Leben

Boko Haram, Sybille Berg und das fortschreitende Elend der Welt

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Dienstag, 13.5.2014, Eifel. Kürzlich wurde ich mit einer erschreckenden These konfrontiert: ich würde das entsetzliche Leid entführter Frauen in Nigeria ignorieren. Es war die von mir sehr geschätzte Sybille Berg, die diesen Ausspruch tat (siehe Spiegel):

Während die westliche Welt den Konflikt in der Ukraine im Netz diskutiert, sind die von Idioten entführten Mädchen in Nigeria immer noch entführt. Neue Opfer sind dazugekommen, aber wie alle Aktionen abartiger Dumpfköpfe, die sich gegen Frauen wenden – Zwangsverheiratung von Kindern, Vergewaltigung, Verstümmelung -, ist das kein brennendes Thema. Für keinen.

Ein schwerwiegender Vorwurf: kann einem das wirklich egal sein? 200 Frauen entführt – von „Boko Haram“?

Nun – ich könnte sagen: ich war gerade mit etwas anderem beschäftigt. Auch mit Afrika – aber mehr  mit den Kindern als mit den Frauen. Manche der Kinder sind übrigens weiblich und werden mal Frauen. Ich war beim World Food Programme, habe Zahlen zum Hunger erfahren müssen.

Hunger ist das größte Gesundheitsrisiko weltweit. Mehr Menschen sterben jährlich an Hunger, als an AIDS, Malaria und Tuberkulose zusammen.

Überraschend, oder? Wo wir doch dachten, Afrika wird von AIDS ausgerottet.

Unterernährung trägt jährlich zum Tod von 2,6 Millionen Kindern unter fünf Jahren bei – ein Drittel aller Sterbefälle von Kindern weltweit.

Die ermorden wir. Ja – ich spreche hier von Mord. Und es ist ein außerordentlich schmerz- und leidvoller Tod, zu vergleichen mit Zwangsverheiratung, Verstümmelung und Vergewaltigung. Vielleicht sogar: ein ganz klein wenig schlimmer. Es sind zudem … ganz kleine Menschen, die besonders niedlichen und hilflosen – die unter fünf Jahren.

Jedes vierte Kind weltweit ist von “stunting” beeinträchtigt, einer zu geringen Körpergröße im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen.

Die, die den Hunger überleben, sind lebenslänglich von ihm gezeichnet. Afrika ist – neben Asien – eins der Hauptstützpunkte des Hungers.

In Entwicklungsländern gehen 66 Millionen Vorschulkinder hungrig in die Schule, allein in Afrika sind es 23 Millionen.

Warum ich von Mord sprach – sogar von Massenmord? Nun – die Antwort ist einfach:

Es kostet WFP nur 20 Cent am Tag, ein Kind mit allen wichtigen Vitaminen und Nährstoffen zu versorgen, die es braucht um gesund aufzuwachsen.

20 Cent am Tag. 6 Euro im Monat. 72 Euro im Jahr – und wir hätten 2,6 Millionen tote Kinder weniger. Zwei Milliarden Euro für die Ernährung der Kinder Afrikas ausgegeben – schon wären die Leichenberge der Kinder weg.

Ich folge in der Anklage Jean Ziegler, der eindeutig beschrieb, wer die Täter sind, siehe Tagesspiegel:

Wir alle, wenn wir schweigen. Zu den Tätern zählen auf jeden Fall die Banditen in den Banken und Hedgefonds, die an den Rohstoffbörsen mit Agrarrohstoffen spekulieren und die Preise hochtreiben. Deshalb können sich 1,25 Milliarden Menschen in den Slums, die mit weniger als 1,50 Dollar am Tag auskommen müssen, nicht mehr genug Nahrung kaufen. Diese Spekulanten sind Massenmörder.

Es sind aber nicht nur die Spekulanten, die das Geld für die Rettung der Kinder verbrennen. Wir alle tun es. Täglich.

Aber dieses Raubgesindel hat auch das Finanzsystem ins Chaos gestürzt, und die westlichen Regierungen mussten dafür mehr als 1000 Milliarden Dollar bereitstellen. Gleichzeitig wurden die Beiträge zum UN-Welternährungsprogramm heruntergesetzt, das den Menschen bei akuten Krisen hilft. Die Folge ist, dass, nur zum Beispiel, in Nordkenia die Helfer jeden Tag Hunderte von Familien zurückweisen müssen, weil sie von den reichen Regierungen des Nordens nicht genug Geld bekommen, um das teure Getreide zu kaufen. Und …… dazu kommt der Wahnsinn mit den Agrartreibstoffen. Die Amerikaner verbrennen 40 Prozent ihrer jährlichen Maisernte in Automotoren. Und auch in Europa werden zig Millionen Tonnen Getreide zu Biodiesel, Bioethanol und Biogas verarbeitet. Das bringt für den Klimaschutz gar nichts, ist jedoch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, solange so viele Menschen hungern. Nur die Agrar- und Energiekonzerne verdienen daran.

Ja, wir verbrennen deren Nahrung einfach zu zum Spaß. Und Konzerne, die sich selbst mit irrsinnigen Spekulationen in den Bankrott getrieben haben (während ihre  Mitarbeiter rücksichtslos in die Boni-Kasse griffen), helfen wir mit der irrsinnigen Summe von 1000 Milliarden Dollar. Um das mal klar zu machen:

das wären 15000 Euro für jedes hungrige Vorschulkind in der Welt. Davon könnte es 208 Jahre gesund ernährt werden.

5 Milliarden Dollar im Jahr – und schon hätte man die hungernden Vorschulkinder weltweit ernährt. Das könnte Bill Gates aus seinem Privatvermögen zahlen. Die Besitzer von Aldi, BMW oder der Metro auch.  Oder die USA würden ein Prozent ihres Rüstungshaushaltes opfern, um das zu lösen.

Die Zahl der hungernden Menschen weltweit ist in den letzten Jahren zurückgegangen, das stimmt. Das ist aber auch nur eine Momentaufnahme, denn auf der anderen Seite marschieren Hunger und Armut voran. Erscheinungen, die früher undenkbar waren, werden heute Alltag. Damit rede ich nicht von Griechenland, Spanien oder Portugal, sondern von den USA selbst.

Ein Drittel der New Yorker hatten 2010 nicht genug Geld für Lebensmittel (siehe Süddeutsche) – ein Hohn in der reichsten Stadt der Welt, an deren „Wall Street“ absolute Spitzengehälter gezahlt werden. Aktuell machen US-Studenten Schlagzeilen (siehe Spiegel) – der Hunger erreicht die Spitzen der westlichen Gesellschaft:

Wie verbreitet existenzielle Sorgen unter US-Studenten sind, zeigen Umfragen: So gaben an der City University New York im Jahr 2011 knapp 23 Prozent der Studenten an, aus finanziellen Gründen manchmal hungrig zu sein. An der ländlich gelegenen Western Oregon University an der US-Westküste teilten laut einer aktuellen Umfrage sogar fast 60 Prozent der Studenten die Sorge, nicht genügend Geld für Lebensmittel zu haben.

Der Hunger ist im Vormarsch … und darum, liebe Frau Sybille, diskutieren wir im Netz über die Ukraine. Wir sehen, wie die „Economic hit man“ ein Land nach dem anderen unter ihre Kontrolle bekommen – entweder mit Bestechungsgeldern, mit Mord und Umstürzen oder mit direktem Einsatz der US-Armee. Wir haben – wie der deutsche Bundestag auch – John Perkins „Bekenntnisse eines Economic hit man“ gelesen. Anders als der deutsche Bundestag – der den Inhalt dereinst auch für die Abgeordenten online gestellt hatte – haben wir die Erfahrungen in unser Weltbild eingeflochten und berücksichtigen sie bei der Beurteilung des Weltgeschehens.

Deshalb wissen wir, dass die Wall Street ohne weiteres bereit ist, weitere 200 Millionen Menschen in den Tot zu schicken, nur um ihre Boni zu sichern. Wir kennen auch die Methoden: erst gibt es Kredite für korrupte Regierungen (die können dann damit unsere tollen Produkte kaufen – was oft genug direkt verlangt wird), deren Rückzahlung diese dann mit „Sparprogrammen“ aus ihrem Land herauspressen müssen. Geschah früher in der Dritten Welt – gibt es aktuell aber auch in Europa.

Über die Folgen der so geschaffenen Armut in Griechenland konnte man sich Anfang des Jahres in der Süddeutschen informieren: drastische Anstieg der Selbstmordrate, eine aktuell drohende Flut von Obdachlosen und eine unerträgliche Erpressung der Bürger durch die Regierung: wer nicht gehorcht, fliegt. Demokratie wird brutal mit ökonomischer Macht hinweg gefegt, mitten in Europa wird Hunger als Waffe gegen das eigene Volk missbraucht.

Auch in Deutschland hungern Kinder per Gesetz. Absurd – wir haben nur noch so wenig Kinder, dass Schulen und Kindergärten massenhaft schließen … aber selbst die wollen wir nicht mehr ernähren, weil wir das Geld lieber für andere Dinge ausgeben. Ja, wer Kinder hat – bemerkt schnell, wie dicht der Hunger schon vor der Tür steht.

In diese Bedrohungslage kommt nun die Nachricht von 200 entführten Frauen aus Nigeria, die uns besonders entsetzen soll. Natürlich ist das schlimm – aber nicht nur in Afrika. Das gibt es auch in Deutschland – in deutlich höherem Ausmaß. Interessiert nur keinen. Wir sind hipp, cool, aufgeklärt, tolerant und brauchen unsere Bordelle allein schon für die Tourismusindustrie. 640 Opfer wurden 2011 für Deutschland ermittelt (siehe Mission Freedom), in der EU sind es – zwischen 2008 und 2012 – 23000 Opfer von Menschenhandel, die offiziell registriert wurden (siehe wiwo).

Die werden nicht tagtäglich medienwirksam ins Bild gesetzt, weil der Herr Redakteur sie im Anschluss an seinen Artikel eben nochmal gerne missbrauchen möchte – und wehe, ihre Show ist dann nicht überzeugend genug, sie bieten dem Kunden nicht die vollendete Vergewaltigung ihrer Seele … dann findet man sie halt in den Wäldern um Hamburg tot an einen Baum gefesselt. Ist kein brennendes Thema – für keinen.

Ebenso wenig stört man sich groß daran, dass Jean Ziegler einfach mal wieder als Redner von den Salzburger Festspielen ausgeladen wird, weil seine Anklagen den Nachtisch vermiesen könnten (siehe Zeit).

Für 200 entführte Nigerianerinnen bleibt da kaum noch Raum – obwohl es kein harmloses Verbrechen ist. Wir wissen auch noch nicht mal, wer Boko Haram überhaupt ist – ein mit über 200 Quellen gut belegter Artikel in Wikipedia läßt Zweifel darüber aufkommen, ob es überhaupt eine islamische Sekte ist, die Duldung dieser Sekte durch die Regierung ist verwirrend … und die Tatsache, dass eben jene Regierung aktuell durch aktive Folter auf sich aufmerksam macht (siehe den Bericht von Amnesty International, z.B. Spiegel), scheint zudem darauf hinzudeuten, dass der Konflikt dort viel mehr Facetten hat, als wir hier begreifen können.

Demgegenüber stehen 7000 Kinder unter fünf Jahren, die JEDEN TAG verhungern.

Wie wirkt da der enthusiastische Einsatz für die von irgendwem verschleppten Mädchen? Wie ein Feigenblatt. Ein erbärmliches Feigenblatt. „Seht – wenn die Not groß ist, dann helfen wir!“.  Dafür entwickeln wir sogar einen „Hashtag“ – „bringbackourgirls“.

„Bringbackourchildren“ gibt´s nicht. Klar – Tote kommen nicht zurück.

Aber wir haben das Gefühl, mal wieder so etwas richtig Gutes getan zu haben – diesmal sogar MIT den sonst bösen USA gegen die ultrabösen Islamisten. Das die Mädchen Opfer des Kreuzzuges einer Wirtschaftsmacht gegen eine Weltreligion sind – soweit kann kaum noch einer mitdenken. Schön aber, dass von dem eigentlichen Problem abgelenkt wird: der Armut (siehe Wikipedia):

Offiziell wird die Bedeutung von Boko Haram kontrovers diskutiert. So bestreitet die amerikanische Historikerin Jean Herskovits, dass Boko Haram eine islamistische Terrorgruppe sei, denn einige Verbrechersyndikate, auch aus dem vorwiegend christlichen Süden Nigerias, nutzen gerne den Namen ‚Boko Haram‘. Sie macht für die Gewalt hauptsächlich die Armut in Nigerias islamischem Norden verantwortlich.

Und diese Armut breitet sich direkt vor unserer Haustür aus. Dafür aber – gibt es keinen „Hashtag“.

Jetzt klar, warum die westliche Welt im Netz über die Ukraine diskutiert?

Wir wollen die Plünderung der Staatskassen, die in Nigeria für Erscheinungen wie „Boko Haram“ gesorgt hat, in Europa aufhalten – bevor auch noch die letzten Reste einer Kultur verschwinden, die sich um vergewaltigte Frauen sorgt und sie nicht nur als gewinnbringende Ware begreift.

 



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