Politik

Wie SPON modernen Faschismus züchtet

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Mittwoch, 10.7.2013. Eifel. Hätte man mir früher gesagt, dass ich einmal zu einem eifrigen Verteidiger der katholischen Kirche werde, so  hätte ich demjenigen wohl einen Aufenthalt in der Psychiatrie empfohlen. Ich war als Kind katholisch, habe mich äußerst gründlich mit der Religion auseinandergesetzt, sie als Verrat am Christentum, als Verrat an der Menschheit und Feind der Wissenschaft erkannt, außerdem war sie verlogen, hinterhältig, ein äußerst hässlicher, imperialer Machtapparat mit einem entsprechendem absolutistischem Erscheinungsbild und passenden politischen Strukturen dazu. Zudem wählte sie „Gottes Stellvertreter auf Erden“ – was wohl die größte Blasphemie darstellte, die innerhalb des christlichen Wertegebäudes erdacht werden kann: sie schreiben Gott vor, wer für ihn auf Erden Regeln setzen darf. Wer so mit seinen eigenen Heilligkeiten umgeht, kann nur ein Schwindler sein.

Allerdings muss ich sagen, dass ich trotzdem gelegentlich Partei für diese Halunken ergreife – nicht nur, weil ich mit Eugen Drewermann oder Anselm von Grün zwei Menschen kennen gelernt habe, denen ich ihren „religiösen Wahn“ als ernste Weltanschauung abnehme, sondern weil die katholische Kirche schon in den fünfziger Jahren jene Veränderungen im Menschen festgestellt hat, jene Experimente an der menschlichen Seele, die uns heute unsere kapitalistischen Krisen beschert: dafür gebührt ihr hohe gesellschaftliche Achtung, unsere Intellektuellen haben die Folgen dieser Entwicklung erst 63 Jahre später bemerkt – siehe Frank Schirrmachers Buch EGO. Wir haben gepennt – und die Kirche hat sich auch keine große Mühe gegeben, uns vor der Entwicklung zu warnen, zu sehr war sie mit anderen Dingen beschäftigt: zum Beispiel mit der Sorge um ihr eigenes Überleben im Zeitalter des Antichristen.

Ja – selbst das äußert die Kirche nicht allzu deutlich, dabei ist der Kampf gegen Teufel und Dämonen ihr ureigenstes Metier:

„Erstaunlich ist, dass das Alte Testament dem Teufel wenig Platz einräumt, während die antiken orientalischen Religionen eine ausgesprochen malerische und höchstentwickelte Dämonenlehre vorweisen konnten. Vielleicht hatten die Verfasser des Alten Testamentes die Sorge, den Monotheismus abzuschwächen oder den offiziellen hebräischen Kult zu verletzen oder überhaupt das Problem des Bösen zu verfälschen. 

Das Neue Testament ist da ausführlicher. Man begegnet hier öfter den Begriffen „Dämonen“, „Geister“, „böse Geister“, „unreine Geister“, „das Böse“, „der Versucher“. 

Für den heiligen Johannes ist die Passion Jesu ein einziger Kampf gegen den Teufel; in der Apostelgeschichte heißt es, dass die Predigt der Apostel den Kampf zwischen dem Reich Gottes und dem Reich des Teufels fortführt“

(aus: Albino Luciani, Ihr ergebener Albino Luciani, Verlag Neue Stadt München 1978, Seite 191)

Sofort höre ich Widerspruch und Aufruhr in deutschen Landen, man meint, das Mittelalter kehrt zurück. Es wäre schön, wenn das so wäre, denn das Mittelalter kannte keine industrielle Massenvernichtung wie den Holocaust, die Atombombe, die automobile Gesellschaft, das Plastik oder die medikamentenverseuchte Nahrung … um nur ein paar häßliche Erscheinungsformen der ach´ so tollen modernen Gesellschaft zu zitieren, in der zudem immer weniger Menschen einen akzeptablen Platz finden.

Wir sind aber gar nicht so weit weg von diesen Gedanken wie wir meinen würden – wir haben nur eine andere Perspektive. Wo der altgläubige Mensch Dämonen wirken sah, sehen wir psychische Krankheiten walten (die uns oft genauso hilflos vor gruseligen Phänomenen stehen lassen wie unsere Vorfahren) – oder der „Zeitgeist“ schlägt mal wieder grausam aus und fordert die physische Vernichtung eine unsere Minderheiten.

Der Unterschied liegt lediglich in einem kleinen Detail: wir modernen Menschen schieben uns selbst die Schuld zu, während die Mehrheitskultur der Menschheit sich manipulierende Geister erdachte, deren bösen Einflüsterungen man erliegt – wenn man zum Beispiel wieder besseren Wissens minderwertige Schrottpapiere an Pensionsfonds verkauft, seine Nachbarin vergewaltigt oder Waffen in Krisengebiete liefert. Der Unterschied zum altgläubigen Menschen? Für ihn ist der Mensch ursprünglich gut, für uns ist der Mensch abgrundtief schlecht.

Ja – in Deutschland werden mehr Frauen vergewaltigt als in Indien (siehe The Intelligence), offensichtlich zeigt unsere Weltbild keine großartig heilsame Wirkung auf die menschliche Seele und das menschliche Miteinander – eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Definiert man den Menschen als böses Tier, lässt er sich halt leichter erschießen, wenn man genug von ihm hat. Auch mit Vergewaltigungen hat man dann keine großen Probleme mehr – „der Mann ist halt so und die Frau (auch nur ein Tier) braucht das“.

Wir, die „aufgeklärten, guten Menschen“ können ganz gut mit der Tatsache leben, dass unser Reichtum (selbst der relative Reichtum der Hartz IV-Empfänger- nimmt man den Weltmaßstab als Vergleich) auf Kosten des Lebens, der Freiheit und der Gesundheit des Restes der Welt geht, dass unsere Lebensweise mehr Ressourcen verbraucht, als selbst zwei Planeten hätten, dass unsere Waffen in aller Welt Menschen töten  – wie auch unsere Wirtschaftsordnung.

Manche können mit diesen Fakten nicht so gut leben und möchten gerne etwas dagegen tun – dasselbe, was schon seit Jahrtausenden dagegen unternommen wird: man versucht, die bösen Geister zu verjagen, die den Menschen zu so irrationalem und schädigendem Verhalten verleiten, wie es bei uns im Geschäftsleben, an der Börse, in der Sozialpolitik oder der Außenpolitik inzwischen die Regel geworden ist. Auch unsere Aufklärung ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Exorzismus gewesen: wir haben allerlei krumme, krude, „abergläubische“ böse Gedanken aus dem gedanklichen Inventar der Menschen verjagt, Gedanken, die – für sich betrachtet – gut und gerne als „Geister“ durchgehen könnten – was sollten sie auch sonst sein?

Einer jener Heiler des Geistes kam jetzt nach Polen, versammelte 58000 europäische Bürger um sich und verjagte mit ihnen gemeinsam böse Geister – oder „schlechte Laune“ wie wir dies in anderen sprachlichen und gedanklichen Mustern ausdrücken würden, siehe Spiegel:

Er weckt Assoziationen ans Mittelalter, doch in Polen zieht er die Massen an: der aus Uganda stammende Teufelsaustreiber Bashobora. Rund 58.000 Gläubige folgten seinem Ruf ins Warschauer Nationalstadion. Zum Service gehörten auch Sprechstunden von Hilfs-Exorzisten.

Niemand echauffiert sich groß, wenn es um andere Gute-Laune-Veranstaltungen geht: Heavy-Metal-Konzerte mit satanisch orientierten Bands und radikal menschenverachtenden Texten. Um nichts anderes geht es hier: um ein „Konzert“. Aber die Reaktion der Spiegelleser erinnert dann wirklich an das finstere Mittelalter – an die Hexenjäger, die am liebsten den ideellen selbst erwählten Gegner mit Haut und Haaren dem reinigendem Feuer ausliefern würden:

Dennis89, seines Zeichens wohl ausgebildeter Facharzt für Psychiatrie liefert hierzu eine Diagnose, die andere Menschen 1:1 auf Heavy-Metal-Konzerte übertragen würden:

Ein Haufen Geisteskranker. Ohne Hirn und Verstand. 

Religionsfreiheit ist – neben Redefreiheit, Versammlungsfreiheit und Pressefreiheit eine der zentralen Säulen der Freiheit (hier mal als Poster bei Zazzle für Zuhause).

Menschen, die drei dieser Freiheiten an Anspruch nehmen als „Geisteskrank“ zu bezeichnen, ist tiefster faschistischer Unglaube.

UnitedEurop meint:

Herr, lass Hirn regnen! Wir lästern über archaische Stammeskulturen in Afghanistan und mokieren uns über mittelalterliche Islamvorstellung und dann kommt so jemand ins Herz Europas und die Leute jubeln …

Und wie gerne würde man „so jemand“ in die Schranken weisen – am besten in ein Lager, wo man ihm seine Faxen austreibt, nicht wahr?

Heinz4444 macht es sich ebenso einfach:

tiefste Mittelalter inmitten der EU. Einfach nur gruselig, dieser religöse Wahnsinn.

Nun – Urteile ohne Kenntnis der Materie zu fällen war schon immer das Kernmetier des faschistoiden Typus – und den kulturell Andersartigen als geisteskrank zu bezeichnen war schon immer der Beginn groß angelegter Säuberungen.

ghandiforever bringt es auf den Punkt:

58 000 irre, denen der Mann aus Uganda den Teufel austreiben will.

Die gehören doch wohl alle hinter Gitter, oder? Zumindestens in die Psychiatrie. Immerhin machen sie dem Deutschen Angst, zum Beispiel Nr. 42:

Bei solchen Veranstaltungen in Europa kriegt man echt Angst! Was zur Hölle treibt Menschen im 21sten Jahrhundert in die Händer solcher Scharlatane? Der Kerl stopft sich bestimmt dick fett die Taschen, weil es genug Spinner gibt, die ihm seine Märchen glauben und auch noch bezahlen.

Ja, da kriegt man auch Angst, wenn man sieht, wie „aufgeklärte“ Spiegelleser den Gebrauch von drei der vier freiheitlichen Grundrechte anprangern und lediglich betrügerische Geschäftemacherei in einer Aufführung erkennen können, die sich graduell kaum von einem „Ich-hasse-alles-und-jeden-vor-allem-meine-Mama“-Konzert der örtlichen Heavy-Metall-Abteilung unterscheidet.

Anderen macht nicht der Prediger Angst, sondern seine Fans, siehe Mischamai:

Nicht die Prediger machen mir Angst,sondern tausende von hirnlosen Menschen die sich von solchen Scharlatanen das Geld aus der Tasche ziehen lassen uns später auf die Menschheit losgelassen werden mit Botschaften welche nicht einmal für den Mülleimer nutzen.

Wir müssen uns schützen vor den  Hirnlosen! Sicher ist den aufgeklärten Mitmenschen bewusst, dass hirnlose Menschen als tot gelten – da wird gleich die berechtigte Massenexekution vorbereitet, ohne dass man strafrechtlich dafür belangt werden kann: Tote kann man nicht ermorden. Ohne Hirn wäre ihre Hinrichtung höchstens Leichenschändung.

Natürlich fehlt auch nicht die Forderung nach politischer Entmündigung der „Kranken“, hierfür sorgt der Stäffelesrutscher:

Und dürfen die alle bei Wahlen teilnehmen? Erbarmung!

Ich habe mir die Kommentar durchgelesen. Was mir Angst machte?

Kaum einer sah sich genötigt, die offene Ablehnung der Spiegelleser gegen elementare Grundwerte einer Demokratie anzuprangern. Man fragt sich sogar: warum gab es den Artikel überhaupt? Völlig irre Dinge gehören zu einer Demokratie dazu, Millionen von Deutschen nehmen begeistert daran teil, ohne dass der Spiegel daran Anstoß nimmt, siehe Leser mundi:

Wenn 22 Männer um ein Lederball kämpfen und ein Guru, speziell gekleidet, die Kampfmittel beurteilt, schauen in manchen Ländern sogar 100.000 Menschen zu. Hinzu kommt noch die Radio- und Fernsehübertragung.

Das erwachsene Menschen völlig außer sich geraten, sich, ihr Haus und ihr Auto mit Devotionalien „ihres“ Vereins schmücken, sich gegenseitig tierisch aufs Maul hauen und bei dem Verlust des Spiels schlimmer aus dem Häuschen sind als nach Veröffentlichung der Vergewaltigungsquoten in Deutschland (die eigentlich nur Frauen betrifft und deshalb weitflächig ingnoriert wird – „böse“ Tiere sind halt so), wird kommentarlos hingenommen … oder sogar durch regelmäßige Berichterstattung unterstützt.

Das andere Erwachsene Menschen sich bei seelischen Nöten Beistand vom alten Dorfschamanen holen, weil die moderne Medizin ihr Leiden zwar in andere Worte fassen aber auch nicht heilen kann, ist jedoch einen kleinen Kreuzzug wert?

Freie Religionsaussübung ist wie freie Presse, die Freiheit der Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit und absoluter, unantastbarer Grundwert menschlicher Freiheit.

Wenn sich hundert Anhänger des GROßEN KÜRBIS in Bielefeld am Kürbisfeld sammeln, um ihrem Erlöser zu huldigen, so hat keinerlei Kritik statt zu finden – darum machen wir „Demokratie“. Es ist noch nicht mal statthaft, diesen Menschen die Existenzgrundlage zu entziehen, in dem man unbewiesenermaßen behauptet, es gäbe so etwas wie einen GROßEN KÜRBIS nicht!

DIE DÜRFEN GLAUBEN WAS SIE WOLLEN!

Streng wissenschaftlich gesehen ist die Aussage „es gibt keinen Gott“ Humbug – dass weiß jeder, der sich mit den Dimensionen von Wahrheits- und Erkenntnistheorien beschäftigt hat oder einfache Aussagelogik versteht, streng nach Ockham würde die Einführung eines „Gottes“ sogar notwendig sein, um Aussagekomplexe über Wahrheit zu verkürzen – doch so weit wollen wir gar nicht gehen.

Hier geht es um Politik und nicht um Wissenschaft. Es geht um das Auftreten neuer Formen des Faschismus, diesmal ausgehend von sich pseudoaufklärerisch gebärdenden Elementen, die durch herkömmliche Faschismustheorien nicht beschreibbar sind, sich aber ganz einfach herleiten lassen:

die vier Säulen der Freiheit, die Grundsätze der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte, sind direkt aus der Auseinandersetzung mit dem Faschismus entstanden und als sein Gegenpol verstanden worden.

Insofern kann man gerechterweise jede Bewegung faschistisch nennen, die es sich zur Aufgabe macht, diese Rechte für alle oder für Teile der Gesellschaft zu negieren – und die Ausübung der Religionsfreiheit (so drollig deren Ausübung auch im Einzelnen aussehen mag) ist ein gottverdammtes Grundrecht all´ unsere Nachbarn.

Und wem das nicht passt, der sollte sich gleich schon mal eine Hakenkreuzarmbinde kaufen – da wäre er dann in guter Gesellschaft.

Was ist das nächste Thema, das angepackt wird, wenn man mit der Religionsfreiheit fertig ist?

Wirtschaftstheorien müssen dann genauso widerspruchslos geschluckt werden wie Parteiprogramme, Sozialpolitik oder die Wiedereinführung der Sklaverei.

Die Begründung wird immer die gleiche sein – wir haben uns daran gewöhnt: alles andere als das was die Obrigkeit als Wahrheit definiert ist mittelalterlich, geistig krank, beängstigend und gehört ausgemerzt.

Darum findet der Kampf um unsere Freiheit unter anderem an den Grenzen des katholischen Glaubens statt – ob es uns passt oder nicht. Das ist auch völlig unabhängig von den unzähligen Verfehlungen der Kirche. Der oben zitierte Albino Luciani könnte ein Lied davon singen: als 33-Tage-Papst mit ungeklärter Todesursache wurde er eine kleine Berühmtheit, die Gerüchte über seine Ermordung kommen nicht zum Verstummen (siehe z.B. Spiegel): er wollte den Saustall halt aufräumen, wie es sein aktueller Nachfolger versucht.

Aber genauso wie wir selbst die Rechte von Mördern schützen müssen, um unsere eigenen zu sichern, müssen wir die Kirchen und Religionen vor ihren Verfolgern retten: es ist und bleibt eine der höchsten Werte der Menschheit, sich ungestraft jeglicher gedanklichen Spinnerei hingeben zu dürfen, die einem gerade in den Kram passt.

Zu den erlaubten Spinnereien – das sei der Vollständigkeit halber gesagt – gehört auch der Atheismus. Auch er gehört zu den schützenswerten Nischenreligionen, deren Existenz Beweis für die Lebendigkeit der Demokratie ist – solange er nicht die Auslöschung der Andersdenkenden oder die Auslöschung ihres Denkens fordert. Nationalsozialismus ist deshalb – trotz unserer freiheitlichen Kultur – in Deutschland zurecht verboten.

PS: die Schreibfehler in den Zitaten sind nicht vom Autor. Mir gehören nur die anderen.

 

 

 



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