Politik

Benzinpreiswucher, das Auto, die Ohnmacht der Politik und die Heuchelei der grünen Radfahrer

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3.April 2012. Eifel. Mögen Sie eigentlich Autos? Ja, wirklich? Haben Sie sich das auch wirklich genau überlegt? Denken Sie nochmal genau nach – ich möchte Ihnen etwas Hilfe dazu geben:

Das mausgrauen Jetzt=Zeit benimmt benimmt viel entschiedener mittelalterlich sich als jedes andere Mittelalter zuvor. In fünfhundert Jahren gesamteuropäischen Mittelalters wurden 200 000 Hexen ermordet. Hingegen fordert der Gott der europäischen Autobahnen dieselben Opferzahlen nicht innerhalb eines Jahrzehntes sondern – in bloß fünf Monaten! So blutdürstig war zu keiner Zeit jemals ein Mittelalter, auch nicht in seinen schwärzesten Nischen! (Aus: Dagegen, Eibornverlag 2003, Seite 134)

Dieses Zitat von Ulrich Holbein mutet uns fast biblisch an: an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen! J.R.R. Tolkien, der Autor des Herrn der Ringe, war ein leidenschaftlicher Autofahrer, der sonntägliche Ausflug ins Grüne mit der Familie war ein geliebtes Ritual – bis er erkannte, wie das Auto die Landschaft fraß. Mehr und mehr seiner geliebten englischen Landschaft wurde zerstört, immer weiter musste man fahren, bis man noch heile Gegenden fand, die alsbald auch wieder „angebunden“ wurden. Bald brauchten wir Flugzeuge, um im Urlaub noch unzerstörte Landschaften erleben zu können. Als Tolkien das erkannte, schaffte er sein Auto ab – für immer und ewig. Der Erhalt seiner natürlichen biologischen Umwelt war ihm lieber, in einem seiner Briefe aus den fünfziger Jahren verband er das Automobil mit seinem Mythos vom Ring der Macht: Automobilfabriken seien Produkte von Orks, die den Ring gefunden haben.

Ich fand diesen Lebensstil sehr konsequent und hätte ihn auch gerne kopiert, da mir die Horrorzahlen über Verkehrstote ebenfalls sehr imponiert hatten. Das Automobil hat uns die zerfetzen Leichen der Kriege in den Alltag hineingelegt, seine tödlichen Folgen rauben uns die Seelenruhe bei jeder Fahrt – aber wir haben uns daran gewöhnt. So sehr, das wir uns vollkommen abhängig von ihm gemacht und die ganze Gesellschaft nach seinen Bedürfnissen anstatt nach unseren Bedürfnissen konstruiert haben.

12 Kilometer Hügellandschaft müsste ich zu Fuß zum nächsten Geschäft überwinden, öffentlichen Nahverkehr gibt es bei uns nur noch dreimal am Tag – im Sommer fährt auch eine Postkutsche – aber nur ins Nachbardorf … dort gibt es auch schon seit Jahren keine Nahversorger mehr. Wäre ich nicht gesundheitlich angeschlagen, so würde ich allerdings in der Tat überlegen, auf das Auto zu verzichten – es wäre mir sehr lieb, nicht mehr Teil einer bürgermordenden Maschinerie zu sein. Wie blöd würden wir aus der Wäsche schauen, wenn wir sehen würden, das zukünftige Historiker unser Mordmobilkultur in einem Zug mit Hexenverbrennungen und Ausschwitz nennen.  Wieder einmal würden wir sagen: wir haben von nichts gewusst.

Das Automobil wirkt wie eine Erfindung des Teufels: es verlockt mit dem Versprechen einer immensen Reisefreiheit, die sogar ferne Städte wie Köln, Aachen, Koblenz oder das schon fast schon legendär entfernte  Brüssel in Tagesfrist erreichen lassen kann, während es hintenherum – sozusagen im Kleingedruckten – menschlichen Lebensraum in nie dagewesenen Umfang zerstört, menschliche Lebenssicherheit im Alltag schlimmer gefährdet als es einst Wölfe und Bären getan haben (die wenigstens ausserhalb der Stadtmauern blieben und das Feuer mieden) und uns aktuell finanziell schlimmer ausbluten lässt, als es einst die Kultur der Wegelagerei getan hat.

Man fragt sich, wo bleibt da der Fortschritt?

Man darf darüber gar nicht nachdenken – und es ist auch zu spät dafür. Wir sind – als Gesellschaft – zu 100 % abhängig vom Automobil geworden. Sicher, es gibt in den Städten ein paar fahrradfahrende Gutmenschen, die es auch gut meinen aber übersehen, das die Städte ohne die Versorgungskette von schweren Lastkraftwagen in wenigen Tagen zugrunde gehen würden – und auf dem Land findet man das Fahrrad als Alltagsvehikel nur selten: soviel Zeit hat hier keiner, das Transportvolumen eines Fahrrades entspricht nicht gerade den Versorgungsansprüchen einer Familie, sei sie auch noch so klein.

Wie teuer uns das Automobil kommt, merken wir gerade jetzt: Diesel wurde innerhalb von 20 Jahren um 175% teurer, die 2 Euro-Grenze für den Liter Sprit wird aktuell fest ins Auge gefasst. Das seltsame ist: gerade zu Ostern steigen die Spritpreise wieder auf neue Rekorde, obwohl die Rohölpreise sinken. Die Politik zeigt sich dagegen völlig machtlos – und das schon seit Jahrzehnten. Das müsste eigentlich den obersten Revolutionsrat auf den Plan rufen, ebenso jeden aufrichtigen Verfassungsschützer: wo die Politik machtlos geworden ist, ist der Staat als solcher in Gefahr und die Demokratie keinen Pfifferling mehr wert. Hier spielen schon längst andere zum Tanz auf – und ausser wertlosem Geschrei der zappelnden politischen Kaste erlebt man keine reale Gegenwehr.

Wie auch – fast jeder ist auf das trojanische Pferd „Auto“ hereingefallen, das nun, wo alles Überleben davon abhängt, das wir mit Wonne tagtäglich die letzten Ressourcen der Erde verbrauchen und gerne tausenden von Menschen jährlich von den Maschinen zerfetzen lassen, um morgen noch Brot, Obst und Käse im Supermarkt kaufen zu können.

Dabei wissen wir Bescheid, in welch´ prekärer Situation wir uns befinden: es sind nur fünf Konzerne, die nach fünfzig Jahren Marktwirtschaft das fressen und gefressen werden überlebt haben – wie stünde Deutschland da, wenn die aus Gründen zu niedriger Rendite nicht mehr liefern würden?

Darum zahlen wir. Mit Blut, Geld, unserer Gesundheit, unserem Land und unserem Leben. Finsterstes Mittelalter … nur spricht niemand gerne darüber. Man kann ja auch am Wochenende irgendwo hinfahren, auf der ständigen Flucht vor dem eigenen Alltag, der immer unerträglicher wird. Unerträglich allein die Vorstellung, man müsste dort wirklich leben, wo man wohnt – für immer und ewig.  Da werden auch die Fahrradfahrer nachdenklich, die ihrem Hobby nur frönen können, weil sie von vielen Autos versorgt werden.  Pferdefuhrwerke wären da sinnvoller – aber wer denkt schon so weit, wenn er nur bis zum nächsten Supermarkt radeln muss, um sich umfangreich versorgen zu können.

Man denkt auch nicht mehr an die größeren Zusammenhänge, verdrängt auch gerne, was den Sprit so teuer werden lässt – und dabei rede ich noch nicht mal darüber, das die Konzerne jetzt gerade jenes Öl aus den Tanks verkaufen, das sie erst letztlich sehr billig eingekauft haben: Gewinne aus den großen Geschäften werden niemals weitergegeben, das gehört zum Geschäft. Natürlich greift der Staat auch erstmal ordentlich ab: bei einem Spritpreis von 1,70 Euro greift er sich 78 Cent ab. Die braucht er, um die Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst bezahlen zu können, die aktuell zu neuen Kreditaufnahmen und weiterem Stellenabbau im öffentlichen Dienst führen werden. Das die Politik jetzt wieder mit Erhöhung der Pendlerpauschale kommt, ist schlichtweg nur noch  peinlich: letztlich fördert diese „Landschaftszersiedelungsprämie“ nur den Autoverkehr.

Der Hintergrund der Politik ist ein anderer: man erkennt die prekäre Situation der ganzen Gesellschaft und will die paar um sich scharen, die noch einen ordentlichen bezahlten sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjob haben.  Die kriegen dann auch 6,3% Lohnerhöhung – falls sie es schaffen, ihren Job zu behalten. Auf die gleiche Klientel stützen sich auch die Gewerkschaften, die immer mehr Geld für immer weniger Menschen fordern.  Für die Sieger dieses Geschäftes gibt es dann gleich auch eine ganz besondere Belohung: sie dürfen in Zukunft für 210 000 Euro in einem fliegenden Auto über das prekäre Volk hinwegfliegen. Bei den Kosten ist der Name vorprogrammiert: das „Boni-Mobil“ wird das Automobil für finanziell gierigere Schichten.

Natürlich wird der Sprit bald zwei Euro kosten – und die drei Euro sind dann auch nicht mehr weit. Je schwächer der Euro wird, umso teurer wird der Sprit … aber den Zusammenhang erwähnt die Politik nur noch selten und auch die Medien tun sich schwer damit – man schaue sich nur das Kasperletheater um Günter Jauch an, der reich und berühmt damit geworden ist,  ernste Themen zu veralbern.

Zudem treibt auch die Wallstreet ein übles Spiel mit uns, siehe Welt, die eine weitere Folge der staatlichen Finanzspritzen für die Geldmärkte erläutert:

Es sind also Unsummen, die hier gedruckt werden. Und dieses Geld fließt nach und nach an die Finanzmärkte. Banken und Hedgefonds spekulieren damit, sie setzen auf Aktien und Anleihen, deren Kurse in den vergangenen Monaten rasant gestiegen sind.

Aber sie wetten eben auch auf steigende Rohstoffpreise. Und daher steigen auch diese – obwohl der weltweite Rohölverbrauch im vierten Quartal 2011 sogar um 300.000 Barrel (je 159 Liter) pro Tag zurückgegangen ist. Von wegen steigender Verbrauch der Schwellenländer!

Analysten der Investmentbank Bank of America / Merrill Lynch haben ausgerechnet, dass alleine die Maßnahmen der US-Notenbank den Ölpreis um fast ein Viertel nach oben getrieben haben. Das hat dazu geführt, dass in Euro gerechnet der Rohölpreis heute nahe seinem Allzeithoch liegt – selbst in der Zeit der Rohstoffblase Mitte 2008 lag er nur knapp darüber.

Das wirkt nun ebenso teuflisch wie das Automobil selbst: wir alle zahlen an den Tankstellen tagtäglich für die Überversorgung der Märkte mit Geld – jenem Geld, das gleichzeitig die Spritpreise hochtreibt, weil es unsere Währung schwach macht.

Je höher des ESM, je großzügiger die EZB – umso teurer wird das Benzin durch immer schwächeren Euro und umso mehr Geld haben die Wegelagerer in den Investmentbanken, um den Preis noch mehr in die Höhe zu treiben.

Diese Bereicherungsmaschine aufzuhalten, wäre sehr töricht – jedenfalls für jene, die bald die Chance haben, mit ihrem Luxusauto über unsere Köpfe hinwegfliegen zu können.

Das scheint mir auch der wichtigste Grund gegen die aktuelle Theorie des CO2-verursachten Klimawandels zu sein: wäre das wirklich ernst zu nehmen, würde man doch gerade jetzt die Gelegenheit ergreifen, Deutschland in ein ultramodernes Land mit dem besten öffentlichen Nah- und Fernverkehr der Welt auszubauen, anstatt die Kultur der Mordmobile weiter zu fördern.

Was würde da für eine kulturelle Revolution auf uns warten …

Stattdessen drucken wir immer mehr Geld, von dem immer mehr Menschen immer weniger haben und fördern ein Vehikel, das neben seiner Eigenschaft als Mordmobil und Umweltzerstörer vor allem eins ist:

ein großer Haufen nicht mehr wiederverwertbarer Müll, der uns nur nicht ins Auge fällt, weil wir ihn in Afrika abladen.

 

 



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