Politik

Fukushima, Tschernobyl und die FDP

Von hier aus gelangen Sie auf die Autorenseite von und koennen alle kommenen Artikel mit "Link speichern unter" abonieren.

Japan hat ja geradezu ultimative Strahlenerfahrung, wie mancher sich vielleicht noch erinnern wird…

Jaja, ich weiß – die Bombe(n) war(en) ja auch als ultimative Waffe gedacht und wurde als solche von Menschen gegen Menschen eingesetzt; das aktuelle Unglück – über dessen tatsächlichen Ausmaße noch nur spekuliert werden kann – ist ja der Mutter Natur geschuldet; Atomkraft ist doch in Wahrheit ganz sauber und sehr sicher.

Dumm nur, das der Mensch die Natur zerstören, aber eben nicht wirklich beherrschen kann, denn was wir unter GAU verstehen ist eben nicht der größtmöglich anzunehmende Unfall, sondern nur das was gerade noch so von der Sicherheitstechnik der Anlage beherrscht werden kann.

Alles andere nennt man dann Super-GAU.

Kernschmelze(n) ja, Kernschmelze(n) nein – niemand will sich festlegen bzw. die Börsenkurse gefährden; Menschen und deren Leben sind ja schon lange lediglich Kostenfaktoren.

Hierzulande regt sich derweil erneut Widerstand gegen die längst beschlossene Laufzeitverlängerung der AKW, selbst der ein oder andere aus schwarz-gelben Kreisen erkennt das als möglicherweise fatalen Fehler an, der umgehend oder zumindest alsbald korrigiert werden sollte.

Muß“ fände wohl nicht nur ich treffender, denn hinter „sollte“ versteckt sich ja nur allzuoft ein „muß nicht„.

Das „Moratorium“ ändert daran nichts, denn es soll ganz offensichtlich die Diskussion nur über die anstehenden drei Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Badem-Würtemberg und Rheinland-Pfalz hinaus verschieben um keine Wahlschlappe einzufahren.

Natürlich – so die Befürworter der Atomenergie – könnte es niemals eine 100%ige Sicherheit geben, aber damit müßte man nunmal leben. Auch der Erwerb des Führerscheins ist ja keine Garantie dafür, das es keine Verkehrstoten gibt, schon klar.

Das tieferliegende Problem liegt aber in der Dauer – den Radfahrer überfährt man und er verbringt den Rest seines Lebens im Krankenhaus; letztlich keine wirklich weltbewegende Angelegenheit.

Ein Super-GAU – also ein Störfall, der die schlimmsten Annahmen der Planer überschreitet – wirkt deutlich länger. Vom Atommüll und dessen immer noch nicht zufriedenstellend geklärtem Entsorgungsproblem reden wir dabei noch gar nicht, obwohl das ja mit 100%iger Sicherheit auf uns …nein, nicht zukommt; wir haben dieses Problem ja schon.
Und unsere Kinder. Deren Kinder. Und noch viele, viele Generationen danach.

Geht es um andere Themen – bspw. „normalen“ Müll oder die Sozialkassen – dann, ja dann interessiert „uns“ die Zukunft und die Kinder und Kindeskinder müssen dafür herhalten, das die aktuell lebenden Menschen nicht deren Erbe leichtfertig verspielen dürfen…

Vizekanzler und Außenminister Westerwelle lehnt ja derweil eine Debatte über AKW’s ab weil er offensichtlich nicht multitaskingfähig ist, denn man könne ja kaum sofortige Hilfe anbieten und gleichzeitig die dringend notwendige Debatte über den Ausstieg aus dem Ausstieg vom Ausstieg führen:

Jetzt sei angesichts des tausendfachen Leids nicht die Zeit für parteipolitische Debatten über die Risiken der Atomkraft, betonte der Außenminister. Deutschland werde Japan alle erdenkliche Hilfe anbieten. (Quelle)

So ein paar Holzkreuze sind dabei doch recht schnell und bürokratisch von Ein-Euro-Jobbern zusammengeschustert, daran kann es also nicht liegen.

Dann wohl eher daran, das eine erneute – bzw. wieder aufgeflammte – Diskussion über die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke zu diesem Zeitpunkt den Menschen deutlich machen würde, welches Gefahrenpotential in dieser Technologie schlummert, da Tschernobyl & Harrisburg wohl längst vergessen sind. Oder Hiroshima.

Gefahren, welche die FDP gut getarnt gerne abwiegelt, auch in öffentlichen Schulen, getarnt als „Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V“:

Seriös und überparteilich kommt es daher, das „Arbeitsblatt“ für die 9. und 10. Klasse zum „Unterrichtsthema: Atomkraft“. Es gibt einen einleitenden Text zum „Schock im Januar 2009“, als Russland im Streit mit der Ukraine den Gashahn zudrehte, sowie über die Sorge, ob Energie bald „unbezahlbar“ werde. Und es gibt neun Zitate zur Kernkraft, darunter von RWE-Chef Jürgen Großmann, einem FDP-Wirtschaftsminister, einem Physiker, von Greenpeace und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Die Schüler sollen „die Argumente in einer Tabelle nach ,Pro‘ und ,Kontra'“ ordnen. Sechs Zitate, satt gefüllt mit Fakten und Zahlen, sind schnell als Beiträge pro Kernenergie identifiziert. Die drei Gegenstimmen erschöpfen sich in schlichten Feststellungen wie jener des BUND: „In Deutschland brauchen wir die Atomkraft nicht, die erneuerbaren Energien können sie spielend ersetzen.“

Derart munitioniert werden die Schüler aufgefordert, die „eher schwachen“ und die „überzeugenden“ Argumente zu benennen. Und wer noch immer nicht vom Segen der Kerntechnik überzeugt ist, der wird sicher gleich bekehrt sein, wenn er in der folgenden Aufgabe „die Interessen der Arbeitnehmer“ berücksichtigen soll. Als Denkanstoß präsentiert das Unterrichtsmaterial eine Passage aus der „Wirtschaftswoche“ vom 16. Februar 2009: „Die Atomindustrie blüht und wächst. Inmitten der Wirtschaftskrise gibt es sogar neue Arbeitsplätze und Aufträge aus dem Ausland.“

Nein, er könne nicht nachvollziehen, was daran einseitig sei, verteidigt Michael Jäger das Arbeitsblatt, „wir haben kein Problem darin gesehen“. Jäger ist Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung e. V., die auf ihrer Internetseite für das Material wirbt und es zum Download anbietet. Der Verein hat sich das hehre Ziel gesetzt, „die Bildung und Erziehung der Jugend zu fördern“. Dazu gibt er Unterrichtsmaterial aller Art heraus, angeblich werden monatlich rund 50.000-mal Arbeitsblätter im Netz abgerufen.

Auf den ersten Blick scheint die Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung über jeden Zweifel erhaben; sie nennt sich unabhängig und ist laut Satzung gemeinnützig.

Der Unterrichtsbogen zur Kernenergie wirkt jedenfalls wie ein Propagandapapier der Atomlobby – und das ist er auch: Herausgeber ist der Informationskreis Kernenergie, der die Interessen der deutschen Betreiber von Atomkraftwerken vertritt.

Eine gemeinnützige Organisation gibt sich für Lobbying her? Die Erklärung ist so erstaunlich wie simpel. Hinter dem Verein steckt ein kommerzieller Verlag. Sein Angebot: interessierte Wirtschaftskreise in Kontakt mit Schülern zu bringen. Sein Eigentümer, zu 50 Prozent: die FDP.

Neben der FDP gehört das Unternehmen der Media Holding von Siegfried Pabst. Pabst, ein langjähriges FDP-Mitglied, leitete früher den FDP-Bürgerfonds und sammelte im Wahlkampf 2005 eifrig Spenden. Er ist Gesellschafter und Geschäftsführer des Universum Verlags, und er sitzt im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Jugend und Bildung als deren Schatzmeister.

Auch der Leiter des Geschäftsbereichs für Kinder, Jugend und Schule bei Universum garantiert kurze Wege und minimale Reibungsverluste: Es ist Michael Jäger, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft. (Quelle)

 



Die letzten 100 Artikel