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Live von der IAA: BMW-Chef von selbstgezüchteter Bestie überwältigt

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Vehikel gestern und heute (Fotorechte s.u.)

Nostalgiefreunde erinnern sich oft mit Wehmut an die Oldtimer-Zeit. Als die Designer der ersten Automobile sich noch bemühten, ihren Vehikeln ein Gesicht zu geben, das die Herzen der Menschen, die ihnen ins blecherne Visier sehen, trotz unvermeidlichem Lärm und Gestank ein wenig erfreut. – Drollige runde Augen als Scheinwerfer und gutmütige Kühlergrill-Stupsnasen blickten einem entgegen, auch sonst konnte man sich bei den gerade ihren Siegeszug über die Landschaft antretenden Vehikeln recht harmonischer Formgebungen erfreuen. Noch die Modelle der 80er Jahre hatten etwas von diesem Chic und klassischer Ästhetik.

In den 90er Jahren begann dann ein ganz anderer Wind zu wehen. Mazda brachte einen Werbespot, in dem das neue Modell „6“ an einer urbanen Betonlandschaft vorbeifuhr und dorthin einen haifischförmigen Schatten warf. Der Werbefritze, der damals den Mazda-Video gedreht hat, war wohl ein Goethe-Kenner – er wusste, dass man im Schattenwurf das Wesen der Dinge erkennen kann.

Spätestens mit der Milleniumswende war dann Schluss mit lustig, die jungfräuliche Phase des Automobildesigns ist heute ein für allemal vorbei. Unter einem Zeitgeist, dessen erklärtes Ziel es ist, jedwedes Gutmenschentum auf Teufel komm raus auszurotten, ist natürlich kein Platz für gutmütiges Autodesign.

Sonst vergisst der Bürger womöglich auf seine oberste Pflicht: der totalen Effizienz und dem Verdrängungswettbewerb zu dienen.

Das folgerichtige Autodesign trägt heute also die Signatur Marke „böser Wolf“. Nachdem BMW den Anfang mit richtig „tierischer“ Automobilimpressionistik gemacht hatte, überbieten sich inzwischen auch alle anderen Blechschmieden im stillen Wettbewerb, wer die gerissenste und aggressivste „böse Wolf“-Visage designen kann.

Die ehemals runden Frontscheinwerfer fast aller Marken sind mittlerweile von grimmig nach unten gezogenen Augenbrauen verengt, die Mundpartie der Autovisage erinnert an gebleckte und zu allem bereite Zähne eines Raubtiers. Das unausgesprochene Signal des hinterm Steuer sitzenden Herrl dieses Hundes: „Wer sich mir in den Weg stellt, den mach‘ ich platt!“ – frei nach dem Wahlspruch des Chefs der US Bank Lehman Brothers, dessen T-Shirt den Aufdruck „Get out of my way!“ trug.

Ja, die von Thomas Hobbes postulierte Gesellschaft, in der „jeder Mensch des anderen Menschen Wolf“ sei, ist scheinbar schon näher als uns bewusst ist.

Besonders detailverliebt wird das böse Wolf Design neuerdings vom Autobauer Audi zelebriert, wo die Aggressivität des Motortieres nicht bloß durch gnadenlose Blechgestik demonstriert wird, sondern diese selbst in der Formgebung seiner Pupillen ihren Ausdruck erhält: die Scheinwerferelemente sind in Form mehrerer nebeneinander angeordneter LED-Elemente gestaltet, deren Linienzug an wütend nach unten gezogene Augenbrauen erinnert.

Hat man einen Audifahrer auf der zweiten Autobahnspur im Nacken und er lässt mit einem lässigen Fingerschnipper diese „Böse Wolf“-Augen kurz aufleuchten bzw. verpasst einem einen visuellen „Get out of my way!“-Warnschuß in den Rückspiegel, dann ist leichte Gänsehaut die nicht unerwünschte Nebenwirkung – zumindest wenn man einen alten Fiat fährt und nicht mit einem kurzen Tipper auf die Bremse die eigenen, ebenfalls zur grimmigen Visage verzogenen Flugabwehrgeschütze in Form von „Böse Wolf“-Bremslichtern aufleuchten lassen und dem von hinten herannahenden Feind eine standesgemäße Antwort verpassen kann.

Insbesondere mit einem SUV hat man hier leicht lachen. Viele SUV-Heckteile wirken wie grimmig-schmerzvoll zusammengekniffene Hintern, aus denen per Pedaldruck jederzeit ein tödlicher Gärgas-Furz entweichen kann.

Hätte man in den 80ern hierzulande noch über das aufgeblasene Krapfen-Design der SUVs gelacht und auch die PKWs im Böse-Wolf-Look wieder zurück in die Faschings-Requisitenkammer geschickt, so sind sie heute state of the art.

Und auch wenn ihn manche Spötter als „Hausfrauenpanzer“ bezeichnen und sich sogar Automobilfreunde weitgehend einig darüber sind, dass SUVs außer für den, der drinnen sitzt schrecklich sind – der Erfolg gibt dem SUV Recht: Fast jeder zehnte gekaufte Neuwagen ist heute ein SUV. Dass ein SUV bei gleicher Fahrleistung wie ein PKW ungleich mehr Sprit verbraucht und ein Vielfaches an Schadstoffen ausstößt, stört unsere Politiker keineswegs. Politiker, die im Gegenzug durch mittlerweile absurde Energiespar-Verordnungen und Dämmvorschriften jedem ehrlich arbeitenden Menschen die Errichtung eines Eigenheimes fast verunmöglichen.

Warum die Politik in Zeiten verknappender Ressourcen und eskalierender Feinstaubbelastung kein Problem mit SUVs und auch nicht mit der visuellen Umweltverschmutzung durch die Böse-Wolf-PKWs hat? Nun, ich weiß mir als Techniker auch keine andere Antwort als die, dass der SUV und der Böse-Wolf-PKW womöglich einfach das beste und billigste Werbe-Sujet für das neoliberale Politdogma sind. Omnipräsent vermitteln sie die Botschaft, die man auf Werbeplakaten schwer transportieren könnte: „Der Stärkere setzt sich durch, also pass bloß auf, dass du nicht auf der Strecke bleibst.“

Manchmal ist das Schicksal jedoch gerecht und es bleibt nicht der Schwächere auf der Strecke sondern auch einer der wohlbeleibten SUVeranten. So geschehen dieser Tage bei der Frankfurter Automesse IAA, wo es den BMW Chef Harald Krüger höchstpersönlich umgelegt hat.

Bevor Sie sich das unten gezeigte Video des grausamen Ereignisses ansehen, mag sich mancher vorher kurz in bewegten Bildern auch die Atmosphäre vergegenwärtigen, in der sich die Tragödie abgespielt hat: http://iptv.orf.at/#/stories/2299504/

Die IAA-Messehalle, ein diesmal unter dem Thema „vernetzte Mobilität“ unter Strom gesetzter Hochglanztempel, vollgefüllt mit allem, worauf Deutschmänner stolz sein können: Technik, Elektronik, Autos, verschmolzen zu einer futuristischen Performance, gegen die Captain Kirk auf seiner Enterprise wie ein Waisenknabe wirkt. Smarte Businessmänner in grauem Zwirn, die mit ebenso smarten Funkarmbanduhren selbstfahrende Autos herbeikommandieren, die Luft durchschnitten von Laserstrahlen und in die Luft projizierten Beamer-Zauberbildern, auf denen für Presse und kaufstarke Kunden die neuesten Böse-Wolf-Modelle zu bewundern sind. Das alles in einer kühl-frostig technoblaugrau gehaltenen Kulisse. Menschen krabbeln vor der gigantomanischen Technikmaschinerie herum wie kleine Ameisen und kommen im bewundernden Staunen davor, wie weit wir es gebracht haben, gar nicht mehr heraus. Im Cockpit der neuen Fahrzeuggeneration laufen Kameras, die jede Bewegung der Insassen in Echtzeit auswerten: Mit einer Handbewegung in der Luft kann man eingehende Mobilanrufe annehmen oder zurückweisen. Genauso wird jedes im Cockpit gesprochene Wort per WLAN zu einer Cloud in den Himmel geleitet und von dort aus den Insassen jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. „Siri, lad‘ mir die neueste Schwubbeldupp-App runter!“ – „Schon geschehen.“ Gegen die digitalen Dienste von Siri war der bezaubernde Jeannie-Flaschengeist von Larry Hagman noch eine richtiggehend lahme Ente. Gäbe es noch eine Fußball-Leinwand in der Halle – die Seligkeit wäre perfekt und alle Menschen wunschlos glücklich. Im obigen Video sieht man, wie natürlich auch Deutschlands „Frau ohne Eigenschaften“ Angela M. vorbeikommt und dem fortschrittlichen Treiben ihren Tribut zollt.

Mit einem Wort, der Schauplatz des tragischen Geschehens ist eine technokratische Markthalle, vollgefüllt mit Dingen, über die Sokrates achselzuckend gesagt hätte „Was es alles gibt, was ich nicht brauche“, während jeder Nichtsokratiker mit offenem Mund und gefalteten Händen vor ebendiesen Dingen steht und sagt: „Willhabähn!“

Mitten in diesem Treiben kommt nun der BMW Chef auf die Bühne und will der sehnsuchtsvoll wartenden Menge das neueste goldene – in diesem Fall metallic blau lackierte – Kalb aus seinem Münchner Stall präsentieren.

Er hat nur leider denselben Fehler gemacht, den auch die Las Vegas Showmaster Sigfried and Roy gemacht haben, als einer der beiden Löwendompteure von seinem Tier hinterrücks niedergerissen und übel zugerichtet wurde: Auch der Münchner Autobauer hat seiner Bestie den Rücken zugewendet. Und das ist ihm dann auch zum Verhängnis geworden.

Wer das folgende Video aufmerksam betrachtet, der kann wahrnehmen, wie das hinter ihm lauernde Tier langsam seine kalten, technokratischen Tentakeln nach dem Redner ausstreckt. Es legt sie ihm um Hals, Hüfte und Beine. Man merkt zwar, dass der gute Mann etwas blass bei dieser Umarmung wird, aber noch weiß er nicht, wie ihm geschieht und setzt deshalb seine Lobeshymne auf das goldene Kalb fort.

Schließlich der Schock: Die Bestie vollzieht ihren Würgegriff und legt ihren ehemaligen Meister um. Er taumelt, stürzt zu Boden und ringt röchelnd nach Luft, eine Anzahl grauer Männer befördert ihn schließlich von der Bühne.

Die Botschaft, die die eigenläufig gewordene Technik auf der unter dem Motto „Vernetzte Mobilität“ stehenden Automesse mit dem Abservieren des BMW Chefs an die Menschen gesendet hat, ist eindeutig: Wir werden nicht mehr gebraucht. Nicht nur die Autos werden demnächst selbst fahren, auch die derzeit auf Teufel komm raus entwickelte Künstliche Intelligenz wird uns ineffiziente Zweibeiner bald abservieren (siehe auch ARTE Doku „Welt ohne Menschen“).

 

Copyright Fotos (Wikimedia Commons): VW (li.): Silar, CC BY-SA 4.0 – Link; BMW (re.): Navigator84, CC BY-SA 4.0 –Link



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