Politik

Arbeitslosenuniformen retten die Marktwirtschaft

Von hier aus gelangen Sie auf die Autorenseite von und koennen alle kommenen Artikel mit "Link speichern unter" abonieren.

Ich habe ja gerade Grippe. Damit geht ja gar nichts mehr, mit so einer echten Grippe. Jedenfalls für Männer. Biologisch bin ich einer, denke ich, also sollte das für mich gelten. Ich bin aber auch Akademiker und als solcher natürlich sehr beruhigt, wenn die herrschende Presse mir versichert, das ich mir um meinen Job keine Sorgen machen brauche: Akademikern geht es ganz klasse in diesem Land – sagt die Welt:

Eine gute Schul- und Berufsausbildung ist nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern weiterhin der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit. Denn gut ausgebildeten Fachkräften drohe weitaus seltener der Jobverlust als Männern und Frauen ohne einen Berufsabschluss. Von ihnen sei im Jahr 2009 jeder Fünfte arbeitslos gewesen, geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Das IAB ist die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit.

Die Bundesagentur für Arbeit hat eine eigene „Denkfabrik“? Als – das überrascht dann doch. Merkt man denen normalerweise gar nicht an, oder? Was man sich aber ganz dringend merken muß: immer bei einer Zeitung bleiben. Niemals zwei auf einmal lesen – denn das verwirrt. Das kann ich beweisen, indem ich einfach mal zur Zeit greife:

Die Zahl der Lehrbeauftragten ist in zehn Jahren um 40 Prozent gewachsen. Sie unterrichten umsonst oder für fast nichts und hoffen doch auf eine Karriere an der Uni.

Der Artikel liefert auch ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie „Arbeit“ in Zukunft noch aussehen kann: wir bringen einfach alle Geld mit aus Dank dafür, einen Arbeitsplatz zu haben:

Olaf Jann ist einer von 76.773 Lehrbeauftragten an deutschen Unis, die das Statistische Bundesamt 2010 zählte. Die meisten von ihnen verfolgen wie Jann eine akademische Laufbahn. Sie promovieren, habilitieren oder sind bereits als Privatdozenten tätig. Der Lehrauftrag verpflichtet zu mindestens zwei Stunden Seminar pro Woche. Doch das ist längst nicht alles. Dazu kommen Vor- und Nachbereitung, Sprechstunden, Korrekturen von Semesterarbeiten, oftmals Prüfungsleistungen und Betreuungsaufgaben. Dafür erhalten sie, wenn ihr Auftrag überhaupt vergütet wird, ein einmaliges Honorar von durchschnittlich 500 Euro pro Semester. „Faktisch bringt man Geld mit“, sagt Jann.

Zumindest ahnt man jetzt, warum man via Studiengebühren nur noch Reiche an den Universitäten haben wollte. Einen Arbeitsplatz dort können sich arme Leute gar nicht mehr leisten.

So etwas hätte natürlich auch der Denkfabrik auffallen können. Aber primär scheinen die damit beauftragt zu sein, sich Immer Aufschwungfreundliche Berichte ausdenken zu müssen.  Na: Hauptsache, es wird gut bezahlt.

Das diese Berichte einmal ausfallen könnten, befürchten vor allem die Erzfeinde des Kapitalismus: die Unternehmer und die Gewerkschaften, die jetzt einen Schulterschluß gegen die Hartz IV-Reform vollzogen haben. Seite an Seite stehen dort die Kontrahenten der im Abbau befindlichen sozialen Marktwirtschaft und beschweren sich über einen Beschluss, der der BA Geld kosten wird, siehe Welt:

Arbeitgeber und Gewerkschaften warnen vor Milliardendefiziten bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) durch die Hartz-IV-Reform. „Für die Beitragszahler zur Arbeitslosenversicherung haben die Hartz-IV-Beschlüsse milliardenschwere Belastungen zur Folge“, sagte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt „Welt Online“. „Damit droht der Bundesagentur für Arbeit ein dauerhaftes Defizit“, fürchtet Hundt. DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach warf der Bundesregierung „einen unverantwortlichen Raubbau an der Arbeitslosenversicherung“ vor. Die Bundesagentur für Arbeit werde in eine Schuldenfalle getrieben, die zwangsläufig zu Kürzungen für Arbeitslose oder aber Beitragserhöhungen führen werde.

Ein denkwürdiger Moment. Man sollte ihn für die Nachwelt festhalten. Seite an Seite verteidigen Industrie und Gewerkschaft die Behörde gegen die Regierung – wann sieht man so etwas schon? Das erinnert an die Rolle, die die Gewerkschaften in den letzten zwanzig Jahren gespielt haben: wenn immer die Industrie 10% der Mitarbeiter gekündigt hatten, haben die für die Überlebenden fünf Prozent mehr Lohn gefordert (gefordert, nicht bekommen) – so entstand der bundesdeutsche Belegschaftskannibalismus.

Gewinner bei diesem Spiel waren immer die Banken, die stets gerne und großzügig Kapital für den Umbau der sozialen Marktwirtschaft bereitgestellt haben, Kapital, das dann letztendlich nach China floss, wo man so wunderbar billig von Frauenhand produzieren lassen konnte und es den Chinesen erlaubte, wiederum die US-Wirtschaft aufzukaufen.

Man merkt: Banken haben keine Freunde. Auch nicht unter ihren eigenen Anlegern, siehe Welt:

Unter den börsennotierten deutschen Großkonzernen zählen die Banken zu den größten Kapitalvernichtern. Zu diesem Schluss kommt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in ihrer am Donnerstag veröffentlichten „Watchlist 2011“, auf der insgesamt 50 Unternehmen stehen.

Banken als die größten Kapitalvernichter. Wir bauen ein Riesenwirtschaftssystem auf, das immer mehr Geld in die Banken schaufelt, die es dann vernichten. Wie gut, das die deshalb jetzt weg sollen – jedenfalls die supergroßen, siehe Welt:

Einige Finanzinstitute sind so groß, dass deren Pleite weltweite Auswirkungen hätten. Finanzexperten fordern, diese Global Player zu beschränken.

Hier kommt es – wie der Artikel ausführt – zu Schulterschlüssen von SPD und CDU, die ehedem so verfeindet waren wir Gewerkschaften und Unternehmer. Offenbar macht  man sich in diesen Kreisen langsam Sorgen, das nach der nächsten Bankenkrise kein Geld mehr für Diäten übrig ist – und kein Bedarf mehr an Politikern besteht.

Nun – wir wissen es ja seit langem, seit zwanzig Jahren flüstern Lobbyistenverbände der Welt zu, wer die alleinige Schuld an der ganzen Misere trägt: der Arbeitslose. Wäre er nicht so …. so schrecklich faul, so dumm, so unflexibel, so ungewaschen und bärtig, langhaarig, dick, krank, mit Kindern behangen oder einfach alt: die Erde wäre ein Paradies. Ganz sicher. Wir alle hätten unseren Arbeitsplatz, den wir uns für gutes Geld gekauft hätten und alle wären glücklich.

Und damit man die Leute jetzt auch auf der Straße für jedermann erkennbar sind, werden die jetzt uniformiert. Müssen uniformiert werden, denn für sie gelten besondere Gesetze, der Umgang mit ihnen kann laut Welt sehr teuer werden:

Dem Beschluss der Kölner Richter folgend droht Westlotto ein Ordnungsgeld von 250.000 Euro, sollte eine Annahmestelle einen Sportwetten-Schein von einem Hartz-IV-Empfänger annehmen. In der Begründung heißt es, dass die Lottoläden keine Geschäfte mit Personen mehr tätigen dürfen, von denen bekannt ist, „dass sie Spieleinsätze riskieren, die in keinem Verhältnis zu ihrem Einkommen stehen, insbesondere Hartz-IV-Empfänger“.

Wie will man das anders verhindern als durch öffentliche Kennzeichnung der Hartz-IV-Abhängigen? Zum Schutz der Westlotto und ihrer Angestellten scheint das doch jetzt unausweichlich … oder ich bekomme Fieberphantasien. Hören wir Westlotto selbst dazu:

Wie das vom Gericht verhängte Spielverbot für Langzeitarbeitslose bis dahin allerdings in der Praxis überprüft werden soll, ist unklar. „Ich kann doch niemandem ansehen, ob er Hartz-IV-Empfänger ist“, sagte Weber. „Und wir können ja auch kaum zu unseren Kunden sagen, zeigen Sie uns mal bitte Ihren Hartz-IV-Bescheid, dann dürfen Sie nicht spielen.“

Stimmt, er kann es niemandem ansehen.

Das kann man ändern. Hatte die SPD in Frankfurt schon vor sechs Jahren vorgeschlagen, glaube ich.

So führt der Belegschaftskannibalismus auf Kredit zu lebenden Toten auf deutschen Straßen, deren Konsum man dann auch noch ganz anders einschränken kann …

Gut, das ich Fieber habe … eine Prima Ausrede für solche Vorstellungen.

Welche Ausrede haben eigentlich die Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik und Gewerkschaft für solche Zustände?



Die letzten 100 Artikel