Kolumne

Der angehende Junggeselle der Künste und die Halbzeugfabrik

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Erster Teil: Schwermetall und Akkorde in Moll

schwermetall

Ungefähr 2 Jahre bevor Ralf und ich uns zum ersten Mal begegneten, schrieb ich mich in einen Studiengang ein, dessen englische Bezeichnung zwar irgendwie hip, aber auch etwas übertrieben klang, zumindest an einer deutschen Hochschule. Auch was in den einzelnen Fächern gelehrt werden sollte, klang dem Namen und der Kurzbeschreibung nach, wie aus einem Handbuch für Hipster, obwohl die zu der Zeit noch gar nicht erfunden waren. Luschen allerdings schon und von denen gab es dort eine ganze Menge. Das fing bei der erschreckend mangelhaften Trinkfestigkeit an und hörte bei der schon in die geistige Behinderung hineinreichenden Fachidiotie noch lange nicht auf.
Ich bin Anhänger meiner eigenen kleinen Privattherorie, die besagt, dass damalige Kommilitonen ihre Harmlosigkeit zum Hipstertum weiterentwickelt haben und durch Jobs in der ganzen Welt verbreitet haben. Und hier sehe ich auch den Samen für die heute so offensichtliche Massenverblödung gelegt. Jedenfalls durfte man mit einem „Bachelor of Arts“ abschließen, den ich aber verschweige, weil er so lächerlich klingt.
Einige der angebotenen Fächer waren auch, was ihren Lehrinhalt anging, interessant und wertvoll. Letztendlich ließen sich in allen Fächern Erkenntnisse gewinnen. Zum Beispiel, dass der eine oder andere Professor seine aufgeblasenen Banalitäten und Beobachtungen, die für jeden Vollhonk, der kein Schimpanse ist, durchaus offensichtlich waren, als Stein der Weisen verkaufte, um seine Besoldungsstufe zu rechtfertigen.
Da man regelmäßig Erarbeitetes mittels Vortrag vorstellen musste, lernte man, wie man jeden Scheißdreck mit Scheinargumenten an Idioten verkaufen kann. Schließlich ging es ja darum fit für irgendeinen Wichsmarkt gemacht zu werden.
Es war ein Studiengang, für den die mittlerweile idiomatische Umschreibung „irgendwas mit Medien“ passt, wie die Faust in die Hipsterfresse. Und da ich schon einen Beruf hatte, der in die gleiche Kategorie fiel, betrachtete ich das Studium als Weiterbildung.
Später erst wurde mir klar, dass ich lernen wollte, die Welt um mich herum in verschiedenen noch nicht gekannten Weisen erfassen zu können und mittels Techniken, die ich kennenlernen bzw. zu verfeinern trachtete, meinem Hirnschiss möglichst wahrhaftigen Ausdruck zu verleihen.Dafür hatte ich aber das Falsche studiert.

Bevor ich noch weiter abschweife und Anekdoten aus dem Hochschulleben zum Besten gebe oder angesichts der wahrlich erzählenswerten Geschichten in und um das intensiv genutzte Kneipen- und Amüsierangebot der Universitätsstadt ins Schwärmen gerate, muss ich vorausschicken, dass ich ein relativ alter Student gewesen war. Wie selbstverständlich wurde mir unterschwellig die in meinem damaligen Umfeld weit verbreitete Ansicht entgegengebracht, man habe gefälligst einen Beruf zu lernen und diesen das ganze Leben auszuüben, um sich bis zum hart erarbeiteten Ruhestand Dinge wie Einfamilienhäuser, Autos und Urlaube zu kaufen. Darauf habe ich aber immer schon geschissen.
Wenn man sich in einem Alter, in dem es sich der fälschlicherweise als wohlhabend wähnende durchschnittliche Untermittelständler in seiner verschuldeten Butze bei GNTM, DSDS, DSDSTG, ESC, ADAC, GEVK, CDU und SPD gemütlich macht und das Denken ob des vermeintlich Erreichten einstellt, muss man sehen, wie man sich seine Weiterbildung finanziert. BAföG scheidet von vornherein aus, während ein sogenannter Bildungskredit nur für die Überbrückung einer kurzen Zeit zur Finanzierung taugt. Schließlich mochte ich mich nicht wie der durchschnittliche US-amerikanische Jungakademiker über beide Ohren und das eigene Leben hinaus verschulden. Mir blieb also nichts anderes übrig, als in der vorlesungsfreien Zeit arbeiten zu gehen.
In einem übersichtlichen Städtchen, keine zehn Kilometer entfernt, gab es seit Menschengedenken eine Fabrik, die aus Metalllegierungen in monströsen Produktionsprozessen mittels monströser Maschinen diverse Dinge herstellte, die andere Fabriken dann in Zwischen- oder Endprodukte verarbeiteten. Wenn man sich beim Ausfüllen eines Formulars nicht allzu doof anstellte, war es leicht möglich in sechs Wochen sehr gutes Geld zu verdienen. Zudem musste man sich noch zu einer Art Musterung einfinden, in der Betriebsarzt das Gebiss taxierte, um das wahre Alter zu bestimmen. Zudem stellte er fest, ob die Gesundheit des Bewerbers für ehrliche körperliche Arbeit taugte.
Neben einem Arzt hatte das Werk übrigens auch einen eigenen Rettungsdienst und eine eigene Feuerwehr. In Produktionsstätten wie diesen ist es üblich, dass ab und an jemand angeschickert in eine Schmelze stolpert oder sich einen Teile seiner Extremitäten abschert, quetscht oder enthäutet. Wenn man sich Werkskantine, Werksladen, Werksdirne, Verwaltung, Management, Scheißhäuser und Waschräume bewusst macht, könnte man von einer kleinen Stadt für sich sprechen.
Eine Stadt in der Stadt, wobei die Grenzen bei einem solcherart dominanten Arbeitgeber in einem Ort dieser Größe sowieso verwischen. Das Werk ist die Stadt und umgekehrt, das ist kein Klischee.
Es ist eine Miniaturausgabe des Ruhrgebiets mit einer kleinen Arbeitersiedlung aus Backsteinen aber ohne Taubenzüchter, Trinkhalle und Herzlichkeit.

Die medizinische Untersuchung bestand ich mit Bravour, schließlich hatte ich mit dem Saufen erst angefangen und spielte in dieser Disziplin noch auf Amateurniveau. Ich war motiviert und hatte Bock in eine Welt einzutauchen, die ich nicht kannte. Eine Welt der ehrlichen Männlichkeit, die sich im Schweiße ihres Angesichts das harte trockene Brot verdient, um die Familie durchzubringen. Eine Welt, in der man auf das Geleistete stolz ist und voller Vertrauen auf die Solidarität der Kollegen und des oberen und mittleren Managements bauen kann. Auch auf die dem Arbeiter nächsten Vorgesetzten, die ich gerne als unteres Management bezeichne, obwohl Qualitäten in diesem Bereich für die Bekleidung dieser Positionen nur marginale Bedeutung haben dürften.
Arbeitsschuhe mit Stahlkappen bekam ich vom Werk. Diese musste ich zwar bezahlen, aber angesichts des üppigen Gehalts inklusive Akkord- und Schichtzulage war das kein Ding. Passende Arbeitskleidung hatte ich noch. Dafür widmete ich meine Latzhose aus Jeans um. Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee kam, mich wie ein Klischee zu kleiden, aber ich hielt diese Hose für das passende Kleidungsstück während meines Zivildienstes in einer Einrichtung für behinderte Menschen und trug sie häufig und gerne. Mit langen Haaren, einem Palästinensertuch, besagter Hose und abgetragenen Camelboots war ich zumindest äußerlich der Archetyp eines „Zivis“.
Sie wird leiden. Sehr leiden. Metallspäne werden sie langsam zerreiben, herausstehende Messing- oder Kupferspitzen werden sie löchern und nach und nach zerreißen, öliger Dreck wird sie durchweichen und umfärben. Doch davon weiß die Hose noch nichts und ich auch nicht. Noch habe ich eine wage Vorstellung von dem, was mich erwartet. Vielleicht stehe ich an einer Maschine und drücke Knöpfe, vielleicht beaufsichtige ich irgendeinen Metallverarbeitungsprozess oder lege Werkstücke ein und nehme sie nach einem Zerspanungs-, Biege- oder Poliervorgang wieder heraus, um sie auf auf eine Palette zu stapeln. Ich dachte an etwas, das ein verweichlichtes Menschlein mit einer romantischen Vorstellung von körperlicher Arbeit leicht schaffen kann und ich sollte mich irren.

Der Wecker klingelt um halb neun, ich liege aber schon zwei Stunden wach, es ist noch taghell. Heute ist die letzte Nachtschicht. Ich rauche noch eine, gehe zur Stereoanlage, stelle „Old Woman Behind the Counter“ auf Dauerrotation, lege mich wieder hin und spüre meinen Armen nach. Sie sind wieder taub. Von den Schultern bis in die Fingerspitzen fühle ich nur einen leichten kalten Schmerz, der sich gelegentlich mit sanften Krampfwellen abwechselt. Irgendwo in der Nähe wird Rasen gemäht. Der Heuduft in der Luft kommt aber von den Bauern, die rund um das Dorf Gras in ihre Silos fahren. Ehrliche Arbeit. Es ist Hochsommer und trotz der Schmerzen und der Aussicht auf acht Stunden in der Schrotthalle als Arsch vom Dienst, bin ich gerade glücklich, dass es diese Jahreszeit gibt. Ich sehe an mir herunter und bemerke die kleinen Hügel der Bauchmuskeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie habe. Ich bin fast sehnig geworden. Eine rauche ich noch im Bett. Unter den Fingernägeln ist noch der Dreck der letzten Schicht. Ich war zu müde, um ihn vollständig zu entfernen, wobei ich nicht sicher bin, ob das überhaupt möglich ist. Die alte Frau hinter der Kasse nervt mittlerweile, ich stehe auf, bringe Pearl Jam zum Schweigen und sehe aus dem Fenster in den Garten. Auch hier müsste mal gemäht werden. Die ersten Autos mit jungen Leuten fahren in die Discos, Kneipen und Biergärten. Da wäre ich jetzt auch gerne, würde mich mit meinem Notizbüchlein unter Kastanien setzen, in regelmäßigen Abständen über das Kies an die Getränkeausgabe schlappen, mir nach und nach die Kante geben und Ideen für Zeichnungen notieren oder kleine Skizzen machen. Zur Sperrstunde würde ich glücklich nach Hause wanken und mich darauf freuen, am nächsten Tag eine oder zwei Ideen umzusetzen.
Seit ich im Schrottballenbusiness maloche, habe ich keinen Strich gezeichnet. Mein tauber linker Arm hat seine Feinmotorik völlig eingebüßt. Ich bin nicht traurig oder verärgert darüber. Es ist ok, ich kann noch Zigarette und Bierflasche halten. Ich überlege kurz, ob ich mir den Rest der halbvollen Morgenbierflasche gönnen soll, denke dann aber an den Vorarbeiter, der, wenn er sich herunterlässt mit mir zu sprechen, zuverlässig meine Wohlfühldistanz unterschreitet. Ich sollte nicht zu offensichtlich nach Alkohol riechen. Schließlich bin ich nur ein dahergelaufener Ferienarbeiter, dem man zukünftige Möglichkeiten hier gutes Geld zu verdienen leicht verbauen kann, wenn man einem Personalheini stecken würde, dass es der Studentenwichser mit dem Trinken eher locker nimmt. Dass ich Kollegen gefährden könnte, ist dabei gar nicht das Thema. Und um meine Unversehrtheit geht es schon überhaupt nicht. Es wäre ein himmelschreinender Skandal, wenn ich nach Feierabend noch Lust und Energie hätte zu feiern! Das wäre ein klares Zeichen dafür, dass ich nicht hart genug arbeite! Arbeit hat hier wehzutun. Sie muss etwas kosten, Lebenszeit genügt nicht. Irgendein Opfer muss her. Meines dauert noch eine Nacht- und vier Spätschichten.
Ich schlüpfe in Cargo-Shorts und T-Shirt, gehe ich in die Küche und fülle die Kaffeemaschine mit Wasser. Weil ich keinen Filter mehr habe, behelfe ich mich mit einem Blatt von der Küchenrolle aus der Sonderedition mit Schlumpfaufdruck. Ich schaufle Papa Schlumpfs Fresse mit Kaffee zu und schalte ein. Während die Maschine angestrengt röchelnd heißes Wasser durch ihre verkalkten Gedärme presst, putze ich mir die Zähne. Sogar damit hat mein Arm Probleme. Auch sollte ich mich mal wieder rasieren, bin aber zu faul. Außerdem weiß ich nicht, ob meine taube Hand dieser Aufgabe gewachsen wäre. Ein Tasse kann ich noch halten, der Kaffee schmeckt Scheiße. Von gestern sind noch Nusshörnchen da, ich schlinge zwei hinunter während ich im CD-Regal nach Musik für die Fahrt in Hephaistos‘ Schrotthalle suche. Ich entscheide mich für die Georgia Satellites. Einfach und ehrlich, wie die Arbeit die zu tun ist. Während der Fahrt kommt mir die Musik unpassend vor und ich kehre zu Bob Seger zurück, der mich bisher begleitete und skippe zum zweiten Lied.
Durch das offene Fenster weht mir der warme Fahrtwind Heuduft in die Nase, es beginnt zu dämmern. Im dunkelblauen Himmel meine ich Fledermäuse zu sehen, die Traktoren in den Feldern an der Straße haben ihre hellen Arbeitsscheinwerfer eingeschaltet. Bei euch wird es spät heute. Bei mir auch. Ehrliche Arbeit. „Workin‘ on our night moves. In the summertime. In the sweet summertime.“
Bob singt eigentlich von Sex, das wusste ich zu der aber noch Zeit nicht, weil ich wegen den knarzenden Lautsprechern des alten malagaroten Polos, den ich damals fuhr, den Text nicht richtig verstand. Für mich sang er von der Fahrt zur Nachtschicht an einem Sommerabend und das tut er trotz allem heute noch.
Zwischen den makellosen Limousinen auf dem Parkplatz wirkt meine rostiger Kleinwagen etwas deplatziert. Aus dem Pförtnerhäuschen meine ich ein Lächeln zu vernehmen, wegen der Spiegelung einer der gelben Parklatzleuchten kann ich es aber nicht genau erkennen. Der Geruch nach Metall und Öl wird immer deutlicher, je mehr ich mich dem Gebäude mit den Umkleideräumen nähere. Am Stempelautomaten bildet sich eine kurze Schlange. Ich stelle mich hinten an und sehe den Vorarbeiter vor mir. Er nickt freundlich. Es hat den Anschein, als wäre ich, solange ich noch nicht eingestempelt habe, ein normaler Mensch für ihn. Ganz kurz genieße ich das befriedigende Gefühl, dass sich bei den Gedanken einstellt, die Stempelkarte vor den Augen aller mit einem „Fickt euch, ihr Wichser!“ in kleine Stückchen zu zerreißen und dem Vorarbeiter eine kleine Konfettiüberraschung zu verpassen, bevor ich auf dem Absatz kehrt mache, um mit einem kalten Sixpack an den Baggersee zu fahren. Mit einem höhnischen klackenden Geräusch stempelt der Automat die Zeit auf den Karton. Der Strom der Arbeiter schiebt mich die Treppe hoch. Mir bleibt nichts andres übrig als mit zu schwimmen. Zumindest die nächsten acht Stunden.



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