Kultur

Arizona: Blutbadausschlachtung leicht gemacht

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Man sollte Blutbäder nicht ausschlachten, dachte ich mir gestern, zumal, wenn es ein so kleines war. Manche dieser Blutbäder sind bedeutend, weil sie auf substantielle Veränderungen in einer Gesellschaft hinweisen, andere aber sind … einfach normal.  Massenmörder gehören in den USA zum Alltag. Rudimentär kann ich mich an ältere Daten erinnern, die von 600 aktiven Serienmördern in den USA sprachen, während man in Deutschland bei einem Drittel der Bevölkerung nur auf ein paar kam … zehn wurden 2004 vermutet.

Im Heimatland das Kapitalismus knallt man die Konkurrenz gerne mal über den Haufen – das schafft den größten Profit. Da US-Konzerne per Gesetz verpflichtet sind, den größtmöglichsten Gewinn ohne Rücksicht auf Verluste zu erwirtschaften (und deshalb eigentlich schon im Prinzip als kriminelle Vereinigung gelten müßten), ist es ein Wunder, das noch so viele amerikanische Bürger irgendwie überleben.

Auf der anderen Seite der Grenze sterben diese Massen schon. Dort gab es die Ciudad Juarez, laut Sächsische Zeitung die „Welthauptstadt der Frauenmorde„.  Schon mal gehört? 28 Frauenmorde im Jahr – kräht kein Hahn nach, erst recht nicht, seitdem die Drogenbarone so mächtig geworden sind, das sie selbst der mexikanischen Armee Paroli bieten können. Das die finanzielle und politische Macht jener Kartelle um ein vielfaches größer ist als die Macht von al Kaida (wie schreibt man das eigentlich momentan, aktuell?) , ist eigentlich kein Geheimnis – aber wen interessiert das schon. Mafia und Massenmörder sind akzeptierte Bestandteile der amerikanischen Kultur, die nicht umsonst auch in Kinofilmen verherrlicht werden … ich denke da an den „Paten“ oder „Natural Born Killers“.

In diesem Kugelhagel sterben zwangsläufig auch mal „Lichtgestalten der Politik“ – sogar einen erlöserhaft präsentierter US-Präsident mußte dran glauben … und auch kam man schnell in den Dunstkreis der Mafia.

Eine solche Kultur färbt natürlich auch auf die Sprache ab, wie man in der Zeit lesen kann:

Sarah Palin arbeitete mit Wahlkreiskarten, auf denen sie demokratische Gegner mit einem Fadenkreuz versah. In Anspielung auf den überraschenden Sieg des Republikaners Scott Brown bei der Senatsnachwahl in Massachusetts im Januar 2010 gab sie die Parole aus, die Kongresswahl im November sei die Gelegenheit „to reload“ – nachzuladen. Giffords republikanischer Herausforderer in Arizona war der 29-jährige Jesse Kelly, Unteroffizier bei der Elitetruppe US Marines. Er bat um „Hilfe, Gabrielle Giffords aus dem Amt zu entfernen“ und lud direkt danach dazu ein, „eine vollautomatische M 16 mit mir leer zu schießen“, das Schnellfeuergewehr der Marines.

So sind die halt, das ist ihre Kultur.  Wenn die was nervt, dann ballern die. Die brauchen auch keinen Grund dafür. Der deutsche Journalist sucht ja schnell nach einem Raster, das zu erkennen gibt, ob der Schütze der CDU oder der SPD nahe gestanden hätte. Das wird hier laut FAZ schwierig:

Der mutmaßliche Mörder Loughner verabschiedete sich vor seiner Bluttat mit einem Eintrag auf seiner Facebook-Seite und kündigte an, er werde „etwas beweisen“. Auf der Internetseite „MySpace“ und auf „YouTube“ gab er zudem weitere Einblicke in sein Innenleben, bezeichnete als eines seiner Lieblingsbücher etwa Hitlers „Mein Kampf“, aber auch das „Kommunistische Manifest“ von Karl Marx. Die meisten Menschen im achten Wahlbezirk von Arozina, den die Abgeordnete Giffords vertrat, bezeichnete er als „Analphabeten“. Außerdem wurde bekannt, dass sich Loughner im September 2008 vergeblich um die Aufnahme in das amerikanische Heer beworben hatte. Die Tatwaffe, eine halbautomatische Glock 19 mit etwa 30 Schuss Neun-Millimeter-Munition, soll Loughner am 30. November offenbar legal bei einem Waffenhändler in Tucson erworben haben.

Laut „Zeit“ las er aber auch gerne Alice im Wunderland.  Paßt aber gerade in unsere neu aufgelegte Kommunistenhatz. Wer das kommunistische Manifest liest, kann ja nur ein Amokläufer wie Hitler sein. In der „Zeit“ erfährt man nebenbei, das das Opfer auch Jüdin war, aber das ist bislang niemandem groß einen Kommentar wert. Das Menschen, die „Mein Kampf“ lesen, schon mal Juden erschiessen, dürfte so bekannt sein, wie die Tatsache, das auch Marx kein Freund dieser Religion war.

Für den Spiegel ist es jetzt schon klar, wer Schuld an der Entwicklung hat: das Internet.

Und über das Internet bahnt sich Hass blitzschnell seinen Weg in Millionen E-Mail-Konten. Nach den Anschlägen in Oklahoma dauerte es Tage, bis die Schuldfrage wirklich in Gang kam. Das Internet war damals noch weitgehend ein Spielzeug für Computerfreaks. Diesmal beginnen die Debatten nach wenigen Minuten.

So kann man den Amoklauf dazu benutzen, nebenbei mal auf die Hassautobahn hinzuweisen, ohne die es möglicherweise die Anschläge ja gar nicht gegeben hätte. So bildet sich das Volk schneller eine Meinung, ohne das ein Chefredakteur sie abgesegnet hat – eine grauenhafte Vorstellung.

So wird dieses Blutbad auch im Internet weidlich ausgeschlachtet, jeder sieht seine Theorie dadurch bestätigt. Cyberweiber.at sieht das Opfer deutlich in seiner Rolle als Frau und kritisiert gleichzeitig einen Artikel von Radio Utopie, die wohl eher das Militär hinter dem Attentat vermuten.

Die Welt erlaubt sich noch eine kleine Extrabreitseite auf … Weltuntergangsfans:

Demnach habe Loughner zuletzt gerne über Prophezeiungen der Maya diskutiert, denen zufolge die Welt 2012 untergehen werde. Parker schrieb weiter, Loughner habe die Punkband „Anti-Flag“ gemocht und linken Sichtweisen zugestimmt.

Der erste Reflex des Menschen der Moderne: wem gehört der Täter und die Tat politisch – und wen kann man mit der Tat so richtig fertig machen.

Liest man einfach einmal quer durch, so kommt einem ein übler Gedanke: der Täter hat vielen einen Gefallen getan. Der Tea-Party und ihren Gegnern, den Demokraten und ihren Gegnern, den Frauen und ihren Feinden, dem Militär und seinen Gegnern, den Esoterikern und ihren Feinden.

Wie langweilig wäre doch die Medienwelt gewesen, wenn der nicht geschossen hätte.

Dabei ist – auch wenn es in manchen Nachrichtenmagazinen ganz tolle neue Statistiken gibt, die anderes andeuten – Amerika ein Land der Gewalt. Da schießt man halt, nur meistens trifft es Unbekannte. Nur in der Statistik wird es friedlicher, was laut Zeit einen besonderen Grund hat:

Während nämlich vor 40 Jahren ein Angeschossener, ein Angestochener oder anderweitig Schwerverletzter kaum eine Überlebenschance gehabt habe, reanimiere die moderne Notfallmedizin heute noch Dreivierteltote.

In Wirklichkeit, sagen die Mordforscher, grassiere in der Welt die Gewalt.

Die Rate schwerwiegender körperlicher Attacken habe in den vergangenen 70 Jahren in den USA um 750 Prozent zugenommen.

Na ja, jetzt habe ich die Tat dann doch auch mal ausgeschlachtet.  War doch mal wieder ein passende Gelegenheit, auf das Phänomen hinzuweisen, das die meisten amerikanischen Großstädte (die jetzt – statistisch gesehen – friedlicher als in den 90´er Jahren sind) jede für sich allein mehr Morde aufweisen als die ganze Bundesrepublik Deutschland. Aus der Antwort auf die Frage, warum das wohl so ist, könnte man vielleicht was lernen – jedenfalls mehr als aus den Versuchen der politischen Amoklaufvermarktung




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