Politik

Eifelphilosophie

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Dienstag, 4.2.2014. Eifel. Vor dem Start – der sowieso ein schleichender Übergang wird – wird man natürlich die Frage klären müssen: was ist eigentlich „Eifelphilosophie“ – und wozu braucht man sie.

Nun – manche haben sich das recht einfach gemacht: es gibt einen „Eifelphilosophen“, also wird der auch Eifelphilosophie machen. Auch wir hätten uns das einfach machen können: „Praxis zum fröhlichen Eifelphilosophen – Getränke bitte mitbringen“ – und schon hätte man fortfahren können.

Mir wäre das zu einfach, zumal ich mich auch in einem philosophischem Umfeld bewegen und dort Rede und Antwort stehen muss.

Was Philosophie ist, ist leicht zu beschreiben. „Liebe zur Weisheit“ – so lautet die beliebteste Übersetzung. Die einzige Wissenschaft, in der die Methodik nicht nur reine, logische, analytische Vernunft ist, sondern von einem Gefühl bestimmt wird: der Liebe. Was nun diese „Liebe“ ist, möchte ich erstmal an diesem Ort nicht näher beschreiben, zudem ist das Gefühl in unserer Zeit komplett durch „Sex“ ersetzt worden, der mangels Liebe ziemlich seelenlos daherkommt, aber den Menschen offenbar trotzdem scheinbar gut gefällt (oder gefallen muss, um nicht „anders“ zu sein). Für unseren Gebrauch mag es reichen, ältere Vorstellungen anzuwenden, dementsprechend „Liebe“ stärkste, weit über die persönlichen Interessen ausgehende Verbundenheit anzeigt, die unter anderem regelmäßig dazu führt, dass man bereit ist, für das geliebte Objekt das eigene Leben zu opfern. Freiheit, Gerechtigkeit, Brüderlichkeit waren mal solche „Objekte“, Frauen können auch dazu gehören, Kinder gehören immer dazu.

„Weisheit“ ist nun ebenfalls ein Wort, dass der näheren Erklärung bedarf. Kurz könnte man sagen: sie ist die Rendite eines vollumfänglich gelebten Lebens, dass Höhen genossen und Tiefen bewältigt hat – aus diesen Erfahrungen entwickelt sich eine Perspektive, die über das Alltagsgeschäft, die Legislaturperiode und den Quartalsbericht hinausreicht … ein Grund, weshalb wir „Weisheit“ im politischen Geschäft regelmäßig bei „elder Statesman“ antreffen, die dann von ihren Parteikollegen als wundersam abgetan werden, anstatt dass man ihren Urteilen aufmerksam lauscht.

„Weisheit“ bedeutet, alle Dinge gleichzeitig zu sehen – und sich von der „Wahrheit“ zu verabschieden … jedenfalls von der Wahrheit für alle.

Damit tritt Philosophie generell in zweierlei Hinsicht in den Widerspruch der Spaßgesellschaft, die zur Perfektion der Funktionen der Konsummaschinerie „Wahrheiten“ braucht, ebenso wie Politik, Gewerkschaft und Religionen „Wahrheiten“ brauchen, um ihre Ware widerspruchsfrei an den Mann bringen zu können – zudem meist in äußerst liebloser Art und Weise. Sie tritt auch aus den politischen Kategoriensystemen heraus, sieht eher den Mensch in seiner Umgebung als den Menschen in seiner Anschauung, sieht, wie Angst und Wut über Ungerechtigkeit aus einem normalen Bürger einen strammen Nationalsozialisten machen können, der aus besten Gründen heraus zur menschlichen Bestie mutieren kann. Ändert man ein wenig das nationale Umfeld, so kann der gleiche Bürger zu einem überzeugten Kommunisten werden.

Für die Heranzucht von Demokraten braucht man da noch ein ganz anderes Umfeld – ein weiseres, das nicht den Menschen verdammt, sondern eher seine Taten entschärft.

Nun ist jeder Autor und jeder Philosoph im Prinzip durch seine Umwelt zu verstehen, mit der er sich auseinandersetzt – so wie auch biblische Texte nur in jenem Umfeld verstanden werden können, in dem die jeweiligen Autoren gelebt haben. Im warmen Griechenland konnte Diogenes noch das Wohnen in einer Tonne als höchstes Glück preisen – im kalten Deutschland käme er nicht durch den Winter. Von der deutschen Philosophie sagt man in den USA, sie sei sehr geprägt von den tiefen, dunklen, deutschen Wäldern – die wir heutzutage schon alle im Dienste der Rendite zu unanschaulichen Monokulturen umgebaut haben.

Insofern ist Eifelphilosophie sicherlich auch geprägt von dem Land, das einen umgibt. In unserem Falle ist es ein Grenzland mit lebensgefährlichen Hochmooren, durch die während der NS-Zeit die Fluchtrouten der Berliner Juden liefen, ein Land, in dem keine Hexenverbrennungen (und sehr wenig Morde) stattfanden, dass aber eine noch sehr lebendige Kultur der Gesundbeter hat … eine Kultur, die wegen ihrem Erfolg von den umliegenden Ärzten anerkannt wird. Viehweiden wechseln sich ab mit tiefen dunklen Schluchten, rauschenden Gebirgsbächen, an deren Ufern jahrhundertealte Bäume stehen. Die Gegend lebt sehr davon, dass die „Moderne“ lange Zeit an ihr vorbeigezogen ist. Man findet hier viele Klöster – Orte, an denen sich Menschen zurückziehen können, um sich mit ihrem ganzen Leben Anschauungsformen des Seins zu widmen, die die „Moderne“ belächelt und für geistig absonderlich hält … obwohl man dort äußerst armen, aber immerhin sehr glücklich wirkenden Menschen begegnen kann.

Es ist ein Land mit einzigartigen klimatischen Bedingungen („Seeklima“ – fern vom Meer wegen transatlantischer Winde, die sich hier brechen .. und niederregnen), isolierten keltischen Kulturen, die uralte Rituale pflegen, Höhlen, die schon Neandertalern als „Penthouse“ gedient haben, einsamen römischen Villen, bei denen man sich immer fragt, was die Bewohner wohl dazu bewogen haben mag, mit viel Aufwand vom angenehmen Italien in die kalten Grenzlande zu ziehen, alten Burgen und Festungen, die Schutz boten vor vielen Eroberern, die auf dem Weg „anderswohin“ hier durchziehen mussten und froh waren, wenn sie nur schnell woanders waren.

Gleichzeitig sind die Geschichten der Menschen hier durchzogen von Leid, dass den Städtern fremd ist – hier erinnert man sich noch an Hungesnöte, die Familien ausgerottet haben – und an viele fremde Heere, die mordend und plündernd über die Grenzen kamen … so wie die Nazis aus Aachen, die mit ganz absonderlichen Vorstellungen aus den Schmelztigeln der Städte herbeieilten und hier ihren Geist verbreiten wollten … und eine ihrer großen Ordensburgen als sichtbares Zeichen ihrer Herrschaft hinterließen.

Hier vor Ort wurde schon „Europa“ gelebt, als andere noch in Schützengräben lagen, hier jagte Karl der Große und sponn seinen besonderen Traum, hier waren die Ideengeber der Kreuzzüge und des Tempelrittertums zu Hause.

Es ist ein geeigneter Ort, um einen Aspekt zu erfahren und zu leben, der schon lange in Vergessenheit geraten ist aber ursprünglich den „Nutzen“ von Philosophie ausmachte.

In der griechischen Philosophie (die in ihrer Qualität bis heute nicht übertroffen ist … allenfalls Kant und Schopenhauer haben da noch kleine Quentchen zugefügt) war der Philosoph der Arzt der Seele. Wir haben heute eine seelenlose Kultur, deren Auswüchse einen erwachsenen Geist stetig aufs neue erschrecken – und die meiner Meinung nach für das Aufblühen des künstlichen Zombiemythos verantwortlich sind: so nimmt die Seele unsere westliche Kultur wahr. Da wir keine Seele mehr haben, brauchen wir keinen Arzt – und leiden still vor sich hin.

„Wann haben Sie das letzte Mal einen glücklichen Menschen gesehen?“ – fragte mich letztens ein Sozialarbeiter in leitender Funktion … der täglich mit Menschen aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten zusammen kommt.

Ich denke, hier sehen wir, was geschieht, wenn „Mensch“ so tut, als hätte er keine „Seele“. Die Wirtschaft ist sehr interessiert daran, dass wir keine Seele haben: immerhin lebt sie davon, dass wir versuchen, mit ihren Waren das Loch zu stopfen, dass die Verwahrlosung der Seele hinterläßt.

Heute verstehen wir den „Arzt der Seele“ eher als Psychotherapeuten – mit einigen beängstigenden Entwicklungen im Bereich der philosophischen Praxis, die schnell vergißt, dass der „Arzt der Seele“ immer in einem gewissen Umfeld gelebt hat: der Natur. Philosophie – die Liebe zur Weisheit – fand in Gärten und heiligen Hainen statt, wo der Mensch noch unmittelbar seine „Einheit“ mit der Umwelt erleben durfte.

Insofern ist Eifelphilosophie eine Widerbelebung der alten griechischen Philosophie, die in enger Verbundenheit mit der Natur praktiziert wurde und sich mehr an der Vorstellung vom „Arzt der Seele“ orientiert als an der Vorstellung von der „Königin der Wissenschaften“, mehr das Seelenheil des Menschen in den Vordergrund stellt als die Suche nach der Wahrheit. Dank heiler Natur (an vielen versteckt liegenden Orten) fällt dies auch leicht. Um Seele Heil zu machen, bedarf es nicht unablässiger Kneterei durch peinliche Befragung, sondern oft nur eine Änderung des Rahmens.

Allzu oft wird uns heute gelehrt, dass wir selbst es seien, die unsere Umwelt erschaffen – oft auch durchweg magisch („schwarzmagisch“ muss man hier korrekterweise ausführen) einfach durch die Kraft unserer Gedanken. Glücklicher würden wir werden, wenn wir von dieser „Maximierung“ des „Ego-Tripps“ wieder etwas Abstand nehmen und wieder lernen, wie groß der Einfluss des falschen „Rahmens“ auf unsere Seele ist – und das ihre Zerrüttungen gerade aus der Diskrepanz zwischen Lebenserfahrung und offiziell gepredigter „Wahrheit“ entsteht.

Ändert man den Rahmen, ändert sich die Seele – sie atmet auf, ganz ohne Psychotherapie … wie eine Pflanze, der man frische Erde und sauberes Wasser gibt.

Erfahren wir die politische Welt zum Beispiel als dunkel und bedrohlich, die wirtschaftliche Welt als raubtierhaft, hören aber, dass wir in der besten aller Zeiten leben, schlägt diese Erfahrung empfindlich auf die Seele: aus einmal sind „wir“ es, die falsch sind, die falsch wahrnehmen, falsch deuten, falsch sehen … und falsch leben.

Ändern wir den Rahmen, kehrt Frieden ein zwischen dem Menschen … und seiner eigenen Wahrnehmung.

Einen letzten Aspekt wollen wir jedoch nicht vergessen: Eifelphilosphie ist Philosophie für die Menschen, Graswurzelphilosophie, wie man sie an den Universitäten nur noch selten findet. Sie ist getragen von der Überzeugung, das das philosophieren eine grundsätzlich menschliche Eigenschaft ist, zu der JEDER Mensch fähig ist … und die JEDEN Menschen bereichern kann, ebenso ist sie getragen von der Erfahrung, dass der philosophische Geist in jedem Menschen zu Hause ist – nicht nur in jenen, deren Väter Geld genug hatten, ein vollkommen „unnützes“ Studium zu finanzieren. In kargem, menschenfeindlichem Land gewachsen ist sie geprägt von der marxistischen Überzeugung, dass der Philosoph auch aufgerufen ist, die Welt zu verändern, und nicht nur, sie zu beschreiben.

Oft genug verändert man sie aber einfach dadurch, dass man sie anders beschreibt, als die herrschenden Tyrannen dies tun.

Insofern ist Eifelphilosophie auch Philosophie für jedermann … und jedermann mag hier einen akademisch geschulten Geist finden, der Freude daran hat, jene Brüder und Schwestern im Geiste zu finden, die keine reichen Väter (oder die Gunst des Staates) hatten – oder auch einfach ein anderes Geschick, das zu belastend war, um sich der freien Entfaltung der Seele oder dem umfassenden Studium der anders verwachsenen Kollegen in der Geschichte widmen zu können.

Unabdingbar scheint mir auch die Liebe zu den Menschen zu sein – wie die Liebe zur Natur. Obwohl erstere oft schmerzhafte Enttäuschungen mit sich bringt, weil Armut und Kargheit der Umwelt der Seele so arg zusetzten, dass sie nicht gerade und kräftig wachsen konnte, ist sie unverzichtbar, denn: ohne Menschen gäbe es gar keine Weisheit … noch würde es ohne Menschen Sinn machen, welche zu suchen.

Und letztere – heilt einfach die zerzauste Seele schon durch ihre bloße Anwesenheit. Nicht umsonst war „das Schöne“ für die alten Griechen eng verbunden mit „dem Guten“. Und schöner als hier vor Ort soll es ja nirgends in der Eifel sein.

Was aber unverzichtbar ist – im krassen Gegensatz zur akademischen Philosophie – dass Eifelphilosophie nur praktiziert werden kann von Menschen, die den philosophischen Geist in praktischen Berufen getestet haben – sei es als Bauer, als Maurer, als Verkäufer, Landarzt oder Obdachloser.

Als Ausgleich dafür darf man auf Fremdwörter und jede Form von „Unibluff“ verzichten. Das sollte Anreiz genug sein, sich einer Form der Philosophie zu widmen, die wieder „für“ das Volk lebt … und nicht nur von ihm, einer Form von Philosophie, die wieder für die Philosophie lebt anstatt nur von den Zitaten ihrer verstorbenen Vorgänger, einer Philosophie, die versteht, dass philosophischer Geist auch durch Fotographie, Zeichnung, Film, Tanz oder Baukunst wirken kann … und nicht nur durch viel zu lange Texte.

Reiner August Dammenn, erster (aber hoffentlich – und sicherlich – nicht letzter oder einziger praktizierender Eifelphilosoph).

PS: warum ich „Eifelphilosophie“ bewusst und absichtlich unter „Politik“ ablege … muss sich jetzt jeder selber denken. Ich werfe mal das Stichwort: „Befreiung aus der fremdverschuldeten Unmündigkeit“ dazu in den Raum.

 

 

 

 

 

 

 

 



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