Kolumne

Die Guten gingen ins Büro…

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Die Guten gingen ins Büro. Die Guten waren die mit den guten Noten. Sie waren brav und fleißig und wollten es auch sein, weil sie einen Scheißdreck über die Welt wussten. In der Wohlstandsblase der frühen Achtziger waberte ja noch ein kleines bisschen der miefigen Luft, die in den fünfziger Jahren hineingepumpt worden war. Aber ihre Haut war schon schrundig stellenweise und so dünn und brüchig, wie die eines alten Menschen, der zuviel Cortison nimmt.
Die anderen kamen in die Werkstatt, auf die Baustelle oder Produktionshalle, wenn sie nicht Vaters Hof übernahmen, was damals schon kein ordentliches Auskommen ermöglichte, wenn er nicht groß genug war.
Die ganz Schlauen in der deutschen Provinz gingen in der Mitte der Achtziger zur Bank. Jeder spürte, dass die Banken die wichtigste
Institutionen der nahen Stadt waren. Sie strahlten Unbestechlichkeit, Macht, Korrektheit und Sauberkeit aus, waren in Beton gegossene Legalität. Wer dort anfing, hatte vielleicht die Hoffnung, ein kleiner Hauch dieser Attribute möge sich auf einen selbst niederlegen und die eigene Hässlichkeit und das ständige schlechte Gewissen kompensieren, weil man täglich wichste.
Wer von den Guten nicht genommen wurde, konnte noch auf eine Lehrstelle in Anwalts- und Steuerbüros ausweichen, wobei letzteren im Hinblick auf die den künftigen Steuerfachangestellten (damals: …gehilfe) erwartenden Tätigkeiten der Ruf vorauseilte mit überaus komplexer und schwieriger Materie umgehen zu müssen, es sich hier also um eine die kognitiven Fähigkeiten besonders herausfordernde Berufssparte handelte. Steuerangelegenheiten sind die hochtoxischen Fettaugen auf der Bürokratiesuppe dieses Staatsgebildes. Tödliche Strahlung geht von ihnen aus. Wer sich länger in deren Nahbereich aufhält, kommt nur mit mental- emotionalen Schäden davon.
Er verdummt.
Jedenfalls ging und geht es nicht um die Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit, der man bis zum wohlverdienten Ruhestand nachgehen sollte. Es ging um Hemd, Krawatte, Teppich, Schreibtisch und Heizung. Es zählte das Prestige eines Berufes, das, den Bankangestellten betreffend, im Nachklang der letzten Bankenkrise fast vollständig und zu recht flöten ging.
Dabei sollte nach dem Willen der Eltern sollte die bucklige Nachkommenschaft doch bitte nicht schmutzig werden, schon gar nicht durch Arbeit. Sie sollte gefälligst nichts herstellen oder an einem Herstellungsprozess direkt beteiligt sein, sondern verwalten.
Öl, Erde und Funkenflug sollten dem weißen Kragen und der billigen C&A-Krawatte, die seine ihn als Bessermenschen ausweisende Uniform vervollständigten, nichts anhaben nichts anhaben können. Der Dreck sollte abperlen wie die Kreditanfrage eines armen Schluckers, der keine Sicherheiten vorweisen konnte.
Die Grundlage seiner Arbeit mit Tauschmitteln und dessen Erwerb ist die Kreativität und die Risikobereitschaft anderer. Wie alle Makler setzt er sich in das von anderen gemachte Nest und trägt an Kreativität und Erfindungsreichtum lediglich bei, was die Gesetzmäßigkeiten des Staates oder des Arbeitgebers an Möglichkeiten der Profitmaximierung erlauben. Könnte man hier, ein gehöriges Maß Naivität vorausgesetzt, noch davon sprechen, dass die Regelungen des Staates den Kunden vor den gierigen Klauen der Bankster schützen sollen, gelten die Regeln der Institution selbst ausschließlich der Mehrung des eigenen Vorteils, sprich Kapitals. Sei’s drum: Er makelt mit Dingen, die, seien sie nun sinnvoll oder nicht, schon existieren.
Könnte man also mit sehr viel gutem Willen bei Banken noch Argumente finden, die den Gedanken an einen Markt, der die Nachfrage nach seinen „Dienstleistungen“ schafft, hinreichend begründen, ist dies beim Steuerberater völlig unmöglich. Zumindest aus der Sicht eines Bürgers, der versucht die Maßstäbe der Vernunft an seine Überlegungen anzulegen.
Hier ist es der Staat selbst, der durch eine mittlerweile in weiten Teilen überflüssige, komplexe Steuergesetzgebung überhaupt erst die Voraussetzung für die Notwendigkeit einer solchen Dienstleitungskaste schafft und übrigens auch durch die Vergütungsverordnung für Steuerberater (StBVV) ein gesichertes, durchaus üppiges Auskommen garantiert.
Ein undurchdringliches Gewirr von Regelungen und Ausnahmen von denselben, die ein freilich schon ohne komplizierte Steuergesetze bestehendes Bürokratieungetüm vollends zur monströsen Karikatur aufblähen, schafft eine überflüssige Nachfrage einer in einem schlanken, effektiven Staat überflüssigen Dienstleistung.
So pflanzt sich der Steuerberater, wie jede Maklerseele, zwischen die Glieder der Wertschöpfungsketten. Die einen mögen diesen Vorgang als Anzapfen eines monetären Flusses, der von schöpferischen Menschen initiiert wird, interpretieren, die Anderen als unnötige Verteuerung des Produktes des jeweiligen Schöpfers. Eine in ökonomischer Hinsicht parasitäre Daseinsform lässt sich unschwer verleugnen.
Friedrich „Fotzenfritz“ (Titanic) Merz‘ oder Paul Kirchhof „der Professor aus Heidelberg“ (Ex-Genossenboss und Bossgenosse Schröder) haben schon vor Jahren den Versuch unternommen ein vereinfachtes Steuersystem öffentlich vor zu denken.
Überflüssig zu erwähnen, dass eine Transparenz durch Vereinfachung nicht gewünscht wird, weil der Schiss vor einer Mehrheit, die den Mangel an Gerechtigkeit erkennen und einfordern könnte, in den Buxen interessierter Kreise viel zu groß ist.
Ohne ins Detail gehen zu müssen, darf man durchaus vermuten, dass die Zunft der Steuerberater im Zuge einer Entrümpelung der Steuergesetze unter einer ordentlichen Ausdünnung zu leiden hätte. Ein Schaden wäre das gewiss nicht.

Der Autor mag Anonym bleiben.



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