Politik

Verschwörungen 2012: über Potemkinsche Dörfer in Deutschland

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Dienstag, 6.3.2012. Eifel. Wir wissen ja alle, das es keine Verschwörungen gibt, oder? In demokratischen Staaten ist so etwas undenkbar. Es gibt ja auch keine Wirtschaftskrise oder etwas Arbeitslosigkeit – jedenfalls nicht in Deutschland. In Europa hat die europäische Wirtschaftspolitik schon eine Rekordarbeitslosigkeit bei Jugendlichen verursacht – wir waren da cleverer.  Bei uns steckt man die Jugendlichen in “ Massnahmen“ oder zu einem privaten Arbeitsvermittler – schon sind sie ´raus aus der Statistik. Toll, oder? Kommen sie ´raus aus allen Scheinbeschäftigungen, sieht es selbst für die Besten der Besten düster aus – auch im deutschen Wirtschaftswundersuperland, siehe Spiegel:

Und plötzlich stehen sie vor dem Nichts: Deutsche Nachwuchswissenschaftler haben schlechte Aussichten auf einen langfristigen Job in der Forschung. Ihre Karriere können sie kaum planen, Familie und Privatleben kommen unter die Räder. Wer kann, flüchtet ins Ausland oder in die Wirtschaft.

In intelligenteren Gesellschaften würde man diese Praxis der Statistikbereinigung eine Verschwörung nennen – ganz einfach, weil hier die Wahrheit absichtlich von herrschender Seite überlegt und gezielt unterdrückt wird, damit sie nicht das Volk erreicht. Welche Wahrheit? Ganz einfach die hier:

Die Spaltung der Union in wohlhabende Jobbesitzer und abgehängte Verlierer könnte schon bald zur Zerreißprobe für das krisengeplagte Europa werden. „Die Jugendarbeitslosigkeit wird für die EU langfristig zu einer noch größeren Gefahr als die Schuldenkrise“, warnt der Ökonom.

Das wäre die Herausforderung für „linke“ Politik im 21. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert war es das Elend der Arbeiter, der Feind war der Fabrikbesitzer. Heute wäre nicht die Fabrik zu stürmen, sondern der Job. Vor Ort ist der Kampf Kapital gegen Mensch der Kampf der reichen Jobbesitzer gegen die armen Jugendlichen, die Kranken, die Alten und die Frauen. Da „Linke“ und überhaupt alle Politiker einen Job haben (oder ganz schnell einen bekommen, wenn sie zu laut werden), wird diese Entwicklung auch nicht aufzuhalten sein – der „Corpsgeist“ der halbadeligen Vollzeitjobbesitzer wird schon dafür sorgen.

Das ist ja auch der Sinn von Verschwörungen: Widerstand zu minimieren bzw. durch Verschleierung der Wahrheit in seiner Entstehung zu verhindern.

Wenn wir nach Amerika schauen, erfahren wir ein wenig von der Realität, die uns die Medien hierzulande gerne verschweigen – siehe Welt:

Keinen Streit kann es wohl darüber geben, dass viele – vielleicht sogar die meisten – der von Murray aufgespießten Probleme echt sind. Ja, die Klassen driften in Amerika (nicht nur dort!) immer weiter auseinander. Ja, die soziale Mobilität ist in Amerika, so unglaublich das klingen mag, mittlerweile unterhalb des europäischen Niveaus eingefroren. Ja, die amerikanische Mittelklasse hat schon seit einem Jahrzehnt nichts mehr dazuverdient.

Wenn das so weitergeht, könnte sie irgendwann vielleicht so arm sein wie die europäische Mittelschicht.

Dabei geht es unserer Mittelschicht doch gut – hört man jedenfalls immer.

Nebenbei bemerkt: das war mal das wirtschaftlich dynamische Amerika – unser Vorbild. Wegen denen haben wir hier Hartz IV – die Unternehmensberater und der IWF hatten geklagt, das die soziale Absicherung in Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen zu groß ist – sollte angeblich schädlich für die Motivation, den Aufschwung und die Rendite sein. Jetzt liegen die USA mit ihrem Neoliberalismus am Boden – Betriebswirte können halt niemals über ihren kleinen Tellerand hinausschauen und machen grundsätzlich egoistische Politik für das jeweils eigene Unternehmen. Wenn das aber alles Geld hat … kommen wir zu einer weiteren Verschwörung – siehe Welt:

Die wahren Stars im amerikanischen Wahlkampf tragen Namen wie Kindergebete und werden verflucht wie Satan selbst: Hinter „Gib uns die Zukunft zurück“ („Restore Our Future“) und „Mach uns wieder groß“ („Make us Great Again“) verbergen sich Gruppen, die für Kandidaten Spenden eintreiben und Wahlspots schalten, ohne offiziell in ihrem Namen zu handeln.

Super-„Political Action Committees“ (Pacs) nennen sich diese Kampfverbände

Hinter den Super-Pacs stehen zwei Dutzend Milliardäre und Multimillionäre, die, Puppenspielern gleich, die Kandidaten tanzen lassen. Amerikas Demokratie, die immer schon im Geld schwamm, droht zu ertrinken.

Mir fehlen etwas die Schlagzeilen in Deutschland: WIE SCHLIMM, WIR SIND GANZ ARM! oder REICHTUM KILLT GEMEINWESEN! oder SUPERREICHENPÖBEL KAUFT POLITIK!

Dabei sind wir arm, waren es schon immer und sollen es auch bleiben. Nur wissen und begreifen sollen wir es nicht. Unsere „Führungsmacht“ ist schon längst jenseits jeglicher demokratischer Formen angelangt – wir sollen das aber nicht wissen. Wenn wir nämlich wissen würden, wie mit Geld Politik gemacht wird, würden wir erfahren, wie man mit Verschwörungen innerhalb einer Demokratie die Puppen tanzen lassen kann.

Schließen sich in den USA zwei Dutzend Milliardäre zusammen, haben die mehr Geld als die führende europäische Wirtschaftsnation – Deutschland. Die würden aber mit ihrem Geld niemals Griechenland retten – aber durch Wetten gegen die Rettung Griechenlands können sie die Zinsen für Griechenland ganz schön nach oben treiben.  Intelligente Demokratien würden das als Verschwörungen bezeichnen – als was sonst?

Den oben zitierten Artikel aus der Welt sollte man gleich zweimal lesen – weil er einen deutlichen Einblick in das Weltbild der US-Elite gibt: von White Trash ist da die Rede. Heißt übersetzt: Weißer Abfall.

Das sind – in deren Augen – wir alle. Das sagt der Artikel nicht ausdrücklich, aber da das Einkommen der Maßstab  und unsere Mittelschicht arm ist bleibt nur ein Schluß übrig: in den Augen der US-Oberklasse ist Europa ein Kontinent voller Abfallmenschen.

Oben gibt es eine Elite, die nicht raucht, sich körperlich fit hält, ihre Kinder rund um die Uhr fördert und verhätschelt, viel arbeitet und mit dieser Arbeit Unsummen verdient.

Unten gibt es eine breite Schicht von Armen, die körperliche Arbeit verrichten, 35 Stunden pro Woche vor dem Fernseher verbringen, zur Fettleibigkeit neigen und ihre Kinder vernachlässigen.

Wäre nicht gut für die Nato, wenn die europäischen Bürger erfahren würden, wie man jenseits des Teiches über sie denkt. Man würde sich keinerlei Hoffnungen mehr über die Skrupel haben, die jenseits des Teiches im Umgang mit uns herrschen.

Da gibt es eine nicht arbeitende nichtrauchende Herrenmenschenelite, die Zeit für Fitness hat und vor allem: stinkreich ist. Ihre „harte Arbeit“ besteht hauptsächlich darin, das sie unser Geld für sich arbeiten lassen.

Das geht leicht – wo die Notenbanken die „Märkte“ gerade mit einer Billion Euro versorgt haben:

Doch von der Geldschwemme, die sie erzeugen, gerät wenig in den Kreditkreislauf. Dafür einiges in die Spekulation mit Energie, was derzeit die Öl- und Benzinpreise auf neue Hochs treiben hilft und einen Teil des Effekts, den die Notenbanken mit der lockeren Geldpolitik erzeugen, wieder aufhebt.

Die Wirtschaft erstickt unter Cash-Bergen – so der Titel des oben zitierten Artikels im Manager Magazin. Und mit diesen Cashbergen lässt sie politisch die Puppen tanzen und steigert die Benzinpreise ins unermessliche: ein Paradies für die „Upperclass“. Intelligente Demokratien würden das Verschwörungen nennen – Verschwörungen zu lasten des Gemeinwohls.

Europäische Politiker, die dagegen halten wollen, machen erstaunliche Erfahrungen: gegen alle gute Sitten begegnen sie Verschwörungen, die von Kanzlerin Merkel ganz offen initiiert werden und dank des allgemeinen Tabus, sich über Verschwörungen Gedanken zu machen inzwischen ganz offen ablaufen können, siehe Spiegel:

Die wichtigsten EU-Länder greifen in den französischen Präsidentschaftswahlkampf ein. Nach SPIEGEL-Informationen haben Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien vereinbart: Der sozialistische Sarkozy-Herausforderer François Hollande wird während des Wahlkampfs nicht empfangen.

Der Mann will immerhin eine Reichensteuer von 75%: da lassen die Milliardäre alle Puppen tanzen – auch gegen übliche diplomatische Gepflogenheiten:

Das Vorgehen ist äußerst ungewöhnlich: Das Eingreifen einer ausländischen Regierung in den Wahlkampf eines souveränen Staats gilt international als verpönt.

Und wenn mehrere Regierungen sich zu einem solchen Schritt zusammentun, das ist das: eine Verschwörung. Ja, so nennt man das nun mal. Und es gibt auch einen handfesten Grund dafür, den das  Manager Magazin nebenbei erwähnt – gesprochen von einem Hirnforscher:

 „Jeder in Politik und Wirtschaft weiß, dass wir am Rande eines Transformationsprozesses stehen, dass etwas ganz anders werden muss. Aber keiner weiß, wie das gehen soll.“

Es lohnt sich immer, das Manager Magazin zu lesen: Manager müssen die Wahrheit kennen, um Kapital erfolgreich vermehren zu können. Deshalb rutscht denen dort manchmal was raus, was in den Medien für Abfallmenschen einfach hinten runterfällt.  Gut, in dem Artikel geht es ansonsten um die Wehwehchen von Millionären – aber es ist mal interessant zu sehen, wo die Wehwehchen ihre Ursache haben.

Letztendlich spricht Olaf Henkel im Handelsblatt ganz offen von einer weiteren Verschwörung:

Politiker, Manager und Journalisten haben viel zu lange am Euro festgehalten. Inzwischen haben sie längst eingesehen, dass die Gemeinschaftswährung nicht funktioniert. Nur öffentlich zugeben will das niemand.

Alle wissen Bescheid – aber keiner sagt was. Bei Ärztepfusch in Deutschland wirkt der Corpsgeist der überversorgten Elite ähnlich – was, genau genommen, auch eine Verschwörung einer breiten Schicht verantwortungsloser Mediziner gegen ihre Patienten gleichkommt.

Man sieht: die Realität des Jahres 2012 in Deutschland ist bestimmt von Verschwörungen. Wir nennen sie nicht so. Ganz Deutschland wird unter Mithilfe der deutschen „Elite“ zu einem Puppentheater – zu einem „Potemkinschen Dorf“.

Was das ist?

Nun – die Wurzeln deutscher Politik im Jahre 2012 finden wir im fernen Russland des 18. Jahrhunderts, siehe Wikipedia

Für den Namen stand Feldmarschall Reichsfürst Grigori Alexandrowitsch Potjomkin Pate. Potjomkin war ein Gouverneur und Militärreformer, der sich um die Entwicklung der Krimhalbinsel bemühte.

Einer modernen Sage  zufolge ließ der Günstling (und Geliebte) der russischen Zarin Katharina II. 1787 vor dem Besuch seiner Herrscherin im neu eroberten Krimgebiet entlang der Wegstrecke Dörfer aus bemalten Kulissen zum Schein errichten, um das wahre Gesicht der Gegend zu verbergen. Diese Legende wurde von Gegnern Potjomkins am Hofe lanciert, die ihm seine gute Beziehung zu Katharina der Großen neideten. Ihr Urheber war der Diplomat Georg von Helbig, der sie zunächst in seinen Depeschen in Umlauf setzte und nach Potjomkins Tod in seiner Biographie „Potemkin der Taurier“ (1809) verewigte. Helbig hatte selbst an der Inspektionsreise nicht teilgenommen.

Wir sehen: früher gab es noch Verschwörungen, die erfolgreich Potemkinsche Dörfer errichteten.

Heute gibt es Potemkinsche Dörfer, die erfolgreich Verschwörungen vertuschen – in Wirtschaft, Politik, Sozialwesen oder bei den Arbeitsmarktdaten.

Aber wehe einer kratzt an der frischen Farbe der bemalten Kulissen: da schreit das Corps gleich einhellig im Chor: VERSCHWÖRUNGSTHEORETIKER!

Und so können die Puppen in Ruhe weitertanzen.

Schön, oder?

Schön bunt.

Leider – alles aus Pappe.

 

 

 



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