Alltagsterror

Das Recht auf Faulheit und die Gesellschaft der Zukunft

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Freitag. 4.12.2015. Eifel. Ja – da gab es mal einen deutschen Führer. So einen Kanzlertyp. Der hatte eine ganze Gang hinter sich – auch Rocker, über drei Ecken, die das Zuhältmillieu in seiner Heimatstadt bildeten und bei einem engen Freund ein- und ausgingen, bei dem der Kanzler gelegentlich übernachtete, wenn die alte Ehefrau wieder mal ausgedient hatte. Der Geschichte ist dieser Kanzler vor allem durch einen Satz bekannt. Nein – nicht „Arbeit macht frei“. Das war einer seiner Vorgänger – aber in die Richtung ging das Zitat: „Es gibt kein Recht auf Faulheit„.

Kaum einer fragte sich, was das eigentlich sei: die Faulheit. Nun – ich kann es Ihnen zeigen: kaufen Sie sich mal ein „Lifestyle“-Magazin. Sie finden dort keine schwer arbeitenden Menschen auf der Ackerscholle, sondern sich in der Sonne räkelnde Faulenzer. Zig Millionen Deutschen gelten sie als Vorbild: wann immer sie mal frei haben, vernichten sie großflächig Umwelt um wochenlang geist- und sinnlos an Stränden des Mittelmeers, des Pazifiks und Atlantiks herum zu hängen – nicht um Land und Leute kennen zu lernen, um andere Lebensweisen und Kulturen zu studieren, ihre Strategien zur Lebensbewältigung zu erforschen, sondern einfach nur um faul am Strand zu liegen und absolut nichts zu tun. Die ganze Elite der Gesellschaft strebt nach dieser Lebensweise – gerne auch auf der eigenen Yacht oder der eigenen Insel.

„Fete und Fun, Champagner und Harald Schmidt heißt das Credo der konsumorientierten Leistungsbürger, und niemand möchte sich dabei von vier Millionen Arbeitslosen stören lassen, die scheinbar nie verschwinden wollen, obwohl die Wirtschaft doch so boomt“ (siehe Spiegel).

Der Siegeszug einer 700 Billionen-Euro-Blase an Derivaten – zehn mal soviel, wie der Wert aller Waren und Dienstleistungen der Welt in einem Jahr zusammengenommen – beruht nur auf dem Wunsch, Geld für sich arbeiten zu lassen, damit man selber nicht mehr arbeiten muss und Zeit hat für die gigantische Spaßindustrie, die auf niedrigstem Niveau dunkelste Triebe bedient, um ja keinen Geist aufkommen zu lassen.

Seltsam nur: zu Anfang des Jahres überraschte das Manager-Magazin mit einer unheimlichen Nachricht: sieben Gründe wurden aufgeführt, warum faule Menschen erfolgreicher sind. Unter anderem wurde Bill Gates – mal reichster Mann der Welt – zitiert, weil er lieber faule Menschen einstellt, um seinen Konzern erfolgreich zu machen (siehe Manager-Magazin):

„Kein geringerer als Bill Gates wird von Medien zitiert mit den Worten, er würde immer eine faule Person einstellen, um einen schwierigen Job zu machen. Denn faule Menschen würden einen einfachen Weg finden, um die Sache zu erledigen.“

Faule Menschen ermöglichen einen Höchstgrad an Effizienz, „Arbeit für den Papierkorb“ – Hauptbeschäftigung der meisten Mitarbeiter in Konzernzentralen – ist ihnen fremd.

„Faule Menschen sind häufig in der Lage, Aufgaben in sehr kurzer Zeit zu erledigen.“

Ich merke: manche Leser kriegen jetzt schon Schnappatmung. Man weiß ja, worauf das hinausläuft: der russischer Sender RTDeutsch hat das ja kürzlich auf den Punkt gebracht – in einer beispiellosen wehrkraftzersetzenden Attacke auf unsere Arbeitsmoral (siehe rtdeutsch):

„In einem aktuellen Debattenbeitrag fordert David Spencer, Professor für Wirtschaft und politische Ökonomie, die Ausweitung des Wochenendes. Drei, besser noch vier Tage in der Woche sollten der persönlichen Entfaltung, für Hobbies und zum Ausruhen vorenthalten werden“

Ungeheuerlich, oder? Wo kämen wir dahin, wenn wir uns vier Tage die Woche selbst entfalten würden?

Nun – diese Frage stellen sich natürlich in erster Linie die Menschen, die „ihr Geld für sich arbeiten lassen wollen“. Ein fieser Spruch – und eine böse Lüge: Geld kann gar nicht arbeiten. In Wirklichkeit wollen sie andere für sich arbeiten lassen: nur so ist richtig fetter Reichtum möglich, das weiß man seit den Sklavenhaltergesellschaften im alten Rom – und seit den Erfahrungen der Unternehmer im amerikanischen Bürgerkrieg weiß man auch, dass es viel effizientere Formen der Sklaverei gibt als die Sklavenhaltung selbst, wo der Sklavenhalter noch für Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Versorgung selbst sorgen musste. Viel günstiger ist es, hier nach „Freiheit und Selbstverantwortung“ zu rufen … und dann Löhne zu zahlen, die es unmöglich machen, Unterkunft, Verpflegung und ärztliche Versorgung erwirtschaften zu können – da bleibt dann ein ordentlicher Gewinn über.

Jenen, die sich faul auf den Decks ihrer Megayachten räkeln ist völlig klar, wohin das Recht auf Faulheit für alle hinführen würde: sie müßten selber wieder arbeiten, anstatt durch die Arbeit ihrer Rechenmaschinen an den Wettbüros der Börsen automatisch jedes Jahr völlig gratis eine fürstliche Versorgung garantiert zu bekommen. Auch der Kanzler fürchtet sich: das Recht auf Faulheit für alle versteht er völlig zurecht als Griff nach seinen Diäten – Arbeit droht!

Andere für sich arbeiten zu lassen – das wissen wir – ist ungerecht. Zahlt man einen gerechten Ausgleich für die Arbeit, bleibt man selber arm, tut man es nicht – ist man ein Betrüger. Unsere Elite hat sich für das Betrügertum entschieden, um der Arbeit völlig zu entsagen: tagen sie auf Kosten anderer in teuersten Hotels bei luxuriösester Speise, so ist dies „Arbeit“ … und davon machen sie gerne viel. Tagt der Arbeitslose auf eigene Kosten im Vereinsheim bei selbstgemachtem Kartoffelsalat, um den Tanzverein der Kinder am Leben zu erhalten, so ist das Faulheit und arbeitsfremdes Verhalten.

Dabei – ist diese Faulheit auch für den „kleinen Mann“ sehr wichtig. Das erkannte schon ein Revolutionär des 19. Jahrhunderts (siehe den Soziologen Lessenich im Standard):

Das Recht auf Faulheit ist eine polemische und provokative Umschreibung eines zunächst ziemlich reformistisch anmutenden Gedankens, nämlich einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung. Im Grunde genommen ist die Idee schon 1883 bei Lafargue: Es wird so viel produziert, dass es eigentlich reichen würde, um bei angemessenen Verteilungsstrukturen alle Menschen dieser Gesellschaft mit einem Einkommen zu versorgen, das ihnen den Lebensunterhalt sichert – und vielleicht noch etwas darüber hinaus.

Ja- bei angemessenen Verteilungsstrukturen könnten wir alle faul wie die Reichen und der Kanzler sein. Hat jedoch die Regierung bei der Konstruktion dieser Verteilungsstrukturen Fehler gemacht, hat vergessen, dass alles Geld primär der Gemeinschaft der Bürger und nicht dem Räuber (also: dem „Privatmann“) gehört, so haben wir wieder die Verhältnisse römischer Galeeren: damit der Konsul Wasserski fahren kann, müssen alle äußerst fleißig sein – und genug ist es nie.

Lauschen wir nochmal dem Soziologen Lessenich:

Lafargues Kritik an der Arbeiterbewegung ist, dass sie sich zum Instrument einer bürgerlichen Arbeitsethik machen lässt, die letztlich darauf beruht, andere für sich arbeiten zu lassen.

Unsere gute, alte, bürgerliche Arbeitsethik – von Grund auf kriminell? Aber: wie sollen wir denn leben ohne unsere Restaurants, unser Taxifahrer, unsere Handwerker, unsere Putzfrauen, unsere Komödianten und musikalischen Hofnarren? Wie sollen wir uns denn noch als Könige fühlen – wenn uns niemand mehr dient und bedient?

Wissen Sie eigentlich noch, wie sich der frühe Marx das Leben der Zukunft vorgestellt hat? Die Zeit erinnert daran (siehe Zeit):

„Ähnliche Gedanken finden sich auch noch beim jungen Marx, der eine Gesellschaft zeichnet, die es dem Individuum ermöglicht, „heute dies, morgen jenes zu tun, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe – ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Er zögerte nicht, ausdrücklich von einer „Aufhebung der Arbeit“ zu sprechen.“

Sie erinnert aber auch daran, wie der „real existierende Sozialismus“ zum Instrument der Sklavenhaltergesellschaft wurde, weil auch der Funktionär wusste, wie seine Bezüge erwirtschaftet wurden:

„…das theoretische Organ der Kommunistischen Partei der Sowjetunion „Kommunist“ hat sie (also: die Vorstellungen des jungen Marx) noch im August 1960 als „unintelligent“ und „spießbürgerlich“ diffamiert!“

Man sieht: die Kommunistische Partei ist von Kanzler Schröder (oder seinem Vorgänger) gar nicht weit entfernt – eigentlich überhaupt nicht. Zum Wohle der Regierenden hat man unten zu schuften: Wasserski mit einer Galeere verlangt den vollen Arbeitseinsatz der Mannschaft – auch bei den „Roten“. Manche sitzen aber auch einfach nur gerne oben in der Sonne und freuen sich über den Gedanken an die hunderte, die unter ihnen im Dunklen schuften.

Wussten Sie übrigens, dass Faulheit an sich nicht schlecht ist? Sie ist sogar eine wichtige Voraussetzung für unsere Wettbewerbsfähigkeit – in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland sogar DIE wichtigste Voraussetzung (siehe Zeit):

Dabei wissen Philosophen längst, dass Geist und Seele schöpferische Pausen brauchen. Nun wird diese Weisheit auch von der Wissenschaft entdeckt. Hirnforscher und Psychologen zeigen, wie wichtig Auszeiten und Momente des Nichtstuns sind: Diese fördern nicht nur die Regeneration und stärken das Gedächtnis, sondern sind geradezu die Voraussetzung für Einfallsreichtum und Kreativität, vor allem aber für das seelische Gleichgewicht.

Ja – hören Sie mal, was kreative Menschen wirklich auszeichnet (siehe Huffingtonpost):

Kreative Menschen wissen, dass Tagträumerei alles andere als Zeitverschwendung ist, auch wenn ihre Lehrer ihnen etwas anderes gesagt haben.

Laut Psychologin Rebecca L. McMillian, Ko-Autorin des Aufsatzes „Ode an das konstruktive Tagträumen“, kann das Durchwandern von Gedanken den Prozess der „kreativen Inkubation“ fördern: das heißt Ideen können geboren werden. Und viele von uns wissen, dass die besten Gedanken meistens aus dem Nichts kommen, wenn wir mit unserem Geist eigentlich irgendwo anders sind.

Tagträumerei mag manchen sinnlos erscheinen, jedoch zeigt eine Studie von 2012, dass sie eigentlich hohe Intelligenz voraussetzt. Tagträumerei festigt im Gehirn Verbindungen und erzeugt Erkenntnisse. Neurowissenschaftler haben sogar herausgefunden, dass Tagträumerei die gleichen Vorgänge im Gehirn auslöst wie Vorstellungsvermögen und Kreativität.

Diese Faulenzer: immer auf dem Weg zum nächsten Nobelpreis. Nur für uns Deutsche gilt: wir haben kein Recht auf Kreativität, Genialität, Einfallsreichtum … und kein Recht auf seelisches Gleichgewicht. Haben Sie sich schon mal gefragt, wann die letzte bahnbrechende Erfindung aus Deutschland kam? Wir waren mal die Apotheke der Welt – Medizin kam aus Deutschland. Heute … sind wie nur noch Meister in Apothekenpreisen – aber von denen führen viele Faule ein fürstliches Leben. Aktuell … verlieren wir sogar die Fähigkeit, einen einfachen Flughafen zu bauen.

Nun – es ist bald Weihnachten. Ich fand da eine Predigt aus dem Jahre 2009, eine Predigt, die sich als ein „Lob auf das Nichtstun“ versteht (siehe Muenster):

„Es hat den Anschein, als dass in der neapolitanischen Krippe die weihnachtliche Geburtsszene nur ein Mauerblümchendasein fristet. Im Grunde kümmern sich die unzähligen bunten Gestalten des städtischen Lebens nicht im Mindesten um das heilige Ereignis. Geschäftig kreist man um sich selbst und die Nachbarn. Ganz Neapel nimmt nichts vom Weihnachtsgeheimnis wahr… Ganz Neapel? Nein! Ein Unbeugsamer ist da, der sich dem emsigen Trubel von Handel und Wandel verweigert. Es ist der sogenannte Nullafacente, der Nichtstuer.
Er, Faulenzer von Natur und Beruf, hat nichts zu tun. Er kann sich ganz der Betrachtung hingeben. Er schaut auf die Krippe und das neugeborene Kind. Sein Blick ist der Blick der Meditation – und eben nicht der des Handels. Seine Haltung ist die der Anbetung– und eben nicht die des Palavers.“

Ja – das heiligste Ereignis der westlichen Menschheit … wie jedes Jahr nur gewürdigt, geschätzt und begriffen von den Nichtstuern. Die andern müssen dafür warten bis zu ihrem Tod. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, was Sie am Meisten bedauern werden, wenn Ihr Exitus in den nächsten Minuten bevorsteht (was sehr schnell geschehen kann – und mit absoluter Sicherheit in Ihrem Leben eintreten wird)? Eine australische Krankenschwester hat das mal zusammengefasst (siehe Tagesanzeiger):

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben“

„Ich wünschte, ich hätte nicht soviel gearbeitet“

„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken“

„Ich wünschte, ich wäre mit meinen Freunden in Kontakt geblieben“

„Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein“.

Der Faulenzer – meditativ, kreativ, erfinderisch wie er ist – kommt auf diese Gedanken schon früher, schneidet sich – unbeugsam und rebellisch wie der nun mal ist – eine dicke Scheibe vom Leben ab, das die Lumpenelite allein für sich selbst gepachtet sehen will. So hat er eine gute Chance auf ein erfülltes Leben – und einen friedlichen Tod.

Die Natur hatte eigentlich schon alles für uns trefflich eingerichtet: 3-4 Stunden Arbeit am Tag – soviel war nötig, um in der Natur zu überleben. Hausarbeit war da schon mit eingerechnet. Wochenarbeitszeit von 21 Stunden: das ist das absolute Maximum dessen, was man der biologischen Entität Mensch zumuten darf: alles andere wäre ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und wie wir von Bill Gates wissen, schaffen die Faulen in dieser Zeit wesentlich mehr als die „leidenschaftslosen Pflichterfüller“, die wir derzeit in Massen an unseren Schulen erziehen (siehe Professor Gerald Hüther in Horizonworld)

Wir wissen also, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen muss: das Recht auf Faulheit muss Grundrecht werden, damit wir wieder eine Chance haben, zu den führenden Problemlösern dieser Welt zu gehören. Stattdessen haben wir eine Gesellschaft, in der der Staat den Zwang zur Arbeit (ein Gegenteil zum Recht auf Nichtstun) durch die Agenda 2010 eingeführt hat – eine Agenda, die viele Freiheitsrechte beschneidet, die man nur durch Arbeit zurückbekommt: Arbeit macht frei, sagte ja mal ein Kanzler, der heute als Inbegriff des Bösen schlechthin gilt.

Ich höre wieder Schnappatmung und tausend Fragen.

Wer soll das bezahlen – ist die Frage, die am lautesten durchdringt.

Hier sei daran erinnert, dass jeder … wirklich JEDER … nur Geld hat, weil er es von anderen bekommt: der Arzt, der Wissenschaftler, der Ingenieur, der Kanzler, der Pfarrer, der Lehrer wie der Arbeitslose. Geld schaffen: das macht nur der Staat, also die Gemeinschaft der Bürger (und natürlich kriminelle Banker mit substanzlosen Krediten und irrsinnigen Wetten, doch das ist lediglich eine Verirrung der Moderne). Es ist nur eine politische Entscheidung, dass wir die Erziehungsleistung der Eltern und die Gesundheitspflege ihrer Kinder nicht honorieren, aus Lehrern und Ärzten aber reiche Menschen machen. Hier wirkt kein Naturrecht – wie das Recht auf Muße – sondern reine Willkür, die durch nichts zu rechtfertigen ist … außer durch die Gier der Geldempfänger.

Einen Haken gibt es aber – etwas scheinen wir vergessen zu haben. Wie sonst lassen sich folgende Beobachtungen in den Kreisen reicher Müßiggänger erklären – die ja nun wirklich noch nie als kreative Vorreiter einer kulturellen Evolution erkennbar waren (siehe nzz):

„Die moderne Tischgesellschaft, selbst unter sogenannten Akademikern oder Bildungsbürgern, ist die demokratisierte Fassung des antiken Gastmahls. Mit weniger Popanz, Inszenierung und Dekadenz zwar, aber ähnlich inhaltsleer und selbstbezüglich. Wir sitzen auf Rattan in überdekorierten Wohnzimmern, streicheln Apple, grillieren auf Weber-Fabrikaten von der Grösse eines Kleinwagens und ergehen uns sonst noch in Selbstbestätigung, gegenseitiger Anerkennung für Einrichtungsgegenstände und leicht dosierten Distinktionsgesten – so viel Bourdieu hat noch jeder internalisiert. Das Gesprächsniveau am Tisch verhält sich dabei oft indirekt proportional zur Höhe des Durchschnittseinkommens. Der klassische Bildungsbürger wird langsam abgelöst durch ein akademisch zertifiziertes, aber intellektuell desinteressiertes Diplom-Proletariat aus Ärzten, Juristen, Lehrern, Bankern und Ingenieuren. Wir haben uns in einen Zustand der Wohlstandsbehinderung hineinpäppeln lassen.“

Ist dies nicht der Gegenbeweis dafür, dass Faulheit Kreativität erzeugt? Oder ist es eher der Beweis dafür, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich der guten Gefühle kommt?

Nun – das wohlstandsbehinderte Diplomproletariat schmückt sich gerne mit unzähligen Statussymbolen, die Reichtum vortäuschen sollen, ist allerdings von der kreativen Faulheit weit entfernt: die beständige Arbeit an der Selbstoptimierung verdrängt jeden Gedanken an Muße und Faulheit, ein ästhetisch normierender Körperkult nimmt den ganzen Mann in Anspruch (siehe lernen aus der Geschichte):

„Wirklich, mit „Sir“ Rasir-Seife oder –Creme ist der böse Bart im Nu verschwunden. Besonders dankbar bin ich aber meiner fürsorglichen Frau, daß sie mir die höchst angenehme Nachbehandlungbeigebracht hat. „Sir“ Rasir-Wasser, wie fein entspannt und glättet es die Haut. Und dann wie eine zarte Liebkosung „Sir“ Rasir-Puder, er beruhigt und kühlt. Das ist ein Genuß!“

Reklame im Nationalsozialismus – jener urdeutschen Religion, die Zwangsarbeit zu Bürgerpflicht machte … und jedem Bürger zeigte, wie „man“ sich anzog, was „man“ hörte, was „man“ las, wie „man“ wohnte oder seinen Bart rasierte. Was habe ich dazu in einem aktuellen Spiegelartikel gelesen? Sehen Sie selbst (siehe Spiegel):

„Wir lesen dieselben Bestseller, pfeifen dieselben Hits, nutzen dieselbe Suchmaschine, tummeln uns im selben sozialen Netzwerk und schmieden die gleichen Karrierepläne. Und natürlich sehen wir im Fernsehen dieselbe Werbung, die Millionen Menschen individuelles Glück verspricht, sofern diese – aufgepasst! – alle das gleiche Duschgel, die gleiche Versicherung oder die gleiche Schlaftablette kaufen. Da weiß man, was man hat: ein Reihenleben im Reihenhaus.“

Erinnert an das geschäftige Treiben an der oben erwähnten neapolitanischen Krippe. Wir sehen: wir haben diesen Kanzler („Arbeit macht frei“) mit seinem Wunsch nach Normierung jeglicher Lebensäußerung des Individuums noch lange nicht hinter uns gelassen, seine gruseligen Fantastereien vom „optimierten Herrenmenschen“, dem natürlich mehr Ressourcen des Landes zustehen als dem „Pack“, sind immer noch sehr lebendig.

Aber wir wissen, wie unser Paragraph 1 der neuen Gesellschaftsordnung aussehen muss: „Die Würde des Faulen ist unantastbar“. Den Paragraphen haben wir heute schon … aber ich denke, es ist Zeit, ihn im Sinne der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte zu präzisieren, denn:

– der Faule wird zur effektiven Lösung unserer gesellschaftlichen Probleme dringend gebraucht

– der Faule liefert uns jene Kreativität, die wir für die Gestaltung einer lebenswerten Zukunft brauchen

– der Faule strotzt nur so vor seelischer Gesundheit und entlastet die Krankenkassen

– der Faule verbraucht deutlich weniger Energie und:

– der Faule ist der Eckpfeiler eines die Demokratie begründenden wachen und aufmerksamen, souveränen Individualismus

Außerdem – ist er absolut kriegsuntauglich … und weist damit auf eine Welt, in der der „Ewige Friede“ Realität geworden ist.

Und ganz nebenbei weist er noch auf eine sicheren Weg zu Gott – falls man diesen Weg mal brauchen sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 



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