solcher Widerstand sich nicht nur im äußeren Kampf gegen eine in transatlantische Lobbynetzwerke verstrickte Katastrophenkanzlerin verausgaben sollte (denn an Ersatzmännchen mangelt es im transatlantischen Wachsfigurenkabinett nicht). Es ist auch ein innerer Kampf, der nicht nur in kleinen Gruppen wie  jüngst unter den SPD-Mitgliedern ausgefochten wird, sondern der im Herzen jedes einzelnen von uns stattfindet – und bei dem jeder höchstpersönlich zu Sieg oder Niederlage beitragen kann:

“Der wahre Schaden entsteht durch jene Millionen, die überleben wollen. Jene ehrenwerten Menschen, die nur in Ruhe gelassen werden möchten; die nicht wollen, dass ihr kleines Leben von etwas Größerem als ihnen selbst durcheinander gebracht wird. Jene ohne Ecken und Kanten. Jene, die nie aus eigener Willenskraft handeln, aus Angst davor, über ihren Schatten zu springen. Jene, die keine Unruhe stiften, sich keine Feinde schaffen wollen. Jene, für die Leidenschaft, Wahrheit, Freiheit, Ehre, Prinzipien nur Literatur sind. Jene, für die alles relativ ist, die Entschuldigung eines Menschen ohne Werte. Jene, die das Absolute nicht kennen, weil ihre Seele es nicht erfassen kann. Jene, die ein bescheidenes Leben führen, sich bescheiden vereinen und bescheiden sterben. Der gemäßigte Mensch geht so an das Leben heran: Hält man es klein, verliert man auch nicht die Kontrolle darüber. Wenn man keinen Lärm macht, findet der Schwarze Mann einen nicht. Und das ist eine trügerische Hoffnung, denn auch sie werden sterben, jene Menschen, die all ihren Mut zusammennehmen, um sich hinter ihrem kläglichen Dasein zu verstecken, nur um sicher zu sein. Sicher? – Wovor? Leben bewegt sich immer an der Grenze zum Tod. Die engen Straßen führen wie die großen Alleen zum selben Ort, und kleine Kerzen brennen genauso ab wie lodernde Fackeln. Ich wähle meinen eigenen Weg zu verlöschen. Ich liebe den frühen Morgen. Ich liebe es, mit einem Mann Wange an Wange zu tanzen.”
(Quelle: Sophie Scholl – Die letzten Tage)



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