Feuilleton

Endzeit-Poesie 4.0: Warum keiner mehr zuhört …

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Bild: Henry David Thoreau (cc by Parkwaechter/nachrichtenspiegel.de)

Alltag / Allnacht im Informationszeitalter: Von allen Seiten dringt ein nicht enden wollender Schwall an Worten an uns heran und fordert Einlass in unser Inneres. Der Spiegel erklärt uns ganz unverblümt die Intention der 1.500 Experten, die in der 77. Social-Media Brigade der UK/NATO-Armee ohne Unterlass vor den Bildschirmen sitzen: nichts anderes als eben „die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen“ (Quelle: Spiegel).

Warum aber finden die akademisch akkreditierten Informationen in unseren Herzen und Köpfen keine nachhaltige Resonanz, obwohl sie doch dermaßen vernünftig und sachzwänglich sind, dass der fernsehende Spiegelbildbürger vor ihnen alternativlos in die Knie gehen müsste? Und warum hat sich auf Erden noch nicht das Paradies verwirklicht, obwohl doch die Botschaften des Fortschritts dank Omnipräsenz der Massenmedien heute bis in die hinterste Buschhütte in Burkina Faso dringen? Warum herrschen trotz schrankenlosem Informationsfluss heute mehr Hass, Spaltung und eskalierendes Chaos als jemals zuvor?

Warum lässt es uns kalt, wenn die neue SPD-Chefin Andrea Nahles mit aller ihr zu Gebote stehender Inbrunst zur Vernunft (zur Groko) aufruft? Warum sinken die Umfragewerte der großen Parteien in den Keller, obwohl Fortschritt, Sicherheit und die digitale Transformation unserer Gesellschaft winken? Warum bleibt die Begeisterung hinterm Ofen sitzen, wenn uns die Bundeskanzlerin bei jeder Neujahrsansprache erneut erklärt, dass wir weiter über die Atlantikbrücke Richtung Grand Canyon trotten müssen, wenn wir gut und gerne leben wollen?

Warum reagieren sogar immer mehr Menschen mit vehementer Allergiebereitschaft gegen die strahlende Vernunft, die uns von Kindesbeinen an täglich eingetrichtert wird? Sind wir vielleicht sogar deswegen ein Volk von Allergikern geworden, weil wir bis oben hin angefüllt wurden mit dieser Art von Vernunft?

Und warum finden auch unsere eigenen Worte vielfach kein Gehör, obwohl wir doch von dem überzeugt sind, was wir sagen?

Henry David Thoreau hat versucht, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Es soll schon Menschen gegeben haben, die in diesen Worten Thoreaus den Schlüssel dafür gefunden haben, wie sie die Herzen und Köpfe ihrer Mitmenschen auf legitime Weise „gewinnen“ können:

Soll die Wahrheit gehört werden,
ist sie mit Güte vorzubringen.
Die Wahrheit ist nur dann gütig,
wenn sie ehrlich von Herzen kommt.
Wisse, wenn jemand etwas nicht versteht, das du ihm sagst,
dann trifft eines von beidem zu:
Entweder ist das Gesagte nicht wahr,
oder du hast es ihm ohne Güte gesagt.
Die einzige Art und Weise, die Wahrheit zu sagen, ist gütig.
Nur Worte eines liebevollen Menschen werden gehört.

(Henry David Thoreau)



Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.



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