Politik

Verschwörungsparanoia in der Bonirepublik: Feudalstaat Deutschland und die Exekution des Präsidenten

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Samstag, 7.1.2012. Eifel. Kennen Sie den Film „Der Informant“ mit Matt Damon? Klassische Deeskalationsunterhaltung in Krisenzeiten, die uns weiß machen soll, das die Wahrheit immer ans Licht kommt? Dem Film habe ich einen Satz entnommen, der uns auch in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit helfen soll. Ich zitiere ihn sinngemäß: „Nur die, die uns über den Tisch ziehen wollen, wollen uns einreden, das wir paranoid sind, damit wir unaufmerksam werden“. Nun – das verwundert vielleicht zuerst, weil das Wort paranoid im deutschen Sprachgebrauch eher selten vorkommt, es ist unmodern geworden und durch ein anderes ersetzt worden, das – durch eine von hochintelligenten Menschen ausgetüftelte Sprachverschleierung – im Alltag akzeptabler geworden ist. Heute nennt man kritische Menschen nicht mehr Paranoiker – sondern Verschwörungstheoretiker. Genial, oder? Das Wort befördert inzwischen exakt den gleichen Inhalt wie das Wort „Paranoiker“ – kann aber viel öfter zum Einsatz kommen, weil es neu und unverbraucht daherkommt, gleichzeitig aber sachlich und kritisch wirkt. Für solche Erfindungen und Entwicklungen bekommen Parteimanager und Politikberater Millionenboni – auf unsere Kosten – um uns nachher viel besser über den Tisch ziehen zu können.

Nehmen wir uns zuerst einmal das Wort selbst vor, hier bei Wikipedia:

Als Verschwörungstheorie bezeichnet man im weitesten Sinne jeden Versuch, ein Ereignis, einen Zustand oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken von Personen zu einem illegalen oder illegitimen Zweck.

Hört sich plausibel an, oder? Hört sich auch krank an – dabei ist es das nicht. Weder in Politik und Wirtschaft wollen wir doch wirklich nicht ernsthaft davon ausgehen, das jedes Ereignis, jeder Zustand oder jede Entwicklung ziellos und unbewußt vom „Schicksal selbst“ so gewollt ist – oder?

Jeder großer Akteur am Markt hält sich einen riesigen Beraterstab, Battalione von Experten beraten die Führungskräfte von Wirtschaft und Politik, Partei- und Marketingstrategen überlassen noch nicht mal kleinste Details dem Zufall, jede noch so kleine Äußerung von Spitzenmanagern wird von Anwaltsregimentern sorgfältig überprüft und von Psychologen und Medienexperten auf die gewünschte Wirkung hin perfekt zugeschnitten – ein ganzer Industriezweig verdient gut am Themenbereich Politik und Kommunikation … und man verleicht sich auch gerne gegenseitig Preise.

Setzt sich aber nun der Bürger hin und versucht, zu eruieren, wo er jetzt gerade mal wieder von raffinierten Beratern über den Tisch gezogen wurde, dann … ja dann wird er ganz schnell für verrückt erklärt – nur sagt man es ihm nicht so deutlich. Man spricht lieber von „Verschwörungstheorien“.

Darum können wir mit gewissen Meldungen gar nichts mehr anfangen – wie zum Beispiel mit der Meldung das der Verfassungsschutz seit Jahrzehnten von der Existenz nationalsozialistischer Todesschwadrone in Deutschland weiß.  Wie sollten wir eine solche Nachricht auch emotional verarbeiten können, wo wir doch wissen, das der Prozess der Verarbeitung selbst zu einem Zustand führt, den führende Marketingexperten als „Wahnsinn“ gebrandmarkt haben.

Nehmen wir zum Beispiel die Affäre Wulff, die mich auch schon zum Nachdenken gebracht hat. Kaum hat jener Mann den Straftatbestand der Majestätsbeleidigung wieder ausgegraben, fängt die gesamte Presse (also: alle vier Großkonzerne) an, gegen ihn zu schießen. Seine Frau soll ich ihre Kleider durch Sponsoren besorgen (mit Aufklebern?), als Ex-VW-Aufseher soll er die Anleger getäuscht haben (als AWD-Berater?), sein Haus soll er mit einem anonymen Scheck bezahlt haben (mit der Nummer 83338 – für Numerologen sicher ein sehr gut versteckter Hinweis auf seine Tätigkeit für die  Illuminaten)  – während Stimmen aus der Wirtschaftswelt schon jetzt sagen: wäre er einer der ihren, würde er sofort ´rausfliegen.

Präsidentenkegeln scheint Breitensport zu werden. Alle vier machen mit.

Wer hat nun was davon?

Angela Merkel. Sie profitiert vom Wulff-Desaster. Wie erstaunlich. Ebenso erstaunlich wie die Wendungen, die die Wulff-Debatte nun nimmt – gleiche mehrfach wird in den Medien die Abschaffung des Präsidentenamtes gefordert, womit die Demontage der Demokratie ein Stück weiter getrieben würde. Wozu braucht ein Land, das seine Souveränität zunehmend an Europa abgibt, eigentlich noch ein Staatsoberhaupt? Wo kein Staat, da auch keine Oberhaupt. Ausserdem kostet der Mann Geld – und das braucht man dringend an der Bonifront.

Kennen Sie noch die Geschichte vom Gazpromkanzler?

„Kopflos“ komme er ihm vor, sagt Guido Westerwelle, der einzige derzeit aktive Oppositionsführer. Westerwelle hat Schröder fest ins Visier genommen. Es ist ein politischer Kampf mit persönlichem Antrieb – der Ex-Kanzler hat dem Oberliberalen verbieten lassen zu behaupten, Schröder habe Gasprom den „Auftrag“ zum Bau der Ostsee-Pipeline erteilt.

Bislang trat der Altkanzler auf, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, als ehemaliger Regierungschef in den Diensten eines russischen Staatskonzerns zu stehen. Am 30. März wurde er in Moskau zum Aufsichtsratsvorsitzenden der North European Gas Pipeline Company gewählt, die mehrheitlich Gasprom gehört. Die Russen überweisen ihm dafür 250 000 Euro im Jahr.

Nun steht er in anderem Licht da: Die Frage, ob der prestigeträchtige Job nicht auch ein Dankeschön ist für eine äußerst gefällige Russland-Politik des Bundeskanzlers Schröder, lässt sich nicht mehr beiseiteschieben.

Der heutige Gasprom-Mann wäre quasi der Gasprom-Bürge von gestern. 

Das war doch wohl mal ein richtig dicker Skandal, oder? Aber Schröder – wird nicht so mit Dreck beschmissen, obwohl seine Positionen heute denkbar undemokratisch wirken:

Anständig wie er war, verbot sich Schröder jahrelang jede Kritik: an Putins Tschetschenien-Politik, an der Abschaffung der Pressefreiheit, am Umgang mit den Unbequemen wie dem einstigen Öl-Milliardär Michail Chodorkowski, den der Kreml bis ins Arbeitslager stürzen ließ. Schröder nannte Wladimir Putin einen „lupenreiner Demokraten“.

Wo ist der Aufschrei der Medien gegen diesen Ex-Kanzler?

Oder – viel interessanter: was hat er mit Angela Merkel gemein?

Eine große Nähe zu den führenden Kreisen der USA – Schröder zum Beispiel als Berater von Investmentbanken. Schröder hat durch Hartz IV die deutsche Gewerkschaft zerschlagen, Merkel ist dabei, die deutschen Staatsfinanzen an US-Investmentbanken zu verpfänden.

Die Zeit erwähnt eine weitere Kleinigkeit, die die Namen Schröder und Merkel in einem moralischen Zusammenhang vereint:

Warum gilt für den Banker nicht, was für den Hartz-IV-Empfänger gilt, der bei Regelverstößen mit Kürzungen seiner Bezüge rechnen muss?

Es stimmt nachdenklich, das wir auch den Schröder/Gazprom-Kritiker Westerwelle in diesem Zusammenhang wiederfinden … jenen Westerwelle, der in den Medien so gut wegkommt wie der jetzige Bundespräsident.

»Zu den Kleinen kommt der Pleitegeier, zu den Großen kommt der Bundesadler.« Westerwelle beschrieb die Verhältnisse ziemlich treffend. Damals wie heute.

Ja, das ist so. Und das ist kein Zufall, das hat System. Denken wir über das System nach, wird man uns gleich für geisteskrank erklären, womit sich die alte Sowjettraditionen durchsetzt, das das eigene System so gut ist, das seine Kritiker nur geisteskrank sein können.

Kritisieren wir das System, sollten wir es indirekt machen – wie zum Beispiel Charles Fergusson. Er behauptet doch in der Tat, das die Finanzkrise kein Unfall gewesen sei – und macht die gleichen Beobachtungen wie Guido Westerwelle:

Erstens ist die ganze Unterstützung nur zu den 10 bis 20 Prozent Reichen der Bevölkerung gelangt. „Es gab sehr wenig Unterstützung für Leute, die plötzlich ihr Haus oder ihre Arbeit verloren hatten.“ Zweitens wurde diese Unterstützung gegeben, ohne dass ernsthafte Bedingungen für die Rückgabe gestellt wurden. „Die Boni der Investmentbanker erzielten 2009, inmitten der Krise, neue Rekorde. 

Und kaum einen hat es gestört – noch kann sich jemand daran erinnern, das es direkte Zusammenhänge zwischen den Forderungen des IWF und dem Sozialstaatsabbau in Deutschland gab. Dazu hätte man in den achtziger Jahren genauer in den „Spiegel“ schauen müssen – oder in den Neunzigern Vivianne Forrester lesen.

Oder man liest heute in der FAZ, wo ein amerikanischer Autor – ganz nebenbei – die neue Weltordnung erwähnt:

Wir schreiben das Jahr 2012, die deutschen Eliten sind, wieder einmal, auf dem Holzweg. Um die Situation zu verstehen, empfiehlt sich ein Klassiker: Fritz Fischers 1969 erschienenen „Krieg der Illusionen: Die deutsche Politik von 1911 bis 1914.“ Gewiss, das Schlachtfeld ist heute nicht militärischer, sondern monetärer Natur, die Klasse der Unternehmer und Banker hat die Rolle der preußischen Junker übernommen und die Bundesbank die des Generalstabs. Doch alles in allem erscheint die Szene vertraut.

Da hätten wir jetzt nicht mit gerechnet, oder? Da leben wir auf einmal mitten drin in einem neuen Feudalstaat – und dürfen gar nicht darüber reden.

Nur die, die uns über den Tisch ziehen wollen, wollen uns einreden, das wir paranoid sind, damit wir unaufmerksam werden

Im Jahre 2012 ist aus der Bundesrepublik eine Bonirepublik geworden. Wer das Volk durch Fußball, Gameshows oder lange Beine ablenken kann, wird schnell reich gemacht, wer die Existenz einer neuen Feudalkultur beschreiben möchte, wird für geisteskrank erklärt.

So läuft das Dingen endlos weiter.

Endlos?

Nein – die Mittelstandsnachrichten erkennen schon, welche Bedeutung die Affäre Wulff auf jeden Fall hat:

So muss man sich den Zerfall eines Systems vorstellen: Das Staatsoberhaupt bekommt in beiden Staatssendern eine Sondersendung, um über seine Affären zu diskutieren. Früher gab es Sondersendungen bei Katastrophen oder im Kriegsfall. Die res publica ist gefährlich nahe an ihr lächerliches Ende gekommen.

Ein Nachrichtenmagazin der mittelständischen Wirtschaft hat jene Funktionen übernommen, die die vier großen Konzerne schon längst verdrängt haben: es wacht über die Demokratie.

Wir erleben aber dennoch zwei Katastrophen, die weit über den Fall Wulff hinausgehen: Die eine ist die allgemeine Verstrickung von korrupten Politikern mit einer Teilen einer skrupellosen Wirtschaftselite, die sich jeden kaufen kann, den sie einmal brauchen könnte. Und die immer genug Dumme findet, die sich dabei erwischen lassen.

Die Dekadenz unseres Systems besteht in einem unausgesprochenen Konsens: Wir wissen, dass hier etwas zugrunde geht, aber es ist uns zu kompliziert und mühsam, dagegen anzukämpfen. Daher flüchten sich Politik und Medien ins gemeinsame Dschungel-Camp der politischen Realsatire und inszenieren den Abgesang auf die Demokratie als Burleske, in deren Mittelpunkt keine Charaktere mehr stehen, sondern nur noch Marionetten eines todessüchtigen Zeitgeists.

Wie gut, das wir wissen, das Systemkritik an der Bonirepublik ein Anzeichen für Geisteskrankheit ist, denn wenn wir weiterdenken würden, uns fragen, warum dieses System eigentlich wirklich zugrunde geht, wer davon einen Vorteil hat und wann der allerletzte Euro auf den Konten der amerikanischen Superklasse landet:

wir würden uns sehr fürchten – vor einem neuen Krieg in Europa wie der französische Präsident Sarkozy, vor Horrorpreisen bei Lebensmitteln oder Massenarbeitslosigkeit infolge einbrechender Industrieaufträge.

Aber bevor wir uns fürchten, lassen wir uns lieber über den Tisch ziehen.

Wer aber nun wirklich noch nicht genug hat von der Paranoia … der sollte sich kurz mal vorstellen, wie denn die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage zu deuten wäre, wenn die Operation Poketbook auch heute noch weiterlaufen würde:

Bislang unveröffentlichte Dokumente enthüllen darüber hinaus aber auch einen „Psychologischen Strategieplan für Deutschland“. Der Plan war „top secret“; sein Deckname lautete „Pocketbook“. Die Drahtzieher waren keine Politiker, sondern US-Agenten. Gesteuert und finanziert wurde die Kampagne von der CIA. Der US-Geheimdienst beeinflußte die deutsche Kulturszene, unterstützte Medien, baute die Gewerkschaften auf und bezahlte Politiker. 

Das konnten die vor sechzig Jahren.

Wie raffiniert die wohl heutzutage sind – und wie wohl der aktuelle psychologische Strategieplan für Europa aussieht?

Fragen … die wir besser niemals stellen werden.

Die Zwangsjacke droht.

 

 

 

 



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