Kolumne

Das Wort zum Alltag Nr. 12: Die Bahnkunden und der Finanzfeudalismus

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Ja – bin ja für den Bahnstreik … bzw. dafür, dass die Lokführer ihr verfassungsmäßiges Recht ausüben dürfen. So etwas macht einsam in diesem Land – weil der Streik ein ungeschriebenes Gesetz der Spaßrepublik berührt: „Stört nicht unser Wohlbefinden“. Dieses Gesetz hat inzwischen den Paragraphen 1 des Grundgesetzes abgelöst, „Das Wohlbefinden des Menschen ist unantastbar“ … solange er Geld hat, sollte man hinzufügen. Ungeschönt veröffentlichten Medien wie Focus und Spiegel Hasstiraden gegen die Lokführergewerkschaft, wo zum Einsatz von „Hooligans gegen Lokführer“ gerufen wird: wo die Wohlstandsblasen ihre Komfortzone in Gefahr sehen, wächst der Hass ins Uferlose.

Dabei ist es nicht so, dass ich für diese Menschen kein Verständnis hätte. In einer Gesellschaft, in der „positiv Denken“ erste Bürgerfplicht ist, liegt die Hauptverantwortung für Verspätungen beim Bahnkunden … etliche Arbeitgeber sehen dass so, weil es ihre Macht über den Arbeitnehmer verstärkt.

„Schulze, Sie sind zu spät! Haben wohl Probleme mit Ihrer Alltagsorganisation! Und hören Sie auf, Ihr Versagen beständig auf andere abzuwälzen. Wären Sie nicht so eine Pfeife, wären Sie pünktlich – wir erwarten von unsern Mitarbeitern Kreativität und Einsatzbereitschaft!!!“

Ja – Arbeitgeber dürfen die Komfortzone sehr wohl antasten – machen sie auch täglich mehr und mehr. Gib einem Menschen Macht, und Du lernst seinen Charakter kennen. Sie sehen – ich habe Verständnis für die Menschen, die auf die Leistung der Bahn angewiesen sind. Die Bahn erfüllt ja auch eine wichtige Funktion im Land – weshalb sie wie Post und Telekom dem Staat gehören müsste, mit gut bezahlten, verbeamteten Lokführern. Sowas kostet Geld – was mal wieder keiner bezahlen will.

Unter anderem streiken die für den Abbau unbegrenzter Überstunden – ich finde ausgeschlafene Lokführer auch in Ordnung.

Ja – und da bekomme ich doch heute morgen eine Mail von einem Bankvorstand zugeleitet, einem Mann aus Österreich, der besser als ich es könnte erklärt, warum wir einen Streik brauchen – sogar einen Generalstreik. Ja – sogar die neudeutsche Wohlstandsblase sollte verstehen, was es bedeutet, wenn sie 10 Prozent Strafzinsen auf ihr Erspartes zahlen soll. Er spricht offen von einem Finanzputsch, der unsere Demokratie, unseren Wohlstand und unseren Frieden zerstören wird, offen davon, dass die großen Banken die kleinen Volksbanken und Sparkassen eliminieren wollen … und findet es verständlich, wenn seine Leser seine Worte lieber anonym erhalten wollen. Lesen scheint gefährlich zu sein – in diesen Zeiten.

Ja – jenseits der kleinen Traumwelt der Konsumameise herrscht nackte Angst. Berechtigte Angst. Schaut man über den Tellerrand, so offenbaren sich schreckliche Zukunftsmöglichkeiten … eine Zukunft, in der niemand mehr Bahnkunden braucht. Sie sind letztlich auch nur „Kosten auf zwei Beinen“. Wer nur noch Kunden mit 100 000 Euro Minimaleinlagen betreuen möchte (wir berichteten), erwartet auch von ihnen, dass sie selbst für ihre Mobilität Sorge tragen können – am Besten, ohne irgendeine Firma mit ihren Versorgungsansprüchen zu belästigen. Es gibt ja Hubschrauber – gebraucht ab 45000 Euro. Ja – da soll der Arbeitnehmer mal Engagement zeigen und nicht immer nur mit der offenen Hand und dem großen „Bittte vesorgt mich“- Schild durch die Gegend laufen.

Gegen diese Zukunft – unbegrenzt mehr Arbeit für immer weniger Geld ohne jegliche Rechte – kämpft die kleine Lokführergewerkschaft. Somit – kämpfen sie für uns alle und gegen eine Zukunft, die auch die überwiegend jugendlichen Konsumameisen betreffen wird … die ja jetzt (siehe Jugendmassenarbeitslosigkeit in Europa) kaum noch jemand haben will.

Man kann das auch abkürzen: wer gegen den Streik ist, ist für die Vernichtung der Spareinlagen des deutschen Mittelstandes.

Aber das war jetzt zu hoch, oder?



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