Politik

Alarmismus und andere Verbote in Deutschland: Vorbereitung zum nationalen Opfergang

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Eine neue Bedrohung erscheint die Tage am bundesdeutschen Horizont. „Alarmismus“ wird sie genannt und scheint eine eigenständige Gefahr für Demokratie, Aufschwung und die Rendite aus altersschwachen Atomanlagen zu werden. „Alarmismus“ scheint im Prinzip so schlimm zu sein wie „Sozialromantik“, ein Wort, das die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte mit einem einzigen Federstrich in die Sphäre des weltfremden „Schönen“ verbannt, fort aus der Realität, wo Menschenrechte nichts mehr zu suchen haben.  Es wirken hier Kräfte, über die wir uns keine Gedanken machen dürfen, um nicht mit dem nächsten Tabu belegt zu werden: „Verschwörungstheorien“. Das ist schon fast eine eigenständige medizinisch-psychiatrische Diagnose, die für ein sofortiges Wegsperrren spricht.

„Alarmismus“ ist noch nicht so schlimm wie Sozialromantik oder Verschwörungstheorien, aber er ist ganz groß im Kommen – als Schimpfwort.

„Alarm“ geben ist eigentlich eine ganz natürliche menschliche Eigenschaft. Jahrtausendelang hat man sogar extra Wachen aufgestellt, die beim kleinsten Anzeichen von Unregelmäßigkeiten das ganze Dorf aus dem Bett geläutet haben. Da war auch keiner sauer, da waren alle froh, das der Alarm funktioniert hat. Damals war man ja auch noch frei … frei von Uhren … und konnte morgens dann einfach etwas länger liegenbleiben. Heute geht das nicht mehr. Samstag morgens gegen zehn üben wir oft noch diesen alten Alarmismus,  aber außer dem „Feueralarm“ dürfte wohl dem Normalbürger die Bedeutung der Töne mitlerweile nicht mehr geläufig sein … dabei wäre langsam Zeit für Atomalarm, die ersten „völlig ungefährlichen“ radioaktiven Partikel (die ja – wie berichtet – den Tee besser schmecken lassen sollen) erreichen Deutschland.

Die Probleme unserer Zeit überfordern das Individuum – so argumentiert heute die Welt. Das hätten Politiker auch gerne, nur … wir glauben das wohl nicht so.

Es liegt auch an den Medien, die rund um die Uhr mit Informationen aufwarten, den Einzelnen am Ende aber meist ratlos zurückzulassen: Ist das wirklich so wie dargestellt? Warum berichtet der eine so und der andere so? Wo kommen die Informationen her, und wer hat sie verabreicht? Wie wurden sie zurechtgerückt, und wer hat sie in Bild und Ton gesetzt?

Nun – ratlos lassen sie den Einzelnen nur zurück, wenn er an der eigenen Theorienbildung gehindert wird, die aktiv die Puzzleteile zusammensetzt. Zu schnell erkennt man Absicht hinter der Gestaltung der Information – und schon hat man eine Verschwörungstheorie. Politisches Handeln im 21. Jahrhundert ist offiziell ganz und gar absichtslos, Bomben fallen nach einem vorher festgelegten Zufallsmuster, politische Entscheidungen werden in Anlehnung an die aktuellen Lottozahlen gefällt – jedenfalls sollen wir das glauben.  Deshalb verstehen wir auch nicht, warum ein nordkoreanischer Diktator sein Nachbarland beschiessen darf, ein lybischer Diktator aber einen begrenzten Volksaufstand in der Provinz einfach hinnehmen soll, weil er ansonsten von der Nato zusammengeschossen wird. Wer hier nun als Grund „Wasser“ oder „Öl“ nennt, glaubt schon an Verschwörungen und ist draußen.

Einige Branchen und auch Ministerien investieren längst mehr in die Vermarktung als in die Entwicklung der Pillen oder Politik, die sie verkaufen wollen. Das kann man gut oder schlecht finden; der Markt hat sich so entwickelt. Der Verbraucher will es offenbar so. Er will umgarnt, umworben werden.

Wir wollen belogen werden. Jedenfalls denkt man das von uns. Die Ware ist egal, Hauptsache, sie wird gut verkauft. So bekamen wir eine Westerwelle, einen Afghanistankrieg, einen Guttenberg, Hartz IV oder einen Bankenrettungsplan. Aber seien wir mal ehrlich: wir sind ja auch zu blöde um zu verstehen, was da draussen los ist. Zum Beispiel in der Wirtschaft, siehe Welt:

Den Unternehmen im der ersten deutschen Börsenliga geht es nach der bitteren Krisenzeit wieder gut – und die Vorstandschefs werden dafür belohnt. Im Jahr 2010 stiegen die Vergütungen für fast alle Vorstände der Unternehmen, die im Deutschen Aktienindex (Dax) gelistet sind; in vielen Fällen verdoppeln sich die Saläre der Top-Manager sogar.

Der Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens verdiente im Jahr 2010 im Durchschnitt 4,45 Millionen Euro, das sind 24 Prozent mehr als 2009 – damals lag das Durchschnittsgehalt bei 3,58 Millionen. Das sind die Ergebnisse einer „Welt Online“-Berechnung mit den Zahlen der Unternehmen aus der aktuellen Berichtssaison.

24 % Gehaltssteigerung – um Durchschnitt. Manche liegen sogar bei 100 % – in einem einzigen Jahr. Man fragt sich: warum findet man solche Forderungen nicht auf den Spruchbändern der Gewerkschaften – wieso fordern die nur Mickerbeträge? Wir sollten uns doch alle man von den deutschen Leistungsträgern eine Scheibe abschneiden (hatte man uns oft genug gesagt, wenn es um deren Arbeitseinsatz ging) und ein Ende der falschen Bescheidenheit fordern. Und wenn ich da an die Grundsicherung der Globalisierungsopferfürsorge in Deutschland denke (im Volksmund fälschlicherweise nach einem bekannten Verbrecher „Hartz IV“ genannt) …. die haben noch nichtmal zwei Prozent bekommen, ihre Kinder gar nichts. Da soll aber nochmal geklagt werden, weil die Regierung zwar gut verhandelt aber auch schlimm gepfuscht hat.

Verstehen kann man das nicht – ebensowenig wie diese Sache mit der Atomkraft, siehe Spiegel:

Die Bundesregierung hat sieben Atomkraftwerke vorläufig abgeschaltet, scheint aber nicht zu wissen, ob das Folgen für die Endverbraucher hat: Die Kanzlerin warnt vor steigenden Preisen – andere Politiker widersprechen. Was stimmt denn nun?

Ich sage: klar wird das teurer. Atomkraftwerke laufen lassen führte schon zu Preissteigerungen, sie abzuschalten dürfte noch teurer werden: die 500-Prozent-Rendite muss eingefahren werden, viele Leistungsträger haben sie schon jetzt verplant – die darf man jetzt nicht im Regen stehen lassen.  Im Regen dürfen wir stehen – und wir sollen auch noch Spaß daran haben, so jedenfalls wünscht es sich die Zeit in ihrem Anteil des medialen Feldzuges gegen „Alarmismus“.

Das japanische Beispiel sollte vom Westen zur kritischen Selbstüberprüfung genutzt werden. Denn der Vergleich fällt für unsere hektischen Mediendemokratien nicht schmeichelhaft aus. Die Staaten Europas haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg weitgehend in hochindividualisierte, postheroische Gesellschaften verwandelt, in denen Werte wie Ehre und Aufopferung kaum noch zählen. Gesellschaften, die zugleich selbstsüchtiger und verwöhnter geworden sind. Trotz eines historisch einzigartigen Massenwohlstandes und stetig gestiegener Lebenserwartung, herrscht ein Zustand permanenter Ängstlichkeit und grummelnder Unzufriedenheit.

„Ehre“ und „Aufopferung“ – das sind Werte, die uns das Management der Atomindustrie beständig vorlebt, weshalb sie selbst in heldenhaftem Einsatz tagtäglich bei den Reaktoren verweilen, um mit mittelalterlichen Löschversuchen eine atomare Katastrophe zu verhindern und so ihrer Verantwortung (und ihren Bezügen) gerecht zu werden!

Ach nee … machen die ja nicht. Die sind zu beschäftigt damit, ihre Millionenbezüge gewinnbringend anzulegen, da bleibt keine Zeit mehr für Heldentum. Wieder etwas, das wir nicht verstehen.

Vorsichtshalber wird auch schon mal Entwarnung gegeben, um den gesamtgesellschaftlichen Alarmismus gänzlich der Lächerlichkeit preis zu geben:

Auch wenn sich hoffnungsvoll stimmende Indizien mehren –es kann sein, dass es den Rettungsmannschaften an den Atommeilern gelungen ist, das Schlimmste zu verhindern. Kein Wunder, dass die Techniker und Feuerwehrleute als „Helden von Fukushima“ gepriesen werden, bereit, Gesundheit und Leben zu riskieren, um Schaden von ihrer Nation abzuwenden.

Jedenfalls kann man das einfach mal behaupten, weil es gerade so in den Kram passt. „Realität“, „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ interessieren nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn man uns auffordert, die Japaner in punkto „Aufopferung“ zu übertreffen … was Übles ahnen läßt bezüglich des wirklichen Zustandes unserer AKW´s, über die man uns bislang sicherheitshalber nicht so umfangreich in Kenntnis gesetzt hat.

Zeitgleich zu dem Opferartikel der Zeit berichtet Petra Kolonko aus Seoul (bzw. aus sicherer Entfernung) für die FAZ folgendes:

Die Lage in Japan wird immer schlimmer: Die Radioaktivität breitet sich noch weiter aus und liegt am Rande der Evakuierungszone nun 1600 Mal über dem Normalwert. Und Gemüse kann nun auch aus der Provinz Ibaraki nicht mehr gegessen werden.

Auch die Welt scheint noch nicht bereit zum Opfergang:

Hitze, Rauch und Strahlung verhindern bislang, dass das AKW Fukushima unter Kontrolle gebracht werden kann. Ein Experte weist auf neue Risiken hin.

Nun fangen auch die bislang stabilen Restreaktoren an  zu rumoren … aber wir reden da besser nicht drüber. Nachher betreiben wir noch „Alarmismus“ – und das wird zunehmen verboten zugunsten einer neuen Philosophie, die uns dazu anleiten soll, begeistert in den Tod zu gehen für eine höhere Sache: die Rendite der Vorstände!

Vielleicht ist unser Opfergang aber nicht nuklear, vielleicht können wir uns auch aus den zukünftigen Kriegen um Wasser und Öl heraushalten und wieder mal gut daran verdienen, allen unsere Waffen zu verkaufen, aber dem dritten apokalyptischen Reiter (neben Pest und Krieg) können wir uns kaum entziehen: dem Hunger – jedenfalls, falls wir in dieser Angelegenheit keine Bremse finden, siehe Handelsblatt:

Griechische und deutsche Banken könnten bei einer Umschuldung zusammenbrechen, warnt Griechenlands Ministerpräsident Papandreou. Sein Land nähert sich rapide dem Schuldenkollaps – die Steuereinnahmen brechen weg.

Aber Papandreou hat halt sein Geschäft gelernt. Seine Marketingabteilung hat ihn mit überzeugenden Argumenten ausgestattet. Zwar hat er immer weniger Geld, aber dafür zünftige Versprechungen:

„Wir werden jeden Cent zurückzahlen. Deutschland bekommt sein Geld zurück – und zwar mit hohen Zinsen“, sagte Papandreou im „Stern“. Der deutsche Steuerzahler werde mehr zurückerhalten, als er verliehen habe.

Woher er das Geld nehmen wird, um den deutschen Steuerzahler auszuzahlen? Nun – vom deutschen Steuerzahler. Woher sonst?

In dem Zusammenhang und mit Blick auf die europäische Zukunft möchte ich nochmal die Zeit zitieren, deren Autor uns das japanische Wesen als beispielhaft vorführt:

Niemand kann leugnen, wie gefasst die Japaner auf Verwüstung und Tod reagierten, die Würde, mit der sie herbe Schicksalsschläge ertragen, die Ruhe, mit der sie Entbehrungen und Versorgungsengpässe hinnehmen, wofür auch das Fehlen jeglicher Plünderungen spricht, – all das stimmt optimistisch für die Fähigkeit der Nation, auch diese schwere Krise zu bestehen.

Verwüstung, Tod, Entbehrungen, Versorgungsengpässe … und KEINE PLÜNDERUNGEN! Das eine steht uns bevor, das andere erwartet man von uns. Der Leistungsträger möchte immerhin nicht beunruhigt in die Zukunft blicken.

Also, ich finde: irgendwie ist das doch alles gar nicht so schwer zu verstehen, oder?

 

 

 

 



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