Politik

Freie Menschen braucht das Land. Grundeinkommen als Frage der Ehre und der Möhren.

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Ich weiß nicht, ob sich noch wer daran erinnert, aber einst brauchte das Land neue Männer. Die hat es dann auch bekommen. Westerwelle, Mießfelder, Sarrazin … so heißen die heute. Irgendwo gibt es auch noch ein paar Schönlinge fürs Auge, aber das spielt hier keine Rolle. Eher eine Rolle sollte spielen, das das Land freie Menschen braucht. Ist eigentlich klar – oder sollte klar sein – das eine Demokratie auf Dauer nicht mit Sklaven funktioniert.

Freiheit heißt natürlich auch immer Selbstverantwortung, was ja seit Jahrzehnten DAS Schlagwort der Neoliberalen ist und natürlich schön mit den Forderungen der Linken nach Selbstbestimmung korrespondiert.

In der Praxis sieht das dann so aus, das die Selbstverantwortung der Neoliberalen immer dann eintritt, wenn für vorher gezahlte Beiträge eine Gegenleistung fällig wird. Wäre von der Konsumentenseite her ungefähr so, als würde man unbegrenzt Ware aus einem Geschäft mitnehmen, aber kneifen, wenn es ans bezahlen geht … oder eben nur einen Mindestsatz zahlen. Konsum IV, sozusagen, das Gegenstück zu Hartz IV. Ich mache den Einkaufswagen immer randvoll, zahle aber pro Wagen nur 10 Euro.  Ein gutes Geschäft. Der Bund der deutschen Unternehmer müßte dafür Verständnis haben – sie wollen ja auch immer mehr Arbeitskraft für immer weniger Geld.

Man kann nun Selbstbestimmung nicht völlig von Selbstverantwortung lösen, jedenfalls nicht, wenn man mit dem Denkansatz pragmatisch im Hier und Jetzt bleibt. Letzteres ist zwar oft ganz nützlich, aber nicht, wenn es um Prinzipien geht.

Essen … ist ein Naturrecht des Menschen. Essen wird von der Natur vorleistungslos geliefert. In Form von Ackerbau und Viehzucht können wir die Menge an Essen sogar noch weit steigern – hierzu brauchen wir aber freien Zugang zum Land … und da fängt es schon an.  Ich kann nicht von den Menschen Selbstverantwortung verlangen, ihnen aber die Grundlage dazu nehmen: das Land.

Wollen wir das Prinzip Selbstverantwortung (und Freiheit!), dann müssen auch alle Menschen die Möglichkeit haben, so zu leben. Dazu gehört der ungehinderte Zugang zu Ackerland, das Sammel- und Jagdrecht in den Wäldern sowie den Anspruch auf Ausbildung in diesen Überlebensbereichen.

Dazu gehört natürlich in Folge … alles im Namen des Prinzips der Selbstverantwortung …. der Rückbau von großflächig betonierten und asphaltierten Flächen: Autobahnen, Parkplätze, Flughäfen … all das können wir uns nicht leisten, weil Ackerland wertvoller ist als Autoabstellfläche.

Ganz schnell würde man merken, das das Leben unbequemer geworden ist – für alle. Jeder könnte zwar nun zurecht selbstverantwortlich (und selbstbestimmt) leben, aber mit einem Traktor könnte man die Ernte schneller und mit weniger Arbeit einfahren.

Dafür müßten wir aber: eine Fabrik bauen und Leute dorthinschicken, die in Zukunft abhängig von unserem Ackerbau sind.  Die bringen uns zwar viel Trecker, aber wissen nicht mehr, wie man Möhren zieht.

Kein Problem, wir sind faire gute Menschen – wir garantieren denen lebenslange monatliche Möhrenversorgung aus Ausgleich für die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die sie opfern, um unser aller Leben besser zu machen.

Die Geschichte war zwar nicht ganz exakt so … hätte sich aber auch so von unten entwickeln können – falls man den Arbeiter und Bauern nicht als Solchen für zu dämlich hält, sich so etwas auszudenken.

Die arbeitsteilige Gesellschaft entsteht … und hat einen Pferdefuß: niemand (oder nur wenige Halunken) hat noch die Fähigkeit, für sich selbst Sorgen zu können. Leichtfertig im Überschwang des Reichtumsbewußtsein wurde Ackerland aufgegeben und in Schloßparks verwandelt – was auch schön sein kann, wenn man immer bedenkt: ursprünglich brauchen Menschen diese Fläche auch zum Leben. Es ist ihr gottgebenes Recht, dort nach Möhren zu graben (oder sie anzubauen). Verzichten sie auf dieses Recht (zum Wohle aller), dann haben sie ein Recht auf einen Ausgleich dafür.

Und das ist der Grund, weshalb ein bedingungsloses Grundeinkommen eine Frage der Möhren ist … und eine Frage der Ehre.

Prostitution ist halt nicht jedermanns Ding. Sich für Geld anzubieten (und sei es auch nur die Arbeitskraft und – in der Dienstleistungsgesellschaft unverzichtbar: das Aussehen) ist nicht jedermanns Sache. „Lewer düd üs slaw“ war ein alter Wahlspruch meiner Familie – lieber tot als Sklave sein.  Es ist eine Frage der Ehre und des Respekts, auch solche (zutiefst bürgerlichen, adeligen und menschlichen) Werte und Lebensentwürfe zu respektieren.

Wenn wir aber nicht die Repbulik wieder in einen Agrarstaat umwandeln wollen, dann müssen wir wohl oder übel (was zufälligerweise ja auch schön mit der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte zusammenpaßt) eine lebenslängliche Möhrenversorgung für alle ins Auge fassen.

Für alle?

Nein, natürlich nicht. Wer durch Treckerbauen einer jener seltenden sozialversicherungspflichtigen Vollzeitarbeitsplätze innehat, braucht das nicht.

Wer zu den oberen dreißig Prozent gehört, die durch Tricks, Betrügereien und Schiebereien (oder – selten – auch mal eine clevere Geschäftsidee)  der Gemeinschaft Milliardenbeträge entzogen haben, braucht das auch nicht.  Die zwanzig Millionen Rentner bekommen schon ihr Grundeinkommen, Beamte ebenfalls.

Übrig bleiben …. vielleicht zehn Millionen Menschen? Denen 10000 Euro im Jahr gegeben (wovon 19% als Mehrwertsteuer schon wieder zurückfließen) hätten wir Unkosten von 100 Milliarden Euro. Peanuts. Dafür kann man noch nicht mal eine einzige  Pleitebank wie die HRE retten.

Wer den Schritt nicht gehen möchte – auch gut.

Dann verlangt die Ehre die Wiederherstellung des Naturzustandes – freier Zugang zum Möhrenanbau für alle. Wird dann zwar unbequemer, aber da müssen wir dann halt durch und  den Preis zahlen.

Gut, ein paar Sachen sind dann nicht mehr möglich, zum Beispiel das hier, wofür der SPIEGEL Reklame läuft:

Die Weltraumfähre ist fertig, nun fehlt noch der Flughafen. Am Freitag ist zumindest die Startbahn für das „SpaceShipTwo“ von Virgin Galactic eingeweiht worden. Ab 2012 sollen Touristen vom Spaceport in New Mexico ins All starten können – für mindestens 200.000 Dollar.

Auch solche Phänomene, von denen die Welt berichtet, gehören dann der Vergangenheit an:

Die Ärzte verdienen gut wie lange nicht mehr – und sind dennoch unzufrieden. Von der Politik wollen sie einen erneuten Nachschlag.

Wer Möhren will, muß anbauen – gleiches Recht für alle, gleiche Pflicht für alle.  Allein für die Vergütung der Ärzte bezahlen wir 30 Milliarden Euro im Jahr, pro Arzt sollen 100000 Euro ´rauskommen. Man sieht: Grundeinkommen wäre machbar, zumal die Kosten für unsere Lebensweise laut Fokus kaum noch beherrschbar sind:

Wie belastet sind wir durch persönlichen und gesellschaftlichen Stress? Welche Rolle spielen Leistungsanforderungen, Informationsflut, seelische Verletzungen, berufliche und persönliche Überforderungen oder auch andauernde Konsumverführungen?

19 Professoren und Klinikmanager aus dem Bereich Psychologie und Psychosomatik haben die Seelenlage der Nation analysiert und kommen zu einem erschreckenden Ergebnis: Mittlerweile leiden rund 30 Prozent der Bevölkerung innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten treten Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Suchterkrankungen auf. Allein die Kosten solcher Seelenkrisen explodierten in Deutschland 2008 auf 29 Milliarden Euro in den vergangenen Jahren. Dies betrifft laut den Experten alle entwickelten Industrieländer in ähnlicher Weise.

Arbeitslosigkeit macht Krank. Angst macht krank. Die Angst vor Arbeitslosigkeit macht erst recht krank. Dann doch lieber ein kerngesundes Grundeinkommen, das den Menschen die Freiheit gibt, sich selbstbestimmt für ein bescheidenes Leben ohne Weltraumtourismus zu entscheiden….bevor so etwas (gefunden bei yahoo) auch bei uns Alltag wird:

Eine Todesschwadron hat in der berüchtigten mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez 14 Partygäste erschossen und 19 weitere verletzt. Die schwer bewaffneten Täter fuhren nach Angaben der Polizei in der Nacht zum Samstag in mehreren Geländewagen am Ort der Feier vor und feuerten auf die jungen Leute. Es war bereits das dritte Blutbad dieser Art in diesem Jahr in der an die USA grenzenden Stadt Ciudad Juárez.

Es wäre auch eine Frage der Ehre, all jenen Ländern, die sich noch (oder wieder) in einem Stadium der Gewalt befinden, zu zeigen, wie freie Menschen friedlich und glücklich zusammenleben können. Wie Banditen und Piraten Sklaven ausbeuten können, haben wir als Raubkultur zur Genüge bewiesen.

Wir können aber mehr – gerade jetzt. Und die Welt könnte so ein Beispiel brauchen. Wir hätten das Geld und die Macht und das Potential dazu – und als Erben von Dieben, Räubern und Piraten auch die Pflicht dazu.

Was haben wir stattdessen? Im Prinzip (aber nicht – noch nicht – praktisch) Todesstrafe für Arbeitslose, die sich einen letzten Rest Ehre und Würde bewahren wollen.

Nennt sich nur nicht so, heißt vornehm: Regelleistungskürzung.

Ist aber im Prinzip nichts weiter als die Todesstrafe für Menschen, die sich nicht verkaufen wollen … oder es auch einfach nicht können.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ – so die SPD. Wer nichts zu essen bekommt, verhungert … aber diese Möhrenweisheit ist in den dekadenteren Sphären der Republik nicht mehr bekannt.

Unfreie Menschen eignen sich aber ganz schlecht für eine Demokratie. Wenn´s ganz schlimm kommt, dann gehen die noch nicht mal wählen, ob sie nun Hartz IV lieber vom rotgrünen oder vom schwarzen Kellner serviert bekommen möchten.



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