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Ordensburg Vogelsang – Knast für Meinung

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Sonntag, 18.12.2011, Eifel, eigener Bericht. Im Handelsblatt philosophiert gerade der amtierende deutsche Großphilosoph Peter Sloterdijk über das Ende der Welt – jedenfalls der Welt, wie wir sie kennen:

Die Regierungen verpfänden die Luft über ihrem Staatsgebiet, und Banken atmen tief durch. Wenn man es sich recht überlegt, ist das haarsträubend. Das wird möglicherweise europaweit eine Desorientierung von historischen Größenordnungen auslösen, möglicherweise vergleichbar mit dem moralisch-ökonomischen Super-GAU der Jahre 1922/23, der Hyperinflationszeit.

Vor der Kulisse dieser aktuellen Bedrohungslage wirken manche Probleme sehr klein – obwohl sie deutlich demonstrieren, wo es hakt in diesem Lande. Wir hatten ja an dieser Stelle schon gelegentlich von der Ordensburg Vogelsang berichtet – einer denkmalgeschützte Hinterlassenschaft der Nazizeit, einem Ort, wo man in Ruhe jenem Geist nachspüren kann, der vor 80 Jahren Millionen Deutsche in Ekstase versetzt hat … ich denke, das darf man so sagen, ja?

Man findet dort denkwürdige Hinterlassenschaften, die irgendwie eher an eine Religion erinnern denn an eine politische Bewegung – einer Religion der emotions- und mitleidlosen Naturwissenschaften im Dienste einer esoterischen Bewegung. Ähnliche Tempel hatte der Kommunismus auch aufzuweisen – möglicherweise orientiert man sich hier gerne an den Pharaonen- und Cäsarenkult, weil das im Rahmen des Parteimarketings immer gut ankommt.  Geschichtlich – ein wichtiger Ort, ein lehrreicher Ort, landschaftlich wunderschön gelegen – fernab vom Treiben der großen Städte.

Viele Menschen haben das erkannt, haben sich zu ehrenamtlichen Burgführern ausbilden lassen, die den Besuchern neben der Natur auch die Geschichte näherbringen – mit großem Erfolg. Genau jene Menschen sind es, die Vogelsang mit Leben füllen, wie eine von ihnen jüngst den Aachener Nachrichten erzählte:

„Es wäre toll, wenn wir alle
diese Neubauten bekämen.
Aber ehrlich gesagt: Vogelsang
kann auch ohne all das
sinnvoll mit Leben gefüllt
werden.“
AGGI MAJEWSKI,
REFERENTIN AUF VOGELSANG

Frau Majewski arbeitet als Wanderführerin und Führerin auf Vogelsang und war einst stellvertretende Landrätin.

Der Hintergrund der Äußerung: die Pläne für den Einsatz von Steuermitteln waren zu hochtrabend: unversehens ist ein EU-Großprojekt daraus geworden, was alle bisherigen Pläne über den Haufen schmeißt. Pech für jene, die jetzt schon in Erwartung der sprudelnden Steuermillionen einen Kredit aufgenommen hatten, um den neuen Audi pünktlich zum Fest zu bekommen.

In Vogelsang kann man dem Nationalsozialismus noch leibhaftig begegnen, nebenan gibt es den nagelneuen Nationalpark: ein Traum für Schulklassen, die wohl den Schwerpunkt der Besucherströme bilden: am 9.5.2011 war – nach sechs Jahren – der 1.111.111 Besucher im Nationalpark angekommen: wohlgemerkt im Nationalpark, nicht in der Ordensburg. Dort herrscht meistens Ruhe und Leere, was bei der Besinnung auf Historisches sehr dienlich sein kann. Ich persönlich schätze die Stille auf Vogelsang sehr.

Nun hat Vogelsang auch einen Wanderführer, der neben seinen Engagement für Natur und Geschichte ein besonderes Anliegen hat: Sven Kraatz engagiert sich gegen den geplanten Hotelneubau auf Vogelsang. Vor seinem Hintergrund – verständlich. Erst recht kann er als Bewohner des nahen Gemünd die Situation vor Ort annähernd praxisnah einschätzen – womöglich handelt es sich hierbei um eine Investorenfalle, wo doch in der Nähe schon althergebrachte, historisch gewachsene Traditionshäuser seit langer Zeit leer stehen und für einen Minimalbetrag  zum Verkauf angeboten werden: 22500o Euro für dieses Hotel wirkt  – wie nachgeworfen. Aber angesichts der vielen leerstehenden Objekte dieser Art dürfte es schwierig sein, Traumpreise zu erzielen.

Sven Kraatz engagiert sich nun sehr für Vogelsang – und gegen dieses Hotel. Ich habe ihn auf einem Flohmarkt an seinem Stand kennengelernt – er ist ein Mensch, der durch seinen Idealismus und Standfestigkeit überzeugen kann – weit jenseits ideologischer Verblendungen oder neidvollen Eiferertums setzt er sich für jenen Ort ein, dem er sein Ehrenamt gewidmet hat. Seine Argumente sind auf den ersten Blick plausibel – sein Schicksal jedoch ist besorgniserregend, denn:

IHM DROHT GEFÄNGNIS. 

Nach eigenen Angaben hat Vogelsang schon mehrfach versucht, seine Internetseite verbieten zu lassen – bislang ohne Erfolg. Jetzt haben sie einen anderen Weg gewählt, ihn mundtot zu machen:

Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Aachen wird gegen Sie
wegen Hausfriedensbruchs in 7 Fällen
-Vergehen nach §§ 123, 53 StGB eine
Gesamtgeldstrafe von 60 Tagessätzen zu je 30,00 Euro (= 1.800,00 Euro)
festgesetzt.
Gemäß § 465 StPO werden Ihnen die Kosten des Verfahrens auferlegt.
Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Sie,
in der Zeit vom 30.04.2011 bis 03.09.2011 in Schleiden

durch 7 selbständige Handlungen
widerrechtlich in das befriedete Besitztum eines anderen eingedrungen zu sein.
Ihnen wird Folgendes zur Last gelegt:
Sie hielten sich ungeachtet des durch den Zeugen Fischer-Rheinbach am 11.04.2011
erteilten Hausverbots in dem befriedeten Besitztum Camp Vogelsang in Schleiden auf am:
1) 30.04.2011,
2) 01.05.2011,
3) 21.05.2011,
4) 04.06.2011,
5) 10.07.201.1,
6) 14.08.2011 und
7) 03.09.2011
SIP 66 DV-Strafbefehl (§ 409 StPO)

(Zitat aus Strafbefehl, Kopie liegt der Redaktion vor).

Hausfriedensbruch ist eine schlimme Straftat, sicherlich. Man kann nicht einfach so in das Besitztum eines anderen eindringen, bloß weil man es da schön findet.

Allerdings … kam Herr Kraatz als geladener Gast, siehe Website Vogelsang:

Das Gelände der NS-„Ordensburg“ Vogelsang ist heute ein offener und lebendiger Ort europäischen Ranges. Natur, Kultur und Bildung finden an diesem internationalen Platz im Nationalpark Eifel zusammen. Menschen jeder Nationalität sind eingeladen, diesen besonderen Ort zu erleben und seine Zukunft mit eigenen Projekten mitzugestalten.

Der Ort scheint nicht offen zu sein, nicht lebendig – und es scheinen auch nur bestimmte Menschen erwünscht zu sein,  diesen besonderen Ort zu erleben und seine Zukunft mit eigenen Projekten mitzugestalten. 

Auf Nazi-Ordensburgen herrschte seit jeher schon ein besonders elitärer Geist, der nicht für alle Menschen gedacht war – aber ich hatte gedacht, man wolle das ändern? Was stört an einem engagierten Bürger, der ein wirtschaftlich riskantes, die Würde des Ortes beleidigendes Großprojekt ablehnt? Er verteilt nur kleine Zettelchen, schreibt Gedichte, hat einfach eine Meinung.

Oder gehört Vogelsang dem Herrn Fischer-Rheinbach persönlich?

Wer ist der „Zeuge“ überhaupt?

Er ist Geschäftsführer der Standortentwicklungsgesellschaft Vogelsang – wer will, kann ihn leicht erreichen, siehe Beteiligungsbericht des Kreises Düren:

Dort erfährt man auch etwas vom Sinn und Zweck der Standortentwicklungsgesellschaft:

Gegenstand des Unternehmens ist die nationalparkverträgliche, denkmalgerechte und geschichtsverantwortliche Entwicklung des Standortes Burg Vogelsang gemäß dem Leitbild vogelsang ip zu einem „Internationalen Platz im Nationalpark Eifel“. Die Gesellschaft führt die begonnenen Konversion fort und übernimmt die Steuerung der Gesamtentwicklung des Standortes unter Berücksichtigung der Interessen des Nationalparks Eifel der Nationalparkregion, insbesondre hinsichtlich der Kernnutzungen

Man erfährt auch etwas über die Hintergründe der Gesellschaft:

Die Gesellschaft hat einen Aufsichtsrat. Dieser besteht aus 13 Mitgliedern. 7 Mitglieder werden von der Region entsandt. Dem Kreis Euskirchen stehen 3 Entsendungsmandate, der Stadt Schleiden 2 und der
Städteregion Aachen und Düren jeweils 1 Mandat zu. Das MWME wird
4 Mitglieder entsenden, die Bundesanstalt 2 Mitglieder.
Der Aufsichtsrat berät über die Vorlagen für die Beschlussfassung der
Gesellschafterversammlung und gibt Beschlussempfehlungen ab. Er
hat die Geschäftsführung zu fördern, zu beraten und überwachen. Er
beschließt insbesondere über die in § 7 Abs. 4 des Gesellschaftsvertrages aufgeführten Geschäfte.

Die Besetzung der Organe gestaltet sich wie folgt:

Geschäftsführung: Fischer-Reinbach, Thomas
Aufsichtsrat: Kreis Euskirchen 3 Sitze 23,08 %
Stadt Schleiden 2 Sitz 15,38 %
Städteregion Aachen 1 Sitz 7,69 %
Kreis Düren 1 Sitz 7,69 %
MWME-NRW 4 Sitz 30,77 %
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
2 Sitze 15,38 %

MWME ist das NRW-Wirtschaftsministerium. Kurzum: die Firma ist ein … Bürgerprojekt. Bürger finanzieren mit ihren Steuern den ganzen Apparat von oben bis unten, Lokalpolitiker besetzen die Gremien – dem normalen Unternehmer graust es schon jetzt.

Der Kreis Düren hat für die laufende Finanzierung der Standortentwicklungsgesellschaft Vogelsang mbH 27.000 € in 2009 Höhe gezahlt.

Und so zahlen alle beteiligten Städte, Kreise und Ministerien Steuergelder  in den großen Topf ein, damit sich ihr Geschäftsführer als Hauseigentümer aufführen kann – dabei ist er nur ein bezahlter Angestellter … mit momentan deutlich mehr Kosten für den Steuerzahler als der Wanderführer, der eine sichtbare Leistung kostenlos erbringt.

Ganz erstaunt ist man als Bürger, wenn man die öffentlichen Ausschreibungen studiert:

Der Auftraggeber ist die Standortentwicklungsgesellschaft Vogelsang GmbH (nachfolgend SEV). Im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) und des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz NRW (MKULNV) wird SEV ein Grundstück der BImA zur Realisierung einer Nachnutzung veräußern.
Die Fläche ist 16 099 qm groß und mit der denkmalgeschützten Immobilie „Ostflügel Malakoff“ bebaut. Sie ist Teil des 100 Hektar großen Areals der ehemaligen NS-„Ordensburg“ Vogelsang, welches im Südwesten von Nordrhein-Westfalen in der Dreiländerregion Deutschland, Belgien und Niederlande liegt. Dort entsteht zurzeit eine internationale Tourismus- und Bildungsdestination unter der Dachmarke „vogelsang ip | Internationaler Platz im Nationalpark Eifel“.
Gesucht wird ein Investor, der das Grundstück zu einem Mindestkaufpreis von 241 485,00 EUR (gutachterlich festgestellten Wert) kauft und zur Ansiedlung des Nationalparkforstamtes entsprechend dessen Belangen beplant, umgebaut und langfristig an das Land NRW, vertreten durch den Leiter des Landesbetriebes Wald und Holz NRW, vermietet. Das Angebot des Bieters umfasst hierfür neben dem Grundstückskaufangebot und dem Mietangebot ein eigenes architektonisches und ein freiraumplanerisches Konzept.

Der kauft ein Grundstück für 241 485 Euro vom Staat, um danach Miete dafür zu kassieren? Es geht immerhin um große Summen:

Geschätzter Gesamtauftragswert über die Gesamtlaufzeit der Rahmenvereinbarung

Geschätzter Wert ohne MwSt: 
Spanne von 4 000 000,00 bis 7 000 000,00 EUR

Und wieviel bezahlt man pro Quadratmeter Bauland?

15 Euro.

Traumpreise, oder? Gut, ist betonierter Grund und eine alte Kaserne steht darauf, aber bräuchte ich gerade Land für mich – ich würde schon mitbieten. Geht noch bis 22.12.2011 – ein Jahr vor dem nächsten Weltuntergang.

Wer verdient daran?

„Berater“ – nochmal zum Bericht aus Düren:

Der größte Aufwandsposten in Höhe von 280.963,48 € (Vorjahr: 285.156,00 €) betrifft
die Geschäftsbesorgung durch die NRW.URBAN GmbH & Co. KG. Weiterer Aufwand fiel an im
Bereich der Werbekosten über 14.529,29 €, für Marketing und Vermarktung, sowie Beratungsleistungen für Infrastruktur über 15.232,00 €.
Finanzlage

Mit dem Beratungshonorar der NRW.URBAN GmbH & Co. KG hätten die das Grundstück geschenkt bekommen können – und noch was übrig gehabt. Man merkt: Staat und wirtschaften hängen nicht so direkt zusammen. Schnell denkt man an die Verschleuderung von „Sahnestückchen“ im Immobilienbereich, damit nur die Berater, Planer und sonstige Arbeitslose schnell an Geld aus der Staatskasse kommen.

Hören wir Vogelsang selbst:

Das bemerkenswerte Entwicklungskonzept und das in Europa einmalige Umfeld bieten zum Vorhaben passenden Geschäftsideen und Projekten einzigartige Perspektiven: Öffentliche Förderung und privatwirtschaftliches Engagement arbeiten effektiv Hand in Hand. Hieraus ergeben sich Synergien, Kooperationen und interessante Investitionsgelegenheiten.

15 Euro für ein „in Europa einmaliges Umfeld“?

Angesichts dieser Preisgestaltung scheint man von dem Wert der Anlage selbst nicht ganz überzeugt zu sein. Aber hören wir noch mehr über die Aufgabe Vogelsangs:

Vogelsang setzt sich bewusst von allen ideologischen und indoktrinären Elementen seiner Vergangenheit ab. Es legt den Schwerpunkt auf eine umfassende Demokratie- und Menschenrechtsbildung und nimmt damit eine aktive Rolle in der deutschen wie internationalen Erinnerungslandschaft ein. Vogelsang ist ein besonderes Konversionsprojekt und bedarf eines angemessenen Umgangs mit Geschichte, Architektur und Gelände.

Und zu dieser aktiven Rolle in der internationalen Erinnerungslandschaft passen natürlich Hausverbote gegenüber unliebsamen Bürgern prächtig ins Bild. Da erinnert man sich gleich an – Bücherverbrennungen, entartetet Kunst, Berufsverbote.

Eigentlich eine Provinzposse. Kleine Menschen begegnen großer Geschichte – und sind schnell überfordert. Angesichts der Worte des Großphilosophen ändert sich das Bild jedoch schnell:

Das wird möglicherweise europaweit eine Desorientierung von historischen Größenordnungen auslösen

Die ist in Vogelsang wohl schon angekommen: man will wieder Knast für Meinung – oder?

Mal sehen, welche Klagen und Verbotsinitiativen jetzt dieser Artikel auslöst, in dem ich einfach mal sage: Gesellschaften der öffentlichen Hand sollten engagierten Bürgern auf öffentlichem Grund kein Hausverbot erteilen, noch ihre Existenz durch überzogene Klagen gefährden.

Dafür … bezahlt der Bürger nämlich nicht die üppigen Gehälter.

Dafür nicht.

 


 

 



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