Bundestagswahl 2017

Angela Merkel und das namenlose Grauen … wollen einfach nicht in Ruhestand gehen

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(Bild: cc by Jacques Prilleau)

Nicht einmal am Sonntag hat man seine Ruhe. Während Merkel und Schulz bei ihrem gestrigen Duett – pardon: Duell natürlich, Schlaftabletten verteilten, zündete Nordkorea eine Wasserstoffbombe, nachdem es bereits eine Langstreckenrakete über das benachbarte Japan geschickt hatte. Doch nicht nur in Nordkorea droht die Lage zu eskalieren. Allerortens kriechen retardierende Kräfte aus ihren Löchern und mobilisieren zum Angriff. Die US Senatoren McCain und Graham haben 2017 zum „Jahr der Offensive“ ausgerufen,  womöglich um einen durch eine jüngsten Pentagon-Studie prognostizierten Kollaps der USA (siehe Rubikon) doch noch abzuwenden. Indes übt sich die NATO im Abwerfen von Übungsatombomben an der russischen Grenze, „um einem Erstschlag der Russen zuvorzukommen“. Die deutsche Bundeskanzlerin reicht zum neuen Kalten Krieg eifrig ihre Hände und entsendet erstmals seit dem 2. Weltkrieg wieder Panzer an die russische Front. Russland schickt wiederum Schiffe mit nuklearen Marschflugkörpern ins Mittelmeer. Auch China legt als Antwort auf die von US-Außenminister Rex Tillerson angekündigte „härtere Gangart“ die nukleare Karte auf den Tisch und warnt vor einer „verheerenden Konfrontation“ (siehe Presse). Der russische UN-Botschafter Vasily Nebenzya bezeichnet die Beziehungen zwischen Russland und den USA mittlerweile als „schlechter“ als im Kalten Krieg,  also dramatischer als in jener Zeit, in der die Menschheit mehrmals nur knapp an einer nuklearen Katastrophe vorbeigeschlittert ist.

In der Fülle an katastrophalen Bildern, die täglich auf uns einstürmt, geht womöglich an vielen vorbei, was solche Aussagen und scheinbar nüchternen diplomatischen Codes bedeuten. Wie auch Götz Eisenberg bemerkt, „verschlingen wir unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, dass wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen (…) Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder.“

Den wenigsten, die gestern Abend dem TV-Duell zwischen Merkel und Schulz zugeguckt haben (bei dem das Kanzleramt bereits von vornherein diktiert hat, was angesprochen werden darf und was auf keinen Fall – siehe Spiegel) , dürfte z.B. bewusst sein, dass die entgegen den massiven Warnungen Russlands in Europa stationierten NATO-Raketenabwehrstationen auch als Angriffswaffe konzipiert sind und Russland Atomraketen mit großer Sprengkraft auf Primärziele in Ramstein und Kaiserslautern gerichtet hat, da sich dort die Kommandozentralen des US-Raketenschildes befinden. Im Falle eines US-Raketenangriffs von deutschem Boden bliebe Russland nur eine Vorwarnzeit von ca. 15 Minuten, sodass die gesamte Region schon bei einem nur irrtümlich gemeldeten Lenkwaffenanflug sofort komplett ausgelöscht und Deutschland durch radioaktiven Fallout weiträumig verseucht würde.

Erzählungen aus dem Osten

In Zeiten des Kalten Krieges gab es bereits mehrere irrtümlich von Computersystemen ausgelöste Raketenalarme, bei denen das Auslösen eines verheerenden Gegenschlages nur um Haaresbreite verhindert werden konnte – manchmal nur, weil ein couragierter Ziviloffizier entgegen der Vorschrift gehandelt hat so wie seinerzeit Stanislav Petrow (siehe Spiegel):

„Kurz vor Mitternacht jaulten die Sirenen, auf dem 30 Meter messenden Bildschirm vor Petrow leuchteten rote Buchstaben auf: START. Das System hatte den Abschuss einer Atomrakete von einer US-Basis registriert. Spionagesatellit Kosmos 1382, seit einem Jahr im All, meldete den Beginn der Apokalypse. 25 Minuten blieben bis zum Einschlag, irgendwo in Russland.

(…)

Petrow jedoch bewahrte Ruhe. Er erhob sich von seinem Pult. Jeder seiner Untergebenen sollte ihn sehen. Er konnte jetzt keine Panik gebrauchen, er brüllte: „Hinsetzen! Weiterarbeiten!“

(…)

Dann rief er seinen Vorgesetzten an. „Es ist ein falscher Alarm“, rapportierte Petrow. Die Leitung knisterte. „Verstanden.“ Als Petrow auflegte, jaulten die Sirenen erneut: Kosmos 1382 meldete den zweiten Raketenstart und wenig später den Anflug drei weiterer Raketen. Die Systeme in Serpuchow-15 liefen einwandfrei, sie melden keine Fehler. Petrow misstraute den Riesenrechnern, die in 16 Schränken leise schnurrten, dennoch: „Wir sind klüger als die Computer. Wir haben sie geschaffen.“

Niemals war die Welt der atomaren Vernichtung näher als in dieser Nacht, sagt Bruce Blair, US-Abrüstungsexperte und heute Chef des World Security Institute. „Die oberste sowjetische Führung hätte, wenn sie über einen Angriff informiert worden wäre und da sie binnen Minuten einen Entschluss fällen musste, die Entscheidung für einen Vergeltungsangriff getroffen.“ Andropow, der damals bereits vom Krankenbett aus regierte, hätte wohl den „roten Knopf“ gedrückt – und damit einen tatsächlichen Nuklearschlag der Amerikaner provoziert.

(…)

„Die Welt kann froh sein, dass ich in dieser Nacht das Kommando geführt habe – und kein dumpfer Militär“, sagt Petrow heute. Vielleicht hätte ein Militär anders entschieden, streng nach Vorschrift, vermutlich falsch. Petrow dagegen vertraute seinem Gefühl. <<

Erzählungen aus dem Westen

Auch von amerikanischer Seite erfahren wir mit einigen Jahrzehnten Verzögerung, wie oft wir bereits am Abgrund vorbeigeschrammt sind. Computerfehler oder menschliche Fehlinterpretation hätten die Welt schon öfters beinahe in ein nukleares Inferno geführt. Der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Atomstreitmacht, Lee Butler, erzählt: „Wir handelten wie Betrunkene!“ (siehe Spiegel):

Butler: Es gab viele Krisensituationen, die meisten wurden niemals bekannt.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Butler: Zum Beispiel wurde ein Nato-Manöver von den Sowjets als Vorbereitung eines realen Angriffs missinterpretiert.

(…) Die nuklearen Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion waren voller Krisen. Lange Zeit, oft Jahre, passierte wenig, worüber wir ernsthaft hätten besorgt sein müssen. Plötzlich gab es einen simplen Computerabsturz oder die falsche Interpretation eines Radarbildes – schon stolperten wir in eine Krise und standen am Abgrund zur nuklearen Apokalypse.“

SPIEGEL: Sie hatten aber doch den nuklearen Krieg geplant, was haben Sie denn in das Papier hineingeschrieben?

Butler: Der strategische nukleare Kriegsplan bestand hauptsächlich aus mathematischen Formeln (…) Bei der Frage nach der Zahl der Opfer fühlte ich mich an Josef Stalin erinnert, der gesagt hatte, der Tod eines einzelnen Menschen ist eine Tragödie, der von Millionen aber eine statistische Größe.

(…) In den 50 Jahren des Kalten Krieges haben die Vereinigten Staaten rund sechs Billionen Dollar für ihre Nuklearbewaffnung ausgegeben. Wir haben 70 000 nukleare Sprengköpfe für 116 unterschiedliche Waffentypen entwickelt, die von 65 verschiedenen Trägersystemen abgefeuert werden konnten. Wir haben sogar Artilleriegranaten mit Atomsprengsätzen bestückt. Nein, wir haben niemals die volle Bedeutung unseres Arsenals verstanden.

SPIEGEL: Ob die atomare Zerstörung Hiroshimas und Nagasakis moralisch zu rechtfertigen sei, wurde außerhalb Amerikas oft diskutiert. Gab es in den USA offizielle Gremien, die sich damit befassten?

Butler: Nicht dass ich wüsste.  (…)

SPIEGEL: Sie waren mitverantwortlich für die Auswahl der 12 500 Ziele, in die Amerikas Nuklearsprengköpfe im Ernstfall einschlagen sollten. Wussten Sie eigentlich, was Sie da geplant hatten?

Butler: Ich war als Direktor der strategischen Nuklearkriegsplanung im Pentagon mitverantwortlich; ich habe aber nie die Bedeutung des Gesamtplans begriffen.

(…)

SPIEGEL: Fühlt sich Russland bedroht?

Butler: Das wäre kein Wunder. Es gibt keinen Warschauer Pakt mehr, wir aber erweitern die Nato und versichern, das habe weiter nichts zu bedeuten. Und wir modernisieren unsere Atomwaffen. Wir verspielen die kostbare Gelegenheit, neue Regeln der internationalen Sicherheit zu entwickeln, in denen Nuklearwaffen keinen Platz mehr haben.

(…) Wir handelten wie ein Betrunkener beim russischen Roulett, der zehnmal die Pistole abdrückt und dann erklärt: Guck mal, es ist überhaupt nicht gefährlich. In Wahrheit war das Nuklear-Roulett überaus gefährlich und arrogant. Es ist ein Wunder, dass wir es geschafft haben, uns irgendwie durchzuwursteln. Nukleare Abschreckung ist ein Hasardspiel, das irgendwann verlorengeht.

Alternativlose Abschreckung

Während also die derzeit praktizierte „Abschreckung“ laut dem ehemaligen Oberbefehlshaber der US-Atomstreitkräfte ein Hasardspiel ist, das jederzeit ins Auge gehen könnte und das wir bisher scheinbar nur durch höhere Fügung überlebt haben, so hat man heute vielfach den Eindruck, dass amtierende Spitzenpolitiker nicht mehr zwischen Videospielrealität und echtem Leben unterscheiden können. Nicht nur Verteidigungsministerin Von der Leyen erklärt in Hinblick auf die kommende WM in Russland lachend, dass „Deutschland auf jeden Fall schießendes Personal schicken wird“. Die gute Dame weiß anscheinend, wie leicht man mit solch sportlichen Ansagen eine Fußballnation begeistern kann, deren Sternstunde immer dann aufleuchtet, wenn die Bild-Zeitung wieder titeln kann: „Wir sind Weltmeister“ – wenn wir schon nicht mehr Papst sind. Im Windschatten solch sportlicher Ansagen wurden denn auch wirklich einige militärische Schachzüge gemacht, die den atomar bestückten russischen Bären jetzt ganz schön ins Schwitzen bringen und historische Traumata wecken (siehe „Wenn der russische Bär eine Anakonda am Hals und der Hund die Hausaufgaben gefressen hat“).

Aber was tut man in dem Land, in dem wir laut CDU-Wahlspruch “gut und gerne leben“ wollen, nicht alles für einen möglichen Weltmeistertitel? Um sicherzugehen, dass Deutschlands schießendes Personal dann am Rasen der kommenden WM auch wirklich gut in Schuss ist, wurde es einstweilen zum Training an die russische Grenze geschickt, um dort „für Abschreckung zu sorgen“ – erstmals seit Ende des zweiten Weltkriegs liegen also wieder deutsche Panzertruppen nur 120 km vor St. Petersburg und harren dort den ihnen erteilten Befehlen aus der NATO-Kommandozentrale.

Auch Angela Merkel sieht die zunehmende „Abschreckung“ und Konfrontation mit Russland als alternativlos an, obwohl sich diese Konfrontation sogar auf wirtschaftlicher Ebene – also auf derjenigen Ebene, der man in einer marktkonformen Demokratie alle anderen menschlichen Belange bedingungslos opfern muss – bereits als verheerend erwiesen hat: Nach Expertenschätzungen haben die gemäß transatlantischer Direktive ausgesprochenen Russland-Sanktionen alleine in Deutschland  bisher 500.000 Arbeitsplätze vernichtet und hat Europa einen Verlust von 100 Milliarden Euro erlitten, sodass sogar EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kurzzeitig aufjaulte und öffentlich bekundete: „Wir können uns unsere Politik nicht länger von den USA diktieren lassen.“

In einem Spiegel-Interview bringt Kreml-Berater Sergej Karaganow jedenfalls unmissverständlich zum Ausdruck, was eine Eskalation im momentanen NATO-Säbelrasseln für Deutschland bedeutete: Es würde ins offene Messer laufen. Russland wäre nicht bereit, sich auf eigenem Territorium in Scharmützel verwickeln zu lassen, sondern würde uns in solchem Falle einfach per Knopfdruck verdampfen (siehe Spiegel):

„Russland wird nie wieder auf seinem eigenen Territorium kämpfen (…) Im Falle einer Krise werden genau diese Waffen vernichtet (…) Wenn die NATO eine Aggression beginnt – gegen eine Atommacht wie uns -, wird sie bestraft werden.“

Das „Gerede“, dass Russland das Baltikum angreifen wolle, bezeichnet Karaganow als „idiotisch“. Doch nicht nur der Kreml-Berater sieht Idiotie. Soweit ich das aus dem Baltikum vernommen habe, sehen das die Menschen dort durchaus ähnlich. Einen Angriff von Seiten Russlands halten die meisten dort für absurd, auch wenn sich die NATO-assoziierten staatlichen Propagandaorgane nach Kräften bemühen, eine solche Bedrohung an die Wand zu malen. Viel mehr Angst haben die Menschen dort vor einer unnötigen Provokation und Eskalation im Zuge der NATO-Manöver an der russischen Grenze (wir berichteten).

Doch egal wie es der russische Bär auch drehen und wenden mag, er gilt nun einmal schon ganz einfach deswegen so gefährlich, weil er eben ein Bär ist. Selbst wenn dieser Bär, der sein Militärbudget dieses Jahr entgegen dem globalen Trend zur Aufrüstung um 25% gekürzt hat und nun bei 41 Milliarden Dollar rangiert (im Vergleich dazu USA: 622 Milliarden), so stellte Russland selbst dann noch eine empörende Gefahr dar, wenn es sein Militär morgen auf Null reduzieren und all seine Militärbasen in Kloster für buddhistische Mönche umwandeln sollte. Denn in den weiten Steppen Russlands haust bekanntlich das namenlose Grauen, das die marktkonformen Demokratien westlicher Prägung bedroht: Russische Hacker, die es einfach nicht lassen können, nächtens in die Tastatur ihrer Laptops zu hacken.

Schon seit Jahresbeginn dreht sich im US Kongress und den amerikanischen Medien fast alles um sie. Haben sie die US Wahl manipuliert und wollen sie nun auch die deutsche Wahl beeinflussen? –  Nicht nur die 27.000 Informationskriegs-Profis des amerikanischen Geheimdienstes (Quelle: Tagesanzeiger) und die 1.500 Mann der für „Kriegsführung im Informationszeitalter“ zuständigen“ 77. Social-Media Brigade Großbritanniens, die nichts anderes will als die „Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen“ (Quelle: Spiegel) rotieren in ihren unterirdischen digitalen Bunkern bereits auf Hochtouren, um das namenlose Grauen aus der russischen Wildnis einzudämmen. In konzertiertem Einvernehmen mit unseren Leitmedien versuchen die staatlichen Dienste auch hierzulande alles in ihren Kräften stehende, um uns fernsehende Fußballfreunde vor dieser abgründigen Gefahr rechtzeitig zu warnen und unsere Herzen und Köpfe zu gewinnen.

Bullshit News und Business as usual

Dabei ist es einem ambitionierten Journalisten-Team mit Namen „Veritas“ (lat. „Wahrheit“) bereits gelungen, die in internationalen Leitmedien wie CNN nonstop in immerzu neu aufgewärmten Varianten transportierte Russland-Bedrohung als Fake News zu enttarnen. Auf verdeckt aufgezeichneten Interviews mit leitenden CNN-Produzenten ist klar zu hören, was diese von den eigenen Stories über die Russland-Bedrohung und die angeblichen Wahlmanipulationen halten:  CNN-Produzent John Bonifield gibt dabei wörtlich zu, dass die ganzen Russland-Geschichten „Bullshit“ von CNN-Chef Jeff Zucker seien, „um die Quoten zu steigern“. Auf die Frage seines Gesprächspartners, wie das Erzeugen solcher Lügenkonstrukte denn mit journalistischer Ethik vereinbar sei, die ja in Journalismus-Schulen so hochgehalten werde, antwortete der CNN-Produzent: „Dort ist das gut und schön, aber hier, das ist Business!“

So nebenbei erfährt man in den Veritas-Interviews auch, was Chefredakteure der Leitmedien von den wählenden Bürgern, die sie mit ihren Nachrichten informieren, mitunter halten: „Die Wähler sind dumm wie Scheiße“ (Zitat Jimmy Carr, CNN-Produzent). Unverblümt erklärt Carr weiter, dass es bei allem nur um die Einschaltquoten gehe und dass Entscheidungen über die Inhalte der Sendungen von ganz oben kämen: „Das sind Entscheidungen, die von Leuten viel höher als ich gemacht werden und wenn sie ‚Wow‘ sagen und die Quoten steigen, dann sagen sie, macht genauso weiter wie bisher. Nun, das tun wir, es ist Russland, ISIS …“

Interessanterweise waren diese Enthüllungen von „Projekt Veritas“ in den deutschen Qualitätsmedien kaum eine Erwähnung wert. Entsprechende Berichte findet man nur bei RT und alternativen Medien (siehe z.B. sott.net). Dabei könnten diese Enthüllungen Licht in die dunklen Keller der Informationskriegsprofis bringen und hätten durchaus das Potential, die derzeitige Konfrontation mit Russland im Handumdrehen zu entschärfen, indem man die dort zusammenlaufenden Fäden ans Licht hebt – immerhin ist CNN jener internationale Sender, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass heute die halbe Welt Angst vor der potentiellen Aggression Russlands hat und Spitzenpolitiker ungestraft eine „Abschreckung“ in Form nuklearer Konfrontation fordern können.

Selbst der verschwörungsresistenteste Fernsehbürger kann sich also nicht mehr ganz des Eindruckes erwehren, dass es offensichtlich eine gar nicht so unbeträchtliche transatlantisch vernetzte Interessensgruppe gibt, die das von der Kanzlerin verkündete „gute und sichere“ Leben langweilig findet und die wesentlich höhere Profitmöglichkeiten darin sieht, wenn wir „wild und gefährlich“ leben. Womöglich geht es in der aktuellen NATO-/Ukraine-/Russlandkrise aber nicht nur um „Außenpolitik mit dem Ziel, Rohstoffe und Absatzmärkte für Rüstungsindustrie, Finanzindustrie und Energiekonzerne zu erobern“, so wie Oskar Lafontaine das gerade via Facebook formulierte und dabei an die Worte von US-Präsident Theodore Roosevelt gemahnt, wonach „hinter der angeblichen Regierung eine unsichtbare Regierung thront, die die Menschen nicht anerkennt, ihnen gegenüber nicht verpflichtet ist und keinerlei Verantwortung übernimmt.“ Vielleicht geht es einfach auch um Lifestyle – das weiß man doch schon seit James Dean, dass ein wildes und gefährliches Leben mehr Spaß verspricht, während ein Spießbürgerleben in Todsicherheit auch todlangweilig ist. Warum lassen wir also nicht einfach so wie Merkel Fünfe grad sein und nennen wir diese unsichtbare Garde an Schattenmännern (siehe auch „Sex, Lügen und Videos – Über die Five Eyes, die auch in Ihrem Schlafzimmer live dabei sein dürfen“)  einfach „unsere verlässlichen Freunde“, denen wir bedenkenlos die Schlüssel zu unserer Wohnung und unserer Zukunft in die Hand geben können? Geschult in den vier „D’s“ : „Deny/ Disrupt/ Degrade/ Deceive  – Verleumden/ Spalten/ Erniedrigen/ Irreführen“ – so lautet im O-Ton das Trainingsprogramm auf einer von Edward Snowden geleakten Geheimdienstfolie (Quelle: The Intercept) – werden diese verlässlichen Freunde die Welt schon schaukeln.

Wer keine Zeit hat, sich über diese verlässlichen Freunde und die Fäden transatlantischer Netzwerke und Pressure-Groups, in denen auch Bundeskanzlerin Merkel fest inkorporiert ist, detailliert zu informieren (siehe z.B. free21.org, Medien-Navigator, Swiss Propaganda Studie), dem sei hier eventuell eine kurze, humorvolle Einführung in das Spinnennetz der Macht von Erwin Pelzig anempfohlen oder der immer noch aktuelle Klassiker aus „Die Anstalt“ vom 29.04.2014. Auf „Fäden“ und deren Zusammenlaufen kommen wir ganz unten gleich noch zurück. Sind solche Fäden etwa der Grund, warum Angela Merkel die Forderung von Martin Schulz, dass amerikanische Atomwaffen aus Deutschland verschwinden sollen (siehe FAZ), gar nicht so toll findet? Huch, wer so denkt, hat sich vermutlich bereits durch eine subliminale Kampagne russischer Hacker beeinflussen lassen.

Deutsche Gründlichkeit

Wie auch immer, selbst wenn „Projekt Veritas“ bereits Wahrheit in die geostrategische Lügenmaschinerie gebracht hat und auch ein hochrangiges Konsortium ehemaliger US-Geheimdienstveteranen, darunter der ehem. technische NSA-Direktor William Binney, nach eingehender Analyse zum Schluss kommt, dass die angebliche Einmischung Russlands in westliche Wahlen haltlos ist (siehe Memorandum „Allegations of Hacking Election Are Baseless“), deutsche Gründlichkeit lässt trotz allem nicht locker und bleibt weiter am Ball. In einem jüngsten Artikel im Spiegel wird das namenlose Grauen erneut beschworen: „Im Raum steht eine perfekt terminierte Attacke auf den Bundestagswahlkampf“. Nicht nur ein „Kanzlerinnensturz“ wird befürchtet, auch über das das Bestreben, „ jene Kräfte zu pushen, die für einen russlandfreundlicheren Kurs stehen wie AfD, Linke und Teile der SPD“ wird gemunkelt. Tja, auf  einen russlandfreundlicheren Kurs einzuschwenken – das wäre ja wirklich das Schändlichste, was man sich derzeit vorstellen kann, dann müsste man das bereits budgetierte Aufrüstungsprogramm womöglich wieder abblasen. Gut, dass uns der Spiegel rechtzeitig vor solchen Tendenzen warnt.

Doch selbst wenn sich das namenlose Grauen tatsächlich erheben sollte, ist alles in Butter – wie man erfährt, haben die Social Engineering Experten des BSI bereits alle notwendigen digitalen Abwehrgeschütze in Stellung gebracht: „Das BSI hat seine Lagebeobachtung bis zum Abschluss der Bundestagswahl 2017 intensiviert und hält erweiterte Krisenreaktionskapazitäten für eventuelle Vorfälle bereit.“

Vor nicht DIN-ISO zertifizierten Nachrichten in  den sozialen Netzwerken wird dennoch gewarnt. Der Russe wird es am Wahlabend womöglich dort versuchen, uns von der Notwendigkeit eines „Kanzlerinnensturzes“ zu überzeugen. Da das namenlose Grauen so ganz ohne Namen nur halb so viel Gänsehaut erzeugt, liefert der Spiegel dem unbedarften Leser dann doch auch ein paar Nicknames an die Hand, unter welchen die russischen Hacker im Schlachtfeld des Internets mutmaßlich firmieren:  „Die Gruppe kursiert in der Szene unter Namen wie APT28, Fancy Bear oder Pawn Storm.“  Mir läuft sogleich ein kalter Schauer über den Rücken – solchen und ähnlichen Nicknames bin ich in diversen Internetforen bereits zuhauf begegnet, ohne zu wissen, dass ich mich dabei in Tuchfühlung mit den Dämonen von Lord Valdemort persönlich befunden habe. Mannomann, was war ich nur für ein naiver Tropf … ja, jetzt rächt es sich, dass ich nie die Internet-Erkläranweisungen von Sascha Lobo gelesen habe und auch den Spiegel, die „Bild-Zeitung für Abiturenten“ (Volker Pispers) längst abbestellt habe. Möglicherweise bin ich also jetzt ohne mein Wissen bereits vollkommen indoktriniert und deshalb in der Wahlkabine bereit zu einem „Kanzlerinnensturz“ und somit zum Ende der nuklearen Abschreckung an der russischen Grenze.

Merkels tatsächliche und vermeintliche Einwanderungspolitik

Atemlos lese ich die Warnungen im Spiegel weiter:  Von „prorussischen Aktivisten und wichtigen Multiplikatoren in sozialen Netzwerken“ ist die Rede, deren „Ziel dabei häufig Angela Merkel und die Einwanderungspolitik ist, für die sie tatsächlich und vermeintlich steht“. – Die Einwanderungspolitik, für die Merkel „tatsächlich und vermeintlich“ steht. Also, was ist sie nun, diese Einwanderungspolitik? Tatsächlich oder vermeintlich? Der politisch korrekte Spiegel-Journalist lässt dem Leser da ganz die Wahl. Progressive Leser dürfen Merkels Einwanderungspolitik als tatsächlich ansehen, eher konservative Leser dürfen selbige Einwanderungspolitik getrost auch als vermeintlich auffassen. Jedenfalls gilt die jüngste Aussage Merkels, dass es für Asylsuchende auch in Zukunft keine Obergrenze geben werde, als unbestritten tatsächlich. Der Widerstand ihres CSU-Opponenten Horst Seehofer, der ihr noch vor Kurzem mit Verfassungsklage drohte und versprach, dass er sich „bis zur letzten Patrone … gegen eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ sträuben werde, scheint ausgebügelt und alles wieder eitel Wonne.

Sogar der durch seine Wutrede bekanntgewordene Kongolese Serge Menga ist schon längst nicht mehr wütend, sondern lacht sich angesichts der paradiesischen Zustände im Schlamerkelland nur noch krumm (siehe YouTube).

Wäre ich einer der neoliberalen Finanz-Oligarchen, von denen Oskar Lafontaine in seinem oben erwähnten Blog spricht, dann würde ich mich jetzt ebenfalls krummlachen. Nicht nur die Gewerkschaften zerbröckeln (siehe FAZ), auch die Bürger sind zutiefst gespalten und dadurch marginalisiert wie noch niemals zuvor, sodass die neoliberale Agenda nun ohne nennenswerte Widerstände durchgezogen werden kann. Egal, wohin ich blicke, ob bei Bekannten, Freunden, in Büros oder in Familien: Fast überall sind gefühlte 50% der Gruppenmitglieder vehement für eine unbeschränkte Zuwanderung, da dies ein Gebot der Menschlichkeit darstelle, während sich die restlichen 50% vehement gegen eine solche Zuwanderung aussprechen. Nicht nur bei öffentlichen Kundgebungen bewerfen sich die einzelnen Gruppierungen mit Steinen und buhen sich wütend aus, auch in Familien herrscht seit der Grenzöffnung Zwist und so manche Freunde und Nachbarn reden seitdem nicht mehr miteinander. Damit haben wir eine Patt-Stellung par excellance und es freut sich der Dritte (die unsichtbare Hand des Marktes, die uns alle gemeinsam der Zitronenpresse zuführen will).

Der Bundeskanzlerin scheint die Grenzöffnung jedenfalls nicht geschadet zu haben. Laut aktueller Umfragen rangiert sie bei der Bundestagswahl mit 36-40%. Florian Rötzer resümiert in Telepolis: „Schulz und die SPD werden keine Chancen haben, die Zukunft wird schwarz getönt sein.“ Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Wer weiß, was vor der Bundestagswahl in drei Wochen noch alles passieren wird. Vielleicht reckt ja das namenlose Grauen doch noch seinen unsichtbaren Arm aus der Wolga und stürzt die Kanzlerin, die derzeit noch wie eine Sumo-Ringerin breitbeinig und unbeirrbar auf der Matte steht. Wie wird es dann mit unserer von Peter Sloterdijk als „Lethargokratie … mit einer Hohlraumfigur als Kanzlerin“ bezeichneten marktkonformen Demokratie weitergehen? Man wagt es gar nicht auszudenken …

Nach Ansicht der deutschen Nachrichtendienste und unserer Leitmedien wie etwa der  „Süddeutschen“ geben sich die russischen Hacker jedenfalls noch nicht geschlagen und verschwören sich unermüdlich – und das, obwohl es Verschwörungen laut einhelliger herrschender Meinung im 21. Jahrhundert ja gar nicht mehr gibt. Man lese und staune:

„Aus Sicht der deutschen Dienste besteht kein Zweifel daran, dass die Fäden – sollte es welche geben – im Kreml zusammenlaufen.“
(Quelle: Sueddeutsche)

Die Logik dieser Aussage in einem unserer DIN-ISO zertifizierten Leitmedien muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Also es gibt keine Beweise, dass solche „Fäden“ existieren. Aber sollten sie doch existieren, dann … laufen sie zweifellos im Kreml zusammen. Solch bestechende Argumentation inspiriert mich sogleich zu weiteren logischen Deduktionen, um die Rätsel unserer Zeit zu lösen: Neuerdings wird ja unter Physikern diskutiert, ob es Gravitationsstrahlen gibt. Also ich postuliere dann mal, dass diese Gravitationsstrahlen – sollte es sie geben – zweifellos aus der Raute der Bundekanzlerin entspringen. Woher soll eine solch unentrinnbare Schwerkraft, die derzeit alles wie ein Senkblei Richtung Meeresgrund zieht und Deutschland in die Selbstzerfleischung treiben will, denn auch sonst kommen?

Nachsatz:

Zum Glück erfahren wir gerade aus dem Postillon, dass an der Informationskriegsfront nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird:

„Beide doof“: Russischer Hacker unschlüssig, wen er bei Bundestagswahl unterstützen soll

<< Sankt Petersburg (dpo) – Der russische Hacker Anatoli Fadejew ist verzweifelt: Schon bald ist Bundestagswahl und der 27-Jährige aus Sankt Petersburg hat sich immer noch nicht entschieden, ob er Angela Merkel (CDU) oder Martin Schulz (SPD) attackieren soll, um den jeweils anderen zu begünstigen. Offenbar findet der direkt von Putin beauftragte Hacker beide diesjährigen Kanzlerkandidaten nicht überzeugend … >>
(Quelle: Postillon)


siehe auch:

Das namenlose Grauen – Teil 2: „Mir geht es gut, sonst ist mir alles scheißegal“

Nachrichtenspiegel: Was wir heute brauchen wie ein Loch im Knie: „Bodenständige“ Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien



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