Leben

Der Tod und seine Rolle in der modernen Politik – Überlegungen zu einem Buhmann

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Sonntag, 3.6.2012. Eifel. Ein Blick nach Spiegel-online offenbart momentan ein Plädoyer gegen die Sterblichkeit. Das mutet seltsam an in einem politischen Magazin, das gerade wieder von sich behauptet, gefürchtet zu werden: „meist gelesen, meist zitiert, meist gefürchtet“ – behaupten die von sich selbst. Ob nicht die Bildzeitung häufiger zitiert wird? Immerhin steht sie im internationalen Vergleich auf Platz 4 und kann den Titel „meistgelesene nichtjapanische Zeitung der Welt“ für sich beanspruchen. Gut, der Spiegel ist vielleicht eher das Leitmedium der deutschen Oberschicht – jener Menschen, die Geld genug haben, so ein Hochglanzmagazin zu bezahlen – und Zeit genug, es zu lesen. Worauf man sich verlassen dann verlassen kann: die Verachtung der Sterblichkeit wird dort immer ein wohlwollendes Publikum finden. Immerhin … lesen dort die Reichen. Die Armen lesen gar nicht mehr – zu teuer, zu frustrierend …. und die permanente Armenhetze und Erwerbslosenjagd will man sich wirklich nicht antun.  Und hieran merkt man schnell: der Tod hat eine politische Dimension.

„Für den Reichen ist der Tod das Ende seines Reichtums – für den Armen ist er das Ende seiner Armut“ – ist ein Spruch, den ich sinngemäß dem Film „Spartakus“ entnommen habe. Er zeigt, das es auch eine andere Sicht des Todes gibt: der Tod als der Befreier. Sicherer als die Kommunistische Partei befreit er Menschen aus unmenschlichen Zuständen – die Zahl derer, die ihn für eine gelungene Einrichtung halten, dürfte bei den Sklaven dieser Welt recht hoch sein … lediglich das eine Prozent, das den Reichtum der Welt für sich allein beansprucht, dürfte mit dieser Sicht des Lebens nichts anfangen können – immerhin kann man tun was man will, jede noch so kleine Neigung bis ins Detail verwirklichen und auskosten, jede Phantasie Wirklichkeit werden lassen und mit vielen Intrigen ungestraft gegen jede demokratische Überzeugungen die politische Wirklichkeit und den gesellschaftlichen Alltag des Pöbels bestimmen.

Man kann sich wie ein Gott fühlen und wird von den Medien noch dafür gefeiert – wer wollte da schon ein Ende akzeptieren?

„Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern das man nie beginnnen wird zu leben“ – so schreibt Marc Aurel. Auch so eine antike Wahrheit, über die heute nicht mehr gesprochen wird. Würde sich die moderne Konsumameise mit dem Begriff „leben“ auseinandersetzen, würde sie Panik kriegen. Ihr geist- und sinnloses Leben plätschert dahin, eingepfercht in Zwänge, die die Menschheit nie zuvor erleben musste. Die Mehrheit der Menschen wird morgens von Maschinen geweckt, von Maschinen mit Kaffee versorgt, von Maschinen zur Arbeit gefahren, wo sie Maschinen bedienen und wie Maschinen funktionieren müssen.

Mit „Leben“ hat das wenig zu tun … aber wer so lebt, fürchtet den Tod zurecht.

Er wird betrogen um die eigentlichen Früchte seines Lebens und – je nach religiöser Perspektive – sogar um die Existenz seiner Seele in der Ewigkeit. Ein hoher Preis für ein Leben, das nur noch eins im Sinn hat: den neuen Göttern zu gehorchen, jenen Göttern, die den gütigen Gott der Liebe entthront haben und an seiner Statt eine Diktatur errichteten, die die kleinsten Kleinigkeiten unseres Alltages regelt: die Diktatur der „Märkte“, die bestimmen, wie wir uns kleiden, wie wir uns schminken, wie wir riechen, was wir essen, wie wir uns bewegen, wie wir zu denken und zu wohnen haben, wohin und wie oft wir in den Urlaub fliegen, wie wir Sex haben, unsere Freizeit gestalten müssen und – „fit für den Job“ als Lebenssinn setzen.

Wir geben uns ja gerne materialistisch und atheistisch – aber die Angst vor dem Zorn der Märkte diszipliniert die Gesellschaft stärker als jemals eine Gesellschaft durch den (eingebildeten) Zorn ihrer Götter diszipliniert wurde.

Selbstmorde als Flucht vor dem Zorn der neuen Götter scheinen jedoch aus der Mode gekommen zu sein, obwohl sie  die sicherste Methode darstellen, der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Statistisch gesehen schrumpft diese Maßnahme. 1980 waren es noch 18 451 Menschen, die den Freitod gewählt haben, 2006 sind es „nur“ noch 9756 (Quelle: Statista), allerdings steigt die Zahl seit 20o7 wieder an: 2010 sind es schon wieder 10021.

Der Grund für diese Entwicklung?

Eine beispiellose Kampagne (sehr oft getragen durch den „Spiegel“), die den Tod als Feind der Menschheit betrachtet … dabei würden ohne ihn aktuell 60 Milliarden Menschen die Erde bevölkern (siehe „Doomsday-Argument“). Sollte sich mal jeder gründlich in seiner Wohnung umschauen und überlegen, wie gemütlich das Leben wirklich wäre, wenn man noch neun weiter Leute in sein Zimmer aufnehmen müsste.

Wie ich auf die Arbeitslosigkeit als Suizidgrund komme? Nun – auf eine Frau, die ihrem Leben selbst ein Ende setzt, kommen drei Männer. Frauen reden oft darüber, Männer tun es einfach. Frauen kriegen auch schneller einen neuen Mann als Männer eine neue Arbeit – sie haben da Alternativen zum Arbeitsmarkt, die Männern noch weitgehend verschlossen sind.

Oder schauen wir doch einfach mal nach Griechenland, einem Paradebeispiel, wie die „Märkte“ sich Gesellschaft wünschen – und formen: Familien können ihre Kinder nicht mehr ernähren (siehe: Taz), Stromkonzerne können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen (siehe: Mittelstandsnachrichten), Einkommen sinken um 30 % (während die überlebenden Unternehmen dank Troika ihre Gewinne um 30% steigern können, siehe „Blick„) – und schon verdreifachen sich die Selbstmordraten in einem Land, das zuvor eher unterdurchschnittlich zum freiwilligen Rückzug von der Lebensfront neigte (siehe FR).

Die Griechen kriegen jetzt deutsche Verhältnisse – was das angeht.

Aus wirtschaftlicher und politischer Sicht eine unglaubliche Katastrophe. Wo kämen wir hin, wenn jeder Arme, der in diesem Land keine Zukunft mehr hat, sich das Leben nehmen würde? Wer sollte die ganzen renditefreundlichen Minijobs machen, wer als verhartzes Hassobjekt als Angstbild für Jobbesitzer herhalten, an wem sollte man noch die ganzen unnützen Operationen zugunsten der eigenen Profitgier durchführen, wo wären dann die 240 000 Demenzkranken, die aktuell durch Chemie ruhiggestellt werden und bei lebendigem Leibe zugunsten der Pflegeheimrendite verrotten, wenn die alle einfach selbst aus einem Leben scheiden, das mit Leben nicht mehr viel zu tun hat?

Was wäre, wenn die alle gingen, weil ihnen das Programm nicht mehr gefällt?

Dagegen muss man angehen – als reicher Mensch, und zwar genauso, wie die Kirche es früher praktiziert hat. Früher drohte die Hölle, heute droht „das Nichts“, ein „Nichts“, das finster, dunkel und kalt ist – jedenfalls für Menschen, die gewohnt sind, wohlgepudert im Lichte der Öffentlichkeit ihren Reichtum feiern zu können. Das dieses „Nichts“ im Buddhismus geradezu das Ziel des Lebens sein kann (und in den Übungen des Zen-Buddhismus schon im Leben erfahrbare Wirklichkeit ist), wird hier im Westen gerne verdrängt. Dieses „Nichts“ meinen wir nicht – es ist nicht böse, finster und angsteinflößend genug, unser Nichts ist jenes, das reiche und berühmte Spiegelautoren ängstigt, es ist eine Art „Hartz IV“ in Potenz.

Das Hartz-Abhängige so gesehen den Tod (bzw. das absolute Nichts) schon im Leben zelebrieren, in dem sie tagtäglich selbst ihr Leben beschneiden (ver… …nichten) müssen, um dem Sterben knapp zu entkommen, ist das Spiegelbild dieser Kultur – und offenbart die düstere, tödliche Wirklichkeit hinter der so harmlos klingenden „Agenda 2010“.

Aber so funktioniert das System. Das der Tod das absolute böse, ungerechte, gemeine und schlimmste Übel ist, das Menschen wiederfahren kann, wird in den westlichen Medien in breiter Front gepredigt und von der Leistungselite als Leitreligion bis ins Detail mitgetragen.  Jener Religion des „bösen Nichts“ folgen auch Ärzte in breiter Front – gerade dort zeigt sich, wie irrational der Kult ist … und wie groß seine Macht über unsere Gesellschaft.

„Blick ins Jenseits“ heißt eine Dokumentation bei Spiegel-TV (hier auf You-Tube), auf der Professor Walter van Laak über die Schwierigkeiten berichtet, seriöse Artikel über Nahtodesforschung in wissenschaftlichen Magazinen unterzubringen – und wie seine ärztlichen Kollegen dann hinter vorgehaltener Hand über eigene Erfahrungen in diesem Forschungsfeld berichten, die sie offiziell nie zugeben würden.

Selten zeigt sich die Macht der neuen Religion des absoluten Nichts so deutlich wie in dieser Selbstkasteiung der ärztlichen Zunft.

„Noch nie hat sich ein Selbstmörder bei uns bedankt, wenn wir ihn ins Leben zurückgeholt haben“ – erzählte mir dereinst ein Krankenpfleger, der auf der Intensivstation einige Dutzend dieser Fälle erleben durfte, ähnlich Verwirrendes berichtete ein führender deutscher Ausbilder für Intensivmediziner. Viele Ärzte stehen mit diesem Phänomen alleine da – dürfen aber nicht darüber reden, weil die modernen Inquisitoren der Märkte sofort zur Stelle sind und die wirtschaftliche und wissenschaftliche Basis zerstören.

Wer in diese Sphären vordringt, merkt, das wir wieder im Mittelalter angekommen sind.

Es sind aber nicht die drohenden Massenselbstmorde, die gefürchtet werden, nicht die Massenabwanderung von Sklaven ins Jenseits, die die Kultur des absoluten Nichts verhindern will.

Was sie verhindern will, sind moderne Versionen des Spartakus, sind Menschen, die sich – ohne auf ihr eigenes Leben zu achten – für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einsetzen … und diese Werte unter allen Umständen durchsetzen.

Man stelle sich einfach mal vor, wie unsere Gesellschaft aussehen würde, wenn wir eine andere jenseitige Wahrheit akzeptieren würden, eine Wahrheit die (Selbstmörder müssen wir hier augenscheinlich mal ausnehmen – ihre Erfahrungen scheinen oft von düsterer Natur zu sein) von der überwiegenden Mehrheit der Nahtoderfahrenen geschildert wird: das wir im Jenseits liebevoll aufgenommen werden und – wie in den „Ewigen Jagdgründen“ der Indianer – eine paradiesische Existenz erfahren dürfen.

Die Zahl derjenigen, die die Schmach und Entwürdigung des Alltags klaglos erdulden, würde sich deutlich reduzieren, die Anzahl der „Empörten“ würde sich jedoch deutlich erhöhen, der Widerstand würde enorm wachsen, weil die Widerständler ihre Kraft aus einer Zukunft ziehen können, die ihnen kein „Markt“ mehr nehmen kann. Das wäre für das eine Prozent, das uns augenblicklich nach Strich und Faden ausnimmt, eine Katastrophe – schlimmer noch als Selbstmordwellen.

Darum ist es für das System lebensnotwendig, den Tod als das Böse schlechthin darzustellen – gegen jede Wissenschaft, gegen jede menschliche Erfahrung, gegen jede Vernunft. So wird das Leben für uns Legehühner zu einem Käfig, aus dem es kein Entrinnen gibt, ein Käfig, der uns antreibt, an jedem noch so erbärmlichen Zustand mit aller Gewalt festzuhalten … anstatt unser Leben dafür zu riskieren, den unhaltbaren Zuständen ein Ende zu bereiten und dem Käfig zu entkommen.

Warum auch gegen jede Vernunft?

Nun – der Mensch an sich fürchtet den Tod nicht … nicht wirklich. Es gäbe in Wirklichkeit niemanden, der jemals sein Leben riskieren würde, wäre da nicht das instinktive Wissen, das der Tod nicht jenes Ende darstellt, welches die modernen Medien tagtäglich predigen. Wir hätten keine Autofahrer, keine Astronauten, keine Soldaten, keine Piloten, ja – überhaupt keine risikofreudigen Menschen mehr, wenn die mediale Wahrheit vom bösen Tod wirklich auch unsere Instinkte überzeugen würde.

Das tut sich aber nicht.

Natürlich ist „sterben“ nicht angenehm. Die Zellen unseres Körpers werden das Gehirn mit Botenstoffen überschütten, die geeignet sind, große Panik zu verursachen. Das ist ihr Job. Jeder Mensch mit posttraumatischem Stresssyndrom weiß davon ein Lied zu singen – und er weiß auch, das die Existenz der Botenstoffe nicht unbedingt die Existenz einer realen Gefahr bedeutet. So sind die Zellen halt – sie warnen uns achtzig Jahre lang vor Gefahren, die dem materiellen Körper drohen und diese Warnungen sind in der Regel immer sehr massiv. Im Sterben warnen sie erst recht – denn für sie ist das wirklich das Ende.

Wir Menschen sind aber nicht „die Zelle“. Ich bin nun 52 Jahre alt und habe damit schon sieben Generationen von Zellen überstanden, während mein Geist eigentlich seit der Kindheit derselbe geblieben ist. Ich gehe deshalb einfach mal davon aus, das mein Geist auch jenen Moment übersteht, wenn die Zellen sich entschließen, sich nicht mehr zu erneuern. Das wird nicht schön, aber Zahnschmerzen sind es auch nicht. Wer würde aber schon auf sein Leben verzichten wollen, nur weil es manchmal mit Schmerz verbunden ist?

Nun – vielleicht jene Demenzkranken, die als lebende Chemieleichen in den Altenheimen herumliegen, damit die Leitung den höchsten Pflegesatz abrechnen kann – oder jene Griechen, die die gnadenlose Übermacht der „Märkte“ über Demokratie, Politik, Staat und ihrem eigenen Leben am eigenen Leibe erfahren müssen … durch bewußte Vernichtung ihrer bürgerlichen Existenz, was auch eine Form des langsamen, qualvollen Sterbens ist.

Aber das Sterben ist nicht der Tod.

Und hier wird es ziemlich paradox … denn nur, weil wir den Tod als böses, gemeines, hinterhältiges Ungeheuer fürchten, verlängern wir mit aller Gewalt den unangenehmen Prozess des Sterbens so gut es nur geht – und werden so erst recht zu Hamstern, die wie die Irren in ihren Käfigen rennen.

Damit wir aber weiter rennen, hat die Politik (genauer gesagt: die Planungsabteilung der Konzernwirtschaft) dem Tod eine besondere, neue Rolle zugedacht: als böser Buhmann, der den kleinen Mann durchs Leben jagt.

Dabei lenkt dieses Angstbild wunderschön von jenen ab, die den kleinen Mann wirklich jagen, jenen kleinen Mann, für den der Tod ein wertvoller Verbündeter ist, weil er ihn endgültig den Klauen der neuen Götter entreißen kann und ihm dadurch genug Kraft geben könnte, sich mit aller Kraft genau gegen jene Götter zu stellen … die eigentlich nur machtlose Götzen sind.

Und so … sorgt man nebenbei dafür, das niemals wieder ein bewaffneter Mob vor den Toren der Mächtigen stehen wird.

Könnte ja tödlich enden.

Wo kämen wir hin, wenn der kleine Mann merkt, das dies gerade für ihn ein Gewinn sein könnte?

Wir kämen direkt zu einem bewaffnetem Mob vor den Toren der Mächtigen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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