Wirtschaft

Der Arbeitsterror der Lumpenelite – ein Livebericht

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Montag, 14.10.2013. Eifel. Montag ist der häßlichste Tag der Woche, oder? Niemand mag Montag – jedenfalls, solange der Chef nicht in der Nähe ist. Kommt der herein, flötet man natürlich durchs Büro, wie unglaublich glücklich man ist, dass das häßliche Wochenende endlich vorbei ist – da habe ich doch Recht, oder? Eins meiner eindrucksvollsten Erlebnisse als schreibender Mensch war das Echo auf einen Artikel mit dem provokanten Titel „Arbeit ist Scheiße“ – da kamen in der Tat Arbeitslose und klagten darüber, dass dieser Artikel zu einer verstärkten Verfolgung von Arbeitslosen führen würde: die Wahrheit ist in Deutschland verboten – auch wenn jeder sie kennt und abends an der Theke leise und verstohlen ausspricht. Der Spiegel traut sich das aktuell  mal:

Hinterm Firmentor wohnt das Elend. Mitarbeiter ächzen unter Arbeitslasten. Sie schuften, bis der Arzt kommt, und der Arzt kommt oft: Die Burnout-Kliniken quellen über, sie sind zu den Seelen-Kläranlagen einer zum Himmel stinkenden Arbeitswelt geworden. Zwischen 2005 und 2011 haben sich die Krankheitstage wegen Burnout verelffacht, auf 2,7 Millionen. Jede dritte Frühverrentung hat psychische Gründe. Im Schnitt sind diese „Rentner“ 48 Jahre alt.

Da bürden die Firmen dem Sozialstaat enorme Lasten auf, gebärden sich wie parasitäre Schmarotzer – und niemand beschwert sich? Wir hatten doch gelernt, dass parasitäre Schmarotzer schlimm, pfui und böse sind – das Bundesarbeitsministerium hatte extra eine Broschüre dafür entwickelt, damit das auch jeder begreift. Wer so unverantwortlich mit Mitarbeitern umgeht und serienmäßig Frührentner produziert, belastet die Sozialkassen doppelt und dreifach – doch da schweigt die Bildzeitung?

Der ideale Mitarbeiter hat kein Leben mehr, nur noch ein Berufsleben. Wenn das Firmen-Handy klingelt, ist der Sex vorbei, der Urlaub gestorben. Zwölf-Stunden-Tage laufen unter „Einsatzfreude“. Jede E-Mail schreit nach sofortiger Antwort, auch nachts. Wer nicht schnell genug protestiert, wird von seinem Chef als Facebook-Freund zwangsadoptiert und bis ins private Fotoalbum verfolgt.

Das erinnert mich an meine eigene frühere Berufstätigkeit, die einen solch´ nachhaltigen Eindruck auf mich hatte, dass sie mich heute noch – viele Jahre später – in nahezu jedem Traum verfolgt. Bringt man gute Leistung, hält man sogar so lange durch, bis der Rücken bricht. Glücklich die, die jede Herausforderung gescheut und sich gezielt vor jeder Arbeit gedrückt haben, die lieber anderen die Lösung von Problemen überließen und Arbeitslosigkeit als Kururlaub genossen: die sind heute gesund, während ich nicht weiß, wie ich über den Tag kommen soll.

Darum hasse ich auch Handys und Laptops. Bin einer der letzten lebenden Zeugen, wie dieses Giftzeug in den Arbeitsalltag eingedrungen ist und fortan jeden Feierabend unmöglich machte. Da hilft es auch nichts, wenn man viel Geld verdient – ohne Leben hat der Mammon keinen Wert. Das ganze Arbeitsleben wurde einfach mal sprachlich umdefiniert – ein genialer Trick:

Doch wer der süßen Melodie hinters Firmentor folgt, stolpert in eine Arbeitshölle, wie sie die Welt seit dem Frühkapitalismus nicht mehr gesehen hat. Die Firmen flöten, „du bist selbst für deinen Erfolg verantwortlich“, gemeint ist: „Der Misserfolg kostet dich den Kopf!“ Die Firmen flöten, „du kannst deine Arbeit frei einteilen“, gemeint ist: „Mach bloß nicht Feierabend, bevor alles fertig ist.“ Die Firmen flöten, „du kannst alles bei uns erreichen“, gemeint ist: „Wenn du auf der Strecke bleibst, liegt es nur an dir!“

ARBEIT IST FREUDE – so die neue Version von ARBEIT MACHT FREI. Wer diese überwältigende Freude nicht empfindet, ja, wer gar Anzeichen von Schwäche zeigt, kriegt ganz schnell den Begriff „Minderleister“, sein Alltag wird von Privatdetektiven begleitet (ja, dafür ist Geld da) die für einen kleinen Aufpreis einen Spesenbetrug bescheinigen, von dem der Minderleister selbst dann ganz überrascht ist … da hilft jedoch kein Gericht mehr, „das Verhältnis ist zerrüttet“ – und ein Exempel statuiert.

„ARBEIT IST FREUDE“ ist nun nicht vom Himmel gefallen – nur: in einer Zeit, in der Medien und Regierung Denkverbote aussprechen („Verschwörungstheorien!!!“) darf darüber nicht mehr offen geredet werden – außer hier. Ich tue es mal trotzdem, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass dieses System krank macht – und ich war dabei, als es krank wurde.

Die große Invasion begann Anfang der neunziger Jahre. Eine ganz neue Branche hatte sich konstatiert: die Unternehmensberater. Der Autor dieser Zeilen hatte selbst eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei ihnen. Ich hatte zwar von Wirtschaft keine Ahnung, aber ein „sehr gut“ auf dem Universitätszeugnis: das reicht. Drei Jahre wollte man mich international ausbilden – jeweils eins davon in Japan und den USA – und dann hätte ich richtig dick abräumen sollen als „international erfahrender Profi“. Ich konnte nur gerade nicht, hatte zwei süße kleine Kinder – außerdem hatte ich das Prinzip schnell erkannt: man wollte mich als Kasperle aufbauen, als Spitze der Leistungselite.

Niemals hätte ich in den drei Jahren genug Erfahrungen gesammelt, die ein Wirtschaftsstudium und zehn Jahre betriebliche Praxis ersetzen konnten, um Unternehmen einen echten Gewinn bieten zu können – doch darum ging es ja auch gar nicht.

Es ging um etwas, dass alle Kriterien einer Verschwörungstheorie erfüllte, aber direkt neben dem eigenen Arbeitsplatz ablief – mit Folgen, die der oben zitierte Martin Wehrle eindrucksvoll beschreit. Es ging um den Umbau der ganzen deutschen Gesellschaft, zentral gesteuert von einer kleinen Gruppe von „Entscheidern“, angekündigt auf Geschäftsleiterfortbildungen, durchgeführt von einer ganzen Armee fleißiger Unternehmensberater.

Was der Arbeitnehmer davon mitbekam? Nun – auf einmal gab es „Lean Management“ (man sparte in der Führungsebene) und „Share Holder Value“ – Marktanteile, Firmenergebnisse und gesellschaftlicher Mehrwert des Unternehmens waren egal, nur noch die Rendite der Anteilseigner zählte. Die Qualität der Arbeit, die Qualität der Ware, umweltschonende Produktion und Vertrieb, Mitarbeiterrechte – alles egal. Es war entschieden worden, die ganze Gesellschaft umzubauen – und dafür waren diese „Unternehmensberater“ unterwegs.

Man sollte nun meinen, dass die deutsche Gesellschaft auf diesen Umstand aufmerksam geworden wäre – doch was liest man derzeit im Spiegel?

KarriereSPIEGEL: Sie haben dann bei einer bekannten Unternehmensberatung gearbeitet. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass in der Branche Berater mit einem Praktikum bei Bertelsmann schon als Medienexperten verkauft werden. Wie viel Bluff gehört zum Beraterdasein?

Herles: Jede Menge. Das ist aber so gewollt. Man verkauft die Perspektive des Außenstehenden, will aber gleichzeitig Industrieexperte sein. Schwierig in einer Branche, in der die meisten Menschen unter 35 sind. Woher sollen die Industrieerfahrung haben? Aber die Geblufften lassen sich zu gerne bluffen. Denn durch die Berater können sie ihre eigenen Hände in Unschuld waschen.

Alles nur ein großer Bluff. Alle wissen es. Alle leiden darunter – besonders die, die Aufgrund der eifrigen Wühlarbeit von Unternehmensberatern arbeitslos geworden sind. Ja – das musste nebenbei noch installiert werden, damit der ganz große Coup gegen die Lebensqualität in Deutschland gelang: man brauchte eine repressive Sozialpolitik, der Staat musste mit aller staatlichen Gewalt ins Arbeitsleben eingreifen, man brauchte am Ende der Nahrungskette einen Reißwolf. Wir kennen ihn als „Hartz IV“ – so etwas als Unternehmensberater in der Politik zu installieren ist kein Problem, wenn man nur genug Politiker findet, die 30 000 -Euro-Anzüge geil finden.

Der geheime Trick des Erfolges ist allen bekannt: am Ende der Beratung sollten schon ein paar Köpfe rollen. Das treibt den Aktienkurs nach oben (immer!), das bringt einen sofortigen Anstieg des „Share Holder Value“ und macht den übrig gebliebenen Mitarbeitern klar, wo der Hammer hängt. Gehaltserhöhungen, Betriebsrat, gesundheitsschonende Arbeitszeit: ein Luxus, den sich keiner mehr leisten kann – und keiner mehr zu fordern traut. Dafür macht man gerne die Arbeit von drei Kollegen mit, bereit, den nächsten Coup der Branche zu ertragen: den Verzicht auf Schlaf.

KarriereSPIEGEL: Wie viele Nächte können Sie durcharbeiten?

Herles: Sogenannte Allnighter sind in der Branche tatsächlich durchaus üblich. Ich persönlich habe nie wirklich durchgearbeitet, aber oft nur sehr kurz geschlafen.

Völlig verrückt? Leider nein. Habe selbst erleben dürfen, wie sich „Führungskräfte“ der Pharmaindustrie mit Personalverantwortung damit brüsteten, dass sie kaum Schlaf brauchten – und sich gegenseitig unterboten, bis sie nahe Null waren. Da erfolgreiche „Manager“ keinen Schlaf brauchen, hatten wir schnell die 120- Stunden-Woche: weil ARBEIT FREUDE MACHT, hat sich auf keiner getraut, zu meckern. Das der Verein eine enorm hohe Unfallrate im Straßenverkehr hatte und regelmäßig 5-er BMW´s zerlegte, war nie ein Thema: das geschieht eben, wenn die Elite unterwegs ist … wo gehobelt wird, da fallen Späne, auf die man dann noch stolz ist.

Eine Elite von Idioten, die aber dafür außerordentlich gut bezahlt werden – dafür, neue Werte vorzuleben und in die Gesellschaft zu tragen.

Was man schnell vergisst: das Geld für diese Idioten fällt nicht als Geschenk vom Himmel, das wird von „Entscheidern“ angewiesen, die sich gut überlegen, warum sie was wohin schicken. Es ist nicht der liebe Gott, der „Entscheider“ oder die „Leistungselite“ reich macht, sondern eine Hand voll Leute, die Preise festsetzen – auch die Preise für „Manager“.  Es war eine politische Entscheidung auf höchster wirtschaftlicher Ebene, die die Gehälter für die Lumpenelite in perverse Höhen getrieben haben und auch ihre Handlanger mit enormen materiellen Vorzügen ausstatteten, so dass wirklich jeder normale Arbeiter sehen konnte: hier kommen die neuen Könige.

Das war bewusst so installiert worden – und bezahlt von jenen Gewinnen, die dem Steuerzahler durch überhöhte Preise, Steuerhinterziehung, Betrug oder dem Vertrieb minderwertiger Ware aus der Tasche gezogen wurden.

Ganz Deutschland wurde zu einem Arbeitslager, in dem die Demokratie einen leisen Tod starb – aber wehe man erzählte davon.

Man braucht auch gar nicht davon zu erzählen. Stellen Sie sich einfach mal heute morgen an eine Ampel und schauen sie sich die Gesichter der Leute an, bevor sie ihr Pokerface für den Controller aufsetzen: dort sieht man ehrlicher, wie viel Freude Arbeit macht.

Sie kennen die Wahrheit, auch wenn es verpönt ist, darüber zu sprechen. Hören wir noch einmal Martin Wehrle dazu:

Frei ist sie tatsächlich, die moderne Arbeitswelt, aber nur frei von Berechenbarkeit: Wer jahrzehntelang beste Arbeit leistet, kann über Nacht für die Rendite rausgekegelt werden; frei von Gerechtigkeit ist sie: Die Reallöhne der Mitarbeiter sind zwischen 2000 und 2012 um 1,8 Prozent gesunken, während die Unternehmensgewinne durch die Decke schießen; und frei ist sie von einer Abgrenzung zum Privatleben: Der Feierabend ist kein Schlusspfiff mehr, nur noch Auftakt zur Verlängerung.

Gesunde Menschen gehen rein in die Firmen, und kranke kommen raus. Die Fließbänder der schönen neuen Arbeitswelt produzieren Volksleiden wie Bluthochdruck, ADHS und Burnout.

Und wer zahlt die Zeche dafür?

Die Leute, die sich heute morgen aus dem Bett gequält haben, um ab 9 überglücklich im Büro zu sitzen, voller Freude darüber, einen weiteren Tag 0hne Hartz IV erleben zu dürfen.

Wissen Sie, wie man das System beschreiben könnte?

„Vernichtung durch Arbeit“. Ein Prinzip, dass der deutschen Elite schon früher großen Spaß bereitet hat.

 

 



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