Leben

Kulturtod 4.0 und die Geburt eines neuen Sterns im Zeitalter der Schwarzen Sonne

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Bild: Schwarze Sonne / Nigredo (PD)  

War den Griechen die Kunst noch das Götterkind, das den an der „Lebenslüge“ erkrankten Menschen inspiriert, erhebt und gesundet (was besagte Lebenslüge ist, darüber darf jeder mal kurz selbst sinnieren …), so haben sich die Künstler der Postmoderne zwar schon längst von diesem Ideal der Kunst verabschiedet, aber als eines kann Kunst heute immer noch dienen: als äußerst präziser Spiegel des herrschenden Zeitgeistes und als feinfühliger Seismograf für die Zukunft. Schon Viktor Frankl hat daher den Rat gegeben, dass man die uns erwartende Zukunft am besten an der aktuellen Kunstszene ablesen könne. Dies beherzigend, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mein Augenmerk nicht nur der Politbühne zu schenken und dort das marktkonforme Treiben der Trumps, Merkels und Gadaffis zu analysieren [Anm. d. Red.: die vorgenannte Auswahl an toten, komatösen und hyperventilierenden Politikern ist spontan und ohne tiefere Assoziation erfolgt], sondern ab und zu auch im Kulturteil unserer Leitmedien zu blättern.

Immerhin haben vor wenigen Tagen die Wiener Festwochen 2017 begonnen, das Stelldichein der internationalen Kunst-Avantgarde. Seit unserem letzten Abstecher in diese Gefilde (siehe „Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft“) hat sich auf der Kulturbühne nicht allzuviel geändert. Es sind bei den diesjährigen 66. Festspielen eben nicht deutsche und österreichische Akteure, die „kotzen, urinieren, Pornoszenen nachstellen, wild um sich schlagen, kreischen und schluchzen, rohes Fleisch und Eingeweide werfen“, um „das Publikum gemeinsam mit den Darstellern immer weiter bergab zu führen  in die Untiefen des Unbewussten, wo Tagesreste, Ängste und Begierden einen wabernden Morast bilden“ (Quelle: orf.at), sondern zur Abwechslung eben chinesische oder brasilianische Künstlertruppen wie z.B. die Macaquinhos (übersetzt: „Äffchen“), die gemeinsam eine lustige Nackt-Polonaiseschlange bilden und dabei ihre Köpfe in den Allerwertesten des jeweiligen Vordermanns stecken. O-Text aus dem Programm der Festwochen: „Kurzum: Es geht um den Anus. Die demokratischste und tabuisierteste Körperöffnung von allen. Die Performance ist eine Hommage an Schönheit und Freiheit …“ (Quelle+Polonaisefotos: festwochen.at). Im Fußtext des Festwochenprogramms erfährt man indes auch Dramatisches: Durch die aktuelle politische Situation in Brasilien ist die zukünftige Arbeit der Anus-Äffchen gefährdet!

[kleiner Zwischenruf an die soeben in NRW abgestürzten GRÜNEN: Na, da muss man doch schleunigst was unternehmen. Wo seid ihr, wenn man euch braucht? Eure Young Leaders sind doch sonst auch immer an vorderster Front, wenn es um den Kampf für Demokratie und Fortschritt und gegen Tabus geht. Womöglich sterben die Anus-Äffchen demnächst aus, wenn wir uns jetzt nicht für sie einsetzen! Außerdem: Vielleicht entdeckt ihr bei dieser Spezies sogar ein neues Transgender-Geschlecht, das ihr euch dann auf eure Fahnen schreiben könnt.]

Nun, dass wir heute in jeder Hinsicht auf den Arsch gekommen sind, wäre ja noch nichts wirklich Neues. Selbst Menschen, die sich durch harte Drogen oder Dauerfernsehen betäuben, dämmert dies mittlerweile, dazu hätte man nicht Kerosin in die Luft blasen und Macaquinhos aus Brasilien importieren müssen.  Auch Jonathan Meese, das enfant terrible der zeitgenössischen Kunzt, hätte man nicht herankarren müssen, damit er uns mit Richard Wagners Parsifal-Verhunzung jede Vorstellung von Politik und Religion „dekonstruiert“. Diese seien „Kitsch von gestern“. Hingegen gehe es laut dem Regisseur darum, uns auf eine Zukunft vorzubereiten, die seiner Ansicht nach „nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch“ sein werde. – Stelle ich mir wirklich toll vor, so eine Zukunft ohne Politik, also ohne demokratische Willensbildung: Klingt wie ein Mekka, in dem sich die in der Aufzählung des Künztlers nicht vorhandene Wirtschaft endlich vollkommen frei entfalten kann. Auch eine von Meese geforderte Welt ohne Religion passt da dazu: Eine Welt, in der nichts mehr heilig, sondern alles nur geistlose Knetmasse und damit der restlosen Verwertungslogik unterworfen ist, wäre doch der beste Boden für ein letztes Wirtschaftswunder kurz vor Ladenschluss – der Ökonom in mir bekommt bei einer solchen Vorstellung sofort Dollarzeichen in den Augen und ist restlos begeistert. Fortschrittliche Künztler mit solchen Visionen sollte man unbedingt unter Sponsoringvertrag nehmen.

Wie dem auch sei. Eigentlich würde ich es ja gar nicht für wert halten, den Leser mit dem „wabernden Morast“ (orf.at) – pardon, mit der „Kunst der offenen Arme“ (Festivalintendant Tomas Zierhofer-Kin) – zu belästigen, der dieses Jahr wieder neu aufgebrüht vom Stapel gelassen wird, wenn … ja wenn sich inmitten dieses Morasts nicht auch Grund zur Hoffnung abzeichnen würde. Dazu jedoch später. Bevor wir zu besagter Hoffnung bzw. zum Licht kommen, wollen wir uns so wie die klassischen Alchemisten bei ihrer Bereitung des Steins der Weisen zuerst der „Schwarzphase“ (lat. Nigredo, auch: Schwarze Sonne) widmen, jenem Stadium der Fäulnis und des Ausbrennens, in dem auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung eine Vorstufe der inneren Reifewerdung bzw. Individuation gesehen hat. Die Schwarzphase, bei der ein Gefäß in Pferdemist eingepackt und im Schlamm vergraben wurde, um dort zu verwesen, dauerte bei den alten Alchemisten 40 Tage. Mit 35 Tagen will der Intendant der Wiener Festwochen zeigen, dass es im digitalen Zeitalter auch eine Spur schneller geht und verspricht „fünf Wochen Ausnahmezustand“. Seiner Ansicht nach solle das Kulturprogramm „nicht geistig, sondern sinnlich“ sein, es gehe ihm „um exzessive, lustvolle Erfahrungen“ (Quelle: tvthek.orf).

In diesem Kontext und im Sinne von Frankls Zukunftskaleidoskop also kurz ein paar Streiflichter durch die Festspiellandschaft und ihre diesjährigen Stars (Kursivtext jeweils im Original übernommen):

“Promised Ends“ – Derrick Mitchell: In seinem „Theater der Grausamkeit“ lässt er assoziativ-mythologische Räume entstehen und erzeugt überbordende Schönheit, die in jedem Moment in Schmerz, Hysterie und extreme Emotionen kippen kann. Mitchell zeigt eine Gesellschaft in einer Grenzsituation, die Tabuschwellen durchbricht, … Angst, Bedrohung, Tod und Kannibalismus. Zum Sprachrohr dieser Gesellschaft wird ein körperlich wie geistig zerstörter König Lear … Auf der erbarmungslosen Reise sind wir mit Saint Genet und der Donner Party im Gebirge gefangen und treffen auf einen ››mad king on the heath saying kill, kill, kill, kill, kill, kill!‹‹ (Quelle: festwochen). Während der Performance zapfen sich Mitchells Schauspieler Blut ab und setzen sich unter Drogen. Im TV-Journal KulturMontag vom 08.05.2017 (Link bereits erloschen) sieht man mit echtem – ihrem eigenen – Blut verschmierte Körper zuerst alleine zittern, dann zu lethargischen Haufen übereinandergestapelt.

„Death Center for the Living“ – Daniel Lie: zeigt die Lust am Auflösen des Individuums und am Verschmelzen mit der dionysischen Emotion einer Masse, egal welcher: „Emotional Fields“ bezeichnet Situationen, in denen ganze Gruppen von Individuen zur selben Zeit und am selben Ort dieselbe Emotion empfinden, z. B. bei einer Trauerfeier, einem Candomblé-Ritual, aber auch bei einer Schlägerei oder einer Demonstration. Erkunden Sie die Zwischenwelt der Transformation, der Auflösung, des Loslassens. In Daniel Lies interaktiver Installation aus Mineralien, Pflanzen und verrottendem Obst entstehen atmosphärisch dichte Szenarien, in denen zeitliche Linearität zugunsten eines prozessualen Verständnisses aufgelöst wird. Ein queerer Raum, in dem alternative Gesetze walten. Eintritt frei (Quelle: festwochen).

„Mondparsifal Alpha 1-8“:  Als einer der Höhepunkte der Festspiele darf hier der bereits genannte Jonathan Meese den Parsifal-Mythos dem Reißwolf und der Kompostierung zuführen. Er selbst findet seine Wagner-Verhunzung als „das Geilste“. Er möchte Richard Wagner und den Weltenretter Parsifal „entheiligen, um ihn zukunftsfähig zu machen“, ihn von Politik und Religion befreien, da es Politik und Religion ja gar nicht gäbe und wir uns stattdessen auf eine Zukunft vorbereiten müssten, die wie schon erwähnt, nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch sein werde. In diesem Sinne will er uns zeigen, wie unsinnig es ist, den heiligen Gral und die Entwicklung innerer Tugenden wie Gerechtigkeit, Weisheit, Milde etc. zu erstreben wie seinerzeit die Gralsritter, wo es doch heute Strom aus der Steckdose, WLAN, auf Mondstationen twerkende Barbarellas, billigen Fusel, Anus-Polonaisen und endloses Entertainment gibt.  Meese „freut sich tierisch“, dass er nun auf der Weltbühne der Wiener Festspiele dasjenige Skandalstück aufführen kann, das bei den Bayreuther Festspielen abgesetzt wurde. Für das spießige Bayreuth, das seine fortschrittlich-entheiligende Kunzt verschmäht hat, schlägt der Regisseur nur noch eine – letzte – Inszenierung vor: „Man holt den Bulldozer raus und macht alles platt.“ (Quelle: orf).

„Hyperreality“: Parallel zu den Kunstinszenierungen wird in einem eigenen Pavillon vier Nächte lang ein „großer Reigen mit theoretischem Überbau und Partycharakter sowie einem politischen Drall“ veranstaltet. Die hierbei zum frenetischen Tanz aufspielende, international gefragte Künstlerin Tomasa Del Reals beweist durch ihre Vita, dass es im Sinne Meeses Mondparsifal auch ganz ohne ritterliche Ideale geht und „neue Realitäten“ ausreichen: „Dem Onlinemagazin The Fader kommunizierte sie eine Selbstbeschreibung, die von neuen Realitäten zeugt: Sie sei lediglich ein Mädchen mit ein paar guten Freunden, einem Mac und Wi-Fi“ (Quelle: orf).

Beim Recherchieren über die Wiener Festwochen habe ich mich auch kurz in ein benachbartes, ebenfalls an der Donau liegendes Kulturfest verirrt, das vermutlich aus dem Sporenflug des Mutterfestivals vom Vorjahr auf der grünen Wiese der Provinz aufgesprossen ist: Das Kremser Donaufestival. Der öffentliche Rundfunk erklärt uns, worum es bei diesem Festival geht (Quelle: orf): „Das Motto: nur keine falsche Scham. Hinschauen und zuschlagen, ganz, wie es die Lust gebietet.“ Im Fließtext erfährt man auch, was besagte Lust gebietet: „Dutzende nackte Menschen, die in einer Kirche ekstatisch zu moderner Musik tanzen und einander betatschen. Die Dominikanerkirche ist keine Kirche mehr, und die Tage, in denen so etwas als Tabubruch galt, sind längst vorbei. Heute ist das Skandalon ein anderes: echte Menschen, manche alt, manche jung, manche dick, manche mager, manche sportlich, manche nicht, mit großen oder flachen Brüsten, kleinen oder großen Penissen.“ Als Kulturverfall will der staatliche Rundfunk die Performance keinesfalls verstanden wissen: „Von wegen „Verfall“: Hier steht ein Mensch, in all seiner Körperlichkeit, all seiner Normalität…“

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk geizt auch nicht mit Ratschlägen und lebenspraktischen Erkenntnissen, die auf dem Kulturfestival zu gewinnen sind: Unter der Überschrift „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schildert er die Lust, in deren Genuss man bei hemmungslosen Gewaltausbrüchen kommen kann: „Solchermaßen von Komplexen befreit, muss man sich noch seiner Wut über das Body-Shaming, das in der Welt außerhalb des Donaufestivals weit verbreitet ist, entledigen. Da kommt Stephane Roys „The Laboratory of Anger Management“ gerade richtig. In einem Container wird eine Wohnlandschaft aufgebaut. Festivalbesucher dürfen sich jeweils 30 Sekunden lang mit einem Baseballschläger bewaffnet an die Zerstörung machen. Was in den unscheinbarsten Menschen steckt! … Wahren Berserkern gleich dreschen sie auf Glastische, Nachkästchenlampen und Stereoanlagen ein, bis außer ein paar Splittern nichts mehr übrig ist und das improvisierte Wohnzimmer neu aufgebaut werden muss. Interessant ist der Effekt, der sich dabei einstellt: Die Performance macht nicht Angst vor der Gewaltlust einzelner Individuen, sondern man freut sich mit ihnen über die Befreiung, die ganz offensichtlich mit dem brachialen Zerstören von heimeligen Konsumlandschaften einhergeht … Man verlässt das Festivalgelände mit einem inneren Schlachtruf, der die Schädelknochen noch ein letztes Mal zum Schwingen bringt: Freiheit für den Körper!“ (Quelle: orf)

Bevor er das Festivalgelände verlässt, macht der Redakteur noch einen Besuch bei einer Performance, in der ein „posthumanes Wesen“ auf einen schwarzen, mächtigen Thron erhoben wird, umgeben von Nebelschlieren und diffusem Kunstlicht. Wer also gedacht hat, dass in einer Zukunft, die „nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch“ sein wird, auch der Herrscherstuhl leerbleibt, während wir durchspaßt mit Cyberbrillen durch die Gegend surfen, der hat wohl voreilig geschlussfolgert. Passend zur Inthronisation des posthumanen Herrscherwesens wartet das Kulturfestival auch mit entsprechenden „theoretisch-diskursiven Vertiefungen“ auf, in welchen die US Cyborg- und Cyberfeminismus-Vordenkerin Donna Haraway dem Publikum die Idee schmackhaft macht,  die „Grenzziehungen zwischen Mann/Frau, Mensch/Maschine und Physischem/Virtuellem aufzuheben und neu zu denken“.

Zurück aber aus der Provinz in die Hauptstadt zum Mutterfestival: Auftakt und Höhepunkt der Wiener Festwochen war die „zwischen Oper und Orgie“ verortete Inszenierung „Ishvara“ des chinesischen Künztlers Tianzhuo Chen, der sich einen riesigen Bananenmixer zurechtgelegt hat, in den er die Bhagavad Gita (=die heilige Schrift der Hinduisten) und buddhistische Rituale zusammen mit Pop, Hiphop, nackten Männer mit frei schwingenden Pimmeln, Tierkadavern und Dämonen hineinwirft und dann den Mixer einschaltet. Die daraus resultierende, aufgeschäumte Melange wird sodann unter kaltem Neonlicht, Stroboskopscheinwerfern und markdurchdringend sirrendem Sirenenlärm zweieinhalb Stunden lang auf die Bühne ergossen. Aus einer Rezension auf orf news: „Im Vollrausch der Opernorgie — Auf der Bühne herrscht Opulenz, die die erzählerische Ebene ohnehin bald in den Hintergrund rückt. Es wird mit Fleisch geworfen, gekreuzigt, gebadet und vor allem viel getanzt – einmal mehr, oft weniger angezogen. Neon- und Schwarzlicht beleuchten ein großes Kreuz, das auf der Spitze eines Berges im Hintergrund aufgestellt ist…“

Während sich also der Westler Jonathan Meese die Entheiligung des christlichen Parzifal-Mythos vorgenommen hat, so widmet sich der aus dem Osten kommende Chen der Entheiligung der Bhagavad Gita, das ist quasi das orientalische Gegenstück der Bibel und Hauptwerk des Hinduismus. Der Großteil des Publikums war angeblich begeistert. Auch ich beginne langsam zu verstehen: Wenn diese letzten Reminiszenzen menschlicher Kulturgeschichte endlich zerrissen, verschreddert und verheizt sind und dem menschlichen Geist ein Tritt verpasst wurde wie einem Fußball, den man weit über den Horizont hinausschießt, dann werden wir endlich bereit sein für die Zukunft, die der Fortschritt uns verspricht. Das posthumane Wesen auf dem schwarzen Thron wird uns in eine neue, transhumanistische Evolution führen – siehe dazu ein lesenswertes Essay in Peds Ansichten (danke an User Blub für den Link).

Zurück aber zu Chens Orgienoper. Im Publikum spielt sich nämlich etwas ab, was ich als bemerkenswert repräsentativ für das ansehe, was sich m.E. in Zukunft immer stärker herauskristallisieren wird:

„Das Publikum teilt sich in einen kleinen Teil, der sich an mancher Stelle die Ohren zuhält, und den Rest, der von der ohrenbetäubenden Soundkulisse fast in eine Art Trance versetzt wird.“ (Bericht aus news.ORF.at/festwochen)

Und genau hier sind wir am springenden/revolutionären Punkt bzw. am eingangs versprochenen Hoffnungsmoment angelangt: Es wird berichtet, dass nach einer Dreiviertelstunde zuerst einzelne Personen und dann immer mehr Menschen mitten in der Orgienoper aufgestanden sind und unter Buh-Rufen den Raum verlassen haben. – Wer jetzt müde die Augen aufschlägt und meint, das sei nichts Besonderes, der hat keine Ahnung von der zeitgenössischen Kunstzene und den Gesetzen der Avantgarde. Bis vor Kurzem wäre es noch ein absolutes No-Go und reine Häresie gewesen, sich dem zur Normalität erklärten Wahnsinn zu verweigern und andere Wege zu gehen. Als etwa der österreichische Alt-Bundespräsident Thomas Klestil seinerzeit mit dem Satz „Mir gefällt die Kunst Nitschs nicht“ öffentlich bekundete, dass er den Orgienmysterienspielen und Blut-Schüttbildern des Aktionskünstlers Hermann Nitsch ablehnend gegenübersteht, wurde er von der herrschenden Meinung und ihren Leitmedien regelrecht hingerichtet. Ebenso machte sich auch jeder Kleinbürger der Führerbeleidigung schuldig und wurde umgehend als Ketzer aus der Gemeinschaft der fernsehenden Spiegelbildbürger verworfen, wenn er fortschrittliche nackte Tatsachen mit einem Sahnehäubchen reinem Wahnsinn obendrauf serviert bekam und es verschmähte, davon zu essen. Wenn heute also erstmals, wenn auch nur vereinzelt,  Menschen aufstehen, sich gegenüber der Masse emanzipieren und mutig den Häretikerstandpunkt einnehmen, dann ist das absolut revolutionär und in seiner Symbolkraft für die Zukunft nicht zu unterschätzen. Wir sind hier Zeugen absoluter pionierhafter Willensentscheidungen: Menschen, die nicht in C.G. Jungs „Nigredo“(Schwarz-)Phase verharren wollen, sondern die am Nullpunkt der menschlichen Kulturgeschichte realisieren, dass sie im Begriff sind, bei weiterer Fortsetzung dieses Weges in den Bereich sub-zero zu kommen bzw. meier zu werden. Menschen, die sich aus der Phase „Nigredo“(Schwärzung) in Richtung „Albedo“ (Weißung) und „Rubedo“ (Rötung) bewegen, um bei C.G. Jungs Terminologie zu bleiben (was diese tiefenpsychologischen Begriffe bedeuten, würde hier den Rahmen sprengen, kurz gefasst sind damit Stufen innerer Reifewerdung angedeutet, wobei es das Verdienst C.G. Jungs war, herauszuarbeiten, dass es bei diesen der mittelalterlichen Alchemie entlehnten Begriffen keineswegs um die Gewinnung von materiellem, sondern um „philosophisches Gold“ geht; als weiterführende Literatur siehe z.B. Jung, C. G. (1984): Psychologie und Alchemie).

Zurück aber zu denjenigen Pionieren, die sich aus der Orgienoper des 21. Jahrhunderts bereits emanzipiert haben: Nun wird gewiss mancher enttäuscht sein, dass das die ganze Hoffnung sein soll, die ich eingangs versprochen habe. Was sind schon einige wenige Brechbreiverweigerer gegen die große Masse, die sich weiterhin mit dem Brei abfüttern und in ekstatische Begeisterung versetzen lässt? Nun gut, wem diese Willensbekundung einiger Weniger noch nicht Hoffnung genug ist, für den habe ich abschließend noch einen weiteren Trost auf Lager:

Viele werden es schon wissen, aber da es sich zu manchen womöglich noch nicht rumgesprochen hat und zum Thema passend, im Übrigen eine Namensverwandschaft mit dem vorgenannten „Rubedo“ C.G. Jungs hat, möchte ich hier nochmals darauf hinweisen: Vor wenigen Wochen wurde eine neue Plattform eingerichtet, um einen wirkungsvolle Gegenöffentlichkeit gegen den zur Normalität erklärten Wahn-Sinn und gegen die tendenziöse Meinungsmache der Massenmedien zu schaffen. Das Magazin nennt sich „RUBIKON — Magazin für die kritische Masse“ und hat, wie der Name schon sagt, das erklärte Ziel, in der Gesellschaft die notwendige kritische Masse zu schaffen, um den abgründigen Entwicklungen der Gegenwart doch noch eine Wendung zu geben. Jean Ziegler zur Rubikon-Gründung:

„Es gibt eine letzte große Chance, den Beutejägern des Kapitals das Handwerk zu legen, bevor sie mit der neoliberalen Dampfwalze jeder Individualität und humanistischen Solidarität ein Ende setzen.“

Eine erste Sichtung des neuen Magazins hinterlässt einen vielversprechenden Eindruck und macht Mut auf die Zukunft. Neben vielen hochkarätigen Kolumnisten finden sich im Beirat erfrischende Köpfe wie Jean Ziegler, Daniele Ganser und Rainer Mausfeld. Aus der Startseite des Rubikon:

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ (Erich Kästner) … Trauen Sie sich, aufzustehen. Trauen Sie sich, klar und zuversichtlich zu sein! Lassen Sie uns sicht- und hörbar werden, denn diese Welt und diese Zeit brauchen uns alle, brauchen auch Sie. Überschreiten wir gemeinsam den Rubikon. Denn ob wir es wollen oder nicht: die Würfel sind längst gefallen. Es ist daher an der Zeit, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen.“

Was Rubikon ein besonderes Qualitätsgütesiegel verleiht: Nur wenige Atemzüge nachdem die Rubikon-Plattform gegründet wurde, wurde ihr von den Inquisitoren der Skeptikerbewegung bereits ein Eintrag auf Psiram verpasst (über Hintergründe zu dieser Diffamierungsplattform siehe Jens Wernicke: „Die Aufklärer und ihre Fake-News“). Hätte Rubikon diesen Eintrag auf Psiram nicht, dann wäre diese Initiative vermutlich nicht wert, dass man sie erwähnt. Denn wer auf dem Gesinnungspranger Psiram keinen Eintrag besitzt, ist im heutigen gesellschaftlichen Diskurs nur von eher untergeordneter Bedeutung und hat zur Veränderung der herrschenden Verhältnisse nicht viel beizutragen. Nur wer dem, was in der globalen Orgienoper „herrschende Meinung“ und „anerkannte Lehre“ ist, etwas entgegenzusetzen hat, ist dort aufgelistet. Wenn Rubikon also dort sogar binnen Tagesfrist ins Visier der von Roland Düringer als Bluthunde bezeichneten GWUP-/Skeptikerbewegung gerät, dann spricht das absolut für die Integrität und Stoßkraft der Redakteure von Rubikon. Frei nach Noam Chomsky: „Wenn ich mit dem, was ich sage, in den heutigen geisteskorrumpierten Verhältnissen nicht auf vehemente Kritik stoßen würde, dann wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.“

Einer meiner neuen Lieblingskolumnisten auf Rubikon ist übrigens „Herr M.“ – Herrn M. ist angesichts der Entwicklungen des Zeitgeschehens schon seit einiger Zeit nur noch schlecht. Seine Kolumne nennt er daher auch „Die Brechecke“. Trotz allem hat sich Herr M. einen besonderen Galgenhumor bewahrt, fühlt in Seelenruhe am Totenbett den Pulse of Europe, forscht eigenhändig nach, was das neue „SCHULZ“ ist und demaskiert unsere Leitmedien in genüsslicher Weise als „konzertierte Gehirnwaschfront“. Aber auch in den Artikeln der anderen Rubikon-Autoren kann man in Ruhe schmökern, ohne dass man am liebsten ein Glas an die Wand schmeißen möchte so wie beim Lesen unserer DIN-ISO-zertifizierten Leitmedien.

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Nachsatz:

Tja, die Nigredo-Phase, durch die wir momentan durchgehen, ist vermutlich noch lange nicht überwunden und die Sonne, die derzeit am Horizont steht, würde C.G. Jung wohl trotz ihres gleißenden Lichtes eine schwarze nennen („sol niger“, siehe Titelbild). Ein Sonnenschutzmittel, das vor dieser Gegensonne bewahrt, ist bis dato leider noch nicht erfunden und so wird uns das täuschende, pervertierte Licht, das von der schwarzen Sonne ausgeht, wohl noch weiterhin auf unserem Weg begleiten und auf der Haut brennen. Es kann jedoch jeder von uns ein nicht zu unterschätzendes Stück dazu beitragen, dass die wirkliche, gesunde Sonne wieder am menschlichen Horizont erscheint. Sie wird sichtbar, sobald wir den Nebelgeneratoren den Stecker rausziehen. Diesen Stecker ziehen wir raus, indem jeder von uns an seinem Ort der Lüge und Manipulation die Gefolgschaft verweigert und sich auf individuelle Weise um Wahrheit  und Humanität bemüht (siehe auch „Der Mensch am Schlachtfeld zwischen Lüge und Wahrheit“). Damit das bei niemandem Druck erzeugt: Die Wandlung vom Nigredo zu Albedo und Rubedo muss kein äußerlich heldenhafter und spektakulärer Prozess sein, es ist in den meisten Fällen eine ganz leise, innere Wandlung – dabei wäre es jedoch meines Erachtens ein fataler Fehler, wenn man mit dieser inneren Wandlung bei sich stehen bleibt und sich nicht nach außen wendet (die Tendenz zu Selbstrückzug und zum Schaffen von Wellness-Oasen ist angesichts der derzeitigen Großwetterlage bzw. kollektiven Depression zwar durchaus verständlich, aber nicht ratsam). So wie dies die Begründer von Rubikon machen, kann es auch jeder von uns im Kleinen machen: Ins Gespräch gehen, lebendiges Interesse am Weltgeschehen zeigen, mutig Position beziehen für Menschen, die gerade diffamiert und medial durch den Dreck gezogen werden, Respekt zeigen vor der Würde Anderer bzw. Andersdenkender – für die man im Sinne Immanuel Kants auch zu kämpfen bereit ist, denn: “Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.”

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P.P.S:

Falls die vom Orgienopern-Regisseur Tianzhuo Chen in Brand gesetzte und zum Verschreddern freigegebene Bhagavad Gita demnächst aus dem Gedächtnis der Menschheitsgeschichte ausgetilgt werden sollte, dann bleibt aus dem 700-strophigen Gedicht vielleicht zumindest auf dem Nachrichtenspiegel-Server dieser kleine Vers hier erhalten. Er mag als philosophische Gewürzprise dienen, dank derer Ihr Verdauungstrakt die notwendigen Enzyme erhält, um die aus den oben verlinkten Kulturfestimpressionen aufgenommenen Toxine, freien Radikale und Handlungsimperative wieder ausscheiden zu können.  (Der Autor des Gedichts ist unbekannt, zu altindischen Zeiten hat es der Mensch noch als anmaßend empfunden, dem Namen seiner vergänglichen Persönlichkeit besondere Wichtigkeit zuzumessen):

Wenn ein Mensch materielle Dinge betrachtet, entsteht Bindung an diese.

aus Bindung entsteht Begehren,

aus Begehren entsteht Zorn,

aus Zorn entsteht Verblendung,

aus Verblendung erfolgt Verlust der Erinnerung (an den Sinn des Lebens),

aus dem Verlust der Erinnerung erfolgt Zerstörung des Verstandes/ der Unterscheidungsfähigkeit;

ist der Verstand/ die Unterscheidungsfähigkeit zerstört, dann geht der Mensch zugrunde.

 

 



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