Alltagsterror

Ankündigung: Hartz-IV-Erfahrungen

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von realasmodis

Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich aus Hartz-IV raus bin, gar nichts mehr bekomme, nicht mehr versichert bin und mich irgendwie durchschlagen muss. Als einer von 7,11 Millionen Menschen in diesem, unserem so genannten Sozialstaat. Ich zähle zu denen, die man offiziell als „Stille Reserve“ bezeichnet und die nicht mehr in der durch und durch gefälschten Arbeitslosenstatistik auftauchen.

Inzwischen habe ich mich entschlossen – da ich hinsichtlich H4 auch keine Sanktionen mehr zu befürchten habe – Klartext über das für mich zuständige Jobcenter zu reden. Denn die können mir nichts mehr. Ich werde den Namen dieses Jobcenters hier allerdings nicht nennen, doch mit einem Blick in mein Impressum lassen sich unschwer die richtigen Schlüsse ziehen.

Die Namen der beteiligten Mitarbeiter habe ich verändert. Wer jedoch mit der Mischpoke schon zu tun hatte, wird vielleicht die Veränderung bemerken und die realen Namen erahnen können. Das ist Zufall. Dafür kann ich nichts. Die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten werden also gewahrt bleiben. Der Tatsachenbericht stützt sich auf transkribierte Bandaufnahmen, Schriftwechsel und im Nachhinein angefertigte Gesprächsprotokolle. Bisher habe ich etwa die Hälfte des Materials aufgearbeitet.

Der Bericht liegt in einer Linie mit „Iris Bücker: Die Hartz IV Ratte: Tagebuch einer Bettlerin“ oder mit „Brigitte Vallenthin: »Ich bin dann mal Hartz IV«: (K)Ein Einzelfallbericht„. Er wird zeigen, dass die beiden Autorinnen sich ihre (schlechten) Erfahrungen keineswegs aus den Fingern gesogen haben, sondern dass die nur stellvertretend für viele andere stehen.

Ich werde meinen Erfahrungsbericht in mehreren Teilen hier im Blog veröffentlichen. Vom Umfang des Materials her wird der Bericht mindestens den Inhalt eines Taschenbuchs haben. Ob ich daraus allerdings im Nachhinein ein PDF-E-Book (selbstverständlich zum Gratisdownload) mache, weiß ich noch nicht. Ich hoffe allerdings, dass dieser Bericht einigen Leuten die Augen öffnen wird. Ich habe mich dabei bemüht, so sachlich wie irgend möglich zu bleiben. Ich weiß nicht, ob mir das immer gelungen ist. Ihr dürft jedenfalls gespannt sein!

 

– Oder: Absturz aus der Mittelschicht –

Prolog

Dies ist mein dritter und dieses Mal ausführlicher Bericht zum Thema „Hartz-IV“. Zuerst schrieb ich in diesem Kontext „Fordern statt Fördern – Ein satirisches Märchen aus der Bananenrepublik Absurdistan“. Das Märchen stellte ich im Internet zum Gratisdownload zur Verfügung, weil die Zielgruppe – nämlich die Arbeitslosen – ohnehin kein Geld für Luxusausgaben hat. Und der Kauf eines Buches ist Luxus. Später machte ich das Buch, das dazu diente, den noch nicht von Hartz-IV Betroffenen die Augen zu öffnen, zum Selbstkostenpreis (d. h. ohne Verdienst für mich) auch in gedruckter Form verfügbar. Das geschah im Jahr 2008. Deswegen bekam ich Probleme mit der Bundesagentur für Arbeit (BA). Aber davon an anderer Stelle mehr.

Im Sommer 2010 – da bekam ich vom Staat schon keinen müden Cent mehr – veröffentlichte ich in meinem Blog die „Jobcenter-Chronologie„. Das war die Kurzfassung des jetzt erscheinenden Tatsachenberichts. Einige Leser hielten das für erstunken und erlogen, andere bestätigten die Richtigkeit meiner Erfahrungen. Weil es ihnen ähnlich ergangen ist. Ich versichere aber, dass sich alles so wie beschrieben abgespielt hat. Allerdings kann ich hier nicht ordnerweise Belege und Gesprächsprotokolle präsentieren, denn dafür reicht der Speicherplatz einfach nicht aus. Mal abgesehen davon betrachte ich das auch als persönliche Unterlagen und irgendwo muss mit dem Publizieren mal Schluss sein. Seither ist einige Zeit vergangen. Vieles hat sich verändert. Die Downloadzahlen des Buches sind fünfstellig geworden und auch in meiner eigenen „Hartz-IV-Karriere“ haben sich gravierende Neuerungen ergeben. Neuerungen, die zum Anlass für diesen Erfahrungsbericht genommen wurden. Neuerungen zum Negativen hin.

Doch auch davon später mehr. Zunächst einmal ist es wohl erforderlich, dass ich ein paar Hintergrundinformationen zu meiner Person gebe. Also, wer bin ich? Ich bin zu dem Zeitpunkt, an dem diese Zeilen entstehen (im Jahr 2011) ein 53jähriger Familienvater, der seit nunmehr sieben Jahren arbeitslos ist und Deutscher seit Geburt. Meine Vorfahren sind vor rund 500 Jahren mal aus Norwegen als Bergleute in den Harz gekommen.

Die Zeit der Arbeitslosigkeit ist durch rund 30 prekäre und befristete Jobs, teils auch Ehrenämter, immer mal wieder unterbrochen worden, u. a. durch selbständige Tätigkeiten wie bspw. dem Schreiben eines Fachbuchs über Synästhesie, eines Sachbuchs über die Volksmedizin und eines Fantasy-Romans. Ich entstamme als Sohn eines Hilfsarbeiters beim Abdecker sozial miesesten Verhältnissen, so dass mir das „Leben auf der Straße“ oder das „Leben in der Gosse“ wirklich nicht gänzlich fremd ist. Ich wollte immer da raus. Zeitweise habe ich das auch geschafft. Dann kam Hartz-IV.

Mit 15 Jahren begann ich zu arbeiten, zuerst parallel zur Schule im Akkord am Fließband. Das Gymnasium verließ ich vorzeitig mit der „Mittleren Reife“, weil meine damals noch sorgeberechtigten Eltern den Standpunkt vertraten, das Abitur „gehöre sich für jemanden von meiner Herkunft“ nicht. Nichtsdestotrotz machte ich Eignungstests und wurde als „hochbegabt“ eingestuft; der spätere IQ-Test bei der Bundeswehr ergab „143“ als Resultat. Meinen ersten Berufsabschluss erlangte ich als chemisch-technischer Assistent (später zum Techniker ausgebaut), wobei ich parallel zum Fachschulstudium auch wieder arbeitete, um mir die privat zu finanzierende Fachschule überhaupt leisten zu können. Im Verlauf der Jahrzehnte an späterer Berufstätigkeit kamen durch ständige Feierabend- und Wochenendausbildungen noch Berufsabschlüsse als Fachkraft für Strahlenschutz, Geselle Elektrotechnik mit Schwerpunkt Digitaltechnik, Mikroprozessortechniker, Ausbilder nach AEVO und Personal Coach hinzu. Ergänzt wurde das durch gut 80 Weiterbildungen. Ich setzte alles daran, mich weiter zu qualifizieren, auch wenn das Familienleben darunter litt. Das war meine Investition in die Zukunft. Eine Fehlinvestition, wie sich herausstellen sollte.

Ich konnte mich also guten Gewissens als bestens ausgebildete und jahrzehntelang berufserfahrene Fachkraft betrachten. Ich schrieb Artikel, insbesondere die noch junge Wissenschaft der Chemometrik betreffend, in Fachzeitschriften und baute mir so einen sehr guten Namen in der Fachwelt auf – nicht nur in Deutschland. Hinzu kamen Programmierarbeiten, teils Freeware, teils kommerziell, teils Webauftritte für Firmen. Dadurch, dass ich Leistung zeigte, häufiger kleine Erfindungen machte und oftmals Überstunden dranhängte, hatte ich es zu Anfang 1990 geschafft: Nachdem ich einer Bude, in die Scientology eingestiegen war, den Rücken kehrte, war ich zum Direktionsassistenten aufgestiegen, hatte Personalverantwortung und leitete EDV sowie Forschung in einem Chemieunternehmen. Das verdiente Geld steckte ich in die Familie, in ein Haus und in ein Auto. Früher – in der Gosse – war mir so etwas unerschwinglich vorgekommen.

Dann wurde der Chef spielsüchtig, verschuldete sich und die Firma. Es kam zu einem obskuren Brand – der das Werk vernichtete – und als kein Lohn mehr gezahlt werden konnte, da gab es stattdessen die Kündigung. Im folgenden Jahrzehnt schlossen sich für mich noch zwei weitere Arbeitsverhältnisse, allerdings merklich schlechter bezahlt, an, bis ich dann im Zuge der „Verjüngung des Personalbestandes“ wie alle über 40jährigen Kollegen rausgemobbt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war ich 46 Jahre alt. Ich hatte 31 Jahre lang gearbeitet und in die Arbeitslosenversicherung zwangseinzahlen müssen. Nun trat der Versicherungsfall ein – unabhängig davon, wie sehr ich das auch zu vermeiden versuchte – und ich musste die Versicherungsleistung beanspruchen. Ob ich wollte oder nicht. Die dabei gemachten Erfahrungen spiegelt dieser Tatsachenbericht wieder. Lediglich die Namen der beteiligten Personen sind – mit Ausnahme von Politikernamen – verändert worden. So entstand der Bericht einer Existenzvernichtung.

Arbeitslos!

Wir schrieben den Herbst des Jahres 2004, als ich arbeitslos wurde. Das Arbeitsamt baute man gerade zur „Bundesagentur für Arbeit (BA)“ um. Ich meldete mich bei dieser Behörde, blauäugig und naiv, wie es sich für ein ehemaliges Mitglied der Mittelschicht gehörte, und ging davon aus, dass die mir schon einen Job besorgen könnten. Dazu waren die schließlich da. Dafür hatte ich jahrzehntelang ganz erhebliche Beiträge eingezahlt. Jetzt mussten die zum Ausgleich auch mal was für mich tun. Unabhängig davon – denn ich fahre immer zweigleisig und verlasse mich nur äußerst ungerne auf andere – suchte ich selbst aktiv nach Arbeit. Jedenfalls erhielt ich erst einmal ALG-I. Aufgrund der zurück liegenden, schlecht bezahlten Jobs zwar nicht viel, aber es reichte. Glücklicherweise waren Haus und Auto zu diesem Zeitpunkt nicht mehr durch Hypotheken belastet. Was Kosten verursachte waren die Kinder. Kinder sind teuer – vor allem dann, wenn sie weiterführende Schulen besuchen. Finanziell hatte ich deswegen auch nur noch sehr wenig Spielraum.

Und ich bekam Einladungen zu Gesprächen über meine berufliche Situation. Genau zwei Stück während der gesamten Dauer meines ALG-I-Bezuges. Im Verlauf dieser Gespräche machte man mir unmissverständlich klar, dass es am sinnvollsten wäre, wenn ich mich selbst um Arbeit bemühen würde, da die dafür zuständige Behörde sich außerstande sah, mir entsprechende Hilfe zukommen zu lassen. Abgesehen davon seien die zuständigen Sachbearbeiter hoffnungslos überlastet. Hmm…, ja – aber worin bestand denn dann eigentlich deren Existenzberechtigung? Aber na schön, kein Thema, denn die eigene Suche nach Arbeit praktizierte ich ohnehin schon. Mit durchschnittlich zwei Bewerbungen pro Woche – also dem Doppelten dessen, was man einem Hartz-IV-Empfänger abverlangen darf – sogar ziemlich intensiv.

Die Zeit verging. Sie verging schnell. Nach 116 Bewerbungen während des ALG-I-Bezuges (davon 34 Stellenausschreibungen aus der BA-Datenbank) hatte ich sage und schreibe null Jobangebote seitens der Behörde erhalten. Inzwischen schrieben wir das Jahr 2006 und das ALG-II bzw. Hartz-IV war eingeführt worden. Noch immer an gesunden Menschenverstand, das Gute im Menschen, soziale Gerechtigkeit und an einen funktionierenden Sozialstaat glaubend, wurde ich wieder bei der BA vorstellig, um zu erfahren, wie es nach dem Ende des ALG-I-Bezuges weitergehen sollte. Denn noch hielt sich bei mir hartnäckig die Überzeugung, aufgrund von mehreren erfolgreich abgeschlossenen Berufsausbildungen sowie jahrzehntelanger Berufserfahrung eine der händeringend gesuchten Fachkräfte zu sein und deswegen über kurz oder lang schon einen neuen Job finden zu können.

Hartz-IV – das waren „die anderen“, die „Arbeitsunwilligen“, „Faulen“, „Unqualifizierten“, die „Sozialschmarotzer“. So jedenfalls stellten es die Medien dar und unsere damalige Regierung stimmte in den Kanon der Demagogie vorbehaltlos mit ein. Ich wusste seinerzeit noch nicht, dass es sich um reine Demagogie handelte, mit der die „neuen Juden“ gebrandmarkt wurden. Ich konnte mir das auch nicht vorstellen, dachte noch an „Medienethik“ u. ä. Humbug. In der BA konnte man mir keine konkreten Auskünfte hinsichtlich des ALG-II geben. Man teilte mir nur die Adresse des zuständigen Jobcenters bzw. der ARGE mit, verbunden mit dem Hinweis, mich dort frühzeitig zu melden, damit keine Unterbrechung meiner Krankenversicherung eintritt. An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass es – da meine Gattin eine kleine, halbtags tätige Beamtin ist – mir selbst und meinen Kindern nicht möglich war, in ihrer Krankenkasse familienversichert zu werden, weil die damit verbundenen Kosten ihren Verdienst überschritten hätten: Beamte versichern sich nämlich privat und Familienversicherungen kosten extra. Und nicht zu knapp!

Meine Frage, wie viel an Hartz-IV ich denn nun erhalten würde, beantwortete man in der BA dahingehend, dass das nicht viel weniger als beim ALG-I sei. Es setze sich nur aus anderen Töpfen zusammen, nämlich Hartz-IV zzgl. Wohngeld, Heizkosten, Beträge für Strom, Wasser, Essen, Bewerbungen usw. Na prima – das hörte sich doch richtig gut an! So langsam begriff ich, warum die Medien in Bezug auf Hartz-IV von einer „sozialen Hängematte“ sprachen! Die „Hartzies“ bekamen offensichtlich vom Staat wirklich alles geschenkt, um es sich nach Herzenslust gut gehen zu lassen. „Wird schon nicht so schlimm werden“, dachte ich und ging frohen Mutes zum Jobcenter. Es wurde auch nicht so schlimm. Es wurde schlimmer. Sehr viel schlimmer! Es wurde ein Albtraum …

 

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