Kolumne

Tag der deutschen Einheit – ein Trauertag? Ein Herbsttraum.

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eifelphilosoph_200Freitag, 3.Oktober 2013. Eifel. Heute feiern wir mal wieder den Tag der deutschen Einheit. Habe ich ja damals alles miterlebt. War beruflich im Osten unterwegs, werde nie das Bild vergessen wie Wessihändler mit überteuerten Jeans in kleinen PKW´s über die Lande fuhren, um eine schnelle Mark zu machen – oder die Heere von Versicherungsvertretern das Volk mit horrenden Abschlussgebühren über´s Ohr hauten. Auch der erbärmliche Hass gegen den Palast der Republik werde ich nicht vergessen – eine Bilderstürmerei wie in Chinas dunkelsten Stunden offenbarte eine bis ins Mark verdorbene Republik – was sich erst recht an der selbstbereichernden Verschleuderungsorgie ostdeutscher Immobilien zeigte: viele der heutigen selbsternannten „Leistungsträger“ nutzten damals die Gunst der Stunde, um als Leichenfledderer über ein wehrloses Land herzufallen und sich äußerst günstig ein Vermögen anzueignen.

Ich habe verstanden, warum ein älterer Herr vor mir auf die Straße spuckte, als ich mit Familie und Firmenwagen auf Familienbesuch vor seiner Wohnung in Gevesmühlen hielt.

Ja – und ich hatte dort auch gewarnt. Viele Bürger der DDR waren begeistert: jetzt kommt endlich der goldene Westen auf uns zu: Bananen, Videorekorder, Golf GTI: ein Paradies auf Erden war zum Greifen nah. Nur … dieses Paradies hatte seinen Preis. Es funktionierte schon damals nicht, hatte das Problem der aus der Industrialisierung resultierenden Massenarbeitslosigkeit noch nicht mal im Ansatz gelöst und befand sich auf dem besten Weg, wieder „lebensunwertes Leben“ zu definieren – eine Methode, die später als Hartz IV die erste erkennbare Vorstufe der systematischen Arbeitslosenausgliederung wurde und mit einer historisch beispielslosen Enteignung der Opfer der Globalisierung ein ganz neues Klima im Lande schuf.

Erkennbar war das damals schon – aber es wollte ja keiner hören. Meine Gesprächspartner von damals waren aktive Gegner des SED-Regimes mit Knasterfahrung – heute alle … ALLE … gestandene Linkenwähler mit dem Traum, die alte DDR auf Rügen neu zu gründen – für jene, die vom untergehenden Kapitalismus zerdrückt wurden und ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne Freude vor sich hinvegetieren.

Dabei … hätten wir eine große Chance gehabt – eine Chance, die der alten Kultur der Dichter und Denker würdig gewesen wäre. Leider fiel diese Chance einer Generation von geistlosen Krämerseelen und gewissenlosen Kleinganoven in Maßanzügen und gesetzlichen Grauzonen vor die Füße, die außer dem Prinzip der selbstverantwortlichen Selbstbereicherung in selbstbestimmten Netzwerken keine Macht neben sich dulden wollten.

Historisch einzigartig: die Fehler des Kapitalismus und die Fehler des Kommunismus – geballt in einem Land, das in seiner Geschichte bewiesen hatte, dass es große Systeme erdenken und gewaltige Kulturimpulse setzen konnte. Was hätte daraus werden können!

Viele waren schon im Westen auf dem richtigen Weg: den Arbeitnehmer als Unternehmer zu denken, der mit Aktien am Unternehmen beteiligt wurde, war der Weg, aus Konzernen volkseigene Betriebe zu machen – mit unglaublichen Folgen für die Motivation … und die Qualität der Waren. Flache Hierarchien wurden aus Japan vorgegeben und erwiesen sich als Erfolgsmodell, aus dem BEIDE System hätten lernen können.

Ein Volk, das sich als Solidargemeinschaft begriff, traf auf ein Volk, dass die Qualitäten des Unternehmertums (und Mitunternehmertums) erkannt hatte: Großes bahnte sich an, das das Potential gehabt hätte, die Menschheit auf ein höhers kulturelles Niveau zu heben. Das Unternehmertum konnte man gut gebrauchen, weil die Verwaltungsbeamten der Parteien eine zu geringe Kreativität an den Tag legten (was auch an ihrer bequemen Vollversorgung lagen mochte), die Solidargemeinschaft konnte man gut gebrauchen, um die negativen Folgen der Globalisierung für den Binnenkonsum kreativ und innovativ aufzufangen – doch was geschah?

Ein Trauerspiel. Die von Günter Ogger beschriebenen „Nieten in Nadelstreifen“ verballerten eine Billion Euro Steuergelder im Osten (an denen sich viele Westfirmen gesund gestoßen haben – ohne sonderlichen Mehrgewinn für die Volkswirtschaft), erhöhten Diäten und Bonuszahlungen in schwindelerregendem Ausmaß und neutralisierten so jeden Widerstand gegen ihren volkswirtschaftlichen Raubzug, der bis heute andauert.

Wertvolle Errungenschaften der DDR wurden vollkommen vernichtet – obwohl sie einen sinnvollen Beitrag z.B. für unser Gesundheitswesen hätten leisten können: die Polikliniken hatten mich damals enorm begeistert – wirtschaftlich deutlich kostenfreundlicher als die immer unbezahlbarer werdende Westmedizin, die den Kostenbereich „Soziales“ Jahr für Jahr mehr aufblähte, ohne das auch nur ein Gesundheitsminister ihr Herr wurde.

Der Blick auf die Wichtigkeit staatlicher Lenkungs- und Leitungsfunktion hätte dadurch geschärft werden können, auch der Blick auf die Funktionen des Staates, die sich im Westen zunehmend darin erschöpfen, optimale Rahmenbedingungen für kleinliche Krämerseelen und Kleinganoven mit weißem Kragen zu schaffen – mit übrigens aktuell wieder erstaunlichen Kosten (siehe Spiegel):

Mitte Oktober, so kündigte Draghi an, wolle die EZB damit beginnen, den Banken der Eurozone Kredite abzukaufen – zunächst in Form von Pfandbriefen, die zum Beispiel mit Immobilien besichert sind, danach auch in Form von verbrieften Unternehmens- oder Verbraucherkrediten, sogenannten Asset Backed Securities (ABS). Mindestens zwei Jahre soll das Programm laufen. Bis zu einer Billion Euro könne die EZB dafür aufwenden, sagte Draghi, ob es wirklich so viel werde, sei aber offen.

Nochmal EINE BILLION EURO für … SCHROTTPAPIERE. Ja – diese forderungsbasierten Wertpapiere waren Grund für den Crash 2008 – und der neue Crash läuft aktuell. Es sind Kleinganoven, die sich diese Papiere erdacht haben, die aus riskanten Krediten und wackeligen Immobilienpreisen angeblich kostbare Wertpapiere machen, die in Wirklichkeit dicht vor der Wertlosigkeit stehen, wenn die Preise für Immobilien sinken (hier wird seit Monaten vor einer neuen Blase gewarnt) oder die Zinsen und Tilgungen für Kredite in Folge niedriger Löhne nicht mehr gezahlt werden können. Völlig verdrängt wird, dass Bananen, Videorecorder und Golf GTi mangels hinreichender Löhne zunehmend nur noch durch Kredite finanziert werden können.

Die Eurozone steht dicht vor dem Kollaps – und gerade jetzt fehlen die Konzepte zur Rettung, die Deutschland in den letzten 25 Jahren hätte entwickeln können … ganz folgerichtig auf der Basis der sozialen Marktwirtschaft, die sich als ein erstaunliches Erfolgsmodell erwiesen hatte – und im Idealfall auch gar keine „Verlierer“ mehr kennt.

Was hätte werden können?

Ich erlaube mir da mal einen kurzen Herbsttraum.

Ich sehe da ein Land vor mir, dass menschliche Züge hat. Bürgerparlamente werden – wie von der ehemaligen Piratenpartei vorbildlich vorgedacht – medial vernetzt und nutzen die Möglichkeit neue Technologie zur Errichtung einer direkten Demokratie, die der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland (genannt: Grundgesetz) gerecht werden.

Aufgrund der von der Wirtschaft dringend geforderten Mobilität ist der gesamte öffentliche Nahverkehr kostenlos – und im Staatsbesitz, ebenso übernimmt der Staat die Ausstattung der Bürger mit Kommunikationselektronik – oder richtet entsprechende Internetcafes ein, um die vollumfängliche Bürgerbeteiligung sicher zu stellen.

Der Staat beteiligt sich an der strategischen Planung der Volkswirtschaft – hier muss viel weiter gedacht werden, als es auch den größten Konzernen möglich ist, die zudem durch ihren begrenzten Aufgabenbereich an konstruktiver Gestaltung von Zukunft gehindert werden. Aus dem Staat (verstanden als solidarische Gemeinschaft aller Bürger, oder noch besser: als große Genossenschaft mit eigenen Genossenschaftsanteilen am Volksvermögen und Landbesitz) muss jener Planungsstab kommen, der eruiert, welche Wirtschaftszweige in den kommenden 50 Jahren die deutsche Volkswirtschaft finanzieren können, hier muss lenkend und leitend (aber nicht dirigierend) eingegriffen werden: durch Bildung, Information, Schulungen und Schaffung notwendiger Infrastrukur.

Zukunftsweisende Entwicklungen müssen so gefördert werden (auch Firmenneugründungen), sterbende Industriezweige sanft abgewickelt.

Es wird eine solidarische Gundsicherung geben müssen: von einem Volk, das beständig auf der Jagd nach dem täglichen Brot ist, wird man keine großartige Kreativität erwarten können – was vielen erfolgreichen Unternehmern mit praktischer Erfahrung in Mitarbeiterführung geläufig ist.

Wir werden uns als Volkswirtschaft gezielt auf eine Position als Gedankenfabrik einstellen müssen – mangels Rohstoffe bleibt uns langfristig keine andere Alternative, als technologischer Think-Tank der Weltwirtschaft zu werden – und aktiver Vorreiter der neuen industriellen Revolution. Dafür brauchen wir aber eine ganz andere wirtschaftliche Absicherung des Personals als „Harzt IV“.

Wir werden als erstes Land – oder als erster Kontinent – zinsloses, bargeldloses Geld einführen – und so den gesamten, unbezahlbaren und äußerst schädlichen Bankensektor in Nichts auflösen. Zahlen wir mit elektronischem Geld, kann es zinslos sein: wir brauchen den Bankensektor nicht noch mitfinanzieren, Firmen können Geld direkt an die Rechner der Mitarbeiter überweisen, die mit ihrem Handy an der Ladenkasse bezahlen.

Zinslose Kredite wiederum verhelfen dem ganzen Mittelstand zu einer deutlichen Erleicherung der Geschäftstätigkeit und erhöhen die Erfolgschancen innovativer Start-up-Unternehmen, die nicht vom ersten Tage an einem enormen Kostendruck unterliegen.

Wir könnten dieses Geld auch wieder als „gesichertes“ Geld schaffen – Geld, das durch die Werte deutscher Unternehmen gesichert ist (denen wir – wie wir jetzt merken – auch eine besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen müssen, weil ihr Wert unser Geld absicher kann). Sicheres Neugeld (wie z.B. der elektronische „Treeec“) kann eine sinnvolle und wertvolle Alternative zu aktuellen Papierflutwährung werden – und es wird interessant für Geldanleger aus aller Welt, weil es vor Inflation geschützt ist … in Zeiten drohnender Negativzinsen und laufender Geldentwertung eine sinnvolle Anlageform.

Als Menschenbild können wir das Ideal des Miteinanders propagieren – so wie aktuell das Gegeneinander als Idealzustand gepredigt wird, mit verheerenden Folgen für Familie, Wirtschaft und Gesellschaft: ein ganzes Volk soll zu Kleinganoven umerzogen werden, die – natürlich – einen starken Herrscher brauchen, der die Verrückten im Zaum hält … wir brauchen in Wirklichkeit weder das eine noch das andere. Was einmal verzogen wurde, kann auch geändert werden: mit enormen Folgen für das Bruttosozialglück.

Bildung soll und muss kostenlos sein – vor allem für die ärmeren Schichten der Bevölkerung: denn gerade  hier (welch´ Überraschung) finden wir die größte Kreativität (siehe hierzu: Wilhelm Schmid, Unglücklich sein – eine Ermutigung, Inselverlag 2012).

Und dann werden wir  noch … ach, was soll das noch? Ich merke, meine Gedanken gallopieren schon wieder davon, träumen sich in Welten hinein, in denen traditionelle menschliche Werte wir Frieden, Freiheit, Sicherheit, Wohlstand und Gerechtigkeit den Alltag bestimmen … Werte, wegen denen wir uns als Stämme in Höhlen zusammengefunden haben, um nicht den Raubtieren zum Opfer zu fallen – Raubtiere, die heute als „Hedgefonds“ Verwüstungen anrichten, für die man früher Kriege und Naturkatastrophen brauchte.

Es sollte ja auch nur ein kleiner Herbsttraum werden, für mehr bleibt dem Autor am heutigen Tage auch gar keine Zeit.

Ein kleiner Herbsttraum, der nur zu einer Frage anregen soll: wäre dieser 3.Oktober nicht auch gut als nationaler Trauertag zu feiern – als Tag, an dem wir einer sinnlos verspielten wunderbaren Zukunft nachtrauern?

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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