Politik

Saarlandwahl: Sieger? Piratenpartei! Verlierer? Die Demokratie, das Volk und die Musik.

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Dienstag, 27.3.2012. Eifel. Stromausfall. Nein – keine Sorge, nicht flächendeckend. Manchmal muss man den Preis dafür zahlen, im ältesten Haus im Tal zu wohnen … mit Leitungen, die ein gewisses Alter aufweisen. Gestern war der Enkel des Elektrikers hier, der die Leitungen im modernen Anbau verlegt hat. Er kommt heute wieder – mit Verstärkung. Gestern musste er vor langjährig gewachsenem Leitungswesen kapitulieren. Nun – aus einigen wenigen Steckdosen kommt überraschend noch etwas Strom, weshalb ich heute meine Tätigkeit wieder fortsetzen kann, ein bischen Philosophie aus der Eifel zu präsentieren – ganz aktuell trifft nämlich mein Stromausfall den Kern der Zeit. Wir erleben gerade eine unglaubliche kulturelle Revolution … und den Niedergang der Grundgedanken der bundesdeutschen Demokratie.

Die kulturelle Revolution erlaubt mir – wie vielen tausend anderen auch – Ideen und Gedanken einer breiten Öffentlichkeit tagesaktuell zu präsentieren, was sonst nur Zeitungen möglich war. Das ist ein kultureller Sprung, der mit dem der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen ist. Seltsam, das nur wenige diese Dimension beschreiben – wahrscheinlich ist sie ihnen zu unheimlich. Auch der Buchdruck hatte seine Feinde bei den Mächtigen der damaligen Zeit: wo käme man den hin, wenn jeder die Bibel lesen könnte (damals die höchste Autorität, von der man alles Herrschaftswissen ableitet).  Heute warnen die Mächtigen vor dem Internet – und den Möglichkeiten, die es erlaubt. Auch etablierte „Journalisten“ erschrecken darüber, das man in kurzer Zeit komplette Artikel ins Netz stellen kann, die mit wenigen Mausklicks viel zusammenfassen und neu bewerten können – ohne, das man einen Chefredakteur konsultiert, den Herausgeber fragt und sich Rückendeckung bei den jeweiligen Parteisprechern holt.

Ich sehe meinem Sohn gerne beim spielen zu – er spielt „Monster Hunter“ im Internet … mit Briten, Franzosen, Spaniern, Italienern und Portugiesen geht er gemeinsam auf die Jagd – gemeinsam und kooperativ. Ich denke, so funktioniert Völkerverständigung auf breiter Basis, besser kann man kaum für Frieden sorgen, als das die Kinder der Nationen miteinander spielen – es erscheint mir ausserdem sinnvoller als der aufgezwungene Partnerstadttourismus, bei dem die führenden Gemeindepolitiker Steuereinnahmen für Juxreisen verpulvern. Natürlich – ohne Strom funktioniert diese Revolution nicht so gut … bzw. gar nicht, wie ich aktuell erleben durfte.

Was wäre es für ein großer politischer und kultureller Schritt, wenn sich das Land der Dichter und Denker gezielt auf diese Revolution einlassen würde – wir könnten die erste vernetzte Demokratie werden, in der das Volk in der Tat das Sagen hat, tagtäglich.

Aber mal ehrlich: wer will das schon?

Ganz sicher nicht die „Systempresse“, jenes Konglomerat von Medienmenschen, die sich bequem in jahrzehntelang gewachsenen Strukturen eingerichtet haben – Strukturen, die ungefähr so effektiv sind wie meine Stromleitungen. Wie jene Strukturen im Hintergrund vernetzt sind, erfahren wir nur selten – wie aktuell im Falle Strauß-Kahns, der an von Unternehmern bezahlten Sex-Partys teilgenommen haben soll – genauso wie ein Polizeichef.  Präsziser kann man unser derzeitiges degeneriertes politisches System kaum beschreiben.

Natürlich wird jetzt erstmal gewaltig gegen jene Partei gewettert, die als Sieger aus der Saarlandwahl hervorgegangen ist: die Piratenpartei. Schaut man sich die Kritik näher an, ist man überrascht: die Krawattenferne des Personals wird vom Bezahljournalismus als die größte Gefahr für die deutsche Demokratie ausgemacht. Dämlicher geht es kaum noch. Die stille Duldung rechtsradikaler Auswürfe wird kaum noch wahrgenommen … scheint allerdings auch in meinen Augen weniger aktuell zu sein. Was kaum jemand weiß (und bitte nicht weitersagen): ich war Gast beim Bundesparteitag der Piraten – und überrascht über die Eindrücke, die man dort sammeln konnte. Es kostete viel Zeit – aber war durchaus interessant. Ich kann nur jedem empfehlen, sich das mal anzutun – es unterscheidet sich wohltuend von dem Parteiengekasper, was einem sonst so serviert wird.

Natürlich ist der IT-Schwerpunkt der Partei bedenklich – eine Partei von jungen Klempnern wird die Probleme von alten Erziehern kaum verstehen können. Man wird aber erstmal damit leben müssen, das Menschen aus dieser Berufsgruppe der neuen kulturellen Revolution automatisch sehr nahe stehen. Natürlich müssen Parteien grundsätzlich als bedenklich gelten, weil ihre Führer letztlich alle den Weg Strauß-Kahns gehen. Insofern ist eine Marginalie des Piratenparteitages in Münster bedeutsamer, als man es vielleicht wahr haben möchte: der Parteichef ist nicht Spitzenkandidat geworden, obwohl er es gerne wollte.  Dort, wo die Basis der Spitze jederzeit den Boden unter den Füssen wegziehen kann, greifen die herkömmlichen Taktiken der „Unternehmer“ weniger -denke man den Weg weiter, droht vielleicht sogar eine Demokratie ohne Parteien.

Während hier vielleicht ein zartes kleines Pflänzchen an frischer Demokratie aufblüht (und dabei einige hässliche Aspekte der Piratenpartei verdrängt), zeigt die Saarlandwahl andererseits nur eins: die fortschreitende Degeneration unseres politischen Systems und die zunehmende Unvereinbarkeit der Sozialdemokratie mit dem ursprünglichen bundesdeutschen Demokratieverständnis. Mehr und mehr präsentiert sich die SPD als Wahlverein für Kapitalkanzler,  garniert mit ein wenig „Hang zur Mitte„.  Keine Partei in Deutschland hat jemals mehr dazu beigetragen, das demokratische Grundempfinden der Bürger dieses Landes zu derart zu unterhöhlen, so das man in Folge – wie die Saarländer – den Gang zur Wahlurne als zunehmend völlig sinnlos empfindet.  Schauen wir uns die Saarlandwahl an: 64,8 % der Wähler wollten KEINE CDU-Regierung.  Sie haben aber die Rechnung ohne die SPD gemacht, die sich – wie zuvor im Bund – eher als Wahrer von Konzerninteressen denn als politische Alternative zur CDU versteht.

Die Wahl im Saarland zeigt: wir haben eine neue SED im Land – neben einer Kanzlerin aus dem Osten und einem Bundespräsidenten aus dem Osten haben wir jetzt auch die Idee einer Einheitspartei aufgenommen und zelebrieren sie, wann immer es nötig ist: SPCDU sorgt notfalls gegen allen Bürgerwillen für Ordnung im Land, steigende Staatsverschuldung, Demokratie- und Sozialabbau inklusive – alles im Interesse der zweckentfremdeten sinnlosen Kapitalvermehrung.

Wo sind eigentlich jene Politiker, die sich mutig trauen, den Wählerauftrag ernst zu nehmen der da heißt: wir wollen keine CDU-Regierung? Es gab mal eine SPD, die den Wählerauftrag ernst genommen  und erkannt hätte, das die Mitte in Deutschland eher sozialliberal als neoliberal ist.  Aber wahrscheinlich gehen die lieber zusammen mit dem Staatsanwalt zu den von VW bezahlten und von Hell´s Angels organisierten Sexpartys, das macht viel mehr Spaß als lästige Basisdemokratie – und bringt auch bessere Pöstchen bei Rothschild, RWE, Adeco oder BMW.

Letztendlich erleben wir aktuell den Niedergang des demokratischen Grundgedankens, in dem es die Aufgabe der Politiker war, den Volkswillen zu respektieren und zu repräsentieren und nicht, notfalls die eigene politische Heimat zu verraten, nur um weiterhin an den Sexpartys teilnehmen und im Pool der Konzernpöstchenanwärter mitschwimmen zu dürfen.

Mal schauen, was passiert, wenn CDU und SPD zusammen unter dreissig Prozent liegen. Das die offene Anbiederung an den Konzernkapitalismus auch zur kompletten Zertrümmerung einer Partei führen kann, hat die FDP ja gerade bemerkt. Hoffen wir, das die Wähler merken, das CDU und SPD inzwischen auch nur noch Fillialen des internationalen Bundes der Konzernwirtschaft sind – in den USA einfach als Business Round Table bekannt.

Wenn die Mutter in Gefahr ist, dann rücken die Töchter eben enger zusammen – aber daran kann der Wähler erkennen, wo das Zentrum der politischen Welt in Deutschland liegt und wie es um unsere Demokratie wirklich bestellt ist.

Die ist bald völlig wegrationalisiert – weil sie im Sinne der Konzernwirtschaft eben auf völlig unvernünftig ist.

Die Mutter in Gefahr?

Nun … auch wenn ein mir völlig unbekannter „Rockmusiker“ das anders sieht: die Musikpiraten greifen das Konzernunwesen ganz direkt an – jenes Konzernunwesen, das in den siebziger- und achtziger Jahren die wild wachsende freie Musikkultur mit großem Finanzaufwand gezähmt hat … was die jungen Parteipiraten (und ihre Kritiker aus dem Reich der Pseudomusiker) wohl kaum mitbekommen haben. Man wollte mit aller Macht Erscheinungen wie „Beatles“ und „Rolling Stones“ verhindern – nie wieder sollten reiche Emporkömmlinge den Plattenkonzernen ihre Forderungen diktieren können. Die Verflachung der musikalischen Vielfalt hat man billigend in Kauf genommen – das Volk musste halt mit dem auskommen, was der Konzernrocker zu leisten vermochte.

Das Ergebnis ist bekannt – deshalb höre ich keine aktuellen „Charts“.

Selbst dann nicht, wenn ich mal Strom habe.

 

 

 



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