Medien

Wikileaks und Journalisten als geistige Führer der Menschheit

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Am 3. November 2009 erschien im österreichischen Standard ein Artikel über die Zukunft des „Qualitätsjournalismus“.  Der „Journalist“ macht sich Sorgen über seine Konkurrenz aus dem Internet, das sich frecherweise erlaubt, ohne Rücksicht auf Chefredakteur, Werbepartner und Befindlichkeiten der Regierungspartei einfach so Informationen zu verbreiten.

Die Konsequenzen, die aus dieser Tatsache gezogen werden, werfen ein interessantes Licht auf die Sichtweise der bezahlten schreibenden Zunft.

Vielmehr müsse die journalistische Qualität als professionelles Handwerk betrachtet werden: „Wir wollen auch nicht von ‚Bürgerpiloten‘ nach Mallorca geflogen werden oder von ‚Bürgerchirurgen‘ operiert werden“

Das meint jedenfalls Christoph Fasel, Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft der Hochschule Calw, bei einer Tagung der US-Botschaft und des Kuratoriums für Journalistenausbildung in Wien. Dazu müsste die Zeitungen jedoch auch angemessen auf die aktuelle Medienkrise reagieren, die Qualitätszeitungen müssten deutlich teurer werden.

Qualitätsnachrichten werden also nur noch für Besserverdienende? Oder denken Professoren, die wie Arbeitslose von „öffentlichen Almosen“ leben, nicht mehr über die eigene Brieftasche hinaus? Politische Bildung und Information ist ja vielleicht auch nichts für den arbeitslosen Bürger, das sollte er besser den Experten überlassen – wie auch die Politik, die Wirtschaft, die Erziehung, Bildung und das Gesundheitswesen. Nur … bezahlen, das soll er schon. Am Besten in Form von GEZ- gebühren, damit es überhaupt keinen Zusammenhang mehr zwischen Leistung (Gebühren) und Ware („Wetten dass“) gibt.

Das es Tagungen  einer US-Botschaft und des Kuratoriums für Journalistenausbildung gibt, wirkt scheinbar bei niemanden der Anwesenden anstößig. Wir sind halt aller locker, freundlich und gut drauf.

Der Journalist von heute solle mehr auf die Ängste und Sorgen der Leser eingehen, meinte auch Christoph Fasel. Da die Welt so komplex geworden sei, sei die „Lotsenfunktion“ der Medien wichtiger geworden. Nutzwertberichte, wie praxisnahe Erklärungen zum komplizierten Sozialsystem zum Beispiel, brächten auch hohe Leserquoten.

Schade nur das heutzutage arbeitslose Sozialwissenschaftler praxisnahe Erklärungen des Sozialsystems anhand eigener Erfahrungen liefern können, da haben sie den etablierten Kollegen einiges voraus – werden sozusagen selber zur Nachricht.

Das Journalisten nicht nur Nachrichten bringen,  sondern dem Volk auch erzählen sollen, was man von diesen Nachrichten zu halten hat, das auch nicht alle Nachrichten für das Volk geeignet sind, erfährt man schon bei Pressekonferenzen, wenn an die „staatsbürgerliche Verantwortung“ der Medienvertreter appelliert wird … und den Rest der Freiheit entsorgt die Abhängigkeit von den Nachrichtenquellen … zum Beispiel sichert der gesicherte Zugang zum US-Botschafter inklusive der Möglichkeit der Exklusivberichterstattung aus seinem Hause die Festanstellung im eigenen Hause – und schon gehört man mit zu jenem überversorgtem Wohlstandsklientel, das seit neuestem seinen Ausländer- Schwulen- und Arbeitslosenhass ganz offen zeigen darf, weil man die Chance auf eine Mehrheit im Lande hat – zumindest auf eine Mehrheit in den Printmedien.

Das der so etablierte „Lotse“ dann nichts mehr mit einem klassischen Journalisten zu tun hat, sondern sich in einem Netzwerk von Abhängigkeiten bewegt (einem Netzwerk, das ihn trägt, befördert und ernährt) stört den klassischen Untertangeist nicht sonderlich, so wenig wie die Tatsachte, das es Monopole in der Journalistenausbildung gibt, die eine unheimliche Nähe zur amerikanischen Botschaft haben, so bietet das Kuratorium für Journalistenausbildung auch den Österreichischen Journalisten-Kolleg an, der das Monopol über den „Redakteur“ ausübt:

Wer sich in Österreich Redakteurin oder Redakteur nennen will, muss das Österreichische Journalisten-Kolleg oder eine vergleichbare Ausbildung besucht haben.

Ob man wohl der iranischen oder chinesischen Botschaft ähnlich nahe steht? Ist das jetzt die Definition von „Qualitätsjournalismus“? „Made in USA?“.

Es ist vielleicht nur ein kleines österreichisches Narrenspiel, aber der Feiztanz um den Bundespresseball in Deutschland läßt mich erahnen, das es hier nicht besser aussieht – als Bürger, der nur Informationen will und sich dann darüber –  bitte schön –  selber Gedanken machen möchte, verlange ich eigentlich von Journalisten und Redakteuren, das sie sich von diesem Ereignis fern halten. Tun sie dies nicht, suche ich mir zu den etablierten Medien Alternativen, die keine Rücksicht auf Tanz- oder Interviewpartner nehmen müssen. So heil ist die Welt im moment nicht, das man so leichtfertig derartige Kontakte tolerieren könnte.

Aus diesem Blickwinkel heraus verstehe ich auch, warum Julien Assange sich nicht mehr zum Thema „Journalismus“ äußern möchte … die Debatte ist schlichtweg unnütz und erbärmlich. Journalisten, die vom Geld, vom Wohlwollen oder von Netzwerken abhängig sind, sind ihr Geld nicht wert – und das wissen sie. Wir brauchen sie nur noch eine Weile, weil sie ein Monopol auf Kommunikation haben, ein Monopol, das durch das Internet und seine Möglichkeiten langsam beseitigt wird, was auch gut so ist.

Die Diskussion um Wikileaks zeigt, wie weit die Degeneration im Journalistenberuf schon fortgeschritten ist – möglicherweise sogar soweit, das diese Rolle an sich eine Gefahr für die Demokratie darstellt, weil sie (ähnliche wie die Kirchen) eine Ware anbieten, die sich nicht mehr besitzen: die Wahrheit.

Dafür erlauben sie sich einen kühnen frechen und ängstlichen Griff zur Macht … den Griff zur Lufthoheit über die Felder der Meinungsbildung aus Angst vor dem, was da kommt.

Im Übrigen traue ich  Bürgerpiloten und Bürgerchirugen mehr als Leuten, die den Job für Geld machen um ihre Spielschulden abzuzahlen.  Bei Bürgerpiloten gehe ich davon aus, das sie aus Leidenschaft das Fliegen gelernt haben, bei Bürgerchirugen sehe ich die Liebe zur medizinischen Praxis und zum Menschen im Vordergrund – und wenn ich bei Bürgerjournalisten die Liebe zur Wahrheit finde, dann bin ich als kleiner Eifelphilosoph gar nicht mehr zu halten.

Und insofern … sind für mich Julien Assange und Wikileaks Helden. Echte Helden – und echte Journalisten. Nicht die Tatsache, das da was veröffentlicht wurde, ist der Skandal, sondern was in den Veröffentlichungen enthalten war … auch wenn sich für Menschen, die schon länger jenseits der abhängigen Medien nach Informationen suchten, keine grundsätzlichen Änderungen im Weltbild ergeben dürfte.

In einer Welt, die so wäre wie die, die der staatstragende Journalismus uns tagtäglich verkaufen möchte, hätte es einen Irakkrieg nie geben dürfen.  Da es ihn aber gab, sehe ich schon, das gewissen Kreise so langsam die Notwendigkeit einer „Lotsenfunktion“ für das Volk sehen – denn für den Normalbürger kommen Angriffskrieger nur aus Schurkenstaaten. Das haben wir gelernt – wir waren selbst mal einer.

Da bedarf es schon besonderer Lotsen und geistiger Führer, denen wir völlig vertrauen müssen, da sie uns verkaufen wollen, das zwei und zwei irgendetwas so um fünf herum ist, aber näher an drei als an sieben.



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