Politik

2011 – alles wird teurer, Internet kommt weg und Deutsche sind froh wegen gelungener Beschäftigungstherapie

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Was kommt im nächsten Jahr? – eine Frage, die sich jedes Jahr wiederholt. Eigentlich mal Zeit, selbst ein wenig in die Zukunft zu blicken. Der Brüderle von der FDP wagt ja laut Welt einen ganz großen Blick nach vorne:

„Wir sehen einen nachhaltigen Aufschwung, der durchaus über die kommenden Jahre anhalten könnte. Angesichts der rückläufigen Bevölkerung in Deutschland und des Fachkräftemangels in der Wirtschaft könnte es ein Jahrzehnt der Arbeitnehmer werden“, sagte Brüderle der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“.

Als ob nicht schon das letzte Jahrzehnt das Jahrzehnt der Arbeitnehmer war. Immerhin haben sie durch Lohnverzicht und unbezahlten Überstunden dafür gesorgt, das wir in ganz Europa billige Waren verkaufen konnte – man hätte uns „Klein-China“ nennen können, es fehlten eigentlich nur noch die blauen Anzüge. Das wir die Einheitspartei irgendwie schon haben und nur noch ihre Fraktionen sich um ein paar Prozent Wählerstimmen streiten,  könnte man angesichts der aktuellen Politik ja mal denken. Ein Parteinahme wäre auch schon: Neoliberale Einheitspartei der Prominenz – kurz NEPP.  Nun, es wird wohl einer der letzten Auftritte Brüderles geworden sein, die FDP als Partei der Zahnärzte und Hoteliers merkt gerade, das sie die Zahl der reichen Zahnarztpraxen in Deutschland unterschätzt hat, die liegen in ihrer Summe deutlich unter fünf Prozent.

2011 wird auf jeden Fall das Jahr für Arbeitnehmer, wo sie mal wieder das machen können, was sie am liebsten tun, nämlich – laut Manager-Magazin – alles bezahlen:

„Mehr Netto vom Brutto.“ Mit diesem Versprechen war Schwarz-Gelb angetreten. Doch davon ist kaum noch die Rede. Im Gegenteil verheißt der Blick auf die wichtigsten Änderungen in 2011 wenig Erfreuliches. Der Bürger muss sich in vielen Bereichen auf steigende Belastungen einstellen.

Stromkosten steigen rasant, was den Hartz IV-Regelsatz automatisch drastisch kürzt, Beiträge für die Krankenkassen erreichen wie die Honorare niedergelassener Ärzte Rekordhöhen, steigende Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, Luftverkehrssteuer – da kommt mal wieder ganz schön was zusammen.

Der sicher größte Schlag gegen die freie Welt wird jedoch in den USA vorbereitet: die Eleminierung des Störfaktors Internet.  Nach dem Drama mit Wikileaks, das uns zeigte, wie übel die USA über ihre Kollegen denken, welche Kriege angedacht und welche Verschwörungen gestrikt wurden – obwohl es sie nicht geben darf – nach dem ganzen Schmutz auf unserer mulitmedialen Disneybrille holt die Korporatokratie, die Diktatur der Konzerne, laut Handelsblatt zu einem letzten großen Schlag aus, um diese lästige Konkurrenz der ökonomisch und politisch gesteuerten Meinungsbildung zu beseitigen:

Das Internet wird sich wandeln: In den USA wurden am Dienstag die Spielregeln für das weltumspannende Datennetz neu festgelegt. Mobilfunker erhalten danach mehr Macht. Der Datenfluss soll stärker gesteuert werden. Internet-Aktivisten sind damit alles andere als zufrieden.

Es war eigentlich zu erwarten, das die Konzernwelt irgendwann mal darauf hinweist, wem eigentlich die ganzen Netze gehören, mit deren Hilfe ja auch schon mal ganz gute Geschäfte gemacht werden. Ohne Kabel – kein Internet. Und Kabel ist teuer.

Der deutsche Arbeiter jedoch freut sich. Ihm geht es einfach super. Ich weiß nicht, was die ihm ins Trinkwasser geschüttet haben, aber es wirkt laut Focus sehr gut:

Deutschen Arbeitnehmern geht es „hervorragend“

Eurokrise? Staatsverschuldung? Die deutschen Arbeitnehmer lassen diese Probleme kalt. Sie blicken ausgesprochen zuversichtlich in die Zukunft – ein paar versprengte Pessimisten fallen da kaum ins Gewicht.

Den deutschen Arbeitnehmern geht es mitlerweile so gut, das man ihnen die Wahrheit offen ins Gesicht sagen kann – wie zum Beispiel hier die FTD:

Aber wenn man lange nachdenkt, erkennt man: Es geht gar nicht darum, dass gewisse Berufsgruppen unsere Lebensqualität verbessern, sondern darum, dass sie beschäftigt sind und nichts Schlimmeres anstellen.

Denn, und das ist die Ursache des ganzen Problems, es braucht bei Weitem nicht die gesamte Erwerbsbevölkerung, um in einem Industrieland alle Bedürfnisse des täglichen Lebens abzudecken. Die Landwirtschaft ist nur das gängigste Beispiel der Freisetzung menschlicher Arbeitskraft durch Produktivitätssteigerung im letzten Jahrhundert. Wohin aber nun mit dem geballten Arbeitspotenzial? Hier kommt das Paralleluniversum der Banken und Fonds ins Spiel. Denn Hunderttausende hoch bezahlter Investmentprofis, die alle versuchen, irgendeinen Index zu schlagen – bekanntlich insgesamt ein Nullsummenspiel -, oder Banker, die Firmen heute zum Kauf und übermorgen zum Verkauf einer Firma raten – natürlich braucht das kein Mensch. Aber so reguliert, dass die Handlungen dieses Paralleluniversums eine möglichst geringe Wirkung auf die reale Welt haben, und schon sprechen wir von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mit einem gewissen Unterhaltungswert. Vielleicht ist das einfach der Preis, den Industrieländer für den Fortschritt zahlen müssen.

Bleibt einem da nicht erstmal die nächsten zwei Stunden der Mund offen stehen? Das muß man doch mehrmals langsam und genüßlich lesen. Die ganze Bankenkrise nur als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme? Der Ruin tausender Menschen … als Beschäftigungstherapie? Hartz IV, Fachkräftemangel, der Kampf ums Überleben in einer globalisierten Welt … alles eine Lüge, um die Wahrheit zu verschleiern, das wir alle gemütlich an einer gerechten, glücklichen Gesellschaft basteln könnten anstatt von einem Herzinfarkt zum nächsten zu rasen? Und das wird immer so weitergehen, weil der Deutsche einfach so wider alle Umstände glücklich vor sich hingluckst?

Na, dann … ist ja alles in Ordnung.

Aber jetzt versteht man auch, warum sich eigentlich niemand mehr drum kümmert, das ein Millionenheer deutscher Bürger durch die Agenda 2010 entwürdigt werden. Für die einen sind das „Asoziale“, für die anderen „Lumpenproletariat“.  So was – muß einfach nur weg. Und das geht ja auch ganz gut, in dem man einfach die Kosten erhöht … und irgendwann entsorgt sich das Problem dann ganz von alleine.

Zu düster?

Einfach mal zu einem Parteitag der Linken gehen und bedingungsloses Grundeinkommen fordern….und dann ganz genau hinhören.



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